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Full text of "Lehre vom modernen Stat"

LEHRE 

VOM 

MODERNEN STAT. 

BEARBEITET VON 

J. C. BLUNTSCHLI. 



DRITTER THE IL. 

POLITIK. 



STUTTGART, 

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 
1876. 



POLITIK 



ALS WISSENSCHAFT 



VON 



J. C. BLUNTSCHLI 




STUTTGART. 



Verlag der J. 6. Cotta'sehen Buchhandlung. 
1876. 



Buchdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart. 



V orwo r t 



Nicht ohne Sorge übergebe ich dieses Buch der 
Oeffentlichkeit. Ich betrachte dasselbe als die reifste 
Frucht meines langen der politischen Wissenschaft 
und Praxis gewidmeten Lebens. Einzelnes darin ist 
schon in dem deutschen Statswörterbuch und ander- 
wärts bekannt gemacht worden. Aber auch dieser 
Bestandtheil wird in der Verbindung mit dem übrigen 
nun zuerst gedruckten Inhalt ein neues Licht er- 
halten. Das Ganze enthält mehr von meinem "Wesen 
und von meinen eigensten Gedanken und ist daher 
originaler als die beiden andern schon lange be- 
kannten Theile der modernen Statslehre. 

Wohl wird auch dieses Werk, so sehr ich mich 
bemüht habe, möglichst klar zu schreiben, manchen 
Miszverständnissen ausgesetzt und vor Miszdeutungen 
nicht gesichert sein. Ich bin ebenso darauf gefaszt, 
dasz dasselbe an einzelnen Stellen dem Widerspruch 
auch mancher Freunde begegnen werde. Dennoch 
hoffe ich, das Buch werde auf unbefangene Leser 



VI 



Vorwort. 



den Eindruck machen eines harmonischen männlichen 
Charakters und eines die Wahrheit liebenden und 
bekennenden Geistes und nehme zuversichtlich an, 
dasselbe werde zu der politischen Bildung, zunächst 
der deutschen Nation, einen nützlichen Beitrag leisten. 

Die wissenschaftliche Welt hat meine früheren 
Arbeiten über den Stat mit wachsender Gunst auf- 
genommen. Die Uebersetzungen in mehrere euro- 
päische Sprachen und sogar in eine ost-asiatische 
Sprache haben dieselben weiteren und fremden Kreisen 
zugänglich gemacht. Alternde Eltern lieben ihre 
jüngsten Kinder und die Groszeltern die Enkelkinder 
oft am zärtlichsten. Möge mir es nicht verargt wer- 
den , wenn ich dieses jüngste Erzeugnisz meiner schrift- 
stellerischen Thätigkeit zu freundlicher Aufnahme 
empfehle. 

Heidelberg, den 3. August 1876. 



Bluntschli. 



Inhalt. 



Erstes Buch. 
Natur und Charakter der Politik. 

Seite 

Cap. I. Politik als Statskunst und als Statswissenschaft ... 1 

Cap. II. Verhältnisz der Politik zur Moral 6 

Cap. III. Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung .... 23 

Cap. IV. Ideale und reale Politik 32 

Zweites Buch. 

Moderne politische Ideen. 

Cap. I. Freiheit 37 

Cap. II. Gleichheit 52 

Cap. III. Civilisation 59 

Cap. IV. Nationalität und Humanität (Internationalität) .... 70 

Cap. V. Selfgovernment und Selbstverwaltung 78 

Drittes Buch. 
Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

Cap. I. Der Gegensatz von Rasse und Individuuni 93 

Cap. II. Erhaltung, Mischung, Umbildung der Volksrasse . . . 123 

Cap. III. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes 127 

Cap. IV. Grösze, Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung . 145 

Cap. V. Die europäische Völkerfamilie .• 159 

Cap. VI. Die europäischen D}-nastien 169 



VIII 



Inhalt. 



Viertes Buch. 
Die Statsmittel. 

Seite 

Cap. I. Macht, Regierungsmacht, Volksmacht 173 

Cap. II. I. Regierungsmacht. A. Geistige Mittel. Statsautorität 

und Culturmittel 177 

Cap. III. B. Physische Mittel. Vermögen und Gewalt .... 183 

Cap. IV. II. Volksmacht. A. Oeffentliche Meinung 186 

Cap. V. B. Die Presse 191 

Cap. VI. C. Vereine, Volksversammlungen, Agitation . . . . 198 

Cap. VII. D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution 203 

Fünftes Buch. 

Verhältnis/ des modernen Stats zu dem Geistesleben, 
Religion, Wissenschaft and Kunst. 

Cap. I. Religion und Politik. Interconfessioneller Charakter des 

modernen Stats 213 

Cap. II. Was heiszt christlicher Stat? 221 

Cap. III. Christliche Religion und moderner Stat 230 

Cap. IV. Die Religion der Massen 247 

Cap. V. Verhältnisz zu den Priestern und Geistlichen .... 255 

Cap. VI. Die Wissenschaft und ihre Vertreter 263 

Cap. VII. Sorge des States für die schöne Litteratur, das Theater 

und die bildenden Künste 272 

Sechstes Buch. 

Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 

Cap. I. Das Ideal der vollkommenen Statsverfassung .... 278 

Cap. II. Demokratische und aristokratische Ideen 281 

Cap. III. Republikanische und monarchische Ideen 295 

Cap. IV. Wandlung und Aenderung der Statsformen 304 

Cap. V. Politisches Verhalten bei Stats Wandlungen 312 

Siebentes Buch. 

B. Die Wirkungen und Aufgaben der repräsentativen 
Monarchie. 



Cap. I. Woran ist die absolute Monarchie in Europa gescheitert? 318 
Cap. II. Der politische Charakter der englischen Verfassung . . 323 



Inhalt. IX 

Seite 

Cap. III. Weszhalb ist die constitutionelle Monarchie in Frankreich 

verunglückt? 33 t 

*Cap. IV. Inwiefern ist die parlementarische Verfassung Englands 
ein Vorbild für Deutschland und inwiefern ist sie 
nicht übertragbar? 336 

Cap. V. Worauf beruht die Macht und das Wachsthum des preuszi- 

schen Stats? ........ 342 

Cap. VI. Das Ideal des deutschen Stats 352 

Cap. VII. Wirkungen der repräsentativen Monarchie 358 



Achtes Buch. 

C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen 
Republik. 

Cap. I. Der politische Charakter der nordamerikanischen Republik 364 



Cap. II. Französische und schweizerische Nachbildung .... 371 

Cap. III. Wirkungen und Gefahren der demokratischen Republik 379 

Cap. IV. Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit 383 

Neuntes Buch. 

D. Wirkungen und Aufgaben der zusammengesetzten 

Staten. 

Cap. I. Der Statenbund und die Conföderation 392 

Cap. II. Bundesstat und Bundesreich 398 

Cap. III. Gleichartige Nebenländer. Colonien 405 

,Cap. IV. Ungleichartige Nebenländer 412 



Zehntes Buch. 
Volksvertretung und Gesetzgebung. 

Cap. I. Das allgemeine Stimmrecht und seine Wirkungen. Der 
Vorschlag einer statlichen Confirmation und der 



Bürgerweihe 420 

Cap. II. Der Vorschlag des Frauenstimmrechts 429 

Cap. III. Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände und Classen 437 
Cap. IV. Gesetzbücher und Specialgesetze. Sprache der Gesetze. 

Gesetzesentwurf 456 

Bluntschli, die Politik. * 



X 



Inhal I. 

Eilftes Buch. 



Seite 



Verwaltung. 



Cap. 


T 

J. 




465 


Cap. 


II. 


btats- und Privatverwaltung, uesellschaitliehe Verwaltung 


470 


( ! ap . 


III. 




"3 Ol 


Cap. 


IV. 


Die Bedeutung der Berufsämter im moderne« Stat 


A Oft 






Zwölftes Buch. 








Die i) o 1 i t i s c Ii o u V ;i r 1 e i c n 




Cap. 


I. 


Was heiszt politische Partei? Parteinahme der Beamten. 










497 


Cap. 


II. 




507 


Cap. 


III. 


Die ultramontane Partei 


520 


Cap. 


IV. 


Die Parteienlehre Stahls 


543 


Cap. 


V. 


Die Rohmersche Parteienlehre 


565 


Cap. 


VI. 




580 


Cap. 


VII. 




597 


Cap. VIII. 




609 


Cap. 


IX. 




619 


Cap. 


X. 


Das psychologische Princip in der Politik überhaupt . 


631 



Erstes Buch. 

Natur und Charakter der Politik. 

Erstes Capitel. 
Politik als Statskunst und als Statswissenscliaft. 

Wir nennen das bewuszte statliche Leben, die Leitung 
des Stats und die Einwirkung auf die Statsangelegenheiten, 
d. h. die bewuszte Statspraxis Politik. Männer, welche 
durch ihr Amt oder ihren Beruf einen hervorragenden Antheil 
an dieser Statspraxis nehmen, z. B. Regierungsbeamte, Ab- 
geordnete, Journalisten, heiszen wir politische Männer. 
Den Ehrennamen Statsmänner geben wir nur den seltenen 
Männern, die sich hinwieder unter den Politikern als Führer 
und Leiter auszeichnen. 

Wir nennen die Wissenschaft dieser Statspraxis eben- 
falls Politik. Die Vertreter der Politik als Statswissenscliaft 
heiszen wir Statsgelehrte und Statsweise. 

Die Politik als Statspraxis und die Politik als Statslehre 
stehen in einer natürlichen Wechselwirkung zu einander. 
Anfänglich und auf den untern Entwicklungsstufen der Völker 
geht durchweg jene dieser vorher und folgt diese jener erst 
spät und schüchtern nach. In demselben Grade aber, in 
welchem der politische Geist in weiteren Kreisen der Nation 

Bluntschli, die Politik. 1 



2 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



erwacht und seiner selbst bewuszt geworden ist, steigt aucli 
die Bedeutung der Politik als Statswissenschaft ; sie fängt an 
Schritt zu halten mit den Fortschritten der Statspraxis. Zu- 1 
weilen überholt sie ihre mächtigere Gefährtin und bestimmt, 
indem sie neue noch unbetretene Bahnen mit ihrer Fackel 
beleuchtet, die Richtung und die Bewegung derselben. 

Aristoteles kam erst, nachdem das grosze Leben der 
hellenischen Republiken vollendet war, aber er ging als Lehrer 
dem groszen Alexander voraus. 

Cicero schrieb seine wissenschaftlich-politischen Werke 
am Schlusz der römischen Republik, aber vor Cäsar und 
Augustus. 

Machiavelli hatte das Vorbild der italienischen Fürsten 
der Renaissancezeit vor Augen und schrieb nach dem König 
Ludwig XI. von Frankreich, aber er wurde der Lehrer Lud- 
wigs XIV. und Napoleons III. 

Rousseau war der Prophet der französischen Revolution. 

Friedrich der Grosze von Preuszen und der Nordame- 
rikaner Hamilton waren gleichzeitig Begründer einer neuen 
Statslehre und einer neuen Statspraxis. 

Montesquieu erschien nach der englischen Revolution 
und nach der Ausbildung der constitutionellen Monarchie in 
England, die er dem europäischen Continent empfahl und 
wurde zum Lehrer der Nordamerikaner und der französischen 
Restauration. 

Die beiden Dinge, die wir mit dem Einen Worte Politik 
bezeichnen, sind grundverschieden: 

1) Die Politik als Statskunst hat bestimmte äuszere 
Ziele, je nach dem Bedürfnisz des Moments anzustreben. 
Sie will einen äuszern Erfolg erreichen; sie will z. B. ein 
neues Werk schaffen, bessere Einrichtungen für das Volk oder 
die Gesellschaft herstellen, einen Feind überwinden, die Macht 
des States sichern oder ausbreiten u. s. f. Eben in der That 
offenbart sich die Statspraxis und der Erfolg ist das Ziel und 



Erstes Capitel. Politik als Statskunst und als Statswissenschaft. 3 



die Probe der Statskunst, Eine erfolgreiche Politik ist der 
Ruhm des Statsmanns, eine erfolglose Politik ist das Zeichen 
einer mangelhaften und häufig einer schlechten und unfähigen 
Politik. 

Die Politik als Statswissenschaft dagegen strebt kein 
äuszeres Ziel an, und wird nicht nach dem äuszeren Erfolge 
gemessen. Sie hat kein anderes Ziel als die Erkenntnis z 
der Wahrheit. Ihre Ehre ist die Zerstörung eines Irr- 
thums, die Entdeckung eines dauernden und fruchtbaren Ge- 
setzes , die klare Darstellung einer richtigen und zweckmäszi- 
gen Lebensregel. 

2) Wie die Ziele verschieden sind, so sind auch die 
Mittel verschieden. Es genügt für den Statsmann nicht, 
dasz er richtig denke. Er will seine Gedanken in Thaten 
verwirklichen und dazu bedarf er der Macht. Er musz die 
Hindernisse überwinden oder umgehen, die ihm entgegen 
stehen und bedarf der thatsächlichen Bearbeitung des spröden 
Stoffes, den er zu formen hat. Er musz die Statsautorität 
anstrengen, welche Folge nötigenfalls erzwingt oder die 
öffentliche Meinung zur Unterstützung herbeirufen. Je nach 
Umständen musz er Geld, oder gar Truppen zu seiner Ver- 
fügung haben. 

Die Politik als Wissenschaft dagegen kann aller dieser 
äuszern Machtmittel entbehren. Sie vertraut nicht der Ge- 
walt, sondern der Logik. Wenn sie sorgfältig beobachtet und 
richtig denkt, so ist sie ihres Fortschrittes sicher und bedarf 
weder der Gesetzesautorität, noch des Beifalls der Menge. 
Mit allen Schätzen des Landes kann man eben so wenig einen 
Irrthum zur Wahrheit erheben als mit der ganzen gewaltigen 
Heeresmacht des States eine Wahrheit zum Irrthum verkehren. 

3) Die Politik als Statspraxis vollzieht sich nicht ohne 
äuszeren Kampf. Der Statsmann musz auch die feind- 
lichen und die freundlichen Leidenschaften in Rechnung 
ziehen. Er wird sehr oft genöthigt, Partei zu ergreifen. 



4 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Er kann den Aufregungen nicht entgehen , welche der Kampf 
mit oft erbitterten Gegnern mit sich bringt. Er musz seinen 
Muth in der Gefahr, seine Geistesgegenwart in der Schlacht, 
seine Willensstärke im Handeln bewähren. Ohne männlichen 
Charakter kein echter Statsmann. 

Der Statsgelehrte dagegen prüft in aller Ruhe den Ge- 
genstand seiner Untersuchung; er kann denselben von ver- 
schiedenen Standpunkten aus betrachten, in voller Unbe- 
fangenheit und Unparteilichkeit, ungestört von dem Kriegs- 
lärm der Gegner. Er genieszt die friedliche Seelenruhe, 
welche dem wissenschaftlichen Denken beschieden ist, und 
zieht seine Schlüsse ohne Leidenschaft. 

4) Sogar die Art des Denkens ist verschieden. Der 
Statsmann wird durch das Bedürfnisz des besondern Falles 
angeregt und wenn er die Principien erwägt, so thut er 
das unter der Voraussetzung ihrer Brauchbarkeit und ihrer 
Anwendbarkeit für den Fall. Er ist sehr oft, wenn er sein 
Ziel erreichen will, genöthigt, die geraden Linien des Prin- 
cips umzubiegen und auf Kosten der principiellen Schärfe 
Compromisse zu machen auch mit entgegen wirkenden Grund- 
sätzen oder Parteirichtungen. Das Ergebnisz seiner Gedanken 
wird durch den anzustrebenden Erfolg bedingt. 

Der Statsweise, der nur für die Erkenntnisz arbeitet, 
sucht die reine Gestalt der Principien auszubilden und kann 
ungehindert folgerichtig vorgehen. Er wird zu keinen Com- 
promissen genöthigt. 

Die Psychologie des Statsmanns ist hauptsächlich Scharf- 
blick in der Beurtheilung und Benutzung der wirklichen 
Menschen, die des Statsweisen ist voraus Einsicht in die 
allgemeinen Gesetze der Menschennatur. 

Ziemlich selten sind die Männer, welche zugleich als 
Statsmänner und als Statsweise berühmt sind. Die beiden 
gröszten Statsphilosophen des hellenischen Alterthums, Ari- 
stoteles und Piaton, waren für die Statspraxis nur wenig 



Erstes Capitel. Politik als Statskunst und als Statswissenschaft. 



5 



befähigt. Es gibt viele bedeutende Diplomaten, Generale und 
Minister, die als Statsmänner sich ausgezeichnet haben, aber 
für die Statswissenschaft nichts geleistet haben. Indessen 
waren die gröszten Statsmänner der Geschichte, wenn auch 
nicht Statsgelehrte, doch zugleich statswissenschaftliche Denker 
hohen Kanges , wie z. B. Perikles und Alexander der Grosze, 
Julius Cäsar, Kaiser Karl der Grosze, König Friedrich der 
Grosze, Washington, Hamilton, Napoleon I. 

In unserer Zeit wird jeder practische Politiker genöthigt, 
über die Ideen, welche gegenwärtig die Völker erleuchten 
und bewegen, tiefer nachzudenken und über die Principien, 
welche sein Handeln bestimmen , grundsätzliche Rechenschaft 
abzulegen. Er kann sich daher in seinem practischen Beruf 
der wissenschaftlichen Arbeit nicht entziehen. Hinwieder musz 
die Statswissenschaft, um anwendbar im Leben zu sein, auch 
die Bedingungen des wirklichen Statslebens verstehen und 
die Interessen desselben richtig würdigen. So reichen sich 
Statspraxis und Statswissenschaft die Hände, und jede von 
beiden ist auf die Unterstützung je der anderen angewiesen. 

Wohl gibt es eine natürliche Anlage zum Politiker, die 
möglicherweise durch die Praxis allein, ohne wissenschaftliche 
Beihülfe ausgebildet werden kann, wie es auch zu allen Zeiten 
einzelne Kriegsführer gegeben hat, welche keine Kriegsschule 
besucht hatten und im Kriege ihr Talent entwickelt haben. 
Aber bei gleichen Naturgaben und unter gleichen Umständen 
im Uebrigen wird doch der wissenschaftlich gebildete Poli- 
tiker dem rohen Practiker weit überlegen sein. In unsrer 
Zeit ist die Verbindung von Statspraxis und Statswissen- 
schaft für den Politiker geradezu unentbehrlich geworden und 
für den Statsgelehrten , wenn nicht nöthig, doch förderlich. 
Die Statswissenschaft erleuchtet nicht blos die Statspraxis, 
sie reinigt und veredelt dieselbe. 1 Aber die Statspraxis 

1 Vgl. de Parieu Principes de la science politique. Paris 1870, pag. IX. 



6 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



schärft auch den Blick des Statsphilosophen und schützt ihn vor 
dem kindlichen Spiel mit den Einbildungen der leeren Speculation. 

Die verschiedenen Wissenschaften haben auch jede ihre 
eigene Methode der Wahrheitserforschung, und nehmen oft 
verschiedene Seelenkräfte vorzugsweise in Anspruch. Das 
naturwissenschaftliche Denken beruht vornehmlich auf 
der genauen Beobachtung sinnlich wahrnehmbarer Thatsachen 
und pflegt aus den sichtbaren Wirkungen auf die unsichtbare 
Ursache zu schlieszen. Seine Methode ist die Induction und 
seine Beweise sind meistens der Analogie entnommen. 

Der speculative Philosoph verneint die sinnlich- 
wahrnehmbare Erscheinung und versucht es von dem Selbst- 
bewusztsein des menschlichen Geistes aus die unendliche 
Idee, das Absolute, zu erschauen. Von da aus zieht er dann auf 
dem Wege der logischen Deduction seine Schluszfolgerungen. 

Das juristische Denken ist zumeist Unterordnung einer 
concreten Thatsache unter ein allgemeines Rechtsgesetz. Seine 
Methode ist zuerst die urtheilende Subsumtion und dann die 
Schluszfolgerung aus dem Gesetz auf das als nothwendig be- 
griffene Erkenntnisz (Restitution oder Strafe). 

Das politis che Denken ist vorzugsweise auf organische 
Unterscheidung, Schätzung der Kräfte, Berechnung der Mittel, 
psychologische Beobachtung und Einwirkung auf die Men- 
schen und Erkenntnisz der naturgemäszen Entwicklung und 
Vervollkommnung der menschlichen Verhältnisse gerichtet. 



Zweites Capitel. 

Verhältiiisz der Politik zur Moral. 

Machiavelli hat zuerst die Politik von der Moral ab- 
getrennt und die politische Praxis für unabhängig erklärt von 
moralischen Vorschriften. Die Zweckmäszigkeit der Mittel 



Zweites Capitel. Yerhältnisz der Politik zur Moral. 



7 



für den statlichen Zweck gilt ihm als der einzig zulässige 
Maszstab der Politik. Ob der Statsmann tugendhaft oder 
lasterhaft handle, ist ihm gleichgültig, und nur das von jenem 
zu verlangen, dasz seine Handlung 'dem State nützlich sei. 
Wenn ein Verbrechen dem State nützt, so empfiehlt er das 
Verbrechen; wenn der Edelmuth dem State schädlich ist, so 
verwirft er denselben. Er bemerkt ausdrücklich, dasz oft der 
Schein der Tugend für den Fürsten nützlicher sei als die wirk- 
liche Tugend, und dann gibt er jenem den Vorzug vor dieser. 

Seither nennt man Machiavellismus in der Politik 
eben diese unsittliche und gewissenlose, aber kluge und für 
den Stat oder auch nur das Statshaupt nützliche Politik. 

Friedrich der Grosze hat als junger Prinz seiner Ent- 
rüstung über diese Lehre in dem Antimachiavel einen be- 
redten Ausdruck gegeben. Als König hat auch er wohl un- 
terschieden zwischen Politik und Moral und die Eücksicht 
auf das Statswohl zum höchsten Gesetz des politischen Han- 
delns gemacht, Aber er war dennoch von der Ueberzeugung 
durchdrungen, dasz die Politik in innerem, unauflöslichem 
Zusammenhang sei mit der sittlichen Weltordnung und dasz 
es höchst verderblich sei, jene von dieser loszureiszen. 

Wir erkennen in der wissenschaftlichen Unterscheidung 
der Politik und der Moral einen groszen und dauernden Fort- 
schritt, der erst eine selbständige Wissenschaft der Politik 
möglich macht. Politisch denken heiszt vom Stat aus denken, 
moralisch urtheilen bedeutet von der sittlichen Weltordnung 
aus nach der Kategorie: „gut und bös" die menschlichen 
Handlungen betrachten. 

Aber Machiavelli, dem das Verdienst dieser Unterschei- 
dung nicht bestritten werden soll, hat durch rücksichtslose 
Ueberspannung des Unterschieds bis zu völliger Scheidung 
von Politik und Moral auch die Macht des Guten unter den 
Menschen geschwächt, die Herrschsucht der Fürsten heftig 
gestachelt und die politische Praxis gründlich verdorben. 



8 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Wir halten daher an der relativen Selbständigkeit der 
politischen Wissenschaft fest, aber wir erkennen zugleich an, 
dasz die politische Praxis sich nicht in Widerspruch setzen 
darf mit den Gesetzen der sittlichen Weltordnung. 

Wir reden hier nicht von dem Moralgesetz, welches durch 
eine religiöse Offenbarung der Welt als Gebot Gottes ver- 
kündet wird. Dieses Moralgesetz ist Religion und wirkt ledig; 
lieh auf die Gläubigen. Wir denken vielmehr an das sittliche 
Gesetz, welches aus der menschlichen Natur abgeleitet 
und von der menschlichen Vernunft erkannt wird, als 
innerlich begründete Gesammtordnung alles Menschenlebens. 

Es ist undenkbar, dasz die Politik als die Regel des 
äuszern menschlichen Gemeinlebens im State von dem Sitten- 
gesetz in diesem Sinne als der Regel des guten Menschen- 
lebens überhaupt absolut zu trennen und völlig unabhängig sei. 
Es ist ebenso undenkbar, wie es unmöglich ist, in der Statswirth- 
schaft die Gesetze der Physik und Mathematik zu ignoriren. 

Da ferner die Politik die Wohlfahrt des Volkes und der 
Gesellschaft zu fördern hat, und die Vervollkommnung der 
Gemeinschaft anstrebt, so ist auch die Bestimmung dieser 
Aufgaben nicht mit Sicherheit vorzunehmen, wenn nicht zu- 
gleich auf die sittlichen Aufgaben des Menschenlebens über- 
haupt und auf die Bestimmung des Menschengeschlechts ge- 
achtet wird, welche von der Moral aufgezeigt werden. 

Nicht die völlige Trennung also der Politik von der 
Moral und noch weniger der feindselige Gegensatz jenes gegen 
diese, sondern die Bewahrung des. innern Zusammenhangs 
zwischen beiden ist richtig. 

Sowohl bei der Bestimmung der politischen Ziele als bei 
der Wahl der politischen Mittel dürfen die moralischen Rück- 
sichten nicht miszachtet werden. 

I. Ziele. 

Die Ziele der Politik können wohl sittlich -indiffe- 
rent sein, aber sie dürfen nicht unsittlich sein. 



Zweites Capitel. Verhältnisz der Politik zur Moral. 



9 



Es werden viele politische Reformen aus juristisch-tech- 
nischen oder aus militärischen oder wirthschaftlichen Motiven 
vollzogen ; die statlichen Denkmäler verdanken der künstleri- 
schen Begeisterung für das Schöne ihre Gestalt. Wenn ein 
neues Proceszverfahren eingeführt oder das Heer organisirt 
und exercirt wird, wenn ein Zollsystem gewählt oder ein 
Baustyl angewendet wird, so haben an allen derartigen Ent- 
schlieszungen die moralischen Rücksichten keinen oder doch 
nur einen ganz untergeordneten Antheil. 

Aber da die Statsmänner Menschen sind, so dürfen sie 
sich auch nicht lossagen von den allgemeinen Pflichten der 
Menschen und nicht in ihrem statlichen Berufe der sittlichen 
Bestimmung der Menschheit entgegen handeln, d. h. sie dürfen 
nicht ein von der Moral verworfenes statliches Ziel anstreben. 

Diese Wahrheit war den Völkern des Alterthums keines- 
wegs verborgen. Sie wird in den heiligen Büchern der Indier, 
der Juden, der Chinesen mit Nachdruck verkündet und durch 
die religiöse Ehrfurcht vor der Autorität Gottes und der 
Götter befestigt. Trotzdem aber war die antike Praxis in 
dieser Hinsicht äuszerst lax. Die Herrschsucht der Völker 
und die Selbstsucht der Machthaber lieszen sich meistens be- 
quem gehen. Die Ausbreitung der Macht und die Ausbeu- 
tung der Unterthanen wurden nur selten durch moralische 
Rücksichten ermäszigt und beschränkt. 

Auch an die Politik der letzten Jahrhunderte wurde nur 
selten der sittliche Maszstab angelegt. Das Sittengesetz un- 
tersagt dem Menschen , seinesgleichen als bloszen Gegenstand 
des Genusses und der Herrschaft auszubeuten und nöthigt 
Jeden, in dem Nebenmenschen ein vernunftbegabtes Wesen 
derselben Gattung zu ehren. Wie unendlich oft ist diesem 
Moralgesetz entgegen die Willkürherrschaft der Herrscher und 
ihrer Günstlinge maszlos ausgedehnt und ungebührlich be- 
nutzt worden, um den bösen Neigungen, die auch in der 
Menschenbrust treiben, Genüsse zu verschaffen. 



10 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Aber allmählich bildet sich die öffentliche Meinung doch 
zum öffentlichen Gewissen aus, und fängt an, ihre 
Mahnungen und ihre Warnungen deutlicher zu äuszern und 
ihren Tadel oder ihr Lob vernehmlicher auszusprechen, je 
nachdem sie einen Widerspruch oder die Harmonie wahr- 
nimmt zwischen den politischen Zielen und den moralischen 
Lebensaufgaben. 

Die Befreiung einer unterdrückten Nation aus fremder 
Knechtschaft, die Sicherung des Friedens, die Ausbreitung 
und Erhöhung der Civilisation, die Erziehung der Bürger zur 
Freiheit, die Veredlung der Cultur, die Förderung humaner 
Anstalten und dergleichen sind zugleich politische und mora- 
lische Lebensaufgaben und werden als solche geehrt. 

Aber auch die Sophisten finden hier einen bequemen 
Spielplatz. Nur zu leicht glückt es ihnen, der selbstsüchtigen 
Leidenschaft den schönen Mantel sittlichen Strebens umzu- 
hängen, indem sie die Willkürherrschaft Ordnung, die Erobe- 
rung als Ausbreitung der Civilisation, die Empörung wider 
die Statsautorität als Freiheit ausgeben. 

II. Mittel. 

Sehr viel schwieriger ist es, das Verhältnisz der sittlichen 
Anforderungen zu den Mitteln der Politik zu bestimmen. 

Die Moralisten sind geneigt, dieselbe Regel, welche 
wir für die politischen Ziele anerkannt haben, auch auf die 
politischen Mittel anzuwenden. Sie gestatten, dasz sittlich- 
indifferente Mittel in der Praxis verwendet werden, aber sie 
geben nicht zu, dasz sittlich unreine Mittel jemals gebraucht 
werden. Das sittliche Gefühl und die logische Consequenz 
scheinen diese Forderung für unabweisbar zu erklären. 

Dennoch zeigt uns jeder Blick in die Geschichte oder 
in das practische Leben der Gegenwart, dasz die strenge 
Durchführung jener Regel auf grosze Schwierigkeiten stöszt 
und thatsächlich nicht möglich ist. Wir können uns der 
Wahrnehmung nicht verschlieszen , dasz es für den Stat besser 



Zweites Capitel. Verhältnisz der Politik zur Moral. 



11 



ist, wenn er durch einen energischen, aber herrschsüchtigen 
Mann aus groszer Gefahr gerettet, als durch einen ängst- 
lichen, persönlich tugendhaften Regenten geschwächt wird 
und für die Volkswohlfahrt zuträglicher, wenn die angeregte 
Eitelkeit gemeinnützige Werke schaffen hilft, als wenn die 
fromme Demuth nichts thut. 

Manche Politiker haben daher die Anwendbarkeit 
jener Regel auf die politischen Mittel überhaupt geläugnet 
und behauptet, der jesuitische Satz: „der Zweck heiligt 
die Mittel" sei wohl für die Privatmoral verwerflich, aber 
als politische Maxime nicht zu entbehren. 

Wie ungeheuer gefährlich aber diese Meinung für die 
gesammten sittlichen Zustände sei, wird jeder näheren Prü- 
fung sofort klar. Wenn der Stat die Immoralität der politi- 
schen Mittel durch die Moralität der Ziele beschönigt, was 
hindert denn die Privaten, das Vorbild des States nachzu- 
ahmen? Es ist ja ohnehin die Neigung der Menschen, wenn 
sie irgend eine Missethat verüben, vor sich selber und vor 
Andern die böse That damit zu entschuldigen, dasz dieselbe 
ein Mittel sei für einen guten Zweck. Würde so die jesui- 
tische Maxime allgemein, so wäre damit die Autorität des 
Sittengesetzes völlig gelähmt und die wilde Jagd aller sünd- 
haften Begierden würde durch die schlaue Hinweisung auf 
löbliche Ziele nicht beschränkt, sondern entfesselt und ge- 
hetzt. Die Harmonie der sittlichen Weltordnung würde ge- 
brochen , wenn der offene Zwiespalt zwischen sittlichen Zielen 
und unsittlichen Mitteln anerkannt, wenn das Sittengesetz 
nur eine Autorität behielte für die Ziele, aber völlig ohn- 
mächtig wäre bei der Wahl der Mittel. 

Es ist nicht leicht, aus diesem Labyrinth den Ausweg 
zu finden. Die rücksichtslose Forderung der Moralisten er- 
scheint unausführbar, die Meinung der politischen Sophisten 
aber verderblich für die sittliche Ordnung. 

Wir werden uns nur zurecht finden, indem wir einer- 



12 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



seits die Natur des States schärfer prüfen nnd andrerseits 
auch das Verhältnisz des Bösen zu der sittlichen Weltord- 
nung tiefer ergründen. 

1) Der Stat ist als eine menschenartige, aus der Eini- 
gung von Menschen zusammengesetzte Person nicht blosz ein 
Rechtswesen, er ist auch ein sittliches Wesen. Da das 
Sittengesetz die ganze Menschheit umfaszt und für alle Per- 
sonen gilt, so kann auch der Stat die sittlichen Pflichten 
gegen die Menschheit, gegen andere Völker und gegen seine 
Angehörigen und Schutzbefohlenen nicht von sich weisen, 
sondern hat dieselben zu beachten und zu erfüllen. 

Die Pflichten des States verbinden sowohl die Träger der 
Statsgewalt und die Organe der Statsautorität, als die Re- 
gierten und die Parteien. Vaterlandsliebe, Treue, Gerechtig- 
keit, Tapferkeit, fleiszige und sorgsame Aintspflichterfüllung 
sind vorzugsweise Tugenden des statlichen Lebens. Indem 
die Civilisation fortschreitet, entwickelt sie auch dieses sitt- 
liche Pflichtgefühl und steigert seine Forderungen. 

Das Sittengesetz beschränkt sich nicht auf die politischen 
Ziele. Es verpflichtet den ganzen Stat in all' seinem 
Handeln und Leben. 

2) Der Stat ist aber die Ordnung des äuszern Gemein- 
lebens der Menschen. Die sittlichen Forderungen, die an 
den Politiker zu stellen sind, haben deszhalb eine andere 
Richtung und ein anderes Masz, als die sittlichen Forderungen, 
welche die Religion an die Menschen stellt. Die letztern sind 
auf das innere Seelenleben gerichtet, die erstem auf die 
äuszere Gestaltung der Volksgemeinschaft, Der Heilige kann 
im Dulden die höchste Vollkommenheit erkennen; der Stats- 
mann ist auf das Handeln als seine Aufgabe hingewiesen. 
Der vorwiegend religiöse Mensch kann sich abschlieszen von 
der Welt und sich auf sein Inneres einsiedlerisch zurück- 
ziehen. Der politische Mann musz in der menschlichen Ge- 
sellschaft bleiben und durch Menschen auf andere Menschen 



Zweites Capitel. Yerhältnisz der Politik zur Moral. 



13 



wirken. Die Kirche kann dem Gewissen des Individuums 
die höchsten Forderungen idealer Vollkommenheit als Lebens- 
aufgabe vorhalten; der Stat musz seine Ansprüche mit Rück- 
sicht auf die vorhandene Fälligkeit und Mangelhaftigkeit der 
Menge ermäszigen. Die Religion steigert ihre Erwartungen 
bis zur göttlichen Vollkommenheit. — Der Stat kann seine 
Zwangsgesetze nicht höher spannen, als die Durchschnitts- 
natur der Mehrzahl es erträgt. Der Priester mag den Gläu- 
bigen ermahnen, wie er sein soll, der Statsmann musz die 
Menschen nehmen, wie sie sind. 

Man darf daher bei derBeurtheilung des politischen Verhal- 
tens nur den relativen Maszstab der sittlichen Anforderungen 
anlegen , welcher der sittlichen Culturstufe entspricht , auf wel- 
cher eine Nation oder die Gesellschaft zur Zeit in ihren besseren 
Durchschnittsbestandtheilen sich befindet. Es ist das der Masz- 
stab des guten Bürgers und des pflichttreuen Beamten, 
wie das Volk zu derselben Zeit dieselben versteht. 

Zu einiger Beruhigung werden wir, indem wir die Ge- 
schichte zu Rathe ziehen, gewahr, dasz die Menschheit doch 
in dieser Hinsicht einige erhebliche Fortschritte gemacht hat. 
Die sittlichen Forderungen sind von Zeit zu Zeit gesteigert 
und der sittliche Maszstab ist verfeinert worden. 

Die alten Griechen und Römer hielten noch so ziemlich 
Alles für erlaubt gegen Feinde, mit denen der Stat im Kriege 
war. Sie nahmen keinen sittlichen Anstosz daran, dasz auch 
wehrlose Feinde erschlagen, die Weiber und Kinder der be- 
siegten Feinde wie diese selber als Sclaven verkauft, die 
Städte geplündert, die Dörfer verbrannt werden. Würde ein 
heutiger Heerführer so wild und grausam gegen einen be- 
siegten Feind verfahren, wie sogar die besten Feldherrn des 
Alterthums , wie der liebenswürdige Alexander der Grosze und 
der groszmüthige Julius Cäsar öfter gethan haben, so würde 
er wie ein Wahnsinniger gemieden oder wie ein Scheusal von 
der gebildeten Welt geächtet werden. 



14 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



In ähnlicher Weise schien den christlich-frommen Völkern 
des Mittelalters jede Grausamkeit wider Ungläubige und Ketzer 
völlig gerecht und erlaubt. Die römischen Päpste, welche von 
der Christenheit als höchste moralische Autorität verehrt wur- 
den, haben wiederholt die abscheuliche Maxime empfohlen, 
dasz man den Ungläubigen weder Treue noch Glauben zu 
halten verbunden sei. Sogar die Heiligkeit des Eides ging 
in der Berührung mit dem glühenden Glaubenseifer der rö- 
mischen Priester im Rauch auf.' 2 Die civilisirte heutige Welt 
verurtheilt einstimmig solche Unsittlichkeit, 

Unser männliches Selbstgefühl empört sich bei der Er- 
innerung, dasz vormals die Gesandten der europäischen Mächte 
in Stambul sich vor dem türkischen Sultan auf die Erde nie- 
derwarfen. Wir finden heute die niederträchtige Schmeichelei, 
mit welcher zu Ende des siebenzehnten und zu Anfang des 
achtzehnten Jahrhunderts an dem französischen Hofe Lud- 
wig XIV. selbst von den berühmtesten Schriftstellern jener 
Zeit umräuchert wurde, unwürdig und verächtlich. 

Noch im achtzehnten Jahrhundert war die Corruption in 
dem englischen Parlament so einheimisch und verbreitet , dasz 
ein englischer Minister es nicht vermeiden konnte, um eine 
Mehrheit zu erhalten, einzelne Parlamentsmitglieder mit Geld 
oder andern Zuwendungen zu bestechen. Es schadete dem 
Ehrennamen des berühmten Statsmannes Pitt nicht, dasz er 
die Auflösung der Irischen Parlamente und die Union Irlands 
mit Groszbritannien durch Bestechung zu Stande brachte. Ein 
Minister, der heute dasselbe thäte, wäre in der öffentlichen 
Meinung verloren. 

Im achtzehnten Jahrhundert war die Zweideutigkeit und 
bewuszte Täuschung im diplomatischen Verkehr noch so sehr 
im Schwung, dasz ein aufrichtiger und wahrhafter Mann ebenso 
genöthigt war, gelegentlich eine Maske vorzukehren, wie ein 

2 Beispiele bei Laurent Etudes sur l'histoire de rhumanite IX. 
142. X. 338. 



Zweites Capitel. Verhältnisz der Politik zur Moral. 



15 



Kaufmann, der mit lauter Spitzbuben verkehren musz, nicht 
umhin kann, sich zu verstellen. Auch heute noch sind Lug 
und Trug keine unerhörten Dinge in dem internationalen 
Verkehr. Aber die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit können 
es doch eher wagen , in unverhüllter Gestalt den Kampf wider 
jene Immoralität aufzunehmen. 

3) Darf man den politischen Führern keine Zumuthung 
machen, welche das Verständnisz und die Folgsamkeit der 
Durchschnittsmenschen, mit denen sie handeln müssen, über- 
steigt, so darf man dagegen wohl von ihnen fordern, dasz 
sie nicht hinter der sittlichen Höhe der Durchschnitts- 
bildung ihrer Nation und ihrer Zeit zurück bleiben, sondern 
vielmehr auch darin der Menge leitend und führend 
vorangehen. Eben weil sie Führer sind und den tiefer 
Stehenden, die ihnen folgen, als Vorbild vorleuchten , werden 
die sittlichen Anforderungen an sie gesteigert. Ein tugend- 
hafter Fürst wirkt erhebend und veredelnd auf die Gesell- 
schaft, die auf ihn sieht, ein lasterhafter Regent drückt auch 
den sittlichen Stand seiner Unterthanen nieder. 

Die Menschheit hat die sittliche Pflicht, ihre Bestimmung 
zu erfüllen. Indem sie ihre Anlage harmonisch entfaltet, macht 
sie sittliche Fortschritte. Die Völker und ihre Führer sind der 
Menschheit dafür verantwortlich, dasz sie daran Theil nehmen. 

4) Die blosze Benutzung unsittlicher Handlungen, 
welche Andere begehen, für das Statswohl ist dem Stats- 
mann insofern wohl erlaubt, als dieselben für ihn als gün- 
stiger Zufall erscheinen. Wenn er aber selber jene Hand- 
lungen verursacht oder begünstigt, so wird er als Theil- 
nehmer auch mitverantwortlich und mitschuldig jener 
Unsittlichkeit. Als der König Philipp II. von Spanien Mörder 
anstiften liesz, welche die Königin Elisabeth von England 
tödten sollten , war das ein Verbrechen , das weder durch die 
Hinweisung auf das spanische Statswohl entschuldigt, noch 
durch die Billigung des Papstes Pius V. aus religiösen 



16 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Motiven beschönigt werden konnte. 3 Es zeugt für das noch 
unsichere Gefühl der öffentlichen Meinung jener Zeit, dasz 
sie den Kitter Bayard wie einen seltenen Tugendhelden pries, 
weil er den Vorschlag des Herzogs von Ferrara, den Papst 
zu ermorden, entschieden verwarf, ungeachtet dieser gegen 
sein und des Herzogs Leben conspirirt hatte. 4 

Ein zweideutiges Gewährenlassen des Verbrechens von 
Seite des Machthabers, der die Pflicht hat, es zu hindern 
und zu verfolgen, musz durchaus als eine sittliche Verschul- 
dung betrachtet werden, auch wenn es nicht strafbar ist. Es 
bedarf oft nur der Aussprache eines Wunsches, von einem 
gefährlichen Gegner befreit zu werden, um einem Bösewicht 
den Dolch in die Hand zu geben, mit dem dieser jenen tödtet. 

Aber wie der Feldherr nicht zu tadeln ist, welcher aus 
dem Bericht eines Verräthers über die Schwächen der feind- 
lichen Stellung Vortheil zieht, so ist auch der Fürst nicht 
zu tadeln, welcher die Ermordung eines Thronprätendenten, 
die er weder angestiftet noch begünstigt hat, dazu benutzt, 
um seine Herrschaft zu befestigen. 

5) Die Privatmoral und die Statsmoral ruhen auf 
demselben Grunde der sittlichen Weltordnung und sind von 
demselben Geiste erfüllt der menschlichen Bestimmung und 
Lebensaufgabe. Sie gehören daher zusammen als zwei Stämme 
aus Einer Wurzel und von gleicher Art. 

Aber trotzdem hat der Instinct der Völker von jeher 
einen feinen Unterschied zwischen beiden herausgefühlt. Es 
kommt wohl vor, dasz dieselbe Handlung in einem andern 
Lichte erscheint und anders beurtheilt wird, je nachdem sie 
von einem Statsmann mit patriotischer Gesinnung oder von 
einem Privatmann in selbstsüchtigem Interesse geübt worden 
ist. Der verwerfliche Satz der Machiavellistischen Politik: 
„der Vortheil des Stats entschuldigt jede Missethat des 

3 Laurent a. a. 0. IX. 190. X. 171. 

4 Laurent X. 390. 



Zweites Capitel. Verhaltnisz der Politik zur Moral. 



17 



Statsmanns!" 5 ist nur der karikirte und eben deszhalb tadelns- 
werthe Ausdruck eines richtigen Gedankens. Es gibt eine 
Statsrücksicht (raison d'etat), deren Wirkung auf das 
öffentliche Gewissen und auf das sittliche Urtheil durch die 
Weltgeschichte bestätigt wird. Was ist der Grund dieses 
Unterschiedes, und wie ist derselbe zu fassen? 

Mir scheint, diese Frage kann nur beantwortet werden, 
wenn man zuvor die Bedeutung des Bösen in der sittlichen 
Weltordnung überhaupt untersucht. 

Das Böse erscheint in einer ganz verschiedenen Beleuch- 
tung, je nachdem es als die That eines Einzelnmenschen 
betrachtet wird, welcher die sittliche Weltordnung miszachtet 
und verletzt, oder je nachdem es von einem höheren, das 
gesammte Leben der Menschheit überschauenden Standpunkte 
aus geprüft wird. Was im Hinblick auf den einzelnen Schul- 
digen böse und daher tadelnswerth und verwerflich er- 
scheint , das zeigt sich im Zusammenhang des Ganzen als eine 
nothwendige Vorbedingung des Guten, und insofern 
gut. Was Mephistopheles von sich aussagt, er sei 

„ein Theil von jener Kraft, 

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft", 
das gilt hier in eminentem Grade. Die höchste Tugend wird 
erst im Kampf mit den bösen Neigungen, sei es den eigenen, 
sei es fremden, erreicht. Jeder Fortschritt des Guten 
ist bedingt durch die Ueberwindung des Bösen. Wie 
der menschliche Irrthum nothwendig ist zur Erkenntnisz der 
Wahrheit, so ist auch das Böse in der Menschenwelt eine 
nothwendige Vorstufe sittlicher Vervollkommnung. 

Das Böse hat in der Welt keinen festen Bestand. Es 
musz stets bekämpft und überwunden werden und es wird 

5 Ausdruck des französischen Präsidenten Jeannin bei Laurent X. 
344: „Les princes font bien quelquefois des choses honteuses, qu'on ne 
peut blämer quand elles sont utiles ä leurs Etats, car la honte etant 
couverte par le profit, on la nomme sagesse." 

Bluntschli, die Politik. 2 



lb 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



schlieszlich überwunden. Es hört auf böse zu sein, sobald 
es wirklich überwunden ist. Denn dann ist es klar, dasz es 
lediglich der Entwicklung des Guten gedient hat. Es komm' 
also für das Ganze Alles darauf an, dasz das. Böse dem Guten 
dienstbar gemacht, dasz jenes durch dieses überwunden und 
zur Folie des Guten werde. Insofern darf man allerdings 
zwischen dem guten Ziele und dem bösen Mittel unterschei- 
den, aber nur dann ist dieses zulässig, wenn es in unter- 
geordnetem Verhältnisz zu jenem steht und daher voll- 
ständig von jenem überwunden und gut gemacht wird. 

Was so von der sittlichen Weltordnung überhaupt gilt, 
das ist analog auch auf den Stat anzuwenden. Auch der Stat 
ist ein groszes Ganzes, eine Welt für sich. Auch im State 
ist es möglich, dasz, was im Einzelnen böse erscheint, im 
Zusammenhang des Ganzen gut gemacht wird. Die Verschul- 
dung des Einzelnen, welche isolirt betrachtet böse ist, kann 
in Verbindung gebracht mit dem fortschreitenden Leben des 
ganzen Volks als eine Förderung des Guten und daher als 
Gut sich olfenbaren, freilich nur dann und nur insofern, als 
das Böse im Einzelnen wirklich überwunden wird durch die 
Vervollkommnung des Ganzen, nur wenn jenes dem Guten 
wirklich dienstbar gemacht wird. 

Der Stat kann als Gesammtwesen zu seinem Fortschritte 
der menschlichen Leidenschaften ebensowenig entbehren, als 
Gott für seine Weltregierung. Würde es gelingen, die Selbst- 
sucht, den Ehrgeiz, die Eitelkeit, die Ruhmsucht, die Streit- 
lust aus der Seele der Bürger auszureiszen , so würde das 
Gemeinwesen an Spannkraft eine ungeheure Einbusze er- 
leiden und es würde sehr viel weniger Gutes und Gemein - 
nützliches in der Welt geschehen. Die männliche Tugend 
des Patriotismus ist nirgends rein von der Beimischung solcher 
Leidenschaften, und wie das Edelmetall erst durch die Legi- 
rung mit Kupfer zu gangbarer Münze wird, so ist auch jene 
Mischung nöthig für die Statspraxis. 



Zweites Capitel. Verhältnisz der Politik zur Moral. 



19 



Man darf daher dem Statsinann nicht zumuthen, dasz 
er auf diese Unterstützung auch sittlich-unreiner Mittel ver- 
zichte. Man kann es dem Regenten nicht zum Vorwurf 
machen, wenn er unter Umständen auch Personen in öffent- 
lichem Dienste verwendet, deren sittlichen Werth er gering- 
schätzt, von denen er aber grosze, für den Stat nützliche 
Leistungen erwartet. Der Minister ist nicht zu tadeln, welcher 
die moralischen Schwächen eines Fürsten oder den blinden 
Eifer einer Partei zu benutzen versteht, um eine gemein- 
nützliche Einrichtung durchzusetzen. 

Aber darauf ist jederzeit sorgfältig zu achten, dasz nicht 
das Böse, das überwunden werden musz, indem es benutzt 
wird, übermächtig werde. Es darf nie herrschen, es 
musz immer dienen. Nur wenn diese Unterordnung ge- 
sichert ist, darf es als Stachel für die Anstrengung des Guten 
zugelassen werden. 

Selbst in dieser Fassung ist der Satz noch immer ge- 
fährlich und kann leicht von den Sophisten miszbraucht wer- 
den. Die Gefährlichkeit desselben wird jedoch wesentlich 
beseitigt, wenn das dienende Verhältnisz des Bösen im Ein- 
zelnen zu dem sittlichen Fortschritt des Ganzen im Ganzen 
richtig geschätzt und ehrlich beachtet wird. 

Unverhältniszmäszige Mittel, d. h. deren sittlicher 
Schaden gröszer ist, als der Fortschritt des Ganzen, dem sie 
dienen sollen, sind immer verwerflich. Deszhalb wird von 
dem öffentlichen Gewissen jeder offenbare und unmittel- 
bare Treubruch, z. B. der Bruch der Capitulationsbedin- 
gungen durch den Sieger unerbittlich verurtheilt, weil die 
Treue und der Glaube an das redliche Wort den sittlichen 
Kitt bildet, der die Ordnung der Menschenwelt zusammen 
hält. Die Auflösung jener Treue und die Zerstörung jenes 
Glaubens würden die allgemeine Rechtssicherheit so erschüt- 
tern, dasz der Schaden des offenen Treubruchs den möglichen 
Gewinn, der daraus dem State zufallen möchte, weit über- 



20 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



wiegt. Dagegen wird die öffentliche Meinung nur wenig be- 
wegt, wenn sie gewahr wird, dasz ein statsschädlicher Ver- 
trag nicht ausgeführt wird. Sie unterscheidet sehr bestimmt 
zwischen unleidlichem Treubruch und ungenügender oder ge- 
hemmter Vertragserfüllung. Ebenso ist sie sehr geneigt, nur 
zu geneigt, eine Täuschung des politischen Gegners als eine 
erlaubte List zu entschuldigen , wenn sie dem State nützt und 
wird erst dann zu heftigerem Tadel gereizt, wenn die allge- 
meine Gefährlichkeit böswilliger Täuschung die Gestalt des 
Betrugs annimmt. 

Friedrich der Grosze hat von sich selber erklärt, als 
Privatmann würde er sein gegebenes Wort unbedingt halten, 
aber als Fürst würde er sogar seine persönliche Ehre dem 
State zum Opfer bringen, wenn die Existenz des States dieses 
Opfer forderte. 

Keine Missethat erregt einen heftigeren Abscheu zugleich 
des sittlichen und des rechtlichen Volksgefühls als der Mord. 
Das öffentliche Gewissen verwirft die oft versuchte Entschul- 
digung des politischen Mordes, dasz derselbe zum Besten des 
States verübt worden. Vergeblich beruft man sich auf die 
Autorität des Papstes Gregor XIV., welcher die entsetzliche 
Ermordung der Huguenotten in der Pariser Bluthochzeit durch 
ein christliches Jubiläum zu feiern befahl und vergeblich ver- 
sucht man die Septembermorde der Pariser Revolution im 
Jahr 1793 durch den Beweis zu vertheidigen, dasz sie zur 
Rettung Frankreichs von den Fremden und zum Schutze der 
republikanischen Freiheit gedient haben. Das unbefangene 
sittliche Urtheil der heutigen Welt empört sich in der Erin- 
nerung an jene Gräuel. Der böswillige, mit Vorbedacht unter- 
nommene Angriff auf das Menschenleben erscheint uns als ein 
so gefährliches und schweres Uebel und Unrecht, dasz der Mord 
nicht als ein Mittel für politische Ziele gebraucht werden darf. 6 

6 Laurent II. 249: „Si les revolutions sont un droit et parfois im 
devoir, l'assasinat est toujours un crime." 



Zweites Capitel. Verhältnisz der Politik zur Moral. 



21 



Dennoch gilt auch diese Regel nicht ausnahmslos. Es 
gibt unzweifelhaft einige wenige politische Morde in der Ge- 
schichte, über welche die öffentliche Meinung auch der Be- 
sonnenen und sittlich Denkenden zu schwanken und sich zu 
spalten beginnt, und es gibt sogar einige Morde, welche 
durchweg von wohlgesinnten Männern gebilligt werden. Es 
sind nicht blosz sittlich - frivole Menschen, welche über die 
Ermordung des edeln Cäsar wie Brutus denken oder die Er- 
mordung des russischen Kaisers Paul I. als eine politische 
Nothwendigkeit entschuldigen. Die That der Judith, welche 
den Holofernes erschlagen und die That der Charlotte Corday, 
welche Marat getödtet hat, wird fast allgemein gelobt. Die 
Athener haben die Ermordung des Hipparchos durch Preis- 
lieder verherrlicht und unser human und edel gesinnter Schiller 
hat die Ermordung Geszlers durch Wilhelm Teil in einem 
Schauspiel gefeiert, welches von der deutschen Nation und 
von der ganzen gebildeten Welt bewundert wird. Dieselben 
Menschen, welche die Ermordung Heinrichs IV. von Frank- 
reich oder des Präsidenten Lincoln trotz der politischen Mo- 
tive entschieden verdammen, vertheidigen jene Thaten. 

Offenbar macht hier die Weltgeschichte, welche zum Welt- 
gerichte wird und das Welturtheil spricht, eine Unterschei- 
dung. Sie huldigt keineswegs dem Grundsatz, dasz der Zweck 
die Mittel heilige, denn sie läszt die Beschönigung und Ent- 
schuldigung des Mordes durch religiöse oder politische Motive 
nicht gelten. Aber unter Einer Voraussetzung gestattet sie 
eine Ausnahme. Sie spricht den Mörder dann frei, wenn 
seine That dazu diente, das Volk von einer unleidlichen Ty- 
rannei zu befreien, gegen die es kein anderes ausreichendes 
Kampfmittel gab , dann wenn die Tyrannei mit ihren verderb- 
lichen Wirkungen als ein noch weit gröszeres Uebel erscheint, 
als selbst der Einzelnmord, dann wenn der Ausdruck von 
Spinoza anwendbar geworden ist, „man müsse den Tyrannen 
todt schlagen, wie einen tollen Hund." 



22 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Freilich kann die Gefährlichkeit auch dieser beschränkten 
Entschuldigung einer an sich widerrechtlichen und unsittlichen 
Handlung durch ihre offenbare Unterordnung unter ein höheres 
Gut, dem sie dient, nicht verkannt werden. Ein Fanatiker 
kann thörichter Weise meinen, etwas Gottgefälliges und für 
die Menschheit und sogar für den Stat Notwendiges zu thun, 
während der gesunde Verstand ihn als unsittlichen Verbrecher 
anklagt. Die Ermordung Cäsars hat die römische Republik 
nicht gerettet und das Kaiserthum nicht abgewendet ; aber sie 
hat den Stat zerrüttet und die römische AVeit verwirrt. 

Das öffentliche Gewissen spricht nur dann den Mörder 
frei, wenn nicht blosz der Thäter rein ist von selbstsüchtigen 
Motiven oder niederer Leidenschaft und in gutem Glauben 
den Kampf für die dauerhafte Sicherheit und Wohlfahrt der 
Familie oder der Gesellschaft oder des Stats und der Mensch- 
heit gehandelt hat , sondern auszerdem seine That auch ob- 
jectiv durch den Zusammenhang aller Verhältnisse als noth- 
wendig zu betrachten ist, nur wenn es klar ist, dasz das 
Böse dem Fortschritte des Guten wirklich gedient hat. 

Der modernen Entwicklung entspricht das energische 
Pflichtgefühl, das das ganze Volk erfüllt und das klarer 
gewordene Pflichtbewusztsein, welches Jeden lehrt, sein 
Leben den Diensten des Ganzen so weit zu widmen, als das 
Ganze, der Stat, seiner Kräfte bedarf. 

Es entspricht vorzüglich der deutschen Grundansicht, 
sowohl das öffentliche Recht zugleich als öffentliche Pflicht 
zu verstehen , als die ganze Politik durch die Pflichten gegen 
die Menschheit, die Völker und die Einzelnmenschen zu rei- 
nigen und zu veredeln. 

Es gilt das ebenso von der Fürsten- und Regentenpflicht, 
dem State und Volke zu dienen, wie von der Unterthanen- 
und Bürgerpflicht, der Statsautorität treu und gehorsam zu 
sein , und nötigenfalls Gut und Blut für das Vaterland hin- 
zugeben. 



Drittes Capitel. Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung. 



23 



Die Pflicht wirkt über die Rechtsform und über die 
Sphäre des möglichen Statszwangs hinaus, sie spannt die 
Kräfte, stählt die Charaktere, hebt die Geister und fördert 
so mächtig, indem sie die Selbstsucht zurückdrängt, das all- 
gemeine Wohl, durch ihre mannichfaltigen Leistungen. 



Drittes Capitel. 
Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung. 

Die öffentliche Rechtsordnung ist die Gesammtheit der 
als nothwendig und erzwingbar erkannten Grundsätze , welche 
das öffentliche Leben regeln. Sie schafft und prägt die Organe 
aus, durch welche der Statswille geäuszert wird, und die For- 
men, in denen das Gemeinleben sich bewegt. Ihr höchster, 
allgemeinster und dauerndster Ausdruck sind die Verfassung 
und das Gesetz. 

Daraus folgt von selbst die politische Grundregel: 
Alle Politik (Statspraxis) soll verfassungs- und 

gesetzmäszig sein. 
Keine Politik darf verfassungs- oder gesetz- 
widrig sein. 

Eine grundsätzliche Miszachtung dieser Regel wäre ein 
offenbarer Widerspruch des Statslebens mit der Statsordnung, 
d. h. ein Widerspruch des States mit sich selbst. 
Eine verfassungswidrige Politik würde den Stat in dem an- 
greifen, was am sichersten sein musz, in den Fundamenten 
seines Daseins. Eine gesetzwidrige Politik würde den Glauben 
an das Recht und an die Autorität des Statswillens erschüt- 
tern und die Macht und den Segen des Rechts entkräften 
und lähmen. Damit aber wird der grosze Fortschritt der 
Civilisation , welche die brutale Gewalt und die maszlosen 



24 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Leidenschaften durch das Recht zu bändigen und zu zähmen 
sucht, unwirksam gemacht. 

Eine Politik, welche für ihre Handlungen sich grundsätz- 
lich um das Recht nicht kümmert, betrachtet das Recht nur 
als eine Schranke für die Schwachen, nicht auch für die 
Starken und verkennt die höchste Aufgabe der Rechtsord- 
nung, welche gerade die Schwachen vor der Miszhandlung 
und Unterdrückung der Mächtigen zu schützen berufen ist. 

Wenn dagegen die Politik auf dem festen Boden des 
Rechts fortschreitet, so kommt ihr auch die heilige Autorität 
des Rechts zu Statten. Sie wird daher gegen mancherlei 
Angriffe gesichert, und kann eher auf Zustimmung und Folge 
rechnen, eher einen Erfolg erreichen, als die rechtswidrige 
Politik, welche den Widerspruch und den Widerstand her- 
vorruft. 

Daher verwirft das entwickelte Rechtsbewusztsein der 
heutigen Welt entschieden jene Meinung, die einst Machia- 
velli in Uebereinstimmung mit den Sitten der Machthaber 
seinerzeit verkündet hat, dasz die Zweckmäszigkeit der 
einzige Maszstab des politischen Verhaltens sei und Recht 
und Gesetz nur soweit zu beachten seien, als es für den vor- 
gesetzten Zweck nützlich erscheine, das Unrecht aber den 
Vorzug dann verdiene, wenn es dem State nützlich sei. 

Indessen hat jene Regel doch nur eine relative Gel- 
tung, nicht wie Naturgesetze eine absolute Wirkung. Es 
stehen der absoluten Anwendung jener Regel die unvermeid- 
lichen Gebrechen und Mängel der menschlichen Rechtsord- 
nung im Wege: 

1) Alles wirkliche Verfassungs- und Gesetzesrecht ist ge- 
schichtlich entstanden und deszhalb auch der Wandlung 
der Geschichte unterworfen. Obwohl das Recht einen 
dauernden Charakter hat, so hat es doch keinen Anspruch 
auf Ewigkeit. Es kann den nothwendigen Verhältnissen 
eines Zeitalters gemäsz sein und unbrauchbar und ungereimt 



Drittes Capitel. Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung. 



25 



werden, wenn die Zeiten sich ändern und die Verhältnisse 
der Menschen ebenso sich wandeln. Die Immunitäten des 
Klerus und die Steuerfreiheit der Ritter hatten im Mittelalter 
einen guten Sinn und sind heute sinnlos. 

Die Zumuthung an die Politik , dasz sie das zeitgemäsze 
und das veraltete Recht gleich hoch schätze und dieses ebenso 
unverbrüchlich als Norm ihres Verhaltens achte, wie jenes, 
wäre daher unnatürlich und unvernünftig. Denn die Politik 
bestimmt das fortschreitende Leben des Volkes, welches 
der veralteten Regel der Vergangenheit entwachsen ist. 

2) Die geschriebene Verfassung ist immer eine unvoll- 
ständige Darstellung des wirklichen Volks und Stats. Es 
sind in demselben auch latente Kräfte, die mit der Zeit 
offenbar werden und eine Beachtung fordern, welche in der 
Beurkundung des Verfassungsrechts keinen Anhalt finden, im 
Gegentheil durch dieselbe zuweilen ausgeschlossen scheinen. 
Neben dem geschriebenen Recht geht so das ungeschriebene 
einher und ergänzt oder berichtigt jenes. Da ist es vornehm- 
lich die Aufgabe der Politik, dem werdenden Rechte Aner- 
kennung zu verschaffen und das bisher latente Recht zu 
schützen. Um deszwillen kann sie sich nicht ängstlich an 
das geschriebene Wort halten und nicht durch die Schrift 
sich fesseln lassen. 

Man braucht nur an die Geschichte der Stände zu den- 
ken, um eine Reihe von Belegen für diesen Gedanken zu 
finden, oder an den Unterschied zwischen den englischen 
Parlamentsakten und der politischen Praxis des englischen 
Königs und seiner Minister. 

3) Alles Recht musz äuszerlich wahrnehmbar sein und 
hat daher eine Form. Aus diesem Grunde ist aber das mensch- 
liche Recht auch der Gefahr ausgesetzt, dasz die Form dem 
Geist nicht völlig entspreche, dasz zwischen Rechtsform 
und Rechtsgeist (jus und aequitas) eine Disharmonie sich 
ergebe. 



26 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Da wird es wiederum eine Hauptaufgabe der Politik, 
diese Dissonanz aufzulösen und den Widerspruch auszuglei- 
chen. Würde sie das formelle Recht als ihre unverbrüchliche 
Norm betrachten, so würde sie den Stat zu Grunde richten. 
Im Zweifel wird sie sich eher vom Geiste als von der Form 
des Rechts leiten lassen; aber sie kann nicht völlig dem Vor- 
wurf entgehen , dasz sie der formellen Autorität des Gesetzes 
zuweilen entgegen handeln musz, um dem Geiste des Rechts 
freie Entfaltung zu verschaffen. Es kann sich das unter Um- 
ständen bis zu offenbarem Rechtsbruch steigern und dennoch 
nöthig werden. 

Die Verfassung des deutschen Bundes von 1815 war der 
Form nach das Uebergewicht der vielen kleinen deutschen 
Staten über die wenigen groszen. Das Wesen dieser Ver- 
fassung aber war umgekehrt Leitung aller übrigen deutschen 
Staten durch die beiden deutschen Groszmächte. Als die 
Mittelstaten sich anmaszten, ihre Mehrheitsführung zur An- 
wendung zu bringen, muszten sie an der Uebermacht der Grosz- 
mächte scheitern; und als die beiden Groszmächte sich ent- 
zweiten, da hatte der ganze Bund seinen Halt verloren und 
muszte zusammen brechen. 

Es ist unmöglich, dasz die constitutionelle Monarchie als 
Statsform bestehe, wenn der König seine formelle Heeres- 
gewalt, oder wenn die Volksvertretung ihr formelles Budget- 
recht einseitig auf die Spitze trieben. Die constitutionelle 
Monarchie kann nur mit einer Politik gedeihen, welche die 
schroffen Gegensätze auch der Rechte zu vermitteln weisz und 
Compromisse zu schlieszen bereit und geneigt ist. 

4) Alles Statsrecht endlich hat seinen Grund und findet 
seine Bestimmung im State. Es besteht nur durch den 
Stat und für den Stat. Eine statswidrige Einrichtung 
oder ein dem Statswohl hinderliches Gesetz ist im 
Widerspruch mit dem Wesen des Stats und dem Hauptzweck 
alles Statsrechts. Man kann daher von dem Politiker nicht 



Drittes Capitel. Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung. 27 

verlangen, dasz er das antistatliche Recht mit derselben Ehr- 
furcht und Hingebung betrachtet, wie das Statsrecht, das in 
Harmonie ist mit der Natur des Stats und mit der Volks- 
wohlfahrt, dem es dient. Der Politiker wird vielmehr oft 
genöthigt sein, jene Einrichtung zu bekämpfen und die An- 
wendung dieses Gesetzes möglichst zu beschränken , vielleicht 
ganz einzustellen. 

Wenn sich einer jener möglichen Widersprüche zeigt 
zwischen dem veralteten Recht der Vergangenheit und den 
Keimen neuer Rechtsbildung oder zwischen dem geschriebe- 
nen und dem latenten Volksrecht, oder zwischen der unge- 
nügenden Form und dem geistigen Princip des Rechts oder 
zwischen statswidrigem und statsgemäszem Recht, so wird 
immer ein Mangel in der Rechtsordnung selbst offen- 
bar, welcher Heilung verlangt, Dann ist es die Aufgabe 
der Politik, diese Heilung zu bringen. 

Es bedarf dann gewöhnlich einer Fort- oder Umbildung 
oder einer Neubildung des Rechtes selbst, in dem Sinne, 
dasz an die Stelle des veralteten Rechts das zeitgemäsze neue 
tritt, die verborgenen Kräfte Anerkennung und Rechtsschutz 
erlangen, die Harmonie zwischen Recht und Billigkeit her- 
gestellt, das unbrauchbare und schädliche Recht durch besseres 
ersetzt und im Nothfall auch für das Ausnahmerecht gesorgt wird. 

Hat die Verfassung selber das Bedürfnisz solcher Aen- 
derungen und Verbesserungen vorgesehen und die Mittel be- 
reitet, dieselben vorzunehmen und durchzuführen, so sind die 
leitenden Politiker in der glücklichen Lage, in Form und 
Inhalt reformatorisch wirken zu können. Die Vorzüge einer 
solchen Reform vor jedem gewaltsamen Eingreifen sind so 
grosz , dasz dagegen die Nachtheile eines vielleicht langsamen, 
mühevollen, mit mancherlei kleinen Hindernissen verlegten 
Weges nicht schwer ins Gewicht fallen. Die Römer und die 
Engländer haben das verstanden und oft Jahre und Jahr- 
zehnte lang um eine Reform gerungen, die dann in ver- 



28 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



fassungsmäsziger Form zu Stande kam und nun fest begründet 
war, weil sie in das Rechtsbewusztsein des Volkes tiefe Wur- 
zeln eingesenkt hatte. 

Aber nicht immer sind die Bahnen der Reform geöffnet. 
Es zeigt sich oft, dasz das formulirte Verfassungsrecht eine 
allgemeine oder theilweise Revision nicht vorgesehen und 
nicht geordnet hat. Noch viel gefährlicher ist es, wenn 
die bestehende Verfassung der künftigen Reform mit Ab- 
sicht künstliche Hindernisse in den Weg gelegt hat, 
oder wenn die bestehende Rechtsordnung grundsätz- 
lich einer vielleicht unentbehrlich gewordenen Umgestaltung 
widerspricht. Im ersten Fall müssen erst neue Mittel zur 
Revision geschaffen werden, in diesen letzten Fällen ist es 
gar nicht möglich, ohne Rechtsbruch vorwärts zu kommen. 

Beispiele der letzten Art sind: die definitive Entzweiung 
der Dynastie der Stuarts mit der englischen Nation seit Ja- 
kob IL, die Ausbildung neuer Statsinteressen und Statsideen 
in den nordamerikanischen Colonien gegenüber der englischen 
Verfassung, der deutsche Bund von 1815, der Einstimmigkeit 
aller Länderstaten da verlangte, wo dieselbe nicht möglich 
war, nämlich für eine gründliche Verfassungsänderung. 

Die Politik kann und darf nicht auf eine Neuerung ver- 
zichten, sobald dieselbe als noth wendig erscheint für die 
Existenz oder die naturgemäsze Fortbildung des Stats , wenn 
gleich die Aenderung ohne Rechtsbruch nicht zu erreichen 
ist. Sie kann es nicht, denn die Macht des treibenden 
neuen Gemeingeistes ist stärker als die Autorität irgend eines 
Verfassungsartikels, welcher die Lebensäuszerung mit einer 
Zauberformel zu bannen versucht, oder selbst als die Macht 
einer einzelnen Institution, welche die Strömung der Zeit eine 
Weile lang zu stauen unternimmt, schlieszlich aber überfluthet 
und weggeschwemmt wird. Sie darf es nicht, weil ihre 
Pflicht, das Leben des Volks zu schützen und zu fördern, 
gröszer und höher ist, als die Pflicht, eine Rechtsform zu 



Drittes Capitel. Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung. 29 



wahren. Die Religion kann wohl im Leiden und Ertragen 
des Unrechts und in der Selbstaufopferung ihre höchste Voll- 
endung finden. Aber die Politik ist auf die That und den 
Erfolg angewiesen und musz das äuszere Leben wirksam ent- 
falten. Ein doctrinärer Politiker, welcher jene wesentliche 
Pflicht aus legalen Bedenken vernachlässigt, begeht daher 
keinen geringeren Fehler, als der neuerungssüchtige und ge- 
waltsame Politiker, welcher leichtsinnig und willkürlich sich 
über die Schranken der Verfassung hinwegsetzt. 

Der echte Statsmann erkennt demnach die zweite Aus- 
nahmeregel an, welche jene erste Hauptregel ergänzt und 
beschränkt: 

Die Autorität des formulirten Verfassungs- 
rechts verliert ihre bindende Macht in dem Masze, 
in welchem es offenbar wird, dasz dasselbe die 
Existenz des States gefährdet, statt sie zu schützen, 
oder die naturgemäsze Entwicklung des States 
hindert, statt sie zu fördern. 

Aber er wendet diese zweite Regel nur mit groszer Vor- 
sicht und nur dann an, wenn er sich durch gewissenhafte 
Prüfung überzeugt hat, dasz die Festhaltung der ersten Haupt- 
regel verderblich und ein wirklicher Nothfall eingetreten sei. 
Er lenkt auch sobald als möglich wieder in die normalen 
Bahnen ein, welche von der Hauptregel beherrscht werden. 

Geht die umgestaltende Politik von den Machthabern im 
State aus, so wird sie als die Politik der rettenden Thaten 
gepriesen oder als die Politik der Statsstreiche (coups 
d'etat) in ein zweideutiges Licht gesetzt. Bricht sie von 
unten her gewaltsam durch, so wird sie im Siege als Revo- 
lution anerkannt und in der Niederlage als Rebellion oder 
Aufruhr verurtheilt. Die Fürsten berufen sich dabei auf 
das Nothrecht der Regierung, die Völker auf das Nothrecht 
der Regierten. Beide beziehen sich auf das Natur- und Ver- 
nunftrecht , welches dem geschichtlich formulirten Rechte zur 



30 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Grundlage und Schranke diene. Ob sie mit Grund oder ohne 
Grund sich darauf beziehen, darüber entscheidet das Gericht 
der Weltgeschichte, indem es den einen Thaten dauernden 
Erfolg verleiht und sie dadurch als nothwendig anerkennt, und 
die andern mit Unwirksamkeit schlägt und untergehen läszt. 

Am heftigsten wird der Streit der Meinungen geführt, 
wenn die Herrschaft im State selber in Frage steht. In un- 
tergeordneten Dingen läszt sich die nothwendige Wandlung 
leichter durchsetzen. Aber wenn um das Thronrecht gestritten 
wird, dann treten Mächte auf den Kampfplatz, welche für 
sich eine souveräne Stellung beanspruchen und nicht gewillt 
sind, ein neues Gesetz für verbindlich zu erachten, dem sie 
nicht zugestimmt haben. In diesem Zusammenhang zeigt sich 
besonders die unglückliche L e g i t i m i t ä t s p o 1 i t i k, der Gegen- 
füszler der revolutionären Politik. Es ist keine Ehre 
unsers Jahrhunderts, dasz die leitenden Statsmänner Europa' s 
es zu Anfang der Zwanzigerjahre wagen konnten, die Legi- 
timitätspolitik als die wahre europäische Politik zu procla- 
miren. 1 Diese Politik hat sich überall in der Welt als un- 
ausführbar erwiesen, und wo man sie eine Zeit lang mit 
Uebermacht gewaltsam durchsetzte, als unglücklich. Sie ge- 
rieth überall mit den Bedürfnissen des Volkslebens und mit 
der fortschreitenden Bewegung der Zeit in Conflict; sie hemmte 
nur, sie entwickelte nicht die Volkskräfte und sie vergeudete 
vergeblich ihre Mittel und ihre Arbeit für einen Zweck, der 
ihr unter den Händen verschwand. 2 

Die Geschichte seit dem Jahr 1830 hat die Ohnmacht 
dieser Legitimitätspolitik in das hellste Licht gestellt, Sie 

1 Circularsclireiben des Fürsten Metternich vom 12. Mai 1821: 
„Conserver ce qui est legalcment etabli tel a du etre le principe invariable 
de leur politique (des Souverains allies) le point de depart et l'objet final 
de toutes leurs resolutions." 

i Vgl. über den Begriff der Legitimität Bd. II. (Statsrecht) Buch I. 
Cap. 8. 



Drittes Capitel. Verhältnisz der Politik zu der Rechtsordnung-. 31 



hatte weder den Muth noch die Kraft, die Bourbonen älterer 
Linie auf dem französischen Thron zu schützen. Sie ver- 
mochte weder in Italien noch in Spanien den Absolutismus 
der restaurirten Könige und Fürsten auf die Dauer vor der 
Revolution zu bewahren. Ueberall brach die künstlich und 
gewaltsam hergestellte Autorität zusammen, sobald der äuszere 
Druck nachliesz und die Völker wieder freier athmeten und 
sich selber bewegten. Sie hatte die Staten, welche von ihr 
bevormundet wurden, mit Schulden belastet, ohne dafür einen 
Gegenwerth zu erwerben, und ihre eigenen Kräfte unnütz 
verbraucht. Sie gewann nicht einmal Ruhe vor den Stöszen 
der Revolution, welche sie momentan besiegt hatte, aber 
nicht hatte hindern können , unter der Decke die feindlichen 
Neigungen zu sammeln und zu spannen, bis wieder eine Ex- 
plosion unvermeidlich ward. 

Die Erschütterungen des Jahres 1848 und vollends die 
europäischen Kriege zur Befreiung und Einigung Italiens , zur 
nationalen Statenbildung Deutschlands brachten die Legitimi- 
tätspolitik völlig um allen Credit. Immer erlagen die legiti- 
mistischen Mächte. Wenn in der Weltgeschichte sich die 
göttliche Weltleitung offenbart , so ward die Legitimitätspolitik 
aufs Unzweideutigste durch dieses göttliche Weltgericht als 
thöricht verurtheilt. Die unpassend gewordene Rechtsform 
zerfiel in Staub, und die Mächte" des wachsenden Volkslebens 
waren stets siegreich. Immer hatten nur die Statsmänner 
grosze und dauerhafte Erfolge, welche ihren Kopf von den 
Schrullen der Legitimitätspolitik gereinigt hatten und wurden 
die Politiker geschlagen, welche als moderne Don Quixottes 
sich für die Legitimität ereifert hatten. 



32 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Viertes Capitel. 

Ideale und reale Politik. 

Alle Politik rausz real sein; 
alle Politik soll ideal sein. 

Beide Sätze sind wahr, wenn sie mit einander verbunden 
werden und sich wechselseitig ergänzen. Beide Sätze sind 
falsch, wenn sie einander ausschlieszen. 

Wir verstehen unter Realpolitik eine Politik, welche 
von den wirklichen , nicht den eingebildeten Bedürfnissen des 
Volks ausgeht, welche die vorhandenen Kräfte und Mittel 
richtig schätzt, die freundliche und die feindliche Macht sorg- 
fältig berechnet, und nur erreichbare Ziele anstrebt. 

Nur mit dieser Politik sind Erfolge möglich. In diesem 
Sinne waren von jeher alle tüchtigen Statsmänner Real- 
politiker. 

Wir nennen Idealpolitik die Politik, welche sich von 
Ideen bestimmen und leiten läszt, welche die bestehenden 
Zustände fortzubilden und zu vervollkommnen trachtet, welche 
die zeitgemäszen und ausführbaren Ideale zu verwirklichen 
strebt. 

Die groszen Statsmänner aller Völker und aller Zeiten 
waren in diesem Sinne auch Idealpolitiker. 

Wenn man dagegen die reale oder die ideale Politik 
einseitig versteht, dann ist eine solche Politik verwerflich. 

Die einseitige Realpolitik ist brutal, indem sie sich 
lediglich auf die rohe Gewalt oder auf die äuszere Macht des 
Geldes verläszt; sie ist geistlos, indem sie der höheren Idee 
ermangelt. Ihr erscheinen die materiellen Interessen allein 
von Werth, und die Selbstsucht ist die Haupttriebfeder ihres 
Handelns. Deszhalb wird sie gemein und unsittlich, niedrig 
und inhuman. Man hat oft die Machiavellistische Politik so 



Viertes Capitel. Ideale und reale Politik. 



33 



verstanden und in diesem Sinne geübt. Machiavelli selber 
aber, obwohl er mit Behagen auf die realen Mittel hinwies, 
hat doch ein ideales Ziel vor Augen gehabt, nämlich die Be- 
freiung Italiens von der Herrschaft der Fremden. 

Die ältere Colonialpolitik der europäischen Mutterländer 
gegenüber den überseeischen Colonien hatte diesen Charakter. 
Sie war vornehmlich auf Ausbeutung dieser durch jene be- 
rechnet. Deszhalb verlor sie schlieszlich die miszbrauchte 
Herrschaft. 

Es ist nicht unmöglich, dasz diese ausschlieszliche Real- 
politik Erfolge hat. Sie kann Eroberungen machen, Schätze 
häufen, den Herrschern Genüsse verschaffen, unter Umständen 
auch ein heiteres Phäakenleben der Regierten begünstigen. 
Aber sie erstickt die edleren Regungen in der Nation, sie 
hindert die Entwicklung der Geisteskräfte, sie erdrückt jede 
Freiheit. Sie ist vorzugsweise der thierischen Seite in der 
Menschennatur zugewendet und vernachlässigt die geistige Seite. 

Man darf die Interessenpolitik nicht immer hieher 
rechnen, denn jede Politik musz die allgemeinen Volksinter- 
essen beachten und zu befriedigen suchen. Aber die plumpe 
Interessenpolitik, welche den materiellen und den selbstsüch- 
tigen Interessen alle andern unterordnet, gehört allerdings 
hieher und krankt an den Gebrechen einseitiger Realpolitik. 

Ebenso falsch und überdem thörichter, weil erfolgloser, 
ist die einseitige Idealpolitik, d. h. welche den Boden 
nicht prüft, auf dem sie steht und geht und daher ins Leere 
tritt und versinkt, welche die vorhandenen Kräfte und Macht- 
verhältnisse unrichtig schätzt und daher geschlagen wird, 
welche unausführbaren und unerreichbaren Idolen nachjagt 
oder sich von unklaren Gefühlen ins Verderben stürzen läszt. 

Von der Art ist die Phantasiepolitik, welche sich 
Zustände einbildet, die nicht vorhanden sind und sich für 
Traumbilder begeistert. Die Politik der Romantiker ist 
von der Art, welche für die Bilder des mittelalterlichen 

Bluntschli, die Politik. 3 



34 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



Lebens schwärmten und meinten, sie können wie durch einen 
Act der Zauberei die mittelalterlichen Stände, den frommen 
Klerus und den ritterlichen Adel wieder ins Leben rufen und 
die heutige industrielle Welt neuerdings mit Burgen und Klö- 
stern erfüllen. In Deutschland haben wir verschiedene Arten 
solcher Romantiker, die für ein eingebildetes Mittelalter be- 
geistert waren, kennen gelernt, romantische Könige, die sich 
für die Erneuerung des theokratischen Lehensreichs begeister- 
ten, und romantische Studenten, welche in schwarz-roth-gol- 
denen Träumen sich ergötzten. Beide hatten Unglück in der 
wirklichen Politik. Aber selbst berühmte Statsmänner sind 
gelegentlich in diesen Fehler verfallen. An dem Zuge Napo- 
leons I. nach Aegypten hatte die Phantasie einen zu groszen 
Antheil und sein kluger Neffe spielte in Straszburg und Bou- 
logne noch mit kindischen Einbildungen. 

Wohl darf der Statsmann auch auf die Phantasie der 
Völker zu wirken suchen. Er darf wohl denselben herrliche 
Bilder von Grösze, Macht, Freiheit vor die Seele halten und 
ihre Thatkraft spannen. Aber niemals darf der Statsmann 
sich auf die Einbildung verlassen; er musz sich vorsehen, dasz 
diese nicht im Anstosz an die harte Wirklichkeit zerplatze. 

Eine andere Art falscher Idealpolitik ist die Gefühls- 
politik. In der Politik gebührt dem Verstände, der Weis- 
heit, dem männlichen Geiste die Führung. Wenn sich die 
Politik von der Leidenschaft des aufgeregten Gefühls leiten 
läszt, von der Liebe oder dem Hasse, von der Rache oder 
der Furcht, so gelangt sie leicht auf gefährliche Irrwege und 
kommt zu Schaden. 

Man kann zweifeln, ob man die Politik , welche im Mittel- 
alter die Kreuzzüge in das gelobte Land verursachte, eher 
auf Rechnung der Phantasie oder des aufgeregten religiösen 
Gefühls setzen darf. Aber einseitige und unglückliche Ideal- 
politik war das jedenfalls. Die Religionskriege mit ihren 
verderblichen Wirkungen sind durchweg der Gefühlspolitik 



Viertes Capitel. Ideale und reale Politik. 



35 



zuzuschreiben. Auch der widersinnige, die Menschheit schän- 
dende Rassenhasz. zuweilen sogar verwandter Nationen und 
Stämme wider einander ist geeignet, das Volksgemüth irre zu 
führen und die Politik zu verderben. 

Also nicht die Trennung, sondern die Verbindung der 
Real- und der Idealpolitik ist das Richtige. Die reale Seite 
bildet die Unterlage einer verständigen Politik, die ideale 
Seite ist der eigenschaftliche Leitstern ihrer Bewegung. Jene 
ist vorzugsweise für die Mittel, diese für die Ziele maszgebend. 

Es ist in der Politik nicht anders als in der Kunst. Der 
blosze Naturalist, welcher Stein und Holz, Wollentücher und 
Seidenstoffe naturgetreu zu malen weisz, ist kein wahrer 
Künstler, wenn er diese Fertigkeit nicht der Idee des Schönen 
dienstbar macht. Aber wer schöne Linien zeichnet, ohne 
Naturwahrheit, befriedigt ebenso wenig. Die gröszten Künstler, 
wie Raphael oder Michel Angelo, waren immer zugleich 
Realisten und Idealisten. Gerade deszhalb ist Shakespeare 
der gröszte Dichter, weil in seinen Werken die leibhafte Na- 
turwahrheit mit der reichsten Gedankenfülle zu vollkommener 
Harmonie so geeinigt ist, dasz beide unlösbar mit einander 
verbunden sind. Aber nur in den gröszten Statsmännern er- 
kennen wir eine ähnliche Verbindung und Einigung der Real- 
mit der Idealpolitik, gleichsam personificirt , so z. B. in Pe- 
rikles und Alexander dem Groszen, in Julius Cäsar, in 
Karl dem Groszen und König Heinrich L, in Friedrich IL 
von Preuszen und Washington, in Lord Chatham und 
Pitt, in Napoleon L, dem Freiherrn von Stein und dem 
Grafen Cavour. Meistens überwiegt in den Einzelnmenschen 
und in den Völkern bald die eine, bald die andere Richtung, 
freilich ohne dasz die Gegenseite fehlen darf. 

Die englische Politik pflegt die realistische Seite nach- 
drücklicher hervorzuheben und ist voraus Intereesenpolitik ; 
aber sie ist doch nicht ideenlos; das beweist der mächtige 
Einflusz, welchen die englischen Ideen von < Volksrecht und 



36 



Erstes Buch. Natur und Charakter der Politik. 



politischer Freiheit in der Welt ausgeübt haben. Die fran- 
zösische Politik liebt voraus den idealen Schwung und pro- 
clamirt jeder Zeit eine Idee als ihr leuchtendes Ziel. „Nur 
die Franzosen sind bereit, für eine Idee einen Krieg zu wa- 
gen!" rühmte von ihnen Napoleon III. Aber neben diesem 
Idealismus zeigt sich in der französischen Politik doch ein 
starker realistischer Zug. Die Franzosen verschmähten es 
nicht, ihre ideale Begeisterung mit höchst realen Vortheilen 
sich bezahlen zu lassen. Das hat Europa immer erfahren, 
mochte der französische Stat von legitimen Königen oder von 
revolutionären Directoren oder Präsidenten oder von Napo- 
leonischen Imperatoren geleitet sein. 

In den letzten Jahrhunderten gelang es der deutschen 
Nation nicht, die harmonische Verbindung der realen und der 
idealen Politik herzustellen. Sie schwankte unglücklich hin 
und her zwischen dem realistischen Drucke absoluter Regie- 
rungen und unklaren idealistischen Einbildungen. Zuerst hat 
es die preuszische Politik verstanden, die leibhafte Wirk- 
lichkeit der Volkskräfte zu sammeln und zu steigern, indem 
sie ihr höhere ideale Aufgaben stellte. Das Gröszte, die 
Einigung Deutschlands und die Gründung und Erhebung des 
deutschen Reichs ist durch den Fürsten Bismarck herbei- 
geführt worden, den man vorzugsweise als Realpolitiker zu 
bezeichnen pflegt, und der in der That besser als irgend ein 
anderer lebender Statsmann die wirklichen Kräfte zu schätzen 
und damit zu rechnen versteht, der aber zugleich an idealen 
Gedanken ungewöhnlich fruchtbar ist und sich von den Ideen 
der nationalen und der männlich - freien Statenbildung , wie 
sie der Natur und der Bestimmung der Deutschen entspricht, 
im Groszen bestimmen läszt, also auch Idealpolitiker ist. 



Zweites Buch. 

Moderne politische Ideen. 



Erstes Capitel. 
Freiheit. 

Keine Idee übt eine stärkere Macht aus über die Men- 
schen und vorzüglich über politisch -begabte männliche Na- 
tionen als die Idee der Freiheit. Den Kämpfern für die Frei- 
heit der Völker und der Individuen weiht die Geschichte ihre 
schönsten Lorbeerkränze. Der Erwerb der Freiheit gilt als 
höchstes Ziel, ihr Genusz und ihre Uebung als herrlichster 
Genusz. 

Tocqueville hat die Frage aufgeworfen: worin denn die 
Liebe der Völker zur Freiheit wurzle, weszhalb sie zu den 
gröszten Thaten begeistere? und geantwortet 1 : „Nicht allein 
in dem Hasz gegen die Unterdrückung als solche; denn zu- 
weilen lassen sich auch freigeartete Völker eine vorüber- 
gehende Dictatur willig gefallen. Eine Freiheit, die nur 
einzelne Uebel des Despotismus ablehnt, ist nicht dauerhaft. 
Auch nicht in der Hoffnung auf materielle Güter, die als ihre 
Früchte gewonnen werden. Zwar ist es richtig, dasz die 
Freiheit die Völker, welche sie zu bewahren wissen, wohl- 

1 Ancien regime p. 270. 



38 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



habend, glücklich, oft sogar reich macht. Aber es gibt auch 
Zeiten, in denen die Freiheit diese Güter gefährdet, und 
Umstände, unter denen der Despotismus diese Vortheile besser 
sichert. Leute, die nur aus diesem Interesse sich für die 
Freiheit erklären, werden ihr nicht treu bleiben und wirklich 
freie Völker opfern, wenn es nöthig wird, auch diese Güter 
im Kampfe für die Freiheit. Die Freiheit hat , abgesehen von 
solchen Gütern , ihre besonderen Züge und ihren eigenen Reiz, 
womit sie das Herz .des Menschen so mächtig anzieht, die 
Freude, reden, handeln, athmen zu können, nur Gott und 
den Gesetzen unterthan, erhebt die Geister. Wer in der 
Freiheit etwas anderes sucht, als sie selber, der ist geneigt, 
ein Knecht zu werden." 

Ich denke, der tiefere Grund liegt darin, dasz die Frei- 
heit die Eigenschaft des Menschen ist, in welcher er sich 
seiner Gottähnlichkeit am deutlichsten bewuszt wird. 
Freiheit ist selbs tbewusztes und selbstbestimmtes 
Leben, d. h. Leben in höchster Potenz. In der Freiheit 
zeigt sich auch die schöpferische Kraft des Menschen wirk- 
sam; sie ist die Offenbarung seines Wesens in Worten, 
in Werken, in T baten. Wie Gott seine unendliche Frei- 
heit in der Schaffung des Weltkörpers und in der Bildung 
der Geschöpfe bewährt hat, so erfüllt der Mensch, das Eben- 
bild Gottes, seine Bestimmung, indem er die geistige, ge- 
müthliche und leibliche Anlage zu höchster Vollkommenheit 
mit Bewusztsein ausbildet und sein Wesen in der Welt offen- 
bar macht. 

Vergeblich mühen sich viele , und sogar grosze Theologen 
ab, dem Menschen die Freiheit abzusprechen und ihren Ge- 
brauch als Sünde zu verdammen. Neuerlich auch bestreiten 
manche speculative Philosophen und naturwissenschaftliche 
Forscher die Existenz des freien Willens und sehen in allen 
Handlungen des Menschen nur die unvermeidliche Notwen- 
digkeit der zwingenden Ursachen. 



Erstes Capitel. Freiheit. 



39 



Das Bewusztsein der Freiheit quillt immer wieder frisch 
auf aus dem tiefen Brunnen des menschlichen Selbstbewuszt- 
seins , dessen ewiger Urquell in dem göttlichen Geiste und der 
göttlichen Freiheit zu finden ist. Weiblich geartete Nationen 
verzichten wohl auf diese Freiheit, und unterwerfen sich 
stumpfsinnig und verzweifelnd der Herrschaft der Priester und 
der Despoten. Aber freie Völker lieben die Freiheit, be- 
haupten sie im Kampfe wider alle ihre Feinde und Unter- 
drücker und üben sie mit ungebeugtem Nacken, stolzem Sinne 
und offenen, glänzenden Augen. 

Notwendigkeit und Freiheit sind keineswegs 
identisch, sie unterscheiden sich wie Ruhe und Bewegung, 
wie Anlage und Entwicklung, wie Grund und Folge, wie 
Unterlage und Eigenschaft unterschieden sind. Aber sie sind 
auch nicht ein feindlicher Widerspruch, sondern gehören 
zusammen als zwei Seiten Eines Wesens. Unsere Natur 
ist unsere Notwendigkeit, unsere Thaten sind der Ausdruck 
unserer Freiheit. Ob Raphael diesen oder jenen Stoff zu 
einem Gemälde wähle, ob er die Figur im Einzelnen so oder 
anders zeichne und male, das ist seine Selbstbestimmung. 
Aber dasz das Gemälde seiner Natur entspreche, Raphaelisch 
sei, das ist Nothwendigkeit. Als Cäsar den Rubicon über- 
schritt, und als er die dargebotene Krone ablehnte, war das 
sein freier Entschlusz. Seine groszen Thaten tragen aber 
den Stempel der Cäsarischen Natur und insofern der in ihm 
wirkenden Nothwendigkeit, Die Nothwendigkeit dient der 
Freiheit zur Voraussetzung als Anlage , die Freiheit entwickelt 
diese Anlage mit Selbstbestimmung und Wahl. Die Noth- 
wendigkeit ist die Ausdehnung, die Freiheit ist die Concen- 
tration. Die Nothwendigkeit ist die Kraft im Ganzen, die 
Freiheit ist die Bewährung der Kraft im Einzelnen. 

Die höchste denkbare Freiheit ist die Freiheit Gottes, 
weil sie zur nothwendigen Grundlage die Allmacht hat, und 
ihr Fortschritt ein unendlicher ist. Die höchste menschliche 



40 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



Freiheit ist die des genialen Statsmanns, dem die reichen 
Kräfte eines groszen männlichen Volkes zu Willen sind, um 
seine weltbewegenden und weltgestaltenden Thaten zu ver- 
wirklichen. 

Die naturrechtliche Schule der letzten Jahrhunderte und 
die radicale Schule der Revolutionsperiode pflegen die mensch- 
liche Freiheit als eine schrankenlose vorzustellen. Sie ver- 
wechseln dieselbe mit der göttlichen Freiheit. Die mensch- 
liche Freiheit kann nicht eine absolute sein, weil die Kraft, 
die sich in ihr offenbart, keine unbegrenzte ist. Sie ist not- 
wendig eine beschränkte, relative, weil sie in der abge- 
leiteten und beschränkten Menschennatur ihre Grundlage hat. 

Wenn sich die Römer auch die Sclaverei als die abso- 
lute Verneinung aller Freiheit, weil aller Persönlichkeit vor- 
stellten, so begingen sie denselben Irrthum, auf der entgegen- 
gesetzten Seite. So wenig die Freiheit der Menschen eine 
absolute ist, so wenig kann ihre Knechtschaft eine absolute 
sein; jener widerspricht die beschränkte Menschenkraft, dieser 
widerstreitet die Fülle von persönlicher Geistes- und Willens- 
kraft; welche Gott der menschlichen Natur eingepflanzt hat, 
welche die Tyrannei andrer Menschen zwar hemmen und 
drücken, aber nicht vernichten kann, so lange der Mensch 
athmet, sein Gehirn arbeitet und sein Herz schlägt. 

Wie die Kräfte und Fähigkeiten der Geschöpfe verschie- 
den bemessen sind, so gibt es auch Unterschiede und 
Abstufungen in der Freiheit. 

Die ersten Keime geschöpflicher Freiheit lassen sich schon 
in dem Pflanzen leben entdecken; denn die Wurzeln der 
Pflanzen greifen im Boden umher, Nahrung zu finden, die 
Zweige schlingen sich um die Stützen, an denen sie Festig- 
keit suchen, die Triebe wenden sich dem Lichte zu, die Blüthe 
erschlieszt sich dem Sonnenstrahl. Aber die Pflanzen sind 
noch festgehalten von der Erdoberfläche, in der sie wurzetn, 
und sie haben kein Bewusztsein ihrer Selbstbewegung. 



Zweites Capitel. Freiheit. 



41 



Eine höhere Stufe hat die Freiheit der Thierwelt 
erreicht. Das Thier ist nicht mehr gebunden an den Ort seiner 
Geburt. Mit relativer Wahl ändert es seinen Platz. Es sucht 
in weitem Räume seine Nahrung auf. Dabei entwickeln sich 
auch seine geistigen Fähigkeiten. Wie ein Jäger übt es Ge- 
duld, List, Gewandtheit, Kühnheit, um seinem Opfer beizu- 
kommen und es zu packen. Ebenso regt der Geschlechtstrieb 
des Thieres die ruhenden Seelenkräfte desselben auf. Ohne 
eine relative Freiheit läszt sich nicht erklären, wie die Weib- 
chen die Männchen zu locken, diese jene zu verfolgen ver- 
stehen, wie die Vögel ihre Nester bauen, wie die Alten die 
Jungen ernähren und wider ihre Feinde vertheidigen. Rela- 
tive Wahl und Selbstbestimmung ist unzweifelhaft auch in 
dem zu finden, was man thierischen Instinct nennt. 

Aber die volle, schöpferische, gottähnliche Freiheit ist 
doch nur bei dem Menschen zu finden, dessen Selbstbe- 
wusztsein zur Selbsterkenntnisz gesteigert ist, und 
dessen Willen auch der Verantwortlichkeit gegen Gott 
und die Menschheit inne geworden ist, der sich selber 
Rechenschaft gibt über seine Natur und über seine Tha- 
ten, der sein Wesen auch schöpferisch auszusprechen 
vermag in Gedanken, Bildern, Thaten. Die menschliche 
Freiheit setzt die Persönlichkeit der Menschen voraus. 
Sie ist deren Bewährung und Darstellung im Leben. 

Unter den Menschen selber aber, den Nationen und den 
Individuen , bestehen hinwieder Unterschiede der angeborenen 
Naturanlage, der Erziehung und der Bildung, welche auch 
auf die Thaten wirken. Der Grad der menschlichen Freiheit 
steigt und fällt mit den Kräften und Fähigkeiten, welche in 
ihnen wirksam sind. Deszhalb hat nur ein männlich geartetes 
Volk die Zuversicht und den Willen, die Freiheit zu erkämpfen 
und zu behaupten. Deszhalb verfallen weiche, demüthige, 
autoritätssüchtige Naturen leicht in die Knechtschaft. Desz- 
halb wird auch die höchste politische Freiheit nicht gesichert 



42 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



durch irgend welche feierliche Verkündung ihrer Principien. 
sie ist nur dann wirklich gesichert, wenn sie von einem Volke 
vertheidigt und ausgeübt wird, das mit männlichem Cha- 
rakter sich selber beherrscht, und dessen männlicher 
Geist seiner selbst bewuszt sich selber bestimmt. 
Aus demselben Grunde ist die Erziehung zur Freiheit 
für Nationen und für die einzelnen Familien und die Be- 
wahrung der noch leicht bestimmbaren Jugend vor der Knech- 
tung ihres Geistes und vor Brechung ihres Charakters, wie 
die Jesuitenschulen solche durch jesuitische Entmannung und 
Dressur der Jugend künstlich versuchen, von entscheidender 
Bedeutung für ein wirklich freies Volk. 

Die Freiheit als Idee des modernen Statslebens ist 
höher und hat einen weiteren Umfang noch als der Rechts- 
begriff der Freiheit, 2 der auch von ihr beleuchtet wird und 
in welchem sie bereits eine geschützte Existenz erreicht hat. 
Sie begreift das ganze persönliche Leben der Völker und der 
Einzelnen, so weit es im State zur Offenbarung gelangt und 
der statlichen Beachtung würdig ist : also auch die Entwick- 
lung der noch latenten Kräfte und Fähigkeiten, auch derer, 
welche noch nicht in Rechtsinstitutionen verwirklicht, noch 
nicht durch Rechtsgesetze geschützt sind. 

Der Gegensatz der Volksfreiheit und der Privatfrei- 
heit, den wir bereits im allgemeinen Statsrecht erörtert 
haben, wiederholt sich in der politischen Betrachtung. Er 
erhält aber wieder eine potenzirte Bedeutung. 

I. Die Volksfreiheit oder die politische Freiheit 
im engern Sinn fordert einen Stat, dessen Volk unabhängig 
ist von jeder fremden Herrschaft, welches in der Gesetzgebung 
des Landes sich selber bestimmt und seinen eigenen Willen 
ausspricht und wenn auch nicht, wie in der Republik, sich 
selber regiert, doch die Regierung controlirt und beschränkt 
und seine Meinungen und Wünsche selbständig äuszert. 

2 Bd. II. Statsrecht. Buch IX. Cap. 1. 



Erstes Capitel. Freiheit. 



43 



Die Fremdherrschaft schlieszt die Freiheit des be- 
herrschten Volkes aus. Die deutschen Staten, welche zu dem 
Uli einbunde von 1806 gehörten, waren unfrei, weil ihre aus- 
wärtige Politik von dem französischen Kaiser, als dem Pro- 
tector des Rheinbunds, und daher nicht nach ihrem eigenen 
Bedürfnisz und Willen geleitet wurde. Die Italiener waren 
unfrei, so lange bald Oesterreich, bald Frankreich ihre Po- 
litik bestimmten. 

Dagegen begründet eine ursprünglich fremde Dynastie 
nicht nothwendig Unfreiheit des Volkes, nämlich dann nicht, 
wenn dasselbe die fremde Dynastie freiwillig herbeiruft, 
wie die Engländer den Prinzen Wilhelm von Oranien, so in 
unsrer Zeit die Belgier den Prinzen von Koburg, die Griechen 
erst einen bayrischen, später einen dänischen Prinzen, die 
Spanier einen italienischen, die Rumänen einen Hohenzollcrn 
u. s. f.; und dann nicht, wenn die fremde Dynastie sich selber 
dem Volke assimilirt und in dem Lande acclimati- 
sirt. dessen Haupt sie geworden ist. Dadurch hört die Dy- 
nastie auf, eine fremde zu sein, sie wird zur einheimischen. 

Der Kampf gegen die Fremdherrschaft nimmt daher 
durchweg den Charakter eines Befreiungskampfes an. 

Die negative Seite der Volksfreiheit zeigt sich ebenso 
in der Ablehnung einer unstatlichen Herrschaft, wie in 
der Abwerfung der Fremdherrschaft. Das Ideal der mittel- 
alterlichen Hierarchie , der heutigen Jesuiten und des Papstes 
Pius IX., welches alle Könige und Völker der Oberhoheit des 
römischen Papstes, als dem Stellvertreter Gottes und dem 
Herrn der Welt unterordnet, bedroht alle Staten mit dem 
Verlust ihrer Freiheit. Nur ein unmännliches oder ein ent- 
manntes Volk wird sich eine solche auszerhalb des States 
wurzelnde Priesterherrschaft gefallen lassen. Freie Völker 
werden dieselbe jeder Zeit von sich ablehnen und solche 
Anmaszung mit Verachtung zurückwerfen. 

Die positive Seite der Volksfreiheit zeigt und bewährt 



44 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



sich in der Mitwirkung des Volks an der Ordnung seiner 
öffentlichen Angelegenheiten , in dem lebendigen Interesse an 
dem Statsleben, in der offenen Meinungsäuszerung darüber, 
in dem Widerspruch gegen jede Miszregierung, in dem Ge- 
brauch der verfassungsmäszigen Volksrechte und der patrio- 
tischen Uebung der öffentlichen Pflichten. Die Volksfreiheit 
in diesem Sinne ist nicht denkbar ohne Volkstugend, nicht 
ohne Volksbildung, nicht ohne Patriotismus, nicht ohne Arbeit 
für das öffentliche Wohl. Sie ist nicht bloszer Genusz ab- 
stracter Befugnisse, sondern Selbstbestimmung und Selbst- 
tätigkeit der Volksperson. 

Die Franzosen sind geneigt, auch die Volksfreiheit aus 
dem Standpunkt eines Menschenrechts zu betrachten und 
voraus auf die formelle Aussprache allgemeiner 
Rechtsgrundsätze (Grundrechte) als Volksfreiheiten AVerth 
zu legen. Die Engländer sehen in ihrer Volksfreiheit vor- 
nehmlich das Ergebnisz der englischen Verfassungsgeschichte 
und schätzen sie besonders als ein von den Vätern über- 
kommenes Stammgut, das die Nachkommen zu erhalten und 
zu erweitern die Aufgabe haben. Wir Deutsche bringen die 
Volksfreiheit in engsten Zusammenhang mit der Naturan- 
lage des Volks und mit der Bildung desselben. 3 

Deszhalb ist die politische Volkserziehung und Volks- 
bildung eine unentbehrliche Grundlage wahrer Volksfreiheit. 
Ein ungebildetes Volk hat die Fähigkeit nicht, selbstbewuszt 
und selbstthätig sein öffentliches Leben zu gestalten. Es wird 
leicht miszleitet und von falschen Autoritäten gefangen ge- 
nommen. Ein politisch gebildetes ist zwar auch nicht vor 
Irrthum und Miszleitung völlig gesichert, aber es weisz sich 
doch leichter zurechtzufinden und versteht es besser, seine 
Kräfte dem öffentlichen Wohle zu widmen. Die intellectuelle 

3 Tocqueville Oeuvres Bd. VIII. 339 aus England: „Ici la liberte 
n'est pas un droit de Thomme, mais un privilege particulier de l'Anglais. 
L'Allemand, lui, dit que la liberte est un fruit de Teducation." 



Erstes Capitel. Freiheit. 



45 



Bildung allein reicht aber hier nicht aus; die Charakterbildung, 
die Hebung der öffentlichen Pflichten ist noch wichtiger. Je 
tüchtiger diese Volksbildung ist, um so freier und desto 
mächtiger wird das Volk. 

Bildungsmittel der Art sind: 

a) eine gute. Volksschule für Alle, d. h. auf allge- 
meiner Schulpflicht beruhend; 

b) hohe und freie wissenschaftliche Bildung für 
die Träger der statlichen Berufsämter, und sogar, wenn auch 
in minderem Grade, für die statlichen Ehrenämter; 

c) kriegerische Bildung in dem Volksheer, mit all- 
gemeiner Wehrpflicht, welche die politische Tugend übt; 

d) Hebung in den bürgerlichen Pflichten, Theil- 
nahme an den Wahlen , an den Gemeindeversammlungen 
und Ausschüssen, an der Rechtspflege als Schöffen und Ge- 
schworne u. s. f. ; 

e) Ausbildung des Verständnisses für statliche Auf- 
gaben und Interessen , Betheiligung an den gemeinnützlichen 
Vereinen, und an gemeinsamen Arbeiten und Werken stat- 
licher Cultur und gesellschaftlicher Wirthschaft , die geweckte 
Aufmerksamkeit auf die öffentliche Meinung und deren Organe; 

f) Oeffentlichkeit der gesetzgebenden Körper und der 
Justiz, unter allen Umständen aber sind die niedere Selbst- 
sucht und die bequeme Trägheit zu bekämpfen und es sind 
alle Volksclassen zu freiwilliger Unterordnung unter das Ganze, 
zu angestrengtem Pflichteifer und zur Vaterlandsliebe zu er- 
ziehen. 

II. Der Stat hat überdem die Aufgabe, auch die Privat- 
freiheit zu entfesseln und zu fördern. Das ist wesentlich 
die Aufgabe der Politik, wie der Schutz der Privatfreiheit 
gegen Angriffe und Schädigungen durch Andere die Aufgabe 
des Rechtes ist. 

Die Privatfreiheit zeigt sich voraus: 

1) in der persönlichen Erscheinung der Einzelnmen- 



46 



Zweites ttuch. Moderne politische Ideen. 



sehen, in der Wahl ihrer Kleidung, Nahrung, Wohnung, 
Bewegung. 

John Stuart Mill hat darauf aufmerksam gemacht, dasz 
unsre Zeit eine übertriebene Neigung zur Gleichheit habe und 
in Folge dessen die freie Selbstbestimmung der Individuen 
durch die gesellschaftlichen Sitten und Moden allzusehr ein- 
enge und niederdrücke. Er ist der Meinung, dasz um desz- 
willen die sogenannten Originale seltener werden, als es 
für die Mannichfaltigkeit des Lebens und für den Fortschritt 
der Menschen gut sei und dasz am Ende die flache und lang- 
weilige Mittel mäszigkeit allzu sehr überhand nehme. 4 
Es ist nicht zu läugnen, dasz die gesellschaftliche Tradition 
und dasz die Mode, welche eher dem Wechsel als der Ver- 
vollkommnung dient, oft eine tyrannische Herrschaft über die 
Menschen üben, welcher der Einzelne sich nicht entziehen 
kann, ohne schweren Schaden zu leiden. Unsere Sitten sind 
in dieser Hinsicht weniger frei als unsere Gesetze. Die na- 
türliche Mannichfaltigkeit der Individuen kommt nicht zu 
voller Geltung. Daher ist es an der Zeit, auch das Bewuszt- 
sein dieser persönlichen Freiheit zu wecken und Achtung für 
dieselbe zu verlangen. 

Freilich hat auch die Nationalität einen natürlichen An- 
spruch darauf, der äuszern Erscheinung der Volksgenossen 
wie in der Sprache, so in den Trachten und Sitten ihren 
gemeinsamen Charakter einzuprägen. Auch die Gesellschaft 
kann einer gewissen Gleichheit nicht entbehren und hält mit 
Grund alles Unpassende und Störende von sich fern. Die 
Originalität darf nicht bis zur Karikatur übertrieben, sie darf 
nicht lächerlich oder abgeschmackt oder unanständig werden. 
Aber innerhalb der nationalen und gesellschaftlichen Gleich- 
mäszigkeit und innerhalb der wohlanständigen Sitte ist eine 
überaus reiche individuelle Mannichfaltigkeit möglich und 

4 J. St. Mill über die Freiheit, übersetzt von Pickford. Frank- 
furt a. M. 1860. Cap. 3. 



Erstes Capitel. Freiheit. 



47 



zweckinäszig. Es ist daher eine seltsame Erfahrung, clasz die 
Damen diese Mannichfaltigkeit weit geschickter und freier 
in ihrer gesellschaftlichen Toilette darzustellen verstehen , als 
die Herren, welche auch für den bürgerlichen Gesellschafts- 
anzug sich einer Art Uniform unterwerfen, die doch nur für 
das Heer und Amt paszt. 

2) Die wirtschaftliche Gewerbe- und Berufsfrei- 
heit, kraft welcher Jedermann die Arbeit wählt, welche sei- 
nen persönlichen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und 
die Geschäfte betreiben kann, welche ihm gefallen. 

Es war der wirthschaftlichen Umgestaltung der Neuzeit 
vorbehalten, diese Gewerbefreiheit gesetzlich von den Fesseln 
zu befreien, welche die älteren Zunftordnungen und die 
frühere Statsbevormundung ihr angelegt hatten. Die Industrie 
ist seither vollkommener geworden. Aber diese Freiheit hat 
zugleich die egoistischen Triebe und Leidenschaften entfesselt, 
und in der Concurrenz einen heftigen Widerstreit der per- 
sönlichen Interessen hervorgerufen. Das richtige Gleichgewicht 
zwischen Leistung und Lohn, und zwischen der Macht des 
Capitals und dem Werth der Arbeit ist noch in gefährlicher 
Schwankung begriffen. Dennoch beruht der Fortschritt der 
Gesellschaft auf der Bewahrung und Uebung dieser Gewerbe- 
freiheit, und es ist nur ihre Beziehung zu der menschlichen 
Gesellschaft überhaupt näher zu bestimmen und harmonisch 
auszubilden. 

3) Die höchste und wirksamste Freiheit, die unerschöpf- 
liche Quelle aller andern Freiheit ist die Geistesfreiheit, 
in ihren beiden Hauptrichtungen, der religiösen und der 
wissenschaftlichen Freiheit. 

Die religiöse Freiheit zerstört die falsche, naturwidrige 
Einheit des Glaubens; sie entfaltet die Mannichfaltigkeit der 
Bekenntnisse, und sie macht diese zugleich aufrichtiger, wahr- 
hafter und daher Gott wohlgefälliger als die heuchlerische 
oder unbewuszte und geistesträge Uebung des gleichmäszigen 



48 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



Gottesdienstes. Sie wurde allmählich nur in dem christlichen 
Europa und anfangs nur in sehr engen Gränzen anerkannt. 
Die deutsche Kirchenreform des sechszehnten Jahrhunderts 
offenbarte die Macht des individuellen Gewissens und befreite 
einen groszen Theil Europa' s von dem Despotismus der römi- 
schen Hierarchie. Die Aufklärungsperiode des achtzehnten 
Jahrhunderts räumte in katholischen und protestantischen 
Ländern mit vielen herkömmlichen Yorurtheilen auf, und er- 
klärte den Zweifel an dem Kirchendogma für berechtigt und 
begründet. Allmählich überzeugten sich die Völker, dasz 
Hexerei und Zauberei Mährchen seien, und dasz Ketzerei 
kein strafbares Verbrechen sei. , Dann proclamirte die fran- 
zösische Revolution und wirksamer die nordamerikanische 
Union volle Bekenntnisz- und Cultusfreiheit. 

Lange Zeit war die Wissenschaft von der Kirche bevor- 
mundet und ihre freie Entwicklung gehemmt durch die kirch- 
liche Autorität. Die Wissenschaft, d. h. das Forschen nach 
Wahrheit, und das Erkennen der Wahrheit auf dem Wege 
richtigen Denkens, kann sich nur durch die Gesetze des 
Denkens leiten und bestimmen lassen , wie dieselben von dem 
Selbstbewusztsein des menschlichen Geistes aus zu begründen 
sind. Deszhalb kann die Wissenschaft, welche auch die Wahr- 
heit des Glaubens zu prüfen hat. sich nicht von dem Glauben 
bestimmen und beherrschen lassen. Ihr gegenüber ist der 
Glaube, auch der wahre Glaube, doch immer eine ungehörige 
und falsche Autorität. 

Diese wissenschaftliche Freiheit haben in Europa zuerst 
die Italiener zur Zeit der Renaissance erfaszt und geübt. 
Aber bald nachher wurde das noch schwache Licht wieder 
gelöscht von der kirchlichen Reaction, die in der zweiten 
Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts in den katholischen 
Ländern von dem Jesuitenorden geleitet, und in den prote- 
stantischen Ländern der orthodoxen Theologie dienstbar wurde. 
Es ist die unsterbliche Ehre der deutschen Nation, zuerst 



Erstes Capitel. Freiheit. 



49 



und mit nachhaltiger Kraft die wissenschaftliche Freiheit er- 
kämpft, grundsätzlich vertheidigt und practisch geübt zu haben. 
Heute noch stehen in dieser Hinsicht selbst hochfreie Natio- 
nen, wie die Engländer und die Nordamerikaner, hinter der 
deutschen an wahrer Geistesfreiheit zurück , indem bei jenen 
thatsächlich der herkömmliche Kirchenglaube noch der wissen- 
schaftlichen Erforschung der Wahrheit schwere Hindernisse 
zu bereiten vermag und die freie Aussprache der erkannten 
Wahrheit vielfältig hemmt. Wenn auch die Gesetze und das 
bestehende Kecht den Naturforscher schützen, dessen Ueber- 
zeugung der Mosaischen Schöpfungssage widerstreitet; wenn 
gleich der kritische Historiker nicht gestraft wird, dessen 
Forschungen die biblische Geschichte berichtigen; wenn ferner 
der Philosoph auch die kirchlichen Dogmen bestreiten und 
anfechten kann, ohne vor Gericht gezogen zu werden, so 
haben trotzdem die Bande der kirchlichen Autorität ihre 
Macht auch über die wissenschaftliche Arbeit noch nicht ver- 
loren. — Die öffentliche Meinung behandelt noch jede von 
dem hergebrachten Offenbarungsglauben abweichende Mei- 
nungsäuszerung mit unverholener Feindschaft. Die Gesell- 
schaft wittert noch in dem Freidenker einen irreligiösen Men- 
schen, oder gar einen Gottesläugner, und meidet ihn wie 
einen Geächteten. 

Nur in Deutschland, allerdings vorzugsweise in dem pro- 
testantischen Deutschland, ist diese wissenschaftliche Freiheit 
zu unangefochtener und voller Anerkennung und Uebung ge- 
langt. Die deutsche Wissenschaft betrachtet diese Freiheit 
als den köstlichsten Schatz und die kräftigste Bürgschaft allen 
Fortschrittes der Menschheit. 

Vergeblich wird der Einwand erhoben, nur die (objective) 
Wahrheit habe ein Kecht auf Verbreitung , nicht der Irrthum. 
Die Erfahrung aller Zeiten lehrt, dasz der Irrthum eine un- 
vermeidliche Vorstufe ist für jede wissenschaftliche Erkennt- 
nisz einer neuen Wahrheit. Der Forscher musz irren dürfen, 

Uluntschli, die Politik. 4 



50 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



sonst kann er die verborgene Wahrheit nicht finden. Der 
offene Kampf der Wahrheit mit dem Irrthum ist nöthig, um 
den Sieg jener vollkommen und das Licht jener heller zu 
machen. Der Irrthum dient nicht allein zum Aufsuchen der 
Wahrheit, er dient auch zur Reinigung der Wahrheit von 
Entstellungen und Uebertreibungen und zur Stärkung der 
Wahrheit gegen Angriffe und Miszverständnisse. 

Das gläubige Gemüth mag den Priester oder die Kirche 
als den untrüglichen Verkündiger religiöser Wahrheiten mit 
Vertrauen und Hingebung verehren; der denkende und prü- 
fende Verstand kann Niemandem die Fähigkeit und die Be- 
fugnisz zuschreiben, seine wissenschaftlichen Zweifel durch 
seine Autorität niederzuschlagen. Er verlangt, durch wissen- 
schaftliche Beweisführung widerlegt und überzeugt zu werden 
und er behält sich vor, die Richtigkeit derselben zu prüfen. 
Dem wissenschaftlichen Forscher erscheint daher der An- 
spruch des römischen Papstes, selbst für die Wissenschaft eine 
unfehlbare Autorität in Sachen des Glaubens und der Sitten 
zu sein, als eine unsinnige Vermessenheit. Der Kirche kommt 
noch weniger als dem Stat eine wissenschaftliche Autorität 
zu. In wissenschaftlichen Untersuchungen weisz sich Jeder 
allen andern Menschen gegenüber frei, und ist Niemand vor 
Irrthum gesichert. 

Dennoch kann die Menschheit die hoffnungsvolle Zuver- 
sicht nicht aufgeben , dasz der Wahrheit im Kampfe mit dem 
Irrthum, wenn beide frei sich bewegen, der endliche Sieg 
verbleiben werde. Diese Zuversicht hat ihren tiefen Grund 
in dem Bewusztsein des menschlichen Geistes, dasz er aus 
dem göttlichen Geiste stamme, und dasz die Bestimmung der 
Menschheit von Gott gesetzt sei. 

Aber es ist ein gefährlicher Irrthum, zu wähnen, dasz 
jeder Zeit die Wahrheit über den — vielleicht eingewurzelten, 
und von der Statsgewalt beschützten Irrthum siegen müsse. 5 

5 Mi 11 Freiheit, S. 39 ff. 



Erstes Capitel. Freiheit. 



51 



Es ist möglich, dasz Irrthümer im Bunde mit mächtigen 
Autoritäten und mit der Gewalt während Jahrhunderten sieg- 
reich fortherrschen. Die Geschichte des Mittelalters hat diese 
Erfahrung mit blutigen Belegen bezeugt. Nicht ohne die 
gröszten Opfer von Menschenwohl und Menschenleben hat 
in der neuern Zeit die freie Wissenschaft sich von der Ty- 
rannei veralteter Irrthümer losgerungen. Heute noch wird 
sie genöthigt, mit Aufbietung aller ihrer Kräfte den Kampf 
um ihr Dasein zu erneuern. Zwar hat der Donner der Ka- 
nonen die Macht nicht, einen Irrthum in Wahrheit oder eine 
Wahrheit in Irrthum zu verkehren ; alle Heeresmacht der Welt 
vermag nicht, eine richtige Beobachtung zu entkräften, oder 
eine erkannte Wahrheit zu zerstören. Aber die Gewalt ist 
oft stark genug, die Verbreitung einer Wahrheit zu hindern, 
und den Vertreter derselben seiner Freiheit oder seines Le- 
bens zu berauben und unter dem schützenden Schilde der 
Statsgewalt oder selbst einer bestehenden kirchlichen Auto- 
rität über die Bevölkerung kann ein Irrthum lange Zeit jeden 
Angriff abschlagen und jede Widerlegung thatsächlich ver- 
hindern. 

Nur die wichtigsten menschlichen Wahrheiten werden, 
wenn sie gleich lange Zeit verborgen oder während Jahr- 
hunderten unterdrückt waren, unter günstigen Umständen und 
von dem unaustilgbaren Verlangen des Geistes nach Freiheit 
und Wahrheit neuejitdeckt oder wiedergefunden, ihre dann 
glücklicheren Bekenner und Vertreter finden. 

Indem der Stat die Geistesfreiheit nicht blosz in seiner 
Rechtsordnung schützt, sondern auch durch seine Bildungs- 
anstalten pflegt und die vorzüglichsten Vertreter derselben 
ehrt, trägt die Politik mächtig bei zu einer glücklichen Ent- 
faltung des nationalen Geistes und wirkt segensreich für die 
Menschheit. 



52 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



Zweites Capitel. 
Gleichheit. 

Die politische Idee der Gleichheit übt in dem mo- 
dernen Weltalter eine viel stärkere Macht über die Gemüther 
aus als während des Mittelalters, welches im Gegentheil die 
ständischen Unterschiede mit Vorliebe beachtete. Mit beson- 
derem Nachdrucke wurde die Gleichheit im vorigen Jahrhundert 
in der französischen Literatur (Rousseau) als das Ideal 
der Zukunft verherrlicht, und die Ungleichheit als das Erb- 
übel der Menschheit verurtheilt. Die französische Revolution 
proclamirte sofort bei Beginn ihrer Herrschaft die Gleichheit 
als das Grundgesetz der Menschheit. Die Franzosen be- 
geisterten sich für Freiheit und Gleichheit; aber sie liebten 
die Gleichheit mehr noch als die Freiheit. 

Die Gleichheit wurde damals vorzugsweise verstanden als 
Bekämpfung der privilegirten Stände und Classen. Erhebung 
der zahlreichen bürgerlichen Classen auf dieselbe Höhe mit 
dem seiner Vorrechte entkleideten Adel und Klerus. Die 
Gleichheit sollte wie das bürgerliche Recht, so auch die Ge- 
sellschaft und den Stat durchdringen und umbilden. Die 
Rechtsgleichheit wurde im Namen der Gerechtigkeit gefordert, 
und diese mit der Gleichheit für dasselbe erklärt. Alle Unter- 
schiede der Abstammung und der Rasse, wie des Berufs und 
der Bildung sollten für die Ordnung des Stats und das Leben 
des Volks wirkungslos sein. 

Ohne Zweifel ist die Gleichheit, richtig verstanden und 
richtig bemessen, ein groszes Princip der Menschheit und eine 
fruchtbare politische Idee, die nicht völlig in der Rechtsgleich- 
heit einen gesetzlichen Ausdruck findet, sondern darüber 
hinaus auf die Sitten und den Verkehr der Menschen zu 
wirken hat. 

Aber wenn es wahr ist, dasz die wahre Gleichheit die 



Zweites Capitel. Gleichheit. 



53 



Rechtsbildung und die Rechtshandhabung bestimmt und hält, 
wie denn die Wage das Symbol der Gerechtigkeit ist; so ist 
es nicht minder wahr, dasz die überspannte und falsche Gleich- 
heit alle Ordnung verkehrt, die reiche organische Natur des 
States in einen formlosen Brei aufzulösen droht, und zu 
offenbarem Unrecht wird. 1 

Die Miszachtung der wahren Gleichheit, d. h. welche auf 
gleichen Voraussetzungen beruht, wird als eine ungerechte 
und verwerfliche Beleidigung und Kränkung auch dann 
empfunden , wenn es keine gerichtliche Rechtshülfe dafür gibt. 
Die Nichtbeachtung der naturgemäszen und wirklichen Ver- 
schiedenheit aber wird auch dann als ein Mangel entweder 
an verständigem Urtheil oder an Bescheidenheit und Anstands- 
gefühl erkannt, wenn sie sich auf die scheinbare Gleichheit 
irrthümlich beruft. 

Gleich sind die Menschen mit Bezug auf ihre Gattungs- 
natur, in Körperbau, Organen der Seele und des Geistes, 
Altersentwicklung, Lebensbedingungen und Lebensschranken, 
gleich als Menschen und voraus als Personen. 

deich sind ferner die Volks- und Statsgenossen, 
insofern sie alle in gleicher Weise mit dem State verbunden 
sind, von dem State geschützt und in ihrem gemeinsamen 
Leben gefördert werden , insofern als sie alle öffentliche 
Pflichten haben und alle betheiligt sind an dem Wohl und 
Wehe des Vaterlandes und des Stats. 

Aber die Politik darf nicht auch dann noch die Gleich- 
heit fordern, wenn nicht mehr gleiche Voraussetzungen , son- 
dern offenbare Unterschiede zu Tage treten. Sonst geräth 
sie auf die Irrwege und in das Verderben der falschen 
Gleichheit. 

Der Gegensatz zeigt sich am deutlichsten in einzelnen 
Anwendungen : 

1 Vgl. oben Allg. Statsrecht B. II. Buch IX. Cap. 6. 



54 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



1) Indem der Stat die Sclaverei ebenso im Namen der 
wahren Gleichheit wie der Freiheit verwirft, würde die Läug- 
nung jedes Unterschiedes zwischen Obrigkeit und Unter- 
thanen, Regierung und Regierten, Richtern und Par- 
teien eine thörichte Anwendung der falschen Gleichheit sein. 

2) Wenn der Stat im Namen der wahren Gleichheit das 
Eigenthum eines Jeden in gleicher Weise ordnet und 
schützt und weder privilegirte Rittergüter noch mit ewigen 
Reallasten beschwerte Bauergüter mehr zuläszt, so folgt dar- 
aus nicht, dasz der Stat auch für gleiche Vertheilung der 
vorhandenen Werthgüter zu sorgen habe, wie die Communi- 
sten es anstreben. Die verschiedene Erfüllung des Eigen- 
thums je nach Fleisz, Geschick, Sparsamkeit der Eigenthümer 
hat in den verschiedenen Anlagen und in der verschiedenen 
Ausbildung und Uebung der Talente einen natürlichen Grund 
und es musz der Stat diese Verschiedenheit ebenso aner- 
kennen, wie jene Gleichheit. Die Vervollkommnung der 
menschlichen Arbeit fördert zugleich die gleichen Genüsse 
Aller und die individuellen Vermögensunterschiede. Die Durch- 
führung auch der falschen Gleichheit würde schlieszlich zu 
gleicher Armuth und gleichem Elend Aller führen. 

3) Wohl fordert der moderne Stat gleiche Wehrpflicht 
von Jedermann, und hat die Privilegien der Militärbefreiung 
— abgesehen von unbedeutenden Ausnahmen — abgeschafft. 
Aber es wäre doch eitel Thorheit, wenn der Staat nicht zu- 
gleich auf die Unterschiede des Lebensalters und der körper- 
lichen Tauglichkeit achten , wenn er nicht die gleiche Wehr- 
pflicht nach dem Masze der verschiedenen Wehrkräfte ordnen 
wollte. 

4) Ebenso fordert der moderne Stat gleiche Steuer- 
pflicht Aller, und hat auch die Immunitäten der Steuer- 
befreiung aufgehoben. Aber um deszwillen ist der Stat nicht 
genöthigt, die gleiche Kopfsteuer Aller als Hauptsteuer 
einzuführen, noch eine gleiche Einkommenssteuer zur 



Zweites Capitel. Gleichheit. 



55 



alleinigen Steuer zu machen. Vielmehr darf der Stat und soll 
der Stat Rücksicht nehmen auf die Unterschiede des Privat- 
vermögens, auf die verschiedenen Beziehungen, in denen theils 
bestimmte Güterarten, theils der Erwerb, die Bewegung, der 
Genusz solcher Güter zu dem Gemeinwesen stehen und auf die 
Gegensätze der persönlichen Steuerkraft; sonst verkennt er 
die wahre Gleichheit, getäuscht von der falschen. 

5) Es ist ferner falsche Gleichheit, wenn das Stimmrecht 
und die Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten 
lediglich nach der Kopfzahl geordnet und gleichmäszig auf 
Alle vertheilt wird. Die wahre Gleichheit beachtet die na- 
türlichen Unterschiede des Geschlechts, des Alters, der Bil- 
dung, der für das öffentliche Leben entscheidenden Kräfte 
und Interessen. 

6) Es ist ein Fortschritt der wahren Gleichheit, wenn 
der moderne Stat Allen in gleicher Weise die Wege eröffnet 
zu den öffentlichen Aemtern, und dieselben nicht mehr be- 
vorrechteten Classen vorbehält. Aber es ist falsche Gleich- 
heit, auch die Aemter, für welche wissenschaftliche Vorbildung 
ein unerläszliches Erfordernisz guter Amtsführung ist, nach 
dem Loose zu besetzen, statt die Ertheilung derselben von 
der Prüfung, der Fähigkeit und der Auswahl der Tauglich- 
sten abhängig zu machen. 

7) Unsere Zeit äuszert oft eine leidenschaftliche Abnei- 
gung gegen alle erblichen Standesunterschiede in der 
statlichen Rechtsordnung. Die ganze mittelalterliche Institu- 
tion des Erbadels wird daher im Namen der Gleichheit an- 
gefochten. Die nordamerikanische Union geht seit dem groszen 
Bürgerkriege 1861 — 65 noch weiter und verwirft grundsätz- 
lich jeden rechtlichen Unterschied zwischen der weissen und 
der farbigen Rasse. 

Inwiefern diesem Drange nach Gleichheit und dieser Be- 
streitung aller Rassenunterschiede die Einsicht in das Be- 
dürfnisz der Menschennatur zu Grunde liegt, für die indivi- 



56 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



duellen Gaben, die keineswegs an eine bestimmte Abkunft 
gebunden sind , freie Entwicklung ihrer Eigenthümlichkeit als 
ihr natürliches und ein gleiches Recht Aller zu fordern; in- 
sofern ist dasselbe wohlbegründet. Es soll Niemandem, auch 
dem Sohne des Aermsten, auch nicht dem Spröszling der 
niedrigsten Eltern, und nicht dem Negerkinde der Weg ver- 
schlossen werden, seine ihm von Gott verliehenen Talente 
auszubilden , und nach dem Gröszten und Edelsten zu streben 
und zu ringen. Es darf ihm nicht verwehrt werden, der Ge- 
sellschaft, seinem Volke und der Menschheit ausgezeichnete 
Dienste zu leisten und nützliche Werke zu vollbringen. 

Aber in diesem gerechtfertigten Bestreben kann man über 
das Ziel hinaus schieszen. Man kann Unterschiede übersehen, 
die in der Natur begründet sind, und die trotzdem eine Be- 
deutung und Wirkung haben, auch wenn die Politiker, ge- 
blendet von der falschen Gleichheit, sich nicht um sie kümmern. 
Der Statsmann ist genöthigt, die psychologische Wahrnehmung 
zu beachten, dasz manche Eigenschaften — Vorzüge oder 
Mängel — in der Regel innerhalb der Familien erblich ge- 
worden sind, und dasz daher die Rasse von Einflusz ist auf 
die Fähigkeit und Tauglichkeit der Menschen im Stat. 

Das Thronfolgerecht in der Erbmonarchie ist ein erb- 
rechtlicher Vorzug der regierenden Dynastie. Es ist nicht zu 
tadeln, wenn an den Höfen und in der Diplomatie die Ab- 
kunft aus guter Familie als eine Bürgschaft edler Sitte und 
feiner Lebensgewohnheit betrachtet wird; die wahre Gleichheit 
wird erst dann verletzt, wenn auch der hochgebildete Sohn 
des Kleinbürgers, trotz seiner individuellen ausgezeichneten 
Eigenschaften, aus diesen Kreisen ausgeschlossen wird. 

Die heutige Repräsentativverfassung erfordert in ihren 
Höhen so viel Bildung, Musze, Vermögen, dasz nur eine ver- 
hältniszmäszig kleine Minderheit der Nation dahin gelangen 
und daselbst sich frei bewegen kann. Diese Minderheit wird 
wieder in ihrer groszen Mehrzahl aus den günstiger gestellten 



Zweites CapiteJ. Gleichheit. 



57 



Familien des Landes stammen. Die grosze Mehrheit der breiten 
Volksclassen , welche als Basis den Stat trägt, wird immer 
mit der Masse ihrer Nachkommen in tieferen Regionen des 
Lebens mit harter Leibesarbeit ihren Unterhalt erwerben 
müssen und weder die Neigung noch die Kraft haben, um 
sich auf die höheren Stufen zu erheben. Die wahre Gleich- 
heit verlangt, dasz Keinem aus diesen groszen Volksclassen 
die Thüre zu der Treppe verschlossen werde, die aufwärts 
führt; aber es ist falsche Gleichheit, die entscheidende Macht 
im State der unwissenden und unfähigen Menge zu über- 
liefern. 

Es gibt wissenschaftlich gebildete Richter von röthlicher 
oder von schwarzer Hautfarbe; zuweilen haben sich einzelne 
Neger als tapfere Heerführer oder als kluge Politiker hervor- 
gethan. Es ist ein Fortschritt der wahren Gleichheit, wenn 
die Union der Vereinigten Staten von Amerika verfassungs- 
mäszig auch den Farbigen die Bahn zum Capitol aufge- 
schlossen hat. Aber es ist ein verhängniszvoller Irrthum , zu 
meinen, dasz sich eine freie und repräsentative Republik 
ebenso leicht auf eine Mehrheit von Negern gründen und 
durch Neger sich regieren und verwalten lasse, wie sie durch 
die angel- sächsische Rasse gegründet worden ist und durch 
Weisze erhalten wird. Eine vorsichtige und umsichtige Po- 
litik wird daher dafür sorgen müssen, dasz nicht aus falscher 
Gleichheitsschwärmerei das Schwergewicht von der weiszen 
Rasse weg in die dunkelfarbige verlegt werde. Würde das 
geschehen, so wäre die Republik verloren. 

Das wirksamste Heilmittel gegen die falsche und das 
wirksamste Conservirungsmittel der wahren Gleichheit ist, 
worauf mit nachhaltiger Entschiedenheit Gneist in seinen 
Schriften hingewiesen hat, die Verbindung der politischen 
Rechte mit der Uebung der politischen Pflichten, das Gleich- 
gewicht von Recht und Pflicht. 

Es ist immer falsch, die öffentlichen Rechte und die 



58 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



öffentliche Macht von der öffentlichen Pflicht abzulösen. Wer 
Recht hat im State und Macht übt, dem liegt auch die Pflicht 
ob gegen das Volk und den Stat. Wer mehr Recht hat , der 
hat auch mehr Pflicht, Wer höheres Recht hat, der hat auch 
höhere Pflicht. Aber wer die Pflicht übt gegen den Stat, 
dem gebührt auch das entsprechende Recht. Wer seine Pflicht 
dauernd versäumt, dem wird mit Grund auch das betreffende 
Recht entzogen. 

Auch hier wieder, wie so oft, liegt der Fehler in der 
Einseitigkeit, die zum Extrem ausgespitzt und zur Ausschliesz- 
lichkeit verkehrt wird. Die demokratische Einseitigkeit sieht 
nur die Gleichheit 2 und gefährdet die Freiheit, indem sie die 
Mannichfaltigkeit erdrückt und jede höhere Cultur, indem sie 
die Auszeichnung als unerlaubte Ungleichheit mit ihrem Neide 
und ihrem Hasse verfolgt. Die aristokratische Einseitigkeit 
verachtet im Gegentheil die berechtigte Gleichheit und erhebt 
hochmüthig die Ungleichheit und das Vorrecht der besseren 
Eigenschaften zum alleinigen Grundgesetz des Statslebens. 

Gleichheit und Verschiedenheit, Gleichheit und Mannich- 
faltigkeit sind beide in der Menschennatur und in der Ent- 
wicklung der Menschen verbunden. Ihre wechselseitige Er- 
gänzung und Wirkung ist die Grundbedingung auch eines 
gerechten und freien Stats. Sie verhalten sich zu einander, 
wie Notwendigkeit und Freiheit, wie Unterlage und Eigen- 
schaft. Die Gleichheit ist die Grundlage, die Mannichfaltig- 
keit die Entwicklung. 

2 Vgl. C. Richter Stats- und Gesellschaftsrecht der französischen 
Revolution. Berlin 1865. Bd. I. S. 196. Proudhon Gerechtigkeit, über- 
setzt von Pfau. 



Drittes Capitel. Civilisation. 



59 



Drittes Capitel. 
Civilisation. 

Die Idee der Civilisation gehört ebenso wie die Ideen 
der Freiheit, der Gleichheit und der Cultur nicht einem be- 
sonderen Volke, sondern der Menschheit an. Das Wort kam 
im Mittelalter zuerst in Italien auf, in dem Gothenreiche des 
Königs Theodorich und im Anblick der antiken Civilisation 
des römischen Kaiserreichs. 1 In der That hat der Stat eine 
civilisatorische Mission. 

Wir erkennen die Civilisation an drei Merkmalen, die 
sich beisammen finden: 

1) in der Veredlung der noch rohen Natur durch die 
Cultur; 

2) in der Herrschaft des Mensche ngeistes über die 
thierische Seite in der Menschennatur; 

3) in der gemeinsamen Erscheinung jener Eigenschaf- 
ten in der Gesellschaft und dem Stat, im Gegensatze zu in- 
dividueller Cultur- und Geistesentwicklung. 

Die Civilisation ist daher immer eine Errungenschaft der 
menschlichen Anstrengung, ein Werk menschlicher Arbeit. 
Nur die Anlage und der Antrieb zur Civilisation ist den Men- 
schen verliehen, für ihre Erfüllung müssen sie selber sorgen. 

Wir unterscheiden uncivilisirte und civilisirte Völ- 
ker, je nachdem in ihren gemeinsamen Zuständen nur ihre 
noch unentwickelte Naturanlage oder das Gepräge ihrer Cul- 
turarbeit und ihrer Geistesentwicklung sichtbar wird. Man 
darf diesen Unterschied nicht, wie es freilich sehr oft ge- 
schieht, mit dem Gegensatz von Wilden und von Cultur- 

1 Die alten Römer selber hatten das Wort civilitas noch im Gegen- 
satz zu crudelitas gebraucht und eher humanitas das genannt, was wir 
Civilisation nennen. Schon das Wort deutet den Zusammenhang mit dem 
State an (civis civitas, civilis civilitas). Vgl. Dahn, Könige der Ger- 
manen Bd. IT. S. 137. 



60 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



Völkern, oder von Barbaren und Civilisirten ver- 
wechseln. Alle Urvölker sind in ihrer ersten Jugend noch 
uncivilisirt, aber sie sind deszhalb weder Wilde noch Bar- 
baren. Die eigentlich wilden Stämme haben es niemals aus 
eigener Kraft zu einer Civilisation gebracht, ihre Civilisations- 
fähigkeit ist sehr gering und eher passiv als activ. Sich selbst 
überlassen, verharren sie in rohem Naturzustand und sinken 
sogar in die ursprüngliche Wildheit zurück, wenn sie von der 
zähmenden und veredelnden Leitung civilisirter Menschen 
sich losmachen können. 

Die Hellenen und die Römer haben freilich alle andern 
Völker Barbaren gescholten. Dieser hochmüthige Sprach- 
gebrauch verstiesz aber gegen die richtige menschliche Wer- 
thung der andern Völker und hatte so selber einen barbari- 
schen bittern Beigeschmack. Von Barbarei im eigentlichen 
Sinne dürfen wir nur reden, wenn noch das Uebergewicht 
des thierischen Elements sichtbar wird, nicht aber wenn 
die edleren Gemüths- oder Geisteskräfte, wenn auch 
vorerst noch halb unbewuszt, die sinnlichen Triebe beherr- 
schen. Die Germanen zur Zeit von Tacitus waren ein un- 
civilisirtes Volk, aber keineswegs ein barbarisches Volk. Als 
Tacitus die Tugenden und die guten Sitten der Germanen 
den civilisirten Römern wie ein Vorbild und eine Mahnung 
vor Augen stellte, hat er seinen Landsleuten nicht ein Bild 
der Barbarei, sondern die Aussicht auf eine höhere künftige 
Civilisation geschildert. Es ist ebenso ein tadelnswerther 
Sprachgebrauch mancher neueren, vorzüglich vieler romani- 
schen Schriftsteller, wenn sie die alten Germanen Barbaren 
nennen und dieselben den Wilden an die Seite stellen. Trotz 
aller damals noch vorhandenen Rohheit und Uncultur zeigte 
sich doch in der Religion, der Sprache, dem Recht und den 
Sitten der Germanen die nahe Verwandtschaft mit den übri- 
gen arischen Völkern , auch mit den Griechen und den Römern 
höchst deutlich, und der Scharfblick des statsweisen Römers 



Drittes Capitel. Civilisation. 



61 



entdeckte da schon die Keime zu einer hohen neuen Civili- 
sation, welche zu gutem Theile das Werk der Germanen 
selber ist. 

Uebrigens sind alle diese Gegensätze flieszend. Aus der 
Uncivilisation erwächst mit der Zeit die Civilisation und in 
fortwährendem Kampfe mit barbarischen Ueberlieferungen und 
Gewohnheiten erreicht die Civilisation höhere Stufen der Voll- 
kommenheit. Wie jeder einzelne Mensch die thierische Seite 
seiner Natur fortwährend in sich hat und ihrer niemals los 
wird, wenn gleich er sie mit Mühe und Arbeit bändigt und 
im Zaume hält , so sind auch die Völker nie ganz sicher vor 
Rückfällen in die Barbarei. Wie im Einzelnmenschen doch 
zuweilen die wilde sinnliche Begierde durchbricht, so wird 
auch die Geschichte civilisirter Völker zuweilen durch Aus- 
brüche brutaler Rohheit befleckt. 

In der Civilisation wird die Herrschaft des Menschen- 
geistes offenbar über die rohe Macht der Materie. Indem der 
Stat das Recht ordnet und befestigt, Organe schafft für die 
Pflege der Cultur, die Vervollkommnung des gemeinsamen 
Lebens durch seine Anstalten und durch seine Institutionen 
fördert , arbeitet er für die Civilisation. Jeder Fortschritt des 
Rechts und der Politik ist ein Fortschritt der Civilisation. 

Aber auch jeder Fortschritt der Civilisation innerhalb der 
Gesellschaft gewährt dem State reichere Mittel für seine Auf- 
gaben und erhöht hinwieder das Statsleben. 

Religion und Civilisation wollen beide die Menschen 
veredeln, und die Menschheit ihrer Vervollkommnung zulei- 
ten. Aber sie wirken mit verschiedenen Mitteln und gehen 
verschiedene Wege. Die Religion verbindet die Menschen mit 
Gott; die Civilisation verbindet die Menschen mit den Men- 
schen. Die Religion folgt der Strömung des gläubigen Ge- 
müths, sie reinigt und heiligt die innere Gesinnung; die Ci- 
vilisation geht voraus die Wege des denkenden Verstandes, 
sie offenbart sich äuszerlich in der Erscheinung und in den 



IV1 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



Werken des gesellschaftlichen Lebens. Die Religion wird von 
der Kirche gelehrt und dargestellt. Die Civilisation wird vor- 
züglich durch den Stat geschützt und gefördert. 

Oft gehen Religion und Civilisation in paralleler Rich- 
tung und unterstützen sich wechselweise. Es ist das der 
normale Zustand. Aber nicht immer; zuweilen trennen sie 
sich weiter und arbeiten sich sogar entgegen. Das Christen- 
thum insbesondere ist mit der höchsten Civilisation in naher 
Verwandtschaft, Denn diese ist nichts anderes als die mög- 
lichst vollkommene Darstellung der Humanität, und das Chri- 
stenthum betrachtet ebenso alle Menschen als Kinder Gottes, 
will sie mit Gott versöhnen und mahnt sie der Vollkommen- 
heit Gottes nachzustreben. Rom theilte den germanischen 
Völkern zugleich die christliche Religion und die Erbschaft 
der antiken römischen Civilisation mit. Ebenso breiteten die 
fränkischen Könige zugleich das Christenthum und die römisch- 
fränkische Civilisation aus. Die friedlichen Eroberungen, 
welche die neueren europäischen Völker über die Barbarei in 
anderen Welttheilen erkämpfen, werden meistens von den 
Fortschritten christlicher Missionen begleitet und unterstützt. 

Aber es kann ein Volk auf einer hohen Stufe der Civi- 
lisation stehen und doch nicht religiös sein, wie die Athener 
zur Zeit Alexanders und die Römer selber zur Zeit des Kai- 
sers Augustus. Es kann auch ein Volk sehr religiös gesinnt 
sein und trotzdem auf einer niederen Stufe der Civilisation 
stehen , wie die Muhammedaner der ersten Jahrhunderte oder 
die christlich gewordenen Germanen im früheren Mittelalter. 
Die christlichen Heiligen, Mönche und Missionäre haben oft 
die Civilisation gering geschätzt und gehaszt; die Helden und 
Lehrer der Civilisation haben sich oft von der Kirche fern 
gehalten und sich mehr um technische und wissenschaftliche 
Interessen bekümmert als um religiöse Wahrheiten. Die erste 
Verbreitung des Christenthums im römischen Reich geschah 
im Kampfe wider die antike Civilisation. Die Mönche, welche 



Drittes Capitel. Civilisation. 



63 



in Alexandrien wider die Philosophenschulen eiferten, waren 
von barbarischen Sitten und Neigungen. 

Die Civilisationen der verschiedenen Völker haben frei- 
lich ein nationales Gepräge, aber wir schätzen den Werth 
einer jeden Civilisation doch vornehmlich nach ihrer Bedeu- 
tung für die Vervollkommnung der Menschheit. Dante 
hat in seiner Schrift, De monarchia, das grosze Princip aus- 
gesprochen: „Das eigenste Werk des Menschengeschlechts, als 
Gesammtheit verstanden, ist, alle in sie gelegten Kräfte der 
Intelligenz zuerst in Gedanken, dann in der That zu offen- 
baren. Das ist das Endziel der menschlichen Civilisation." 
(Finis utilis civilitatis humani generis.) 

Das gemeinsame öffentliche Leben der Menschheit in 
seiner Vervollkommnung ist indessen nur die eine Seite der 
Civilisation. Die humanen Institutionen und Ausbildungen 
des gemeinsamen Privatlebens ist die andere Seite. Nicht 
was das Individuum in sich denkt und für sich schafft, ist 
ein Werk der Civilisation, sondern nur, was es zum Besten 
der Gemeinschaft thut. Guizot hat in seinem Werke über 
die europäische Civilisation zu wenig Rücksicht auf die Ge- 
meinschaft genommen , zu viel auf die individuelle Ausbildung 
abgestellt. Der Sprachgebrauch nennt niemals Civilisation, 
was einem einzelnen Individuum allein zugehört und wäre 
es das Vollkommenste. Alle Civilisation ist immer ein Ge- 
meingut. Eine Erfindung oder die Entdeckung einer neuen 
Wahrheit wirkt erst von dem Moment an civilisatorisch , wenn 
sie für den Fortschritt der Welt verwerthet wird. 

Man darf auch die Begriffe Bildung und Civilisation 
nicht verwechseln, obwohl jene unzweifelhaft ein Hauptmittel 
für diese ist. Unter allen Civilisationen beruht die chine- 
sische am meisten auf überlieferter und im Einzelnen und 
Kleinen sorgfältiger und geschickter Schulbildung und steht 
trotzdem nur auf einer Mittelstufe. Auch gibt es sehr ge- 
bildete Techniker und Gelehrte von barbarischen Sitten. Die 

m. 



64 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



groszen Institutionen des Privatrechts und die gesellschaft- 
liche Sitte sind ebenso einfluszreich auf die Civilisation wie die 
Schule und doch nennen wir dieselben nicht Bildungsanstalten. 

Unsere heutige moderne europäische Civilisation, 
welche auf Amerika übergegangen ist, und von Europäern 
und Amerikanern gemeinsam über die Welt verbreitet wird, 
hat voraus drei geschichtliche Grundlagen. 

1) Die Erbschaft der antiken hellenisch-römischen 
Civilisation. Die Nachwirkung der hellenischen Cultur 
zeigt sich vorzüglich in der Philosophie und Poesie, in der 
Architektur und Sculptur, die der römischen voraus in dem 
Privatrecht, in politischen Begriffen, in der Geschichte und 
in der Architektur. Beiden verdanken wir unzählige Vorbilder 
und technische Hülfsmittel auch im Einzelnen und Kleinen. 

2) Das Christenthum, vorzüglich durch die Belebung 
der Menschenliebe, durch zahllose Anstalten für Arme und 
Kranke, durch die Sorge für Unglückliche und Nothleidende; 
aber auch durch die Gestaltung und Ausbreitung der Kirche 
mittelbar wirkend. Die Völker des Mittelalters waren wohl 
gläubiger, der Autorität der Kirche und den religiösen Vor- 
schriften gehorsamer, als die heutigen Menschen. Aber die 
christliche Liebe und die Wohlthätigkeit sind vielseitiger und 
fruchtbarer geworden als in irgend einer früheren Periode. 

3) Die antike und die christliche Civilisation haben so- 
dann eine gründliche Umgestaltung und Fortbildung erfahren 
durch die Einwirkung der germanischen Völker im Mittel- 
alter, insbesondere durch ihre Achtung der Persönlichkeit, 
durch ihre Liebe zur Freiheit, durch ihre Ehrfurcht vor der 
sittlichen Weltordnung. 

Die heutige Civilisation beruht aber nicht blosz auf dem 
Zuflüsse aus diesen drei mächtigen und reichen Quellen. Sie 
hat auch den Arbeiten und Leistungen der einzelnen Cultur- 
völker vieles Neue zu verdanken. Erinnern wir uns an einige 
der wichtigsten Momente: 



Drittes Capitel. Civilisation. 



65 



1) Die Italiener, die nächsten Erben und Vermittler 
der antiken Civilisation , haben überdem zuerst eine moderne 
nationale Sprache und Litteratur mit schöpferischem Geiste 
ausgebildet, sie haben das städtische Leben prachtvoll ent- 
faltet, den Handel zuerst durch Ausbildung des Handelsrechts 
geordnet, eine neue Kunst hervorgebracht und schönste Werke 
der Architektur, der Malerei und der Sculptur geschaffen, 
und in der Renaissanceperiode auch die mittelalterliche Un- 
civilisation überwunden. 

2) Einen weit geringeren Antheil haben die Spanier 
und die Portugiesen um die moderne Civilisation erworben. 
Von zweifelhaftem Werthe ist die Zurückweisung der Mo- 
hammedaner, weil sie von der Unterdrückung einer blühenden 
maurischen Civilisation und von der Reizung des religiösen 
Fanatismus begleitet war. Fruchtbarer waren die Verdienste 
dieser Nationen um die Entdeckung neuer Welttheile und die 
Schifffahrt, und schöner ihre blühende Litteratur. In den letz- 
ten Jahrhunderten aber haben der königliche Absolutismus 
und die klerikale Herrschaft die Blüthen alle erkältet und 
abgestreift , welche im fünfzehnten und sechszehnten Jahrhun- 
dert noch reichlich aufgegangen waren. Nur der Giftbaum 
des Jesuitenordens, welcher die Hülfsmittel und die Formen 
der Civilisation dazu benutzt, um ihre Entwicklung nieder- 
zuhalten, konnte in solcher Zeit auf diesem Boden gedeihen. 

3) Unter den romanischen Nationen haben die Franzo- 
sen das Meiste für die moderne Civilisation gethan. Sie 
fühlten und fühlen sich vor andern Völkern berufen, über die 
Grenzen ihres Landes hinaus civilisatorisch zu wirken. Ihr 
rasches Urtheil, ihre rationelle Denkweise, ihre Aufmerksam- 
keit für neue Ideen und ihre Gewandtheit, dieselben klar und 
gemeinverständlich auszusprechen, ihr feiner Geschmack und 
gewandter Formensinn, ihre gebildete und leichte Sprache, 
machten sie besonders fähig, während Jahrhunderten der eu- 
ropäischen Gesellschaft voranzugehn und auf dieselbe geistig 

Bluntschli, die Politik. 5 



66 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



einzuwirken. Die Steigerung aller dieser Talente durch die 
Einheit eines mächtigen nationalen States und die glänzende 
Hauptstadt Paris förderte ihr Ansehen. Das gesellschaftliche 
Leben, die Mode, die Sitten der gebildeten Classen sind von 
diesem Einflüsse grösztentheils erfüllt und bestimmt worden. 
Die classische Litteraturperiode zur Zeit Ludwigs XIV. und 
seiner Nachfolger, die Ideen der französischen Revolution, 
die Napoleonische Verwaltung, sie trugen ebenso viel als der 
Ruhm der französischen Waffen dazu bei, ihnen lange Zeit 
die Hegemonie in Europa zu sichern. Die Schwächen ihrer 
Natur und die Mängel ihres Wesens, die flüchtige Oberfläch- 
lichkeit, die eitle Selbstbespiegelung, die Leidenschaftlichkeit 
des zu Extremen geneigten Temperaments, die unglückliche 
Neuerungssucht und der unstäte Wechsel entstellten freilich 
oft ihre Verdienste, entzogen ihnen die Dauerhaftigkeit 
und erschütterten ihre hervorragende Stellung. Aber trotz 
alledem hat die Welt Ursache, ihnen dankbar zu sein für die 
Förderung ihrer Civilisation. 

4) Von der englischen Nation, in welcher, wie in der 
französischen romanische und germanische Elemente, nur in 
umgekehrtem Verhältnisz , glücklich gemischt waren, und in 
ihrer jüngeren Schwester jenseits des Oceans, der nordame- 
rikanischen Nation, ist vorzugsweise die politische Seite 
der modernen Civilisation gefördert worden. Die edelste und 
bewuszteste Form statlicher Organisation, die Repräsenta- 
tivverfassung, haben sie zuerst ausgeprägt, die constitu- 
tionelle Monarchie, die Mitwirkung der Parlamente, die re- 
präsentative Republik zuerst entwickelt. Sie dachten dabei 
vorzüglich an ihre eigene Volksfreiheit und Volkswohlfahrt, 
aber ihr Vorbild wirkte auf die politische Cultur der Welt. 
Die rechtlichen Schutzwehren und Waffen der Freiheit sind 
zuerst von diesen Nationen geschaffen worden. Die Bekennt- 
niszfreiheit und die Sonderung von Kirche und Stat hat dem 
Anstosz der Amerikaner Vieles zu verdanken. An histori- 



Drittes Capitel. Civilisation. 



67 



schein Sinn haben die Engländer die andern Völker über- 
troffen. Während die Franzosen in dem Eifer, das Ver- 
nünftige neu zu verwirklichen, den Zusammenhang mit der 
Vergangenheit abbrachen und ohne geschichtliche Fundamente 
bauten, haben die Engländer ihren Stat auf dem festen Boden 
der Geschichte aufgerichtet. Die Technik, die Fabrication, 
die Weltschifffahrt und der Welthandel sind vornehmlich 
durch diese Nationen gefördert worden. Der Sinn für das 
Practische und Nützliche ist unter ihnen sehr verbreitet. 
Wenn auch zirweilen eine kalte Selbstsucht sich in ihnen 
mächtig regt, so haben sie doch der Menschheit Groszes ge- 
leistet. Die Wissenschaft verdankt ihren Arbeiten viele An- 
regung und reiche Früchte. In der Kunst freilich sind sie 
weniger begabt; und doch hat der gröszte Dichter der Welt 
in England gelebt. 

5) Die deutsche Nation hat sieh vorzüglich um die 
Freiheit der Völker und um die religiöse und geistige Frei- 
heit auch der Individuen die gröszten Verdienste erworben. 
Sie hat die antike, despotisch gewordene Weltherrschaft der 
römischen Imperatoren gebrochen und den europäischen Na- 
tionen Raum und Licht verschafft, um ihre Kräfte zu ent- 
falten. Sie hat im Mittelalter ebenso die Erneuerung einer 
zweiten römischen Weltherrschaft, der Päpste, von Europa 
abgewehrt. Durch die Kirchenreform des sechszehnten Jahr- 
hunderts hat sie der Gewissensfreiheit in religiösen Dingen 
Anerkennung erstritten und die Menschheit mit protestanti- 
schen Kirchen und protestantischer Cultur erleuchtet und be- 
reichert. Ihr ernstes Streben nach Erkenntnisz der Wahrheit 
in allen göttlichen und menschlichen Dingen, der rastlose und 
ausharrende Fleisz in der wissenschaftlichen Forschung, ihre 
innere Geistesfreiheit, voll männlichen Muthes und männlicher 
Zuversicht, der sinnige, den sittlichen Aufgaben der Menschen 
ergebene Zug ihres Gemüthes, die glühende Begeisterung für 
die Ideale des Schönen, Reinen, Wahren, haben zahllose 



68 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



deutsche Werke in Wissenschaft, Litteratur, Kunst und Technik 
hervorgebracht, welche das Gemeingut der Menschheit wesent- 
lich bereichert haben. 

Es hatte eine Zeit lang den Anschein, als ob die deut- 
sche Kraft sich in diesen Culturarbeiten erschöpft habe und 
unfähig geworden sei, an der politischen Fortbildung der Welt 
sich zu betheiligen. Das römisch-deutsche Reich des Mittel- 
alters war zerfallen und zerbröckelt. Die confessionellen, 
dynastischen und Stammesgegensätze, welche Deutschland ent- 
zweiten, schienen die Einheit des deutschen Volkes unmög- 
lich zu machen und die deutschen Länder zu ohnmächtiger 
Duldung der fremden Action zu verdammen. Nur in den 
Statsideen, nicht in der Statspraxis, wurde auch in dieser 
Zeit die Ebenbürtigkeit der Deutschen mit andern civilisirten 
Nationen sichtbar, die eigenwillige, zur Absonderung geneigte, 
trotzige, im Grunde unstatliche Natur der Deutschen, und 
hinwieder die Neigung Vieler, sich mit rücksichtslosem Eifer 
und leidenschaftlicher Treue dem Dienste eines erblichen oder 
frei gewählten Herrn hinzugeben, waren ernste Hindernisse 
jeder statlichen Einigung und um so schwerer zu überwin- 
den, als sie in Mängeln des nationalen Charakters ihren Grund 
hatten. 

Aber es gab doch Einen deutschen Staat, Preuszen, 
welcher vorzugsweise die politische und kriegerische Anlage 
des deutschen Geistes und Charakters energisch zu entwickeln 
verstand, und schlieszlich doch das schwerste Problem der 
deutschen. Einheit zu lösen wuszte. Nun hat sich das er- 
neute deutsche Kaiserreich wieder in der europäischen 
Statenwelt machtvoll erhoben und der Fortschritt der Civili- 
sation wird durch seine kühne, hochherzige und doch so 
maszvolle Arbeit wesentlich gefördert, eine Arbeit, die keines- 
wegs auf Eroberung und Beherrschung anderer Völker ge- 
richtet ist, sondern auf Freiheit aller Völker, die durch die 
Pflicht aller Völker gegen einander gereinigt und gehalten 



Drittes Capitel. Civilisation. 



69 



wird und auf Befreiung der Geister von der entnervenden 
und verdummenden jesuitischen Erziehung und von dem 
Götzendienste des unfehlbaren Papstthums. 

6) Die slavischen Nationen verhalten sich mehr noch 
empfangend und das Empfangene weiter verbreitend als zeu- 
gend und schöpferisch in den Werken der Civilisation. Den 
Russen, als den Gründern und Trägern des mächtigsten 
Slavenreiches und in der That eines Weltreiches, kommt das 
Hauptverdienst zu, den Osten Europa's und den Norden bis 
tief in die Mitte Asiens der Barbarei zu entwinden und mit 
christlich- europäischer Civilisation zu befruchten. Vielleicht 
dasz die Verwirklichung der slavischen Idee der Brüderlich- 
keit im Verfolg der Zeiten auch der Menschheit eine wei- 
tere civilisatorische Errungenschaft zuführen wird. 

Die Welt ist noch weit weg von dem höchsten Ziele der 
Civilisation. Es ist in unsern öffentlichen Zuständen und in 
unsrer Gesellschaft noch sehr viel Barbarei neben feiner Bil- 
dung. So lange noch in dem civilisirten Europa der Friede 
und die Rechtssicherheit von Zeit zu Zeit durch vulkanische 
Eruptionen der Revolution gebrochen oder durch brutale Usur- 
pationen erschüttert wird, so lange noch auch die civilisirten 
Völker geneigter sind, ihre Streitigkeiten mit physischer 
Kriegsgewalt auszufechten , als in Form eines Rechtsstreites 
durch gerechtes Urtheil zu entscheiden oder durch politische 
Weisheit auszugleichen, so lange noch für grosze Volksclassen 
ein menschenwürdiges Dasein nicht gesichert ist und ganze 
Classen von dem Leben und den Genüssen civilisirter Men- 
schen thatsächlich ausgeschlossen sind, so lange sind die 
Siege der Civilisation über die Barbarei noch sehr unvoll- 
ständig. 

Wer aber die Barbarei deszhalb preist, weil jedes Volk, 
das die Höhe der ihm zugänglichen Civilisation erreicht habe, 
noth wendig abwärts gehen müsse, während das halbbarbari- 
sche Volk noch längere Aussicht auf einen kräftigen Fort- 



70 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



bestand habe, dem erwiedern wir, dasz es ehrenvoller für ein 
Volk wie für den Einzelmenschen ist, nach Erfüllung seiner 
Bestimmung zu sterben, als ohne dieselbe zu leben. Das 
civilisirte Volk hinterläszt der Menschheit eine reiche Ver- 
lassenschaft und behält ein dankbares Andenken; das barba- 
rische Volk geht unter und wird billig vergessen. 



Viertes Capitel. 

Nationalität und Humanität (Internationalität). 

Das Princip der Nationalität hat in unserem nationalen 
Zeitalter stärker auf die Statenbildung eingewirkt als in frühe- 
ren Zeiten. 1 Um deszwillen hat auch die heutige Politik in 
hohem Grade einen nationalen Charakter. 

Die meisten europäischen Staten der Gegenwart müssen 
als nationale insofern bezeichnet werden, als in ihnen je 
eine bestimmte Nation den Hauptbestandteil des Volkes 
bildet und dieses mit ihrem Charakter und ihrem Geist, mit 
ihren Sitten und Bedürfnissen erfüllt. Freilich ist kein euro- 
päischer Groszstat ausschlieszlich auf Eine Nationalität be- 
schränkt. Sogar Frankreich, nächst Italien der am mei- 
sten nationale Stat, hat doch selbst in Europa fremdartige 
Elemente in sich, wie im Nordwesten die Bretonen, im Süden 
die Basken, die politisch wohl zum französischen Volke 
gehören, aber nicht in der Sprache und Sitte. Auch das 
deutsche Reich, in welchem endlich in unsern Tagen die 
deutsche Nation sich ihren Volkskörper gebildet hat, hat noch 
polnische, wendische, dänische, französische Elemente in sich. 
Stärker sind Groszbritannien und Ruszland gemischt. 
Aber dort ist es doch die durch normannisches Wesen 

1 Vgl. Bd. I. Buch 2. Cap. 4. 



Viertes C apitel. Nationalität und Humanität (Internationalität). 71 



gehobene angelsächsische Nationalität, welche dem Stat 
ihre Art eingeprägt und die schwächeren alt-britischen , schot- 
tischen und irischen Nationalitäten untergeordnet hat. Hier 
überwiegt entschieden die groszrussische, aus finnischen 
und slavischen Elementen gemischte Nationalität über die 
finnischen, deutschen, kleinrussischen, polnischen, tartarischen 
Nationalitäten oder Bruchstücke von Nationalitäten, die dem 
weiten Reiche einverleibt sind. 

Es ist diese Mischung immerhin ein Beweis, dasz selbst 
in unsrer, von der nationalen Idee so mächig ergriffenen Zeit, 
die Bildung eines Volks sich nicht rein aus demselben na- 
tionalen Stoffe vollzieht. Damit stimmt auch die zweite Wahr- 
nehmung überein, dasz keine grosze Nation vollständig 
in Einem Groszstat aufgegangen und von demselben um- 
faszt worden ist. Bruchtheile der französischen Nation sind 
seit Jahrhunderten in der Schweiz und in Belgien aufge- 
nommen und zeigen keineswegs ein Verlangen, sich mit dem 
französischen Volke politisch zu einigen. Noch viel mehr 
Deutsche wohnen auszerhalb des deutschen Reiches, in Oester- 
reich, in der Schweiz, in dem russischen Reich. Die Aus- 
breitung des deutschen Reiches über alle diese verwandten 
Länder wäre nicht möglich ohne Zerstörung lebensvoller 
Statengebilde und würde die Einheit und den Fortschritt des 
deutschen Reiches mehr gefährden als fördern. Die englische 
Nationalität aber hat sogar ein zweites Weltreich jenseits des 
Oceans gegründet und dadurch die reiche Kraftfülle dieser 
statlichen Rasse geoffenbart. Sogar die Russen haben in den 
österreichischen Ruthenen doch ein stammverwandtes Glied, 
das auszerhalb ihres Reiches ein politisches Dasein ge- 
wonnen hat. 

Auch die meisten andern europäischen Staten haben 
einen bestimmten nationalen Charakter, wie voraus die ro- 
manischen Staten: Italien, Spanien und Portugal, und 
die germanischen: die Niederlande, Dänemark, Schwe- 



72 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



den und Norwegen. Auch da freilich fehlen die Elemente 
von fremden Nationalitäten nicht ganz. Nur die beiden neu- 
tralen Staten, die Schweiz und Belgien, sind aus Bruch- 
stücken verschiedener Nationalitäten so zusammengefügt, dasz 
nicht Eine Nationalität herrscht, die Schweiz aus deutschen 
und französischen Cantonen und Einem italienischen Canton, 
Belgien aus Wälschen und Ylämen. In der Schweiz hat sich 
aber der Gegensatz der Nationalitäten zu einer friedlichen 
Internationalität ausgebildet. 

In sehr schwierigen Verhältnissen und noch unbefriedigt 
sind in dieser Hinsicht die südöstlichen Staten, Oesterreich- 
Ungarn und die Länder, die seit Jahrhunderten von den 
Osmanen beherrscht wurden. Hier ist das Gemenge der ver- 
schiedenen Nationalitäten gröszer als in den übrigen euro- 
päischen Staten und keine derselben ist hier stark und 
mächtig genug, um den Stat zu erfüllen und die andern 
Nationalitäten demselben unterzuordnen. 

Die Zeiten sind lange hinter uns, in denen der König 
Stephan der Heilige von Ungarn die politische Maxime 
seinem Sohne empfehlen konnte: „Unius linguse uniusque 
moris regnum imbecille et fragile est." 2 Die Maxime hatte 
nur so lange einen Sinn, als das nationale Bewusztsein noch 
nicht erwacht war und als sogar eine allen verschiedenen 
Nationalitäten des ungarischen Reiches, den Magyaren, Deut- 
schen, Slaven und Walachen, fremde Cultursprache, die la- 
teinische, als gemeinsame Statssprache diente und die na- 
tionalen Gegensätze zudeckte. Seither ist der Widerspruch 
der Nationalitäten mit ihrem Selbstgefühl gröszer geworden 
und der Aristokratie der Magyaren wird es schwer, sich 
selber zu beherrschen und den andern Nationalitäten gerecht 
zu werden. Die Magyarisirung ist unmöglich, da die magya- 
rische Sprache und Cultur den andern Nationalitäten weder 

2 Baron Eötvös. Die Nationalitätenfrage. Pest 1865. S. 24. 



Viertes Capitel. Nationalität und Humanität (Intevnationalität). 73 



geistig überlegen ist, noch zusagt. Die statliche Trennung 
nach Nationalitäten ist ebenfalls unthunlich , weil die verschie- 
denen Nationen durch dasselbe Land verbunden bleiben und 
jede für sich allein zu schwach ist, um in dem Kampfe mit 
fremden Mächten sich behaupten zu können. Es bleibt da- 
her eine einseitig -nationale Politik in Ungarn unweise und 
schädlich, die internationale, wie in der Schweiz, kann wohl 
theilweise mit Erfolg angewendet werden, aber sie bedarf doch 
wegen der Verbindung mit Oesterreich, und weil das grosze 
Doppelreich auf eine active Politik angewiesen ist, einer 
energischeren Einheit. 

Aehnlich verhält es sich mit der zweiten gröszeren Reichs- 
hälfte, den cisleithanischen Ländern Oesterreichs. Wie 
in Ungarn die Magyaren, so sind hier die Deutschen in 
politischer Hinsicht die vorzugsweise bedeutende und hervor- 
ragende Nationalität, aber wieder nicht stark genug, um die 
zahlreichen slavischen Nationalitäten (Nordslaven und Süd- 
slaven), sei es zu assimiliren, sei es politisch zu erfüllen und 
zu bestimmen. Auch Oesterreich ist, wie vielsprachig, so 
mehrnational. Auch hier wird es der politischen Führung 
schwer gemacht, die billige Rücksicht auf die verschiedenen 
Stämme mit dem Bedürfnisz der Reichseinheit zu versöhnen. 
Wenn es wirklich gelingen sollte, alle die mannichfaltigen 
Kräfte aller Nationen, die in dem Einen Reich zusammen 
wohnen, harmonisch zu einigen, so würde der Reichthum und 
die Vielseitigkeit solchen inneren Lebens sich prachtvoll offen- 
baren. Aber allzu lange hat man die verderbliche Regie- 
rungsmaxime geübt, durch die absolute, auf das Beamtenthum 
und die Armee gestützte Statsgewalt die nationalen Gegen- 
sätze künstlich niederzuhalten und die geistige Freiheit Aller 
niederzudrücken. Daher erscheint den freier gesinnten Stats- 
männern jene politische Aufgabe ungeheuer schwer und kaum 
lösbar, und finden sie trotz ihres Wohlwollens auch wenig 
Vertrauen und Unterstützung bei den oft getäuschten Nationen. 



74 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



Noch heftiger wird die Existenz des türkischen Reiches 
durch das erwachte und gereizte Nationalitätsgefühl der mancher- 
lei Nationen gefährdet , welche vormals von den Türkei) unter- 
worfen worden sind. Schon hat sich das Königreich G riechen- 
land abgelöst von dem Osmanenreiche und zieht noch andere in 
der türkischen Gewalt verbliebene griechische Provinzen an. Im 
Norden hat das Fürstenthum Rumänien in den Donauländern 
der Walachei und der Moldau eine nahezu selbständige Staten- 
bildung erreicht, welche zwar noch die Oberherrlichkeit des 
Sultans anerkennt, aber unter dem Schutze der europäischen 
Mächte steht und eine eigene Verfassung, Regierung. Gesetz- 
gebung und Rechtspflege hat. Aehnlich wie hier die rumänische 
Nation , so hat die s er bis« h e in dein Fürstenthum S erbi e n 
und in Montenegro eine besondere, voller Souveränetät sich 
annähernde Gestaltung erlangt. In Bosnien, der Herzog o- 
wina undRumelien zeigen sich analoge Regungen nationaler 
Statenbildung. Der noch herrschenden Nation der Türken 
scheint es an der Fähigkeit und an der erforderlichen Bildung 
zu gebrechen, um die gewaltsam errungene Herrschaft zu 
friedlicher Civilisation zu vervollkommnen und wider die un- 
zufriedenen Nationalitäten siegreich zu behaupten. 

Freilich sind auch alle diese Nationen verhältniszmäszig 
zu schwach , um mitten unter den groszen Staten der Neuzeit 
sicher zu bestehen. Sie bedürfen alle der Anlehnung an 
einander und der Verbündung mit einander, um ihre Eigenart 
wirksam zu entfalten und zu schützen. Ihre Cultur ist noch 
wenig gereift und ihre Fähigkeit zu selbständigem und wohl- 
geordnetem Statsleben noch nicht erprobt. Nur das ist un- 
zweifelhaft , dasz die nationale Politik hier noch schwere Auf- 
gaben vor sich hat und es ist wahrscheinlich, dasz dieselben 
nur in Form einer internationalen Conföderation und 
kaum anders als unter dem Schutze und der wohlwollenden 
Einwirkung der europäischen Groszmächte zu lösen sind. 

Die nationale Politik macht sich nicht blosz in neuer 



Viertes Capitel. Nationalität und Humanität (Internationalität). 75 



Statenbildung geltend; sie äuszert sich auch im Innern des 
statlichen Lebens und in den äuszeren Beziehungen zu an- 
dern Staten. Im Innern hat sie voraus die nationale Gemein- 
schaft und Einheit zu wahren im Gegensatze zu particula- 
ris tisch er Absonderung und Spaltung. Nach Auszen bethä- 
tigt sie die Eigenthümlichkeit des nationalen Daseins und 
schützt sie die nationalen Interessen, im Gegensatze zu 
schwächlicher Unterordnung und sentimentaler Weichheit, 
auch im Unterschiede von kosmopolitischer Schwärmerei. 

Eine relative Berechtigung kommt freilich auch dem 
Particularismus insofern zu, als auch in den Theilen und 
Gliedern des Reiches und States ein eigenthümliches Leben 
sich entfaltet; wie vorzüglich in den besondern wirtschaft- 
lichen und Culturanstalten der Länder, Provinzen, Kreise, 
Gemeinden. Aber die entscheidenden politischen Lebens- 
fragen, die Rechtsbildung und die politische Machtentwicklung 
sind nur vom Ganzen aus, cL h. national und statlich zu be- 
stimmen, nicht vom Theil aus. 

Indem man die Ursachen sich klar macht, welche die 
Stärke des Nationalitätsprincips in unsrer Zeit begründen, 
versteht man auch, weszhalb die nationale Politik auf den 
Beifall und die Unterstützung der Nation rechnen darf. 

Jene Ursachen sind: 

1) das erweckte Gefühl und Bewusztsein der Zusammen- 
gehörigkeit und der Gemeinschaft des Charakters und 
Geistes in jeder Nation: 

2) die reiche Entwicklung und der gesteigerte Einflusz 
der nationalen Literatur und Kunst auf die Gemüther und 
die täglich fortwirkende Anregung der nationalen Presse; 

3) die modernen Statsinstitutionen , welche den ganzen 
männlichen Bestandteil der Nation zu politischer Stimin- 
gebung berechtigen, und in der Höhe des Statslebens der 
nationalen Volksvertretung die öffentliche und entschei- 
dende Mitwirkung an der Leitung des Stats verliehen haben ; 



76 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



4) auch die Selbstgefälligkeit der Nationen, deren 
jede ihre Vorzüge gern mit den Fehlern der andern Nationen 
vergleicht, und deren Fehler sogar dazu dienen, ihr Selbst- 
gefühl zu steigern. Die vornehme Anmaszlichkeit der Eng- 
länder, die Eitelkeit der Franzosen, der Hochmuth der Deut- 
schen, die Schlauheit der Italiener, die Bigotterie der Spanier 
wetteifern mit einander in nationalem Selbstruhm. 

Indem der Statsmann die Töne der nationalen Eigen- 
tümlichkeit anstimmt, finden dieselben einen lebhaften Wider- 
hall in den Herzen der Nation. 

Aber so hoch man mit Recht in der heutigen Politik die 
nationale Stimmung und Richtung schätzen darf, so musz 
man sich doch auch der Schwächen der nationalen Politik 
bewuszt sein und darf nicht dem Nationalitätsdünkel und dem 
chauvinistischen Nationalitätsschwindel sich hingeben. 

Würde die Politik sich einseitig und ausschlieszlich von 
nationalen Gedanken und Wünschen bestimmen lassen, so 
würde sie innerhalb des nationalen Stats ungerecht gegen 
die fremdnationalen Bestandtheile des Volks, und sie würde 
den Frieden mit andern Völkern durch maszlose Selbstsucht 
gefährden und stören. 

Würde nur das Nationalgefühl die Politik bestimmen, 
so würde schlieszlich jede Nation sich in sich abschlieszen 
und die ausschlieszlich nationalen Staten würden die Gemein- 
schaft der Völker und die Einheit des Menschengeschlechts 
zerreiszen. 

Die Einseitigkeit der nationalen Politik bedarf der Er- 
gänzung und Berichtigung der internationalen, oder rich- 
tiger ausgedrückt, der humanen Politik. Nationalität 
und Humanität widersprechen sich nicht; denn die Natio- 
nen haben alle die gemeinsame Menschennatur in sich. 
Sie werden dadurch zu der Einen Menschheit verbunden; 
und die Menschheit gestaltet sich hinwieder mannichfaltig 
aus in den Nationen. 



Viertes Capitel. Nationalität und Humanität (Internationalität). 



77 



Den Uebergang zur humanen Politik, welche sich der 
menschlichen Gemeinschaft bewuszt geworden ist und die die 
Bestimmung der Menschheit zu erfüllen sich anstrengt, bildet 
die internationale Politik, welche zwar zunächst noch die 
verschiedenen Nationen vor Augen hat, aber doch deren Ver- 
bindung in friedlichem Verkehre und in gemeinsamen Ein- 
richtungen zu fördern sich bemüht. 

Die internationale Politik ist vielseitiger als die nationale, 
aber noch nicht völlig der Einheit des Menschengeschlechts 
bewuszt, welche allein die internationale Verbindung tiefer 
zu begründen im Stande ist und den verbindenden Kitt erst 
dauerhaft macht. 

In unsrer Zeit zeigt sich neben dem oft leidenschaftlich 
bewegten Zuge der Nationalität auch ein sorgsam gepflegter 
und fruchtbarer Zug der Internationalität. Die Ausbreitung 
des modernen Völkerrechts über alle europäischen und ame- 
rikanischen Völker, nun auch theilweise über die ostasiati- 
schen Reiche und schlieszlich über die ganze Welt, das inter- 
nationale Post- und Telegraphenwesen, die Erfindung und 
Ausbreitung internationaler Masze und Gewichte, das Ver- 
langen nach einer Weltmünze, das fortwährende rasche Wachs- 
thum der W^eltschifffahrt , die Vermehrung der Welteisen- 
bahnen, die Förderung des Weltverkehrs und des Welthandels 
zeigen, dasz die heutigen Völker sich doch nicht als beson- 
dere Nationen abschlieszen, sondern Willens sind, mit ein- 
ander zu verkehren und ihre gemeinsamen Aufgaben und 
Interessen zu beachten. 

Wenn gleich es heute keine internationale Weltsprache 
mehr gibt, wie etwa im Mittelalter die lateinische und nur 
ein paar nationale Sprachen, wie voraus die französische und 
die englische auch einigermaszen anstatt einer internatio- 
nalen Sprache dienen, so gibt es doch heute in allen civili- 
sirten Nationen ein gemeinsames Bewusztsein der 
Menschheit, welches sich in mancherlei nationalen Zungen 



7b 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



in demselben Geiste äuszert. Wenn gleich die Organisation 
der Menschheit, sei es in einer Weltconföderation oder 
einem Weltreich nur Wenigen als ein anzustrebendes Ideal 
der spätem Zukunft des Menschengeschlechts vorschwebt und 
von den Meisten als ein Traum der erregten Phantasie ver- 
spottet wird, so ist doch die Entwicklung des Völkerrechts 
eine sichtbare, wenn gleich noch unsichere und mangelhafte 
Gestaltung und Bewährung einer humanen Weltordnung und 
eine Vorstufe einer jeden Weltorganisation. 

In den gröszten politischen Kämpfen der Völker für Ab- 
wehr gegen eine drohende Universaldespotie, für die Befreiung 
der Meere von jeder Statsherrschaft, und für die Eröffnung 
der Meere und der Seehäfen für die Schiffe aller Nationen, 
wider die abschlieszende Isolirung einzelner Länder und für 
das Recht und den Schutz der Fremden, für die Religions- 
und Geistesfreiheit wider Priesterdruck, offenbart sich nicht 
eine nationale, sondern eine eminent humane Politik. 

In der That die Humanität, d. h. die edelste Bewäh- 
rung des Menschengemüthes und der Menschenliebe und die 
vollkommenste Aussprache des Menschengeistes, ist das höchste 
Ziel des menschlichen Gesammtiebens, folglich auch das Stre- 
ben je der tüchtigsten Völker und der gröszten Statsmänner. 



Fünftes Capitel. 

Selfgovernment und Selbstverwaltung. 

1. Die Engländer und die Nordamerikaner sind beide 
stolz auf ihr „Selfgovernment". Die Engländer rühmen sich, 
zuerst das Selfgovernment begriffen und practisch angewendet 
zu haben; die Nordamerikaner rühmen sich, dasselbe volks- 
tümlich ausgebildet zu haben. Das englische Selfgovernment 
hat einen aristokratischen Charakter; die Gentry ist in dem- 



Fünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung. 



79 



selben besonders thätig. Das amerikanische Selfgovernment 
wird von schlichten Bürgern geübt ; es hat eher einen demo- 
kratischen Charakter. 

In der That, der Begriff und das Wort sind zunächst 
von den angel-sächsischen Nationen ausgeprägt. Die deutsche 
Sprache hat keinen Ausdruck, der den Sinn desselben genau 
wiedergibt. Unsere Ausdrücke „Selbstregierung" und 
„Selbstverwaltung" sind enger und haben eine veränderte 
Bedeutung. Wenn daher auch unter uns das Verlangen nach 
Selbstregierung und Selbstverwaltung gegenwärtig sich oft und 
laut vernehmen läszt, so ist es doch nicht leicht, sich über 
den Sinn dieser Idee zu verständigen und denken sich unsere 
Publicisten ganz verschiedene Dinge bei demselben Wort. 

Engländer und Amerikaner denken, wenn sie von Self- 
government reden, nicht an einen nothwendigen Gegensatz 
zur Statsregierung und Statsverwaltung. Sie bezeichnen mit 
jenem Worte ganz gewöhnlich eine bestimmte Art der Stats- 
regierung und Statsverwaltung. Sie denken dabei auch nicht 
an den Unterschied von Verfassung und Verwaltung; sie nennen 
beide Selfgovernment, wenn nur dabei die Theilnahme und 
die Thätigkeit der Aristokratie oder der Bürger sichtbar wird. 

Das englische Parlament und der nordamerikanische 
Congresz sind nach ihrem Sprachgebrauch Institutionen des 
Selfgovernment. Sie nennen aber auch die Regierung der 
englischen Minister, welche aus der Mehrheit des Parla- 
ments hervorgehen und insofern das Vertrauen der Volksver- 
tretung haben, und die Regierung des von dem repräsenta- 
tiven Wahlkörper gewählten Präsidenten der Union Organe 
des Selfgovernment. Die Theilnahme der Geschwor nen an 
der Rechtspflege gilt ihnen ferner als eine Aeuszerung des 
Selfgovernment; und ebenso die Polizeiverwaltung durch die 
Friedensrichter. 

Das Selfgovernment ist aber nicht auf die Statsverfassung 
und die Statsverwaltung beschränkt und wird nicht blosz auf 



80 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



statlichen Functionen bezogen. Es findet auch auf gesell- 
schaftliche Vereine und auf Körperschaften aller Arten 
insofern Anwendung, als die Theilnehmer und Mitglieder der- 
selben in freier Weise ihre Ordnung selber bestimmen und 
ihre Interessen selber verwalten. 

Den Gegensatz dieses Selfgovernment bildet eine # Orga- 
nisation und Verwaltung, welche lediglich von oben her oder 
von auszen her geleitet wird, in welcher ausschlieszlich die 
obrigkeitliche Autorität der Berufsbeamten, ohne 
Mitwirkung von bürgerlichen Ehrenämtern oder Repräsentativ- 
ämtern entscheidet. Das stehende Heer ist weder in Eng- 
land noch in Nordamerika in Form der Selbstverwaltung 
organisirt, und gehört nicht zum Selfgovernment: sogar für 
Milizheere ist das Selfgovernment bedenklich, weil es die 
Einheit der Macht aufzulösen und den Gehorsam der Dis- 
ciplin zu lähmen droht. Der Kirche kann wohl Selfgovern- 
ment zugeschrieben werden, inwiefern sie sich selber ordnet 
und ihre Angelegenheiten selbständig verwaltet. Aber schon 
die römisch-katholische Kirche ist nicht im Geiste des Self- 
government organisirt, weil die absolute Autorität des Papstes 
keine freie Selbsttätigkeit der Priester und noch weniger 
der Laien aufkommen läszt. Auch die Klöster und die kirch- 
lichen Orden sind keine Beispiele des Selfgovernment, indem 
das Princip der Autorität von Oben und des unbedingten Ge- 
horsams in ihnen die Selbstbestimmung der Glieder unter- 
drückt. Wohl aber reden Engländer und Amerikaner unbe- 
denklich von Selfgovernment der verschiedenen Gemeinden 
und der gemeinnützigen Vereine und Anstalten für Kranken- 
und Armenpflege, ferner der Banken und Eisenbahngesell- 
schaften, der mannichfaltigen bürgerlichen Genossenschaften 
und Körperschaften für wirtschaftliche und Culturzwecke. 

Aber nicht jede Selbstthätigkeit der Bürger gilt als 
Selfgovernment und auch dann nicht immer, wenn sie sich 
auf gemeinsame öffentliche Angelegenheiten bezieht. Die 



Fünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung. 



81 



Zeitungen, die wissenschaftlichen Bücher, die Predigten, selbst 
die öffentliche Meinung sind keine Organe des Selfgovern- 
ment, wenn gleich sie auf das Gemeinleben eine Wirkung 
äuszern und freier Selbstbestimmung entspringen und in 
Selbsttätigkeit sich äuszern. Selfgovernment setzt eine Or- 
ganisation voraus, die Gliederung einer Gemeinschaft; jene 
Aeuszerungen aber offenbaren zunächst nur die Gedanken 
und den Willen der Individuen, die sich äuszern. 

Unverkennbar ist in diesem Selfgovernment ein repu- 
blikanischer Zug der Selbsthülfe sichtbar, republikanisch 
im antiken Sinn des Worts. Die Bürger wollen sich nicht 
als bloszen Gegenstand der Regierungs- und Verwaltungssorge 
ihrer Obrigkeit und der Berufsbeamten behandeln lassen, 
sondern selber mitwirken zu der Verwaltung ihrer gemein- 
samen Angelegenheiten. Sie haben einen Antheil an der 
Arbeit und an der Verantwortlichkeit, aber auch an den 
Rechten wie an den Pflichten des Gemeinwesens oder ihres 
Verbandes. 

Der Unterschied des englischen von dem amerikanischen 
Selfgovernment liegt nur in der verschiedenen Erfüllung, nicht 
in einem verschiedenen Wesen des Begriffs. Dort üben die 
vornehmen Classen diese Mitwirkung aus, hier die groszen 
Volksclassen. 

Wenn gleich einzelne Institutionen des englischen und 
amerikanischen Selfgovernment nicht auf unsere continentalen 
Verhältnisse übertragbar sind; — wir haben weder eine Ari- 
stokratie wie die englische gentry, noch ist bei uns die Selbst- 
hülfe in dem Grade entwickelt, wie in Nordamerika — so ist 
der Grundgedanke des Selfgovernment, die Theilnahme 
und Selbstthätigkeit der Bürger an allen gemeinsamen 
öffentlichen und körperschaftlichen Angelegenheiten, im Gegen- 
satze zu bloszer autoritativer und bureaukratischer 
Bevormundung der obrigkeitlichen Aemter, aber im 
Anschlusz an die Statsordnung auch auf unsere Staten 

Bluntschli, die Politik. 6 



82 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



und unsere gesellschaftlichen und körperschaftlichen Verbände 
wohl anwendbar. 

Durch die Ausbildung der Repräsentativverfassung 
und durch die vielfältige Betheiligung der repräsentativen 
Elemente an der Verwaltung haben auch die europäischen 
Continentalstaten das freier gewordene Statswesen mit Self- 
government erfüllt und gehoben. Der freie Volksstat ist 
in Wahrheit ein Stat mit. Selfgovernment,. weil in ihm das 
ganze Volk durch seine Repräsentanten an der Selbstbe- 
stimmung und Selbstentscheidung über die öffentlichen An- 
gelegenheiten Theil hat. 

2. Enger als dieser Begriff des Selfgovernment ist die 
Vorstellung, welche der deutsche Sprachgebrauch mit dem 
Wort „Selbstverwaltung" verbindet. 

Er schlieszt die Gesetzgebung, die Regierung, die Rechts- 
pflege, die als Selbstregierung der Selbstverwaltung gegen- 
übergestellt werden, von dieser aus und denkt dabei nur 
einmal an die Statsverwaltung im engern Sinn auf den 
mittleren und unteren Stufen, der Gemeinden, Amtskreise. 
Regierungsbezirke, sodann an die gesellschaftlichen Ver- 
bände, welche vom Stat aus ihre Ordnung empfangen. 

Indessen auch hier gehen die Ansichten der bedeutenden 
deutschen Publicisten noch sehr aus einander: 

a) Rudolf Gneist, welcher die geschichtliche und ju- 
ristische Erforschung der englischen Selbstverwaltung mehr 
gefördert hat, als irgend ein englischer oder ein anderer Pu- 
blicist, versteht unter Selfgovernment ein engeres Gebiet 
zwischen der eigentlichen Statsregierung und der reinen Pri- 
vatverwaltung. Er nennt so „die organische Verbindung 
von Stat und Gesellschaft." 1 Er denkt vorzugsweise an 
den Zwischenbau zwischen der Reichsregierung und den blosz 
örtlichen Einrichtungen der Gemeinden und den Privatver- 



1 Selfgovernment in England. Berlin 1871. §. 7 und §. 147. 



Fünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung. 



83 



einen; d. h. er betrachtet die Graf s chafts verbände mit 
ihren Friedensrichterämtern als den deutlichsten Aus- 
druck des englischen Selfgovernments. Aber in der Aus- und 
Fortbildung seiner Theorie hat er doch die örtliche Selbst- 
verwaltung innerhalb der Gemeinden, wenn sie zugleich durch 
das Gesetz und das öffentliche Recht normirt ist, herbeige- 
zogen. Landschaften, Kreise, Städte, Dörfer sind so weitere 
und engere Sitze der Selbstverwaltung. 

Mit grösztem Nachdruck hebt Gneist den statlichen 
Ursprung und Charakter der englischen und überhaupt jeder 
wohl organisirten Selbstverwaltung hervor, im Gegensatze zu 
dem Aufbau aus der Willkür der Gesellschaft. Selfgovern- 
ment ist, nach seiner Auffassung, „innere Lau des Verwal- 
tung der Kreise und Ortsgemeinden nach den Gesetzen 
des Landes durch persönliche Ehrenämter, unter Auf- 
bringung der Kosten durch co minimale Grundsteuern. 
Alles Selfgovernment ist das Erzeugnisz der positiven 
Gesetzgebung, nicht eines Gewohnheitsrechts." In den 
früheren Darstellungen sieht er sogar in der königlichen 
Ernennung der Friedensrichter ein Hauptmerkmal des Self- 
government.' 2 Den inneren Zusammenhang dieser Selbstver- 
waltung mit der parlamentarischen Verfassung des Reichs 
verkennt Gneist nicht. Er hebt im Gegentheil nachdrücklich 
hervor, dasz das Reichsparlament in der Selbstverwaltung der 
Grafschaften und Gemeinden seine feste Grundlage habe und 

2 R. Gneist Die heutige englische Com munal Verfassung und Com- 
munalverwaltung oder das System des Selfgovernment. Berlin 1860. §.129: 
„Das Princip der königlichen Ernennung ist seit dem Mittelalter stetig 
festgehalten für Sheriffs, Friedensrichter und Milizofficiere , also für alle 
Beamte mit richterlichem Charakter, für die Civil- und Militärobrigkeiten. 
Es ist überhaupt das vorherrschende in dem alten Selfgovernment. Ebenso 
beruht das Wesen der Jury auf der Ernennung durch einen königlichen 
Beamten. Trotz aller Anomalien der Stadtcharten ist nie eine Jury durch 
Gemeindewahl zum Vorschein gekommen, auch nie eine Juryliste durch 
einen Beamten aus Gemeindewahl." 



84 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



dasz nur eine Nation, die durch die Selbstverwaltung an 
öffentliche Thätigkeit gewöhnt und darin geübt sei, die Fähig- 
keit haben könne zu parlamentarischer Theilnahme an der 
Leitung und Ordnung des Stats. 

Gneist trennt diese statliche Selbstverwaltung durch 
Ehrenämter nach Gesetzen scharf ab von der privaten Ver- 
waltung der Actiengesellschaften und anderer Vereine. Aber 
er beklagt es, dasz die Neigungen und Sitten der Privat- 
gesellschaften, durch gewählte Administratoren und gewählte 
Verwaltungsräthe die gemeinsame Wirthschaft zu üben und 
zu controliren, auch auf die statliche Selbstverwaltung in 
neuerer Zeit eingewirkt, und sogar in England den festen Bau 
des alten Selfgovernment an manchen Stellen gelockert, auf- 
gelöst und durch gewählte Verwalter und Ausschüsse Unsicher- 
heit, Schwankungen, Wechsel, Unfähigkeit selbst in die Po- 
lizeiverwaltung gebracht habe. 

Die relative Abgrenzung des Gebietes der eigent- 
lichen Selbstverwaltung sowohl gegenüber der Selbst- 
regierung des Stats, als gegenüber der reinen Privat- 
verwaltung der Gesellschaften und Vereine ist offenbar 
zweckmäszig. Nur musz man sich dabei des inneren Zu- 
sammenhangs stets bewuszt bleiben, in welchem die Selbst- 
verwaltung auf dem Zwischengebiet, wo gesellschaft- 
liche Interessen und statliche Einrichtungen sich 
begegnen, verbinden und ergänzen, nach der einen Seite mit 
der Statsverfassung und Statsverwaltung, nach der andern 
Seite mit dem Privatleben der Bürger sich befindet. 

Der Grundgedanke von Gneist, dasz die Selbstverwaltung 
auf der Verbindung und der Wechselbeziehung von 
Stat und Gesellschaft beruhe, ist überaus fruchtbar. In 
der That ist es die Aufgabe der Selbstverwaltung, für die 
gemeinsamen Zwecke so zu sorgen, dasz die statliche Ge- 
rechtigkeit, die statliche Ordnung und Verantwortlichkeit, die 
statliche Amtspflicht, die öffentlichen Pflichten überhaupt in 



Fünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung. 



85 



vollem Masze geübt werden und zugleich die freie Thätigkeit 
der Bürger, die Opferwilligkeit derselben, die Talente, Kennt- 
nisse und die Geschäftsgewandtheit derselben, der Sinn für 
Gemeinnütziges, die Bürgertugenden, die Vertrauensbeziehun- 
gen unter den Mitbürgern sich ungehemmt entwickeln und 
die Verwaltung bereichern und beleben. 

Die gewöhnliche Meinung denkt bei der Selbstverwaltung 
fast nur an das zweite, gesellschaftliche Element. Es war 
insofern ein Verdienst von Gneist, vorzugsweise auf das erste, 
statliche hingewiesen zu haben. Aber er ist in diesem 
Streben wohl zu eifrig vorgegangen bis zur Zurückdrängung 
und Verdunkelung der Hauptsache, nämlich der bürgerlichen 
Selbstthätigkeit. Die Selbstverwaltung kann doch nicht grund- 
sätzlich auf der königlichen Ernennung zu ihren Aemtern 
beruhen, im Gegensatz zur Wahl. Die nordamerikanischen 
Friedensrichter gehören nicht minder zur Selbstverwaltung als 
die englischen Friedensrichter, wenn gleich jene von unten 
her gewählt, diese vom Könige ernannt sind. In England 
selber hat die Ernennung des Königs nur die formale Be- 
deutung einer höheren Autorisation und einer Ehre. Dem 
Wesen nach bestimmen die reichen Rittergutsbesitzer der ari- 
stokratischen Gentry, welche sich den öffentlichen Geschäften 
widmen und diese aus persönlicher Neigung und der Standes- 
sitte gemäsz auf ihre Kosten besorgen, sich selber zu die- 
sen Aemtern. Die königliche Ernennung ist mehr eine Nach- 
wirkung des alten normannischen Lehenskönigthums , als eine 
Folge des Princips der Selbstverwaltung. Die englische Ari- 
stokratie ist klug genug, ihre Amtsgewalt durch das könig- 
liche Ansehen bestätigen und weihen zu lassen. Die Polizei- 
gewalt, welche die Friedensrichter üben, ist überdem ihrem 
Wesen nach Statsgewalt, nicht sociale Sorge. In wiefern 
daher Ernennung und Wahl neben einander wirken und sich 
ergänzen, das hängt von der Verfassung eines Landes, von 
den Volkssitten , von der politischen und socialen Bildung ab. 



80 



Zweites F»uch. Moderne politische Ideen. 



In der Republik wird die Selbstverwaltung eine andere Färbung 
erhalten als in der Monarchie. 

b) Lorenz von Stein 3 sagt, die Selbstverwaltung sei 
ein Organismus, nicht ein Princip, und nieint damit, es komme 
wesentlich auf die Organe der Selbstverwaltung an. Auf der 
einen Seite überliefert er die Selbstverwaltung noch entschie- 
dener als Gneist der Statsgewalt, indem er sie als den „selb- 
ständigen Organismus der vollziehenden Gewalt" erklärt, auf 
der andern beengt er sie hinwieder durch die Hervorhebung 
ihrer örtlichen Bedeutung. Er erklärt dieselbe als „die 
Theilnahme des Statsbürgerthums an der örtlichen 
Verwaltung, die als ein selbständiger Verwaltungsorganis- 
mus mit eigenem Inhalt , eigener Function und eigenem Rechte 
ausgerüstet auftritt." Das freie Statsbürgcrthum und die ört- 
lichen Lebensverhältnisse sind ihre Grundbedingungen. 

Wie in der Gneistischen Darstellung die Verbindung der 
Gesellschaft mit dem Stat als ein wahrer und fruchtbarer 
Gedanke erscheint, so ist in der Auffassung Steins der Hin- 
weis auf die Theilnahme und Thätigkeit der freien Stats- 
bttrger eine sehr beachtenswerthe Wahrheit. Auch darin hat 
Stein Recht, dasz er vorzugsweise auf die Ortsgemeinde 
die Selbstverwaltung gründet. Wenigstens die deutsche 
und die schweizerische Selbstverwaltung haben sich haupt- 
sächlich in der Gemeinde von alter Zeit her erhalten. Da 
ist sie von den Ortsbürgern in selbstthätiger Verwaltung ge- 
meinsamer Angelegenheiten des Orts von jeher geübt worden. 
Man musz doch in eine sehr alte Zeit zurückgreifen, w r enn 
man die Selbstverwaltung in der Hundertschaft und in der 
mittelalterlichen Vogtei wirksam finden will. Sie hatte da 
in den gröszeren Bezirken und Herrschaften auch mehr den 
Charakter eigentlicher Statsverwaltung (Gerichtsbarkeit) an- 
genommen. In der Ortsgemeinde aber ist die Uebung der 

3 Verwaltungslehre Bd. I. S. 360 ff. 



Fünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung-. 



87 



Selbstverwaltung nie völlig erloschen und in manchen Ge- 
genden selbst während der obrigkeitlichen Amtsverwaltung der 
letzten absolutistischen Jahrhunderte mit groszer Freiheit und 
Kraft fortgeübt worden. Da ist sie auch zuerst wieder durch 
die Städtereform Steins neu belebt und gekräftigt worden. 

Aber die Beschränkung auf örtliche Lebensverhältnisse, 
die auch Stein in der weiteren Ausführung nicht festhält , ist 
augenscheinlich zu enge. Die Ueberlieferung der Selbstver- 
waltung an die vollziehende Statsgewalt ist, trotz aller Vor- 
behalte der selbstthätigen Freiheit der Statsbürger, überaus 
gefährlich. Sie gibt der Regierungsgewalt eine Macht über 
die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihr von Statswegen 
nicht zukommt und schneidet die Lebenswurzeln freier Selbst- 
verwaltung ab. 

c) Hermann R ö s 1 e r 4 schlägt eine geradezu entgegen- 
gesetzte Richtung ein, indem er die Selbstverwaltung mög- 
lichst von der Unterordnung unter die statliche Polizeigewalt 
ablöst und auf die menschliche Gesellschaft gründet. 
Auch er verlangt für dieselbe Universalität und Einheit, 
d. h. harmonische Ausbreitung über alle gesellschaftlichen 
Kreise und .Controle durch die centralen Organe der Stats- 
gewalt. Auch er will nicht eine von dem Stat losgelöste Ver- 
waltung, welche die Auflösung und Zerbröckelung des Gemein- 
wesens und am Ende den Kampf der gesellschaftlichen Classen 
und die Anarchie zur Folge hätte. Aber er fordert ebenso 
die Unabhängigkeit der socialen Verwaltung: „Die Ver- 
waltung musz in ihrem Gebiete ihren eigenen Gesetzen folgen 
und darf nicht fremdartigen Einflüssen und Gesetzen, insbe- 
sondere auch nicht der Willkür und den Machtsprüchen der 
Inhaber der öffentlichen Gewalt unterworfen werden." Die 
Verantwortlichkeit der Verwaltung innerhalb des Ver- 
waltungsrechts, theils dem geordneten Instanzenzug innerhalb 



4 Das sociale Verwaltungsrecht. Bd. I. Erlangen 1872, §. 16 ff. 



88 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



der Verwaltungszweige gegenüber, theils im Verhältnisz zu 
den organisirten Controlbehörden (Statsrath, Rechnungshof. 
Verwaltungsgerichtshof) und die Ordnung der Verwaltung, 
welche durch die Competenz und das Verwaltungsrecht ge- 
bildet wird, sind nach Rösler wesentliche Eigenschaften der 
Verwaltung. Die Selbstverwaltung besteht nach seinem Aus- 
druck in der rechtmäszigen Durchführung der socialen Frei- 
heit in allen Verhältnissen des Culturlebens. Die Selbstver- 
waltung verleiht den Einzelnen ein bestimmtes Gebiet unab- 
hängiger Thätigkeit gegenüber den Verwaltungsorganen (?) 
und namentlich auch gegenüber dem State; sie verleiht zu- 
gleich den Einzelnen einen bestimmenden Einflusz auf die 
Bildung und die Thätigkeit der Verwaltungsorgane selbst. 

Die in der sittlichen, rechtlichen und natürlichen Anlage 
der Gesellschaft selbst ruhenden Kräfte werden von Rösler 
nachdrücklichst hervorgehoben. Indem er die sociale Selb- 
ständigkeit als die eigentliche Grundlage der Selbstverwaltung 
betrachtet, macht er eher den Gegensatz der Gesellschaft zum 
State, als die Verbindung derselben mit dem State klar. Die 
Auffassung von Gneist und Stein kann leicht zu einer über- 
triebenen Unterordnung der Gesellschaft unter die Stats- 
gewalt führen, die von Rösler einseitig verfolgt, umgekehrt 
zu einer Unabhängigkeit der Gesellschaft, durch welche der 
Stat bedroht wird. 

Zum Abschlusz dieser Ueberschau lassen sich folgende 
Sätze aussprechen: 

1) Die Selbstverwaltung im engeren Sinne kann von 
der Selbstregierung (Selfgovernment) des States unter- 
schieden werden, aber nur wie man die Verwaltung im engern 
Sinne von der Verfassung und Regierung des Stats im Groszen 
unterscheidet und überdem als Sorge im Einzelnen und Klei- 
nen von der Rechtspflege, der Wahrung der Rechtsordnung 
gegen Verletzungen abtrennt. Aber man musz zugleich den 
Zusammenhang solcher Selbstverwaltung mit der freien Ver- 



Eünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung. 



89 



fassung eines Volksstates festhalten und sich erinnern, dasz 
diese Selbstverwaltung nur in einem freien State möglich ist 
und hinwieder die Uebung in der Selbstverwaltung das Volk 
zur Selbstregierung fähig macht. 

2) Diese Selbstverwaltung ist ferner von der reinen 
Privatverwaltung zu unterscheiden, welche der indivi- 
duellen Willkür überlassen bleibt. Jene wird vom State ge- 
ordnet und durch das Verwaltungsrecht gleichmäszig be- 
stimmt. Die detaillirte gesetzliche Normirung ist ein 
Merkmal der englischen Selbstverwaltung, nicht ebenso ein 
nothwendiges Merkmal der deutschen Selbstverwaltung, welche . 
eher eine Normirung durch Verordnung und eine auto- 
nomische Selbstordnung erträgt. 

Aber die s tat Ii che Ordnung im Groszen und die stat- 
liche Controle sind wesentliche Merkmale der Selbstver- 
waltung und unterscheiden sie von der Privatverwaltung. 

3) Das Wesen der Selbstverwaltung ist in der geord- 
neten Theilnahme und Selbstthätigkeit der Stats- 
bürger verbunden mit statlicher Ordnung zu erkennen. 
Selbstverwaltung ist daher Verbindung der Gesellschaft 
mit dem Stat, der bürgerlichen Freiheit mit der öffent- 
lichen Pflicht, 

4) Die Selbstverwaltung ist vorzugsweise wirksam in den 
örtlichen Verbänden, indem am ehesten die Statsbürger an 
ihrem Wohnorte sich bei gemeinsamen Angelegenheiten be- 
theiligen können, in zweiter Reihe in den weiteren, aber noch 
nahen Verbänden des Amtskreises, seltener in den ausge- 
dehnteren Kreisen eines mehrere Aemter umfassenden Bezirks 
(Grafschaft, Departement, süddeutsche Kreise) oder einer Pro- 
vinz. Aber sie ist auch möglich für ein ganzes Land, wenn 
gemeinsame Interessen eine gemeinnützige Betheiligung zahlrei- 
cher kundiger Männer aus allen Landesgegenden zusammenrufen. 

3. Die Selbstverwaltung wird in drei verschiedenen For- 
men statli ch eingerichtet und gesetzlich ausgeübt: 



90 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



a) durch Uebertragung " und .Ueberlassung s tatlicher 
Functionen an bürgerliche Ehrenämter im Gegensatz 
zu obrigkeitlichen Berufs- und Soldämtern, wie z. B. 
die Polizei- und Gerichtsämter der englischen und amerika- 
nischen Friedensrichter, wie die preuszischen Landräthe in 
dem ursprünglichen Gedanken, wie die französischen juges de 
paix und die schweizerischen Friedensrichter als Vermittlungs- 
instanz ; 

b) durch die Verbindung obrigkeitlicher Berufs- 
ämter mit repräsentativen bürgerlichen Ehrenäm- 
tern, d. h. in Form der Repräsentativverwaltung. Von 
der Art sind die französischen Präfecturräthe unter dem Prä- 
fecten, die preuszischen Kreisausschüsse mit dem Landrath 
an der Spitze, die badischen Bezirksräthe mit dem Bezirks- 
amtmann als Haupt, die preuszischen Stadträthe der grösze- 
ren Städte mit einem rechtskundigen Bürgermeister als Be- 
rufsbeamten an der Spitze, die aus Officieren und Bürgern 
zusammengesetzten Recrutirungscommissionen u. s. f.; 

c) durch ausschlieszliche freie Besetzung der 
Aemter und Organe durch die betheiligten Bürger, 
ohne obrigkeitliche Autorität und ohne Verbindung mit obrig- 
keitlichen Berufsämtern. Dahin gehören vor allen die grosze 
Mehrzahl der aus freier Wahl der Bürger oder durch Er- 
nennung des Gemeinderaths besetzten Gemeindeämter. 

Allen diesen Formen gegenüber steht die rein obrig- 
keitliche Statsverwaltung durch Derufsämter, die wir im Gegen- 
satze zur Selbstverwaltung obrigkeitliche Berufsver- 
waltung nennen können. 

Nicht für alle öffentlichen Aufgaben ist die Selbstver- 
waltung brauchbar. Es war ein Hauptgebrechen des mittel- 
alterlichen Gemeinwesens, dasz es fast ganz in Form der 
Selbstverwaltung eingerichtet war. Heute noch ist es kein 
Vorzug der englischen und der amerikanischen Verwaltung, 
dasz das ganze Polizei- und das niedere Gerichtswesen groszen- 



Fünftes Capitel. Selfgovernment und Selbstverwaltung. 



91 



theils der Selbstverwaltung überlassen ist. Die deutsche und 
die französische Verwaltung sorgen für viele Dinge besser 
und wirksamer, weil diese Sorge von wissenschaftlich und 
technisch durchgebildeten obrigkeitlichen Berufsbeamten ge- 
übt wird. 

Für alle Organe der Selbstverwaltung sind folgende Be- 
dingungen unerläszlich : 

a) persönliche Fähigkeit der Bürger, welche die 
Verwaltung übernehmen, die dazu gehörigen Geschäfte zu 
begreifen und zu besorgen, und daher eine gewisse, je nach 
der Schwierigkeit der Aufgaben gesteigerte Bildung; 

b) persönliche Tüchtigkeit, d. h. ein entwickeltes 
Pflichtgefühl, und ein gewisses Masz von Aufopferung für 
das öffentliche Wohl und für die Zwecke der Gemeinschaft, 
deren Verwaltung den Bürgern anvertraut wird, mit Einem 
Worte Bürgertugend; endlich 

c) eine gewisse Musze, d. h. eine relativ günstige und 
gesicherte Oekonomie, welche dem Bürger für öffentliche Ar- 
beiten und Dienstleistungen freie Zeit gewährt und ihn nicht 
nöthigt, seine ganze Arbeit ausschlieszlich für den eigenen 
Lebensunterhalt und seine Privatgeschäfte zu verwenden. 

Die Verbindung dieser drei Eigenschaften, Bildung, Bür- 
gertugend und Musze ist nirgends in der Welt ein Gemeingut 
aller Volksclassen , sondern kommt überall nur einer verhält- 
niszmäszig kleinen Minderheit von Statsbürgern zu. Insofern 
ist die Selbstverwaltung nicht, wie sich's Viele denken, eine 
demokratische, sondern eher eine aristokratische Einrich- 
tung. Nur die leichteren Geschäfte, für welche geringe Bil- 
dung ausreicht, und die keine seltenere Bürgertugend und 
keinen erheblichen Zeitaufwand erfordern, können sich auch 
über zahlreichere Classen ausbreiten. Die schwierigere, feinere 
und fortgesetzte Selbstverwaltung ist nur Wenigen zugänglich. 

Wenn vollends die öffentlichen Angelegenheiten eine 
wissenschaftliche oder technische Berufsbildung erfor- 



92 



Zweites Buch. Moderne politische Ideen. 



dern, und die volle Kraft eines Menschenlebens dauer- 
haft in Anspruch nehmen, dann reicht die Selbstverwaltung 
überhaupt nicht mehr aus, sondern wird die Arbeit der Be- 
rufsbeamten nöthig. 

Diese Selbstverwaltung hat also wie einen beschränkten 
Bereich ihrer Anwendbarkeit, so auch nur einen relativen 
Werth. Wie sie im Einzelnen zu gestalten und wie weit sie 
auszudehnen sei, das hängt von der Culturstufe der Natio- 
nen, von ihren geschichtlichen Sitten und von dem Masze 
und der Ausbreitung des vermöglichen Behagens über gröszere 
Kreise ab. 

Wo aber in einer Nation es viele fähige, tüchtige und 
vermögliche Bürger gibt, welche für die Selbstverwaltung her- 
beigerufen und verwendet werden können, da ist dieselbe 
auch — innerhalb der oben angedeuteten . Schranken — in 
hohem Grade empfehlenswerth und da wird das ganze Volk 
und der Stat von der Uebung solcher Selbstverwaltung groszen 
Vortheil ziehn. 



Drittes Buch. 

Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Erstes Capitel. 

Der Gegensatz von Rasse und Individuum.* 

Da der Stat den tiefsten Grund seines Bestandes in der 
Anlage und in den Bedürfnissen der Menschennatur hat, da 
er aus Menschen und zu Zwecken des menschlichen Lebens 
gebildet ist, so ist die Wissenschaft der Politik genöthigt, 
voraus die menschliche Natur zu prüfen und aus der Erkennt- 
nisz des Menschen die Grundgesetze des politischen Lebens 
abzuleiten. 

Vom Alterthum her bis auf die Gegenwart lautet die 
gewöhnliche, fast allgemein herrschende Meinung so: 

„Der Mensch besteht aus Seele und Leib 44 

oder, was die Meisten für gleichbedeutend halten: 

„Der Mensch besteht aus Geist und Körper 44 . 

* [Anm.] Dieses Capitel ist unverhältniszmäszig grosz geworden 
Die hohe Wichtigkeit der bisher wenig beachteten psychologischen Unter- 
scheidung und die Neuheit dieser Lehre, welche in der Psychologie Fr. 
Rohm er s ihre wissenschaftliche Begründung hat, rechtfertigen diese 
Ausnahme. 



94 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Man streitet dann wohl darüber, welche der beiden Seiten 
die ursprüngliche, welche die abgeleitete sei. Die einen sind 
der Meinung, dasz die Seele das Erste sei, welches sich aus 
den vorhandenen materiellen Stoffen die Organe ihres Wir- 
kens, den Leib als Zweites gebildet habe. Die andern finden 
umgekehrt in den materiellen Leibesstoffen auch die Ursachen 
der seelischen Eigenschaften und nehmen an, dasz die Ma- 
terie den Geist hervorgebracht habe und sein Leben bedinge. 

Nach jenen wird das leibliche Auge und Ohr aus der 
geistigen Sehkraft und der Vernehmungskraft erklärt, welche 
auch in der Seele des Blinden und des Tauben vorhanden 
sind. Nach der Meinung dieser ist das Denken nur als Phos- 
phoresciren des Gehirns und das Empfinden nur als Erzittern 
und nur aus den Schwingungen der Nerven zu erklären, 
welche die empfangenen Eindrücke nach dem Innern des 
Kopfes hinleiten. 

Die Physiologie untersucht vorerst die Erscheinungen 
des Leibes und schlieszt von den so beobachteten Erfahrungen 
aus auch auf den Geist. Die Psychologie dagegen sucht 
das Selbstbewusztsein des menschlichen Geistes zu ergründen, 
und auf diesem Wege Aufschlüsse zu finden über die Räthsel 
des menschlichen Lebens. 

Da in dem Menschen jedenfalls seelische und leibliche 
Kräfte und Eigenschaften verbunden sind und offenbar eine 
Wechselwirkung zwischen beiden besteht, so kann auf beiden 
Wegen manche Wahrheit über die Menschennatur gefunden 
werden. Die Controle, welche jede der beiden Methoden je 
der andern gegenüber ausübt, dient ferner dazu, manche Irr- 
thümer zu berichtigen und Vorurtheile zu widerlegen. 

Die politische Wissenschaft wird, da der Stat vorzugs- 
weise durch den Charakter und den Geist der Völker und 
ihrer Führer bestimmt wird , eher bei der Psychologie als bei 
der Physiologie Rath erholen. Politisches Denken ist voraus 
psychologisches Denken. 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 95 



Der politischen Betrachtung genügt aber jene herge- 
brachte Unterscheidung nicht. Die gründlichere Psychologie 
entdeckt noch einen andern Gegensatz in der Menschennatur, 
welcher dieselbe reicher und mannichfaltiger erscheinen läszt, 
als jene naive ältere Meinung annimmt. 

Bei scharfer Beobachtung der Menschen werden wir einen 
durchgreifenden Unterschied gewahr zwischen bestimmten 
Kräften und Eigenschaften, welche allen Menschen oder ge- 
wissen Arten von Menschen, Nationen, Stämmen, Geschlech- 
tern, Familien gemeinsam sind und andern Kräften und 
Eigenschaften, welche einem bestimmten Individuum für 
sich eigenartig angehören. Wir können diesen, für den Stat 
und seine Politik überaus wichtigen Gegensatz so bezeichnen : 
In jedem Menschen ist zu unterscheiden seine Rasse und 
sein Individualwesen. Damit wird die Doppelnatur der 
Menschen bezeichnet, in deren beiden Seiten nochmals der 
Gegensatz von Geist und Leib sich wiederholt. Einzelne reli- 
giöse Denker, wie z. B. der Apostel Paulus, einige alte Philo- 
sophen, wie insbesondere indische Brahmanen, manche Dich- 
ter, hatten von diesem Gegensatze eine mehr oder weniger 
deutliche Ahnung; aber tiefer erkannt und wissenschaftlich 
begründet ist er erst in unserer Zeit geworden. Die Richtig- 
keit dieser Unterscheidung kann jeder an sich selber und 
an der Beobachtung Anderer prüfen. 

Da ist denn die Erfahrung nicht selten, dasz zwischen 
den Eigenschaften der Rasse und des Individuums in einem 
bestimmten Einzelmenschen keine Harmonie besteht. Es gibt 
Menschen von edler Rasse , in denen auch die Eigenschaften 
derselben erkennbar sind, welche individuell gemein und 
nichtig sind; es gibt in den höchsten Geschlechtern, welche 
den Adel des Geschlechts in ihrer Körperhaltung deutlich 
zeigen, innerliche Lumpen. Es gibt ebenso hochbegabte, fein 
fühlende, charaktermäszig sehr edle Individuen, deren Rasse 
einem niedern Geschlechte zugehört und gemeine Eigen- 



96 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Schäften zeigt. In häszlichem Körper wohnt zuweilen ein 
schönes Gemüth, in schönem Leibe ein häszlicher Geist. Wie 
oft bemerkt man, dasz ein geistig begabter Plebejer durch 
die vornehme Zuversicht eines innerlich unbedeutenden Edel- 
manns in Verlegenheit gebracht wird, oder ein Junker von 
bornirtem Geiste einem talentvollen Arbeiter das Selbstgefühl 
der angesehneren Rasse schroff entgegensetzt. Wir gewahren 
auch, dasz zuweilen ein Bedienter kraft seiner individuellen 
Klugheit Autorität gewinnt über die stolze Herrschaft und 
dieselbe ganz nach seinem Willen lenkt. Bald entscheidet 
das individuelle Talent, bald die gemeinsame Rasseeigenschaft. 

Wer sich selber genau beobachtet, der bemerkt auch in 
sich eine Reihe von tiefliegenden Gegensätzen zwischen sei- 
ner ererbten und mit Vielen oder Wenigen gemeinsamen Na- 
tionalität und Volksart, seiner Geschlechts- und Familien- 
natur, in Einem Worte zwischen seiner Rasse und seiner 
individuellen Eigenart. Jedermann ist vielfältig in der Praxis 
genöthigt, in sich selbst einen inneren Kampf durchzuringen 
zwischen den Neigungen und Trieben seiner Rasse und den 
Absichten und Wünschen seines Individualgeistes, zwischen 
dem Gemeingeist in ihm, welcher ihm seine Pflicht vorhält 
und dem Geiste der Selbstsucht in ihm, welcher sich dieser 
Pflicht entziehen möchte, oder zwischen dem persönlichen 
Selbstbewusztsein, welches nach den höchsten Aufgaben hin- 
strebt, und den niederen Angewöhnungen und Sitten der 
Rassekreise, mit denen er sich verbunden fühlt. 

Alle diese Wahrnehmungen und Erfahrungen bleiben un- 
begreiflich, wenn nicht der Gegensatz von Individuum und 
Rasse erkannt wird, und werden verständlich, wenn man diese 
Doppelnatur in dem Menschen begriffen hat. In der That 
gibt der tiefere Einblick in diese Doppelnatur des Menschen 
über die wichtigsten Fragen des menschlichen Gemein- und 
Einzellebens befriedigende Aufschlüsse, und löst viele psycho- 
logische Räthsel, die ohne sie unlösbar sind. 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



97 



Betrachten wir diesen Gegensatz näher sowohl in seinem 
ursprünglichen Charakter als in seinen Beziehungen und Wir- 
kungen auf das Statsleben. 

1. Die Rasse ist ursprünglich in der Körper- 
bildung sichtbar. 
Das Individuum ist vorerst in dem Körper 
verborgen. 

Indem wir uns oder Andere betrachten, werden wir auf 
den ersten Blick die gemeinsamen Züge der Menschengattung 
gewahr. Wir erkennen uns wechselseitig in Folge des ganzen 
Baues unsers Körpers, seiner Glieder und Bestandteile als 
Wesen gleicher Art, als Menschenkinder. Ebenso enthüllen 
sich uns schon bei oberflächlicher Anschauung andere, engere 
Rasseunterschiede. Sofort sehen wir, ob einer ein Neger oder 
ein Indianer, ein Europäer oder ein Ostasiate sei. Innerhalb 
der weiszen Menschenrasse treten uns auch die Unterschiede 
der Arier und der Semiten, der Romanen und Germanen, 
der Slaven und der Türken deutlich wahrnehmbar vor die 
Augen. Das geübte Auge unterscheidet ziemlich sicher zwi- 
schen dem Engländer und dem Deutschen, dem Franzosen 
und dem Italiener , schon bevor diese durch ihre Sprechweise 
den Unterschied der Sprachen bezeugen. Auch die gemein- 
same Volksrasse offenbart sich in der ganzen Erscheinung und 
Haltung, in den Sitten und Uebungen der Volksgenossen deut- 
lich. Wir können sogar die engsten Rasseverbände der Fa- 
milien in der Physiognomie und in dem körperlichen Gebaren 
der einzelnen Glieder mit einigem Scharfblick erkennen. Das 
Alles ist körperlich sichtbare Rasse. 

Nicht ebenso rasch und nicht ebenso sicher erkennen 
wir die individuelle Geistesart. Da jedes Individuum auch 
seinen besondern Körper für sich hat, und Keiner dem An- 
dern völlig gleich sieht, so können wir freilich ohne Mühe 
die verschiedenen Personen unterscheiden. Es ist nur eine 
seltene Ausnahme, wenn etwa zwei Zwillinge sich so ähnlich 

Bluntschli, die Politik. 7 



98 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



sehen, dasz sie auch von nahe stehenden Dritten leicht ver- 
wechselt werden. Aber die eigentümlichen Geistes- und 
Charaktereigenschaften der Einzelmenschen werden nur sehr 
allmählich und oft gar nicht wahrgenommen. Der Körper 
dient eher dazu, diese Eigenschaften zu verbergen, als sie 
zu offenbaren. Wie oft täuschen wir uns, wenn wir von dem 
Rasseneindruck, den wir erhalten, befangen auf das Indivi- 
duum schlieszen, welches in diesem Körper lebt. Wir sind 
geneigt, aus der edlen Rasse, die uns Vertrauen einflöszt, auf 
einen edlen Menschen zu schlieszen und machen dann die 
bittere Erfahrung, dasz die goldene Hülle einen faulen Kern 
verdeckt hat. Oder wir meinen einen gleichgültigen oder 
rohen Menschen zu treffen und werden später durch die Ent- 
deckung überrascht, dasz in der rauhen oder stachlichen 
Schale ein feiner Geist, ein treuer und opferwilliger Charakter 
verborgen war. In faunisch-sinnlicher Rasse kann ein Weiser 
wie Sokrates, in der männlich -harten Rasse eines Claudiers 
kann ein weibischer Wüstling wie Nero verhüllt sein. Der 
Individualgeist wird nicht schon der ersten Betrachtung des 
Körpers sichtbar, er offenbart sich eher durch seine 
Handlungen als durch seine Erscheinung. 

2. Man darf aber nicht den Gegensatz von Rasse und 
Individuum dem Gegensatz von Materie und Geist , Leib und 
Seele gleichstellen. Die Rasse ist nicht blosz mate- 
rieller Leib; es sind in ihr auch seelische Kräfte 
wirksam. Die Rasse besteht wie der Körper in sich 
wieder aus Leib und Seele. 

Wenn der Schlaf das Bewusztsein unseres Individual- 
geistes verdunkelt und gebunden hat, so arbeitet unser Körper 
ruhig weiter, indem er aus der Atmosphäre der Erde die 
Stoffe einathmet, welche sein Leben bedingen. Es vollzieht 
sich der Verdauungsprocesz des Körpers unbewuszt, die un- 
bewuszte Thätigkeit des Herzens wird ohne Unterbrechung 
fortgesetzt, um den Kreislauf des Blutes zu betreiben; un- 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



9$ 



bewuszt werden die Muskeln und Nerven erneuert und im- 
bewuszt vollzieht sich das Wachsthum des Leibes. Wo aber 
so die Selbstbewegung des Lebens sichtbar ist, da ist 
nicht eine todte Materie, sondern da zeigen sich seelische 
Kräfte. 

Aber nicht etwa nur in diesen niederen Functionen des 
Körpers macht sich die Rasse geltend. Was wir irgend von 
geistigen Kräften in der Menschennatur finden , das wird auch 
in der menschlichen Rasse von Anfang an in deutlicher Form 
wahrnehmbar. Alle gemeinsame Geistes- und Charakter- 
anlage der Menschen wird durch die gleichartige Organisa- 
tion des Menschenkörpers verwirklicht. Die Fähigkeit, mensch- 
lich zu denken und zu empfinden, hat in dem Menschenhaupte 
und dem Menschenleib gemeinsame Organe erhalten. Was 
wir als gemeinsames Mensch enge fühl empfinden, oder als 
Menschenverstand denken , das ist nichts Individuelles, 
sondern Rassegefühl und Rasseverstand. Es gibt ein mensch- 
liches Gewissen, das in jeder gesunden Menschenbrust 
sich regt und eine menschliche Logik, die Jedermann 
versteht. 

Auch innerhalb der engeren Rasseverbände der Nationen 
und Völker, Stämme und Stände, Geschlechter und Familien 
zeigen sich besondere seelische Eigenschaften, moralische und 
geistige Vorzüge und Fehler, die regelmäszig dieselben sind 
in allen Genossen, wie verschieden die Individuen sein mö- 
gen. Der Esprit der Franzosen , die Gemüthlichkeit der Süd- 
deutschen, der Glaubenseifer der Spanier u. s. f. sind seelische 
Eigenschaften der nationalen Rassen. 

Ebenso vererben sich ganz gewöhnlich in einzelnen 
Familien bestimmte Neigungen und Fähigkeiten, oder Leiden- 
schaften und Gebrechen. Wie früher in der antiken römi- 
schen Aristokratie, so pflanzen sich heute noch in der engli- 
schen Aristokratie selbst politische Parteigrundsätze von Vater 
auf Sohn und von den Ahnen auf die Enkel rassemäszig 



100 



Drittes Buch. Die Meuschennutur als Grundlage der Politik. 



fort. Der Geist der Dynastien wirkt von Generation zu Ge- 
neration während Jahrhunderten in derselben Richtung fort. 
Wer weisz nicht, wie zähe bäuerliche Geschlechter an den 
ererbten Sitten und an ererbtem Glauben und Aberglauben 
festhalten. Wenn die Kirche von der Erbsünde spricht, so 
kann sie vernünftiger Weise nur Rassefehler im Sinne haben. 
Es gibt aber auch Erbtugenden , die in derselben Weise fort- 
wirken. Es gibt also einen von dem Individualgeiste ver- 
schiedenen Rassegeist. 

Aber auch der vorerst den Sinnen nicht wahrnehmbare 
Individualgeist hat die Fähigkeit, körperlich sicht- 
bar zu werden und sich zu offenbaren in Worten 
und Werken. 

Manche Portraitmaler können nur Rassebilder machen, 
die gröszten aber verstehen es, Individuen zu zeichnen. Jene 
sehen vornehmlich die breite Erscheinung der Familienzüge, 
w r elche ihnen in festen Formen, gleichsam in massiver Ge- 
stalt vor Augen stehen. Aber das schärfere Auge des groszen 
Künstlers entdeckt auch die feinen Linien und die wechseln- 
den Lichter, in denen die individuelle Eigenthümlichkeit 
offenbar wird. Vielleicht haben zwei Brüder, die sich rasse- 
mäszig sehr ähnlich sehen, als Individuen einen ganz ver- 
schiedenen Charakter. Die ersteren Maler werden die Fami- 
lienähnlichkeit richtig darstellen, aber die letzteren werden 
auch den Unterschied der Individuen zeichnen. 

In der That, der individuelle Geist, der in dem Körper 
wohnt, hat die Fähigkeit, sein Wesen auch in seinem Körper 
sichtbar zu machen. Selten freilich zeigt er sich im Schlafe, 
denn schlafend ruht das Individuum in der Rasse aus, aber 
oft im Wachen, und am ehesten in gehobenen Momenten. 
Je erregter das Individuum ist, um so deutlicher strahlt es 
von Innen heraus. Es leuchtet und blitzt aus den Augen, 
es verräth sich in Haltung und Gebärde, es zeigt sich in dem 
Spiele der Mienen. Bedeutende Schauspieler verstehen die 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 101 

Kunst, mit überraschender Klarheit die bisher verborgenere 
Gefühle und Gedanken des Individuums plötzlich hervortreten 
und leuchten zu lassen. 

Wer hat es nicht schon erlebt, dasz ein bekannter Mensch 
in einem gesteigerten Momente auf einmal einen ganz anderen 
Ausdruck bekommt, als im gewöhnlichen Leben. Wir haben 
in dem kleinen zarten Körper ein zaghaftes, ängstliches In- 
dividuum zu kennen gemeint und plötzlich entpuppt sich in 
der Gefahr, während Alle erschrocken und unschlüssig sind, 
das gering geschätzte Individuum als ein muthiger Held, 
dessen Energie alle Nerven und Muskeln spannt, dessen Stimme 
einen männlichen Ton hervorbringt, der die Andern aufrichtet 
und Allen zum tapfern Führer wird. Oder wir haben einen 
auffallend häszlichen Menschen gekannt, und sehen nun er- 
staunt, dasz sein Angesicht in gehobener Stimmung sich schön 
verklärt, und voll Anmuth strahlt. Oder es bekommt auch 
umgekehrt die schöne ruhige Gestalt eines Menschen, wenn 
die böse Leidenschaft des Innern durchbricht, einen widrigen 
häszlichen Ausdruck. 

Nicht blosz augenblicklich und flüchtig vorüber eilend 
zeigt so das Individuum seine Natur. Es wirkt durch die 
öfteren Gemüthsbewegungen , durch seine Arbeiten, seine 
Thaten und seine Erlebnisse auch dauernd auf den Körper 
ein, und läszt Spuren zurück in der ganzen Erscheinung des 
Körpers. Es modificirt so das Antlitz. Manche leise Hebungen 
und Vertiefungen, viele kleine Falten und merkwürdige Li- 
nien ändern nach und nach den Ausdruck des Gesichts. Desz- 
halb wird in dem reiferen Lebensalter die individuelle Art 
schon bei der Betrachtung des Körpers eher erkannt, als in 
der noch weicheren Jugend. 

Daraus folgt, dasz in dem zunächst unsichtbaren Indi- 
vidualgeiste doch die Fähigkeit sein musz, auf die Sinne zu 
wirken, wie hinwieder diese jenem ihre Eindrücke zuführen. 
Wie das körperliche Auge die Bilder, die es aufnimmt, dem 



102 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

individuellen Geiste zum Bewusztsein bringt, was unmöglich 
wäre, wenn es nicht Wege und Uebergänge gäbe, welche von 
dem äuszern Gesichte zu dem individuellen Geiste hinleiten, 
so findet auch der Geist umgekehrt den Weg in das leibliche 
Auge und strahlt durch dasselbe aus. Wenn der individuelle 
Gedanke wie das Licht wirkt und die Dinge erhellt, und 
wenn der individuelle Willensentschlusz wie ein elektrischer 
Schlag das ganze Nervensystem durchzuckt und spannt, so zeigt 
sich in diesen Wirkungen des Geistes doch eine dynamisch- 
materielle Seite desselben. 

Endlich hat das Individuum auch die Macht, in seinen 
Handlungen, in seinen Werken und Thaten, seine individuelle 
Art äuszerlich darzustellen, seine individuellen Gefühle in 
der Musik, seine individuelle Phantasie in Bildern, seine 
eigensten Gedanken in Worten auszudrücken. In alledem wird 
wieder der innere Zusammenhang offenbar zwischen Geistigem 
und Leiblichem, Unsichtbarem und Sichtbarem. 

Wie die Rasse den Dualismus vonSeeleundLeibin 
. sich hat, so hat auch der Individualgeist den Dualismus 
in sich von Innerem und Aeuszerem, Geist und Materie. 

3. Die Rasse wird von den Eltern auf die Kin- 
der fortgesetzt und vererbt. Die individuelle Ei- 
genart stammt nicht von den Eltern und ist nicht 
die Fortsetzung der Eltern. 

Die Kinder erhalten ihren Körper von den Eltern und 
es gehen daher aus den Körpern des Vaters und der Mutter 
die Rasseeigenschaften der Eltern, wenn auch in verschiede- 
nen Verhältnissen, auf die Körper der Kinder über. Bald 
überwiegt die Art des Vaters, bald die der Mutter; zuweilen 
zeigt sich in den Enkeln mit besonderer Schärfe die Natur 
des Groszvaters oder der Groszmutter. Immer aber ist in 
dem Körper der Menschen der Zusammenhang deutlich 
zwischen den Vorfahren und den Nachkommen. Diese 
setzen das Leben jener körperlich in ihrer Rasse fort. 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 1Q3 



Auf dieser natürlichen Erblichkeit der Rasse beruht das 
Faniilienerbrecht des Privatrechts, aber auch das 
statsrechtliche Erbrecht der Gemeinde-, Landes-, Reichs- 
angehörigkeit und das dynastische Thronfolgerecht. 
Diese Erblichkeit der Rasse ist eine Grundbedingung für die 
Fortdauer einer Nation. Seitdem Darwin diese Erblichkeit 
auch naturwissenschaftlich aufgezeigt hat, ist diese schon 
früher von der Statswissenschaft beachtete Wahrheit auch in 
weiteren Kreisen verständlich geworden. 

Aber ganz anders verhält sich das Individuum zu seinen 
Eltern. Ein Individuum kann Eigenschaften haben, von denen 
wir in den Eltern Nichts wahrnehmen, für welche den Eltern 
sogar jedes Verständnisz fehlt. Mancher Dichter oder Künstler 
ist der Sohn ganz prosaischer und unkünstlerischer Eltern, 
Mancher freidenkende Philosoph stammt von strenggläubigen 
oder von denkscheuen Eltern ab. Mehr als ein Held des 
Geistes oder des Charakters hat einen wenig befähigten Vater 
und eine schwache Mutter gehabt. Von schlechten Eltern 
kann ein Heiliger abstammen, vortreffliche Eltern können 
einen Bösewicht zum Sohne haben. 

Rassemäszig fühlt sich daher der Sohn immer mit den 
Eltern verbunden, deren Blut und deren Natur er in sich 
hat. In der Rasse ist auch die Unterordnung der Kinder 
von den Eltern fest begründet. Aber als Individuum weisz 
sich der Sohn frei von den Eltern, und tritt ihnen ganz 
selbständig gegenüber. Er kann denselben individuell 
übergeordnet sein. Kein Europäer nimmt daran Anstosz, 
wenn im Stat oder in der Kirche der Sohn als Obrigkeit oder 
als Priester dem Vater vorgesetzt wird und Autorität über 
ihn übt. Wäre hier schon das Rasseverhältnisz entscheidend, 
so wäre das offenbar Verkehrimg der Natur. Da aber der 
Sohn das Amt heute regelmäszig nicht um seiner Rasse willen, 
sondern mit Rücksicht auf seine individuellen Eigenschaften 
erwirbt, so begreifen und billigen wir jene Ueberordnung. 



10-4 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Als Jesus seine Mutter mit den Worten zurecht wies: „Weib, 
was habe ich mit Dir zu schaffen?" sprach er nicht als Sohn 
zur Mutter , sondern als selbstbewusztes Individuum zu einem 
andern Individuum. 

Wenn aber das Individuum seine geistige Eigenart nicht 
von den Eltern überkommt, so kann es dieselbe nur von dem 
unendlichen Geiste erhalten, welcher der Urquell alles gei- 
stigen Lebens ist. So betrachtet erscheint das Individuum 
als ein lebendiges Wort Gottes und die Individuen 
werden in besonderm Sinne als Geschöpfe Gottes, Kinder 
Gottes erkannt. 

Es genügt daher für den Politiker nicht, dasz er in dem 
Verkehr mit den Menschen nur die Rasse beachtet; er ist 
genöthigt, auch auf die Individualgeister Rücksicht zu neh- 
men, so weit er dieselben zu erkennen vermag. 

4. Die Rasse ist wesentlich irdisch; das Rasse- 
leben ist an die Erdoberfläche gebunden. Der In- 
dividualgeist dagegen ist nicht an die Erde ge- 
fesselt, er wagt sich ins Unendliche und Ueb er- 
irdisch e. 

Wenn der Mensch des festen Bodens bedarf unter seinen 
Füszen, und ohne Luft nicht athmen kann, wenn er nur eine 
gemäszigte Temperatur erträgt, und kältere oder heiszere 
Grade ihm den Tod bringen , wenn er sich nur innerhalb eines 
eng begrenzten Raumes bewegen kann, so ist diese Beschrän- 
kung das nothwendige Erbtheil seiner Rasse. Der Menschen- 
körper ist aus irdischen Stoffen zusammengefügt, welche der 
Erdoberfläche entnommen sind und nach dem Tode wieder 
in dieselbe aufgelöst werden. 

Ebenso ist auch die Nation und ist der Stat räumlich 
und zeitlich mit der Erdoberfläche verbunden und kann nur 
auf dieser leben. 

Der Individualgeist dagegen ist kein Gebilde und kein 
Gefangener der Erde. Er erhebt sich kühn und sicher über 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 105 



die irdischen Schranken. Der ganze Erdball wird für ihn ein 
Gegenstand der Betrachtung, seine mathematischen Linien 
zerlegen und seine physikalische Erforschung wägt denselben. 
Seine Astronomie untersucht und bestimmt auch die Gestirne. 
Seine Phantasie schwingt sich bequem und heiter über die 
irdische Atmosphäre hinaus und durchfliegt die weitesten 
Bäume. Seine Gefühle verspüren die Schauer des Ewigen, 
sein Gemüth wird beseligt durch die göttliche Liebe. Sein 
Gedanke vermag Alles, was Leib hat, aufzulösen in die ur- 
sprünglichen Elemente und sich in die dunkeln Abgründe 
des Nichtseienden (des Nirwana) zu versenken. Er ist be- 
fähigt, Unendliches zu denken und Gott zu schauen. 

So kann auch dem individuellen Geiste des Statsmanns, 
obwohl der Stat rassemäszig an die Erdoberfläche gebunden 
ist, der Zusammenhang offenbar werden mit der sittlichen 
Weltordnung überhaupt, mit Gott, mit dem Leben der Geister 
und den höchsten Zielen des menschlichen Strebens; und er 
kann in diesem Glauben oder in dieser Erkenntnisz auch 
einen Trost und eine Stärkung finden, welche ihn über die 
Lasten und die Unvollkommenheit alles irdischen Daseins 
emporhebt, 

5. Die Rasse unterliegt dem organischen Gesetz 
der Altersentwicklung, und wandelt sich in be- 
stimmter Zeitenfolge. Sie wächst heran bis auf die Höhe 
des Lebens und altert allmählich, bis sie zuletzt abstirbt, 
Der Individualgeist aber entwickelt sich selber 
durch seine Arbeit und wächst selbst in hohem 
Alter noch fort ins Unendliche. 

Mit beinahe mathematischer Regelmäszigkeit durchläuft 
das Rasseleben die verschiedenen Altersperioden der Men- 
schennatur. Wie ein Rad sich dreht und eine Speiche nach 
der andern in vorher bestimmter Reihenfolge auf- und nieder- 
steigt, so treten je nach der Altersstufe in gewohnter Er- 
hebung und Senkung die mancherlei Seelenkräfte hervor oder 



106 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



zurück, welche in den menschlichen Körper in fester Ordnung 
gelegt sind. Wie der Leib des Kindes Veränderungen er- 
leidet, wenn er in die Jugendperiode eintritt, so wandeln sich 
auch die Neigungen, Stimmungen, Fähigkeiten. Die Höhe des 
menschlichen Rasselebens wird in der Mitte der dem vollen 
Menschenleben gesetzten Lebensdauer erreicht. Mit derselben 
Naturnotwendigkeit, wie der Aufgang sich vollzogen hat, voll- 
zieht sich auch der Niedergang. Der Leib und die Seelen - 
kräfte des Greises sind anders gestimmt und schwächer als 
die des reifen Mannes. Niemand kann sich dieser vorher 
bestimmten Wandlung entziehen. Sie beginnt mit der Geburt 
und endet mit dem Tode. 

Aber keineswegs wird das individuelle Geistesleben ebenso 
von der Altersentwicklung beherrscht und gewandelt. Zwar 
verspürt der Individualgeist naturgemäsz das Alter der Rasse, 
die ihm zur Ausstattung verliehen ist. Wie es für den 
Künstler nicht gleichgültig ist, in welchem Zustande das In- 
strument ist, das er spielen soll, so ist es auch für den in- 
dividuellen Geist nicht gleichgültig , in welcher Altersentwick- 
lung sein Körper sich, befindet; denn dieser Körper dient ihm 
zur Wohnung, er nimmt alle Eindrücke von Auszen auf und 
theilt sie ihm mit, er führt seine Handlungen aus und spricht 
seine Gedanken aus. Der kindische Leib ist für viele Dinge 
noch unfähig, für andere äuszerst beweglich und empfänglich. 
Die Sinne des Greises sind schwächer geworden, aber es haben 
zugleich seine kluge Berechnung und seine reizbare Empfind- 
lichkeit zugenommen. Die Beschaffenheit des Organismus 
wirkt also zurück auf den individuellen Geist, welcher in 
demselben lebt. 

Aber trotzdem behält der Individualgeist seine Eigenart 
bei, sie wandelt sich nicht nach den Altersjahren. Es gibt 
Menschen, die individuell jugendlich bleiben, auch dann noch, 
wenn ihr Haupthaar schneeweisz geworden ist. Wir kennen 
auch Individuen, die schon in der ersten Kindheit altklug 



Erste8 Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



107 



sind und einen greisenhaften Charakter haben. Das ist ab- 
solut unerklärlich, ohne den Gegensatz von Individuum und 
Rasse. 

Unmöglich kann die Rasse in höherem Alter noch wach- 
sen, unmöglich an Kräften zunehmen. Aber es ist möglich, 
dasz das Individuum geistig oder moralisch noch im Greisen- 
alter vollkommener werde. Auch nachdem die physische Zeu- 
gungskraft erloschen ist, kann der Geist noch schöpferische 
Thaten erzeugen. Während der aufgezehrte, hinfällige Leib 
abstirbt, auf dem Todbette noch kann das geistige Leben der 
Individuen herrliche Blüthen entfalten und Früchte spenden, 
dann erst seine höchste Höhe erreichen. 

Die Altersentwicklung der Rasse und die geistige Ent- 
wicklung des Individuums gehen also nicht noth wendig 
parallel. 

Indem die Altersstufen der Rasse einem Naturgesetze 
folgen, über welches der menschliche Wille keine Macht hat 
und auf dessen Wirkungen er nur einen geringen Einflusz 
üben kann, so wird dagegen die individuelle Fortbildung 
wesentlich und grösztentheils von dem Individuum selber be- 
stimmt und geleitet. Die Anlage seines Geistes freilich kann 
das Individuum nicht ändern. Es kann derselben so wenig 
irgend ein Talent beifügen, als es dem Körper einen Zoll 
Höhe zusetzen kann. Jeder musz seine Anlage hinnehmen, 
wie er sie empfangen hat, Niemand ist für seine Anlage 
verantwortlich. Aber Jeder hat die Möglichkeit und die Pflicht, 
seine Anlage auszubilden , zu entwickeln , zu bethätigen , har- 
monisch mit der geistigen und sittlichen Weltordnung, je 
nach seinen Kräften. Deszhalb hat er auch den Trieb zur 
Freiheit in seinem Innern. Die Freiheit weckt und bewegt 
die schlummernden Kräfte des Geistes. Die Arbeit, die das 
Individuum auf seine innere Veredlung verwendet, die Kennt- 
nisse, die es sich aneignet, die guten Thaten, die es voll- 
zieht, die Werke, die es schafft, die Leiden, die es erträgt 



108 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



und die Opfer, die es bringt, gehören dem Individuum selber 
zu, veredeln und bereichern sein Wesen. Hinwieder fallen 
dem Individuum zur Last die faule Ruhe, in welcher seine 
Kräfte ungebraucht verderben , die schlechten Handlungen, 
die es begeht, die Thorheiten, in die es hineinstürzt, weil 
es die Sorgfalt versäumt, deren es fähig ist, oder sich von 
dem ungezügelten Sturm der Leidenschaft treiben läszt. So 
bestimmt das Individuum selber sein Leben und es lebt sich 
selber zum Gericht. 

G. Das Leben der Rasse ist also überwiegend 
Naturnoth wendigkeit, das Leben des Individuums 
wird vorzüglich von der Freiheit bestimmt. 

Die höchste Freiheit des Menschen ist indivi- 
duelle Geistesfreiheit. In seinem Glauben und entschie- 
dener noch in seinem Wissen wird der Mensch seiner per- 
sönlichen Freiheit selbst bewuszt; und zwar nicht blosz, weil 
er sich der Nöthigung von andern Menschen zu entziehen 
die Kraft hat, sondern auch insofern, als die Selbstentschei- 
dung und Selbstbestimmung seines eigenen Geistes ihm er- 
fahrungsmäszig offenbar wird. 

Der Geist des Individuums ist nicht ein leeres Gefäsz, 
in welches durch die Schule ein beliebiger Stoff hinein ge- 
gossen wird. Er arbeitet selbstthätig mit, indem er manche 
Gedanken abstöszt und andere zwar aufnimmt, aber modificirt, 
umbildet oder erweitert. Wenn der wissenschaftliche Denker 
die grosze Natur oder die Geschichte der Menschen erforscht 
und das Dunkel aufhellt, wenn der Künstler Bilder schafft, 
wenn der religiöse Held sein Leben für die Reinigung und 
Heiligung der Menschen hingibt, wenn der Statsmann das 
Volkswohl fördert, so liegt diesen Thaten zwar auch eine 
Naturnotwendigkeit insofern zu Grunde, als die Fähigkeit zu 
solchen Thaten in dem Thäter vorhanden sein musz; aber es 
bewährt sich zugleich in denselben die persönliche Freiheit, 
Jedermann weisz, dasz sein Entschlusz und die Ausführung 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



109 



des Entschlusses frei, d. h. das Werk der Selbstbestimmung 
ist, und Jedermann fühlt, dasz er dafür verantwortlich ist. 
Wenn gleich unbewuszte Triebe mitspielen, und das Selbst- 
bewusztsein wie die innere Freiheit des Menschen nicht voll- 
kommen, nicht absolut , sondern mangelhaft und beschränkt 
ist, so ist doch nicht zu läugnen, dasz die Freiheit in dem 
Masze voller und die Verantwortlichkeit in dem Grade ernster 
wird , als das Selbstbewusztsein des Menschen heller leuchtet 
und seine Selbstbestimmung entschiedener vortritt. 

7. Die Rasse dauert so lange fort, als sie sich 
fortzupflanzen die Kraft hat, und ist in den ein- 
zelnen Erscheinungen durch kurze Lebensdauer 
beschränkt. Auch das Individuum ist als Einzel- 
mensch kurzlebig, aber als Individuum nicht noth- 
w endig dem Tode verfallen. 

Die relative Unsterblichkeit der Rasse ist nur eine über 
das Einzelleben hinaus erstreckte Fortdauer. Die mensch- 
liche Rasse geht nicht früher unter als die Menschheit. Die 
nationale Rasse hat ein kürzeres Leben als die Menschheit. 
Die Familienrasse wird meistens aufgezehrt, bevor die Nation 
ausstirbt, der die Familien angehören. Der Einzelne stirbt, 
während seine Familie fortlebt. 

Da der Individualgeist nicht irdisch ist, so gibt es auch 
keinen zwingenden Grund, welcher uns nöthigt, anzunehmen, 
dasz er mit dem Tode des menschlichen Körperlebens auf- 
höre. Wenn er aus dem unendlichen Geiste stammt, wenn 
er eine Idee des göttlichen Geistes ist, so kann er auch in 
Gott zurück gehen und neues Leben gewinnen. Das Sterben 
des Menschenkörpers bedingt daher nicht nothwendig den Tod 
des seiner Natur nach nicht sterblichen Geistes. Der indivi- 
duelle Geist, der dem Unendlichen nachstrebt, kann theilhaft 
werden des unendlichen Lebens. 

8. Die Rasse begründet die Gleichheit unter den 
Menschen, die Individualität begründet die Yerschie- 



HO Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



denheit der Menschen. Die Rasse verbindet ihre Ge- 
nossen; die Individualität unterscheidet und sondert 
Jeden von dem Andern. 

In jedem Rassekreise herrscht die Gleichheit der Anlage. 
Diese Gleichheit erfüllt alle Angehörigen einer Familie, eines 
Standes, einer Nation mit dem Gefühl der Verwandtschaft 
und der Gemeinschaft. Die Rassegenossen betrachten sich 
als Brüder, und die Rasseungenossen relativ als Fremde. Als 
Hellenen sind Achilles und Ajax, Odysseus und Thersites, 
Piaton und Aristoteles gleich, als Individuen sind sie ganz 
und gar verschieden. Der Fortschritt der Cultur, die Ent- 
wicklung der Geschichte bringt die individuellen Unterschiede 
zu mannichfaltigster Erscheinung. Bei uncultiyirten Stämmen 
herrscht die Gleichheit der Rasse noch vor, weil die Arbeit 
der Einzelnen noch nicht die verborgenen Fähigkeiten ent- 
hüllt hat. 

Darin bewährt die Gleichheit der Rasse ihre Macht, dasz 
sie trotz der individuellen Verschiedenheit doch alle Genossen 
durch das nothwendige Band der Gleichheit und Gemeinschaft 
zusammen hält. Obwohl die Individuen ihrer Eigenart und 
ihrer Selbstsucht folgend, sich von einander trennen und in 
den verschiedensten Richtungen aus einander gehen , so reiszt 
das Band der Rassegemeinschaft doch nicht und verbindet 
alle beständig mit einander. 

Die Individualität dagegen ist Besonderheit. Auch die 
Individuen können, wie sie aus einander gehen, sich wieder 
aus individuellen Motiven einander nähern. Das Individuum 
kann sich isoliren und abschlieszen, es kann aber auch inni- 
gen Verkehr mit andern Individuen pflegen , die ihm sympa- 
thisch sind. Nicht alle Lebensgemeinschaft der Menschen 
beruht auf der Rassegleichheit. Sie ist oft das Ergebnisz der 
individuellen freien Wahl. Die getrennten Individuen 
können ihrer Hülfsbedürftigkeit inne werden und sich mit 
freiem Willen an einander anschlieszen. An die Stelle der 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. Hl 



ursprünglichen Naturgemeinschaft tritt dann die freie ge- 
sellschaftliche Einigung. Die Freundschaft, die Liebe 
haben sehr oft einen individuellen Ursprung. Am vollkommen- 
sten zeigt sich in der Ehe der Zusammenschlusz zweier In- 
dividuen aus verschiedenen Geschlechtern durch freie Wahl. 
Auch in den wirthschaftlichen Beziehungen finden wir die- 
selbe Erscheinung. Die Theilung der Arbeit beruht einerseits 
auf den Unterschieden der Fähigkeiten, Neigungen, Kennt- 
nissen und Fertigkeiten der einzelnen Arbeiter, aber es führt 
und hält sie zusammen die Verbindung zu dem gemeinsamen 
Werk. 

Die Rassegemeinschaft und die freie Vereinigung können 
zusammen treffen und sich wechselseitig fördern. Sie können 
aber auch jede für sich sein, unbekümmert um die andere. 
Die Gemeinde und der Stat wurzeln in der erstem, aber sie 
erheben sich beide auf den höheren Stufen der Civilisation 
auch zur letzteren, indem sie der freien Ein- und Auswande- 
rung die Thore öffnen. Die gewöhnlichen Gesellschaften sind 
nur individuelle freie Vereinigungen. 

9. Die menschliche Easse sichert die gleichm äszige 
relative Vollkommenheit der Menschennatur. In 
der individuellen Verschiedenheit zeigen sich neben 
den ganz seltenen Erscheinungen individueller Voll- 
kommenheit oder ausgezeichneter individueller Ga- 
ben die individuellen Unvollkommenheiten und 
Mängel der Meisten. 

In der Menschenrasse ist der volle Reichthum aller See- 
len- und Leibeskräfte sichtbar, welche die Menschennatur 
erfüllen, freilich nicht in absoluter Weise, wie nur Gott sie 
besitzt, aber in relativer Weise, wie sie dem mikrokosmi- 
schen Menschen zukommt. Alle diese Kräfte sind überdem 
in richtiger Ueber-, Unter- und Nebenordnung, jede an ihrem 
Platze geordnet und zu einem harmonischen, einheitlichen 
und doch reich gegliederten Organismus verbunden. 



112 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Der einzige offenkundige Mangel ist das einseitige Ge- 
schlecht, denn es ist auch das nur ein Mangel im Einzel- 
menschen, und nicht in der menschlichen Gattung. Vielmehr 
dient selbst jener Mangel als Ursache und Antrieb zu mensch- 
licher Vervollkommnung, indem darauf die Ehe und die Fa- 
milie gegründet ist , welche unter der Mitwirkung individueller 
Freiheit die ganze Vollkommenheit der Menschennatur voll- 
ständig darstellen. 

Wenn der Mensch das „Ebenbild Gottes" genannt wird, 
so ist diese Ebenbildlichkeit vorzugsweise in dieser rasse- 
mäszigen Ausstattung des Menschenkörpers zu finden, mit allen 
geistigen, gemüthlichen und sinnlichen Kräften, die wir über- 
haupt kennen. In dem geringsten, wie in dem vornehmsten 
Menschen ist dieses mikrokosmische Bild sichtbar. Darauf 
beruht die Menschenwürde und das M enschenrecht. 

Nicht ebenso vollkommen sind die Individualgeister. In 
der Rasse ist die ganze Menschennatur verkörpert, in den 
Individuen sind meistens nur einzelne Eigenschaften derselben 
wirksam. Die Rasse ist mit der Sprache, als einem ganzen 
Organismus von geistigen Ausdrucksformen zu vergleichen, 
die Individuen gleichen den einzelnen Wörtern der Sprache. 
Rassemäszig hat jeder Phantasie und Verstand; aber damit 
ein Individuum ein Dichter oder ein Statsmann werde, dazu 
musz er auch individuell mit Phantasie oder Verstand begabt 
sein. Nur in ganz wenigen, dann weltgeschichtlichen Indi- 
viduen ersten Rangs entdecken wir auch die ganze Fülle und 
den wohlgeordneten Reichthum aller der Geistes- und Ge- 
müthskräfte individuell wieder, welche rassemäszig ein Ge- 
meingut Aller sind. Der überaus groszen Mehrzahl der Ein- 
zelmenschen fehlen in ihrer Individualanlage bald diese, bald 
jene Kräfte, oder es sind dieselben nicht harmonisch in ihnen 
geordnet. 

10. Zwischen der menschlichen Rasseentwicklung und 
dem I n dividu alleben besteht eine Wechsel w irk ü n g. In 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. H3 



Folge derselben entsteht auch im Gegensatze zu der natür- 
lichen Kasse eine durch die individuelle Anordnung und 
Einwirkung anerzogene Rasse. 

Der natürlichen Vollkommenheit des menschlichen Kör- 
pers und folglich der Menschenrasse läszt sich keine neue 
Kraft hinzufügen. Aber da dieselbe vorerst in der Anlage 
ruht, so läszt sich diese Anlage durch Ausbildung und Kraft- 
übung entwickeln und insofern vervollkommnen. In mensch- 
licher Urkraft hatte der antike Hellene nichts vor andern 
arischen Nationen, die er Barbaren nannte, voraus; aber 
der gebildete Athener übertraf doch die übrigen Hellenen 
rassemäszig in vielen Dingen. Die Rasse des englischen Gentle- 
man ist unzweifelhaft vorzüglicher als die des irischen Tage- 
löhners oder selbst des gewöhnlichen englischen Arbeiters. 
DieVervollkommnungsfähigkeitder menschlichen Natur 
zeigt sich also auch in seiner Rasseentwicklung. 

Die Vervollkommnung selber ist aber vorzugsweise der 
individuellen Arbeit zu verdanken. Weil das Individual- 
leben, wie wir früher bemerkt haben, auch Spuren in dem 
Körper hinterläszt, weil der Einzelne an sich selber schafft, 
indem er seine Kräfte ausbildet und entfaltet, so kann er 
schlieszlich etwas von dieser Selbstvervollkommnung auch auf 
seine Nachkommen übertragen. Die Natur hat überdem weise 
dafür gesorgt, dasz diese Fortpflanzung nicht in den Anfängen 
des Lebens und nicht in dem Niedergange desselben, sondern 
auf der Höhe der kräftigsten Lebensalter, vor sich geht. Desz- 
halb hat sie zugleich für die Vervollkommnung des Menschen 
aufs Beste gesorgt. Durch die Arbeit von vielen Individuen 
wird so die Rasse des Stammes, der Nation, des Volks fort- 
gebildet. 

Grosze Individuen, welche durch ihre Geistesoffenbarung 
und ihre Werke ganze Völker und die Welt bewegen und 
führen, die Stifter von Religionen, die Entdecker fruchtbarer 
Wahrheiten, die Gründer und Gesetzgeber der Staten üben 

Bluntschli, die Politik. 8 



114 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



so einen mächtigen Einflusz aus auf das Gesammtieben der 
Massen und wirken in Folge dessen auch auf die Richtung 
und die Ausbildung der äuszern Natur der Millionen ein, 
welche ihrer Autorität folgen. Es entsteht so eine aner- 
zogene Rasse, welche die natürliche verändert. 

Manchmal wird diese anerzogene Rasse nicht durch die 
körperliche Erzeugung, sondern nur durch die geistige Er- 
ziehung und Ablichtung unter immer neuen Individuen 
fortgesetzt. Die buddhistischen Mönche, der römisch-katholi- 
sche Klerus, die Officierskörper der heutigen Armeen, die 
Universitätsstudenten sind deutliche Beispiele solcher aner- 
zogenen Rasse ohne physische Abstammung. Dieselben Eigen- 
schaften können aber auch, wie in den indischen Kasten oder 
den mittelalterlichen Ständen durch die Erblichkeit des Fa- 
milienverbandes fortgepflanzt werden. Dann verbindet sich 
allmählich die anerzogene Rasse mit einer natürlichen Rasse- 
vererbung. Jene kann auf diese Weise befestigt und gekräf- 
tigt, aber unter Umständen auch verkümmert und verdorben 
Aver den. 

11. Die Bestimmung des Menschengeschlechts fordert so- 
wohl die allseitige Durchbildung der Rasse als die 
harmonische Entwicklung der Individuen. Die 
Menschheit und die Individuen sind auf einander angewiesen 
und zu wechselseitiger Vervollkommnung bestimmt. 

In jedem einzelnen Menschen stellt sich beides dar. Jeder 
ist durch seine Rasse ein Glied der Menschheit und hat als 
solches Antheil an dem gemeinsamen Leben der Menschheit. 
Jeder ist hinwieder als Individuum ein Wesen für sich und 
berufen, sich selber zu vervollkommnen. Dort sind Pflichten 
gegen das Ganze zu erfüllen, hier sind besondere Aufgaben 
im Einzelnen zu lösen. 

Jede Wahrheit und jeder Vorzug, welchen die civilisirte 
Menschheit vor der barbarischen voraus hat, ist auch für die 
Individuen, die in jener geboren und erzogen werden, eine 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 115 



glückliche Erbschaft und ein reicher Gewinn. Auch ein ge- 
ring begabtes Individuum, welches einer späteren Generation 
angehört, ist um der Vorzüge der Rasseüberlieferung willen 
in einer günstigeren Lage als ein ausgezeichnetes, in eine 
barbarische Umgebung versetztes Individuum, das mit den 
gröszten Anstrengungen und Opfern sich die Güter mühsam 
erkämpft, welche jenem mühelos zugeführt werden. So wach- 
sen die Geistesbildung und die humane Sitte wie auch die 
Verbesserung der Lebensbedingungen (der Comfort) allmäh- 
lich in die Breite und es bekommen zahlreiche und weite 
Volksclassen daran Antheil. 

Die Richtung der einen Menschen geht mehr nach Innen, 
der andern mehr nach Auszen. Die ersten arbeiten mehr an 
sich selber, die letztern mehr für Andere. Die menschliche 
Bestimmung würde nicht erfüllt werden, wenn nur die eine 
Richtung und nicht zugleich die andere in der Welt wäre. 
Sie unterstützen sich und sie ergänzen sich wechselsweise. 
Wer recht an sich arbeitet, der arbeitet, selbst wenn er es 
nicht beabsichtigt, durch seine Vervollkommnung und durch 
sein Vorbild auch für die Menschheit. Wer zweckmäszig für 
die Welt arbeitet, der bildet, auch wenn er nicht daran denkt, 
sein eigenes Wesen aus. 

Wo aber die Einseitigkeit der Richtung überspannt wird, 
wie bei Einsiedlern und Mönchen dort, bei zerstreuten Ge- 
sellschaftsmenschen hier, da werden die Zustände krankhaft. 

12. Das Gesammtbewusztsein der Menschheit 
und der Gesammtwille des Volkes hat seine natürliche 
Grundlage in dem Gemeingeist der Rasse. Das indi- 
viduelle Bewusztsein und der individuelle Wille 
geht von dem Individualgeist aus. 

Das grosze Problem der Stats- und der Rechtswissen- 
schaft, die Einheit des Volks- und Statswillens, bleibt 
unlösbar, so lange man, wie die Meisten es thun, an den 
Individualwillen der Einzelmenschen denkt, Die Willkür 



116 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



der Individuen ist so manniclifaltig , wie die Eigenart der- 
selben überhaupt. Es ist unmöglich, die vielen widerspre- 
chenden Willen der Einzelnen in Einen Gesammtwillen zu- 
sammen zu fassen und zu einigen. Sogar wenn Alle zusammen 
stimmten, 'was doch nie der Fall ist, so bekämen wir nur 
eine Summe von Einzelwillen, nie Einen Gesammtwillen; und 
fortwährend wäre jene momentane Uebereinstimmung der 
Vielen, der Mehrheit, Aller, dem späteren Widerspruch Vieler, 
der Ablösung der Minderheit und der Auflösung des Vereins 
ausgesetzt. Es könnte nur ein gesellschaftlicher Ver- 
tragswille, nie ein einheitlicher Statswille zu Stande 
kommen. 

Rousseau, der den Stat aus der Uebereinkunft der 
Individuen erklärt, hat doch selber eine Ahnung davon ge- 
habt, dasz der allgemeine Wille, dessen er für die Ge- 
setzgebung nicht entbehren kann, etwas anderes sei als der 
Wille Aller. Aber er hat das Räthsel, das er nicht lösen 
konnte, mittelst einer Fiction zu umgehen versucht, die vor 
jeder Prüfung als leerer Schein zerflieszt. Da niemals Alle 
übereinstimmen, so meint er, müsse der Durchschnitts- 
wille der Mehrheit als Wille Aller gelten. So aber 
kommen wir, aus dem Regen unter die Traufe. Wir sind im 
State genöthigt, den Gesammtwillen als Autorität zu achten, 
d. h. denselben vor allen Dingen als gerecht zu ehren. Wer 
verbürgt uns aber, dasz der Wille der Mehrheit gerechter sei 
als der Wille der Minderheit? Fast alle groszen Fortschritte 
im Stat und in der Rechtsbildung sind wie die Offenbarungen 
der Religion und die Entdeckungen der Wissenschaft anfangs 
nur von einzelnen Individuen vertreten und eine Zeit lang 
nur von wenigen erleuchteten Anhängern begriffen und unter- 
stützt worden. Erst nach schweren und langen Kämpfen mit 
der Unwissenheit, der Roheit, dem Unverstand, den über- 
lieferten Vorurtheilen , welche die grosze Menge gefangen 
hielten, haben dann jene Individuen und ihre Freunde 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



117 



allmählich Anerkennung erlangt. Wenn die Mehrheit zuletzt 
vernünftig und gerecht wird, so ist sie es doch nicht von 
Anfang an und nicht fortwährend. Den wechselnden Willen 
der Mehrheit alle Zeit als Gesammtwillen betrachten und Ge- 
horsam für denselben zu fordern, das heiszt grundsätzlich 
die Rohheit der Bildung, die Unwissenheit der Weisheit über- 
ordnen. 

Noch weniger als die Gerechtigkeit und Weisheit des 
Statswillens kann auf solche Weise seine Einheit erklärt 
werden. So wenig als Millionen Sandkörner auf einen Haufen 
geworfen ein Ganzes werden , so wenig können Tausende und 
Hunderttausende von Einzelwillen Einen Gesammtwillen her- 
vorbringen. Hunderttausend Mark in Goldstücken oder Bank- 
noten hergezählt, sind eine stattliche Summe Geldes, aber 
keineswegs ein Vermögen, nichteine universitas- Das Gefäsz 
freilich, das aus Sandkörnern gebacken worden, ist ein Ganzes 
und eine Erbschaft oder eine Stiftung von 100,000 Mark ist 
auch ein Ganzes, aber nur weil zu der Summirung der ein- 
zelnen Stücke noch eine einheitliche Idee hinzugetreten ist, 
welche dieselben zu Theilen eines Ganzen gemacht hat. Bei 
leblosen Dingen kann diese Einigung von auszen durch den 
Geist und die Schöpferkraft des Menschen herbeigeführt wer- 
den. Soll aber das Volk und der Stat als Ganzes, als Person 
mit Einem W T illen anerkannt werden, so musz diese Einheit 
in ihm selber zu finden sein. 

Hegel hat die Zerfahrenheit und den Widerspruch aller 
jener Sonderwillen wohl bemerkt und eingesehen, dasz aus 
diesem Durcheinander keine Einheit des Rechts und des Stats 
sich bilden lasse. Er faszt daher den Recht und Stat bilden- 
den Willen nicht mehr, wie Rousseau und Kant, als indivi- 
duelle Willkür auf, welche den Gesellschaftsvertrag abschliesze, 
sondern als „den allgemeinen Willen, der seiner selbst be- 
wuszt geworden, der wahrhaft frei und vernünftig ist." Aber 
damit war doch nur gesagt, wie der Wille Aller beschaffen 



118 



Drittes Buch. Die Mcn»chennatur als Grundlage der Politik. 



8 ein soll, um als allgemeiner Wille geehrt zu werden, aber 
gar ni cht erklärt , wcszhalb er g e r e c h t und vernünftig ist. 

Fast Niemand hat sich daran erinnert , dasz wir alle den 
Gegensatz des Gesammtwillens und des individuellen Willens 
in uns selber haben, dasz wir oft bei Stats- und Rechts- 
fragen einen inneren Kampf durchkämpfen müssen, zwischen 
den Neigungen unserer Selbstsucht und dem Pflichtbewuszt- 
sein gegen die Anforderungen der Gemeinschaft. Der Gegen- 
satz der Rasse und des Individualgeistes , die beide in uns 
sind, erklären leicht und vollständig den Kampf zwischen 
Sonderwillen und Gesammtwillen , der sich in uns selber 
vollzieht. 

Wir sind unsers individuellen Willens ebenso deutlich 
bewuszt, wie unsrer individuellen Gedanken. Indem ich aus- 
schlieszlich für mich etwas will, was andere überhaupt 
nicht wollen oder mir nicht lassen wollen, werde ich auch 
des Widerspruchs bewuszt, in dem mein Wille mit dem Willen 
der Andern steht. Weil Cäsar Rom beherrschen will, so will 
Brutus ihn tödten. Möglich ist's, dasz die beiden Willen nur 
individuell sind. Aber wenn der eine von beiden zugleich 
der Gesammtwille Roms, d. h. des römischen Volkes ist, so 
kann es der andere Wille unmöglich auch sein. 

Die Verschiedenheit der beiden Willen ist klar genug. 
Aber wie werden wir uns des Gesammtwillens bewuszt? Wie 
anders, als durch den Widerspruch, der sich in uns selber 
erhebt, sobald wir etwas für uns wollen, was die gemein- 
same Natur, an der wir mit Anderen Theil haben, verletzt. 
Wenn der Sohn seine Hand wider den Vater erheben will, 
wenn der Bruder den Bruder schädigen will, wenn der Dieb 
nach fremdem Gute greift, so regt sich in ihm eine Stimme, 
welche dem individuellen Willen entgegen tritt. W^enn der 
Träge in Faulheit versinkt, und der Lässige seine Talente 
vergräbt, so vernimmt er eine Mahnung in seinem Innern, 
die ihn zur Thätigkeit auffordert. In den ersten Fällen wird 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



119 



der individuelle Wille gehemmt, in den letzten empfängt er 
einen Anstosz zur That. In beiderlei Fällen bekundet die 
innere Stimme einen Willen, der mit dem individuellen Son- 
derwillen zu ringen versucht. 

Die einen nennen diese Stimme das Gewissen, durch 
welches Gott zum Menschen spricht, die andern nennen sie 
das Gewissen, welches der menschlichen Natur innewohnt 
und von ihrer sittlichen Ordnung Zeugnisz gibt. Im Grunde 
meinen beide dasselbe; denn auch jene lassen die göttliche 
Stimme in menschlichen Gefühlen, Begriffen, Worten an den 
Menschen selbst erklingen; und auch diese bestreiten nicht, 
dasz die innere Harmonie der Menschennatur schon seit dem 
Ursprung des Menschengeschlechts wenigstens der Anlage nach 
gegeben und dasz sie, inwiefern sie auf der Schöpfung Gottes 
beruhe oder auf der Notwendigkeit der Natur, göttliche oder 
naturnothwendige Ordnung sei. 

Unser Individualwille ist oft ungerecht und unvernünftig, 
der menschliche Gewissenswille dagegen ist durchweg gerecht 
und vernünftig. Die vielerlei Einzelwillen widersprechen sich, 
der gemeinsame Gewissenswille ist einig und harmonisch. 
Der individuelle Wille gehört jedem für sich allein an, 
der Gesammtwille ist uns mit unserm Volke und mit der 
Menschheit gemeinsam. Es ist der Gattungs- und der 
Rassewille. 

In der Rasse ist Gemeinschaft, Harmonie, Einheit, wie 
in den Individuen Zerstreuung und Widerspruch. Allerdings 
ist der Stat nicht ein bloszer Rasseverband. In dem State 
tritt zu der überlieferten natürlichen Sitten- und Geistes- 
gemeinschaft die menschlich-eingerichtete und freie Einigung 
hinzu. Die Einheit des States wäre aber nicht hergestellt 
worden, und würde nicht erhalten werden, wenn sie sich 
nicht auf jene natürliche Rassegemeinschaft hätte stützen 
können. Der Eine Statswille ist die männliche Gestaltung 
des natürlichen Rassewillens in erhöhter Potenz. Der Stat 



120 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



ist als eine geschichtliche Person die Nachbildung und Aus- 
bildung der Rassegemeinschaft des Volks. 

13. In der Stats- und Rechtsordnung offenbart 
sich das Gesammtbe wusztsein und der Gesammt- 
wille des Volks; in dem Individualleben wird die 
persönliche Freiheit des Einzelnen entfaltet. 

Es war ein schwerer Irrthum der naturrechtlichen Theorie 
des Stats, das Recht auf den Individualwillen zu gründen. 
Ganz im Gegentheil ist der Rassewille die Grundbedingung 
des Statswillens. 

Die Rasse ist sichtbar, und nur äuszerlich wahrnehmbare 
Beziehungen werden von der Rechtsordnung erfaszt und be- 
stimmt. 

In der Rasse sind seelische und leibliche Elemente zur 
Einheit verbunden; ebenso bestehen Stat und Recht aus 
geistig-ethischen und leiblich-formellen Elementen. 

Die Rasse ist irdisch-menschlich; der Stat und das Recht 
sind es auch. 

Die Rasse wird fortgepflanzt von Geschlecht zu Geschlecht; 
mit ihr dauern auch der Stat und das Recht fort. 

Die Rasse hat ein organisches Wachsthum und erfährt ge- 
regelte Wandlungen. Ebenso offenbart die Rechts- und die Stats- 
geschichte ein organischesWachsthum und geregelte Wandlungen. 

Das Leben der Rasse ist vorwiegend Naturnothwendig- 
keit. Der Grundcharakter des Rechts ist ethische Notwen- 
digkeit der menschlichen Verhältnisse und der Stat ist Not- 
wendigkeit der Volksverhältnisse. 

In der Rasse ist Gleichheit, Gemeinschaft, Einheit; das 
sind auch die Eigenschaften des Stats und Rechts. 

Die Rasse ist die relative Vollkommenheit der mensch- 
lichen Anlage ; das Recht ist die relative Vollkommenheit der 
menschlichen Ordnung ; der Stat ist die vollkommene und ein- 
heitliche Darstellung der Volksanlage, als einer machtvollen 
Gesammtperson. 



Erstes Capitel. Der Gegensatz von Rasse und Individuum. 



121 



Die Rasse ist die Bedingung und die Schranke des mensch- 
lichen Lebens. Das Recht ist die Bedingung und die Schranke 
der menschlichen Freiheit. 

Dagegen entzieht sich das unsichtbare und mannichfaltig 
bewegte, veränderliche Geistesleben der Individuen der Macht 
und der Herrschaft des States und des Rechts. Der Gesetz- 
geber kann dasselbe nicht bestimmen, die Regierung kann es 
nicht leiten, die Rechtspflege kann es nicht beurtheilen und 
nicht erzwingen. 

Recht und Stat beziehen sich daher nur mittelbar auf 
das Individualleben. Sie schützen es vor ungehörigen An- 
griffen und Verletzungen Anderer; aber sie beherrschen es nicht. 

So weit dieser äuszere Schutz reicht, so weit erkennt 
auch der Stat individuelle Rechte an. Die feinsten, 
geistigsten Beziehungen des Individuallebens sind für den Stat 
und das Recht nicht erkennbar, nicht bestimmbar. 

14. In der Politik sind wie im Menschenleben 
Rasseentwicklung und individuelle That verbunden. 

Da die Politik voraus Leben der Gesammtheit, des States 
ist, so ist sie voraus genöthigt, der Rasseentwicklung zu folgen. 
Das erste Studium des Statsmannes ist die Menschen- und 
die Volksrasse. Niemals macht er ungestraft der Nation eine 
Zumuthung, welche zu erfüllen diese nicht die Fähigkeit hat. 
Es war das Unglück des Kaisers Karl des Fünften, dasz er 
die deutsche Nation nicht begriff und sie wie die Spanier 
behandelte; und es war der Fehler Napoleons I. , dasz er die 
Spanier wie die Franzosen regieren wollte. Jener übersah die 
deutsche Wahrhaftigkeit und Geistesfreiheit, dieser den reli- 
giösen Eifer und die royalistischen Gefühle der Spanier. 

Aber je civilisirter ein Volk wird und je freier sich das 
Individualleben in demselben gestaltet, um so mehr tritt auch 
in ihm die blosze Naturnothwendigkeit zurück und um so 
entschiedener macht sich auch in der Politik das indivi- 
duelle Geistesbewusztsein und die individuelle That 



122 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



geltend. Die mittelalterliche Politik war noch überwiegend 
instinctive Rassepolitik, sowohl innerhalb der römischen 
Kirche, welche in universellem Geiste geleitet wurde, als in 
den mancherlei Staten, in denen mehr dynastische und par- 
ticularistische Stimmungen und Neigungen wirkten. Der mo- 
derne Stat wird in höherem Grade von dem individuellen 
Bewusztsein der Statsmänner geführt. Es ist der grosze Vor- 
zug der Menschenwelt vor der Thierwelt , dasz in dieser fast 
nur die Rasse, in jener zugleich das Individuum gilt. 

Die Rasse politik, leidenschaftlich und einseitig be- 
trieben, führt zu eitler Ueberhebung der eigenen nationalen 
Rasse über die Fremden, zu verderblichem Rassenkriege, 
welcher die gemeinsame Menschenrasse miszachtet, und zur 
Despotie, welche keine Freiheit der Individuen duldet. 

Die einseitige, rücksichtslose Individualpolitik reizt 
die Selbstsucht und die Herrschsucht mächtiger Personen, 
regt zu gewagten Unternehmungen an und entschuldigt sogar 
das politische Verbrechen , sei es der Usurpation der Gewalt, 
sei es der Empörung wider die Obrigkeit oder den Hoch- 
verrath. Am Ende jener Richtung gähnt das Verderben der 
Commune, in welchem mit der individuellen Freiheit auch 
jede höhere Cultur untergeht. Am Ausgang dieser Einseitig- 
keit droht die Anarchie und die Unsicherheit Aller. 

Die wahre Kunst des Statsmanns ist offenbar die Ver- 
bindung der Macht und Einheit des Ganzen, mit der 
reichsten Mannichfaltigkeit des Individuallebens , ist 
der Schutz und die Förderung der beiden Seiten des 
Menschenlebens, so weit jene dem State obliegen und zukommen. 



Zweites Capitel. Erhaltung, Mischung, Umbildung der Volksrasse. 123 



Zweites Capitel. 
Erhaltung, Mischung, Umbildung der Volksrasse. 

Wenn es wahr ist, dasz die Fähigkeiten und Eigen- 
schaften, welche sich in der Rasse einer Nation und eines 
Volkes finden, eine Grundbedingung der statlichen Politik 
sind, dasz die eigene Volksrasse gleichsam das Instrument ist, 
das dem Statsmann anvertraut ist, ohne das er nichts ver- 
mag, so musz jeder Statsmann voraus die Rasse seines Volkes 
gründlich studiren und so weit seine Mittel reichen, auch 
dafür sorgen, dasz die guten Eigenschaften derselben geübt 
und erhalten, die schlechten Eigenschaften wo möglich be- 
richtigt und verbessert, jedenfalls aber gezügelt werden. 

Freilich ist seine Wirksamkeit in dieser Hinsicht be- 
schränkt. Viel einfluszreicher als der Stat ist mit Bezug auf 
Fortpflanzung der Rasse die Familie , welche die Nachkommen 
erzeugt und erzieht, und mächtiger erweist sich für die Tu- 
genden und die Fehler der Rasse die Sitte als das Recht, 
Auf die Gesinnung und Denkart der Massen übt die Religion 
und die Bildung einen groszen Einflusz aus. In jener Hin- 
sicht übertrifft die Kirche den Stat , in dieser wirken die pe- 
riodische Presse, die Litteratur, die Wissenschaft, die von 
Privaten bestimmt werden, mehr in die Breite als alle stat- 
lichen Kundgebungen. 

Gobineau hat in seinem mehrbändigen Werke „über 
die Ungleichheit der menschlichen Rassen" den geschichtlichen 
Beweis für seine Behauptung zu führen gesucht, dasz auf der 
Erhaltung der Reinheit der Volksrasse vornehmlich die 
Gesundheit und der Fortschritt der Völker und der Staten 
beruhe, und dasz die Mischung mit andern Rassen das 
Verderbnisz des Bluts und der Rasse herbeiführe, und daher 
nothwendig die Entartung und den Untergang der Staten 
zur Folge habe. 



124 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

Man darf wohl ein Verdienst Gobineau's um unsere 
Wissenschaft darin erkennen, dasz er einer der ersten wieder 
nach langer Vernachlässigung der Rasse, die grosze Bedeu- 
tung derselben für das Statsleben nachdrücklich hervorge- 
hoben und diese Wahrheit durch zahlreiche geschichtliche 
Belege beleuchtet und bekräftigt hat. Aber in solcher All- 
gemeinheit ist doch jene Behauptung nicht richtig. Vielmehr 
müssen wir auch da genauer unterscheiden: 

1) Nicht immer hat die sorgfältige Bewahrung der reinen 
Rasse das Volk vor dem Untergang und den Stat vor dem 
Verfalle bewahrt. 

Es gibt in der Weltgeschichte keine Nation , welche den 
Werth der Rasse höher geschätzt und sorgfältiger für deren 
Reinheit gesorgt hat, als die alte indische. Die indische 
Kastenordnung ist ganz von dem Gedanken erfüllt, die Rein- 
heit der Rasseüberlieferung für alle Zeiten auf das Strengste 
vor jeder Trübung zu bewahren. Die höheren Kasten hei- 
ratheten nur unter sich ; und wenn etwa ausnahmsweise eine 
Mischehe abgeschlossen wurde, so sanken die Kinder aus der- 
selben in eine tiefere Kaste oder wurden als kastenloser Aus- 
wurf der Nation verstoszen. Heute noch ist der Adel der 
Brahmanenrasse in der feinen Körperbildung sichtbar. 

Trotzdem hat sich die Selbständigkeit der indischen Arier 
nicht erhalten. Ihr Land wurde von den Fremden überzogen 
und erobert. Ihre Staten gingen alle unter. 

Ein ähnliches Schicksal hatten auch die Aegypter, die 
ebenfalls die Reinheit der Rasse durch ihre Kastenordnung 
zu bewahren suchten. 

Im Mittelalter hat der germanische Adel in den verschie- 
denen europäischen Ländern ebenfalls sich von den übrigen 
Schichten der Bevölkerung möglichst abgeschlossen, die Ehen 
Adlicher mit andern Ständen bald durch das Gesetz, bald 
durch die Sitte gehemmt, die Ebenbürtigkeit zu einer Be- 
dingung der Ehegenossenschaft gemacht , an die Miszheirath 



Zweites Capitel. Erhaltung, Mischung, Umbildung der Volksrasse. 125 



mancherlei rechtliche Nachtheile geknüpft. Dennoch hat diese 
Sorge für die Reinheit des adlichen Geblüts den Adel nicht 
vor dem inneren Verfall zu bewahren, ihm nicht die Herr- 
schaft zu erhalten vermocht. 

Die Reinhaltung der Rasse ist also kein sicheres Mittel, 
um die Tugenden und die Unsterblichkeit der Rasse zu be- 
wahren. Da die Rasse ihrer Natur nach beschränkt und sterb- 
lich ist, so können ihre Kräfte auch, ohne alle Beimischung 
mit anderen Rassen, allmählich aufgezehrt werden ; und dann 
geht sie nothwendig dem Untergang zu. 

2) Die Geschichte bezeugt im Gegentheil, dasz unter 
gewissen Umständen gerade die Mischung verschiedener 
Stämme und Nationen die Völker erfrischt, bereichert, ver- 
bessert und stark gemacht hat. Das rasche Wachsthum und 
die Grösze Roms beginnt erst, nachdem das Connubium zwi- 
schen Patriciern und Plebejern eingeführt war und fortwäh- 
rend haben die Römer aus allen andern italienischen, und 
später auch aus den übrigen ihrem Reiche einverleibten Na- 
tionen hervorragende Männer und deren Familien in die rö- 
mische Aristokratie aufgenommen. Nicht die Abschlieszung 
der adlichen Rasse, sondern die vielseitige Mischung und Er- 
gänzung derselben haben die römische Macht gehoben. 

Die modernen Statsvölker sind alle aus starken Mi- 
schungen entstanden. In Italien wurden ostgothische, lango- 
bardische, deutsche Rassenzweige dem alten römischen Volks- 
stamme aufgepfropft; in Frankreich vermischten sich mit 
dem romanisirten Keltenstamm die germanischen Franken und 
Burgunder. In den Engländern ist die ältere Mischung der 
romanisirten Briten mit den germanischen Angel-Sachsen und 
die spätere des angelsächsischen Adels mit dem normanni- 
schen entscheidend geworden, und in den Normannen selber 
waren hinwieder Germanenblut und Römerbildung geeinigt. 
Auch die preuszische Statenbildung erklärt sich nur aus 
der Mischung der männlich-trotzigen Germanen mit der auto- 



126 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



ritätsbedürftigen slavischen Urbevölkerung. Die Nor dam e- 
rikaner sind sehr stark gemischt aus verschiedenen natio- 
nalen Rassen. 

Man sieht also, dasz die Mischung der Rassen oft dazu 
dient, die Mängel einer Rasse durch die Vorzüge einer an- 
dern zu ergänzen und man darf geradezu behaupten, eine 
aus der Mischung verschiedener Stämme entstandene Volks- 
rasse ist eine besonders günstige Bedingung des modernen 
Stats. 

3) Alle bisherigen Beispiele von glücklichen und wohl- 
thätigen Mischungen gehören derselben weiszen Menschen- 
rasse an, wenn auch verschiedenen Völkerfamilien. Alle die 
genannten europäischen und amerikanischen Rassen beruhen 
auf der Mischung von arischen Stämmen ; höchstens noch wirkt 
semitisches Blut, aber nur in geringem Masze ein, das doch 
dem arischen wieder urverwandt ist. 

Dagegen sind die Erfahrungen keineswegs ebenso günstig, 
welche sich auf die Mischung der weiszen mit den farbi- 
gen Menschenrassen beziehen. Es scheint, dasz die natür- 
lichen Unterschiede zwischen Weiszen und röthlichen India- 
nern, oder zwischen Weiszen und dunkelfarbigen Negern zu 
schroff sind, um den engsten Familienverband, die Ehe und 
die Geschlechtermischung als heilsam und zweckmäszig er- 
scheinen zu lassen. Die unsicheren Zustände der Staten von 
Mittel- und Südamerika , in denen diese Mischung am stärk- 
sten ist, dienen als Warnung vor derselben. Es wird viel- 
fältig wahrgenommen, dasz bei solcher Differenz der Rassen 
leichter noch die Fehler und Gebrechen einer jeden Rasse 
vererbt werden als ihre Tugenden. Die Fortpflanzungsfähig- 
keit nimmt überdem ab unter dieser Voraussetzung, sie wird 
nicht erhöht. 

4) Eine geringe Mischung mit verwandten Elementen, 
welche den Hauptcharakter der Nation nicht gefährdet, ist 
meistens für diese nützlich; eine starke und plötzliche Mi- 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 



127 



schung bringt dagegen die bisherige Nation ins Schwanken 
und bedroht ihre Stätigkeit. Sie ist daher möglichst zu ver- 
meiden. 

An der Veredlung der Rasse zu arbeiten, ist eine der 
gröszten Aufgaben des Statsmanns. Sie ist deszhalb möglich, 
weil die Erziehung und die öffentlichen Institutionen eine 
Wirkung auf die Massen üben und dieselben dauernd um- 
bilden. Die Rasse, die ursprünglich ein Naturbegriff ist, wird 
dadurch zum Culturbegriff. 

Die Alten haben diese Aufgabe wohl begriffen. Die Er- 
ziehung der spartanischen Jugend und die groszen Theils von 
Stats wegen geordneten Lebenssitten auch der erwachsenen 
Spartiaten drückten denselben ein eigenthümliches Gepräge 
auf, das sich rassemäszig forterbte. Auch die Römer haben 
durch ihre Cultur die mancherlei Nationen, die ihrer Herr- 
schaft unterworfen waren, romanisirt und so die römische 
Rasse ausgebreitet. Der englische und der nordamerikanische 
Charakter bezeugen unwidersprechlich den starken und dauern- 
den Einflusz der englischen und der nordamerikanischen Ver- 
fassung und Sitte. Die militärische Erziehung der preuszi- 
schen Jugend hat das preuszische Volk zu einem so kriegs- 
tüchtigen gemacht, 

Das Alles sind Belege der Ausbildung und Veredlung der 
Rasse durch statliche Einrichtungen und Uebungen. 



Drittes Capitel. 

Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 

Jedermann verspürt die Macht des Zeitgeistes, aber Nie- 
mand erklärt uns, worauf diese Macht beruhe. Alle reden 
von dem Zeitgeist und die Meisten huldigen ihm, aber Keiner 
sagt uns, was der Zeitgeist sei, den sie verehren und dem 



128 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



sie zuweilen ungern gehorchen. Der Gedanke des Zeitgeistes 
ist nicht erst in unserm Zeitalter geboren worden. Wir finden 
ihn schon ausgesprochen von alt-indischen Brahmanen. 1 Die 
alten Römer ferner haben „den Geist des Jahrhunderts" (das 
sseculum) wohl gekannt (Tac. germ. 19). Aber aufmerksamer 
als irgend ein früheres ist unser Zeitalter geworden auf das 
Wehen des Zeitgeistes. Daher drängt sich uns nun unab- 
weislich die Frage auf: Was ist der Zeitgeist? 

I. Sehen wir vorerst zu, an was für äuszern Erschei- 
nungen die Menschen den Zeitgeist zu erkennen vermeinen 
und was für Eigenschaften sie ihm zuschreiben. 

1) Der Zeitgeist äuszert sich vorzüglich in dem bestimm- 
ten Charakter und der besondern Geistesrichtung, 
durch welche die verschiedenen Zeitalter und Zeitphasen 
sich von einander unterscheiden. Der Gegensatz der groszen 
Weltperioden bezeichnet zugleich die Wandlungen des 
Zeitgeistes im Groszen. Auch der Geist des Mittelalters 
war einmal als gegenwärtiger Zeitgeist in der Welt und ver- 
drängte seiner Zeit den Geist der antiken Welt, wie er später 
dem modernen Zeitgeist weichen muszte. Und wieder inner- 
halb dieser Weltperioden sind die Geister der Jahrhun- 
derte und sogar der halben Jahrhunderte auffallend 
verschieden. Nur darf man das Jahrhundert nicht nach un- 
serer christlichen Zeitrechnung bemessen, denn überall zeigt 
die geschichtliche Erfahrung, dasz der Geist des neuen Jahr- 
hunderts schon in den Neunzigerjahren des nach christlicher 
Zeitrechnung vorher gehenden Jahrhunderts in jugendlichem 
Ungestüm sichtbar wird. Christus ist eben nicht zu Anfang 
eines Jahrhunderts geboren worden und deszhalb stimmt unsere 

1 Yajnavalkya's Gesetzbuch. I. 349 : „Einige erwarten den Erfolg vom 
Schicksal oder von der eigenen Natur oder von der Zeit oder von der 
That der Menschen; andere Leute, weiser Einsicht, erwarten ihn von der 
Vereinigung jener." 350 : „Denn wie durch ein Rad der Gang des 
Wagens nicht zu Stande kommt , so geht ohne die That des Mannes das 
Schicksal nicht in Erfüllung." 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 



129 



christliche Zeitrechnung nicht mit der Zeitrechnung der Welt- 
perioden. 

Gleichsam wie Sterne gehen an dem Horizont der Mensch- 
heit mit den Zeitaltern neue Ideen auf und wieder unter. 
Dieselbe Idee zieht in einem Jahrhundert die Menschen mächtig 
an und in einem andern Jahrhundert übt sie keinen Einflusz 
aus. In der einen Zeit werden die Menschen von ihr be- 
geistert, in der andern gehen sie kalt und gleichgültig an ihr 
vorüber. Im 12. Jahrhundert (die Neunzigerjahre des 11. in- 
begriffen) wird das ganze christliche Europa von Grund aus 
aufgeregt durch die Sehnsucht, das heilige Grab Jesu von 
den Ungläubigen zu retten. Millionen Menschen stürzen sich 
deszhalb mit gläubiger Inbrunst in unbekannte Gefahren, in 
Noth und Tod. Dieser fanatische Trieb verliert aber im 
13. Jahrhundert seine Macht über die Gemüther und erlöscht 
später gänzlich. Die zweite Hälfte des 15. und die erste des 
16. Jahrhunderts begünstigen das Wiederaufleben der antiken 
Ideen und die Keform der Kirche, die vorher ohne Erfolg von 
Einzelnen angestrebt worden war, und von 1540 an erhebt 
sich ebenso siegreich der Geist der Reaction und der Er- 
starrung. Im 17. Jahrhundert feiert überall der Absolutismus 
der fürstlichen Gewalt seine Triumphe über das ständische 
System und im 18. regt sich seit 1740 das Verlangen nach 
Aufklärung und bürgerlicher Freiheit mit revolutionärer Ge- 
walt. Dem 19. Jahrhundert entspricht ebenso die Ausbrei- 
tung der Repräsentativverfassung und die nationale Strömung 
der Politik. In dem einen Zeitalter hat der Zeitgeist einen 
liberalen, in einem andern einen conservativen Grundzug, und 
wieder -in andern Zeitaltern erscheint er als raclical oder als 
absolutistisch. 

Dieselben Wandlungen des Zeitgeistes werden über- 
dies sichtbar im Kleinen innerhalb eines Zeitalters. Auch 
da ist eine aufsteigende und eine absteigende Bewegung zu 
unterscheiden. Die Speichen des groszen Rades der Welt- 

Bluntschli, die Politik. 9 



130 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



geschichte bestehen wieder aus kleineren Rädern, die ihren 
besondern Umlauf haben. Dieselben Menschen schwärmen in 
den einen Zeitphasen für die Volksfreiheit und in den andern 
verlangen sie eine dilatorische Gewalt, und beide Male be- 
rufen sie sich auf den Zeitgeist, dem diese Richtung ent- 
spreche. Als Napoleon I. in Frankreich die cäsarische Au- 
torität aufzurichten unternahm, da prüfte er wiederholt durch 
ausgestreute Flugschriften, ob die Zeit dafür gekommen sei, 
wie Noah nach der jüdischen Sage einst durch die ausge- 
schickten Tauben geprüft hatte, ob sich die Wasser verlaufen 
haben; und wiederholt vertagte er die Ausführung, weil die 
Zeit noch nicht da sei. Endlich schienen ihm die Zeichen 
günstig und nun warf er die Hülle des Consulates weg und 
gründete das neue Kaiserthum. Nachher, in der Zeit der Re- 
stauration nach 1815 wäre ein solches Unternehmen ebenso 
unmöglich gewesen, als vorher in der Zeit der noch leiden- 
schaftlichen Revolution. 

Diese Wandelbarkeit des Zeitgeistes scheint die Mensch- 
heit vor der dauernden und Alles erdrückenden Despotie 
Einer einseitigen Richtung und Einer alleinigen 
Macht zu bewahren. Die Zeit läszt die eine Kraft wieder 
sinken, welche sie vorher gehoben hat und ruft neue 
schlummernde Kräfte zum Werke auf. Mit der Zeit dreht 
sich auch das Rad des Schicksals und bald wachen neue Hoff- 
nungen und Besorgnisse auf, bald neigen sich alte Leiden 
und Freuden ihrem Ende zu. An der Wandelbarkeit der 
menschlichen Dinge hat die Wandlung des Zeitgeistes einen 
groszen Antheil. Nicht blosz der Erdball ist rund und musz 
sich drehen, auch der Zeitgeist dreht sich und übt dadurch 
auf die Meinungen und Thaten der Menschen einen wech- 
selnden Einflusz aus. 

2) Eine zweite merkwürdige Wahrnehmung ist die grosze 
Ausbreitung des Zeitgeistes. Wäre er auf ein einzelnes 
Land oder eine bestimmte Nation beschränkt, so würden wir 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 



131 



ihn in dem besondern Geist jenes Landes oder dieser Nation 
zu entdecken meinen. Aber er ist offenbar nicht an die 
Landesgrenzen gebunden und bewegt sich in derselben Strö- 
mung und Richtung über verschiedene Nationen hin. 
Ganze Welttheile werden von ihm ergriffen. Wie die Windes- 
strömungen in der Atmosphäre zieht er bald von Ost nach 
Westen, bald von Nord nach Süden und wieder umgekehrt. 
Der religiöse und gläubige und zugleich in politischer Hin- 
sicht lehensartige Grundzug des mittelalterlichen Zeitgeistes 
hat sich nicht blosz über das christliche Europa, sondern 
gleichzeitig auch über den muhammedanischen Orient aus- 
gebreitet. 

Oft wähnt man die Veränderungen des Zeitgeistes aus 
bestimmten Erlebnissen eines Volkes oder Masz- 
regeln einer Statsgewalt erklären zu können. Die Er- 
klärung ist falsch; denn der Zeitgeist wandelt sich in der- 
selben Richtung auch bei andern Völkern mit andern Erfah- 
rungen und andern Regierungen. Nicht dasz dieses oder jenes 
geschehen oder unterlassen worden ist, darf also als Ursache 
der Wandlung betrachtet werden. Vielleicht unterstützt diese 
Nebenursache die Wirksamkeit jener Wandlung, vielleicht 
bereitet sie derselben Hindernisse. Die Wandlung selbst ist 
davon nicht abhängig und hat eine andere Hauptursache. 
Die beste liberale Regierung kann es nicht verhindern, dasz 
auch die Zeit der conservativen Richtung wieder kommt. Auch 
wenn eine absolutistische Regierung keine groben Fehler 
macht, so verharrt der Zeitgeist doch nicht immer in der- 
selben Richtung und wagt von Zeit zu Zeit den Sprung in 
die radicale Wendung. 

Aber der Zeitgeist breitet sich doch nicht völlig 
gleich mäszig aus über die verschiedenen Völker. Er 
wechselt auch in den Hauptträgern seines jeweiligen Cha- 
rakters. Bald erscheint die eine, bald wieder eine andere 
Nation als vorzüglichstes Organ des Zeitgeistes, je nachdem 



132 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



ihre Eigenart mit der gerade vortretenden Eigenschaft des 
Zeitgeistes zusammen stimmt. Er erhebt auf solche Weise 
die Nationen und läszt sie wieder fallen. Der Hauptsitz des 
Zeitgeistes in Europa war im Alterthum anfangs in Griechen- 
land, später in Rom. Während des Mittelalters waren die 
Germanen, ohne dasz sie es wuszten, voraus die Träger des 
Zeitgeistes. In dem Zeitalter der Kirchenreform war die 
deutsche, in dem der Revolution die französische Nation sein 
wichtigstes Organ. Das einemal wehte er von Deutschland 
her über Nord- und Westeuropa hin, das anderemal stürmte 
er von Paris aus über die europäische Welt. Die volle Ge- 
walt des wandelnden Zeitgeistes, gleichsam die Höhe der 
Welle, wird dann nur in dem Lande und unter der Nation 
wahrnehmbar werden, welche gerade der Hauptsitz und der 
Ilauptvertreter seiner Richtung sind, und in andern Län- 
dern und unter andern Nationen an intensiver Kraft wieder 
abnehmen, bis die Welle ihre Tiefe erreicht. 

3) Die grosze Macht des Zeitgeistes bewährt sich vor- 
züglich an der Menge. Er kommt über die Massen, sie wissen 
selber nicht wie, und gibt ihnen die Richtung, der sie folgen. 
Die meisten geben sich seinen Eindrücken hin und lassen 
sich von ihm erfüllen. Aehnlich wie die Pflanzen in bestimmter 
Jahreszeit in Trieb und Blüthe kommen und wieder stille 
stehen und abwelken, werden die Nationen und die Völker 
von der Strömung des Zeitgeistes bald zur Arbeit aufgeregt, 
bald wieder zur Ruhe verwiesen. Der Zeitgeist weckt auf 
und schläfert ein, je nachdem bald diese, bald jene Eigen- 
schaften in ihm vortreten. Sein Gang ist geheimniszvoll. Er 
dringt ein, wie die Luft, die der Mensch athmet, er theilt 
sich mit von Mensch zu Mensch, wie die Wärme von Körper 
zu Körper. Zuweilen verbreitet er sich wie eine Epidemie 
und wandelt in kürzester Frist die Erwartungen und Stimmun- 
gen der Menschen um. 

Aber er unterscheidet sich doch sehr von den kosmi- 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 



133 



sehen Einflüssen der Jahreszeiten und von dem Wechsel der 
Winde. Es gab eine Zeit, in der man die seltsamen Wirkungen 
des Zeitgeistes aus kosmischen Ursachen zu erklären ver- 
suchte. Die Astrologen berechneten aus der Constellation 
der Gestirne das Schicksal der Menschen. Je nach der Stellung 
und dem Wandel vorzüglich der Planeten meinte man die 
günstigen oder ungünstigen Bedingungen für menschliche 
Plane und Thaten zu erkennen und die Wandlung des Zeit- 
geistes zu bemessen. Ein unfruchtbares und thörichtes Be- 
mühen! Wäre die Ursache der Wandlung des Zeitgeistes in 
der äuszern Natur des Erdballs und in seinem Verhältnisz zu 
der groszen Sternenwelt zu finden, so müszte dieselbe Ursache, 
ganz wie die Jahreszeiten, wie der Wechsel von Wärme und 
Kälte, wie die Strömungen der Winde zugleich auf die Men- 
schen und auf die andern Geschöpfe der Erde, auf die Pflan- 
zen und die Thiere eine Wirkung äuszern. Aber davon zeigt 
sich keine Spur. Wie immer der Zeitgeist sich wandle, das 
Wachsthum der Pflanzen und das Leben der Thiere folgen 
dieser Wandlung nicht. Sie verspüren dieselbe nicht. 

Die Macht des Zeitgeistes äuszert sich nur im Leben 
der Menschen; er ist demnach mit der Menschennatur 
verbunden, und kaum anders als aus der Menschen- 
natur zu erklären. 

Wie der Zeitgeist auf die Menschenwelt beschränkt ist, 
so wird seine Macht auch durch den Verkehr der Men- 
schen gesteigert und durch die Isolirung der Men- 
schen vielfältig abgeschwächt und gehemmt. Nir- 
gends wirkt der Zeitgeist stärker, als in den groszen Städten, 
wo die Menschen dicht gedrängt beisammen leben und unauf- 
hörlich mit einander lebhaft verkehren. Viel weniger be- 
herrscht er das Land mit seinen kleinen Dörfern oder zer- 
streuten Höfen. Die Abgeschlossenheit eines Klosters kann 
sich ihm zwar nicht völlig entziehn, aber sie verspürt nur 
wenig seine wandelnde Macht. 



134 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



4) Seine Macht über die Menschen ist keine absolute. 
Einzelne, besonders die Individuen mit energischem Charakter 
und entschiedenem Geist widerstehen seinen Einflüssen und 
versuchen es zuweilen mit Erfolg, seiner Strömung entgegen 
zu schwimmen. Manche bekämpfen den Zeitgeist, den sie 
hassen. Mehrere noch lehnen seine Herrschaft widerwillig 
und trotzig ab. Die Geschichte der Welt wird nur zum Theil 
von dem Zeitgeiste bestimmt. Auch die individuelle Frei- 
heit der Menschen läszt darin das Andenken ihrer Werke 
zurück und in ihr offenbart sich eine andere Kraft, als die 
des Zeitgeistes. Wir erkennen diesen nur, wo der Mas sen- 
ge ist sich bewegt. Der Zeitgeist erfüllt also nicht die ganze 
Menschennatur, er ist nicht identisch mit dem Menschengeist 
überhaupt. 

5) Aber seine Wandlungen sind auch nicht aus einem 
Spiel der Laune zu erklären. Sie gleichen nicht den wech- 
selnden Bildern des umgedrehten Kaleidoskops. Vielmehr 
besteht ein innerer Zusammenhang zwischen dem Cha- 
rakter eines vorgehenden und eines nachfolgenden Zeitab- 
schnitts; es läszt sich eine organische Aufeinanderfolge 
der Zeitalter wahrnehmen und hinwieder der Zeitphasen inner- 
halb der Zeitalter, welche lebhaft an die Aufeinanderfolge 
der menschlichen Lebensalter erinnert. Mit der Kindheit be- 
ginnt auch die Wandlung des Zeitgeistes und steigt empor 
zu jugendlich -bewuszter Höhe, um dann wieder in weiser 
Verarbeitung und sorgfältiger Erhaltung zu alternder Fertig- 
keit und kluger Berechnung abzusteigen und sich zu neuem 
Umschwung vorzubereiten. In alle dem ist Regel und Ge- 
setz, nicht Zufall und Willkür. 

Manche neuere Philosophen haben dieses Gesetz zu ent- 
decken sich bemüht. Der Versuch Hegels, dasselbe in der 
dialektischen Bewegung der Denkkraft zu erkennen, muszte 
schon deszhalb miszlingen, weil die menschlichen Kräfte 
mannigfaltiger sind und gar nicht in allen Zeitaltern der 



Drittes Capitel. Die Katur und die Macht des Zeitgeistes. 



135 



selbstbewuszte Geist der Denker die Richtung der Massen 
bestimmt. Glücklicher waren die Ahnungen Fouriers und 
die Speculation Krause's, welche auf die Aufeinanderfolge 
der menschlichen Lebensalter hinwiesen und daraus die Wand- 
lung des Zeitgeistes zu erklären versuchten. Am tiefsten und 
umfassendsten aber hat Fr. Rohm er das Gesetz des Zeit- 
geistes ergründet und aus der Psychologie erklärt. Durch 
seine eigene Natur, welche für alle Veränderungen des Zeit- 
geistes höchst reizbar und feinfühlig war, wurde er unauf- 
hörlich angeregt, den Gang desselben zu beobachten und 
gleichsam dem wandelnden Zeiger an der Uhr mit gespannter 
Aufmerksamkeit zu folgen. So gelangte er zuletzt zu einer 
genauen Berechnung der Bewegung des Zeitgeistes im Groszen 
und im Kleinen. 

6) Diese Gesetzlichkeit der Bewegung unterscheidet den 
Zeitgeist auch von der veränderlichen Mode. Allerdings übt 
der Zeitgeist auch auf die Mode seine Macht aus. Gibt er 
sich doch vorzugsweise auch kund in dem Kunststyl der 
verschiedenen Zeitalter, von dessen Einflüssen sich auch die 
Mode nicht frei machen kann, am deutlichsten wohl in dem 
architektonischen Styl, aber auch in der Musik und in der 
Literatur. So folgte die Mode nur dem Zeitgeist, wenn sie 
im siebenzehnten und theilweise noch im achtzehnten Jahr- 
hunderte mit Vorliebe die Roccocoformen wählte und sich 
in den Haarbeuteln und Zöpfen gefiel; und nochmals wurde 
sie von dem Zeitgeist geführt, als die französische Revolution 
wieder antike Moden aufbrachte, entsprechend den republi- 
kanischen Vorbildern des griechischen und römischen Alter- 
thums, welche damals sehr bedeutend auf die Erneuerung des 
öffentlichen Lebens einwirkten, und als sie in der napoleoni- 
schen Periode später sich den vornehmen und strengen For- 
men des cäsarischen Roms zuwandte. Insofern, als sie dem 
Zeitgeiste folgt, ist auch die Mode gesetzlich bestimmt. Aber 
daneben wirken in ihr auch die individuellen Neigungen, 



136 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Einfälle und Launen der Personen und Gesellschaftscentren 
sehr stark ein, welche vorzüglich als Autoritäten von der 
übrigen Gesellschaft betrachtet werden und denen diese nach- 
zutreten gewohnt ist. Die Löwen und Löwinnen der Mode 
in Paris und London werden nicht immer von der allgemeinen 
Bewegung des Zeitgeistes zu ihren Entschlüssen und in ihrer 
Auswahl geleitet, sondern lassen sich zu gutem Theile durch 
ihre eigene Freiheit bestimmen. Wir wissen z. B., was für 
eine persönliche Ursache die Crinoline in die Mode brachte 
und können in dem Festhalten des Fracks und des Cylinder- 
hutes während Menschenaltern weniger die Wandelbarkeit 
des Zeitgeistes als die Herrschaft französischer Art erkennen. 

II. Was ist aber nun der Zeitgeist, dessen Eigenschaften 
wir näher betrachtet haben V Ist er wirklich, wie Viele mei- 
nen, die Summe der zu einer gegebenen Zeit vor- 
handenen menschlichen Indi vi du algeist er ? Als 
Goethe einmal über den falschen Zeitgeist spotten wollte, 
schrieb er das bekannte Wort: 

„Was ihr den Geist der Zeiten nennt, 
Das ist der Herren eigner Geist." 

Allerdings geben die Herren oft ihren eignen Geist für 
den Zeitgeist aus; bald täuschen sie sich selber darüber, bald 
wollen sie nur Andere täuschen. Aber der wahre Zeitgeist 
ist doch etwas anderes, als jene Summe von Sondergeistern. 
Wäre er nur das, so bliebe völlig unerklärt, weszhalb denn 
dieselben Individuen heute dieser und morgen einer viel- 
leicht entgegengesetzten Strömung des Zeitgeistes folgen. Ihre 
individuelle Meinung und Neigung bleibt zuweilen dieselbe, 
ungeachtet sie sich von der neuern Richtung forttreiben lassen. 
Bei sich zu Hause und unter vier Augen scheuen sie sich 
nicht, ihren Widerspruch und ihre innere Abneigung zu 
äuszern gegen die Richtung, welcher sie öffentlich als der 
Richtung des Zeitgeistes huldigen und gehorchen. Für diese 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 137 

also ist der Wechsel ihres Verhaltens nicht willkürlich. Es 
ist nicht dieser eigenen Herren Geist, welcher die Aenderung 
hervorruft. 

Ferner bleibt bei jener Annahme unerklärt, weszhalb der 
Zeitgeist eine so breite Ausdehnung gewinnt und doch wieder 
vorzugsweise bald in dieser, bald in jener Nation als beson- 
ders mächtig erscheint. 

Ebenso wäre unerklärt der innere Zusammenhang in den 
Bewegungen des Zeitgeistes und die Aufeinanderfolge seiner 
Wandlungen in groszen Zeitperioden von Zeitalter zu Zeit- 
alter, welche ja weit über die kurzen Lebensalter der Einzel- 
menschen hinaus reichen, also auch nicht nach dem Masz- 
stabe der Einzelmenschen bemessen werden, noch von ihnen 
abhängig sein können. 

Endlich wäre der vielseitige Kampf der Einzelwillen mit 
dem Zeitgeiste unbegreiflich und doch wird dieser Kampf 
sogar oft von den einzelnen Menschen in und mit sich 
selber, nicht blos mit andern durchgekämpft. 

Wenn aber der Zeitgeist nicht die Summe der Individual- 
geister, wenn vielmehr Einheit in seinem Wesen und in 
seiner Entwicklung ist , dann kann seine Ursache nur in der 
Menschheit als einem Ganzen gesucht werden. Nur wenn 
die Menschheit als Einheit eine ihr eigene seelische Ge- 
sammtanlage und eine ihr eigene Gesammtbestim- 
mung, nur wenn sie deszhalb auch eine ihr eigene Ge- 
sammtentwicklung hat, dann nur wird der Zeitgeist 
erklärt als die geordnete Entwicklung des Seelen- 
lebens der Menschheit. 

So ist es in der That. Die Weltgeschichte ist der 
urkundliche Beweis dafür, dasz es eine Entwicklung der 
Menschheit gibt, welche sich durch grosze Lebensperioden 
hindurch in organischer Folge bewegt. Die Weltgeschichte 
und der Zeitgeist sind nahe verwandte und eng verbundene 
Erscheinungen. Der Zeitgeist begleitet die Weltgeschichte auf 



138 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



den Wegen ihrer Entwicklung und er übt fortwährend seine 
Wirkung aus auf ihre Gestaltung. Der allgemeine Charakter 
und Geist, welcher in den verschiedenen Perioden und Zeit- 
altern der Weltgeschichte eine bestimmte Gestalt angenommen 
hat, war einst, als die Dinge noch im Flusz begriffen waren, 
groszentheils Zeitgeist, Die Weltgeschichte ist die zurück- 
gelegte Entwicklung, die Aufeinanderfolge in der Ver- 
gangenheit. Der Zeitgeist ist die gegenwärtige Ent- 
wicklung des Menschengeistes. Allerdings bestimmt der 
Zeitgeist nicht allein die Weltgeschichte. Würde er allein 
herrschen als eine den Einzelmenschen übergeordnete und sie 
verbindende Macht, so würde die Weltgeschichte dem Wachs- 
thum der Pflanze gleichen, die individuelle Freiheit würde 
von ihrer Uebermacht erdrückt, es gäbe keine Thaten, keine 
Werke eigenartiger Menschen, sondern nur gemeinsame Werke 
des allgemeinen Menschengeistes. Der Zeitgeist ist aber nur 
eine der bewegenden Kräfte; im Kampf mit ihr macht sich 
der Geist der Tradition und der hergebrachten Autorität gel- 
tend; neben ihr wirkt der besondere Geist der Nationalität 
des bestimmten Volkes, der Dynastieen und Familien und 
vor allem bedeutender Individuen. Aus dem wechselseitigen 
Ringen und Schaffen aller menschlichen Kräfte ergeben sich 
die weltgeschichtlichen Resultate. 

Aber der Zeitgeist ist eine der bedeutendsten und wirk- 
samsten Kräfte, welche die Weltgeschichte bestimmen. Durch 
das psychologische Gesetz geordneter Wandlung, 
welche dem Menschengeschlecht als gemeinsame Naturanlage 
angeboren ist, wird dasselbe zu stufenweiser Entwicklung und 
Vervollkommnung getrieben und seiner Bestimmung zugeleitet. 
Durch den Zeitgeist, welchen Gott dem Geiste der Mensch- 
heit eingezeugt hat, leitet Gott an langem Zügel den 
groszen Gang der Weltgeschichte und führt er die 
Menschheit unaufhaltsam vorwärts. 

Hat man einmal diese grosze Bedeutung des Zeitgeistes 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 



139 



erkannt, dann wird man ihn auch als etwas Erhabenes und 
Göttlich- menschliches verehren und es wird einem die 
Beschränktheit derer, welche ausschlieszlich dem Ewigen und 
Unveränderlichen zugewendet, die Wandlungen des Zeitgeistes 
gering schätzen, unweise und kurzsichtig vorkommen. Die 
Mannigfaltigkeit des menschlichen Gemeinlebens und die 
Freiheit der menschlichen Entwicklung werden vor- 
nehmlich durch die Wandelbarkeit des Zeitgeistes angeregt 
und geleitet. 

III. Wie hat sich nun der Statsmann dieser groszen 
Geistesmacht gegenüber zu verhalten? 

1) Voraus wird er die Zeichen der Zeit sorgfältig 
beachten und den Geist der Zeit studiren müssen, in 
welcher er zu wirken berufen ist. Die Frage ist immer von 
eminenter Bedeutung: Was ist die Uhr? Denn nicht in jeder 
beliebigen Stunde läszt sich Beliebiges schaffen. Alle Dinge 
haben ihre Zeit, und wer zur unrechten Zeit, sei es zu früh, 
sei es zu spät, grosze Dinge unternimmt, wird meistens den 
Schwierigkeiten erliegen und sein Streben wird erfolglos 
bleiben. 

Auch die gegenwärtige Welt musz sich die grosze Frage 
vorerst beantworten: In welcher Weltperiode stehen wir? Was 
ist der Grundcharakter unseres Zeitalters? Noch ist die heu- 
tige Welt darüber nicht zur Klarheit gelangt. Aber so viel, 
denke ich, läszt sich zuversichtlich behaupten: Die sogenannte 
moderne Weltperiode, in welcher sich ein neuer Um- 
schwung des groszen Rades der Weltgeschichte vollzieht, hat 
noch einen aufstrebenden jugendlichen Charakter. Die Mensch- 
heit hat noch nicht die Höhe ihres Gesammtiebens erreicht. 
Die unermeszlichen Erfolge der modernen Wissenschaften und 
die ganze politische Bewegung der Zeit bezeugen die Kraft 
des männlichen Geistes der modernen Menschheit, welche 
ihrer selbst bewuszt werden und in Freiheit ihre 
Selbstgestaltung erschaffen will. Das ist eine grosze, 



140 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



schöpferische Zeit, reicher, bewuszter und freier als irgend 
eine frühere Weltperiode. Darum spricht sich auch ein libe- 
raler Grundzug in dem Geiste dieser Weltperiode aus, 
welcher wohl erinnert an die noch jugendlichere Genialität 
des groszen W r eltalters, welches die Blüthe und Herrlichkeit 
des hellenischen und römischen Alterthums hervorgebracht 
hat und sich auffallend abhebt von dem stürm- und drang- 
vollen und weniger geistesfrohen und geistesklaren Wesen 
des Mittelalters. 

Auch innerhalb der neuen und herrlichsten Weltperiode, 
in welche die Menschheit seit 1740 1 nun eingetreten ist, 
waren die ersten Anfänge, die ersten Versuche des neuen 
Geistes noch kindisch-naiv oder knabenhaft ungestüm. In dem 
ersten Zeitalter der Aufklärung (1740 — 1789) herrschte eine 
kosmopolitische menschenfreundliche Philosophie. Die von 
dem Zeitgeiste vorerst bewegte gebildete Welt wendete sich 
nun mit Verachtung ab von dem Mittelalter, aber auch von 
den groszen Traditionen der Vergangenheit, und blickte be- 
geistert zu den neuen Idealen auf, welche die Philosophie ihr 
vorzeigte, von denen sie eine neue Weltordnung erwartete. 
Dann unternahm sie es im folgenden zweiten Zeitalter der 
neuen Weltperiode, der Revolution, ihre Phantasiebilder zu 
verwirklichen und die Welt wirklich umzugestalten. Aber es 
gelang ihr besser, die alte Weltordnung vollends zu zer- 
schlagen und zu zerstören, als die neue einzurichten. Die 
speculative Schule, in der sie erzogen war, konnte ihren 
Mangel an Erfahrung und an practischem Verstand nicht er- 
setzen. Die Welt kam wohl vorwärts, aber nicht ohne ge- 
legentlich wieder zurück zu fallen. Zuletzt gab sie das naive 
Vertrauen auf die abstracten Ideen der Gleichheit und der 
Freiheit auf, sie lernte in Folge der Erfahrungen , die sie ge- 
macht hatte , wieder die Geschichte besser verstehen und auch 

2 Vgl. oben Bd. I. Buch 1. Cap. 5: „Wann beginnt das moderne 
Zeitalter?" 



Drittes Capitel. Die Jiatur und die Macht des Zeitgeistes. 



141 



die Macht der Tradition würdigen. Das Princip, welches vor- 
nehmlich in unserem jetzigen dritten Zeitalter, seit 1840, die 
Geister bewegt, das Princip der Nationalität, ist zwar be- 
schränkter , als die Ideen des frühern Revolutionszeitalters von 
allgemeinen Menschenrechten, aber es ist mehr geschichtlicher 
Gehalt und mehr gestaltende Kraft darin. Noch sind wir 
nicht auf die Höhe der echt -liberalen Entwicklung gelangt. 
Selbst unsere Enkel werden dieselbe noch nicht erleben. Noch 
ist unsere ganze Bewegung nicht frei von heftigen radicalen 
Strömungen und CJeberstürzungen und schlägt dann gelegent- 
lich wieder in das entgegengesetzte Extrem der absolutisti- 
schen Reaction um. Aber mit freudiger Sicherheit dürfen 
wir behaupten, dasz die Menschheit seit einem Jahrhundert 
auszerordentliche Fortschritte gemacht hat und im Groszen 
betrachtet in stetigem männlichem Fortschritte begriffen ist 
nach dem groszen Ziel der voll • entfalteten Humanität. 

2) Niemals darf der Statsmann den Zeitgeist ge- 
ring schätzen, auch dann nicht, wenn die Zeitströmung 
ihm und seinen Plänen nicht günstig ist und auch dann 
nicht, wenn sie nicht die höchsten Kräfte der Menschennatur, 
sondern die nie dem Triebe derselben emporhebt; denn die 
Macht des Zeitgeistes ist immer grosz und seine Bewegungen 
sind nöthig für die Entwicklung der Menschheit. Freilich 
gehen bedeutende Männer ihre eigenen Wege und folgen nicht, 
wie die Menge, jedem Wechsel des Windes. Aber der Stats- 
mann, welcher den Zeitgeist verachtet, würde einem Thoren 
gleichen, der den Winter verachtet, weil er keine Blüthen 
hervortreibt, und der Nacht spottet, weil sie zur Ruhe ein- 
ladet. Der Mönch und der Einsiedler mögen sich der Wir- 
kung des Zeitgeistes verschlieszen , indem sie auf d^s Gemein- 
leben verzichten, der Statsmann, der unter den Menschen 
und mit ihnen wirken will , kann es nicht. Wie der vorsich- 
tige Gärtner auf Wärme und Kälte, Trockenheit und Nässe 
sorgfältig achtet und die Pflanzen vor den schädlichen Ein- 



142 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



Wirkungen der extremen Naturkräfte zu bewahren sucht, und 
wie der Schiffer Wind und Welle berücksichtigt, so musz der 
Statsmann auf die Bewegungen und Eigenschaften des Zeit- 
geistes merken und seiner Ungunst entgegen arbeiten. Will 
er aber der Zeitströmung widerstehen, so darf er nicht feiern 
noch schlafen. Jede Blösze., die er gibt, wird von der feind- 
lichen Strömung des Zeitgeistes überfluthet, jede Lücke, die 
er offen läszt, wird von ihr erfüllt. Ehe er sich's versieht, 
ist er umschlossen, verrathen, zu Falle gebracht. 

3) Ist der Zeitgeist günstig, so darf der Statsmann, 
dessen Richtung von dem Wehen des Zeitgeistes mächtig ge- 
fördert wird, vieles wagen; denn es wird ihm vieles gelingen. 
Die Zeit treibt in derselben Richtung vorwärts und die Fahrt 
geht mit günstigem Winde rasch und glücklich. Stöszt er 
auf Hindernisse, die er für den Augenblick nicht entfernen 
kann, so kann er zur Noth auch warten. Die Zeit kommt 
ihm zu Hülfe und untergräbt die Hindernisse oder verzehrt 
sie und öffnet ihm die Bahn. Napoleon III. hat schon als 
Prinz die grosze politische Wahrheit begriffen, dasz wer mit 
der Strömung seiner Zeit geht, Erfolge hat, und wer gegen 
dieselbe geht, nothwendig untergeht. 

4) Dem Zeitgeist entsprechen die Zeitideen und die 
Zeitform en. 

Die Ideen werden niemals von den Rassen, sondern 
immer zuerst von einzelnen Individuen erkannt und ausge- 
sprochen, aber nur wenn sie von den empfänglichen Massen 
aufgenommen und getragen werden, sind sie Zeitideen. Seher, 
Dichter, Philosophen und Weise verkünden die Ideen der Zu- 
kunft oft voraus. Von der geistigen Höhe aus entdecken sie 
manche Ideen, welche erst auf die künftigen Geschlechter 
wirken, früher als die Menge, welche in den Niederungen 
lebt. Der practische Statsmann aber kann nur die Ideen zu 
verwirklichen trachten, welche der Zeit zusagen, in der er 
lebt. Denn nur für diese Zeitideen findet er Verständnisz 



Drittes Capitel. Die Natur und die Macht des Zeitgeistes. 



143 



und Unterstützung. Er musz sich davor hüten, nach Art der 
Romantiker veraltete Zeitideen zu verfechten. Wenn 
auch noch der Geist der Tradition ihn einigermaszen unter- 
stützt, so wird er doch höchstens momentane Erfolge erzielen. 
Die feindliche neue Zeit schreitet über ihn hinweg und zer- 
tritt sein Werk. Seine Politik wird zuletzt als Donquixoterie 
lächerlich werden. Aber es ist fast noch gefährlicher, wenn 
auch rühmlicher, wenn der Statsmann die Ideen der Zu- 
kunft auszuführen unternimmt, bevor die Zeit dafür reif 
geworden ist. Er wird dann an der harten Wirklichkeit Schiff- 
bruch leiden und als idealistischer Schwärmer verspottet. Die 
wahre statsmännische Aufgabe ist die Verwirklichung der 
gegenwärtigen Zeitideen. 

Darauf beruht groszentheils die Popularität der Stats- 
männer. Wenn sie mit den Zeitideen gehen, so sind sie 
meist populär; wenn sie wider die Zeit gehen, werden sie 
impopulär. In der Volksstimme bildet der Zeitgeist gewöhn- 
lich den Grundton; insofern ist sie die Stimme der Mensch- 
heit. Die furchtbare Impopularität des Jesuitenordens seit 
einem Jahrhundert hat nicht blosz in seinen gefährlichen In- 
triguen, sondern vornehmlich darin ihren Grund, dasz die 
ganze Richtung des Ordens in tödtlicher Feindschaft ist mit 
dem modernen Zeitgeist und dem geistigen Bewusztsein und 
Verlangen der heutigen Menschheit. Die groszen Erfolge der 
napoleonischen, der englischen, der italienischen, der preuszi- 
schen Politik in unserem Zeitalter, waren sicher zu gutem 
Theile dadurch bedingt, dasz ihre Hauptrichtung der liberalen 
und nationalen Grundstimmung des heutigen Zeitgeistes ent- 
sprach. 

5) Aber jede Zeit liebt auch bestimmte Formen ihres 
Lebens. Es genügt nicht, dasz der Statsmann die Zeitideen 
erkennt und für sie eintritt, er thut wohl daran, auch die 
Zeitformen zu benutzen. Vor einem Jahrhundert noch war 
der aufgeklärte Absolutismus der Zeit genehm. Es liesz sich 



144 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

in dieser Form Groszes erreichen, ohne schwere Kämpfe. In 
unsrer Zeit, welche die repräsentative Form, insbesondere die 
Zustimmung und Mitwirkung der Volksvertretung als ihr 
Recht verlangt, stöszt der aufgeklärte Absolutismus auf einen 
starken Widerstand, selbst wenn er die wirklichen Zeitideen 
vertritt. Der Graf Cavour hat eben deszhalb leichter und 
früher die Anerkennung und die freudige Unterstützung seiner 
Nation erhalten, als der Fürst Bismarck, weil jener von 
Anfang an auch die Zeitformen für die Zeitidee benutzte, 
während dieser Anfangs die Zeitformen zu verachten schien 
und mit den Mitteln einer frühern Zeit die neue Idee zu 
verwirklichen unternahm. Die Arbeit des Fürsten Bismarck 
war deszhalb schwieriger und langsamer, und in demselben 
Masze, in welchem er sich auch den Formen des modernen 
Statslebens günstiger erwies, errang auch er die fördernde 
Unterstützung der Menge. 

6) Allerdings kann auch der gröszte Statsmann nicht 
einfach, selbst nicht mit den Zeitformen, die Zeitideen reali- 
siren. Nicht blosz die neuen Ideen, auch die alten geschicht- 
lichen Mächte der Autorität und der Gewohnheit üben ihre 
Wirkung aus. Der Gelehrte mag wohl in seiner Theorie den 
Zeitgedanken mit logischer Schärfe und rücksichtsloser Con- 
sequenz durchführen. Das wirkliche Leben fügt sich nicht 
den reinen Linien und scharfen Winkeln der Doctrin ; es biegt 
sie um und verändert sie in der Anwendung. Die practische 
Politik ist eine Kunst, welche sehr complicirte Aufgaben zu 
lösen hat und mit mancherlei gemeinsamen und persönlichen 
Kräften zu wirtschaften hat. Das Ergebnisz der politischen 
Kämpfe nöthigt zu Friedensschlüssen, zu Ausgleichungsver- 
suchen, zuCompromissen. Wer aus blindem Eifer für den 
Zeitgeist jedes Compromisz verschmäht, der mag ein ehren- 
werther Doctrinär sein, aber er wird auf den Erfolg und auf 
den Lorbeer des Statsmanns verzichten müssen. 



Viertes Capitel. Grösze, Wachsthum und Ahnahme der Bevölkerung. 145 



Viertes Capitel. 
Grösze, Wach stimm und Abnahme der Bevölkerung. 

Da der Stat eine Gemeinschaft von Menschen ist, so ist 
die Menschennatur die eigentliche bestimmende Kraft im State, 
in weit höherem Grade, als die äuszere Natur des Landes. 

Jeder einzelne Mensch repräsentirt ein gewisses Masz 
von Kräften, und auf der Summe dieser Kräfte beruht wesent- 
lich die Bedeutung und Macht des States. Die Bevölke- 
rungszahl ist daher ein sehr beachtenswerthes Moment in 
der Politik. Aber man hüte sich, diesen Maszstab allein an- 
zulegen, wenn die Staten richtig geschätzt werden sollen. 
Nicht alle Völker haben gleichen politischen Werth , und die 
Kräfte der einen Menschen sind schon in der Anlage reicher 
als die der andern, und mehr noch in der Entwicklung und 
Ausbildung verschieden. Die 36 Millionen Franzosen fallen 
in der Politik schwerer in das Gewicht als die 400 Millionen 
Chinesen, die 30 Millionen Groszbritanniens mehr als die 
178 Millionen Ostindiens. Die Bevölkerung der Schweiz, 
wenig über 2 1 / 2 Millionen, beträgt nicht einmal 1 Procent der 
Gesammtbevölkerung Europa's und doch wird Niemand ihre 
europäische Bedeutung so gering schätzen. 

Der Stat ist vorzugsweise die männliche Gestaltung des 
Gemeinlebens. Im State üben die Völker Selbstbeherrschung 
und entwickeln ihre Freiheit. Deszhalb geben die männlichen 
Kräfte und Tugenden dem State hauptsächlich seinen Werth, 
und Völker von männlichem Charakter und Geist haben da- 
her eine viel gröszere Bedeutung, als passive, zur Knecht- 
schaft geneigte Massen. 

Die Vermehrung der Volkszahl bedeutet daher nicht 
immer einen Fortschritt des States, ihre Verminderung nicht 
immer dessen Verfall. Es kommt vorzüglich darauf an, ob 
in demselben Masze die männlichen Kräfte zunehmen und 

Bluntschli, die Politik. 10 



HG 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



sich gesund entwickeln oder abnehmen und untergehen. Es 
kann ein Stat auch an Ueberbevölkerung leiden. 

Im Allgemeinen nur — und mit Vorbehalt von Ausnah- 
men — darf man das Wachst h um der Bevölkerung als 
inneres Wachsthum des Stats, die Abnahme derselben als 
ein Zeichen der Krankheit oder des Untergangs des Stats 
betrachten. Die Politik musz daher die Bewegung der 
Volkszahl fortwährend aufmerksam beachten und je nach Um- 
ständen die Hindernisse, welche ihrem natürlichen und ge- 
sunden Wachsthum entgegen wirken, entfernen. 

Während man im XYIII. Jahrhunderte geneigt war, unter 
allen Umständen die Vermehrung der Bevölkerung für ein 
Gut zu halten, welches auch mit politischen Mitteln in jeder 
Weise zu befördern sei, so hat sich seit Malthus in unserem 
Jahrhundert die Meinung festgesetzt, dasz die Tendenz der 
Menschennatur auf Uebervölkerung gerichtet und deszhalb 
vorzüglich gegen dieses natürliche Uebel zu wirken sei. Der 
Engländer Malthus hat nämlich das angebliche Gesetz aus- 
gesprochen, die Menschen vermehren sich naturgemäsz in 
geometrischer, die Nahrungsmittel in arithmetischer Propor- 
tion. Die nothwendige Folge dieses Gesetzes wäre, dasz immer 
mehr die Ernährungsfähigkeit durch Pflanzen und Thiere 
hinter dem steigenden Wachsthum der Bevölkerung zurück 
bleiben und zuletzt ein Zustand allgemeiner Noth entstehen 
müszte. Die Völker könnten der schlieszlichen Verarmung 
und selbst der Hungersnoth nicht entgehen, wenn sie nicht 
sich entschlössen, der natürlichen Fruchtbarkeit Schranken 
zu setzen. Die Kriege und die Epidemien wären dann not- 
wendig zur Rettung des Menschengeschlechts vor der ver- 
derblichen Ueberbevölkerung. 

Wäre dieses Gesetz richtig, so würde die Schöpfung an 
einem enormen Fehler leiden. Die Menschen wären ange- 
wiesen, auf der Erde zu leben und zugleich die Erde unfähig 
gemacht, ihre Bewohner auf die Dauer zu ernähren. Die 



Viertes Capitel. Grösze, Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung. J47 



Bedingung des Menschenlebens und das Menschenleben selbst 
würden einander widersprechen. Ueberdem sehen wir, dasz 
der Fortschritt der menschlichen Wirthschaft und der Civili- 
sation überhaupt die Sterblichkeit der Menschen vermindert 
und ihr gesundes Wachsthum befördert. Die sorgfältigere 
Pflege der Kinder und der Kranken, der erhöhte Statsschutz, 
welcher das Leben und die Gesundheit der Einzelnen gegen 
mancherlei Gefahren sichert, die Entdeckungen der Arznei- 
wissenschaft und die ausgebildetere Krankenpflege, die ratio- 
neller gewordene Lebensweise überhaupt, dienen sämmtlich 
dazu, die menschliche Lebensdauer zu vergröszern und das 
Wachsthum der Bevölkerung zu erhöhen. Ebenso vermindert 
die Verbesserung der Verkehrswege und Transportmittel und 
die Ausbreitung des Handels über die ganze Erde die ört- 
liche Gefahr einer aus Misz wachs entstehenden Hungersnoth 
in hohem Grade. Die Kriege selbst werden durch die Aus- 
bildung des Völkerrechts seltener und in ihren Wirkungen 
gemäszigter. Die verderbliche Sitte der Barbaren, die Feinde 
ohne Noth zu tödten, und sogar Weiber und Kinder in Feindes- 
land nicht zu verschonen, hat den humaneren Rechtsgebräu- 
chen der Civilisation , welche das Menschenleben auch im 
Feinde achten, weichen müssen. Alle diese Fortschritte der 
Cultur und Gesittung, deren das reifere und verständigere 
Menschengeschlecht sich erfreut, würden doch nur jenes Misz- 
verhältnisz zwischen dem natürlichen Wachsthum der Men- 
schen und ihrer Nahrung steigern und das Unheil der Ueber- 
völkerung schneller herbeiführen. Es wäre somit auch ein 
Widerspruch zwischen der sittlichen Bestimmung der Mensch- 
heit und ihrer natürlichen Fortpflanzung gegeben. Je mehr 
die Menschen ihre sittliche Lebensaufgabe erfüllten, um so 
mehr würden sie ihre Existenz gefährden. 

Es ist ein Verdienst des Nordamerikaners H. C. Carey, 1 

• Principles of Social Scienze. Grundlagen der Social Wissenschaft, 
übersetzt von M. Wirth. München 1863. L 102. IM. 340. 459. 



148 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

die Malthusische Theorie principiell widerlegt zu haben. Die 
Gründe, welche dagegen und für die Güte der Naturordnung 
sprechen, sind hauptsächlich folgende: 

1) Ueberall in der Natur und in der Schöpfung von 
Pflanzen und Thieren beobachten wir eine wunderbare innere 
Harmonie und eine offenbare Verhältniszmäszigkeit der Kräfte 
und ihrer Wirkungen, welche einen derartigen Widerspruch 
als eine höchst befremdliche und unglaubliche Anomalie er- 
scheinen liesze, für welche wir daher einen strengen Beweis 
fordern müszten. 

2) Das sogenannte Gesetz ist nur aus einzelnen verein- 
zelten Thatsachen abgeleitet, mit denen andere Thatsachen 
nicht zusammen stimmen. Wäre es ein wirkliches Gesetz und 
nicht blosz eine unzureichend abgezogene Durchschnittsthat- 
sache, so müszte es überall und immer sich bewähren. Das 
ist aber nicht der Fall. So z. B. hatte Frankreich im Jahr 
1760 eine Bevölkerung von 21 Millionen und 1834 eine solche 
von 34 Millionen: und brachte daneben 1760 an Getreide 
94V 2 Millionen Hectoliter, und im Jahre 1840 182 l / 2 MilL 
Hectoliter hervor. Die Getreidenahrung hat sich also da in 
viel stärkerer Proportion vermehrt als die Bevölkerung. Die 
meisten asiatischen und europäischen Länder müszten längst 
an Ueberbevölkerung zu Grunde gegangen sein. 

3) Das angebliche Gesetz wäre nur unter der Voraus- 
setzung richtig, dasz der Zeugungstrieb und die Fruchtbar- 
keit der Menschen gröszer wäre als in der Thier- und Pflan- 
zenwelt. Nun ist gerade das Gegentheil wahr. Die niederen 
Organismen haben durchweg eine gröszere Fruchtbarkeit als 
die höheren ;. die Insecten legen viel mehr Eier als die Vögel, 
die Fische haben eine zahlreichere Brut als die Säugethiere. 
Die Staubfäden der Gräser entstehen viel massenhafter als die 
Früchte der Eichen oder der Obstbäume. Dennoch ist im 
Groszen dafür gesorgt, dasz Pflanzen und Thiere neben und 
mit einander leben und nicht die eine Gattung die andere 



Yiertes Capitel. Grösze , Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung. 1 49 

durch Ueberwucherung völlig vertilge. Weszhalb sollte das 1 
für den Menschen nicht gelten , dessen Fruchtbarkeit nur eine 
sehr beschränkte ist? 

4) Die Nahrung des Menschen besteht aus Pflanzen und 
Thieren, deren natürliche Tendenz zur Vermehrung gröszer 
ist als bei den Menschen. Wenn auch der Mensch auf Kosten 
derselben lebt, und also fortwährend den Fortbestand der- 
jenigen Pflanzen und Thiere angreift, die ihn ernähren müssen, 
so sichert er auf der andern Seite durch seine wirtschaft- 
liche Pflege die Fortdauer dieser Gattungen gegen viele na- 
türliche Gefahren, welche dieselben bedrohen, und sorgt für 
deren Ausbreitung und Erhaltung. 

5) Wenn manche vormals fruchtbare Landstriche, wie 
z. B. das Fluszgebiet zwischen dem Tigris und dem Euphrat, 
welche vormals eine riesige Städtebevölkerung ernährt hatten, 
später in Einöden verwandelt worden sind, so fällt die Schuld 
der Verödung eher den Menschen als einem Naturgesetze zur 
Last, Wenn die Menschen den Boden aussaugen, ohne ihm 
wieder die Elemente zurück zu geben, deren er zur Frucht- 
bringung bedarf, oder wenn sie die Wälder ausreuten und 
dadurch theils den Niederungen die nöthige Feuchte entziehen, 
theils zuweilen heftige Ueberschwemmungen veranlassen, so 
ist die schlechte Wirthschaft der Menschen und nicht die 
Natur für das Miszverhältnisz verantwortlich, welches nun ein- 
tritt zwischen der Fortpflanzung der Bewohner und der Fähig- 
keit des Bodens, dieselben zu ernähren. Die groszen Städte 
haben die Mittel, die Fruchtbarkeit ihrer Umgegend zu stei- 
gern oder zu zerstören. Um Rom her ist die herrliche Land^ 
schaft, welche vordem mit unzähligen Bauergütern bekleidet 
war, durch die Schuld der Menschen in eine weite, öde Schaf- 
weide umgewandelt worden, während um Florenz und um 
Neapel her der menschliche Fleisz die reizende Landschaft 
mit fruchtbaren Gärten geschmückt hat. 

6) Je höher ein Geschöpf steht in Anlage und Cultur, 



150 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

um so fähiger ist es und wird es, sich selber zu bestimmen. 
Der Mensch hat auch bezüglich seiner Fortpflanzung mehr 
Freiheit als irgend ein Thier. Er ist weniger als die Thiere 
von den Trieben seines Leibes abhängig, es ist ihm ein 
gröszercr Spielraum der Wahl eröffnet. Da der Mensch die 
Aufgabe hat, sich selber harmonisch zu entwickeln, so darf 
er sich auch der Aufgabe nicht entziehen, das richtige Ver- 
hält nisz seiner Fortpflanzung zu der Ernährungsfähigkeit 
seiner Nachkommen zu erkennen und zu beachten. Es zwingt 
ihn kein Naturgesetz, ein Miszverhältnisz hervorzubringen: 
indem er jene sittliche Pflicht übt, erhält er sich selber in 
Harmonie mit der irdischen Natur. Insofern hat Malthus 
Recht, als er diese sittliche Pflicht, wenn gleich in outrirter 
Form, nachdrücklich hervorhebt. 

7) Nicht auf allen Civilisationsstufen und nicht unter 
allen Verhältnissen ist die Fruchtbarkeit der Menschen die- 
selbe. Die Art der Nahrung, das Masz der Arbeit, insbeson- 
dere auch der Geistesarbeit, haben neben dem freien Willen 
einen Einflusz darauf. Carey bemerkt, wie die Cultur der 
Rosen und Nelken die Staubfaden in farbige Blätter ver- 
wandle und damit die natürliche Fruchtbarkeit der gefüllten 
Blume aufhebe, so verbrauche auch die menschliche Geistes- 
cultur einen Theil der physischen Zeugungstriebe und ver- 
mindere daher die Fruchtbarkeit. 

8) Diesen Gründen ist, denke ich noch, ein tiefer lie- 
gender hinzuzufügen. Alle menschliche Geschichte ent- 
wickelt die Kräfte und zehrt sie auf. Wir sehen, w r ie die 
geschichtlichen Familien eine Zeit lang blühen und wachsen, 
sich auszeichnen und dann allmählich sich vermindern und 
aussterben. Nur in dem Dunkel des ungeschichtlichen Lebens 
pflanzen sich die Stämme der Geschlechter ohne Unterbruch 
von Jahrtausend zu Jahrtausend fort. Alle andern Familien, 
die einmal in das Licht der Geschichte treten, sind von da 
an einer verhältniszmäszig kurzen Lebensdauer verfallen. Fast 



Viertes Capitel. Grösze, Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung-. 151 



alle bekannten Geschlechter in Europa gehen nach einer ge- 
ringen Anzahl geschichtlicher Generationen wieder unter; die 
Geschlechter, deren Stamm auch nur auf ein halbes Jahr- 
tausend zurückzuführen ist, sind schon eine seltene Erschei- 
nung. Es nimmt also die Fruchtbarkeit innerhalb der ge- 
schichtlichen Familien gegen das Ende ebenso ab, wie sie 
eine Zeit lang grosz gewesen ist. Ist es nicht mit den Na- 
tionen ganz ebenso? Vermindert sich nicht, wenn eine Nation 
ihre Eigenart entwickelt und dargestellt hat, auch ihre phy- 
sische Zeugungskraft im Alter, wie sich ihre geistige Pro- 
ductivität erschöpft hat? Sicher war das höhere nationale 
Alter eine Hauptursache an dem allmählichen Aussterben der 
echten hellenischen und der alt-römischen Rasse. 

Vermuthlich geht es ganz ebenso mit der Lebensgeschichte 
der Menschheit. Wenn diese einstmals ihre Hauptaufgabe 
erfüllt, wenn sie die Ideen groszen Theils verwirklicht haben 
wird, welche der Menschengeist als Ziele seines Strebens er- 
kennt, wenn nach Jahrtausenden auch die Menschheit als ein 
lebendiges Ganzes alt wird, dann werden auch die physischen 
Zeugungskräfte und die Fruchtbarkeit des ausgelebten Men- 
schengeschlechts abnehmen. 

Wir dürfen daher zuversichtlich annehmen, dasz die Erde, 
welche von der Natur zum Wohnsitz der Menschen bestimmt 
ist, niemals in die Lage kommen werde, die herangewachsene 
Menschenmenge nicht mehr ernähren zu können. Im Gegen- 
theil, die vorsichtige Natur hat durchweg freigebig für Ueber- 
flusz an Nahrungsstoffen gesorgt, weil sie weisz, dasz der 
Mensch aus Mangel an Vorsicht und Mäszigung bei knapp 
zugemessenen Früchten zu leicht in Noth geriethe. 

Für die europäische und die amerikanische Welt scheint 
die Thatsache insbesondere beachtenswerth, dasz in unserer 
Zeit der Zuwachs innerhalb der germanischen Bevölkerung 
rascher und gröszer ist als in den romanischen Nationen. 
Wenigstens nimmt die Volkszahl in Frankreich und in Italien 



152 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

bei Weitem nicht so erheblich zu, wie in England und in 
Deutschland. Es zeigt sich das in folgenden statistischen 



Zahlen : 

Frankreich. Italien. England und Wales. 

1762. 21,769,163. . 1812. 19,800,000. . 1801. 9,156,171. 

1801. 27,349,902. . 1858. 25,880,000. . 1811. 10,454,529. 

1821. 30,471,875. . 1871. 26,801,154. . 1821. 12,172,664. 

1831. 32,569,223 '. . 1831. 14,051,986. 

1841. 34,230,178 1841. 16,035,198. 

1851. -35,783,170 1851. 18,054,170. 

1861. 36,713,166 1861. 20,066,234. 

1872. 36,102,921 (ohne Elsasz-Lothringen). . 1871. 26,216,922. 



Preuszen. Deutschland ohne Oesterreich. Ver. St. v.N.-Amerika. 

1817. 10,536,571. . 1786. 18,000,000. . 1790. 3,929,872. 

1849. 16,331,187. . 1815. 20,475,361. . 1800. 5,305,925. 

1861. 18,491,220. . 1860. 32,212,307. . 1810. 7,239,814. 

1871. 24,693,487 . 1871. 41,060,695. . 1820. 9,638,131. 

(Nach den Annexionen.) 

1830. 12,866,020. 
1840. 17,069,453. 
1850. 23,191,876. 
1860. 31,443,322. 
1870. 38,925,598. 

Das Verhältnisz der Zunahme in den germanischen Na- 
tionen erscheint um so gröszer, als die Romanen überdem 
eine viel geringere Tendenz zur Auswanderung haben, und 
ein sehr starker Procenttheil von Engländern und Deutschen 
jährlich ihre Heimat dauernd verläszt, während verhältnisz- 
mäszig wenige französische und italienische Familien fort- 
ziehen. 

Am groszartigsten ist das Wachsthum der Bevölkerung 
in den Vereinigten Staten von Nordamerika. 

Die geregelte Fortpflanzung der Menschen ist zunächst 
eine Wirkung des ehelichen Lebens. 



Viertes Capitel. Grösze, Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung. 153 



Ist die Ehe wohl geordnet, 2 so wird dadurch die natür- 
liche Vermehrung auf sittliche Wege geleitet. Die eheliche 
Fortpflanzung hat vor der auszerehelichen Erzeugung auch 
den groszen Vorzug, dasz die ehelichen Kinder den vollen 
Schutz und die Erziehung der Familie zu genieszen haben, 
während die unehelichen Kinder nicht in das väterliche Haus 
aufgenommen werden, keinen Halt in der Familie finden, in 
ihrer Erziehung eher vernachlässigt und selbst im spätem 
Leben vielfältig miszachtet und zurückgesetzt werden. Da 
nicht die Zahl der Bevölkerung an sich entscheidet, sondern 
die persönliche Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit der Einzel- 
nen, so leuchtet es ein, dasz auch der Stat ein sehr groszes 
Interesse an der ehelichen Fortpflanzung hat, im Gegensatze 
zur auszerehelichen. Gesetze, welche die Eingehung der Ehe 
zu sehr erschweren, sind daher auch deszhalb verwerflich, 
weil sie zwar die eheliche, aber nicht die auszereheliche- Zeu- 
gung verhindern, und daher die Zahl der auszerehelichen 
Kinder künstlich vergröszern. 

Ebenso wirken die Gesetze oder Einrichtungen, welche 
den C ö 1 i b a t fordern oder begünstigen , als künstliches 
Hemmnisz der natürlichen Fortpflanzung und greifen somit 
wie in die individuelle Freiheit, so auch in die Oekonomie 
der Schöpfung störend ein. Der Zwang, ehelos zu bleiben, 
dem der katholische Klerus unterworfen worden ist, hindert 
eine grosze Anzahl mehr oder weniger gebildeter Männer, sich 
familienmäszig fortzupflanzen. Die Klöster der Buddhisten 
und der Christen sperren ebenso die Geschlechter von ein- 
ander ab und hemmen das Wachsthum der Bevölkerung. Aber 
auch die statliche Forderung groszer stehender Heere und 
die ärmliche Ausstattung vieler öffentlicher Stellen macht es 
einer groszen Anzahl kräftiger Männer unmöglich, zu hei- 
rathen und eheliche Nachkommen zu zeugen. Alles das sind 

2 Vgl. oben Bd. T. Buch 2. Cap. 19. 



154 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



nicht blosz volkswirthschaftlich , sondern ebenso politisch 
schädliche Einrichtungen und stehen im Widerspruch mit der 
groszen Aufgabe, der Natur in sittlicher Weise zu folgen, 
nicht die Natur zu unterdrücken. 

Neben der Zahl der Bevölkerung eines Stats kommt die 
Vertheilung derselben vorzüglich in Betracht; weniger die 
durchschnittliche Vertheilung der Gesammtzahl auf die Zahl 
der Quadratmeilen, denn diese Verhältniszzahl bezeichnet die 
wirkliche Dichtigkeit der Bevölkerung sehr ungenau, als be- 
sonders die massenhafte Vertheilung der zusammen lebenden 
Städte- und der über die Landschaft ausgebreiteten Land- 
Bevölkerung. Einiges freilich ist auch aus jener Durch- 
schnittsziffer zu entnehmen. Wenn wir z. B. die Verthei- 
lung der Bevölkerung in den verschiedenen Erdtheilen über- 
schauen : 





Geogr. □Meilen. Bevölkerung. 


Auf die QM. 


Europa . . . 


. . . 178,879. 


300,530,000. 


1,680. 


Asien . . . 


. . . 813,550. 


798,220,000. 


981. 


Afrika . . . 


. . . 543,523. 


203,300,000. 


374. 


Amerika . . . 


. . . 751,281. 


84,542,000. 


112. 


Australien u. Polynesien 161,099. 


4,438,000. 


27. 




2,448,347. 


1,391,030,000. 


567. 



so zeigt sich darin die verhältniszmäszige Uebermacht Europa's 
und die Ausdehnungsfähigkeit der neuen Welt klar ausge- 
sprochen. Ebenso sind in Europa diese Ziffern nicht ohne 
Interesse. Behm (Die Bevölkerung der Erde 1874) gibt 
darüber eine Tabelle, in welcher er die Dichtigkeit der Be- 
völkerung in den europäischen Staten nach drei Rubriken 
ordnet: a) starke Dichtigkeit mit mehr als 8000 Seelen auf 
die □ Meile; b) mittlere zwischen 2000 — 8000 Seelen; c) ge- 
ringe unter 2000 Seelen. Für unsern Zweck genügt es, auf 
die Durchschnittszahlen der wichtigeren Staten hinzuweisen. 
Zu den stärkstbevölkerten Staten gehören: 



Viertes Capitel. Grösze , Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung. 155 



Belgien mit 9511 Seelen auf die □ Meile. 

Niederlande . . . . „ 6161 „ „ ,, „ 

Britische Inseln . . „ 5530 .. „ „ 

Eine mittlere Dichtigkeit haben: 

Italien mit 4985 Seelen auf die □ Meile. 

Deutsches Reich . . „ 4182 „ „ „ „ 

Frankreich 3761 „ „ „ 

Schweiz „ 3548 „ „ „ • ,, 

Oesterreich-Ungarn „ 3168 „ 
Dänemark ...... 2572 „ 



55 » ?5 

Portugal „ 2460 „ „ „ „ 



Geringe Dichtigkeit haben: 

Spanien mit 1828 Seelen auf die □ Meile. 

Griechenland . . : „ 1602 „ 
Türkei „ 1456 „ 



% 51 55 

55 55 55 

Ruszland (europ.) . . „ 766 „ „ „ „ 

Schweden T 526 „ „ „ „ 

Norwegen - 303 



Das Yerhältnisz der Landbevölkerung, welche sich 
vorzüglich mit Landwirthschaft und Viehzucht beschäftigt, zur 
Stadtbevölkerung, welche vornehmlich den industriellen 
und Culturberufen lebt, kann freilich auch nur annähernd 
bestimmt werden, indem die Städte, zumal die groszen, in 
die Landschaft hinaus wachsen und hinwieder manche Dörfer 
zu Fabrikorten sich verdichten. Fast nirgends sind die Gren- 
zen scharf bezeichnet. Aber immerhin ist klar, dasz vorzugs- 
weise die Landbevölkerung gleichsam den natürlichen Urstock 
eines Volkes bildet und die Na tur an läge in ihr dauerhafter 
bewahrt bleibt, und dasz dagegen die städtische Bevölkerung 
vornehmlich die Culturentwicklung derselben darstellt, 
und mit der intellectuellen Sorge und Leitung auch die po- 
litische übernehmen musz. 

Wir betrachten es als ungünstige Miszverhältnisse , wenn 



156 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



die Städte nur einen geringen Theil der Gesammtbevölkerung 
bilden, wie in Ruszland, wo sie nur etwa 10 °/ 0 derselben 
umfassen, aber auch als gefährlich, wenn die städtische Be- 
völkerung die ländliche aufzehrt, wie das theilweise in Eng- 
land geschehen ist, wo die Städte sogar mehr Einwohner 
haben als die Landschaft, oder in Frankreich geschieht, wo 
die Vermehrung der städtischen Bevölkerung, welche von 
1848 bis 1856 von 24,72 °/ 0 auf 27,31 °/ 0 der Gesammtbevöl- 
kerung gestiegen ist, auf einer Verminderung der Landbevöl- 
kerung beruht. In den ersten roheren Staten ist die Cultur- 
entwicklung schwach, in den letzteren gebildeteren Staten 
aber ist das Capital von ursprünglicher Naturkraft groszen 
Theils verbraucht und sie sind in Gefahr, in überreife und 
allzu künstliche Zustände zu verfallen; Letzteres ist um so 
schlimmer, weil sie zugleich die Möglichkeit verlieren, sich 
vom Lande her zu erfrischen und dort neue Kräfte zu schöpfen. 

Ein Verhältnisz von 25 bis 34 % städtischer und von 
75 bis 66 °/ 0 ländlicher Bevölkerung scheint für die europäi- 
schen Staten eine günstige Bedingung zu sein. Der starke 
ländliche Grundstock bewahrt die ungeschwächte Naturkraft 
des Volks und ist reich genug, um die Aufzehrung der städti- 
schen Nerven zu ersetzen, und die städtische Bildung ragt 
auch so mächtig hervor, dasz sie den Volksgeist befriedigt 
und wirksam macht. 

Von gröszter Bedeutung für das Statsleben sind die 
groszen Hauptstädte geworden. In denselben flieszen aus 
dem ganzen Lande her die industriellen, commerci eilen, tech- 
nischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen 
wie in Einen mächtigen, bewegten Strom zusammen. In ihnen 
entfaltet sich die höchste Civilisation , deren eine Nation fähig 
ist, in reichster Mannichfaltigkeit. Von diesen Centren aus 
wird auch das Leben in der weiten Peripherie um sie her 
angeregt. In diesen Städten wird auch die Statsmacht zur 
Einheit zusammengefaszt , da zu höchster Energie potenzirt 



Viertes Capitel. Grösze, Wachsthum und Abnahme der Bevölkerung. 157 

Aber in den groszen Hauptstädten zeigen sich auch grosze 
Gefahren für das öffentliche Leben. Neben den höchstgebil- 
deten Kreisen, die doch überall eine Minderheit sind, machen 
sich da auch die unwissenden Massen geltend und werden 
hier leichter als in kleineren Städten und leichter als auf 
dem Lande von schlauen Demagogen aufgeregt und ausge- 
beutet. Die Bevölkerung der groszen Städte ist zu absprechen- 
der Kritik geneigt, sie hat die Ehrfurcht vor der Autorität 
groszen Theils verloren, sie lacht und spottet über Alle; nur 
die Zuversicht in ihre eigene Vortrefflichkeit ist ins Maszlose 
vergröszert. Ihre Leidenschaften werden durch ihre Massen 
furchtbar gesteigert und durch die angehäuften Mittel einer 
Groszstadt bewaffnet. In solchen Städten kann auch der Pöbel 
zu einer gefährlichen Macht gelangen. 

Die Erfahrung lehrt, dasz die politische Einsicht der 
groszen Städte oft sehr schwach ist, dasz sie nicht selten 
ganz unbedeutende und oft ganz extrem gesinnte Vertreter 
wählen. Der moderne Stat, welcher der Groszstädte nicht 
entbehren kann, wird durch dieselben zuweilen eher in seiner 
Ordnung bedroht, als in seiner Wohlfahrt gefördert. Sie sollen 
für das Gesammtieben gleichsam die Function des Gehirns 
übernehmen, und für den Ausdruck der nationalen Empfin- 
dungen und Gedanken sorgen. In einigen Ländern aber sind 
die Hauptstädte zu grosz geworden im Verhältnisz zu dein 
Landesleib und absorbiren zu viele Volkskräfte, die besser 
vertheilt wären. Wenn gar sich eine Gehirnerweichung ein- 
stellt und der Blödsinn in den Massen überhand nimmt, dann 
ist es für den Stat sehr erschwert, solcher Krankheit und 
solcher Entartung zu widerstehen. 

Nützlich ist es , wenn auszer der Hauptstadt , in welcher 
der Sitz der Regierung ist , noch andere Groszstädte vorhan- 
den sind, welche jenen zur Ergänzung dienen und auch als 
Gegengewicht wirken. 

Das deutsche Reich zählt 32 Städte mit mehr als 



158 



Drittes Ruch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



50,000 Einwohnern, aber nur 10 Städte mit mehr als 100,000 
Seelen, und eine einzige, Berlin, mit mehr als 500,000 Ein- 
wohnern (82G,341 im Jahr 1871, gegenwärtig wohl 1 Million). 

Oesterrqi ch-Ungarn hat nur 10 Städte über 50,000 
und nur 3 über 100,000 Einw. (Wien 901,380 im Jahr 1872). 

England dagegen hat 40 Städte über 50,000 Einw., 
18 Städte über 100,000, und Eine, London, über 3 Millionen 
(3,254,260 im Jahr 1871). 

Frankreich hat 23 Städte über 50,000 Einw. und 9 
Städte über 100,000, Eine, Paris, mit nahezu 2 Millionen 
(1,851,792 im Jahr 1872). 

Italien hat 24 Städte mit mehr als 50,000 Einw. und 
10 Städte mit mehr als 100,000 Einw., aber keine Stadt über 
500,000 Seelen. 

Ruszland (europäisches) hat nur 12 Städte über 50,000 
und nur G über 100,000, 2 über 500,000 Einw. (Petersburg 
667,963 im Jahr 1869, Moskau 611,970 im Jahr 1871). 

Belgien hat 4 Städte über 100,000 Einw. (Brüssel 
314,077 im Jahr 1869); die Niederlande haben 4 Städte 
über 50,000 Seelen und 2 über 100,000. Spanien hat 9 
Städte über 50,000 und 3 Städte über 100,000 Einw.; Por- 
tugal und die Schweiz haben 2 Städte über 50,000 Seelen; 
Dänemark nur Eine, Kopenhagen, aber von 181,291 Seelen; 
die Türkei hat 6 Städte über 50,000, Eine (Konstantinopel 
600,000) über 500,000 Einw. Die Vereinigten Staten von 
Nordamerika haben 23 Städte mit mehr als 50,000 Einw. 
und 13 Städte mit mehr als 100,000; New- York hat nahezu 
1,5 Millionen Einwohner. 



Fünftes Capitel. Die europäische Yölkerfamilie. 



159 



Fünftes Capitel. 
Die europäische Yölkerfamilie. 

Das heutige Europa unterscheidet sich von dem antiken 
und dem mittelalterlichen Europa sehr wesentlich. 

Das antike Europa hatte die griechisch- römisehe 
Civilisation und als mächtigen Träger derselben das römi- 
sche Weltreich hervorgebracht, welches den ganzen Süden 
Europa's und Theile auch des mittleren und nördlichen Eu- 
ropa umfaszte. Es gab nur Ein politisches Reich, das rö- 
misch-griechische Kaiserreich, aber mit dem Gegensatze des 
lateinischen Occidents und des griechischen Orients; dort war 
Rom, hier Konstantinopel die Hauptstadt. Wenn auch das 
Reich doppelsprachig war und mancherlei Nationen in sich 
begriff, so gab es doch nur Eine Religion, die christliche 
und nur Ein Recht , das römische. Die Cultur war in beiden 
Reichshälften im Grunde dieselbe. 

Auszer diesem Reiche gab es noch im Norden eine be- 
deutende Zahl unabhängiger, aber noch uncivilisirter Nationen 
und Völker, wie voraus die streitbaren Germanen, .und die 
Slaven. 

In dem mittelalterlichen Europa scheiden sich schärfer 
der lateinische Occident und der griechische Orient. 
Die Einheit des römischen Reiches ist gebrochen und wird 
nur dem Namen nach in der sogenannten römischen Kaiser- 
würde, welche die deutschen Könige erwarben, fortgesetzt. 
Es bilden sich in dem kräftigeren und mächtigeren Westen 
eine grosze Zahl selbständiger Königreiche, Fürstenthümer 
und Republiken, meistens von Germanen beherrscht. Aber 
die Kirche ist noch lateinisch und verehrt noch ihr geist- 
liches Haupt in dem römischen Papste. Der griechische Orient 
geräth in Verfall. In Ruszland gewinnen während Jahrhun- 
derten die Mongolen die Hoheit, im Südosten und Südwesten 



1G0 



Drittes Buch. Dir Menschennatur als Grundlage der Politik. 



gerathen Griechenland und Spanien unter die Herrschaft der 
Muhammedaner. Die politische Bildung ist gering, die reli- 
giöse Richtung überwiegt. 

Vielseitiger ist das moderne Europa gestaltet. Der Rasse 
nach unterscheiden sich drei grosze Familien von Völkern: 
Die Romanen, die Germanen und die Slaven; alle drei 
Massen sind urverwandt; sie gehören alle der groszen ari- 
schen Völkerfamilie zu, welche vorzugsweise für den Stat 
befähigt erscheint. Aber sie haben alle hinwieder die Mi- 
schung mit nicht arischen Elementen erfahren, Osteuropa 
freilich in weit gröszerem Masze als Westeuropa. 

In allen romanischen Ländern ist ein bedeutender Zusatz 
von germanischem Blute in die romanisirten Provincialen hin- 
zugekommen. In allen germanischen Ländern sind bedeutende 
keltische und vorzüglich slavische Elemente in die Volks- 
rassen aufgenommen. In Ruszland ist die Einwirkung der 
mongolischen und der finnischen Rasse von groszer Bedeutung. 

Die hauptsächlichen nicht-arischen Bestandteile in 
Europa sind: 

1) die Magyaren, der herrschende Stamm im König- 
reich Ungarn , aber enge verbunden mit deutschen und slavi- 
schen Völkerschaften und durch deutsche Cultur civilisirt; 

2) die Türken, auch mit griechischem Blute stark ge- 
mischt, aber durch den Islam und die asiatische Cultur den 
übrigen Europäern fremd; 

3) die semitischen Juden, ohne nationalen jüdischen 
Stat, unter die übrigen Völker zerstreut und vertheilt, und 
grösztentheils denselben assimilirt. Massenhaft sind sie vor- 
züglich in Osteuropa verbreitet, mehr in Ruszland und Oester- 
reich als in Deutschland und Frankreich. Aber auch wo ihre 
Zahl nicht sehr grosz ist, üben sie doch einen bedeutenden 
Einflusz aus durch ihre Betriebsamkeit und ihr Geschick. Die 
Geldgeschäfte und der Handel, aber auch die Presse werden 
groszentheils von Genossen dieses Stammes geleitet. 



Fünftes Capitel. Die europäische Völkerfamilie. 



161 



4) Die Finnen und Lappen in Schweden; 

5) die Letten in Preuszen und Ruszland; 

6) die Arnauten und Albanesen in der Türkei; und 

7) die wandernden Zigeuner, vorzüglich in Oesterreich- 
Ungarn , 

haben sämmtlich nur eine untergeordnete Bedeutung für 
die europäische Politik. 

I. Die romanischen Völker beherrschen in vier grösze- 
ren Staten den Südwesten des europäischen Continents und 
zerfallen in vier Nationen von eigenthümlicher Cultur. Die 
vier Staten sind: 1) Frankreich, in den letzten Jahrhun- 
derten und bis zur Erhebung Deutschlands der mächtigste 
Groszstat Europa's , mit über 36 Millionen; 2) das Königreich 
Italien, das in unserer Zeit seine Einheit gefunden hat und 
unter die europäischen Groszmächte aufgestiegen ist, mit 
nahezu 27 Millionen; 3) Spanien mit 16,5 Millionen; 4) Por- 
tugal mit ungefähr 4 Millionen, zusammen 83 Millionen. 
Dazu kommen theilweise Belgien, in welchem die romani- 
schen Wälschen mit den germanischen Flamändern verbunden 
sind, und die französischen Cantone der Schweiz. Weni- 
ger bedeutend sind die Ostromanen in dem Donaufürstenthum 
Rumänien. 

Die Cultur aller dieser romanischen Völker steht in engem 
geschichtlichen Zusammenhang mit der antiken Civilisation 
des römischen Reichs und hat in Folge' davon viele Bildung 
aus alter Zeit geerbt. Die romanischen Sprachen sind alle 
Töchtersprachen der alten lateinischen Weltsprache. Das ger- 
manische Volkselement, im Mittelalter auch da herrschend, 
ist allmählich romanisirt worden und zurück getreten. Der 
germanische Adel hat dem romanischen Bürgerthum weichen 
müssen. Diese Staten haben nur geringe Theile in sich, die 
noch eine fremde Sprache reden. Auf die literarische Bildung 
wie auf die gesellschaftlichen Sitten hat in den letzten Jahr- 
hunderten Paris eine mächtige Einwirkung geübt. Nur in 

Bluntschli, die Politik. 11 



162 



Drittes Buch. Die Älenschennatur als Grundlage der Politik. 



Italien hat der edlere Kunstsinn eine nationale Ausbildung 
erlangt und auch die Wissenschaft sich von der französischen 
Leitung theilweise befreit. 

Die romanischen Nationen sind durchweg katholisch, 
und durch ihre hergebrachte Religion mit Rom und dem 
Papstthum verbunden. Indessen sind dieselben keineswegs 
mehr einträchtig in ihrem Glauben. Die Revolution und die 
Kritik haben denselben erschüttert. Die gebildeten Classen 
verhalten sich meistens gleichgültig oder feindlich gegen die 
Autorität der Priester. Wenn die romanischen Massen den 
Glauben an die Kirche verlieren, dann verfallen sie leicht 
aus dem Aberglauben in den Unglauben. 

Der Statssinn dieser Nationen ist von Alters her ent- 
wickelt und lebendig; aber sie werden auch leicht leiden- 
schaftlich erregt, und schwanken dann hin und her zwischen 
der Unterwerfung unter die absolute Statsautorität und der 
Zügellosigkeit einer zur Anarchie karikirten Freiheit. Die 
Romanen haben ein feines Formgefühl, das bei den Italienern 
zu weit verbreitetem Verständnisz künstlerischer Schönheit 
gesteigert ist und den Franzosen die Herrschaft in Sachen 
des Geschmacks und der Mode sichert. Auch in öffentlichen 
Angelegenheiten bewähren sie grosze Formgewandtheit und 
technische Fertigkeit. Es gibt viele, glänzende Redner unter 
ihnen. Ihre Phantasie ist fruchtbar, ihre Logik und Dialektik 
scharf, ihre Sprache 'durchsichtig und ausgeprägt. 

Die Romanen bewohnen die schönsten Länder Europa's und 
lieben ihre Heimat. Sie wandern wenig aus und sind seszhafter 
als die Germanen. Aber die höchsten Zeiten ihrer Macht und 
ihrer Cultur scheinen in der Vergangenheit zu liegen. Sie 
sind alte Nationen, deren Kräfte zum Theil aufgezehrt sind. 

Der Napoleonische Versuch, die romanischen Völker zu 
Einer politischen Völkerfamilie unter der Leitung und der 
Schutzhoheit des französischen Kaiserthums zusammenzufassen, 
ist gescheitert. 



Fünftes Capitel. Die europäische Völkerfamilie. 



163 



IL Germanische Völker. 

Nördlich von den Alpen, und nördlich von den Romanen 
bewohnen die Germanen Westeuropa. Sie sind in eine gröszere 
Zahl von Staten getheilt und unter sich weniger verbunden 
als die Romanen. Der Rasse und der Nationalität nach mögen 
die Germanen etwa 77 Millionen Europäer zählen, der stat- 
lichen Macht nach beherrschen sie eine Völkermasse von 
nahezu 120 Millionen. 

Im Mittelalter regierten germanische Fürsten und ger- 
manischer Adel auch über die romanischen Länder. Heute 
haben die Germanen auf solche Fremdherrschaft verzichtet 
und erkennen die Freiheit der verschiedenen Nationen grund- 
sätzlich an. 

Die germanischen Sprachen sind keineswegs von der la- 
teinischen Weltsprache abgeleitet, sondern haben einen eigen- 
artigen Bau und Charakter, aber sie sind als arische Sprachen 
ursprünglich auch mit der hellenischen und der lateinischen 
Sprache urverwandt. Aber die germanischen Nationen sind 
durch ihre Geschichte während des Mittelalters den Einwir- 
kungen und der Erziehung der römischen Cultur in der Re- 
ligion und der Kirche, dem Recht und dem Stat, der Kunst 
und der Wissenschaft unterstellt worden. Ihre heutige Bil- 
dung beruht zum Theil darauf, zum Theil ist sie das Ergeb- 
nisz ursprünglicher germanischer Culturarbeit. 

Die kirchliche Reform ist das Werk der Germanen , vor- 
aus der deutschen Nation. Schon im Mittelalter haben die 
deutschen Könige als römische Kaiser den Weltkampf mit den 
römischen Päpsten bestanden. Sie haben die europäischen 
Völker vor der drohenden theokratischen Universalherrschaft 
der römischen Priester gerettet, aber zugleich ihre eigene 
Macht verloren. In der Kirchenreform des sechszehnten Jahr- 
hunderts hat dann die germanische Gewissenhaftigkeit, Wahr- 
heitsliebe, Geistesfreiheit die römische Autorität auch in der 
Religion und Kirche verworfen. Die verschiedenen protestan- 



164 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



tischen Kirchen sind durchweg von germanischen Nationen 
gegründet und behauptet worden. Ein Theil freilich der Deut- 
schen ist katholisch geblieben ; aber die germanischen Völker 
sind doch in weit überwiegender Zahl der freieren Richtung 
des Protestantismus ergeben. Die Germanen sind mehr als 
die Romanen der Innerlichkeit des Seelenlebens zugewendet, 
sie haben weniger als diese Neigung und Geschick für äuszer- 
liche Formen. 

Die Germanen sind von Hause aus weniger statlich ge- 
sinnt als die Romanen. Die freie individuelle Persönlichkeit, 
die Familie, die enge Genossenschaft nimmt das Herz und 
den Kopf des Germanen leichter ein, als der Stat. Wenn 
sich sein Geist erweitert, dann wird er noch leichter für die 
grosze Menschheit entflammt, als für den besonderen Stat. 
Nur langsam sind die Germanen zum State erzogen worden. 
Erst spät ist ihnen das Verständnisz der öffentlichen Pflicht 
aufgegangen. Aber sie haben das S tatsieben mit ihrer Liebe 
zur Freiheit erfüllt. Immer haben sie den Absolutismus be- 
kämpft, wo er sich im Stat oder der Kirche herrisch gezeigt 
hatte. Die freien Verfassungen der modernen Repräsentativ- 
staten haben, nach dem Ausdruck von Montesquieu, schon in 
den germanischen Wäldern ihre ersten Keime getrieben. Sie 
sind vorzugsweise dem germanischen Charakter und germani- 
schen Ideen zu verdanken. 

Sie sind weniger reizbar und weniger leidenschaftlich als 
die Romanen, es ist ihnen leichter, sich zu mäszigen. Nur 
wenn der Zorn in ihnen entflammt wird , dann wirft der wilde 
Muth Alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Die 
Germanen sind vorzugsweise von männlicher Art. Sie kennen 
die Furcht nicht und wagen es, selbst mit den Göttern und | 
Heiligen zu kämpfen. Sie sind mit Vorliebe Krieger. Im 
Kriege eher als im Frieden gehorchen sie ihren Feldherren 
und Führern. Im Frieden setzen sie den Obern oft einen 
unbeugsamen und eigenwilligen Trotz entgegen. 



Fünftes Capitel. Die europäische Völkerfamilie. 



1G5 



Am frühesten sind sie zu höherer und edlerer Staten- 
bildung da gelangt, wo sie sich mit anderen gebildeteren oder 
weicheren Nationalitäten gemischt haben, wie die Franken 
mit den römischen Provincialen in Frankreich, die Angel- 
Sachsen mit den Normannen, die Norddeutschen mit den 
Slaven in Preuszen. 

Die Germanen sind unternehmungslustig; sie lieben die 
Abenteuer. Sie wandern leicht in entlegene Gegenden. Sie 
befahren die Meere in allen Eichtungen und gründen überall 
Colonien oder Niederlassungen. Die Verbreitung der ari- 
schen Rasse über die ganze Erdoberfläche ist vornehmlich 
germanisch. 

Aber die germanischen Staten leben jeder für sich. Einen 
Verband unter ihnen gibt es nicht. Die Idee einer zusammen 
gehörigen germanischen Statenfamilie 'ist den Germanen fremd 
und erscheint ihnen kaum als annehmbar. 

Die germanischen Staten sind: 

1) das deutsche Reich, seit seiner Aufrichtung zuerst 
als norddeutscher Bund unter preuszischer Führung 1866, 
dann durch die Verbindung mit den süddeutschen Staten 
zum deutschen Kaiserreich erweitert und erhoben 1871, mit 
einer Bevölkerung von über 41 Millionen, ein aus 25 Ländern 
zusammengesetztes Bundesreich, nun wieder eine europäische 
Groszmacht ersten 'Ranges, deren Hauptstat das Königreich 
Preuszen die frühere preuszische Groszmachtstellung zu der 
höheren und mächtigeren deutschen Groszmacht gesteigert hat, 
aber ohne Anspruch auf universelle Weltherrschaft, ohne über- 
seeische Colonien, aber mit Welthandel. Das deutsche Reich 
hat den Ehrgeiz, ein moderner Stat in vollem Sinne des 
Wortes zu sein, und mit gewaltiger Heeres- und Königsmacht 
volle Volksfreiheit und insbesondere auch individuelle Geistes- 
freiheit zu schützen. Seine Probleme gehören zu den schwie- 
rigsten. Es hat die Gegensätze des Protestantismus und des 
Katholicismus , von Norddeutschland und Süddeutschland, 



1(30 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

Nationalität und Particularismus der Länder und Dynastien 
zu versöhnen, und statlich zusammen zu fassen. Die nicht 
deutschen Volkselemente (Slaven, Dänen, Franzosen) sind ver- 
hältniszmäszig schwach. 

2) Oester reich -Ungarn inusz insofern der germani- 
schen Statengruppe zugezählt werden, als die Dynastie, die 
Beamtenbildung und die Cultur überhaupt, die Sprache des 
Reichstags in der cisleithanischen Gruppe, und der, wenn 
auch nicht mehr herrschende, doch noch in dieser Gruppe 
entscheidende Hauptstamm deutsch sind. Die Gesammtmon- 
archie hat nahezu 3G Millionen Einwohner; das cisleithani- 
sche Oesterreich über 20 Millionen, die Länder der ungari- 
schen Krone über 15 Millionen. Die Deutschen bilden nahezu 
36 % cler erstem und 11 % der letztern Bevölkerung. In 
Ungarn betragen die Magyaren fast 36 °/ 0 ; die Mehrzahl der 
Bevölkerung ist von slavischem Stamme: Nordslaven und Süd- 
slaven. Oesterreich ist daher in nationaler Hinsicht ein sehr 
stark gemischter Stat; und man versteht, weszhalb die Natio- 
nalitätenfrage in Oesterreich heftig aufregt und sehr schwer 
befriedigend zu beantworten ist. 

3) Die Schweiz ist ebenfalls aus deutschen, französi- 
schen und italienischen Cantonen gemischt, so jedoch, dasz 
die deutsche Nationalität geschichtlich und der Yolkszahl 
nach weit die bedeutendste ist. Unter den 2,669,000 Ein- j 
wohnern sind die deutschen Schweizer zu 75 °/ 0 vertreten. 

4) Groszbritannien ist wieder stark gemischt. Aber 
die keltischen und irischen Bestandtheile sind doch viel 
schwächer und weniger bedeutend für den Volkscharakter als 
die germanischen Angel-Sachsen. Auf den europäischen Inseln 
des Weltreichs wohnen etwas über 31 Millionen, welche in 
Asien, Amerika, Afrika, Australien viel gröszere Länder und 
zahlreichere Völkermassen beherrschen. Wenn das deutsche 
Reich die stärkste europäische Landmacht ist, so ist England 
weit die gröszte Seemacht der Welt. 



Fünftes Capitel. Die europäische Tölkerfarailie. 



167 



5) Das Königreich der Niederlande mit nahezu 
2,700,000 Einwohnern ist ganz germanisch, aber hängt nur 
lose mit der deutschen Cultur zusammen und hat starke Ein- 
flüsse der französischen Cultur erfahren. 

Die drei skandinavischen Königreiche: 

6) Dänemark, mit nahezu 1,800,000 Einwohnern, 

7) Schweden mit 4,250,000 Einwohnern, und 

8) Norwegen mit 1,750,000 Einwohnern, 

sind durchweg protestantisch und ganz germanisch, aber durch 
Sprache, Geschichte und politische Gestaltung von Deutsch- 
land getrennt. 

III. Slavische Völker. 

Die slavischen Nationen bewohnen Osteuropa und bilden 
den Uebergang von den europäischen Völkern und Staten zu 
den asiatischen Nationen und Reichen. 

Gegenwärtig gibt es nur Einen unabhängigen Slavenstat, 
aber einen Groszstat und Weltstat ersten Ranges, das russi- 
sche Reich, mit einer Bevölkerung von über 71 Millionen 
in Europa und über 11 Millionen auf dem weiteren asiati- 
schen Gebiete. Während Jahrhunderten war Ruszland unter 
der Herrschaft der Mongolen und in seinem Volksstock sind 
arisch-slavische Elemente mit turanischen (finnisch-tartarischen) 
sehr stark gemischt. Politisch nicht ohne Bedeutung ist auch das 
deutsche Element, theils wegen der verwandtschaftlichen Ver- 
bindung des russischen Kaiserhauses mit deutschen Fürsten- 
familien, theils weil die deutschen Ostseeprovinzen Ruszlands 
dem Reiche manche bedeutende Statsmänner und Feldherren 
geliefert haben. Auf die höhere Gesellschaft wirkt aber auch 
französische Cultur und Litteratur und Parisersitte ein. 

Die Religion wirkt stärker in Ruszland als in West- 
europa, die Wissenschaft weniger. Wie die Romanen römisch- 
katholisch, die Germanen überwiegend protestantisch sind, so 
sind die Russen griechisch-katholisch. Die russische Kirche 
hält fest an den hergebrachten Gebräuchen, Ritualen, Cere- 



108 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

monien, aber sie steht dem State nicht wie die römisch- 
katholische Kirche als rivalisirende Groszmacht gegenüber 
und entgegen , sondern beugt sich vor der Macht des Kaisers. 
Die Patriarchenwürde ist seit dem Czar Peter nicht mehr 
besetzt. Die Kirchenregierung ist bei der heiligen Synode, 
einer kaiserlichen Behörde. Der Kaiser ist der Schirmherr 
und das äuszerliche Haupt der russischen Kirche. 

In Ruszland vornehmlich ist die Idee des Panslavismus 
aufgekommen, im Anschlusz an das grosze Slavenreich, dessen 
Macht auf dem Gewicht der Massen ruht und dessen höchste 
Autorität der Kaiser ist. Als slavische Ideen werden die Brüder- 
lichkeit und die Väterlichkeit gepriesen. Die Patriarchie und 
theokratische Neigungen sind Kennzeichen des russischen Stats. 
Auch darin bildet es den Uebergang zu den asiatischen Reichen. 

Die slavische Art ist empfänglich für äuszere Eindrücke, 
eher receptiv als productiv, zu passivem Gehorsam bereit eher 
als zu selbstbestimmter That, wohlwollend, friedlich, ruhig 
in der Regel, aber in der Leidenschaft heftig, ausschweifend, 
wild. Hinter Westeuropa steht die Cultur in den slavischen 
Massen noch weit zurück. 

In Ruszland kommen ferner die Gegensätze der Grosz- 
russen und der Kleinrussen, und vorzüglich der Russen und 
der Polen in Betracht. Die Polen, ungefär 5,5 Millionen, 
haben eine zum Theil rühmliche, zum Theil unglückliche 
Geschichte. Während Jahrhunderten die Rivalen der Russen, 
haben sie die Selbständigkeit des polnischen Stats verloren; 
Theile von ihnen sind Oesterreich, andere Preuszen, die Mehr- 
zahl dem russischen Reiche einverleibt. Durch die katholi- 
sche Religion und durch ihre Bildung, auf die vorzüglich 
Frankreich eingewirkt hat, sind sie Westeuropa näher; aber 
die Erziehung der Jesuiten hat auf ihren Geist verderblich 
gewirkt. Durch ihre Parteiungen und durch ihre Unfügsam- 
keit ist ihr Stat zerrüttet und schwach geworden. 

Bedeutende nord slavische Elemente, wie die Ts che- 



Sechstes Capitel. Die europäischen Dynastien. 



169 



eben, die Mähren, die Slowaken in Böhmen und Deutsch- 
Oesterreich, und die Ruthenen in Galizien und Ungarn; 
ferner die südslavischen Stämme der Slovenen und Kroaten 
in Ungarn sind in nähere Verbindung zu Oesterreich-Ungarn 
gekommen. Ungefähr die Hälfte der Gesammtbevölkerung 
dieses Reiches ist slavisch; dennoch ist der Stat nicht ein 
slavischer seinem Grundcharakter nach. 

Endlich sind die slavischen Stämme der Serben und der 
Bulgaren mit der Türkei verbunden, so jedoch, dasz sich da 
die Anfänge neuer nationaler Statenbildung erkennen lassen. 



Sechstes Capitel. 
Die europäischen Dynastien. 

Die europäische Politik und die Verfassungskämpfe in 
den europäischen Staten sind nicht zu verstehen, ohne Be- 
achtung der Dynastien, deren Häupter diese Staten regieren. 
Neben der nationalen Politik, welche ihre Kräfte vorzugs- 
weise aus dem Volke schöpft und ihre Richtung durch den 
Volksgeist erhält, gibt es auch eine dynastische Politik, welche 
vornehmlich von dem Charakter und von dem Geist der 
regierenden Dynastie erfüllt und bestimmt wird. 

Weit die meisten europäischen Dynastien stammen aus 
dem Mittelalter. Insbesondere die zahlreichen deutschen Für- 
sten- und Herrengeschlechter haben im Mittelalter ihre herr- 
schende Stellung als Erbfürsten und Landesherren erworben 
und fortgesetzt. Viele derselben haben auch in den früheren 
Jahrhunderten die höchste Stufe der Macht erreicht, die ihnen 
beschieden war. Eine gröszere Anzahl anderer sind zugleich 
mit dem Verfall des alten römischen Reiches deutscher Nation 
als Dynastien untergegangen und zu unterthänigen Adels- 
geschlechtern geworden. Wenige Dynastien nur verdanken 



170 



Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 



der neueren Statengeschichte ihre Existenz oder den Auf- 
schwung ihrer Macht. 

Deszhalb ist es wohl begreiflich, dasz innerhalb der dy- 
nastischen Geschlechter und an den fürstlichen Höfen die 
Erinnerungen an die mittelalterliche Grösze und Hoheit noch 
heute lebendig sind und im Gemüthe und in der Phantasie 
nach- und fortwirken. Da auch in dem Adel, der ebenfalls 
eine mittelalterliche Institution ist, ähnliche Erinnerungen und 
Ueberlieferungen fortdauern und da der Adel vorzugsweise die 
Dynastien umgibt und an den Höfen oft und gerne gesehen 
wird, so wird diese Richtung noch gestärkt und gefördert. 

Unzweifelhaft war und ist diese ererbte Voreingenommen- 
heit mancher Dynastien für mittelalterliche Begriffe, Ein- 
richtungen, Tendenzen ein Haupthindernisz der modernen 
Statenbilduhg und der modernen Politik, aber zugleich ein 
Hemmnisz der fürstlichen Macht und Autorität , welche dann 
sich glücklicher und wirksamer entfalten, wenn sie in Har- 
monie sind mit dem Gang der Weltgeschichte und den Be- 
dürfnissen der modernen Völker. 

Die beiden mächtigsten Dynastien der letzten Jahrhun- 
derte waren in Europa die rivalen Häuser Habsburg-Loth- 
ringen und Bourbon. Das süddeutsch-alemannische, dann 
österreichische Haus Habsburg regierte zu erblichem Rechte 
in vielen süddeutschen Ländern, in Oesterreich, in Böhmen, 
in Ungarn, in Belgien, in italienischen Fürstentümern, früher 
auch in Spanien. Die deutsche Königs- und die römische 
Kaiserkrone, die es während Jahrhunderten besasz, verlieh 
ihm den höchsten Titel und Rang in der europäischen Staten- 
welt. Aber seit dem dreiszigjährigen Kriege stieg das fran- 
zösische Haus Bourbon, gestützt auf die französische Nation, 
mächtig empor und verdrängte allmählich das Haus Habsburg 
aus Spanien und groszentheils auch aus Italien. Der König 
Ludwig XIV. führte nicht den Kaisertitel, aber er war in 
Europa mächtiger als der römische Kaiser. 



Sechstes Capitel. Die europäischen Dynastien. 



171 



Beide Dynastien haben, weil sie zu zähe den hergebrachten 
Absolutismus früherer Jahrhunderte fest halten wollten, weil 
sie dem modernen Geiste widerstrebten, statt als Führer der 
Völker und der S taten das Leben derselben modern zu leiten, 
die frühere Weltmacht gröszten Theils verloren. Das Haus 
Habsburg - Lothringen hat Spanien , Belgien , Italien und 
Deutschland verloren und ist auf die Oesterreichisch-Ungari- 
sche Monarchie als seine Hauptmacht und seinen Stammsitz 
beschränkt worden. Das Haus Bourbon hat Frankreich, 
Neapel, Parma, und während einiger Zeit auch Spanien ein- 
gebüszt und nirgends mehr — auch in Spanien nicht wieder 
— eine sichere Grundlage seiner Macht. 

Dagegen sind in dem modernen Zeitalter andere Dyna- 
stien mächtig geworden, welche im Gegensatze zu den mittel- 
alterlichen Ueberlieferungen den Forderungen des neuen Zeit- 
geistes williges Gehör gaben und mit der Zeit vorwärts gingen, 
als Gründer und Erweiterer moderner Staten, wie das Haus 
Ho h enzoll er n in Preuszen, nun auch in Rumänien, das 
Haus Holstein-Gottorp in Ruszland, das Haus Koburg- 
Gotha in England, Belgien und Portugal, das Haus Hol- 
st ein- Sonderburg-Glücksburg in Dänemark und Griechen- 
land, das Haus Carignan in Italien. 

Deutschland ist die grosze Pflanzschule der europäischen 
Dynastien. Fast alle sind von deutschem Ursprung. Eine 
Ausnahme machen nur die französischen Bourbonen in Spa- 
nien, die ursprünglich savoy'schen Carignan in Italien, die 
Bernadotte in Schweden und Norwegen und während 
einiger Zeit die corsischen Napoleonide n auf verschiedenen 
Thronen. Indessen haben die ursprünglich deutschen Dynastien 
doch in fremden Ländern die fremde Nationalität mit der Zeit 
angenommen. Sie sind je nach ihrer Herrschaft zu Engländern, 
Russen, Niederländern, Portugiesen u. s. f. geworden. 

Aber die verschiedenen Dynastien sind doch unter ein- 
ander verwandt geblieben und haben von Zeit zu Zeit wieder 



172 Drittes Buch. Die Menschennatur als Grundlage der Politik. 

neue Ehen unter sich abgeschlossen. Auch in dieser Hinsicht 
ist der geschichtliche Reichthum der deutschen Nation an 
fürstlichen Familien noch von groszer Bedeutung. Die euro- 
päischen Dynastien bilden so eine Familiengenossenschaft, 
welche das Bewusztsein der Zusammengehörigkeit der Völker 
wach erhält. Es schlieszt das aber nicht aus, dasz unter 
ihnen auch von Alters her mancherlei Rivalitäten , wie unter 
Verwandten, sich spürbar machen. 

Die specifisch dynastische Politik, welche losgetrennt 
wird von dem innern Zusammenhang mit der nationalen Politik, 
paszt nicht zu dem modernen Statsleben. Ihre Hauptmerk- 
male nämlich, Unterordnung der Statsinteressen unter die 
Famlienrücksichten , Leitung der Politik durch Familienzunei- 
gung, oder persönlichen oder Familienhasz , statt nach den 
Rücksichten auf die Wohlfahrt des Volkes, die Auffassung 
der Statshoheit wie eines Familiengutes, Vernachlässigung der 
Pflicht gegen den Stat und das Volk, Ueberschätzung der 
Genüsse und Privilegien der herrschenden Familie, die Legi- 
timitätsschrullen sind sämmtlich im Widerspruch mit dem 
Wesen des modernen States und seiner Entwicklung. 

Anders ist es , wenn die Dynastie sich auf das Volk stützt, 
dessen höchster Ausdruck, dessen Haupt sie ist, wenn die 
dynastische Politik sich von der nationalen Politik erfüllen 
und bewegen läszt. Dann kann sie die gemüthlichen Töne 
des Familiengefühls und der Verwandtschaft wohl kräftig er- 
klingen machen und ihre dynastischen Vorzüge wie ihr dy- 
nastisches Ansehen zum Besten des Volkes und der Mensch- 
heit vortrefflich benutzen. Mehr als einmal sind auch in 
unserem Jahrhundert schwere Völkerkriege durch die ver- 
wandtschaftlichen Beziehungen der fürstlichen Dynastien ver- 
hindert, in manchen Fällen auch die Friedensverhandlungen 
leichter zu gutem Ende geführt worden. Diese Art der dy- 
nastischen Politik ist daher nicht zu tadeln, sondern hoch 
zu schätzen. 



Viertes Buch. 

Die Statsmittel. 



Erstes Capitel. 

Macht, Regierungsinacht , Volksmacht. 

Alle Mittel, deren der Stat bedarf und die .er verwendet, 
um seine Aufgaben zu erfüllen, lassen sich auf den Einen 
Begriff der Macht zurück führen. Der Stat ist Macht und 
braucht Macht. Da der Stat die äuszere Ordnung des Ge- 
sammtlebens der Völker ist, und in äuszerlich wahrnehmbaren 
Anstalten und Werken sich äuszert, so kann er für diese 
äuszeren Erfolge der Macht nicht entbehren. Ein dauernd 
machtloser Stat führt höchstens ein Scheinleben und hat kein 
natürliches Recht der Existenz. 

Die Religion kann der äuszern Macht entbehren, weil 
sie in dem inneren Seelenleben ihren Sitz hat, das Recht 
nicht, weil es sich nötigenfalls durch äuszeren Zwang be- 
währen musz. 

Der Opfertod Jesu am Kreuze ist der höchste Ausdruck 
religiöser Liebe zur Menschheit und religiöser Hingebung an 
den göttlichen Willen. Der Statsmann dagegen offenbart seine 
Genialität durch die Ueberwindung aller Schwierigkeiten und 
durch den äuszeren Sieg und Erfolg seiner Politik. 



174 



Viertes Buch. Die Statemittel. 



Die Kirche kann bestehen und sogar eine hohe Stufe 
der Vollkommenheit erreichen, auch wenn sie ohnmächtig ist 
und von andern Mächten verfolgt und gedrückt wird. Ecclesia 
pressa, ecclesia triumphans. Ihre religiöse Reinigung und 
Heiligung und der Gottesdienst, den sie übt, bedürfen nicht 
der äuszeren Macht, sondern der inneren Reinheit, Heilig- 
keit, Frömmigkeit. 

Macht nennen wir die nach Auszen gewendete Gesammt- 
kraft, welche Folge und Gehorsam findet oder erzwingt. 

Wir unterscheiden aber Regierungsmacht und Volks- 
macht in demselben Sinne, in welchem wir Regierung und 
Volk im engern Sinne unterscheiden, d. h. indem wir die 
Regierung der Gesammtheit der Regierten gegenüber setzen, 
als die beiden Bestandteile des Stats, oder des Volks im 
weitern Sinne. Wir heiszen sodann Regierungsmacht die 
Macht, welche verfassungsmäszig oder nach der Sitte und 
Uebung der Regierung zusteht, über welche die Regierung 
verfügt; und wir heiszen Volksmacht die Macht, welche bei 
der Gesammtheit der Regierten zu finden ist, und je nach 
Bedürfnisz auch von diesen geübt wird. 

Die Macht der Gesellschaft ist immer Volksmacht in 
diesem Sinne, nicht Regierungsmacht, aber nicht alle Volks- 
macht ist zugleich Macht der Gesellschaft; die Milizheere z. B. 
gehören zu jener, nicht zu dieser. Und nicht alle gesellschaft- 
liche Macht hat eine Beziehung zum Stat, und wird deszhalb 
zur Volksmacht, wie z. B. die Macht der gesellschaftlichen 
Mode und Sitte grösztentheils nur dem Privatleben zugehört. 

Manche denken sich den Gegensatz der Regierungsmacht 
und der Volksmacht als einen feindlichen, als wäre jede 
für sich und könnte nur auf Kosten je der andern sich stärken 
und vergröszern. Aus diesem Irrthum erklären sich zwei 
entgegengesetzte politische Fehler : 

1) der Fehler, die Regierungsmacht möglichst ins Unge- 
messene auszudehnen, mit Aufzehrung der Volkskräfte. In 



Erstes Capitel. Macht, Regierungsmacht, Volksmacht. 



175 



diesen politischen Fehler sind viele asiatische Despotien ge- 
rathen. Misztrauisch haben die Despoten den Reichthum der 
Unterthanen nicht geduldet, sondern nach und nach alle Ein- 
künfte des Reiches und allen Wohlstand der Bevölkerung zur 
Füllung eines ungeheuren, ihrer Laune dienenden Schatzes 
verwendet, der von Ueberflusz strotzte, während das Land 
verarmte. Ebenso haben sie die militärische Tüchtigkeit der 
Unterthanen als eine Gefahr ihrer Herrschaft betrachtet und 
ihr Volk wehrlos gemacht; dagegen für sich zu freier Ver- 
fügung grosze Leibwachen und stehende Truppen geschaffen, 
welche ihren Willen mit Gewalt vollzogen. 

Die Weltgeschichte hat die Hohlheit und Unsicherheit 
einer solchen Politik oft genug den Menschen gezeigt. Ein 
kräftiger Stosz von Auszen und die vermeintliche überirdi- 
sche und unermeszliche Sultans- und Herrschermacht brach 
haltlos zusammen, sammt den so beherrschten Staten, die 
nun ohnmächtig das Gebot des Siegers befolgen muszten. 

2) Der andere entgegengesetzte Fehler ist für die Exi- 
stenz der Staten weniger verderblich , aber schädigt doch die 
Entwicklung und den Erfolg ihrer Politik. Es ist diesz die 
Abneigung gegen jede energische Regierungsmacht und das 
blinde Vertrauen zu übersprudelnder Volksmacht. Während 
des Mittelalters bestimmte diese einseitige Politik oft die ari- 
stokratischen Stände, welche sich jeder Zusammenfassung der 
Regierungsmacht widersetzten. Heute zeigt sich derselbe Irr- 
thum in Europa und in Amerika bei den demokratischen und 
socialistischen Parteien, und erschwert den Regierungen die 
Erfüllung ihrer Statspflicht, und die Lösung ihrer politischen 
Aufgaben. 

Da die Regierungsmacht im Grunde nur concentrirte, für 
die Statszwecke verwendete Volksmacht ist, da der Boden, 
aus welchem die Regierungsmacht erwächst, die Volksmacht 
ist, und da hinwieder die Volksmacht, wenn sie in die Hände 
der Regierung gelegt und für die Statszwecke tauglich und 



17G 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



dienstbar gemacht wird , als Regierungsmacht eine gesteigerte 
Bedeutung erhält; so ist nicht ein feindlicher Widerspruch 
zwischen beiden, sondern die richtige Verbindung beider 
und die wechselseitige Förderung beider gute Politik. 

Eine verständige Regierung wird daher ihre Sorge und 
Pflege voraus der Erhaltung und Entwicklung auch der 
Volksmacht zuwenden, aus der sie ihre Regierungsmacht ab- 
leitet und ergänzt. Sie wird freilich nicht neue Volkskräfte 
erzeugen können, auszer wenn es ihr gelingt, das Volk selber 
durch Vereinigung mit andern Volkselementen zu bereichern. 
Aber sie kann und soll die vorhandenen Kräfte entwickeln 
helfen und dadurch steigern. 

Die financielle Macht eines States beruht daher nicht 
auf der Anhäufung eines groszen und unfruchtbaren Stats- 
schatzes — nur ein mäsziger Schatz mag für schwere Krisen 
als Reserve dienen — sondern vorzüglich darauf, dasz die 
wirtschaftlichen Verhältnisse der Nation wohlgeordnet und 
der Wohlstand unter den Bürgern und Unterthanen verbreitet 
sei. Dadurch wird die Steuerkraft des Volks vermehrt und 
der Stat ist in der glücklichen Lage, für seine öffentlichen 
Bedürfnisse auf die Steuerfähigkeit des Volkes rechnen zu 
können. Seine Einkünfte und sein Credit wachsen in dem- 
selben Verhältnisz. Die Nachhaltigkeit des Widerstandes, 
welchen England während der Continentalkriege Napoleon I. 
entgegengesetzt hat , stützte sich vornehmlich auf solche 
Finanzpolitik. 

Ebenso gewährt die kriegerische Ausbildung und Tüch- 
tigkeit eines ganzen Volkes dem State, selbst in einem un- 
glücklich geführten Kriege, eine stäte Reserve, und macht 
es dem besiegten State möglich , sich bald wieder aufzurichten. 
Das war der grosze Vorzug der preuszischen Wehrverfassung, 
der schon in den Befreiungskriegen wider die napoleonische 
Oberherrschaft und wieder in den letzten Kriegen mit Oester- 
reich und mit Frankreich sich offenbarte. Wenn dagegen die 



Zweites Capitel. I. Regierungsmacht. A. Geistige Mittel. Statsautorität etc. 177 

militärische Macht eines States lediglich auf das stehende 
Heer beschränkt ist, so ist der Stat, dessen Armee .besiegt 
ist, auszer Stande, den Krieg erfolgreich fortzusetzen; denn 
die Volkserhebung einer zwar tapferen, aber in Waffen un- 
geübten Masse hält dem durchgebildeten Heereskörper des 
Feindes nicht Stand, wie das Frankreich im Jahr 1871 er- 
fahren hat. 

Aber auch ein bloszes Milizheer, das wesentlich als Volks- 
macht wirkt, genügt nicht, um die volle kriegerische Macht 
eines States in der activen Politik zur Geltung zu bringen. 
Vielmehr dient das besser geschulte stehende Heer als Re- 
gierungsmacht dazu, die Kriegsmacht des States vollkommener 
zu entwickeln. Die Amerikaner haben das in ihrem Bürger- 
kriege von 1861 — 1865 erfahren und waren genöthigt, sehr 
viel mehr Opfer an Vermögen und an Menschenleben zu 
bringen, als das nöthig geworden wäre, wenn der Kern ihres 
Volksheers militärisch tüchtiger organisirt und gebildet ge- 
wesen wäre. 



Zweites Capitel. 
I. Regierungsmacht. 
A. Geistige Mittel. Statsautorität und Culturmittel. 

Die Regierungsmacht besteht zum Theil aus geistigen, 
zum Theil aus leiblichen Mitteln. Die ersteren lassen sich 
hinwieder entweder als Statsautorität oder als Culturmittel 
des Stats unterscheiden. 

Alle Autorität bedeutet eine geistige Ueberlegenheit, 
welche Folge fordert und erlangt. Von den mancherlei Autori- 
täten, welche sich in der Religion, der Wissenschaft, den 
künstlerischen und technischen Berufen und Methoden gel- 
tend machen, unterscheidet sich die Statsautorität haupt- 

Bluntschli, die Politik. 12 



178 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



sächlich dadurch, dasz sie den Anspruch macht und durch- 
setzt, die Folge nöthigen Falls mit äuszeren Mitteln zu 
erzwingen. Alle andere Autorität gestattet freie Prüfung 
und um deszwillen wird die Folge, welche ihr huldigt, zu 
freier Hingebung. Die religiöse Autorität wirkt so im Ge- 
wissen der Menschen und die Folge, welche ihr geleistet 
wird, stellt sich dar als Uebung der Gewissenspflicht und 
Bewährung des Glaubens. Die wissenschaftliche Autorität 
wirkt auf die Einsicht ; die Beobachtungen früherer Forscher, 
die Experimente, die sie vorgelegt haben, die Denkarbeit, 
die von Wahrheit liebenden und geistig begabten Männern 
gemacht worden, begründen und unterstützen die Autorität 
ihrer Lehre, aber nur so lange, als nicht eine neue Prüfung 
alte Vorurtheile entkräftet und Irrthümer aufdeckt. Aehnlich 
verhält es sich mit der Autorität der Künstler und der Tech- 
niker. Sie erlangt nur so lange Folge, als dieselbe durch 
die Einsicht der Schüler gebilligt und durch den freien Willen 
der folgenden . Generation beachtet wird. 

Die Statsautorität allein fordert kraft ihrer Rechtsmacht 
Gehorsam und wenn sie auch die wissenschaftliche Kritik 
nicht verwehrt, so duldet sie doch nicht den Widerstand und 
nicht den Ungehorsam. 

Diese zur Folge zwingende Statsautorität äuszert sich in 
verschiedenen Formen : a) als Statsgesetz, welches der ver- 
fassungsmäszig begründeten und geordneten Autorität des 
gesetzgebenden Körpers (König und Parlament) in allgemei- 
nen Rechtsregeln und Institutionen einen Ausdruck gibt; 

b) als Regierungsanordnung und Gebot (Polizei- 
befehl, Militärbefehl u. s. f.), welche im einzelnen Fall das 
Nöthige und Zweckmäszige innerhalb der verfassungsmäszigen 
Zuständigkeit der Regierung befiehlt; 

c) als gerichtliches Urtheil gegenüber den streiten- 
den Parteien im Civilprocesz, den Angeschuldigten im Straf- 
procesz, dem Publicum im verwaltungsrechtlichen Procesz. 



Zweites Capitel. I. Regierungsmacht. A. Geistige Mittel. Statsautorität etc. 179 



In den meisten Fällen genügt schon die blosze Aus- 
sprache des Gesetzes,* der Regierungsanordnung, des Ur- 
theils, um Gehorsam zu finden und es bedarf dann eines 
Zwanges nicht; aber die Androhung und Anwendung des 
Zwanges, wenn nicht gehorcht würde, versteht sich doch von 
selber und die Aussicht auf diesen Zwang verleiht dem Ver- 
langen der Statsautorität einen Nachdruck, den in solcher 
Weise keine andere Autorität besitzt, weil nur der Stat 
zwingende Rechtsmacht ist. 

Entschieden unrichtig ist die Meinung von Fr. Jul. Stahl, 
dasz das Autoritätsprincip nur in der Monarchie gelte, da- 
gegen die Republik dem Majoritätsprincip huldige. Die ganze 
Frage: Autorität oder Majorität? ist falsch gestellt. Es gibt 
keinen Stat, welcher der Autorität entbehren könnte oder 
wollte. In der Republik wie in der Monarchie nehmen die 
Gesetze, die Regierungsanordnungen, die Urtheile der Ge- 
richte eine nöthigen Falls mit Zwang ausgerüstete Statsauto- 
rität in Anspruch. Immer steht der Autorität, welche Folge 
verlangt, eine Majorität von Menschen gegenüber, welche ihr 
Folge leisten. Bei der Autorität, die vielleicht von Einem 
Individuum ausgeübt wird (einem Regenten oder Richter), ist 
der active Pol der qualitativen Ueberlegenheit, bei der Ma- 
jorität der Bürger und Unterthanen, welche der Autorität 
gehorchen, ist der passive Pol der Folgsamkeit zu erkennen. 

In alledem besteht kein Unterschied zwischen Monarchie 
und Republik. In der freien Repräsentativmonarchie der 
heutigen Welt nimmt überdem die Majorität der Wähler den- 
selben Antheil an der Bestellung der Volksvertretung, wie in 
der Republik, und das Gesetz kommt in beiderlei Staten 
nicht ohne Zustimmung und Mitwirkung der Volksvertretung 
zu Stande. Also auch hier kein wesentlicher Unterschied. 

Der wahre Unterschied zwischen beiden Statsformen be- 
steht darin, däsz die Republik ihre Statsordnung und daher 
auch ihre Statsautorität auf die Ueberlegenheit der Volks- 



180 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



mehrheit (Bürgermehrheit) über alle Minderheiten und 
über alle Einzelnen gründet, und so die Quantität zur Qua- 
lität erhebt, während die Monarchie eher an die Schutz- und 
Leitungsbedürftigkeit der Menge denkt und den höheren 
Qualitäten der geordneten Träger und Ausüber der Stats- 
gewalt (der Fürsten und der Beamten) die geistige Ueber- 
legenheit zuschreibt, welche die Autorität erfüllt und in der 
Statsmacht den Grund erkennt, aus welchem diese Autorität 
ihre zwingende Kraft ableitet. 

Alle Statsautorität ist eine relative, weil sie von Men- 
schen über Menschen geübt wird, und nicht, wie man die- 
selbe sehr oft sich vorstellt, eine absolute, welche nur dem 
absoluten Wesen, d. h. nur Gott zukommt. Das ist der alt- 
überlieferte Irrthum der absoluten Statsbegriffe, dasz sie den 
Trägern der Statsgewalt als Stellvertreter Gottes göttliche 
Eigenschaften andichten, ohne ihnen göttliche Kräfte und 
göttliche Ueberlegenheit über die andern Menschen, ihre 
Brüder, verschaffen zu können. Da Gott selber den Menschen 
freien Willen verliehen und freie Thaten zugestanden hat, 
somit seine absolute Autorität keineswegs in despotischer 
Weise gebraucht, so war es um so thörichter, menschlichen 
Machthabern eine absolute Autorität zuzuschreiben, mit 
welcher diese alle Freiheit der Unterthanen aufheben und 
erdrücken. 

Ferner ist die Meinung irrig, dasz die Autorität die gröszte 
und mächtigste sei, welche blinden und knechtischen 
Gehorsam findet und dasz die Autorität schwächer und ge- 
ringer sei, welche genöthigt wird, vorzugsweise auf frei- 
willigen Gehorsam innerhalb der Schranken der Verfassung 
zu rechnen. 

Die Regierten sind nicht ein todtes Instrument, auf 
welchem die Regierung nach Belieben spielt. Sie sind mit 
den Regenten gleichartige Wesen, welche eine Empfindung 
haben von den Anforderungen, die an sie gestellt werden, 



Zweites Capitel. I. Regierungsmacht. A. Geistige Mittel. Statsautorität etc. \8T 



und ein Urtheil über die Wirkungen der Geschäftsleitung. 
Der freie Mann ist psychisch und physisch reicher und kräf- 
tiger als der Sclave. Die Arbeit und die Leistung des freien 
Mannes sind daher besser und haben einen höheren Werth. 
Um deszwillen ist der freiwillige Gehorsam auch wirksamer 
als der erzwungene. Die Freiheit entfaltet Kräfte, welche 
die Furcht gebunden hält. 

Die Durchführung eines Gesetzes in der Praxis ist weit 
gesicherter, wenn das Volk seine Zustimmung zu demselben 
erklärt hat, als wenn die willenlosen und unwissenden Unter- 
thanen lediglich dem formalen Gebot ihres Herrschers ge- 
horchen müssen. Oft sind die Gesetze in absoluten Mon- 
archien nur leere Worte und eitler Schein; während die Gesetze 
in einem freien Lande von Jedermann befolgt werden. 

Nur wo die Autorität wesentlich die äuszere physische 
Macht des States in Bewegung versetzt, wie insbesondere der 
Polizeibefehl an die Gensd'armerie, oder der Heeresbefehl an 
die Truppen, da läszt die gewaltsam durchgreifende Natur 
solcher Autorität nicht zu , dasz die Zweckmäszigkeit des Be- 
fehls vorerst geprüft und durch die Kritik die Durchführung 
gehemmt oder abgeschwächt werde. Da ist unweigerliche, 
sofortige Gewaltübung unerläszlich , damit der nöthige Erfolg 
erzielt werde. Und doch zeigt sich sogar da, wo doch die 
Gesetze der mechanischen Bewegung in höherem Grade masz- 
gebend sind, als bei andern statlichen Functionen, derselbe 
Unterschied zwischen dem freien und dem sclavischen Ge- 
horsam. Trotz der eisernen Disciplin in dem preuszischen 
und deutschen Heere macht sich auch das Ehrgefühl der 
Officiere und Soldaten als eine moralische Kraft geltend, 
welches auch von den Befehlenden Beachtung fordert, aber 
die Stärke der Truppen steigert. Die Ruhmbegierde des fran- 
zösischen Heeres ist auch eine bewegende Macht in dem- 
selben. Als österreichische Generale während des italienischen 
Befreiungskrieges italienische Regimenter commandirten, ver- 



182 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



sagte der Mechanismus der Disciplin. Eine Truppe, die nicht 
zu denken gelernt hat und sclavisch gehorcht, geht vielleicht 
ohne Murren in den Tod , aber wenn kritische Umstände die 
Anspannung aller Geisteskräfte erheischen, weisz sie nicht, 
sich zu helfen. Die sclavisch gedrillte Truppe wird nur lei- 
sten, was sie musz, die gebildete und freie Schaar leistet 
überdem, so viel sie kann. 

Uebrigens hat die Statsautorität nur nach Innen eine 
zwingende Macht, nicht nach Auszen, fremden Staten gegen- 
über. Im Verhältnisz der Staten zu einander gilt nicht das 
Princip der Autorität, auszer soweit das Völkerrecht die 
Grundbedingungen ihres Verkehrs festsetzt, sondern das Princip 
der Selbständigkeit und Freiheit. 

Neben der Autorität des States kommen ferner die Cul- 
turmittel des Stats als geistige Machtmittel in Betracht. 
Wir rechnen hieher die sämmtlichen Anstalten, welche der Stat 
durch seine Cultur pflege schafft und erhält, um das gei- 
stige Leben der Nation und der Gesellschaft zu entwickeln 
und zu erhöhen, die öffentlichen Schulanstalten jeder Art, 
die Sammlungen von künstlerischen und wissenschaftlichen 
Werken, die öffentlichen Denkmäler und Bauten, die Akade- 
mien, die technische, militärische und politische Erziehung 
und Uebung, für welche der Stat sorgt. Gewisz ist ein ge- 
bildetes Volk schwerer zu regieren, als ein ungebildetes. Es 
stellt höhere Anforderungen auch an die Regierung und Ver- 
waltung; aber es kann auch dem State sehr viel mehr leisten, 
als das letztere und es hält auch im Unglück viel länger aus. 



Drittes Capitel. B. Physische Mittel. Vermögen und Gewalt. 



183 



Drittes Capitel. 

B. Physische Mittel. Vermögen und Gewalt. 

Die physischen Mittel, welche der Regierung Macht ver- 
leihen , sind entweder ökonomische oder gewaltsame 
Mittel. 

1. Es ist die Aufgabe der Wirthschaftspolitik, die 
ökonomischen Statsmittel zu bezeichnen und für eine zweck- 
mäszige Entwicklung derselben zu sorgen. Die einen sind 
financielle Mittel, inwiefern der Stat selber eigenes Ver- 
mögen besitzt und verwendet, um öffentliche Bedürfnisse zu 
befriedigen oder von seiner Steuerhoheit Gebrauch macht, 
um das Vermögen der einzelnen Bürger und Unterthanen, 
soweit das Statsbedürfnisz dazu nöthigt, zu Beiträgen anzu- 
halten, oder seinen Credit benutzt, um sich Geld zu ver- 
schaffen. Die andern Mittel sind volkswirthschaftlich, 
insofern als die Anstalten, welche die Bedingungen des Pri- 
vatverkehrs regeln und fördern, auch für Statszwecke be- 
nutzbar sind, wie z. B. die Straszen, die Eisenbahnen, die 
Telegraphen, die Seehäfen, die Börsen u. s. f. 

Einige Maximen der modernen Wirthschaftspolitik mögen 
zur Illustration dienen: 

a) Die financielle Macht des modernen Stats ist nicht 
mehr, wie die des mittelalterlichen Stats, auf grosze Do- 
mänengüter und nicht mehr auf Reallasten der Grund- 
besitzer basirt, auch nicht, wie das in den letzten Jahrhun- 
derten gelegentlich versucht und in unserem Jahrhundert von 
den Socialisten anempfohlen worden ist, auf Handelsmono- 
pole oder statliche Fabrikation (Nationalwerk- 
stätten), sondern vorzugsweise auf die Steuerkraft und 
die Steuerleistung der Bevölkerung. 

b) In friedlichen Zeiten darf der Stat die Steuerkräfte 
der Individuen nicht bis auf die Grenze des Möglichen 



184 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



anspannen; sonst kann er in Kriegszeiten nicht lange aus- 
halten. Er musz die Steuer so einrichten und vertheilen, 
dasz der Privatwohlstand nicht in seiner gesunden Ent- 
wicklung gehemmt, sondern eher gefördert wird. Es ist kein 
Vorzug eines Landes, keine Steuern oder möglichst geringe 
Steuern zu bezahlen, vielmehr ein Zeichen geringer Cultur 
und ungenügender Statsleistung. Aber es ist ein schwerer 
Landesschaden, wenn die Steuern nur mit Verzicht der Steuer- 
pflichtigen auf gewohnte und liebe Lebensgenüsse mühsam 
zu erschwingen und nur durch Zwang beizutreiben sind. Eine 
mäszige Steuer befördert das öffentliche Interesse Aller an 
dem Statswohl. 

c) Die regelmäszigen, laufenden Ausgaben des Stats 
dürfen nicht durch Aufnahme von Statsschulden , sondern 
müssen durch regelmäszige Steuern gedeckt werden. Dazu 
sind auch die Zinsen der Statsschuld zu rechnen. Dagegen 
ist es gefährlich, auszerordentliche grosze Ausgaben 
z. B. für die Kriegsführung oder für dauernde Werke, und 
Capitalanlagen , wie Eisenbahnen sofort durch Steuererhebung 
ausgleichen zu wollen und überdem eine unbillige und ver- 
derbliche Ueberlastung der gegenwärtigen Steuerpflichtigen 
und Entlastung der künftigen Geschlechter, denen diese Ver- 
wendungen zu Gute kommen sollen. Vielmehr ist für solche 
Zwecke die Benutzung des Statscredits und die Uebernahme 
von Statsschulden, deren Verzinsung und allmähliche Amorti- 
sation durch die Steuer ermöglicht wird, die angemessene 
Lösung der Aufgabe. 

d) Der Statscredit beruht vornehmlich a) auf den be- 
kannten Steuerkräften eines Landes, b) auf einer wohl ge- 
ordneten und klaren Statsrechnung , welche die Deficits zu 
vermeiden weisz, c) auf dem allgemeinen Vertrauen auf die 
Macht eines Stats und die Solidität seiner Regierung. 

e) Zuweilen sind die volkswirthschaftlichen Machtmittel 
zwischen dem Stat und den Privatgesellschaften getheilt. 



Drittes Capitel. B. Physische Mittel. Vermögen und Gewalt. 



185 



Es gibt Privatposten neben den Statsposten, Privateisenbahnen 
neben den Statseisenbahnen, Privattelegraphenanstalten neben 
den Statstelegraphen. Indessen überwiegen in allen diesen 
groszen Verkehrsbezi ehungen innerhalb eines Landes und mit 
fremden Nationen so sehr die öffentlichen Interessen über die 
bloszen, in der Regel doch egoistisch verstandenen Privat- 
interessen der Unternehmer, und ist die allgemeine Wohl- 
fahrt der ganzen Gesellschaft und des Volks so sehr bei 
diesen Anstalten betheiligt, dasz allmählich das System des 
Statsbetriebs über das System des Privatbetriebs den Sieg 
errungen und das letztere entweder beseitigt oder in engere 
Grenzen zurück gewiesen hat. 

Die ökonomische Statsmacht äuszert sich endlich auch 
in der rechtlich normirten Steuerexecution, der gericht- 
lichen Pfändung mit ihren Folgen und der gerichtlichen 
Schuldbetreibung überhaupt. 

2. Wenn die gelinderen Mittel des States nicht ausrei- 
chen, um den Gehorsam zu erzwingen, so steigert sich die 
Statsmacht zu unmittelbarem physisch - mechanischem 
Zwang. Ihre Hauptformen sind: a) die Straf gew alt, b) die 
Polizeigewalt, c) die Militärgewalt des Stats. 

Die beiden ersten wirken im Innern des Stats, die letzte 
vorzüglich nach Auszen. Dort ordnen das Strafrecht und der 
Strafprocesz die Bedingungen und die Art der Strafgewalt, 
und das Polizeirecht die der Polizeigewalt; hier entscheiden 
das Völkerrecht und die Heeresverfassung. Dort dienen dem 
Stat, um seiner Autorität Folge und Wirksamkeit zu ver- 
schaffen, die Strafanstalten, die öffentlichen Wachen, die Gens- 
d'armerie; hier ist die Statsgewalt zu höchster Stärke aus- 
gebildet in dem Heer. 

Wie immer diese Gewaltmittel im Einzelnen organisirt 
sein mögen, so sind zwei Hauptprincipien zu beachten: 

1) dasz jede Gewaltübung durch Rechtsnothwendig- 
keit bedingt und beschränkt sein musz, 



186 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



2) dasz niemals das Organ der Gewalt als solches im 
State herrschen darf, sondern der Statsautorität zu die- 
nen hat. 

Das gilt auch von der gröszten physischen Macht des 
States, der Heeresmacht. Das Heer musz der Politik des 
States dienen, und nicht darf die Politik des States durch 
das Heer bestimmt und geleitet werden. Der moderne Stat 
duldet kein Prätorianer- und kein Janitscharenregiment mehr. 
Die Aufgabe des Heeres ist, die volle zwingende Stärke des 
States zu höchster Energie zu entfalten, aber diese Aufgabe 
ist ihrer Natur nach, wie alle Execution überhaupt, eine 
secundäre, nicht eine primäre. Die politische Regierung 
hat zu bestimmen, was der Stat für ein politisches Ziel an- 
strebt, und ob dasselbe durch friedliche Mittel zu erreichen 
oder mit Hülfe der Gewaltanwendung durch militärische Mittel 
zu bewältigen sei. Die Wucht des schlagenden Armes musz 
von dem denkenden Gehirn in Bewegung gesetzt werden, 
nicht umgekehrt. 



Viertes Capitel. 

II. Volksmacht. 
A. Oeffentliche Meinung. 

Die eigentlichen Statsmittel sind gewöhnlich der Ver- 
fügung des Stats und seiner Organe, insbesondere der Re- 
gierung vorbehalten. 

Aber es kommt auch' vor, dasz Statsmänner au sz er- 
halb des Amtes eine grosze politische Autorität besitzen 
und üben, welche mit der Regierungsautorität einigermaszen 
wetteifert. Die Bedeutung des von Napoleon I. geächteten 
früheren preuszischen Ministers, Freiherrn von Stein, zur 



Viertes Capitel. II. Volksmacht. A. Oeffentliche Meinung. 187 



Zeit der deutschen Befreiungskriege, von O'Connel in Irland 
in den Dreisziger- und Vierzigerjahren dieses Jahrhunderts 
und von Garibaldi in dem gegenwärtigen nationalen Zeit- 
alter veranschaulichen diese Bemerkung. 

Die gröszte auszeramtliche Macht, deren Einflusz seit 
einem Jahrhundert in der civilisirten Welt ungeheuer ge- 
stiegen ist, ist die Macht der öffentlichen Meinung (opi- 
nion publique). Auch ihre Verächter können ihre Macht 
nicht läugnen und jeder heutige Statsmann ist genöthigt , mit 
dieser „neuen Groszmacht" zu rechnen. Sie ist die Autorität 
der unwissenden Menge und das Studium der Weisen ge- 
worden. Worauf beruht diese Macht? Was ist und was be- 
deutet die öffentliche Meinung? 

Man spricht von öffentlicher Meinung vorzugsweise in poli- 
tischen und in gesellschaftlichen Dingen, nicht ebenso 
in religiösen. Wenn ein religiöser Drang, wie in den Zeiten 
der Stiftung einer neuen Keligion oder der Reform einer 
überlieferten Religion, sich der Massen bemächtigt und die- 
selben in eine bestimmte Richtung hineintreibt, so nennen 
wir diesen Ausdruck des religiösen Gemeingefühls nicht öffent- 
liche Meinung, aber wir sind geneigt, die allgemein gewor- 
dene , wenn auch vielleicht leidenschaftlich erregte Aeuszerung 
eines politischen Verlangens groszer Volkskreise als ein Be- 
gehr der öffentlichen Meinung zu bezeichnen. Der Unter- 
schied liegt darin, dasz die öffentliche Meinung ein freies 
Urtheil derer voraussetzt, welche sie aussprechen, wie es 
in politischen und gesellschaftlichen Dingen möglich, aber 
den religiös ergriffenen Massen fremd ist. Es gibt eine öffent- 
liche Meinung nur, wo die Fähigkeit zu denken geübt wird. 
Sie ist eine Aeuszerung und ein Kennzeichen einer gebildeten 
und freien Nation. 

Die Alten haben sie wohl gekannt und hochgeschätzt. 
„Vox populi vox Dei." Im Mittelalter konnte sie sich nur 
in sehr beschränkten Kreisen , gewöhnlich nur innerhalb eines 



188 



Viertes Buch. e Statsmittel. 



bestimmten Standes oder einer Genossenschaft geltend machen. 
Barbarische Stämme kennen sie nicht; die Despotie entzieht 
ihr die Luft und erstickt sie. 

Die öffentliche Meinung ist nicht die Meinung der Macht- 
haber. Sie tritt den letztern nicht selten durch ihren Wider- 
spruch entgegen. Sie ist auch nicht die Meinung der Wei- 
sen; diese gehen oft einsame Wege, für welche die öffentliche 
Meinung kein Verständnisz hat, auf welchen sie den Weisen 
nicht folgen kann. Sie ist vorzugsweise die Meinung der 
Mittelclassen, welche sich ein selbständiges Urtheil er- 
lauben und dasselbe gemeinsam aussprechen. Sie wird inner- 
halb der Gesellschaft, in dem wechselseitigen Verkehre der 
Menschen gebildet und geht von da aus auf zahllosen Wegen 
über in gröszere Kreise von Familien und Privatpersonen. 
Die Presse dient ihr zum Ausdruck und zur Verbreitung und 
hinwieder schöpft die Gesellschaft ihre öffentliche Meinung 
oft aus den Bemerkungen und Aeuszerungen der Presse. Aber 
nur da ist von öffentlicher Meinung die Rede, wo ein allge- 
meines und freies Urtheil zahlreicher Menschen und groszer 
gesellschaftlichen Kreise deutlich erkennbar wird. 

Nur eine arge Uebertreibung kann die öffentliche Meinung 
für untrüglich erklären und ihr sogar die Herrschaft von 
Rechtes wegen im State zuschreiben. Die öffentliche Meinung 
ist durchaus nicht sicher in ihrem Urtheile. Sie schwankt 
oft hin und her; sie preist oft heute, was sie gestern ver- 
worfen hat, und verschmäht oft morgen wieder, was sie heute 
eifrig begehrt. Ihr Urtheil ist meist ohne gründliche Sach- 
kenntnisz lediglich dem äuszeren Scheine oberflächlich ent- 
nommen. Sie kann von momentanen Leidenschaften getrübt, 
sie kann sogar künstlich irre geführt worden sein. Nicht selten 
sieht ein einzelner scharfblickender und weitsichtiger Mann sehr 
viel besser die Dinge, wie sie sind, und beurtheilt die zu er- 
wartenden Wirkungen aus den vorhandenen Ursachen weit rich- 
tiger als die öffentliche Meinung, welcher er widerspricht. 



Viertes Capitel. II. Volksmacht. A. Oeffentliche Meinung. Jg9 



Aber die öffentliche Meinung ist, selbst wenn sie irre 
geht und falsch urtheilt, doch immer eine geistige und 
moralische Macht. Wenn sie mit der Statsautorität geht, 
so bereitet sie die Gemüther zu willigem Gehorsam vor und 
schwellt die Segel des politischen Steuermanns durch ihren 
Beifall mit günstigem Winde. Wenn sie dagegen sich in ent- 
gegengesetzter Richtung bewegt, so stellt sie den leitenden 
Statsmännern unzählige kleine Hindernisse in den Weg, und 
der leise, aber nachhaltige Widerstand, der sogenannte „baum- 
wollene Widerstand", den sie leistet, bringt auch einen kräf- 
tigen Impuls, der von der Regierungsautorität ausgeht, in der 
Peripherie des gesellschaftlichen Lebens zum Stillstand, und 
hemmt jeden Erfolg derselben. 

Deszhalb darf der Statsmann die öffentliche Meinung 
nicht verachten , wenn gleich er dieselbe nicht immer billigt. 
Er musz auf sie Rücksicht nehmen , nicht um ihrer Wahrheit, 
sondern um ihrer Macht willen. Er wird sich bemühen müssen, 
die öffentliche Meinung aufzuklären, wenn sie von Vorurtheilen 
wider ihn geleitet wird, und sie zu berichtigen, wenn sie irrt. 
Als Alliirter wirkt sie günstig für seine Politik, als Gegner 
bereitet sie derselben überall Schwierigkeiten. 

Die öffentliche Meinung ist nicht eine active Macht. Sie 
hat niemals schöpferische positive Gedanken. Sie nimmt die- 
selben auf, aber sie erzeugt sie nicht. Sie übt mit Vorliebe 
Kritik, sie controlirt, sie regiert nicht. Nur in äuszersten 
Nothfällen, wenn die Regierungsautorität auf eine leiden- 
schaftliche Opposition der Volksmassen stöszt und der Partei- 
kampf die Leidenschaften entzündet , kann sie ausnahmsweise 
aus der passiven Haltung heraus ihr Miszbehagen bis zur 
offenen Widersetzlichkeit steigern und eine revolutionäre Po- 
litik der aufständischen Menge billigen und unterstützen. 

Der Werth der öffentlichen Meinung verdient aber nicht 
blosz Beachtung wegen des starken äuszeren Einflusses, den 
sie auf das Statsleben ausübt. Alle höhere Stats- und Rechts- 



190 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



bildung beruht zuletzt auf dem Gemeinbewusztsein der 
Völker. Der gemeinsamen Menschennatur sind das wesent- 
lich gemeinsame Gewissen und dieselben logischen 
Denkgesetze von dem Schöpfer eingepflanzt worden, damit 
die Völker ein sittliches Urtheil und eine verständige Ge- 
sammtmeinung sich bilden können über das Gerechte und 
das Ungerechte , über das, was ihrer Gemeinschaft nöthig und 
nützlich und was ihr schädlich und verderblich ist. Um desz- 
willen hat die öffentliche Meinung, als der Ausdruck dieses 
Gesammtbewusztseins, in der That eine hohe, beachtenswerthe 
Bedeutung. Deszhalb kommt in Statsangelegenheiten so vieles 
auf ihr Urtheil an. 

„Die öffentliche Meinung," schreibt Niebuhr, 1 „ist die, 
welche in den von den persönlichen Einwirkungen, welche 
die Machthaber irre leiten können, unangefochtenen Ge- 
müthern von selbst und bei aller Verschiedenheit der Indivi- 
dualität und der vervielfachtesten Verhältnisse übereinstim- 
mend entsteht; und wenn sie in der That ein allgemein aus- 
gesprochenes und nicht nachgesprochenes Urtheil ist, für eine 
Eepräsentation der allgemeinen Vernunft und Wahrheit, für 
eine Stimme Gottes gelten kann." Die öffentliche Meinung 
ist für die Politik dasselbe, was der Wahrspruch der Ge- 
schworenen im Strafverfahren bedeutet. Sie läszt sich mit 
dem Chor in der antiken Tragödie vergleichen, welcher die 
Handlungen und Leiden der dramatischen Personen beobachtet 
und das ausspricht, was das Gemeinbewusztsein empfindet und 
urtheilt. 

Sie entsteht aus unzähligen zerstreuten Eindrücken und 
Wahrnehmungen, aus den Besprechungen darüber in den ver- 
schiedensten Kreisen der Gesellschaft und der Familien. Aber 
immer wird sie durch das öffentliche Gewissen und die Denk- 
weise der Nation geregelt und bestimmt. Sie äuszert sich in 

1 Ueber geheime Verbindungen. S. 10. 



Fünftes Capitel. B. Die Presse. 



191 



den mannichfaltigsten Formen, in der freien Rede, in der 
Familie, im Salon, im Klubb und im Wirthshaus, in Ver- 
sammlungen aller Art, zuweilen in öffentlichen Demonstra- 
tionen, im Theater, vor allem aber in der Presse und in den 
Verhandlungen der Volksvertretung. Hier erhält sie sogar 
einen organisirten statlichen Ausdruck, während die meisten 
andern Aeuszerungen derselben lediglich dem Privatleben an- 
gehören und nicht organisirt sind. Sie schwankt zuweilen zwei- 
felnd und streitend hin und her, aber sie ist nicht unempfäng- 
lich für Aufklärung und nimmt auch Belehrung an , wenn sie 
vertraut, dasz dieselbe mit Sachkunde und Wahrhaftigkeit 
auftrete. Je besser für die Schulen und für die allgemeine 
Volksbildung gesorgt ist und je volkstümlicher und offener 
sich das politische Leben entwickelt, um so aufgeklärter und 
verständiger wird auch die öffentliche Meinung urtheilen. 

Uebrigens ist sie sehr abhängig von der jeweiligen Stim- 
mung und Richtung des Zeitgeistes, der die Menge bewegt. 
Wenn sie aber ihre volle Stärke erlangt hat und zugleich ein 
allgemeines Bedürfnisz nach der Seite hindrängt, welche sie 
anstrebt, dann wächst sie zu einer Macht heran, der kein 
Statsmann sich entziehen kann. Sie ist dann zwar nicht eine 
öffentliche Gewalt, aber eine öffentliche Macht. 



Fünftes Capitel. 

B. Die Presse, 

Wir verstehen hier unter der Presse weniger die mecha- 
nischen Einrichtungen, durch welche die litterarischen oder 
künstlerischen Werke der Menschen vervielfältigt und weiten 
Kreisen von Einzelnen genieszbar und zugänglich gemacht 
werde, als vielmehr das Broduct dieser Einrichtungen der Presse 
im eigentlichen Sinn , die vervielfältigten Schriften und Bilder. 



192 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



Wir haben überdem an dieser Stelle nicht die gesammte 
Presse in letzterem Sinne, sondern nur die politische Presse 
in Betracht zu ziehen, welche der öffentlichen Meinung bald 
zum Ausdruck dient, bald hinwieder die Richtung gibt und 
sie bestimmt. Insofern ist die Presse eine Macht. 

Die politische Presse kann in verschiedenen Formen er- 
scheinen: a) in Büchern, b) in Denkschriften und Proto- 
kollen, c) in Broschüren, d) in Flugblättern, e) in 
Zeitschriften und f) in Zeitungen. 

Die meisten dieser Formen wirken nur auf einen kleineren 
Leserkreis. Die Bücher werden, wie die Zeitschriften nur 
von wenigen wissenschaftlich Gebildeten gelesen, die Denk- 
schriften und Protokolle meistens nur von den amtlich Be- 
theiligten und Berufenen. Die politischen Broschüren können 
schon in den gebildeten Mittelclassen eine willige Beachtung 
finden. Die Flugblätter und voraus die Zeitungen wirken auf 
die Massen. 

Die Preszpolicei und die Preszpolitik haben sich daher 
von jeher vorzüglich mit diesen beiden Formen und am meisten 
mit der Zeitungspresse beschäftigt. Die Preszfreiheit wirkt in 
dieser Anwendung offenbar am stärksten. Indem der moderne 
Stat die Preszfreiheit gewährleistet, geht er von dem Glauben 
aus an die siegreiche Macht der Wahrheit und von dem Ver- 
trauen, dasz wo Preszfreiheit bestehe, auch sich Männer finden 
werden , welche die Wahrheit zu verkünden und zu verfechten 
wagen. In der That sichert die Preszfreiheit einiger Maszen 
die offene Aeuszerung und Vertheidigung der Wahrheit, indem 
sie dieselbe vor Verfolgung und Strafe schützt. 

Aber nicht überall ist die Preszfreiheit, welche das Stats- 
gesetz verkündet, auch in den Sitten. Die römisch-katho- 
lische Kirche verwirft die Preszfreiheit im Princip und unter- 
gräbt und hemmt sie thatsächlich durch ihre Einwirkung auf 
die gläubigen oder auf die ihr folgsamen Classen der Be- 
völkerung, welchen sie es zur Gewissenspflicht macht, keine 



Fünftes Capitel. B. Die Presse. 



193 



liberalen Blätter zu lesen. Auch wo die Preszfreiheit aner- 
kannt ist, wird die Lesewelt doch nicht vor groben Täu- 
schungen und schweren Irrthümern gesichert. Die Presse 
trägt oft sehr viel dazu bei, um Yorurtheile zu verbreiten 
und zu befestigen. Leidenschaften zu erregen, die Massen auf 
Irrwege zu verleiten. In Zeiten heftiger Krisen ist die Presz- 
freiheit nur ein trügerischer Schein. Dann herrscht der Terro- 
rismus der gerade mächtigen Strömung und jede Kritik und 
jede Opposition wird, wenn auch nicht nach dem Gesetze, 
doch thatsächlich und im Nothfall gewaltsam unterdrückt. 

Da die Presse eine Macht ist, so ist die Regierung und 
ist jeder Statsmann genöthigt. sie zu beachten und in vielen 
Fällen sogar veranlaszt, dieselbe zu benutzen oder auf die- 
selbe einzuwirken. 

Wir unterscheiden bezüglich der Regierungsprocesse dreier- 
lei Mittel der Aeuszerung: 

a) Die Amtsblätter und officiellen Regierungsjour- 
nale, wie früher der französische Moniteur, der preuszische, 
nun deutsche Statsanzeiger. 

Insofern und soweit das Amtsblatt lediglich amtliche 
Actenstücke abdruckt und mittheilt, z. B. Gesetze, Verord- 
nungen, Armeebefehle, Ernennungen, ürtheile, Ladungen 
u. s. f., so weit ist dasselbe überhaupt nicht ein Organ der 
öffentlichen Meinung, keine Zeitung im Sinn der freien Presse, 
sondern ein bloszer Ausdruck und Ausflusz der Regie r im gs- 
autorität und der. Statsgewalt. 

Solche Amtsblätter werden nur dann zur Zeitung, wenn 
sie nicht blosz amtliche Acten verkünden, sondern Antheil 
nehmen an der öffentlichen Discussion und eine Meinung, 
freilich die Meinung der regierenden Statsmänner aussprechen. 

Diese Mischung von zwei ganz verschiedenen Functionen 
in demselben Journal ist mit mancherlei Nachtheilen ver- 
bunden. Die Autorität der Regierung ist mit der freien Er- 
örterung verschiedener Meinungen nicht in Harmonie zu 

Bluntschli, die Politik. 13 



104 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



bringen. Sie stört die Unbefangenheit der Prüfung und gibt 
der Meinungsäuszerung das Gewicht von amtlichen Handlungen. 
Der raisonnirende Artikel wird wie eine officielle Note oder 
wie ein Manifest gelesen. Daraus entspringen zahlreiche Misz- 
verständnisse und Verlegenheiten. 

Die freie Discussion setzt eine gewisse Gleichheit derer 
voraus, die daran Antheil nehmen. Wenn das amtliche Blatt 
in der vornehmen Tracht der Statsautorität erscheint, so wird 
diese Gleichheit gestört; seine Aeusserungen erheben den An- 
spruch auf Unterordnung der Leser und reizen dadurch auch 
zum Widerspruch. 

b) Noch schlimmer wirkt ein zweites System, das vor- 
züglich in mittleren und kleinen Staten eine Zeit lang geübt 
wurde. Das System halb -amtlicher und halb-privat- 
1 ich er Blätter. Die Zwitternatur solcher Blätter hindert ihr 
Gedeihen und schadet ihrem Credit. Gute Redactoren sind 
nur sehr schwer zu gewinnen. Sie fühlen sich gehemmt durch 
die beständige Rücksicht auf die Wünsche der Regierung und 
doch von derselben nicht hinreichend unterstützt. Sie kommen 
ins Gedränge auf der einen Seite zwischen der Unzufrieden- 
heit und Empfindlichkeit der Regierung, welche sie leicht 
desavouirt und auf der andern Seite dem Misztrauen und der 
Abgeneigtheit des Publicums. Solche Blätter werden matt, 
unsicher, ängstlich. 

c) Besser ist das dritte, ursprünglich englische System 
scharfer Unterscheidung zwischen wirklichen Amtsblät- 
tern, die nur berufen sind, amtliche Mittheilungen von öffent- 
lichen Acten zu machen und der freien Zeitungspresse, 
an welcher auch die leitenden Staatsmänner, aber nur als 
Privatpersonen ohne alle Prätension officieller Autorität An- 
theil nehmen. Indem sie in der Gesellschaft der Journalisten 
nicht in der Statsuniform , sondern in dem gewöhnlichen ge- 
sellschaftlichen Anzüge erscheinen, verletzen sie die Gleich- 
heit und die Freiheit nicht, welche das Gesetz der Discussion 



Fünftes Capitel. B. Die Presse. 



195 



sind. Nur um so williger gibt man ihnen Gehör und beachtet 
um so eher freiwillig die Stimme bewährter und einflusz- 
reicher Männer. Es schadet dann gar nicht , wenn man weisz, 
dasz vielleicht der leitende Statsmann sich eines bestimmten 
Preszorgans bedient, um seine persönliche Meinung auszu- 
sprechen. Im Gegentheil, das Publicum ist nur um so auf- 
merksamer auf die Artikel in diesem Blatte. Die Regierung 
und der handelnde Statsmann selber werden dadurch nicht, 
wie durch officielle oder halb officielle Aeuszerungen com- 
promittirt und brauchen auch nicht solche Artikel hinterdrein 
zu desavouiren. Die Ptegierung steht als Statsautorität diesen 
Zeitungen ebenso frei und fremd gegenüber wie allen andern 
Zeitungen, und der Statsmann, der vielleicht den Artikel ge- 
schrieben hat, der den Staub aufwirbelt , kann sich ruhig auf 
sein Incognito beziehen, das er nicht aufgegeben hat. Nie- 
mand hat ein Recht, in dem Artikel etwas anderes zu er- 
kennen, als die freie Meinungsäuszerung einer Privatperson. 

Völlig verschieden von der Frage der Betheiligung der 
Regierung an der freien Presse ist die Frage der Einwirkung 
derselben auf die Presse überhaupt. Dasz die Statshäupter 
und die leitenden Statsmänner, Minister, Gesandte, Kenntnisz 
nehmen müssen von den Aeuszerungen der Presse ihrer Länder, 
ist selbstverständlich; ebenso, dasz sie keine Zeit haben und 
man ihnen auch nicht zumuthen darf, alle Zeitungen durch- 
zulesen. Sie bedürfen also der vorbereitenden Beihülfe von 
Beamten oder Angestellten, welche das massenhafte Material 
prüfen und das Erhebliche herauslesen und bezeichnen. Aber 
auch das ist nicht ungefährlich. Oft schon hat der Rothstift 
eines intriganten Secretärs durch schlaue Anzeichnimg ein- 
zelner, vielleicht aus dem Zusammenhang gerissener Stellen 
und Verschweigung anderer Aeuszerungen in der Seele seines 
Herrn falsche Bilder hervorgerufen und arges Unheil gestiftet. 
Es ist daher sehr zu empfehlen, dasz auch das Statshaupt 
und der leitende Minister ein oder ein paar Hauptblätter 



196 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



selber regelmäszig durchlesen und gelegentlich auch andere 
Blätter controliren. Nur wer mit eigenen Augen sieht, ist 
vor solchen Täuschungen sicher. 

Die Redactöre groszer Journale sind freie Berufs- 
politiker, welche der öffentlichen Meinung dienen und durch 
sie auf das Statsleben einwirken. Um diese schwierige und 
grosze Aufgabe gut zu erfüllen , sind bedeutende Eigenschaften 
nöthig. Der Redactor bedarf einer allgemeinen Bildung und 
einer reichen statswissenschaftlichen Bildung insbesondere. 
Kr musz ein scharfes und weitsichtiges Auge haben für die 
wechselnden Ereignisse des Tages und für die momentanen 
Gefahren und Bewegungen , ein feines Ohr für die Meinungen 
und Wünsche der Menschen, einen durchdringenden und 
raschen Spürsinn, der auch die verborgenen und verheim- 
lichten Hane entdeckt und die unterirdischen Minengänge 
auskundschaftet. Sein Urtheil musz augenblicklich gebildet 
werden; er hat keine Zeit zu gründlichen Untersuchungen 
und langsamen Erwägungen. Jedermann erwartet sofort von 
der Zeitung, dasz sie eine bestimmte Meinung über die Dinge 
äuszere, welche die Welt interessiren. Man verzeiht ihm 
wohl einen Irrthum, den er begangen hat, aber nicht die 
Unschlüssigkeit und Unsicherheit des Urtheils. Seine Thätig- 
keit ist eine aufreibende. Er verbraucht viel Nervenkraft 
durch die immer neu gespannte Aufmerksamkeit und durch 
die unermüdliche Aeuszerung seiner Gefühle und seiner Ge- 
danken. Das Talent der Darstellung ist für ihn unentbehrlich. 
Er soll klar, überzeugend, wirksam schreiben und darf nie 
langweilig werden. Man verlangt von ihm einen schönen Styl 
und doch hat die Zeitung nur eine ephemere Wirkung. Die 
besten Artikel w T erden nach einigen Tagen wieder vergessen. 
Die täglich neue Fluth verdrängt die Erinnerung an die 
früheren Wullen. 

Für politische Naturen hat der Beruf etwas Verlockendes. 
Wenn ein Statsmann verhindert ist, die Regierungsautorität 



Fünftes Capitel. B. Die Presse. 



197 



zu erwerben, so kann es ihm möglich und erwünscht erschei- 
nen, als Redactor einer groszen Zeitung auf die Politik ein- 
zuwirken. Aber nur in freien Ländern gilt der Beruf als 
ehrenvoll. Die groszen Centren des politischen Gesammt- 
iebens, die Hauptstädte, in denen die Regierung, die Volks- 
vertretung, die Führer der Parteien wohnen, sind der gün- 
stigste Boden für grosze Journale der Art, weil da die poli- 
tischen Nachrichten am frühesten gesammelt, die zahlreichsten 
Kräfte zur Förderung des Unternehmens zu finden sind und 
gewöhnlich auch der gröszte Absatz der Blätter zu erwarten 
ist. Indessen lehrt die Erfahrung, dasz zuweilen auch in an- 
deren gröszeren Städten und vielleicht mit erhöhter Selbstän- 
digkeit ein groszes Journal gedeiht. 

Eine sehr bedenkliche Erscheinung aber ist es, dasz auf 
hoher, freilich schon überreifender Cultur, sich allmählich 
eine technische Fertigkeit in der Ptedaction und Bearbeitung 
der Journale entwickelt, die dann, von wahrer statsmännischer 
Begabung, wie von patriotischer Gesinnung abgelöst, gleich- 
gültig wird für die Sache, aber sehr gewandt ist in der Aus- 
beutung der Interessen und in der Einwirkung auf das Publicum. 

Die Parteien können auch der Preszorgane nicht ent- 
behren, um ihre Meinung zu verfechten. Aber das Publicum 
betrachtet die Parteipresse gewöhnlich mit einigem Misz- 
trauen. Es hat Zweifel in die volle Aufrichtigkeit ihrer Mit- 
theilungen, in die Unbefangenheit ihres Urtheils und in die 
Reinheit ihrer Absichten. Um deszwillen wird es den Zei- 
tungen, die nicht als Parteiblätter gelten, sondern sich ledig- 
lich als Organe der öffentlichen Meinung zur Verfügung stellen, 
leichter, einen groszen Leserkreis zu gewinnen. Was sie an 
Energie der Richtung und an Consequenz des Urtheils ein- 
büszen, das wird reichlich ersetzt durch die Eigenschaft, die 
das grosze Publicum selber hat und in dieser Presse wie in 
einem Spiegel wiederfindet. 



198 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



Sechstes Capitel. 

C. Vereine, Volksversammlungen, Agitation. 

Der Volksmacht gehören ferner die Vereine an. Sie 
sind ein gesellschaftliches Institut, nicht ein organisches Stats- 
institut. Sie entstehen durch freien Zusammentritt von Privat- 
personen. Freier Eintritt und freier Austritt gehört zu ihren 
wesentlichen Bedingungen. Wenn eine Vereinigung von In- 
dividuen, wie insbesondere die kirchlichen Orden diese Frei- 
heit nicht anerkennt, sondern seine Mitglieder dauernd zur 
Unterordnung nöthigt, so hat sie die Grenzen des eigentlichen 
Vereinswesens überschritten und den privatrechtlichen Boden 
verlassen. Ebenso sind die Mittel, deren sich der Verein zu 
seinen Zwecken bedient, nicht der Iiegierungsautorität ent- 
nommen. Der Verein ist vielmehr verpflichtet, sich aller stat- 
lichen Autorität zu enthalten und auf jeden äuszeren Zwang 
zu verzichten, auszer den der statlichen Privatrechtspflege, 
welcher die Wirksamkeit der Verträge schützt. 

Diese Eigenschaften haben auch die sogenannten politi- 
schen Vereine, die auf das Statsleben einwirken. Der Zweck 
derselben ist statlich, die Personen und die Mittel, welche die- 
selben anwenden, haben einen privatrechtlichen Charakter. 
Am wenigsten darf man, wie Stein es vorgeschlagen hat, die 
Vereine zu dem Organismus der Statsverwaltung rechnen und 
in völlige Abhängigkeit von der jeweiligen Regierung bringen. 

Die Zwecke, für welche sich Vereine bilden und für 
welche Vereine wirken, sind so mannichfaltig als die Ziele 
des gesellschaftlichen Lebens überhaupt. Es gibt Vereine für 
wissenschaftliche und künstlerische Zwecke, für Wohlthätig- 
keit und für Volksbildung, für wirthschaftliche Unterneh- 
mungen und für geselliges Vergnügen, für sittliche, für reli- 
giöse und kirchliche Bestrebungen u. s. f. Man überläszt es 
der Neigung der Individuen, die irgend ein gemeinsames In- 



Sechstes Capitel. C. Vereine, Volksversammlungen, Agitation. X 99 



teresse haben , sich zusammen zu finden und das gemeinsame 
Ziel mit gesammelten Kräften anzustreben. Das Leben der 
Gesellschaft und ihrer verschiedenen Classen wird durch solche 
Vereinsthätigkeit sehr bereichert und erhöht. Diese Vereine 
können daher wohl auch mittelbar auf den Stat einwirken, 
theils indem sie die Volkskräfte entwickeln, theils indem sie 
freiwillig manches gemeinnützliche Werk hervorbringen und 
die Arbeit und Anstrengung des States unter Umständen ent- 
behrlich machen. Deszhalb erhalten diese Vereine doch nicht 
den Charakter von politischen Vereinen. 

Zu pol itis chen Vereinen im eigentlichen Sinn werden 
die Vereine nur dann, wenn sie unmittelbar für Stats- 
zwecke gegründet sind und entweder die politische Belehrung 
und Bildung überhaupt, oder die Einwirkung auf die öffent- 
lichen Angelegenheiten, sei es in einer bestimmten Partei- 
richtung überhaupt (z. B. liberale, conservative, nationale 
Vereine), zur Aufgabe haben, sei es eine einzelne öffentliche 
Angelegenheit (z. B. eine Aenderung der Steuergesetze, eine 
Justizreform u. dgl.) betreiben. In weiterem Sinne werden 
denselben auch die Vereine beigezählt, welche zunächst zwar 
nicht auf den Stat und. das Statsleben einwirken, wohl aber 
auf andere öffentlich-rechtliche Verhältnisse, wie ins- 
besondere die Kirche oder die Gemeinden und deren 
mittelbare Beziehung auf das Statsleben so nahe und so 
bedeutend ist, dasz sie der unmittelbaren Einwirkung gleich 
zu schätzen ist (z. B. katholische Vereine, welche zugleich 
die statlichen Wahlen beeinflussen u. s. f.). 

Das Mittelalter war der freien Vereinsbildung nicht un- 
günstig, aber es liebte eher die kirchlichen als die politischen 
Formen der Vereine und ordnete jene der bischöflichen und 
päpstlichen Hierarchie unter. Es zog die körperschaftliche 
Gestaltung (Orden, Stifter, Brüderschaften) der gesellschaft- 
lichen vor. 

Der Absolutismus der letzten Jahrhunderte liesz ein freies 



200 



Viertes Buch. Die Statsmittd. 



Vereinswesen nicht aufkommen. Die politischen Vereine wurden 
vollends unterdrückt. Sie galten grundsätzlich als statsgefa lir- 
lich und unerlaubt. 

Zuerst ist die Anerkennung der Vereinsfreiheit im Geiste 
des modernen Stats in England und in den Vereinigten Staten 
von Nordamerika vollzogen worden. Heute ist sie besonders 
seit 1848 allgemeines Recht geworden (Bd. II, B. IX. Cap. 8.). 

Die Erfahrung lehrt, dasz die politischen Vereine in 
ruhigen Zeiten nur sehr wenige Theilnehmer linden und mei- 
stens ganz einschlafen oder eingehen, dagegen in Zeiten des 
Kampfes, insbesondere wenn die gebildeten Mittelclassen auf- 
geregt werden, sich rasch vermehren und zuweilen eine wirk- 
liche Macht erlangen. Da die Vereinsbildung individuellen 
Entschluss und eine gewisse Thätigkeit der Einzelnen erfor- 
dert, so entstehen die Vereine vorzüglich in den Städten durch 
die Theilnahme zahlreicher Bürger, seltener auf dem Lande. 
Die Verfassung der politischen Vereine beruht daher auch 
zumeist auf den Grundsätzen theils der Gesellschaft, theils 
der Demokratie. Alle Mitglieder haben gleiche Rechte und 
Pflichten. Sie treten zusammen zur Berathung und Beschlusz- 
fassung mit Mehrheit. Sie haben gewählte Vorstände und 
repräsentative Ausschüsse, welche die Verhandlung vorbereiten 
und ausführen. Die politischen Vereine organisiren die Par- 
teien oder die Agitation für einen bestimmten statlichen Zweck. 
Ihre Macht wächst oder mindert sich je nach der Zahl der 
Mitglieder und dem Masze ihrer Thätigkeit, 

Für den Stat werden sie gefährlich und bedrohlich haupt- 
sächlich dann, wenn sie ihren Eigenwillen der Statsordnung 
entgegen setzen und den Gesetzen oder der Obrigkeit den 
schuldigen Gehorsam versagen oder wenn ihr Streben darauf 
gerichtet ist , sich der Statsgewalt zu bemächtigen, nicht dar- 
auf, der Wohlfahrt des States zu dienen. Der Unterschied 
wird am klarsten durch Vergleichung der französischen mit 
der englischen Vereinsgeschichte. Die politischen Vereine zur 



Sechstes Capitel. C. Vereine, Volksversammlungen, Agitation. 201 



Zeit der französischen Revolution unternahmen es alle, die 
Statsgewalt in ihre Hände zu bringen und es ist das vorüber- 
gehend den Girondisten, den Jakobinern, den Septembristen 
gelungen, bis sie dann von der folgenden Welle überfluthet 
und weggespült wurden. Die englischen Vereine hatten von 
jeher viel bescheidenere Ziele, erreichten dieselben aber auch 
oft auf die Dauer. Jene stürzten den Stat um, diese förder- 
ten sein Leben. 

Indem der moderne Stat auch den politischen Vereinen 
volle Freiheit verstattet, setzt er voraus, dasz die Vereine 
sich innerhalb der Statsordnung bewegen. Es folgt durchaus 
nicht aus der Vereinsfreiheit, dasz der Stat auch solche Ver- 
eine dulde und gewähren lasse, welche ihn selber und die ver- 
fassungsmäszigen Autoritäten angreifen oder zu hindern suchen. 
Der Verein darf nicht zum Stat im State werden, noch an Auto- 
rität mit dem State rivalisiren. In Unterordnung unter den 
Stat fördern die Vereine das öffentliche Leben, aber wenn sie 
sich der Statsgewalt bemächtigen, so verderben sie den Stat. 

Die Vereine wirken nachhaltig und in fortgesetzter Thätig- 
keit. Die Volksversammlungen sind nur momentane 
Erscheinungen, aber ihre concentrirte Wirksamkeit ist mäch- 
tiger und breitet sich über gröszere Kreise aus. Wenn schon 
die politischen Vereine nur in aufgeregten Zeiten gedeihen, 
so w r erden Volksversammlungen vollends nur in kritischen 
Momenten von den Massen besucht, wenn es gilt, einer Mei- 
nung den Nachdruck massenhafter Zustimmung zu verleihen. 
Den Kern der Volksversammlung bildet die Partei, oft ein 
politischer Verein. Der weitere Umstand besteht gewöhnlich 
aus Neugierigen. Ist aber die Versammlung gut geleitet, ver- 
stehen es die zum Voraus bestimmten Redner, die Volks- 
gefühle mächtig aufzuregen, entspricht das Verlangen derselben 
der Stimmung und den Wünschen der öffentlichen Meinung, 
dann entwickelt sich auf der Volksversammlung ein starker 
und entschlossener Massengeist. Viele, die anfangs gleich- 



202 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



gültig und zweifelnd zugehört haben, werden nun begeisterte 
Freunde und Vertreter der empfohlenen Sache und übertragen 
diese Gesinnung auf weitere Kreise der Bevölkerung. 

Grosze Staten werden durch solche Versammlungen nur 
wenig beeinfluszt; im Verhältnisz zu dem wirklichen Volk sind 
die Massen, die daran Theil nehmen, doch nur unbedeutend. 
Diese äuszern ihre Meinung vernehmlicher, nachdrücklicher, 
als wenn nur die Einzelnen zerstreut sich äuszern. Aber die 
mächtige Statsgewalt kann ohne Gefahr auch die laut er- 
schallende Meinung nach ihren Gründen und nach ihrem in- 
neren Werthe prüfen. In kleinen und schwachen Staten da- 
gegen liegt die Verwechslung dieses Massengeistes mit dem 
Volkswillen näher und die Statsautorität vermag dem mora- 
lischen Impulse der Volksversammlung nur schwer zu wider- 
stehen. Deszhalb wird die Regierung eines groszen States unbe- 
denklicher und ruhiger solche Versammlungen gewähren lassen 
und ist die Regierung eines kleinen States genöthigt, dieselben 
sorgfältiger zu überwachen und in engeren Schranken zu halten. 

Wenn eine Partei oder wenn einzelne Politiker alle die 
Mittel der Volksmacht, die Tresse, die Vereine, die Volks- 
versammlung systematisch zusammen fassen und in eine be- 
stimmte Richtung leiten, so nennen wir das Agitation. In 
einem freien Lande ist die politische Agitation innerhalb der 
bestehenden Rechtsordnung erlaubt. Sie ist zuweilen sogar 
ein Bedürfnisz des gesunden Volkslebens. Sie wird auch nicht 
entbehrlich gemacht durch die organischen Institute der Re- 
präsentativverfassung. Im Gegentheil finden wir diese Agita- 
tion gerade in Staten mit Repräsentativverfassung häufiger 
als in absolut regierten Staten. Aber man darf doch nicht 
vergessen, dasz alle diese Strömungen und Aeuszerungen der 
Volksmacht unorganische Regungen der öffentlichen Meinung 
sind und daher untergeordnet bleiben müssen der organischen 
Bildung und Aussprache des entscheidenden Volkswillens. 



Siebentes Capitel. D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution. 203 



Siebentes Capitel. 

D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution. 

Die civilisirte Welt erkennt das grosze Rectsprincip an, 
dasz dem Menschen nicht zustehe , Gewalt gegen andere Men- 
schen zu üben, auszer wenn die Gewalt durch das Recht be- 
gründet und geheiligt wird. Aus der Verwerflichkeit aller 
widerrechtlichen und ungesetzlichen Gewaltübung folgt aber 
nicht ihre Unwirksamkeit. Sie kann erfolgreich ihren Zwang 
anwenden und trotzdem unerlaubt sein. 

Wird von Einzelnen widerrechtliche Gewalt geübt, so 
schreitet der Strafrichter ein und bestraft das Vergehen oder 
Verbrechen. Wird von den Machthabern ohne Rechtsgrund 
Gewalt geübt, so tritt solcher Tyrannei das Statsrecht ent- 
gegen, macht die Minister dafür verantwortlich und bringt je 
nach Umständen auch die Strafgerichtsbarkeit in Bewegung, 
um solches Unrecht zu beseitigen und zu bestrafen. Wird 
von Auszen her von dem Feinde Gewalt geübt, so sucht das 
Völkerrecht den Miszbrauch der Gewalt zu verhindern oder 
wenigstens zu ermäszigen. 

Indessen nicht immer vermögen das Strafrecht, Statsrecht, 
Völkerrecht die widerrechtliche oder ungesetzliche Gewalt zu 
bändigen. Zuweilen ist ihre Macht gröszer als die Macht der 
zum Schutz des Rechts verpflichteten Organe. Wenn diese 
Gewalt von unten her kommt und zugleich das Streben zu 
neuer Rechtsbildung in sich hat, nennen wir sie Revolution. 

Im weiteren Sinne freilich wird der Ausdruck Revolution 
auf alle gründlichen Umgestaltungen der Rechts- und 
der Statsordnung bezogen, ob sie nun ihren Impuls und ihre 
Leitung von Oben oder von Unten her erhalten, ob sie in 
verfassungsmäszigen Formen vollzogen oder gewaltsam auch 
durch Rechtsbruch durchgeführt werden. Im engeren Sinne 
aber unterscheiden wir die Revolution von der Reform. 



204 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



Die Reform setzt voraus: 1) dasz die Aenderung durch 
die zuständigen Autoritäten (insbesondere durch die Ge- 
setzgebungsgewalt) in verfassungsmäsz igen Formen ein- 
geführt werde; 2) dasz sie auch den Inhalt der Aenderung 
mit Beachtung der dauernden Rechtsprincipien bestimme, sich 
begnüge, das Veraltete zu beseitigen, das noch Lebensfähige 
in den hergebrachten Rechtszuständen schone und bewahre, 
und indem sie für neue Lebensbedürfnisse sorgt und zeit- 
gemäsze Verbesserungen anordnet, doch das mit maszvollem 
Sinne und in möglichstem Anschlusz an die Rechtsentwick- 
lung thue. 

Von Revolution im engeren Sinne sprechen wir nur, wenn 
die Umgestaltung in anderer Weise vollzogen wird, d. h. 
wenn sie entweder gewaltsam in Form des Rechtsbruchs 
und Verfassungsbrucks vollzogen wird, oder wenn durch die 
Neuerung schonungslos das geschichtliche, noch nicht abge- 
storbene Recht zerstört oder die bleibenden Rechtsgrundsätze 
willkürlich miszachtet werden. Je gewaltsamer und willkür- 
licher die Umgestaltung durchgeführt wird, um so entschie- 
dener hat sie den Charakter der Revolution; je sorgfältiger die 
Formen der Statsordnung und die Ideen der Gerechtigkeit 
beachtet werden, um so deutlicher sind die Kennzeichen der 
Reform. 

Die Reform ist die normal e Rechtsentw r icklung, die 
Revolution ist zwar meistens auch eine neue, aber eine un- 
regelmäszige Rechtsbildung. Jene bewegt sich inner- 
halb des geltenden Rechts, diese greift über den anerkannten 
Rechtsbereich hinaus. In ihr regen sich die Naturtriebe 
in der Nation auch im Gegensatz zu der bestehenden Stats- 
ordnung. Die Reform ist immer ein Gut. Sie ist das ge- 
sunde, wohlgeordnete Statsleben selbst. Die Revo- 
lution ist selbst dann mit schweren Uebeln begleitet, wenn 
sie nothwendig und fruchtbar ist. Sie ist eine gefährliche 
Lebenskrisis und setzt kranke Zustände voraus. AVenn die 



Siebentes Capitel. D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution. 



205 



Reform lässig betrieben wird, dann sammelt sich der Krank- 
heitsstoff in dem Volke an und bereitet die Revolution vor. 
Wenn die regelmäszige Fortbildung unmöglich ist, dann macht 
sich die zurückgehaltene Lebenskraft in leidenschaftlichen Aus- 
brüchen Luft. 

Es gibt radicale Naturen, welche jeder Revolution von 
unten laut zujauchzen, weil ihnen der Einsturz einer Autorität 
und der aufwirbelnde Staub Vergnügen macht. Es gibt auf 
der andern Seite absolutistische Naturen, welche alle Revo- 
lutionen ohne Unterschied verdammen und nur für die Re- 
volutionen von Oben eine Entschuldigung haben. Man kann 
zweifeln, ob der Unverstand jener oder die kurzsichtige Be- 
fangenheit dieser verkehrter sei. 

Die Revolution ist niemals ein Statsprincip, sondern 
jederzeit nur einEreignisz im Statsleben. Die Behauptung 
der Jakobiner, welche die Revolution als politisches Princip 
preisen, ist ebenso falsch, als dieselbe Behauptung Stahl's, 
der den modernen menschlichen Stat als Revolution brand- 
marken will. Wäre die Revolution im Sinne der Jakobiner 
ein Statsprincip, so wäre ein festgeordnetes Statsrecht un- 
möglich und der Stat könnte nie zur Ruhe kommen. 

Mit Stahl aber ein bestimmtes Statsprincip, sei es das 
republikanische, sei es, den menschlich geordneten Stat im 
Gegensatz zu der Theokratie Revolution nennen, das ist ein 
frevelhaftes Spiel mit Worten und eine offenbare Verdrehung. 
Alle groszen Revolutionen der Geschichte, die blutigen so- 
wohl als die friedlichen, haben wenigstens den Versuch ge- 
macht, eine neue Stats- und Rechtsordnung zu begründen. 
Manchen ist das auch gelungen. Die Völker aber haben nie- 
mals die Revolution als Ziel, sondern immer nur als den ge- 
fährlichen und beschwerlichen Weg zum Ziele betrachtet. Die 
Republiken sind vor der Revolution so wenig gesichert als 
die Monarchien. Nicht blos die Vertreibung der Könige und 
die Einführung der Republik in Rom, auch der Sturz der 



206 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



Decemvirn, die Kämpfe von Marius und Sulla, die Erhebung 
von Cäsar und Augustus waren Revolutionen. Durch eine 
Revolution wurde Karl I. gestürzt und durch eine Revolution 
Karl IL wieder hergestellt, durch eine Revolution die con- 
stitutionelle Monarchie Wilhelms III. begründet. Die Ziele 
waren ungeheuer verschiedene, der Weg aber derselbe, der 
gewaltsamen Revolution. 

Nur das läszt sich sagen: die modernen Revolutionen 
treten meistens principiell-bewuszter auf und sind aus- 
schlieszlicher politisch, als die Revolutionen des Mittelalters. 
Die Gründung der päpstlichen Weltherrschaft durch Gregor VII. 
und die protestantische Kirchenreform des sechszehnten Jahr- 
hunderts waren nur mittelbar politische, sie waren voraus 
kirchliche Revolutionen. Die englische Revolution von 
1688, die conservativste der Weltgeschichte, war noch mehr 
ein Kampf für das alte Volksrecht wider den neuen Absolu- 
tismus des Königs und nur in ihren Wirkungen die Schöpfung 
einer neuen Statsform , der constitutionellen Monarchie. Aber 
die nordamerikanische Revolution von 1774, die französische 
Revolution von 1789, die italienische von 1859 — 61 und die 
deutsche von 1866 waren bewuszte neue Statenbildungen. Es 
ist diese Aenderung eine Folge des gesteigerten politischen 
Selbstbewusztseins der Völker und daher trotz der Irrthümer, 
die mitlaufen , nicht, wie die Dunkelmänner glauben, ein Ge- 
brechen, sondern ein Fortschritt des Menschengeistes. 

Die natürlichen Voraussetzungen der Revolution sind: 
1) Ein starker Widerspruch zwischen den politischen 
Trieben und Verlangen einer Nation und der bestehen- 
den Staatsform, der sich zur Unerträglichkeit steigert, also 
ein unorganischer Zustand, der eine Verstimmung des 
Statskörpers verursacht und sich, wenn er nicht geheilt wird, 
leicht zum Fieber erhitzt. Ein Volk in der Fieberkrisis, das 
ist ein Stat in der Revolution. 

2) Der Mangel an gesetzlicher Befriedigung der 



Siebentes Capitel. D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution. 207 

dringend gewordenen Volksbedürfhisse. Mit Einem Wort: 
Die natürliche Voraussetzung der Revolution ist der Noth- 
zustand des Volkes, dem nur durch eine gewaltsame Um- 
gestaltung der Verfassung Hülfe geschafft werden kann. 

Das einzige sichere Mittel, die Revolution zu vermeiden, 
ist die rechtzeitige und gründliche Reform. Das Recht der 
Revolution ist das Recht der Volksnatur, die sich nicht mehr 
anders zu retten weisz. Wenn die Hoffnung der Reform in 
einem naturkräftigen Volke untergeht, dann beginnt die Ver- 
zweiflung der Revolution. Sie ist fast immer ungesetzlich, 
aber nicht immer ein Unrecht; sie ist meistens ein Rechts- 
bruch, aber nicht nothwendig ein Verbrechen. In manchen 
Fällen macht sich durch sie das höhere unterdrückte Recht 
eines Volkes auf seine Existenz und auf seine Entwicklung- 
en ergisch geltend und zerreiszt die unwürdigen künstlichen 
Bande, mit denen das formulirte geschichtliche Gesetzesrecht 
das Leben der Nation gefesselt hatte. Als die Niederländer 
für ihre Glaubensfreiheit wider die spanische Tyrannei der 
Inquisition aufstanden, als die Engländer für ihre parla- 
mentarische Volksfreiheit sich .erhoben und die Stuarts ver- 
trieben, als die Deutschen gegen Napoleon L, die Griechen 
gegen die Türkenherrschaft, die Italiener wider Oesterreich 
ihre Nationalität vor der Fremdherrschaft zu retten sich er- 
hoben, als die nordamerikanischen Colonien die herangereifte 
Selbständigkeit ihrer Eigenart wider die miszbrauchte Vor- 
mundschaft ihrer älteren Brüder zu erringen unternahmen, 
als die französische Nation den Absolutismus einer unfähigen 
Regierung abschüttelte, als die italienische Nation ihre zer- 
streuten Glieder sammelte und einigte, als Preuszen der deut- 
schen Nation dazu verhalf, die Verbindung mit Oesterreich, 
welche die beiden groszen Gemeinwesen an einander kettete 
und beide in zeitgemäszer Fortbildung hinderte, zu lösen und 
einen ungenügenden und hemmenden Fürstenbund durch eine 
freie Gesammtverfassung des deutschen Volkes zu ersetzen, 



208 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



da waren das berechtigte Revolutionen, wenn gleich sie nicht 
ohne Rechtsbruch und nicht ohne Gewaltthat durchzuführen 
waren. Die Weltgeschichte hat darüber ihren unzweideutigen 
Richterspruch gefällt, Die Notwendigkeit solcher Revolutio- 
nen und damit ihre Berechtigung ist durch ihre dauerhaften 
Rechtswirkungen vollständig bewährt worden. 

Die echten Revolutionen machen gewöhnlich den Ein- 
druck gewaltiger Naturerscheinungen, wie die Eruption 
eines Vulkans oder eine Sturmfluth, die ebenso unwillkürlich 
als unwiderstehlich sind. Die Frage: Was sind die Revolu- 
tionen? beantwortet Laurent. 1 „Ein Fortschritt in dem Leben 
der Menschheit, der sich in gewaltsamer Weise vollzieht, weil 
die menschlichen Leidenschaften sich der regelmäszigen Um- 
gestaltung der Institutionen und Meinungen widersetzen." 
Freilich gibt es auch künstlich gemachte Revolutionen; aber 
diese sind viel seltener als man glaubt und überdem meistens 
unglücklich und fast niemals von nachhaltiger Kraft. In den 
Neunzigerjahren haben so die Franzosen in ihrer Nachbar- 
schaft da und dort Revolutionen hervorgerufen, dann wieder 
in dem ersten Jahrzehent des neunzehnten Jahrhunderts hat 
Napoleon I. in Spanien und Italien, österreichische Aussend- 
linge haben 1814 in der Lombardei und in Bern, eine 
preuszische Hofpartei hat 1857 in Neuchatel Revolution ge- 
macht. Zum Theil sind diese Revolutionen schon in der 
Stunde ihrer Geburt ohnmächtig verschieden, zum Theil haben 
sie nur ein kurzlebiges sieches Statswesen hervorgebracht. 
Es ist daher geradezu lächerlich, wenn nach dem Vorgänge 
Ludwigs von Haller die klerikalen Schriftsteller den Orden 
der Freimaurer als den eigentlichen Vater und Lenker der 
europäischen Revolutionen darstellen. 

Allerdings springt die Revolution auch nicht auf einmal 
gerüstet aus dem Haupte der Nation hervor, sobald der 

1 Etudes sur Thistoire de Fhumanite. VIII. 3. 



Siebentes Capitel. D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution. 



209 



zeugende Gedanke der Umwälzung in der Nation aufgewacht ist. 
Sie bedarf der Vorbereitung und des embryonischen Wachs- 
thums. Anfangs werden nur einzelne Kreise und Classen der 
Bevölkerung lebhaft von der Idee ergriffen. Die mancherlei 
Reibungen des Kampfes, der sich zunächst in gesetzlichen 
Formen bewegt , erhitzen dann allmählich die Leidenschaften 
und sie fangen an, auf weitere Kreise und gröszere Massen 
zu wirken. Aber erst wenn das Gefühl der Noth allgemein 
geworden ist und die Verbitterung sich zum Zorn oder zur 
Wuth gesteigert hat, dann ist die Empfänglichkeit für die 
Revolution in den Massen vorhanden und dann bedarf es zu- 
weilen nur eines kühnen Wortes, um dieselbe zu offener 
Flamme zu entzünden. Viele, welche bisher den alten Auto- 
ritäten gehorcht hatten, werden nun in ihrem Vertrauen er- 
schüttert und die Menge, welche Ruhe und Sicherheit vor 
allen Dingen begehrt, überzeugt sich nun, dasz beides nicht 
mehr im Anschlusz an die alte Ordnung, sondern nur in der 
Hingebung an die neue Macht zu erreichen ist. Hatte sie 
bisher die Revolution als eine Störung des Friedens gefürchtet 
oder als eine Auflehnung wider das Recht gehaszt, so be- 
trachtet sie jetzt die Neuerung als unvermeidlich und tröstet 
sich über den Tod der alten Ordnung mit dem neuen jungen 
Leben. Weil so nun Alles der Revolution beitritt, so wird 
sie unwiderstehlich. 

So verwerflich uns übrigens das Verhalten der Legiti- 
misten erscheint, welche allzu oft die Revolution erst verur- 
sachen und dann verdammen, und so sehr wir mit Friedrich 
dem Groszen 1 einverstanden sind, welcher die letzten Ur- 

1 Oeuvres I. S. 239. Du gouvernement de Brandenbourg 1751. 
„Gebrechlichkeit und Unbeständigkeit sind unvermeidliche Mängel eines 
jeden Menschen werkes. Die Revolutionen, welche die Monarchien und 
die Republiken erfahren, haben ihre letzten Ursachen in den unabänder- 
lichen Gesetzen der Natur. Die menschlichen Leidenschaften müssen zum 
Anstosz dienen, um von Zeit zu Zeit neue Erscheinungen auf der groszen 
Bühne der Welt herbei zu führen." 

Bluntschli, die Politik. 14 



210 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



Sachen der Revolutionen in den Gesetzen der menschlichen 
Natur erkannte, so dürfen wir doch die Uebel, die mit jeder 
Revolution verbunden sind, nicht übersehen. Weil sie so 
grosz und gefährlich sind, so bleibt es die erste Pflicht eines 
Statsmannes, die Revolution durch die Reform entbehrlich 
zu machen, und wird es erst die zweite Pflicht desselben, 
die unvermeidliche Revolution zu leiten und möglichst bald 
zu beendigen. 

Diese Uebel sind: 

1) Die Revolution entfesselt die Naturkräfte, welche 
in dem normalen Statszustand in richtigen Verhältnissen ge- 
ordnet und gehalten sind und damit auch die unberechen- 
baren wilden L ei de nschaft en, welche nun ins Maszlose zu 
überfluthen drohen. Es können freilich auch in solchen Momen- 
ten eine feurige Liebe zum Vaterland, opferbereiter Todesmuth, 
eine lebhafte Begeisterung für Volksfreiheit, eine enthusiastische 
Menschenliebe sich kund geben. Man hat es oft erfahren, dasz 
in den Tagen oder Wochen des Revolutionsausbruchs keine ge- 
meinen Verbrechen, kein Diebstahl, kein Betrug, keine Fäl- 
schung u. s. f. verübt wurden, dasz der Neid und der Hasz ver- 
stummten und alte Feinde sich als Freunde umarmten. Aber 
die revolutionären Zustände sind dennoch höchst unsicher. Auf 
einmal kann die Leidenschaft ihre Richtung verändern. Die 
Geschichte weisz auch von Plünderungen und Räubereien, von 
Miszhandlungen und von blutigen Morden zu erzählen, welche 
im Gefolge der Revolution erschienen und ungestraft ihr Un- 
wesen trieben. Die Revolution ist, wenn sie nicht von der 
Statsgewalt selber militärisch geleitet wird, relative State n- 
losigkeit, freilich mit der inneren Sehnsucht und dem Ver- 
langen nach neuer Statseinrichtung. Sie ist der unsichere 
Uebergang aus dem alten Stat, der nicht mehr besteht, in 
den neuen Stat, der noch nicht geordnet und befestigt ist. 
Deszhalb musz sie momentan manche Güter ernsten Gefahren 
aussetzen, deren Schutz der normale Stat besorgt. 



Siebentes Capitel. D. Ungesetzliche Gewalt, Revolution. 



211 



2) Glücklicher Weise sind die neuesten Revolutionen 
groszen Theils unblutig geworden. Aber auch die gemäszigte 
und zahme Revolution, welche von Unten her ihre Impulse 
erhält, erschüttert doch die Autorität der Rechts- 
ordnung und der verfassungsmäszigen Gewalten. 
Die Ehrfurcht vor dem Herkommen, die Achtung vor der 
Obrigkeit und vor dem Gesetz werden in ein gefährliches 
Zittern und Schwanken versetzt. Wie viele Menschen aber 
werden vornehmlich durch diese Motive von Uebelthaten ab- 
gehalten. Es entstehen also daraus immer grosze Gefahren 
für die Sicherheit der Gesellschaft. 

3) Die neue, erst zu schaffende Stats- und Rechtsord- 
nung ist ferner nicht sofort da und wenn sie endlich einge- 
richtet wird, nicht von Anfang an fest und sicher. Auf 
dem schwanken Grunde läszt sich schwer bauen und lange 
zittert der Boden nach. Damit das Recht von den Menschen 
verehrt werde und in ihnen mächtig sei, musz erst die Ge- 
wohnheit es sich angeeignet haben. 

4) Fast immer stellt sich daher mit der Revolution auch 
eine Störung des Credits ein. Weil die alte Ordnung nicht 
mehr gilt, die neue noch nicht gesichert ist, so fürchten die 
Menschen für ihr Vermögen und die Furcht demoralisirt sie. 
Das Sinken des Vertrauens entwerthet eine Menge Güter und 
die Vermögenseinbuszen schrecken von Käufen und von Be- 
stellungen ab. Der Handel wird träge und unergiebig, die 
Industrie stellt ihre Arbeiten ein und der Verdienst stockt. 
Mit dem Mangel an Nachfrage steigt die Noth der Arbeiter. 
Die Vermögens- und damit die persönlichen und Familien- 
verhältnisse leiden alle unter den Folgen der gewaltsamen 
Umwälzung. 

5) Der Stat selbst wird zu ungewöhnlichen Ausgaben ge- 
nöthigt. Die Revolution ist ein sehr theurer Finanzposten 
und die Statsfinanzen verspüren ihre Wirkung auch dann 
schmerzlich, wenn nicht 



212 



Viertes Buch. Die Statsmittel. 



6) der Bürgerkrieg oder auswärtige Verwicke- 
lungen, häufige Nachwirkungen der Revolutionen, noch hinzu 
kommen. 

Am wenigsten treten die ersteren Uebel ein, wenn die 
Revolution von den Statshäuptern selber mit militärischer 
Gewalt durchgeführt wird, weil dann die Statsautorität fort- 
dauert und sogar mächtig gehandhabt wird. 

Von jedem Statsmanne darf man verlangen, dasz er helfe, 
der Revolution durch die Reform vorzubeugen. Aber nicht 
jeder Statsmann ist tauglich, wenn die Revolution unvermeid- 
lich geworden ist, sie zu leiten. Manche begabte und wür- 
dige Männer, welche in normalen Verhältnissen das Steuer 
mit Geschick handhaben, besitzen nicht jene Unempfindlich - 
keit für pöbelhafte Rohheiten, die in revolutionären Zeiten 
sich herauswagen, noch jene Kühnheit in der Anwendung 
gewaltsamer Mittel, die unentbehrlich sind, um die Leiden- 
schaften der aufgeregten Massen zu bändigen und zu befrie- 
digen. Die Notwendigkeit des Rechtsbruchs schreckt sie; 
sie wollen die Verantwortlichkeit desselben nicht übernehmen, 
selbst wenn sie die Notwendigkeit einsehen. Es ist nicht 
immer ein Kennzeichen eines edlen Statsmannes, aber es ist 
durchweg ein Zeichen eines bedeutenden, grosz angelegten 
Statsmannes, wenn es einem gelingt, die Revolution, deren 
Leitung er übernommen hat, in den geordneten Zustand des 
neuen Stats hinüber zu leiten. Zartfühlende Politiker ziehen 
sich vor der Revolution zurück, schwache werden von ihr 
abgeworfen, wilde übertreiben sie, mächtige bändigen und 
kluge führen sie. 



Fünftes Buch. 



Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistes- 
leben, Religion, Wissenschaft und Kunst. 



Erstes Capitel. 

Religion und Politik. Interconfessioneller Charakter des 
modernen Stats. 

Da (Tie Religion Verbindung der menschlichen Seele mit 
Gott, der Stat dagegen wesentlich Verbindung der Menschen 
zu gemeinsamen menschlichen Lebenszwecken ist, so folgt 
daraus, dasz die Religion unabhängig sein soll von politischen 
Rücksichten und dasz die Politik unabhängig sein soll von 
religiösen Autoritäten. 

Die Mischung von Religion und Politik hat sich für beide 
verderblich erwiesen. Die Religion wird von ihrem eigent- 
lichen Ziele, der Hingabe der menschlichen Seele an Gott, 
und der Reinigung und Heiligung jener durch den göttlichen 
Geist abgelenkt, und auf weltliche Interessen hingewiesen und 
von den menschlichen Begierden und Leidenschaften getrie- 
ben, wenn sie zugleich über den Stat herrschen und das 
Statsleben bestimmen will. Die Verweltlichung und der Ver- 
' fall der römischen Kirche, welche die Kirchenreform nöthig 
gemacht hat, und das heutige Wirken der von den Jesuiten 



214 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



beherrschten römischen Hierarchie bezeugen das. Die gebil- 
deten Classen werden durch diese Erfahrungen mit Hasz gegen 
die priesterliche Religion erfüllt, die ungebildeten Massen aber 
durch Aberglauben und Blendwerke geschreckt und gereizt. 
Die Religion wird den einen verächtlich, die andern werden 
durch den Schein der Religion betrogen, ausgebeutet und 
verdummt. 

Aber ebenso wenig wie die politisirende Religion ist es 
zuträglich, wenn die Politik wesentlich von religiösen Gefühlen 
und confessionellen Rücksichten bestimmt wird. Der moderne 
Stat hat sich langsam zwar aber stätig fortschreitend von 
dieser confessionellen Politik losgemacht. Der mittelalterliche 
Stat war überall confessionell beschränkt. Es war das ein 
gemeinsamer Charakterzug der christlichen und der moham- 
medanischen Statenwelt. Auch nach der Kirchenreform des 
sechszehnten Jahrhunderts hat sich noch bis in die Mitte des 
achtzehnten, theilweise sogar bis in unser Jahrhundert diese 
confessionelle Gebundenheit erhalten. Der heutige Stat aber 
ist grundsätzlich nicht mehr confessionell, sondern inter- 
confessionell. 

Wenn gleich die Christen auch im Mittelalter zwischen 
Stat und Kirche unterschieden, während die Mohammedaner 
diesen Unterschied verwischten, so war doch im Mittelalter 
die Verbindung und Lebensgemeinschaft von Stat und Kirche 
so innig, dasz die statliche Berechtigung eines Jeden von der 
kirchlichen Rechtgläubigkeit desselben abhängig war. Nur die 
Gläubigen wurden als Volksgenossen anerkannt; nur wer zur 
Kirche gehörte , wurde in dem Volksgerichte und in der Ver- 
sammlung der Gemeinde zugelassen. Es galt als höchste 
Pflicht der weltlichen Obrigkeit, den wahren Glauben vor 
Zweifel und Bestreitung zu schützen. Die Ungläubigen und 
Andersgläubigen sollten mit Feuer und Schwert vertilgt werden. 

Wenn im Mittelalter Andersgläubige , wie in dem christ- 
lichen Europa die Juden, wie in der Türkei die Christen, 



Erstes Capitel. Religion und Politik. Interkonfessioneller Charakter etc. 215 

geduldet wurden, so geschah das aus besonderen Gründen, 
welche eine Ausnahme forderten , aber die geduldeten Hetero- 
doxen blieben doch ausgeschlossen von der Theilnahme an den 
öffentlichen Aemtern und von den Versammlungen der Stände. 

Sogar der Kaiser geräth in den Bann des Papstes, wenn 
er nach dem Ausdruck des ghibellinischen Sachsenspiegels 
(I. 3) „am Glauben zweifelt." Dem gebannten Kaiser aber 
verweigern die christlichen Fürsten und Unterthanen, nach 
der Meinung der Priester und der Mehrheit des Volkes , mit 
Grund jeden Gehorsam. Nur der Gläubige hat Recht, der 
Ungläubige ist immer im Unrecht. 

Es ist einleuchtend, dasz bei solcher confessionellen Ge- 
bundenheit des gesammten öffentlichen Rechts die kirchlichen 
Autoritäten eine grosze Macht auch über den Stat gewinnen. 
Ueber den wahren Glauben entscheidet zunächst die Kirche. 
Dem State wird dann zugemuthet, jene Entscheidung zu be- 
folgen und dem kirchlichen Spruch den weltlichen Arm zu 
leihen. 

Wir begreifen es daher, dasz die Jesuiten daran arbeiten, 
die mittelalterliche Beschränkung wieder herzustellen. Wenn 
der unfehlbare Papst über den rechten Glauben der Könige, 
der Beamten, der Volksvertreter, der Bürger und Unterthanen 
endgültig urtheilt, und von diesem Urtheile die statlichen 
Rechte Aller abhängig sind, dann ist der Papst und sind die 
Jesuiten, welche die päpstliche Politik leiten, die geistigen 
Richter und Herren über alle Fürsten und Völker. 

Die deutsche Kirchenreform hat die confessionelle Ge- 
bundenheit des States gelockert, aber noch nicht grundsätz- 
lich beseitigt. Die deutschen Protestanten machten sich frei 
von der geistlichen Autorität des Papstes und der Bischöfe. 
Aber auch die protestantischen Landesherren strebten für ihre 
Länder wieder die Einheit und Reinheit des Glaubens an, 
den sie persönlich bekannten: „Cujus est regio ejus est ^reli- 
gio." Auch sie förderten diese Glaubenseinheit durch stat- 



216 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



liehe Zwangsmittel. Sie nöthigten die Eltern zur Taufe ihrer 
Kinder, die Jugend zu der Confessionsschule, die Mündigen 
zur Confirmation, und Jedermann zur Beachtung der kirch- 
lichen Gebräuche und Vorschriften. Sie vertrieben die An- 
dersgläubigen aus dem Lande und versagten den Ungläubigen 
den Zutritt zu den öffentlichen Aemtern. Das Recht blieb 
confessionell beschränkt. So spalteten die katholischen und 
die protestantischen Reichsstände wohl das Reich, aber die 
einzelnen Länder waren meist entweder nur von Protestanten 
oder nur von Katholiken bewohnt. Das ganze deutsche Reich 
zerfiel so in zwei confessionelle Körper, das Corpus Catholi- 
corum und das Corpus Evangelicorum. Die politischen Fragen 
wurden durchweg mit confessionell gefärbten Brillen be- 
trachtet, selten unbefangen gewürdigt. Der confessionelle 
Zwiespalt zerrisz die Einheit der deutschen Nation und ver- 
hetzte die Theile wider einander. 

Nur so weit eine stärkere Notwendigkeit der thatsäch- 
lichen Mächte die Völker nöthigte, zwei oder drei Confessio- 
nen nebren einander als gleichberechtigt zu dulden oder 
anzuerkennen, gab man die confessionelle Einseitigkeit auf 
und erhob sich zu dem statlichen Grundsatz der Parität. 

So in der schweizerischen Eidgenossenschaft. 
Die Cantone freilich waren jeder für sich, die einen aus- 
schlieszlich reformirt, die andern ausschlieszlich katholisch. 
Aber reformirte und katholische Stände waren von den ge- 
meinsamen Tagsatz ungen doch mit einander zu einem Bunde 
geeinigt und hatten gemeinsame Interessen zu wahren. Ueber- 
dem besaszen reformirte und katholische Stände zusammen 
gemeine Herrschaften und waren deszhalb genöthigt, in den- 
selben reformirte und katholische Unterthanen neben einander 
zu dulden. So entstand hier aus Noth jener zweiseitige 
Confessionalismus, den man Parität nannte. 

Vorzüglich Deutschland war berufen, die confessionelle 
Einseitigkeit abzustreifen. Vergebens unternahmen es die 



Erstes Capitel. Religion und Politik. Interconfessioneller Charakter etc. 217 



beiden groszen Keligionsparteien , in welche die deutschen 
Fürsten und die deutsche Nation gespalten waren, die ver- 
lorene Glaubenseinheit sei es herzustellen , sei es neu zu be- 
gründen. In dreiszigjährigem selbstmörderischem Kriege hatte 
die deutsche Nation ihre ganze Existenz und alle ihre Wohl- 
fahrt für dieses Ziel des Glaubens auf das Spiel gesetzt. 
Keine der beiden Parteien war stark genug, die andere zu 
überwältigen und zu ihrem Glauben zu nöthigen. Endlich 
muszte im Westphälischen Frieden wenigstens die bürger- 
liche Gleichberechtigung der Katholiken und der Protestanten 
wechselseitig zugestanden werden. Vergebens protestirten die 
Jesuiten und der Papst gegen solche Duldsamkeit. Ohne die- 
selbe war in Deutschland kein Friede möglich. So trat auch 
hier an die Stelle der confessionellen Einseitigkeit die Pa- 
rität der zwei, beziehungsweise drei Confessionen, der 
katholischen, der lutherischen und der reformirten. 

Das war ein gewaltiger Fortschritt, aber noch nicht die 
volle Befreiung des Stats und des Rechts von der confessio- 
nellen Gebundenheit. Die damalige Wissenschaft betrachtete 
die Parität doch nur wie ein notwendiges Uebel, wie eine 
unvermeidliche Ausnahme von der normalen Uniformität. Die 
einzelnen Länder suchten noch immer möglichst ihre beson- 
dere Glaubenseinheit zu wahren und zu fördern. Die meisten 
deutschen Staten waren auch nach dem Frieden noch vor- 
herrschend entweder katholisch oder evangelisch. Die politi- 
sche Gleichberechtigung wurde in denselben den Anders- 
gläubigen noch keineswegs zugestanden. 

Noch entschiedener hielten die übrigen europäischen 
Staten an der confessionellen Einseitigkeit fest. Der scan- 
dinavische Norden blieb einseitig, wie der romanische 
Süden. Nur war dort das Lutherthum die allein herrschende 
Autorität geworden , wie hier die römisch-katholische Religion 
die alleinige Statsreligion war. In Frankreich wurde von 
den Königen, nachdem sie eine Zeit lang auch den Refor- 



218 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



mirten Duldung gewährt hatten, im Interesse der Stats- und 
Volkseinheit der Grundsatz durchgesetzt, dasz der französi- 
sche Stat ein ausschlieszlich katholischer sei. Die Folge war 
die Answanderung der Reformirten und der Rückgang der 
französischen Industrie und Cultur. Auch in England for- 
derten die Könige die Uniformität und das Parlament be- 
stätigte sie durch das Gesetz. Die bischöfliche Statskirche 
blieb politisch privilegirt. 

Nur allmählich änderte sich das. Die deutsche Staten- 
bildung wurde von der Bewegung der Geschichte auf einen 
höheren Standpunkt gehoben. Preuszen ging darin voran. 
Zuerst unternahm es der reformirte Kurfürst Johann Sigis- 
mund, zunächst zwischen den beiden protestantischen Kirchen, 
der lutherischen, welche unter dem Volke vornehmlich ver- 
breitet war, und der reformirten, welcher die fürstliche Dy- 
nastie und eine Minderheit im Volke zugethan war, Frieden 
zu stiften. Dann nöthigte der grosze Kurfürst die lutheri- 
schen Pastoren, ihren confessionellen Eifer zu ermäszigen und 
sich der paritätischen Statsordnung zu fügen. Endlich eman- 
cipirte Friedrich der Grosze sich und seinen Stat prin- 
cipiell von der confessionellen Beschränkung. Er zuerst 
verkündete das grosze statliche Princip der Neuzeit in ge- 
meinverständlicher Form : ,.In meinem Lande mag Jeder nach 
seiner Fagon selig werden!" So frei und hoch auf dem Gipfel 
des nichtconfessionellen Stats stand Friedrich II. auch den 
neu gewonnenen katholischen Provinzen gegenüber und schützte 
auch sie mit denselben Rechtswehren, wie die Lutheraner und 
die Reformirten. 

Die ganze spätere Entwicklung hat überall die deutschen 
Staten aus confessionell - verschiedenen Bestandteilen zu- 
sammen gefügt. Das früher rein katholische Bayern erhielt 
nun bis zu einem Drittheile der Gesammtbevölkerung prote- 
stantische Unterthanen. Das protestantische Württemberg 
erwarb katholische Herrschaften. Die badische Dynastie, 



Erstes Capitel. Religion und Politik. Interkonfessioneller Charakter etc. 219 



früher auf ein kleines protestantisches Gebiet beschränkt, 
fügte in dem neu gebildeten Groszherzogthum weit gröszere 
katholische Länder mit jenen zusammen. Die Säkularisation 
der geistlichen Fürstenthümer und die Einverleibung der 
standesherrlichen und reichsritterschaftlichen Gebiete und der 
freien Städte in die Länder der neuen Souveräne hatte zahl- 
reiche Mischungen der Art zur Folge. Schon der Rheinbund, 
dann auch die Bundesacte von 1815 gewährleisteten auch die 
politische Gleichberechtigung den drei anerkannten christlichen 
Religionsparteien. 

Aber erst die Rechtsbildung seit 1848 hat den entschei- 
denden Fortschritt gemacht und für die Einzelstaten wie nun 
für das deutsche Reich das öffentliche Recht von dem 
religiösen Bekenntnisz unabhängig erklärt. Indem 
sie Christen und Juden, Gläubigen und Nichtgläubigen die- 
selbe Steuer- und Wehrpflicht auferlegt, gewährt sie ihnen 
allen auch dieselben politischen Rechte. 

Die preuszische Verfassung vom 31. Januar 1851 spricht 
das moderne Princip in Art. 12 deutlich aus: „Die Freiheit 
des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religions- 
gesellschaften und der gemeinsamen häuslichen und öffent- 
lichen Religionsübung wird gewährleistet. Der Grund der 
bürgerlichen und statsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von 
dem religiösen Bekenntnisse. Den bürgerlichen und stats- 
bürgerlichen Pflichten darf durch die Ausübung der Religions- 
freiheit kein Abbruch geschehen." 

Im Sinne des modernen in Deutschland geltenden Ver- 
fassungsrechts darf man daher nicht mehr von katholischen 
oder protestantischen Staten reden. Die preuszischen Katho- 
liken könnten sich mit Grund beschweren, wenn der Stat, 
dem sie mit ganz denselben Pflichten und Rechten ange- 
hören, wie ihre protestantischen Volksgenossen, sich als pro- 
testantischen Stat erklären wollte. Ebenso haben die pro- 
testantischen Bayern ein Recht, zu widersprechen, wenn der 



220 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



bayrische Stat sich als katholischen Stat bekennen wollte, 
uneingedenk seiner paritätischen Natur. Der dogmatische 
Gegensatz der beiden Kirchen bestimmt das Statsrecht so 
wenig, wie der Unterschied im Cnltns und in der Verfassung 
der Kirche. Die modernen Staten sind keine Glieder irgend 
einer Kirche, sondern stehen auszerhalb jeder Kirche. 

Wohl gibt es in Deutschland noch protestantische und 
katholische Fürsten als Individuen und sogar, freilich zum 
Aerger der Jesuiten, einen protestantischen Kaiser, aber die 
Statswürden des Kaisers, des Königs, der Fürsten sind nicht 
katholische, noch protestantische Aemter. 

Die meisten heutigen Staten, alle die, in welchen der 
moderne Statsgeist zur Anerkennung gelangt ist, sind also 
dem zuerst von der nor dam er iranischen Union verkün- 
deten Grundsatz beigetreten, nicht mehr confessionelle, son- 
dern inte rconfe ss ioneile Gemeinwesen zu sein, d. h. den 
verschiedenen Confessionen gegenüber eine neutrale Stellung 
einzunehmen und die Angehörigen der verschiedenen Con- 
fessionen mit gleichen Rechten und Pflichten zu einer ge- 
meinsamen Rechtsordnung zu verbinden. 

Indessen wirkt heute noch der confessionelle Gegensatz, 
der durch das Recht verbunden und beherrscht wird, in der 
Politik nach, wenn auch nicht mehr mit der früheren 
Schärfe. Die Politik eines States wird nicht völlig von der 
Rechtsordnung bestimmt. Sie wird auch von den geistigen 
Fähigkeiten und Neigungen der Nation erfüllt und bewegt. 
Sie kann sich nicht beliebig den Einflüssen und der Macht 
entziehen , welche in der geschichtlichen Tradition fortwirken. 
Sie musz mit den Mitteln rechnen , über welche sie verfügen 
kann und die Schwierigkeiten beachten, welche ihr die Gegen- 
sätze der Stimmungen, der Meinungen, der Bildung, der 
Sitten, der Vorurtheile und Leidenschaften, sei es hervor- 
ragender Personen, sei es ganzer Classen oder der Menge 
bereiten. Es ist für den Stat daher nicht gleichgültig, ob 



Zweites Capitel. Was heiszt christlicher Stat? 



221 



ein groszer Theil der katholischen Bevölkerung geneigt ist, 
eher der Autorität der Bischöfe und des Papstes, als der der 
Obrigkeit und des Gesetzes zu gehorchen, oder ob die pro- 
testantische Bevölkerung der Hierarchie das eigene Urtheil 
und eine selbständige Meinung entgegensetzt. In der That 
bekommt der Stat doch einen anderen Charakter, andere 
Mittel und andere Aufgaben, je nachdem seine Bevölkerung 
überwiegend katholisch oder protestantisch oder stark gemischt 
ist. In diesem politischen Sinne wirkt die Confession noch 
auf die Politik und kann man sogar noch von katholischen, 
protestantischen oder gemischten Mächten reden. 

Aber auch in der Politik ist es die Pflicht des modernen 
States , sich den besondern confessionellen Einwirkungen mög- 
lichst zu entziehen, sein politisches Verhalten eher von dem 
interconfessionellen Statsgeiste als von dem confessionellen 
Kirchengeiste bestimmen zu lassen und die künftigen Ge- 
schlechter allmählich zum Verständnisz und zur Uebung in 
interkonfessioneller Statspraxis heranzubilden. 



Zweites Capitel. 

Was heiszt christlicher Stat? 

Der „christliche Stat" ist in unsrer Zeit zu einem conser- 
vativen Schlagwort gemacht worden. Der frühere Führer und 
Fürsprech der conservativen Partei in dem Preuszischen Land- 
tage, Professor Stahl, hat den Liberalen bei jedem Anlasz 
den Vorwurf gemacht, sie wollen den christlichen Stat zer- 
stören oder, anders ausgedrückt, sie wollen den Stat ent- 
christlichen. Was bedeutet dieser Vorwurf? Was heiszt denn 
christlicher Stat? 

Wenn von christlichen Dingen die Rede ist , so dürfen 
wir nicht blosz, wir sollen an Jesus Christus denken, den 



222 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Stifter und die höchste Erscheinung der christlichen Religion. 
Als Jesus lebte, gab es nur Einen Stat von Bedeutung, dem 
er selber und dem alle Apostel und die ersten Christen- 
gemeinden unterthan waren , den groszen römischen W e 1 t- 
stat. Wenn in den ersten Jahrhunderten der christlichen 
Kirche von Stat die Rede ist und von obrigkeitlicher Gewalt, 
so ist immer das römische Reich und ist die Regierung des 
römischen Kaisers gemeint. 

Freilich ertrug ein groszer Theil des jüdischen Volkes 
die statliche Römerherrschaft nur widerwillig. I^e Erinne- 
rung an den alten heiligen Judenstat, der Jehovah diene, war 
nicht erloschen. Die sehnsüchtige Erwartung, dasz aus dem 
Stamme Davids ein Messias erstehen werde, der das Volk 
Israel von der Römerherrschaft befreien und ein neues Gottes- 
reich siegreich begründen werde, war damals unter den Juden 
und den ersten Christen in voller Glaubensstärke lebendig. 
Auch die Jünger Jesu waren von dieser Messiasidee begeistert. 
Ihre Hoffnungen waren auf einen theokratischen Stat gerichtet, 
in welchem Christus als König und Richter der Welt auf dem 
Throne sitze und sie ihm zur Seite als oberste Würdenträger 
des Reiches der Heiligen. Ist etwa das das Ideal des christ- 
lichen Stats? 

Jesus bezog die ältere Messiasidee allerdings auf seine 
Person ; aber er bildete sie um und reinigte zugleich die Vor- 
stellungen seiner Jünger von all' dem Beiwerk einer ange- 
strebten Statsmacht und Statshoheit, Das „Himmelreich," zu 
dem er die Menschen einlud, war keine Rechtsordnung und 
kein Königsstat. Es zeigte sich nicht in „äuszeren Geberden," 
nicht in obrigkeitlichen Institutionen. Es lebte im Innern 
der Seele. Es war die Hingebung der Seelen an Gott, die 
Gemeinschaft der Seelen mit Gott und die Beseligung der 
Seelen durch Gott, 

Alle andern Religionsstifter haben zugleich das religiöse 
und das politische Leben zu bestimmen gesucht, Moses wie 



Zweites Capitel. Was heiszt christlicher Stat? 



223 



Muhammed, Manu wie Con-fu-tsü; sogar bei Buddha finden 
wir diese reformatorische, alles Gesammtleben verbindende 
Tendenz. Jesus allein hat mit energischer Sorgfalt sich jeder 
Einwirkung auf den Stat und die Politik enthalten und aus- 
schlieszlich das religiöse und moralische Leben zu 
reinigen und zu heiligen unternommen. Wir wissen nicht, 
wie er über die Statsverfassung dachte. Er sprach niemals 
ein Rechtsgesetz aus und vermied es , über politische Fragen 
seine Meinung zu äuszern. Er verhielt sich durchaus ab- 
weisend gegen alle Zumuthungen , die eine politische Rich- 
tung hatten und ihm die Verbesserung des Statswesens nahe 
legten. Wie eine böswillige Versuchung lehnte er die ver- 
fängliche Frage der Pharisäer ab, ob man den Römern Steuern 
zahlen solle, und ermahnte sie, „dem (heidnischen) Kaiser zu 
geben, was des Kaisers ist, wie Gott, was Gottes ist." In 
keiner Weise hat er die Empörung der Juden wider den 
Kaiser empfohlen oder vorbereitet. Seinen jüdischen Ver- 
folgern, die ihn als „Feind des Kaisers" anschwärzten, er- 
wiederte der kaiserliche Statthalter getrost: „Ich finde keine 
Schuld an ihm." Durch sein ganzes Leben und bis zum 
Tode am Kreuze erwies er sich dem Kaiser und dem römi- 
schen State gehorsam. Der römische Stat aber war keine 
Theokratie, wie der untergegangene Judenstat, er war ein 
europäischer Volksstat. Der römische Kaiser leitete seine 
Gewalt nicht von Gott, sondern von dem römischen Volke ab. 

In den Augen eines fanatischen Juden war dieser heid- 
nische Kaiserstat ein Gräuel, in den Augen von Jesus war 
er die bestehende „Ordnung der Welt," grundverschieden 
zwar von seinem idealen Gottesreiche, das kein Stat war, 
noch sein sollte, aber berechtigt, das Schwert der Gewalt zu 
führen und Gehorsam für seine Gesetze zu fordern. 

Ebenso bezog sich das viel berufene Wort des Apostels 
Paulus (Römer 13, 1.): „Jedermann sei unterthan der obrig- 
keitlichen Gewalt; denn es ist keine Obrigkeit, ohne von 



224 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet 44 — 
nicht auf die jüdische Theokratie und nicht auf das ideale 
Messiasreich, sondern wieder auf den damaligen heidnischen 
Römerstat und die kaiserliche Obrigkeit. Paulus hat durch 
seinen an die judenchristliche Gemeinde zu Rom gerichteten 
Römerbrief die theokratischen Vorurtheile seiner Glaubens- 
genossen bekämpft, nicht unterstützt. Er hat seinen jüdischen 
Landleuten, welche geneigt waren, in dem römischen Kaiser 
einen feindlichen Usurpator zu sehen und sich der römischen, 
von Heiden geübten Herrschaft im Namen ihrer Religion und 
ihres Gottes zu entziehen, erklärt: Das dürft ihr nicht, denn 
auch der heidnische Stat und die heidnische Obrigkeit ruhen 
im tiefsten Grunde auf der göttlichen Weltordnung und der 
göttlichen Weltleitung. Er hat die engen Begriffe eines jü- 
dischen Glaubensstats im Dienste Jehovahs durchbrochen und 
durch die höhere Idee berichtigt, dasz der Stat überhaupt 
und dasz auch der menschliche Römerstat von Gott gewollt 
und dem religiösen Gefühle heilig sei. 

Die spätere christliche Theologie hat die wahre Meinung 
von Paulus geradezu umgedreht und auf den Kopf gestellt, 
indem sie die Paulinische Mahnung im Sinne der rechtgläu- 
bigen Theokratie ausgelegt hat, welche Paulus widerlegen 
und berichtigen wollte. 

Christus selber also und die Apostel wuszten nichts von 
einem speeifisch christlichen State und wollten nichts davon 
wissen. Sie wiesen die ganze Vorstellung eines ausschliesz- 
lich christlichen States als gefährlich für die Religion und 
für die bestehende Statsordnung zurück. 

Die Idee eines christlichen States ist erst Jahrhunderte 
später aufgekommen, erst als der ursprünglich heidnische 
Römerstat in Folge der religiösen Umwandlung seiner Be- 
völkerung die heidnische Religion untersagte und die christ- 
liche Religion zur alleinigen Statsreligion erhob. Der Kaiser 
Constantin versuchte es anfangs noch , indem er die Glaubens- 



Zweites Capitel. Was heiszt christlicher Stat? 



225 



freiheit verkündete, für den Stat eine religiös unbefangene 
Stellung zu behaupten. Er wollte noch von dem neutralen 
statlichen Standpunkte aus über die beiden sich bestrei- 
tenden Keligionen ein kaiserliches Regiment üben. Den h eid- 
nischen Priestern und ihrem Cultus gegenüber berief er sich 
auf sein Amt eines Pontifexmaximus als Oberpriester, 
und den christlichen Bischöfen und Gemeinden gegenüber 
nahm er die Macht eines Oberbischofs in Anspruch. Aber 
eine Versöhnung des unversöhnlichen Gegensatzes war nicht 
möglich. Das innerlich absterbende Heidenthum wurde von 
dem aufstrebenden Christen thum überwunden und verdrängt. 
Die Kaiser und der ganze Stat bekannten sich nun zu der 
christlichen Religion, als der alleinigen göttlichen Wahrheit. 
Obwohl auch damals zwischen statlichen und kirchlichen Aem- 
tern unterschieden wurde, so war die Verbindung von Reli- 
gion und Politik an dem kaiserlichen Hofe so enge geworden 
und die Mischung der statlichen Autorität mit kirchlichem 
Streben so vollständig, dasz die Menschheit während des 
ganzen folgenden Mittelalters sich dieser Verflechtung und 
Verwirrung nicht zu entwinden vermochte und fortwährend 
darin befangen blieb. Der rechte christliche Glaube, die 
Orthodoxie galt von da an als eine Grundbedingung und als 
die höchste Aufgabe des christlich gewordenen Stats. 

In dem lateinisch-germanischen Abendlande machte sich 
nun die christliche Kirche unabhängig von dem christlichen 
State. Jeder der beiden Organismen bekam nun sein beson- 
deres Haupt. Der Bischof von Rom erhob sich als univer- 
seller Papst an die Spitze der christlichen Welt und behaup- 
tete sogar den Vorrang vor dem weltlichen Oberhaupt, dem 
römischen Kaiser. 

Zwar betrachtete die Kirche sich selber als die höchste 
und geistige Erscheinung des Gottesreiches, der civitas Dei, 
und den weltlichen Laienstat nur als eine getrübte, rohere 
Leibesordnung der Welt; aber gerade weil die Kirche die 

Bluntschli, die Politik. 1 5 



226 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dein Geistesleben etc. 



geistige Leitung auch des States anstrebte, hielt sie an der 
christlichen Grundbedingung alles öffentlichen Rechtes fest 
und der Stat fügte sich dieser Zumuthung ohne Bedenken. 
Daher konnten nur rechtgläubige Christen öffentliche Rechte 
haben in der Gemeinde und im State; nur sie fanden Zutritt 
zu den Aemtern, wie zu den Land- und Reichstagen. 

Zwar ist die antike und ursprünglich christliche Wahr- 
heit, welche den Stat als Menschenreich verstand und auf 
die Volksnatur gründete, auch im "Mittelalter nie völlig 
untergegangen. Aber das theologische Netz war über diese 
natürliche Auffassung hingeworfen und hinderte jede freie 
Bewegung derselben. Erst die moderne Statenbildung hat 
jene Wahrheit wieder voller erkannt und von der drückenden 
Umstrickung der kirchlichen Bande befreit. 

Wenn man den christlichen Stat als Theokratie 
versteht, so ist also diese Vorstellung weder mit der Religion 
Jesu und der Ansicht des Apostels Paulus vereinbar, noch 
mit dem heutigen Verfassungs- und Statsrecht verträglich. 
Der moderne Stat ist ein von Menschen menschlich geord- 
netes und regiertes Volksreich. 

Vergeblich hat die heilige Allianz in einer restaurativen 
Zeitströmung versucht, die mittelalterlich-theokratische Vor- 
stellung des christlichen States in einer neuen Gestalt her- 
zustellen, indem sie „Jesus Christus als den wahren Eigen- 
thümer der souveränen Statsgewalt" und der einzel- 
nen christlichen Monarchen als dessen „delegirte Stell- 
vertreter" bezeichnet hat. Der Gedanke war im Wider- 
spruch mit dem Leben und mit der Lehre von Jesus, der keinen 
Stat gründen und keinen Stat regieren wollte, nicht bei seinen 
Lebzeiten und ebenso wenig nach seinem Tode. Die Grün- 
der der heiligen Allianz bedachten nicht, dasz ihre Behaup- 
tung den jüdischen Anklägern von Jesus bei Pilatus, er habe 
sich das Königthum über die Juden angemaszt, Recht und 
Jesus selber Unrecht geben würde , der diese Anklage mit dem 



Zweites Capitel. Was heiszt christlicher Stat? 



227 



Worte entkräftet hatte: „Mein Reich ist nicht von dieser 
Welt." Als der römische Papst im Namen der katholischen 
Kirche und der päpstlichen Ansprüche auf die wahre Stell- 
vertretung Christi gegen die heilige Allianz protestirte, ent- 
hüllte er die Schwäche ihres Fundaments. Die Consequenz 
des mittelalterlichen Grundgedankens der heiligen Allianz 
führte zur mittelalterlichen Papstherrschaft zurück, von welcher 
die drei europäischen Monarchen nichts mehr wissen wollten. 
England lehnte den Beitritt ab im Namen der Volksfreiheit 
und der modernen Statsverfassung, welche keine Theokratie 
duldete. Die gesammte politische Bildung von Westeuropa 
empörte sich gegen einen Gedanken, der nur noch in dem 
wenig civilisirten Ruszland annehmbar erschien. Die heilige 
Allianz, von Anfang an eine restaurative Fiction, löste sich 
bald auf, von der harten Wirklichkeit zerrieben. 

Das christliche Dogma von der Hoheit Christi hat mit 
den modernen Statseinrichtungen und mit der modernen Stats- 
verfassung nichts zu schaffen. 

In einer gemäszigteren Form hat es später Stahl in Berlin 
versucht , seine politischen Freunde neuerdings um das Banner 
des christlichen States zu sammeln und wider die modernen 
Ideen und Gesetze, die er „Revolution" nannte, ins Feld zu 
führen. Als das Wesen derselben gibt Stahl für die heutige 
Welt an (Parteien in Stat und Kirche. S. 314): „Ausschliesz- 
liches öffentliches Ansehen und öffentlichen Schutz der christ- 
lichen Kirche, christliches Eherecht, christliche Volkserziehung 
und Verwaltung der christlichen Schule durch die christliche 
Kirche, Erfordernisz des christlichen Glaubensbekenntnisses 
für die öffentlichen Aemter und für die Theilnahme an der 
Landesvertretung. " 

Auch dieser Stahl'sche Begriff des christlichen States ist 
im Widerspruch mit der Entwicklung der Statswissenschaft 
und mit dem heutigen Verfassungsrecht. Der moderne Stat 
gewährt seinen Rechtsschutz jeder religiösen Genossenschaft, 



228 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



-welche ihrerseits die öffentliche Rechtsordnung achtet; und 
weszhalb sollte er das nicht thun? Indem er sich scheut, in 
Glaubenssachen zu regieren, ist er sich der natürlichen 
Schranken seiner Macht bewuszt geworden. Er verstattet 
dem Glauben Freiheit, er maszt sich keine Glaubensherr- 
schaft an. Ebendeszhalb kann er den im Volke verbreiteten 
christlichen Kirchen Ehre erweisen, aber keine ausschliesz- 
lichen Privilegien geben, die zur Unterdrückung oder Krän- 
kung Andersgläubiger ausgebeutet würden. Das Eherecht hat 
zwar heute noch in manchen Ländern eine confessionelle 
Färbung, aber das wird als ein Mangel desselben, nicht als 
ein Vorzug empfunden und die moderne Rechtsbildung be- 
wegt sich in der Richtung zu gleichmäszigem Eherecht, wel- 
ches für Alle dieselben Grundbedingungen der ehelichen Ver- 
hältnisse festsetzt. Da der Rechtsbegriff der Ehe unabhängig 
ist von der Confession und die bürgerlichen Rechtswirkungen 
der Ehe für die ganze Nation dieselbe Bedeutung haben, so 
entspricht ein nicht-confessionelles Eherecht offenbar besser 
den Bedürfnissen und Rechtsansichten der heutigen Gesell- 
schaft. Die Schule kann der moderne Stat unmöglich mehr 
der Leitung der Kirche überlassen. Die Erfahrung läszt sich 
nicht abstreiten , dasz die groszen Fortschritte in allein Schul- 
wesen schon seit Menschenaltern vornehmlich der statlichen 
Sorge zu verdanken sind und dasz in den Ländern, in denen 
die Volksschule von dem katholischen Klerus beherrscht blieb, 
die Volksbildung verkümmert ist. Der Stat kann auch die 
Pflicht nicht von sich weisen , für die Fortpflanzung und För- 
derung der Volksbildung thätig zu sein; denn davon hängt 
die Fähigkeit der Nation und seine eigene Macht ab. Die 
Masse der weltlichen Kenntnisse und die Fülle der weltlichen 
Wissenschaft, welche in den Schulen gelehrt werden, ist aber 
so unverhältniszmäszig gröszer und mannigfaltiger als der 
religiöse Lehrstoff, dasz mit Naturnothwendigkeit die Leitung 
des States an die Stelle der ältern Leitung der Kirche hat 



Zweites Capitel. "Was heiszt christlicher Stat? 



229 



treten müssen. Die modernen Verfassungen endlich haben 
überall die Fessel eines bestimmten „ Glaubensbekenntnisses " 
für die Mitglieder der Volksvertretung und für die Träger 
öffentlicher Aemter abgestreift. Auch ein Jude und ein Frei- 
denker können alle Statspflichten in vollem Masze erfüllen; 
sie können des Rechtes kundig und unparteiische Richter 
sein ; sie können sogar treffliche Politiker sein. Weshalb sollte 
der Stat auf .ihre Dienste verzichten? Die Tauglichkeit im 
State steigt und sinkt nicht nach dem Masze der kirchlichen 
Gläubigkeit. Der gröszte deutsche König, Friedrich IL, 
war ein Freidenker und kein rechtgläubiger Christ, Wenn 
eine Zeit lang in manchen deutschen Ländern und insbeson- 
dere in Preuszen ein fleisziger Kirchenbesuch und die zur 
Schau getragene Frömmigkeit als Empfehlungen für den Stats- 
dienst schwer ins Gewicht fielen und manche ausgezeichnete 
Männer deszhalb zurückgesetzt wurden , weil sie im Rufe des 
Unglaubens standen, so war das für den Stat selber der 
schwerste Schaden , welcher die Thatkraft vorzüglicher Männer 
entbehrte und statt derselben zuweilen Heuchler und Schwach- 
köpfe zu Statsdienern bekam. 

Der moderne Stat ist daher kein christlicher Stat mehr, 
weder im Sinne der mittelalterlichen Theokratie und Priester- 
herrschaft, noch in dem Sinne der Bevorzugung christlicher 
Bekenntniszgläubiger und der Unterdrückung und Zurück- 
setzung der NichtChristen. 

Aber auch der moderne Stats darf heute noch in einem 
andern Sinne christlicher Stat genannt werden, in dem Sinne 
nämlich, dasz damit die weltgeschichtliche Bedeutung 
des Christenthums für die heutigen europäischen Völker an- 
erkannt und dasz damit angedeutet wird, das Christenthum 
sei eine der Hauptwurzeln und Grundlagen unsrer 
heutigen Gesittung und in dem Sinne, dasz damit die 
Religion der groszen Mehrheit des Volkes und die 
Anforderung an den Volksstat bezeichnet wird, dasz er die 



230 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



christliche Moral und die christliche Sitte beachte 
und ehre. 

In diesem Sinne pflegen auch die Nordamerikaner, welche 
Stat und Kirche schärfer als wir trennen und in Recht und 
Stat von allen Glaubensbekenntnissen gänzlich absehen, die 
christliche Religion einen „Bestandtheil ihres ge- 
meinen Rechts (common law)" zu nennen und auch ihren 
nicht-confessionellen Stat zu den christlichen Staten zu rechnen. 
In demselben Sinne spricht die preuszische Verfassung in Ar- 
tikel IG den Satz aus: „Die christliche Religion wird bei 
denjenigen Einrichtungen des Stats, welche mit der Religions- 
übung im Zusammenhange stehen, unbeschadet der in Ar- 
tikel 12 gewährleisteten Religionsfreiheit, zum Grunde gelegt." 

Indem der moderne Stat humaner geworden ist als der 
halb barbarische Stat des Mittelalters , ist er zugleich in diesem 
Sinne auch wahrhaft christlicher geworden als der nun- 
mehr überwundene christliche Confessionsstat der vorigen 
Jahrhunderte. 



Drittes Capitel. 

Christliche Religion und moderner Stat. 

Der Belgier Friedrich Laurent hat in seinem berühmten 
Werke: „Etudes sur Fhistoire de Fhumanite" das Verhältnisz 
der christlichen Religion zu der modernen Civilisation und dem 
modernen State von dem freien und hohen Standpunkte der Philo- 
sophie der Geschichte einer einläszlichen Prüfung unterworfen. 
Er gelangt durch diese Untersuchung zu dem Ergebnisz, dasz 
das traditionelle Christenthum, sowohl das der römisch- 
katholischen Kirche, wie es von den Jesuiten verstanden und 
gelehrt wird, als das der protestantischen Orthodoxie mit dem 
modernen Geistes- und Statsleben nicht vereinbar sei. 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 



231 



Aber er schlieszt aus dieser Wahrnehmung nicht, dasz 
wir nun wieder umkehren und ins Mittelalter zurücksteiiern 
müssen, wie es Pius IX. in Eom und Stahl in Berlin den 
Gläubigen angerathen haben. Er theilt auch nicht die Mei- 
nung vieler Materialisten und mancher Idealisten, dasz nun 
die christliche Religion veraltet und von dem Fortschritte der 
Zeit überflügelt worden sei. Aber er ist der Ansicht, dasz 
das Christenthum nur insofern die Religion der zukünftigen 
Menschheit bleiben könne, wenn es seine Fortbildungs- 
fähigkeit erweise, die Irrthümer früherer Perioden abstreife 
und durch den Geist der Wissenschaft ergänzt, 
gereinigt und berichtigt werde. 

Laurent ist in der katholischen Kirche getauft und er- 
zogen worden. Seine Studien haben ihn zum „Freidenker" 
(libre penseur) gemacht, aber nicht im Sinne weder der fri- 
volen Verächter aller Religion, noch im Sinne der Anhänger 
eines ideenlosen Materialismus. Er ist vielmehr der Meinung, 
dasz der Mensch, wie ein politisches und ein denkendes 
Wesen, so auch ein religiöses Wesen sei, seiner Natur- 
anlage und seiner Bestimmung nach. 

Er hat einen lebendigen Gottesglauben und er verehrt 
in dem groszen Entwicklungsgange der Weltgeschichte auch 
die bewuszte Leitung Gottes. Er hat sich überzeugt von der 
Macht der sittlichen Weltordnung und dem Fortschreiten der 
Menschheit zu höherer Gesittung. Er liebt über Alles die 
Freiheit des Geistes und übt dieselbe mit seiner ungewöhn- 
lichen Kraft in vollem Umfang aus. Ein deutscher Historiker 
wird in den Werken von Laurent gelegentlich den Mangel 
einer scharfen urkundlichen Kritik und manch' deutscher Phi- 
losoph wird darin die dialektische Methode seiner Schule ver- 
missen. Aber an umfassenden geschichtlichen Kenntnissen 
und an idealem Scharf- und Tiefblick überragt Laurent die 
meisten gelehrten Zeitgenossen um vieles. Immer regt er 
zum Nachdenken an und Niemand wird seine Bücher aus der 



232 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Hand legen, ohne reiche Belehrung und geistige Erfrischung 
darin gefunden zu haben, wenn er nur ernstlich gesucht hat. 
Seine Sprache ist edel und klar, zuweilen gehoben und beredt. 
Die ernsten Mahnungen zum Beispiel , die er an die liberalen 
Katholiken richtet, endlich ihre Elternrechte wider die jesui- 
tische Erziehung ihrer Kinder gelten zu machen, sind er- 
greifend. Er sucht auch die tief gewurzelten Vorurtheile der 
lateinischen Rasse gegen den germanischen und insbesondere 
den deutschen Protestantismus zu zerstreuen. Er erwartet 
von einer Allianz der liberalen Katholiken und der Frei- 
denker mit den freisinnigen Protestanten die Heilung der 
schadhaften Zustände in der Kirche und in dem religiösen 
Leben der Gegenwart. 

Es ist nicht zu läugnen: schon in den ersten Anfängen 
der christlichen Gemeinde sind einige charakteristische Züge 
sichtbar , welche das Misztrauen des damaligen States heraus- 
forderten und sich mit dem Geiste des States überhaupt nur 
sehr schwer oder gar nicht versöhnen lassen. Wenn man nur 
an diese Züge denkt, so wird es begreiflich, dasz die antiken 
Römer den neuen Christen vorwarfen, sie seien schlechte 
Bürger. 

Ich rechne dahin: 

1) Den lebhaften Glauben der ersten Christen an den 
nahe bevorstehenden Untergang der damaligen Welt, folglich 
auch des römischen Reiches, an die sichtbare Wiederkunft 
Christi, als des Siegesfürsten vom Himmel mit dem scharfen 
Schwerte, das von seinem Munde ausgeht und die Heiden 
schlägt und den himmlischen Heerschaaren, die ihm folgen 
und an die neue Schöpfung eines gereinigten Gottesreichs 
und des himmlischen Jerusalems. Die ersten Christen hofften 
das Alles noch zu erleben. Die Apokalypse zeichnet diesen 
Glauben an den nahen Weltkampf zwischen dem wiederkehren- 
den römischen Kaiser Nero und dem wiederkehrenden Christus, 
„dem Könige der Könige" in phantastischen Bildern. 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 



233 



Die Weltgeschichte hat sowohl den Irrthum in diesem 
Glauben, als die richtige Ahnung darin von dem endlichen 
Siege des Christenthums über die heidnische Welt erwiesen. 
Der Irrthum ist dann nach und nach von der Christenheit 
ausgestoszen und abgelegt worden. Aber so lange derselbe 
auf die Gemüther der Gläubigen mit ursprünglicher Stärke 
wirkte, waren diese für den Stat in Wahrheit unbrauchbare 
Bürger. Wer morgen den Untergang der Welt sehnsüchtig 
erwartet, der arbeitet heute wenig für die gegenwärtige und 
künftige Wohlfahrt dieser Welt. 

Das alternde römische Reich hatte noch lange mit den 
schädlichen Wirkungen jenes irrigen Glaubens zu kämpfen, 
in welchem die Apostel selber befangen waren. Für den heu- 
tigen Stat ist diese Gefahr nicht mehr vorhanden. 

2) Länger hat ein anderer für den Stat bedenklicher 
Charakterzug der christlichen Religion, wie sie von der alten 
Kirche gelehrt und von den Gläubigen aufgefaszt wurde, nach- 
theilig gewirkt, nämlich jener spiritual istische Zug der 
Verachtung des Fleisches, der Geringschätzung 
aller sogenannten irdis chen Güter, der Abwendung von 
dem Diesseits und der ausschlieszlichen Hingabe an das 
Jenseits. 

Diese der Welt und ihren Gütern abgeneigte Geistes- 
richtung ist im Mittelalter systematisch befördert und in 
dauernden Institutionen ausgebildet worden, welche dem State 
und seinen Bedürfnissen immer fremd und oft feindlich gegen- 
über standen. Das beschauliche Leben in Gebet und frommen 
Gebräuchen wurde höher geachtet als das thätige Leben in 
Arbeit des Denkens und Handelns. Die Casteiung der Sinne 
galt für heiliger und besser als der heitere Lebensgenusz. 
Der müszige Einsiedler galt mehr als der werkthätige Bürger, 
der fromme Pilger mehr als " der betriebsame Handelsmann. 
Das Gelübde der Armuth und der Keuschheit, welches die 
Mönche und Nonnen ablegten , wurde wie eine Stufe zur Heilig- 



234 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



keit und Vollkommenheit hoch gehalten. Das ehelose Leben 
der Priester wurde höher geschätzt als die Ehe der Laien. 
Die Klöster wurden mit Privilegien und Immunitäten ausge- 
stattet und der gesammte Klerus der Hoheit des States entrückt. 

Ob diese einseitige Ueberspannung der religiösen Wahr- 
heit, dasz das Leben des menschlichen Geistes in Gott und 
mit Gott höchstes Geistesleben sei , schon dem ursprünglichen 
Christenthum vorzuwerfen sei, oder ob sie erst der späteren 
Entwicklung der christlichen Kirche im Mittelalter zur Last 
falle, darüber läszt sich streiten. Aber es ist unbestreitbar, 
dasz jene irrige Grundansicht von dem Unwerthe des irdi- 
schen Menschenlebens entschieden verderblich war für die 
wirthschaftliche Wohlfahrt der bürgerlichen Gesellschaft, für 
den Fortschritt der Wissenschaft und für die Macht des States. 
Es ist überdem unläugbar, dasz nicht etwa nur einzelne 
Sekten, sondern die christliche Kirche selber im Mittelalter 
diese Irrthümer mit Vorliebe pflegte und grosz zog. 

Zum Theil ist dieser Irrthum der Kirche durch die deutsche 
Kirchenreform des sechszehnten Jahrhunderts überwunden 
worden. Die Gelübde der Mönche und Nonnen wurden als 
unwirksam erklärt, die Klöster aufgehoben, den Pfarrern die 
Ehe gestattet und empfolen , die Geistlichen den Laien gleich 
gestellt und wie diese dem State untergeordnet. Zu einem 
andern Theile ist seine Macht auch in den katholischen Län- 
dern gebrochen worden, obwohl die katholische Kirche den 
Irrthum heute noch festzuhalten sich bemüht. Es trat den- 
noch eine Wandlung ein durch die Ausbildung des gemeinen 
Rechts, durch die Befreiung des modernen Stats von der 
kirchlichen Vormundschaft, durch die Ausbreitung der moder- 
nen Cultur und die wachsende Autorität der Wissenschaft. 

Zwar ist dieser Irrthum noch nicht völlig erloschen. Wir 
finden ihn heute noch in den Katechismen, er wird noch in 
den Schulen der Jesuiten mit Eifer gelehrt; er ist in dem 
Syllabus errorum Pius IX. nicht als Irrthum, sondern als 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 235 



Wahrheit verzeichnet. Aber er ist doch im Groszen und 
Ganzen ohnmächtig geworden. Die heutigen Völker haben 
ihn abgelegt wie ein verschlissenes Kleid der Vergangenheit. 
Das Christenthum der Gegenwart ist über denselben hinaus 
gewachsen. Nur in klerikalen Kreisen hat er noch eine ver- 
kümmerte Fortdauer. 

3) Weniger schädlich als jene Miszachtung der Natur 
und die Geringschätzung der menschlichen Arbeit und Cultur, 
aber doch auch nicht förderlich wirkt auf das Statsleben der 
mancherlei Aberglauben, welcher die Geschichte der christ- 
lichen Religion von Anfang an begleitet hat, oder sich später 
an dieselbe wie ein Rost angesetzt hat. Dahin rechnen wir 
die Vorstellung des leibhaften Teufels, der wie ein Gott 
der . Finsternisz mit dem himmlischen Lichtgotte fortwährend 
um die Herrschaft über die Menschen ringt, sodann die Bilder 
von Dämonen, welche bald um die Menschen her schwirren 
und sich in ihre Seele einschleichen, den Glauben an die 
Elben und Gespenster, die Hexen und die Zauberer, 
welche mit geheimniszvollen Mächten im Bunde die Menschen 
necken und schrecken und zu gottlosen Dingen verführen, 
ganz besonders aber die Sucht nach Wundern, durch welche 
Gott in die Natur eingreife und ihre Wirkungen bald störe, 
bald durchbreche. 

Wenn die Völker solchem Aberglauben vertrauen , so ver- 
lieren sie den Blick in die wahre Natur der Dinge und in den 
Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Sie haben kein 
Verständnisz für den Unterschied des Naturnothwendigen und 
des Möglichen. Sie erwarten zu viel von der Hülfe Gottes und 
strengen die eigenen Kräfte zu wenig an. Sie lassen sich durch 
eingebildete Gefahren schrecken und durch eingebildete Hoff- 
nungen bewegen. Sie werden schwach gegenüber dem wirklichen 
Feind und die Phantasie geht mit ihrem Verstände durch. 

Noch wird in der heutigen christlichen Kirche, und nicht 
blosz in der katholischen, auch in der protestantischen der 



236 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



aus frühern Jahrhunderten hergebrachte Aberglaube, in wel- 
chem die alten heidnischen Religionen der Perser, der Römer, 
der Kelten und der Germanen oft in verzerrter und entstell- 
ter Gestalt sich erhalten haben , mit einer so zärtlichen Sorg- 
falt gepflegt, als wäre derselbe für den religiösen Glauben 
unentbehrlich. Noch ist 

„das Wunder des Glaubens liebstes Kind." 

Um so entschiedener widerspricht die Wissenschaft 
und voraus die Naturwissenschaft. Das Licht, welches 
die Wissenschaft über die ewigen Gesetze der Natur und die 
nothwendige Verbindung von Ursache und Wirkung verbreitet 
hat, ist jenem Aberglauben tödlich geworden. Er konnte nur 
im Dunkel oder höchstens in einem trügerischen Dämmer- 
lichte seine Schattenbilder zeigen. Die Naturwissenschaft ist 
geübt in der Beobachtung der Erscheinungen und sie weisz 
aus Erfahrung, wie leicht sich die Sinne täuschen, wenn sie 
nicht in der Prüfung der Thatsachen geschult sind und wie 
leicht die erregte Phantasie ihre Einbildungen mit der Wirk- 
lichkeit verwechselt. Sie hat die Vorstellung eines Wunders, 
welches den Naturgesetzen widerspricht , ohne Vorbehalt ver- 
worfen, und die gebildete Menschheit folgt heute diesem Urtheil. 

Ueberdem wird dieEinheitGottes von dem Bewuszt- 
sein der heutigen Menschen energischer festgehalten als in 
den frühern Jahrhunderten, welche den Einen Gott in drei 
Personen zerlegten und ihm wenig bedenklich auch eine zur 
Göttin erhobene Frau als Gattin und Mutter antrauten und 
den Teufel als höllischen Gegengott entgegen setzten. 

Der heutige Mensch verehrt Gott auch nicht als einen 
Geist, der auszerhalb der Natur 

„im Kreis das All am Finger laufen liesze" 

und betrachtet die Natur nicht mehr wie vormals als eine 
schuldbefleckte Creatur auszer Gott, sondern ahnt 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 



237 



und erkennt den göttlichen Geist in dem sichtbaren Leibe 
der allgemeinen Natur. 

Wir glauben, dasz das Christenthum den Beruf habe, die 
Religion auch der geistesreiferen Menschheit zu 
bleiben. Eben darum aber stimmen wir Laurent bei, wenn 
er verlangt, dasz es sich reinigen müsse von all' dem Aber- 
glauben früherer Zeiten, welcher die heutige Menschheit ab- 
stöszt und beleidigt. Die künstliche Pflege jenes Aberglaubens 
entfremdet die besseren Köpfe der Religion , erregt den Spott 
Vieler und zieht neben einigen Heuchlern fast nur die Dum- 
men und Unwissenden an. 

Aus dem unpolitischen und von den irdischen Interessen 
abgewendeten Charakter der christlichen Religion haben manche 
Statsweise und Politiker die Folgerung gezogen, dasz diese 
Religion für den Stat eher schädlich als nützlich sei. Ma- 
chiavelli erklärte in dieser Hinsicht die antiken Religionen, 
welche die Vaterlandsliebe der Bürger durch die Verehrung 
der Nationalgötter heiligen, für vorzüglicher. Rousseau 
war der Meinung, das Christenthum der römisch-katholischen 
Kirche wirke geradezu verderblich auf den Stat; denn der 
Stat könne nicht bestehen und leben ohne die Souveränetät 
der Statsgewalt, welche ohne Einheit und Hoheit undenkbar 
sei; die römische Kirche aber nehme für den Papst eine 
höhere souveräne Autorität in Anspruch, welche mit der Sou- 
veränetät des Stats unvereinbar sei und dieselbe aufhebe. 
Aber auch in dem evangelischen Christenthum, das von der 
römischen Herrschsucht gereinigt worden sei und die alleinige 
Souveränetät des States willig anerkenne, sah er doch noch 
eine Statsgefahr. Er bemerkte darüber: „Allerdings würde 
jeder gläubige und echte Christ seine Pflichten gegen andere 
Menschen treu erfüllen ; er würde den Gesetzen und der Obrig- 
keit willig gehorchen; im Besitz der Gewalt würde er gerecht, 
wohlwollend und mäszig regieren, als Richter unbestechlich 
und unparteiisch urtheilen, als Soldat den Tod verachten. 



238 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Aber ein Stat, der aus lauter solchen Christen bestände, 
würde trotz dieser guten Eigenschaften seiner Bürger ein 
schwacher Stat sein. Ob die öffentlichen Angelegenheiten gut 
oder übel ständen, wäre diesen christlichen Bürgern ziemlich 
gleichgültig, weil sie die Dinge dieser Welt überhaupt gering 
schätzen. Sie würden jede Knechtschaft geduldig ertragen, 
aber die Freiheit nicht erkämpfen. Würden sie von einem 
Feinde angegriffen, so würden sie wohl auf Befehl der Obrig- 
keit tapfer gegen denselben kämpfen, aber sie würden sich 
auch dem Sieger mit Ergebung unterwerfen. Einem Feinde 
von männlicher Thatkraft, der für die Herrlichkeit und Grösze 
seines Vaterlandes mit Begeisterung stritte, wäre der passive, 
zu Geduld, Demiith, Gehorsam geneigte Sinn solcher christ- 
licher Truppen keineswegs gewachsen. Diese würden not- 
wendig unterliegen." 1 

Wäre es wahr, dasz die christliche Religion die Vater- 
landsliebe und die Thatkraft der Bürger lähmen und den 
männlich-politischen Charakter des Volks entnerven würde, 
dann wäre der moderne Stat veranlaszt, diese Religion aus 
der Erziehung der Jugend zu verdrängen und ihren Einflusz 
auf das Volksleben zu bekämpfen. 

In der That, die französische Nation hat es zur Zeit 
ihrer heftigsten revolutionären Erregtheit unternommen, aus 
patriotischen Motiven und im Interesse einer freien Stats- 
gesellschaft die christliche Religion aus den Sitten und aus 
dem Herzen des Volkes auszurotten, den christlichen Unter- 
richt aus der Schule zu entfernen, die christlichen Kirchen 
zu schlieszen und die Priester zu verjagen. 

Aber die gesammte übrige europäisch-amerikanische Staten- 
welt hat diese leidenschaftliche Feindschaft gegen das Christen- 
thum mit Abscheu betrachtet und darin eine schwere Ver- 
irrung des revolutionären Geistes erkannt. Die Franzosen 

l Contrat Social. B. IV. Cap. 8. De la religio n civile. 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 



239 



selber haben diesen Abweg bald wieder verlassen. Die Re- 
volution hat später der kirchlichen Reaction die Wege ge- 
bahnt. Wie reumüthige Büszer haben sich die Franzosen der 
erneuerten Autorität und Führung des Papstes und der Bi- 
schöfe wieder gebeugt, die sie zuvor mit äuszerster Verach- 
ung verworfen hatten. Selbst viele liberale Franzosen, ob- 
wohl selber Voltairisch gesinnt, haben die Allianz mit dem 
Vatican wieder hergestellt und es als eine weltgeschichtliche 
Aufgabe des französischen States' erklärt, das Papstthum, sogar 
das „unfehlbar" gewordene zu halten und zu unterstützen. 
Diese Erfahrung mahnt andere Völker zur Vorsicht und dient 
als eine beredte Warnung vor dem gefährlichen Kampfe wider 
das Christenthum. 

Allerdings hat der moderne Stat gar kein Interesse, eine 
einseitige religiöse Gesinnung zu pflegen , welche sich um die 
Wohlfahrt der Gesellschaft und des Volkes wenig kümmert, 
die Güter der Welt verachtet und ausschliezlich dem Jenseits 
zugewendet ist. Gerade dadurch unterscheidet sich die heu- 
tige Welt von der mittelalterlichen, dasz jene die Vervoll- 
kommnung der menschlichen Zustände und das wirksame 
Leben in der Gegenwart höher schätzt als diese, deren Ideale 
eher in den Klöstern als in den Staten, eher in einem be- 
schaulichen oder asketischen, als in einem thätigen Leben, 
eher in der Einbildung als in der Wirklichkeit gesucht wurden. 

Der moderne Stat wäre genöthigt, die christliche Religion, 
wenn sie wirklich die Menschen den statlichen Aufgaben auf 
die Dauer entfremden und unfähig oder ungeneigt machen 
sollte, ihre Pflichten in der Familie, in der Gesellschaft, im 
State zu erfüllen, als ein Uebel und eine Gefahr und nicht 
als ein geistiges Gut zu betrachten. Aber die Gefahr liegt 
nicht in der christlichen Religion selber, sondern in der ein- 
seitigen und überspannten Anwendung derselben. Daher musz 
der Stat dieser schädlichen Ausübung der Religion entgegen 
wirken, aber er darf nicht mit dem Bade das Kind ausschütten, 



240 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



nicht die Religion selber zerstören. Es kommt hier auf das 
richtige Verhältnisz und Masz an. 

Eine übermäszige Zahl von kirchlichen Festen und Feier- 
tagen, wie sie das Mittelalter zuliesz und in Rom so lange 
in Uebung blieb, als die päpstliche Regierung im Kirchen- 
state dauerte, ist augenscheinlich von den schädlichsten Wir- 
kungen für den Wohlstand des Volks, denn es wird dadurch 
eine Masse von Arbeitskräften brach gelegt. Die Bevölkerung 
wird verhindert, ihre Zustände zu verbessern; sie wird an 
Trägheit und Müsziggang gewöhnt. Wenn der Stat' jene Zahl 
vermindert und die Werktage im rechten Masze vermehrt, so 
übt er lediglich seine Pflicht aus, für das Gemeinwohl zu 
sorgen. 

Wollte nun aber der Stat alle Kirchenfeste und die sonn- 
täglichen Ruhetage abschaffen, lediglich deszhalb, weil an 
diesen Tagen die Fabriken stille stehn und die Handwerker 
keinen Lohn verdienen, so würde er durch dieses Verbot die 
Bedürfnisse der menschlichen Natur miszachten und das Volks- 
wohl schwer schädigen. Das Menschenleben musz, um gesund 
zu bleiben, nicht blosz täglich wechseln zwischen Ruhe und 
Arbeit, Schlafen und Wachen; der Mensch bedarf auch von 
Zeit zu Zeit eines Tages der inneren feierlichen Sammlung 
gegenüber der geräuschvollen Werktagsarbeit. Von Zeit zu 
Zeit verlangt die menschliche Seele eine ideale Geistesnah- 
rung, wie sie die angespannte Thätigkeit des täglichen Rin- 
gens um das leibliche Brod nicht zu bieten vermag. Eine 
Nation, welche immerfort beten wollte und wenig arbeiten 
würde, müszte elend verderben ; eine Nation, die ohne Unter- 
lasz in ruhelosem Jagen dem Vermögenserwerb nachstrebte, 
ohne an die ewigen Güter des Geistes und an Gott zu denken 
und ohne zu beten , würde sich in wildem Kampfe verzehren 
und unbefriedigt verkommen. Die jüdische Stiftung des Sab- 
bats und die christliche Stiftung des Sonntags war daher eine 
höchst weise und wohlthätige Einrichtung, welche die Menschen 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 241 



zunächst der Religion verdanken, welche aber der Stat zu 
schützen alle Ursache hat. 

Indem die christliche Religion die menschliche Seele mit 
Energie auf Gott und göttliche Dinge hinweist und in diesem 
Momente der geistigen Erhebung zu Gott und in dem Be- 
wusztsein der geistigen Gemeinschaft mit Gott von allen Inter- 
essen des Erwerbes und von allen Zielen des irdischen Stre- 
bens ablenkt, handelt sie nur der Natur der Religion gemäsz. 
Indem sie den Menschen Trost bringt in seinen Seelenleiden, 
Stärkung verschafft in seinen Schwächen, Reinigung von seinen 
moralischen Flecken und Sünden verspricht, indem sie das 
ganze Leben auf höhere und unendliche Ziele hinweist und 
veredelt und vergeistigt, thut sie nichts Statswidriges. Viel- 
mehr erhält und fördert sie die Gesundheit des Yolksgeistes. 
Ihr uns tatlich er Grundcharakter ist also keineswegs s tats- 
fein dl ich. Nur wenn sie über das religiöse Bedürfnisz der 
Menschen hinaus das irdische Gemeinleben behindern und 
die freie Thätigkeit der Individuen stören wollte, wenn im 
Namen der Religion die Menschen abgehalten würden, ihre 
Lebensaufgaben auf der Erde zu erfüllen, dann würde diese 
Uebertreibung des religio sens Gedankens und diese falsche 
und gemeinschädliche Anwendung des religiösen Princips den 
Widerstand des States hervorrufen. 

Eine religiöse Rechtsordnung, wie die römische Kirche 
im Mittelalter sie anstrebte und in dem sogenannten kano- 
nischen Rechte zum Ausdruck brachte, genügt also nicht mehr 
der modernen Welt, welche zwischen Religion und Recht 
schärfer unterscheidet und in einer religiösen Politik einen 
innern Widerspruch entdeckt. Religion und Politik haben 
jede ihre besondere Art und verlangen einen eigenen Raum 
und eine andere Zeit. Sie können das Menschenleben ab- 
wechselnd ergreifen und bestimmen. Sie dürfen es nicht 
durch ihre Mischung verwirren. 

Insbesondere geht der Streit über religiöse Dogmen den 

Bluntschli, die Politik. 16 



242 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Stat nichts an. Der Stat hat weder die Fähigkeit, darüber 
zu entscheiden, wie der menschliche Geist sich Gott denke, 
noch die Aufgabe, irgend eine als orthodox sich spreizende 
Kirchenlehre zu privilegiren. Es kann ein Fürst ein groszer 
König sein, auch wenn er ein philosophischer Freidenker ist; 
es kann ein Statsmann ein ausgezeichneter Minister sein, 
wenn gleich er nicht an die Dreieinigkeit glaubt. Es kann ein 
Mann ein vortrefflicher Abgeordneter sein, wenn gleich es 
ihm nicht einleuchtet, dasz der Glaube selig mache und die 
Werke unnütz seien. Es kann einer ein tapferer Soldat sein, 
obwohl er den Heiligen des Kalenders keine Ehrfurcht er- 
weist und sogar ein gewaltiger Heerführer, wenn gleich er 
keine Wunder glaubt. Und umgekehrt, es kann Jemand mit 
Ueberzeugung der herkömmlichen Kirchenlehre vertrauen und 
in den Augen der kirchlichen Obern vollkommen rechtgläubig 
sein und trotzdem sich für das bürgerliche Leben untauglich 
und für Statsgeschäfte unbrauchbar erweisen. 

So lange der Stat meinte, die Sorge für den rechten 
Glauben sei seine erste und heiligste Aufgabe, verstand er 
seine eigene politische Natur noch ebenso wenig wie das in 
Wahrheit unstatliche Wesen der Religion. 

Rousseau hat den Versuch gemacht, die religiösen 
Grundbedingungen zu formuliren, welche der moderne Stat 
für sein Leben nicht entbehren kann, da auch er als ein sitt- 
liches und geistiges Wesen mit dem Urquell alles Geistes und 
aller Moral, d. h. mit Gott in Beziehung bleibt. Er bezeich- 
net folgende vier Punkte als wesentlich für die „bürger- 
liche Religion": 1) die Existenz der Gottheit, welche mit 
Macht, Weisheit, Liebe, Vorhersicht und Vorsorge waltet; 
2) ein zukünftiges Leben; 3) die Wohlfahrt der Guten und 
die Züchtigung der Bösen ; 4) die Heiligkeit der gesellschaft- 
lichen Verträge und der Gesetze. 

Lange vor Rousseau hatte unser Samuel Pufendorf 
eine ähnliche Forderung gestellt und die Religion, deren der 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 



243 



Stat für seine Zwecke bedarf, die „natürliche Religion" 
genannt, Auch er, wie Rousseau, will damit nicht das reli- 
giöse Bedürfnisz der Menschen überhaupt befriedigen. Sie 
wollen beide dadurch nur das religiöse Stat sbedürfnis z 
sättigen, das weit geringer ist als das religiöse Bedürfnisz 
der Individuen. Für dieses zu sorgen, überlassen sie den 
Kirchen, den Familien, den Einzelnen selber. 

Das Christenthum, wie es unter den Völkern lebt und 
die Gedanken und Sitten der christlichen Welt erfüllt, ent- 
hält nun alle jene Grundbedingungen in sich, die für den 
Stat wichtig sind. Es lehrt den Glauben an eine göttliche 
Weltleitung; es erweckt die Zuversicht auf Unsterblichkeit; 
es bekämpft das Böse und mahnt zur Vervollkommnung; es 
heiligt die Ordnung. Würde das Christenthum, welches durch 
seine Institutionen und seine Einwirkung auf die Massen die 
Macht jener Wahrheiten stärkt und erhöht, von dem State 
zurückgewiesen und der christliche Glaube weggeläugnet , so 
würden dadurch die religiösen Grundsäulen der Statsordnung 
erschüttert und vielleicht zusammen brechen. Denn es gibt 
keine andere Religion und keine Philosophie, welche durch 
ihre Autorität unter dem Volke die gestürzte Autorität des 
Christenthums zu ersetzen vermöchte. Schon aus diesem 
Grunde hat daher der moderne Stat ein dringendes Interesse, 
die Fortdauer des Christenthums zu wünschen und zugleich 
in jenen wichtigsten Beziehungen zu pflegen. 

Das Wichtigste ist ohne Zweifel der Gottesglaube, 
von dem alles Uebrige abhängt. Der christliche Gott ist nicht 
mehr wie die alten heidnischen Götter oder wie der jüdische 
Jehovah ein beschränkter National- und Statsgott. Er um- 
faszt die gesammte Menschenwelt als seine Schöpfung mit 
seiner Herrschaft und seiner Liebe. Seine Verehrung nöthigt 
daher alle Völker und Staten, die gemeinsame menschliche 
Natur brüderlich zu ehren. Indem er der ganzen Menschheit 
ihre Bestimmung anweist, ordnet er die Selbstsucht der ein- 



244 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 

zelncn Staten wie der einzelnen Menschen der gemeinsamen 
Entwicklung der ganzen Menschheit unter. Er ist nicht bo 
herrisch gesinnt, wie der Gott des Islam, denn er wird von 
den Christen als der Vater der Menschen verehrt. Er liebt 
seine Kinder, die Menschen, und er verstattet ihnen persönliche 
Freiheit. Er erscheint auch nicht als die starre, unbeugsame 
Naturnotwendigkeit, sondern als ein bewuszter Geist, aus 
dem die Menschen ihren Geist ableiten, der die mannigfal- 
tigen Menschengeister belebt und mit ihnen in einen freien 
Verkehr tritt. Indem er die Menschenkinder ermahnt, ihm 
selber nachzustreben und an ihrer Selbstvervollkommnung zu 
arbeiten, damit sie vollkommen werden, wie er ist, steckt er 
dem Menschenleben höchste ideale Ziele und gibt er dem 
Fortschritte einen mächtigen Impuls. Gewisz ist ein solcher 
Gottesglaube wohl geeignet, auch das Statsleben zu befruchten 
und zu erheben. 

Dieser christliche Gottesbegriff ist freilich auch wie alles 
Gute zuweilen miszbraucht worden. Von den religiösen Par- 
teien ist über das Verhältnisz dieses Gottes zu Christus und 
zu dem heiligen Geist viel und heftig gestritten worden und 
der unfruchtbare Streit hat auch den Stat oft verwirrt. Man 
hat ferner zu Zeiten aus diesem Gottesbegriff eine theokra- 
tische Statsform und das göttliche Recht der absoluten Mon- 
archie abgeleitet und so der individuellen und der politischen 
Freiheit gefährliche Wunden beigebracht. 

Jener Miszbrauch und diese Verirrung sind aber nicht 
der Religion Jesu zur Last zu schreiben. Sie sind die Schuld 
der späteren Christen, welche diese Religion miszverstanden 
oder miszdeuteten. 

Insbesondere ist jene angebliche Gleichung: Gott verhält 
sich zur Welt, die er regiert, so wie der Fürst zu seinem 
Volke, offenbar unlogisch, indem die gleich gestellten Gegen- 
satzpaare in sich in völlig verschiedenen Verhältnissen stehen; 
denn die Welt ist Gottes Schöpfung, das Volk aber nicht des 



Drittes Capitel. Christliche Religion und moderner Stat. 



245 



Fürsten Werk; Gott und Welt sind nicht von gleicher Art, 
Fürst und Volk aber haben dieselbe Menschennatur an sich. 
Die christliche Religion ist für jenen Irrthum nicht verant- 
wortlich. Sie fordert nur, dasz die menschliche Statsordnung 
mit der göttlichen Weltordnung in Harmonie bleibe, aber sie 
stellt es ganz den verschiedenen Völkern anheim, ihr Recht 
zu ordnen und ihre Politik zu bestimmen, wie sie es für ihre 
Bedürfnisse zweckmäszig finden. s 

Nächst dem Werth e des christlichen Gottesglaubens auch 
für den Stat kommt das christliche Moralprincip als 
ein geistiges Erbgut von hohem Werthe vornehmlich in Be- 
tracht. Man kann es zugeben , dasz die christliche Moral die 
politischen Tugenden nicht genug beachte und in dieser Hin- 
sicht einer Ergänzung bedürftig sei. Aber sie hindert nicht 
die Ausfüllung dieser Lücke und gewährt auch dafür gute 
Anhaltspunkte. Im Uebrigen wirkt die unablässige und ein- 
dringliche Mahnung des Christenthums zum Kampfe wider das 
Böse, zu strenger Pflichtübung, zu sittlichem Leben, zur 
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, zur Friedensliebe, zur 
Vervollkommnung unzweifelhaft sehr förderlich auf das Leben 
der Massen. 

Ebenso bringt der unsterbliche Geist der Menschen- 
liebe, deren heilige Flamme das Christenthum als höchstes 
Gut sorgsam in den Herzen der Völker anzündet und unter- 
hält, unzählige Blüthen und Früchte zu Tage, welche der 
ganzen menschlichen Gesellschaft und dem State zu Gute 
kommen. Wie viele wohlthätige Anstalten, Einrichtungen, 
Handlungen aller Art sind diesem christlichen Geiste der 
Liebe zu verdanken! 

Ferner ist der Glaube an Unsterblichkeit und der 
damit verbundene Glaube an ein göttliches Gericht, 
welches nach dem irdischen Tode über die unsterbliche Seele 
urtheile und die Tugendhaften zu ewiger Seligkeit erhebe, 
die Lasterhaften den Qualen der Hölle überliefere, eine 



246 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



gewaltige und eindringliche Mahnung zum Guten und eine ab- 
schreckende Warnung vor dem Bösen. Der Philosophen , welche 
ohne an die Unsterblichkeit zu glauben, dennoch das Gute 
um seiner selber willen lieben und üben und das Böse hassen 
und meiden, gibt es nur Wenige. Würde der Menschheit 
die Hoffnung auf den Himmel geraubt oder die Furcht vor 
der Hölle benommen, so würde die Autorität der Moral bei 
der Menge schweren Schaden leiden. Wäre aber die sittliche 
Ordnung erschüttert , so wäre auch das Fundament der Rechts- 
ordnung untergraben. Es würde die Berufung auf die wissen- 
schaftlichen Autoritäten weiser Männer, welche die Zuver- 
sicht auf die Unsterblichkeit festhalten und unterstützen, da 
ihnen die Zweifel anderer Forscher entgegen stehen, durchaus 
nicht als Ersatz dienen können für den Wegfall der religiösen 
Autorität des Christenthums. 

Endlich können wir auch die ideale Bedeutung des 
Christenthums für das Gemeinleben der Menschen und den 
Stat nicht leicht zu hoch schätzen. Die christlichen Ideale 
erleuchten mit ihrem Sonnenglanze auch die dunkeln Nie- 
derungen des menschlichen Daseins. Sie trösten die Armen 
und erquicken die Kranken, sie verheiszen den Gedrückten 
Erlösung von ihren Leiden. Sie erwärmen die Menschen- 
herzen und verklären mit ihrem himmlischen Lichte auch die 
Trübnisz des gewöhnlichen materiellen Daseins der Menge; 
ihre Strahlen wecken und erhellen die Menschengeister. 

In allen diesen Beziehungen würden die Völker und 
Staten und es würde die Menschheit schwere Verluste und 
Schaden erleiden, wenn die christliche Religion abgeschafft 
und ihre Wirksamkeit ausgelöscht würde. 

Es ist wahr, alle diese geistigen Güter, welche für den 
Stat einen so hohen Werth haben , sind nicht der christlichen 
Religion ausschlieszlich eigen. Sie sind groszen Theils auch 
in andern geschichtlichen Religionen zu finden. Sie lassen 
sich auch durch die „natürliche" Religion oder durch die 



Viertes Capitel. Die Religion der Massen. 



247 



philosophische Wissenschaft begründen. Aber so lange es 
keine andere Religion und keine Wissenschaft gibt, welche 
eine ebenso allgemeine und nachhaltige Autorität über die 
groszen Yolksclassen besitzt, wie die christliche Religion, so 
lange besteht für den Stat, der an der Erhaltung jener Geistes- 
güter das gröszte Interesse hat, die unabweisbare Pflicht, auch 
für die Erhaltung der christlichen Religion, an welche die 
gesicherte Fortwirkimg jener Güter gebunden ist, zu sorgen. 

Deszhalb ist es gerechtfertigt, dasz der Stat in seinen 
Gesetzen und in seinen Sitten die christliche Religion ehre 
und schütze, dasz er ihrem Gottesglauben und ihrer Moral 
seine Gunst und Beachtung zuwende und sich selber, soweit 
das mit den modernen Rechtsgrundsätzen vereinbar ist, dar- 
nach richte. 

Insofern haben der moderne Stat und das moderne Recht 
doch noch einen christlichen Charakter, obwohl beide die 
dogmatische und confessionelle Beschränkung der christlichen 
Lehre und Vorschriften abgestreift und sich davon unabhängig 
gestellt haben. 



Viertes Capitel. 

Die Religion der Massen. 

Aus der Unterscheidung der Religion und der Politik 
und aus der Unabhängigkeit der einen von der andern darf 
nicht die Indifferenz des States für die Religion gefolgert 
werden. 

Die religiösen Grundansichten der Menschen wirken auf 
ihre Ansichten überhaupt und auf ihr ganzes geistiges Leben 
so mächtig ein, dasz der Charakter und die Denkweise der 
Massen je nach den verschiedenen Religionen und Confessio- 
nen sich verschieden gestalten und auch die Neigungen und 



248 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Abneigungen derselben dadurch verschieden bestimmt werden. 
Die Religion wird so zu einer geistigen Macht im Leben; und 
wo immer die Macht erscheint, ist der Stat, als die organi- 
sirte Volksmacht, veranlaszt und genöthigt, sie politisch in 
Betracht zu ziehen. 

Die ganze Weltgeschichte bezeugt, dasz es nichts weniger 
als gleichgültig für das Statsleben ist, ob die Masse der Be- 
völkerung brahmanistisch oder buddhistisch gesinnt ist, ob 
sie dem Islam oder der christlichen Offenbarung glaubt. Von 
dem Brahmanismus hat die Kastenordnung ihre * göttliche 
Weihe und ihre den Stat beherrschende Macht erhalten. Der 
Buddhismus erhebt die Flucht aus dem thätigen Statsleben, 
das Mönchthum zur Heiligkeit und gewöhnt die Bevölkerung 
an passive Duldsamkeit, welche jeden Despotismus ruhig er- 
trägt. Der Islam begeistert zu kriegerischen Thaten, aber 
vermengt beständig religiöse und politische Motive und hindert 
die Entwicklung eines verständigen Rechts und einer huma- 
nen Politik. Das Christenthum lehrt seine Verehrer unter- 
scheiden zwischen Stat und Kirche, Religion und Recht und 
ist der höheren Civilisation und einer bewuszten menschlich 
und national bestimmten Statenbildung förderlich geworden. 

Auch innerhalb der christlichen Welt zeigen sich ähn- 
liche Gegensätze. Es ist schon oft, z. B. von M.ontesquieu, 
darauf aufmerksam gemacht worden, dasz das absolute König- 
thum und die absolutistische Politik leichter in katholischen 
Ländern Gehorsam und Anwendung finden, und dasz die 
freien Verfassungen vorzugsweise in protestantischen Ländern 
sich entwickeln und gedeihen. Neuere Schriftsteller, wie 
z. B. Laveleye, haben ausgeführt, dasz der Unterschied der 
Confessionen erfahrungsmäszig noch stärker wirke als der 
Unterschied der Nationalitäten und der Völkerfamilien. 1 Man 
vergleiche die Geschichte Englands mit der Geschichte von 

1 Laveleye, Protestantismus und Katholicismus, mit einem Vor- 
wort von Bluntschli, Nördlingen 1875. 



Viertes Capitel. Die Religion der Massen. 



249 



Frankreich, die Niederlande mit Spanien, die deutsche Schweiz 
mit Bayern, Preuszen mit Oesterreich, die Vereinigten Staten 
von Nordamerika mit den Statswesen von Mittel- und Süd- 
amerika, Schweden und Norwegen mit Italien, und man wird 
die Erfahrung nicht bestreiten können, dasz die protestanti- 
schen Länder die Stammsitze des freien Statslebens sind. 
Allerdings steht der Gegensatz der Confessionen zugleich in 
naher Beziehung zu dem Gegensatz der Völkerfamilien. Die 
Germanen neigen zum Protestantismus und lieben voraus die 
persönliche Freiheit, wie die Romanen zugleich den römischen 
Katholicismus bewahrt haben; die französischen Schweizer 
Cantone Genf, Neuchatel und Waadt stehen, weil ihre Be- 
völkerung reformirt ist, trotz der romanischen Rasse, mit den 
reformirten deutschen Cantonen der Schweiz, mit Zürich, Bern, 
Basel, auf derselben hohen Culturstufe, und achten die Geistes- 
freiheit ebenso wie diese, während die deutschen Cantone der 
inneren Schweiz ebenso wie die französischen katholischen 
Cantone dem römischen Klerus gehorchen und in ihrer gei- 
stigen Culturentwicklung vielfach zurück geblieben sind. 

Die Angehörigen der groszen Volksclassen , welche von 
früher Jugend an gelehrt werden, der überlieferten Autorität 
der Priester in religiösen Dingen ohne Vorbehalt und ohne 
Prüfling sich zu unterwerfen, und welche auch, wenn sie das 
Alter der Volljährigkeit erreicht haben, sich doch nicht ge- 
trauen, der Glaub ensautorität der Priester zu widersprechen, 
wohl aber ihren Verstand und ihre Einsicht dem Priestergebot 
demüthig zum Opfer bringen, werden auch wenig Fähigkeit 
und geringen Muth an den Tag legen, wenn es gilt, den 
Absolutismus und die Despotie der Statsgewalt zu beschränken 
und politische Kritik zu üben. 

Daraus erklärt sich auch das enge Bündnisz von Thron 
und Altar, das so oft in der Absicht geschlossen wurde, die 
Völker der unbegrenzten Herrschaft der Fürsten und der 
Priester zu unterwerfen. 



250 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Nur wenn sich zwischen der geistlichen und der welt- 
lichen Gewalt ein Conflict erhebt, dann verwandelt sich leicht, 
der Anreizung der Priester folgsam, welche nun das Wort: 
„Man musz Gott mehr gehorchen als den Menschen" zum 
Kriegsruf der Kirche gegen den Stat miszbrauchen, die ge- 
wohnte Unterwürfigkeit unter die weltliche Obrigkeit in Misz- 
achtung der statlichen Autorität und in trotzige Auflehnung 
gegen die statlichen Gesetze und Anordnungen. Jenes Bünd- 
nisz erweist sich dann für die Souveränetät der Statsgewalt 
ebenso gefährlich wie für die Volksfreiheit. 

Die Nationen, welche einer absoluten Priesterautorität, 
wenn auch zunächst nur in religiösen und kirchlichen Dingen, 
unterthänig sind, gelangen daher nicht zu der vollen Ent- 
wicklung ihrer Geisteskräfte und können den Wettbewerb mit 
andern Nationen nicht erfolgreich bestehen. Sie verfallen in 
Unwissenheit, Aberglauben, Trägheit. 

Wenn dann kraft der Güte der menschlichen Naturanlage 
einzelne begabte Individuen sich dieser geistlichen Tyrannei 
zu entziehen wissen und ihren Geist im Widerspruch mit der 
herkömmlichen kirchlichen Autorität freier ausbilden, und 
wenn es ihnen glückt, Unterstützung, Beifall, Anhang unter 
ihren Landsleuten zu finden, dann zeigt sich die Gefahr, dasz 
der leidenschaftliche Hasz gegen die Priester zu der Vernei- 
nung der Religion hinreiszt. Es ist eine sehr beachtenswerthe 
Erfahrung, die in Europa und in Amerika in gleicher Weise 
gemacht wurde, dasz die protestantischen zu geistiger Prüfung 
und zu Selbstbestimmung erzogenen Völker in den letzten 
Jahrhunderten weniger revolutionäre Umgestaltungen 
erlebt und diese weit mäsziger und erfolgreicher durch- 
geführt haben, als die römisch-katholischen Völker, die hef- 
tigere Schwankungen erlitten und leidenschaftlichere Aus- 
schreitungen zu beklagen hatten. 

Es geht also nicht an, die kirchliche Pieform des sechs- 
zehnten Jahrhunderts für die Mutter der Revolutionen zu Ende 



Viertes Capitel. Die Religion der Massen. 



251 



des achtzehnten und während des neunzehnten Jahrhunderts 
zu erklären. Im Gegentheil sind die Völker, welche jene 
Reform unterdrückt haben, viel heftiger von den spätem Re- 
volutionen ergriffen worden, als die Völker, welche sich da- 
mals schon von dem römischen Klerus befreit haben. 

Indem der Protestantismus jede absolute Autorität der 
Priester verwirft, die tiberlieferten Lehren der Kirche mit den 
heiligen Schriften vergleicht und darnach bemiszt, diese 
Schriften selber mit kritischem Sinne und in wissenschaft- 
lichem Geiste untersucht, und beurtheilt, indem er zum Denken 
auffordert und im Denken übt, hilft er die Geistesgaben der 
Bevölkerung entwickeln. Deszhalb ist der Protestantismus 
dem wissenschaftlichen Leben , der Geistescultur der Nationen 
und der individuellen Geistesfreiheit entschieden günstiger 
als der römische Katholicismus. Auch in den protestanti- 
schen Ländern zeigen sich diese Eigenschaften um so deut- 
licher und um so wirksamer, je mehr innerhalb der kirch- 
lichen oder religiös gesinnten Kreise die protestantische 
Tugend der Prüfung und der Freiheit geübt wird. Auch da 
werden diese Eigenschaften in dem Masze verdunkelt und 
zurückgedrängt, in welchem es einer engherzigen und kurz- 
sichtigen aber eifrigen Orthodoxie gelingt, Herrschaft über 
die Gemüther zu gewinnen. Wie sich die freier denkenden 
Parteien innerhalb der katholischen Confession den frei den- 
kenden Protestanten verwandt fühlen und annähern, so haben 
steif orthodoxe Protestanten mit den klerikal gesinnten Ka- 
tholiken Sympathie und Aehnlichkeit. 

Die Gefahr, dasz protestantische Bevölkerungen sich wider 
die weltliche Startsautorität aus religiösen oder kirchlichen 
Motiven auflehnen, ist zwar nicht absolut ausgeschlossen, aber 
sehr selten und sehr gering, weil der Protestantismus die 
Statshoheit willig anerkennt, unter deren Schutz er sich ge- 
bildet hat, und welcher er keine rivale Priestermacht ent- 
gegensetzt. 



252 Fünftes Buch. Verhältnis^ des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Allerdings haben auch katholische Völker seit dem letzten 
Jahrhundert freie Verfassungen eingeführt und die Selbstän- 
digkeit und Macht des modernen States begründet; aber 
überall, wo dieses Streben von Erfolg war, in den romani- 
schen und in den germanischen Ländern, ist es nur im Kampfe 
gegen die Hierarchie und nur durch Zurückweisung der reli- 
giösen Vorurtheile mit Hülfe der modernen Statsideen und 
des weltlichen Geistes geschehen. Ueberall war die religiöse 
Tradition ein Hindernisz dieser Umbildung. 

Der moderne Stat kann daher nur bestehen und gedeihen, 
wenn er die statsgefährlichen und statsf eindlichen 
Richtungen in der Religion der Massen durch das Recht 
bändigt und in Schranken hält und durch Verbreitung stats- 
freundlicher und die Geister erleuchtender und be- 
freiender Bildung denselben entgegen wirkt. 

Ueber das Verhalten des Statsmanns mit Bezug auf die 
Religion der Massen mögen folgende politische Maximen 
empfohlen werden : 

1. Vor allen Dingen musz der Politiker der natürlichen 
Grenzen der Statsmacht und der Statsgewalt bewuszt sein 
und es sorgfältig vermeiden, die Religion der Massen beherr- 
schen und ändern zu wollen. Jeder gewaltsame Eingriff des 
Stats in das Heiligthum des Gewissens und des religiösen 
Glaubens verletzt und empört das Gemüth der Menschen um 
so heftiger, je weniger der Stat befähigt und berechtigt ist, 
die Religion zu bestimmen, je entschiedener die Menschen 
sich der unmittelbaren Verbindung ihrer Seele mit Gott be- 
wuszt geworden sind. 

Die vielgehörte Meinung freilich, dasz die Politik völlig 
auszer Stande sei, mit äuszeren Zwangsmitteln die Religion 
der Massen zu bestimmen, wird durch die geschichtlichen 
Erfahrungen widerlegt. Die Ausbreitung des Christenthums 
und des Islam ist nicht immer durch geistige Lehre und Er- 
mahnung, sondern groszen Theils meist mit Waffengewalt den 



Viertes Capitel. Die Religion der Massen. 



253 



Besiegten aufgenöthigt worden. Philipp IL hat in Spanien, 
Ferdinand III. in Oesterreich, Ludwig XIV. in Frankreich, 
italienische Fürsten in Italien, deutsche Fürsten in ihren 
deutschen Ländern mit den äuszeren Zwangsmitteln der Ver- 
folgung, der Vermögensconfiscation, der Verbannung, der Ein- 
kerkerung, der Hinrichtung den Protestantismus unterdrückt 
und beinahe ausgerottet. Aber sie haben gleichzeitig den 
Wohlstand ihrer Unterthanen schwer geschädigt, die Cultur- 
entwicklung gehemmt, ihre Länder geschwächt und revolutio- 
nären Stürmen zugeführt. Auch protestantische Fürsten, wie 
voraus Heinrich VIII. in England, haben in ähnlicher Weise 
zuweilen den Katholicismus in ihren Ländern abgeschafft; 
freilich weniger zum Schaden des States und des Volkes, 
weil die protestantische Confession der weltlichen Wohlfahrt, 
der Macht und der Freiheit günstiger war. Auch die gewalt- 
samen Bekehrungsversuche des Kaisers Nikolaus von Rusz- 
land waren keineswegs erfolglos. 

Man kann also nicht auf die Unwirksamkeit des Stats- 
zwangs in religiösen Dingen verweisen, wenn gleich es wahr 
ist, dasz eine entschlossene Religiosität den Zwangsmitteln 
des States unzugänglich ist und die physische Vernichtung 
der Heiligen den Sieg der von ihnen bezeugten Religion eher 
fördert als verhindert. Aber die Freiheit der Geister und der 
Seelenfrieden der Menschen sind erst gesichert worden, seit- 
dem der Stat in richtiger Erkenntnisz seiner Natur und seiner 
Aufgaben darauf verzichtet hat, die Religion zu beherrschen 
oder im Dienste einer Kirche deren religiöse Herrschaft ge- 
waltsam durchzusetzen. 

2. Man darf von dem gebildeten und humanen Stats- 
mann wohl erwarten, dasz er den verschiedenen Reli- 
gionen, die im Lande Bekenner haben, das Masz von äuszer- 
licher Achtung erweise, auf welche der als heilig verehrte 
religiöse Glaube einen natürlichen Anspruch hat. Aber man 
darf ihm nicht zumuthen, dasz er selber diesen Glauben 



254 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



bekenne, noch sich an den kirchlichen Gebräuchen und Feiern 
einer ihm persönlich fremden Confession betheilige; denn er 
würde dadurch mit seiner eigenen Ueberzeugung in einen 
Widerspruch gerathen und dieselbe Freiheit einbüszen, die 
er allen Confessionen gewährt. Da der Stat keine kirchliche 
Institution ist, sondern auszerhalb der Kirche steht, so haben 
für den Statsmann, inwiefern er den Stat repräsentirt , die 
kirchlichen Vorschriften keine verbindliche Kraft. Protestan- 
tische Beamte können daher nicht angehalten werden, einer 
katholischen Messe andächtig beizuwohnen oder init einer 
Frohnleichnams - Procession mitzugehen ; katholische Beamte 
nicht, eine protestantische Abendmahlsfeier mitzumachen u. dgl. 

3. Der Stat darf sich ferner nicht durch den Einwand, 
dasz die Religion ihren Gläubigen das gebiete, abhalten lassen, 
Handlungen zu untersagen, welche die für Alle geltende 
Rechtsordnung oder die guten Sitten verletzen oder die bür- 
gerliche Wohlfahrt schädigen oder den Landesfrieden gefähr- 
den. Der moderne christliche Stat wird daher die mono- 
gamische Ehe schützen, den Mormonen gegenüber, welche die 
Polygamie mit religiösen Motiven vertheidigen , und wenn 
auch mit Vorsicht und Schonung den Muhammedanern gegen- 
über. Er wird die Sitte der indischen Frauen, ihren Männern 
in den Tod zu folgen und sich in das Feuer zu stürzen, 
welches die Leiche des verstorbenen Mannes verzehrt, in Aner- 
kennung der Würde und des Werthes des Menschenlebens 
nicht dulden. Er wird unsittliche Gebräuche, wie die ge- 
schlechtlichen, öfter durch religiösen Aberglauben geheiligten 
Ausschweifungen sowohl heidnischer Stämme als wollüstiger 
Sekten innerhalb der christlichen Welt verbieten und be- 
strafen. Er wird ebenso die kirchlichen Orden und Klöster, 
welche sich den Pflichten der Gesellschaft und des States 
entziehen, nicht mehr dulden, wenn gleich auch sie ihre 
Weltflucht oder ihre Unfügsamkeit gegen den Stat mit reli- 
giösen Glaubensvorschriften entschuldigen. 



Fünftes Capitel. Verhältnisz zu den Priestern und Geistlichen. 



'265 



4. Wenn der Statsmann gewahr wird, dasz. eine Religion 
die Volksbildung und die nationale Vervollkommnung ge- 
fährde, so darf er nicht aus übertriebener Scheu vor der 
Unverletzlichkeit religiöser Gefühle seine Pflichten gegen den 
Stat und die Gesellschaft) vernachlässigen; er wird vielmehr 
nur um so wachsamer und eifriger innerhalb des statlichen 
Rechts dafür sorgen, dasz jene verderblichen Wirkungen 
durch gute Schulen, die Geister befreiende und die National- 
kraft entfaltende Institutionen unschädlich gemacht und der 
Fortschritt des Volks in der Cultur und Politik gesichert werde. 



Fünftes Capitel. 

Verhältnisz zu den Priestern und Geistlichen. 

Das antik - römische Princip, dasz Priesteramt Statsamt 
sei, förderte zwar die Autorität und Macht des States; aber 
es ist nicht mehr anwendbar, seitdem der Gegensatz von 
Religion und Recht, und der Dualismus von Stat und Kirche 
klar geworden ist. Priester und Geistliche gehören wesent- 
lich der Kirche, nicht dem State zu, da ihre Functionen sich 
auf den religiösen Cultus und die Seelsorge, nicht auf Stats- 
angelegenheiten beziehen. Ihre Aemter sind daher nicht mehr 
Statsämter, sondern Kirchenämter. 

Auch die mittelalterliche Verbindung und Mischung der 
Stats- und der Kirchenämter in denselben Personen erträgt 
das heutige Selbstgefühl des States sowohl als der Kirche nur 
ungern. Die rechtliche Ausstattung vieler Bischöfe mit Lan- 
desherrschaft ist durch die Säcularisation der geistlichen 
Fürstenthümer überall in Europa in unserm Jahrhundert 
beseitigt und die Bischöfe, zu oberst der Papst, sind auf ihre 
Kirchenämier allein hingewiesen worden. Ebenso ist die 
ältere Sitte, dem Kaiser auch priesterliche Weihen zu geben, 



256 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



verschwunden und die Würde des Kaisers ist als eine stat- 
liche von dem priesterlichen Beiwerk gereinigt worden. 

Die heutige Welt liebt auch nicht mehr die thatsäch- 
liche und willkürliche Verbindung von Stats- und Kirchen- 
ämtern. Noch in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters 
kam es oft vor, dasz Cardinäle oder Erzbischöfe zu leitenden 
Statsministern erhoben wurden. Die Völker nahmen damals 
keinen Anstosz an dieser Verbindung. Heute würden sie 
dieselbe nicht mehr ertragen. Wo irgend die öffentliche Mei- 
nung wahrnimmt, dasz Beichtväter oder Hoftheologen einen 
politischen Einflusz auf die dynastischen Höfe üben, fühlt 
sie sich geärgert und wird misztrauisch. Sie sieht es ungern, 
wenn Bischöfe und Pfarrer sich in die Politik mengen, auf 
die Wahlen einwirken, sich zu Deputirten wählen lassen, eine 
politische Rolle spielen. Sie billigt solches politische Thun 
nur unter der Voraussetzung, dasz die Geistlichen ihren 
Kirchenberuf ganz aufgeben und nun sich dem State als 
Weltliche widmen. 

In allen diesen Beziehungen folgt die öffentliche Meinung 
dem richtigen Gefühl, dasz Stat und Kirche verschiedene 
Wesen seien, dasz sie einen verschiedenen Geist und nicht 
dieselben Aufgaben haben. Der Statsdienst erfordert andere 
Fähigkeiten, eine andere Bildung, andere Arbeiten als das 
Kirchenamt. Individuen, die ihr Leben dem religiösen Berufe 
widmen, haben fortwährend die Beziehungen der menschlichen 
Seele zu Gott vor Augen und kümmern sich weniger um die 
äuszeren Interessen der Menschen im Verhältnisz zu ihren 
Nebenmenschen. Dem specifisch frommen Gemüthe erscheinen 
die weltlichen Dinge als weniger wichtig. Dem Heiligen gelten 
Wohlstand , Macht und sogar weitliche Wissenschaft und na- 
tionale Grösze für Güter von vergänglichem Werthe. Sein 
Sinnen und Streben ist vorzugsweise oder ausschlieszlich dem 
Unvergänglichen und Ewigen zugewendet. Dah^r wird er 
für den Stat nur geringes Verständnisz haben und dem State 



Fünftes Capitel. Verhältnisz zu den Priestern und Geistlichen. 257 



wenig brauchbare Dienste leisten. Wenn aber die Träger der 
Kirchenämter, wie das allerdings in der Praxis sehr oft vor- 
kommt , auch jene weltlichen Eigenschaften offenbaren, nach 
Reichthum und Macht streben und Politik treiben , dann sind 
die Verweltlichung und das Verderbnisz der Kirche und der 
Ruin des Stats die regelmäszigen Wirkungen solcher Priester- 
politik und Priesterherrschaft. 

Das gerechte Misztrauen der öffentlichen Meinung wird 
überdem durch zwei Erwägungen verschärft: die eine, dasz 
die Einwirkung der Priester auf die Politik sich durch ihre 
Heimlichkeit der verfassungsmäszigen Controle und Rechen- 
schaft entziehe, welchen die Statsämter unterworfen sind, 
und die andere, dasz dieselbe durch die Berufung auf den 
göttlichen Willen über die menschlich erkennbare Sphäre 
hinaus gehoben und ins Maszlose und Schrankenlose ge- 
steigert wird. 

Verlangt demgemäsz der moderne Stat weltliche Bildung 
und weltlichen Beruf für seine Aemter, und hält er die Prie- 
ster und Geistlichen fern von der Statsleitung, so darf er doch 
nicht übersehen, dasz auch mit dem kirchlichen Amte eine 
bedeutende Autorität über die Gläubigen verbunden ist, 
und dasz diese Autorität nicht blosz zum Wohle des Volkes, 
sondern je nach Umständen auch gegen den Stat miszbraucht 
werden kann, sei es indem die Priester die Massen zum Un- 
gehorsam wider die Statsgewalt anreizen, sei es indem sie 
ihre Autorität auch auf statliche Dinge auszudehnen und den 
Stat zu beherrschen versuchen. 

Alle diese Rücksichten sind wesentlich dieselben allen 
Priestern und Geistlichen gegenüber. In anderer Hinsicht 
aber ist der Gegensatz der Confessionen von gröszter Bedeu- 
tung. Insbesondere machen sich die Unterschiede zwischen 
dem römisch-katholischen Klerus und der prote- 
stantischen Geistlichkeit oder dem griechisch-katho- 
lischen Klerus sehr fühlbar. 

Bluntschli, die Politik. 17 



258 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Der römische Klerus betrachtet sich nach der ultramon- 
tanen Lehre der Jesuiten als eine geistliche, über die ganze 
Laienwelt und daher auch über den Stat erhabene heilige 
Körperschaft, als die Diener und Träger der universellen 
Weltkirche, welche ihre Herrschaft über den Erdkreis hin 
ausdehnt, mit ihrem sichtbaren, universellen Haupte, dem 
römischen Papste. Die Erziehung des priesterlichen Nach- 
wuchses ist seit der Restauration des Papstthums und des 
Jesuitenordens von der thörichten Gunst der Statsregierungen 
selber gefördert, von Jahrzehent zu Jahrzehent immer ein- 
seitiger und fanatischer geworden. Schon in frühester Jugend 
wurden die Knaben , deren fromme Eltern sie dem geistlichen 
Berufe bestimmt hatten , in den bischöflichen Seminarien von 
allem Verkehr mit der weltlichen Jugend und von aller na- 
tionalen Bildung möglichst abgeschlossen. Die noch weichen 
und empfänglichen Seelen der Zöglinge wurden mit mittel- 
alterlichen Ideen genährt, mit traditionellem Glauben und 
Aberglauben erfüllt , durch asketische Uebungen und Cere- 
monien geformt, und für den Dienst der Hierarchie abge- 
richtet. Auf den Universitäten und in den hohen Schulen 
Roms wurde diese Isolirung und diese Einbildung, so gut es 
ging, fortgesetzt. Indem dann die Candidaten zu Priestern 
geweiht wurden , ward ihr Selbstgefühl im Verhältnisz zu den 
Laien maszlos aufgebläht, im Verhältnisz zu den kirchlichen 
Obern bis zum Verzicht auf die eigene Einsicht und jeden 
eigenen Willen niedergedrückt. 

Der ganze Priesterstand war schon im Mittelalter seit 
Papst Gregor VII. durch den Cölibat von der Familie und 
dadurch zugleich von der Gemeinde und dem Volke losgerissen. 
Die für die Vervollkommnung aller Zustände überaus wich- 
tige Sorge der Eltern für ihre Nachkommen wurde dadurch 
künstlich in den Herzen der Kleriker ausgetilgt. Ihr ganzes 
Leben wurde der römischen Theokratie dienstbar gemacht. 
Das Vaterland und die angestammte Nation muszten der 



Fünftes Capitel. Verhältnisz zu den Priestern und Geistlichen. 259" 

Herrschsucht des geistlichen Roms zum Opfer gebracht wer- 
den. Immer strenger wurde die römische Disciplin durch- 
geführt , immer absoluter das Regiment der Päpste. Die aus 
militärischen und theologischen Sitten und Ansichten ge- 
mischte Zucht der Jesuiten durchdrang nach und nach die 
ganze Klerisei, und bildete sie zu geistigen Knechten der 
Hierarchie um. In allen Centren der kirchlichen Provinzen, 
an allen Sitzen der Bischöfe, wie in den Klöstern, nisteten 
sich die Jesuiten ein und führten mit zäher Energie die Po- 
litik des Kirchenregiments durch. Für alle verlorenen Güter, 
die dem Menschenleben seinen Werth verleihen, sollte den 
Klerikern das hochmüthig-demüthige Bewusztsein einen Ersatz 
gewähren , die göttliche Weltherrschaft der Päpste zu verwirk- 
lichen und daran Theil zu nehmen. 

Seit der Verkündung des Universalepiscopats , der gött- 
lichen Einsetzung des Apostelfürsten Petrus und seiner Nach- 
folger, der Päpste, und des unfehlbaren Lehramts des Papstes 
in Sachen des Glaubens und der Sitten durch Papst Pius IX. 
vom 18. Juli 1870 ist der päpstliche Absolutismus auf die 
Spitze getrieben worden, wie es selbst im Mittelalter in den 
Zeiten höchster Papstmacht nie geglückt war. Grundsätzlich 
sind damit die ganze Culturentwicklung der neuen Zeit, der 
moderne Stat und die geistige Freiheit verworfen und die 
in der Bulle Unam sanctam ex cathedra verkündete An- 
maszung der Päpste, sowohl das geistliche als das weltliche 
Schwert von Gott empfangen zu haben , und den Stat als den 
Diener der Kirche zu behandeln, der ihre Gebote mit äuszerer 
Macht vollzieht, ist damit als heiliges Recht der Päpste pro- 
clamirt. 

Dasz der moderne Stat solche wahnsinnige Ueberhebung 
der Priesterschaft nicht dulden könne, bedarf keiner Aus- 
führung. Er ist genöthigt, den offenbaren Angriff auf seine 
Existenz zurück zu weisen und die Priester zu zwingen, dasz 
sie seiner Rechtshoheit gehorchen. So lange die römisch- 



260 Fünftes Buch. Vcrhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



katholische Kirche in so culturfeindlichem und statsfeindlichem 
Geiste geleitet wird, so lange musz der Stat die Fundamente 
seiner Macht gegen die feindliche Unterminirung sorgfältig 
verwahren, so lange sind die äuszerste Vorsicht des Stats und 
das Misztrauen gegen den katholischen Klerus geboten. 

Ganz anders aber stehen die protestantischen Geistlichen 
zum State. Sie erkennen grundsätzlich die Souveränetät des 
States an, auch in seiner Kirchenhoheit. Ihre Kirche ist 
nicht universell, sondern nach Ländern und Gemeinden orga- 
nisirt. Sie haben kein fremdes Oberhaupt. Entweder ist der 
Landesherr zugleich der oberste Verwalter des Kirchenregi- 
ments, oder es steht eine von dem Statshaupte berufene Lan- 
desbehörde (Oberkirchenrath, Consistorium) oder eine aus den 
kirchlichen Gemeinden durch Wahl ernannte Synode an der 
Spitze der Kirchenverfassung und Kirchenverwaltung. Nirgends 
ist da eine Macht zu finden, welche mit der Statsgewalt um 
den Vorrang oder die Herrschaft ringen könnte. Die prote- 
stantischen Geistlichen sind in den öffentlichen Schulen des 
States erzogen, sie haben Theil an der nationalen Sprache 
und Cultur. Sie fühlen sich als Genossen ihrer Nation und 
als Angehörige des States gleich den Laien, von denen sie 
durch keine Weihe geschieden, sondern denen sie in allen 
wesentlichen Dingen gleich gestellt sind. Sie sind meistens 
auch Ehegatten und Familienväter und werden so mit den 
andern Berufsclassen, mit der Gemeinde, mit dem Stat dauernd 
verbunden. Von dieser Seite her droht daher dem State nie- 
mals eine ernste Gefahr. Der Stat findet in den protestan- 
tischen Geistlichen durchweg Freunde, nicht Feinde. 

Um deszwillen wird die Politik andere Aufgaben zu 
erfüllen haben, je nachdem sie der römischen Hierarchie oder 
der protestantischen Geistlichkeit begegnet. Aber der Stats- 
mann wird trotzdem möglichst dasselbe Eecht gegen- 
über beiden Kirchenämtern festsetzen und anwenden müssen, 
weil er leicht in den Verdacht der Parteilichkeit kommt, 



Fünftes Capitel. Verhältnisz zu den Priestern und Geistlichen. 261 



wenn er Katholiken und Protestanten nach verschiedenem 
Rechte beurtheilt und eine confessionell bedingte Rechts- 
bildung dem heutigen Rechtsbewusztsein überhaupt zuwider 
ist. Die rechtliche Grundbedingung des Lebens hat daher 
einen andern Charakter als das politische Leben selber und 
daraus entsteht mancherlei Verwirrung und Hemmnisz. 
Im Uebrigen empfehlen sich folgende Maximen: 
L Der Statsmann darf im Verkehr mit dem Klerus nie- 
mals das Selbstbewusztsein des States verläugnen, nie zuge- 
stehen, dasz der Stat ein Reich des Leibes sei ohne Geist; 
er musz immer die Würde des States, die Hoheit des States 
und den Geist des States wahren und vertreten. Ein Stats- 
haupt oder ein Statsminister, der sich in weltlichen Dingen 
vor der Kirche demüthigt, gleicht einem Manne, der Weiber- 
kleider angezogen hat und in die Weiberknechtschaft ge- 
rathen ist, 

2. Der Stat hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dasz auch 
die Priester zugleich als Statsbürger und Unter thanen 
erzogen werden. Der moderne Stat kann keine statenlose 
Kaste in seinem Innern dulden und musz seine Herrschaft 
über die ganze Bevölkerung ausdehnen. Ebenso hat er die 
Pflicht, die Culturgüter der Nation der gesammten Volks- 
jugend, also auch den Knaben zu überliefern, welche sich 
dem geistlichen Berufe widmen. Diese Pflicht wurde während 
des letzten Menschenalters auch in Deutschland arg vernach- 
lässigt und ist erst, nachdem man die unseligen Wirkungen 
einer stats- und culturfeindlichen Erziehung des Klerus er- 
fahren hat, dem allgemeinen Bewusztsein klar geworden. Die 
Statsgesetze bestimmen nicht die Lehre der Theologen noch 
den Glauben der Kirche, aber sie ordnen die wissenschaft- 
liche Schulbildung in allen weltlichen Wissenschaften, 
d. h. in allen Disciplinen, welche der Philosophie, der Ge- 
schichte und den Naturwissenschaften zugehören, völlig frei 
von kirchlichen Vorschriften und Beklemmungen. 



262 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



3. Der moderne Stat darf wohl dem idealen Lebensberufe 
der Priester Ehre erweisen, und um so lieber, je reiner und 
wohlthätiger die religiöse und sittliche Einwirkung derselben 
auf das Volksleben sich offenbart. Aber er musz die Priester 
anhalten, dasz sie sich den Statsgesetzen und dem gemeinen 
Rechte der Nation fügen. Er kann denselben keine Immu- 
nitäten mehr zugestehen, weder von seiner Steuerhoheit, 
noch von seiner Gerichtsbarkeit. Diese Forderung musz er 
trotz des Widerspruchs des Papstes und der Jesuiten auf jede 
Gefahr hin durchsetzen, selbst bis zum Entzüge des Bürger- 
rechts und bis zur Wegweisung der ungehorsamen Priester 
aus dem Lande. 

4. Der moderne Stat hat ein Interesse, die Priester fern 
zu halten von jedem bestimmenden Einflusz auf die Stats- 
leitung. Die Unvereinbarkeit von Priesteramt und 
Stat samt ist eine Folge der grundsätzlichen Unterscheidung 
von Kirche und Stat. Nicht einmal zu Gewissensräthen eignen 
sich die Priester in politischen Angelegenheiten, da das po- 
litische Gewissen durch die weltliche Einsicht in die Bedürf- 
nisse des Volkslebens erleuchtet sein musz, und es für den 
Stat gefährlich und schädlich ist, wenn seine Führer sich von 
ausschlieszlich religiösen Gefühlen oder gar von der Unter- 
würfigkeit unter die kirchliche Oberleitung bestimmen lassen. 

5. Die Ordnung des Kirchenvermögens ist eine 
weltliche Angelegenheit , die nach rechtlichen und wirthschaft- 
lichen Rücksichten zu bestimmen ist und daher Statssache. 
Dieselbe darf nicht den Priestern zu freier Verfügung und 
Verwaltung überlassen, sondern es musz entweder die ganze 
Leitung oder mindestens eine entscheidende Mitwirkung den 
Laien vorbehalten werden. 

6. Inwiefern der Stat bei der Wahl oder Ernennung zu 
Kirchenämtern mitzuwirken habe, hängt von der beson- 
deren Verfassung ab. Aber unzweifelhaft musz dem State 
das Recht zugestanden werden, solche Priester, welche sich 



Sechstes Capitel. Die Wissenschaft und ihre Vertreter. 



263 



als Statsfeinde gezeigt haben, oder sich weigern, dem Stats- 
gesetze zu gehorchen, entweder nicht zur Ausübung eines 
mit Autorität für einen erheblichen Theil der Gesellschaft 
ausgerüsteten Kirchenamtes zuzulassen oder die ertheilte Zu- 
lassung später wieder aus demselben Grunde zurückzuziehen 
und ihnen die Ausübung des Amtes zu untersagen. In fried- 
lichen Zeiten mag es gute Politik sein, wenn der Stat von 
diesem Rechte wenig Gebrauch macht und der Kirche die 
Besetzung ihrer Aemter anheim gibt, aber in Zeiten des 
Streites zwischen Stat und Kirche zeigt sich, dasz der Stat 
doch unklug gehandelt hat, wenn er sorglos und vertrauens- 
selig zuvor zugesehen hatte, wie die Kirche ihre Aemter vor- 
zugsweise mit Gegnern des States besetzt hatte. Dann wird 
es dem State schwer und nur durch harte Maszregeln mög- 
lich, seine Feinde wieder aus ihrer erworbenen Machtstellung 
zu verdrängen. 



Sechstes Capitel. 
Die Wissenschaft und ihre Vertreter. 

Alle Wissenschaft ist das Werk und die Errungenschaft 
der individuellen Geistesarbeit, des Denkens. Der 
in den einzelnen Menschen wirksame Geist sucht und findet 
auf wissenschaftlichem Wege die Wahrheit, indem er sein 
Selbstbewusztsein entfaltet , die äuszeren Erscheinungen sorg- 
fältig beobachtet und die inneren Vorgänge in seinem Geiste 
betrachtet, indem er 

Ursache und Wirkung, 

Grund und Folge, 

Anlage und Entwicklung, 

Nothwendigkeit und Freiheit, 

Kaum und Zeit u. s. f. unterscheidet und aus dem einen 



264 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Bestandteile seinen Gegensatz und aus der Vergleichung 
der verschiedenen Gegensatzpaare jedes Gegensatzpaar besser 
erklärt und beleuchtet, indem er endlich die 

Unterlage und die Eigenschaft 
der Wesen zu dem Einen Sein zusammen faszt. 

Diese ganze Denkarbeit und ihre Ergebnisse sind durch- 
aus unabhängig von der Autorität des States. Alle Macht des 
States vermag nicht, einen Irrthum zu widerlegen und nicht 
den Beweis einer erkannten Wahrheit zu entkräften. Die 
Wissenschaft gehört daher naturgemäsz nicht der Statsleitung, 
sondern dem freien Geistesleben der Individuen an. Die 
wissenschaftliche Freiheit läugnen und bekämpfen, das heiszt 
den Menschengeist verkennen und beleidigen. 

Aber wenn gleich die Wissenschaft voraus individuell 
erworben wird, so steht ihre Entwicklung doch in einem 
innern Zusammenhang mit den allgemeinen Culturzuständen 
einer Nation, und theilen sich ihre Ergebnisse hinwieder der 
Gemeinschaft mit. Wenn eine Nation gute Schulen hat, wenn 
die Jugend frühzeitig in die bisher erkannten Wahrheiten 
eingeweiht, wenn sie in der Arbeit richtiger Beobachtung 
und des logischen Denkens geübt wird, so wird die natio- 
nale Vor- und Durchbildung auch den weiteren Arbeiten der 
reiferen Männer förderlich und sowohl der Antrieb als die 
Empfänglichkeit für neuen Erwerb der Wissenschaft vermehrt 
sich. Die geistige Entwicklung einer Nation entfaltet auch 
ihre Denkkraft und die gesteigerte Denkfähigkeit führt zu 
neuen Erfolgen der Erkenntnisz und zu höherer Gesammt- 
bildung. 

Damit sind schon die grosze mittelbare Bedeutung der 
Wissenschaft für den Stat und das Interesse des States an 
der Wissenschaft angedeutet. Die Wissenschaft steht dem 
State näher als die Religion, denn jene wirkt voraus auf die 
Köpfe, diese mehr auf die Gemüther; jene erleuchtet das Leben 
der Menschen unter einander, diese heiligt die Beziehungen 



Sechstes Capitel. Die Wissenschaft und ihre Vertreter. 265 

der Menschen zu Gott. AVenn der Stat das Reich der Selbst- 
beherrschung des Volkes ist, so ist das Selbstbewusztsein des 
Stats eine unentbehrliche Voraussetzung der gereifteren Stats- 
praxis und es ist damit die Notwendigkeit der Stats- 
wissenschaft für den Stat erwiesen. Wenn das öffentliche 
Leben durch den öffentlichen Willen bestimmt wird, so gibt 
nur die Erkenntnisz des Notwendigen und des Zweckmäszi- 
gen eine Garantie dafür, dasz diese Selbstbestimmung gerecht 
und nützlich sei. In noch kindischen Zuständen eines Volks 
mögen die Instincte und die rohen Triebe walten, bei höherer 
Cultur fordern die Völker Rechenschaft über die Statsacte, 
die in der Gesetzgebung und in der Verwaltung vollzogen 
werden. Die Politik kann unter Umständen dem religiösen 
Streite gegenüber sich gleichgültig verhalten, sie darf ohne 
Gefahr unreligiös sein, aber niemals darf sie, ohne allge- 
meinen Schaden, unvernünftig sein. Der civilisirte Stat 
kann noch weniger der Beihülfe der Wissenschaft entbehren 
als der Unterstützung der Religion. 

Auch darin haben Wissenschaft und Stat eine nahe Be- 
ziehung zu einander und eine innere Verwandtschaft, als in 
beiden sowohl die Autorität als die Freiheit gleichsam die 
beiden Pole ihrer Wirkung sind. Da die Wissenschaft eine 
That des freien selbstbewuszten Geistes ist, so wirkt sie be- 
freiend auf den Geist. Sie entfesselt den Geist von zahl- 
losen Vorurtheilen und zerstreut eine Menge von überlieferten 
Irrthümern, die seine Erkenntnisz hemmen, seine Bewegung 
erschweren und seine Gedanken irre führen. Aber sie wirkt 
auch in dem Bereich ihres Lichts als Autorität für Andere. 
Es ist unmöglich, dasz immer alle Arbeit von Neuem und 
von Anfang an beginne. Die Späteren benutzen vielfältig die 
Werke der Aelteren und setzen dieselben fort. Auch die 
freiesten und gründlichsten Denker sind genöthigt, in vielen 
Beziehungen der Autorität anderer Meister zu vertrauen und 
zu folgen. Noch stärker wirkt die Wissenschaft als Autorität 



2GG Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



auf die gröszereä Kreise, welche auszer Stande, eine eigene 
wissenschaftliche Prüfung vorzunehmen, den Lehren und Mit- 
theilungen Anderer folgen müssen. 

Allerdings ist die Art der Wirkungen je nach den ver- 
schiedenen Wissenschaften verschieden, und deszhalb ändert 
sich auch ihre Stellung zum Stat und ihre Bedeutung für 
den Stat. 

Die mathematischen und die Naturwissenschaften 
wirken voraus auf die technischen Mittel des States und 
der Gesellschaft. Die Ausrüstung des Kriegsheeres " und die 
ganze Kriegswissenschaft der heutigen Zeit haben eine voll- 
ständige Umbildung erfahren durch die Nachwirkungen der 
Physik und der Chemie, der Mechanik und der mathemati- 
schen Wissenschaften. Die gesammte Thätigkeit der Kriegs- 
und der Civilingenieure ist im Grunde nur Anwendung dieser 
Wissenschaften, ohne deren Entdeckungen und Erfolge wir 
weder Maschinenwerke noch Dampfschiffe, weder Eisenbahnen 
noch Telegraphen, weder gezogene Kanonen noch das Schnell- 
feuer der Infanterie kennten. Die wirthschaftlichen Berufs- 
classen werden in allen Richtungen von diesen Wissenschaften 
geleitet und befruchtet. 

Aber immer ist die Wirkung derselben auf die Statsver- 
fassung und auf die Politik nur eine mittelbare. Deszhalb 
werden diese Wissenschaften auch von solchen Regierungen 
gepflegt und gefördert, welche im üebrigen der geistigen und 
bürgerlichen Freiheit nicht zugethan sind und die Fortschritte 
der Wissenschaft nach andern Richtungen hin ängstlich über- 
wachen und misztrauisch zurück halten. Wie die Schnellig- 
keit des Lichts zu bemessen oder die Schwingungen des 
Schalls zu zählen seien, das ist freilich für die Souveränetät 
der Fürsten und die Autorität ihrer Beamten ebenso gleich- 
gültig, wie die astronomischen Besimmungen der Entfernung 
der Sterne oder die chemische Analyse der Luft oder des 
Wassers für die Berathung der Volksvertretungen. Man läszt 



Sechstes Capitel. Die Wissenschaft und ihre Vertreter. 



267 



daher derlei Untersuchungen unbesorgt und gerne gewähren, 
weil sie ungefährlich erscheinen für die Statsleitung und ihre 
entfernten mittelbaren Folgen auch für den Stat meistens 
nützlich zu verwerthen sind. 

Indessen so ganz indifferent sind auch diese Wissen- 
schaften nicht für die bürgerliche Freiheit. Das gesammte 
geistige Leben der Menschen ist in einem lebendigen Zu- 
sammenhang. Es ist nicht möglich, dasz in den Naturwissen- 
schaften die Prüfung frei und die Gedanken aufgeweckt seien 
und dasz die gesteigerte Denkfähigkeit aufhöre, wirksam zu 
sein, sobald sie an den Bereich der Philosophie und der 
sogenannten Geisteswissenschaften gelange. Es ist ebenso 
unmöglich , dasz die Naturwissenschaften wirklich frei bleiben, 
wenn die Geisteswissenschaften bedroht und geknechtet werden. 

Die einseitige Pflege der Naturwissenschaften hat über- 
dem ihre Gefahren. Vorzugsweise der Beobachtung und der 
Erkenntnisz der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung zuge- 
wendet, können sie für sich allein das Yerständnisz der idealen 
Güter des Geisteslebens nicht erleuchten; und darauf ange- 
wiesen, die nothwendigen ausnahmslos zwingenden und bin- 
denden Gesetze der Körperwelt zu erforschen , sind sie nicht 
berufen, weder die Macht und die Schranken der statlichen 
Autorität, noch das Recht und die Verantwortlichkeit der 
menschlichen Freiheit zu begreifen. Ihre einseitige Förderung 
kann daher auch einen verderblichen Materialismus begün- 
stigen. Die geistigen Kräfte und die sittlichen Pflichten, ohne 
welche die Völker nicht leben und die Staten nicht gedeihen 
können, gelangen auf diesem Wege nicht zu voller Aner- 
kennung und werden verwirrt und verdunkelt, Der Despo- 
tismus der äuszern Macht kann vorübergehend durch diese 
falsche Richtung gestützt werden; aber der weiter blickende 
Statsmann sieht in der Ferne die Abgründe der Revolution 
und der Verwilderung, die am Ausgang dieses Weges sich 
drohend eröffnen. Unmittelbarer und stärker als die Natur- 



2G8 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Wissenschaften wirken die sogenannten Geisteswissen- 
schaften in ihren beiden Hauptrichtungen , der speculativ- 
philosophi sehen einerseits und der geschichtlichen 
andrerseits auf den Geist der Nation und des States ein. In 
diese Gruppe gehören die Rechts- und Statswissenschaf- 
ten zumeist. Am stärksten wirken unzweifelhaft die philo- 
sophischen Ideen von natürlichem Recht und von der Be- 
stimmung der Völker. Wenn diese Ideen die mächtige 
Bewegung des Zeitgeistes gleichsam als leuchtende Sterne am 
Horizont begleiten, dann ergreifen sie den Volksgeist und das 
Volksgemüth, regen sie auf und bezeichnen die Richtung des 
Volkslebens und des politischen Strebens. Man braucht nur 
zu erinnern an die Idee der Souveränetät, welche im 
sechszehnten und siebenzehnten Jahrhundert den alten Feudal- 
stat umgewandelt und die fürstliche Macht zu einer absoluten 
gesteigert hat, an die Idee der Rechtsgleichheit, welche 
seit einem Jahrhundert die ständischen Unterschiede und Pri- 
vilegien aufgezehrt und zerstört hat, an die Ideen der reli- 
giösen und bürgerlichen Freiheit, welche den Stat und 
die Kirche umgeschaffen haben, an die Idee der Nationa- 
lität, welche die moderne Statenbildung groszentheils be- 
stimmt, um die ungeheure Macht der Philosophie auf die 
heutige Menschheit in ihren Wirkungen vor Augen zu sehen. 
Die heutige Welt läszt sich weit mehr durch solche politi- 
sche Ideen zu Thaten begeistern, als durch religiöse Glau- 
bensdogmen. 

Weniger reformatorisch und schöpferisch als die Philo- 
sophie wirkt die Geschichte. Auch sie lehrt nicht den Still- 
stand, sondern erkennt und stellt dar das Werden, die Ent- 
wicklung der Völker und Staten. Aber weil ihre Blicke vor- 
zugsweise der Vergangenheit zugewendet sind, lehrt sie eher 
das Bestehende aus seinem Ursprung begreifen und schätzen. 
Insofern wirken die geschichtlichen Disciplinen eher conser- 
vativ als liberal ; sie unterstützen mehr noch die hergebrachte 



Sechstes Capitel. Die Wissensehaft und ihre Vertreter. 



2G9 



Autorität, als sie zu neuen Verbesserungen anregen. Nur 
ihre Kritik ist für überlieferte Vorurtheile und Irrthümer ge- 
fährlich. 

Es kann uns daher nicht befremden, dasz despotische 
Regierungen mit gröszerem Misztrauen den Arbeiten der 
Geisteswissenschaften zusahen und vorzüglich die Entwicklung 
der speculativen Philosophie einer scharfen Censur unter- 
warfen. Weniger gefährlich erschien ihnen dann die Erfor- 
schung des geschichtlichen Rechts, beunruhigend aber die 
ideale Politik. 

In der That, es ist möglich, die Cultur solcher Wissen- 
schaften in einem State zu erschweren und einzuschränken, sogar 
ganz zu unterdrücken. Aber das geschieht immer auf Kosten 
des Geistes einer Nation, welcher in Folge solchen 
Drucks kränkelt und verkümmert , d. h. auf Kosten der besten 
Kräfte eines Volkes, welche alle andern Fähigkeiten desselben 
in richtigem Verhältnisse zu entwickeln und zu leiten berufen 
sind. Die geistig kranke und verfaulende Nation wird sicher 
auch leiblich verfallen ; die geistig gesunde und vorwärts stre- 
bende Nation dagegen auch in allen andern Vorzügen sich 
vervollkommnen. Damit ist .die Ueberlegenheit der letzteren 
Nation über die erstere und folgerecht die Ueberlegenheit des 
einen States über den andern principiell entschieden. Für die, 
welche es nicht schon vorher gesehen hatten, war der Aus- 
gang des groszen Kampfes zwischen Preuszen und Oesterreich 
über die Führung von Deutschland belehrend. Der endliche 
Sieg Preuszens war wesentlich dadurch bedingt, dasz es an 
geistiger Bildung Oesterreich weit überlegen war. 

Uebrigens wirkt die Wissenschaft verschieden nach der 
verschiedenen Volksart. Sie wirkt stärker auf Völker 
mit vorherrschender Geistesanlage , weniger lebhaft auf Völker 
mit überwiegenden Gemüthskräften, mehr auf die Hellenen 
als auf die alten Römer, mehr auf die Franzosen als auf die 
Spanier, mehr auf die Engländer als auf die Irländer. Bei 



270 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen State zu dem Geistesleben etc. 



den Deutschen, dem bald ironisch, bald rühmlich sogenannten 
„Volk der Denker", war die Wirkung der Wissenschaft auf 
das politische Leben lange Zeit verschroben durch eine pe- 
dantische Gelehrsamkeit und paralysirt durch die Erbübel 
und Mängel des politischen Organismus. Andere Nationen 
warfen uns daher vor, wir seien nur fähig zu denken, aber 
unfähig zu handeln. Die groszen Thaten von 1866 und die 
Neugestaltung vorerst des norddeutschen Bundes im Jahre 
1867, dann die groszartigen Erfolge der deutschen Kriegs- 
führung in dem französisch-deutschen Kriege 1870/71 und die 
Begründung des deutschen Reichs 1871 bewiesen der erstaun- 
ten Welt, wie oberflächlich und irrthümlich jenes Vorurtheil 
war. Ein groszer deutscher Statsmann hat die anfangs wider- 
willige Nation auf die Bahn militärischer Heldenthaten und 
politischer Groszthaten geführt und die Nation hat ihre That- 
kraft bald ebenso entwickelt, wie zuvor ihre Denkkraft. 

Indessen ist die Wissenschaft n i c h t J e d e r m a n n s S a c h e. 
Der Kreis der wissenschaftlich gebildeten Individuen ist ein 
enger und viel enger als die Kreise irgend einer religiösen 
Genossenschaft. Die Religion kann über beide Geschlechter 
und die groszen Volksmassen verbreitet werden. Die Wissen- 
schaft kann nur in einzelnen Lehren und Entdeckungen zu 
dem Gemeingut Vieler gemacht werden, aber das tiefere wissen- 
schaftliche Verständnisz bleibt immer nur wenigen Männern 
vorbehalten. Die wissenschaftlichen Frauen sind eine ganz 
seltene Ausnahme, die religiösen Frauen bilden die Regel. 
Deszhalb erheben sich überall, wo die Wissenschaft gedeiht, 
einzelne wissenschaftliche Männer und wenige 
wissenschaftliche Berufsclassen über die grosze, nicht 
wissenschaftlich gebildete Volksmenge in ähnlicher Weise, 
wie sich auf dem Gebiete des religiösen Gesammtiebens ein 
Stand der Priester über die Laien, der Geistlichen über die 
Weltlichen erhebt. 

Es ist das unläugbar eine Art geistiger Aristokratie 



Sechstes Capitel. Die Wissenschaft und ihre Vertreter. 



271 



innerhalb der civilisirten Nationen. Wie jede Aristokratie, 
so hat auch die Aristokratie der Gelehrten, der Wissen- 
den, der Weisen ihre hohen Vorzüge und ihre groszen 
Gefahren. Der Stat musz sich die Frage stellen, wie er sich 
zu derselben verhalten solle. 

Höchst merkwürdig und lehrreich sind in dieser Be- 
ziehung die Vorgänge in Süd- und in Ostasien. In Indien 
erhob sich , die Classe der von göttlichem Geiste durchleuch- 
teten Denker und Weisen zu der alle anderen Volksclassen 
hoch überragenden erblichen Brahmanenkaste. Wie gefähr- 
lich diese stolze Erhebung der Geistesaristokratie für die all- 
gemeine Bildung und für die Freiheit der indischen Nation 
geworden ist, beweist die indische Geschichte. In China 
dagegen und in Japan war der Weg zur Wissenschaft von 
jeher Allen eröffnet, welche die geordnete Schulbildung sich 
aneigneten und die Prüfungen bestanden. Es bildete sich 
daher in den ostasiatischen Reichen keine erbliche Priester- 
und Weisenkaste aus , wohl aber eine höchst angesehene Classe 
von gutgeschulten und einfluszreichen Stats gelehrten, 
welche die Aemter besetzten und die öffentlichen Angelegen- 
heiten besorgten. Aber auch in diesen Ländern wurde die 
freie Autorität der Wissenschaft mit der zwingenden 
Autorität der Statsgewalt verflochten und es kam daher 
zu einer Ueberspannung jener durch die Macht dieser, welche 
der Wissenschaft schädlich wurde, die ohne Freiheit nicht 
alle ihre Früchte hervorzubringen vermag. In Folge dessen 
ist die Wissenschaft stationär und die Schule zu einer tradi- 
tionellen Dressur und Abrichtung geworden. 

In Europa ist der Gegensatz der Gebildeten und der 
Nichtgebildeten (illitterati) flüssiger und deszhalb weniger 
schroff geschieden. Da die Wissenschaft Allen zugänglich 
und in ihrer Entwicklung frei ist, so hat sie eine höhere 
Stufe der Ausbildung erreicht und ist fruchtbarer geworden. 
Je allgemeiner die gesammte Volksbildung ist, um so eher 



272 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



werden auch die Gefahren und Schrullen der Gelehrtenaristo- 
kratie, die Abschlieszung der wissenschaftlichen Berufsclassen 
von dem Volke, der gelehrte Dünkel und der Despotismus 
der Wissenschaft vermieden. Die Wechselwirkung derer, 
welche geben und derer, welche empfangen, erhält und be- 
fruchtet eine wohlthätige Verbindung beider. Die Arbeiten 
der Wissenschaft werden in tausend Canälen wie das Leucht- 
gas in alle Kreise der Bevölkerung übergeleitet und erhellen 
und bereichern das tägliche Leben aller Classen. Hinwieder 
empfangen auch die Arbeiter in dem Reiche des Geistes von 
unten wie von oben mancherlei Anregung und vielfältige Unter- 
stützung. Diese Beziehungen in stetem Flusz zu erhalten, 
ist eine der Hauptaufgaben der civilisirten Gesellschaft, und 
so weit es der Unterstützung des States bedarf, auch der 
statlichen Culturpflege. 



Siebentes Capitel. 

Sorge des States für die schöne Litteratur, das Theater 
und die bildenden Künste. 

L Die schöne Litteratur übt auf den Geist der ge- 
bildeten Classen eine noch stärkere Wirkung aus als die 
Wissenschaft. Die schöne glänzende Form hat einen Reiz, 
welcher der kalten trockenen Doctrin fehlt. Die Werke von 
Shakespeare oder Walter Scott sind viel bekannter als die 
von Bacon oder Newton. Racine, Moliere, Voltaire haben 
auf die französische Cultur mächtiger eingewirkt als Buffon, 
Laplace, Dupin. In Deutschland haben Goethe und Schiller 
weit gröszere Kreise und nachhaltiger begeistert und erleuch- 
tet als Kant und die Brüder Humboldt; und selbst ein Autor 
wie Lessing hat durch sein Drama Nathan eine bedeutendere 



Siebentes Capitel. Sorge des States für die schöne Litteratur etc. 273 



Wirkung auf die Nation geübt , als durch sein kritisches Werk 
über den Laokoon. 

Auch die Werke der Poesie sind, wie die Werke der 
Wissenschaft, individuell. Der Stat hat die Macht nicht, einen 
schönen Vers zu machen. Aber er kann die classischen Au- 
toren ehren, sie ermuthigen und belohnen, ihre Werke auch 
vor dem Nachdruck schützen, die Verbreitung guter Schriften 
fördern. Er kann auch einer unsittlichen und verderblichen 
Richtung in der Litteratur theils, wenn sie das bestehende 
Recht verletzt, züchtigend und strafend entgegen wirken, 
theils , wenn sie die Rechtsform schlau beachtet und dennoch 
liederlicher Lüsternheit fröhnt oder eine gemeine niederträch- 
tige Gesinnung verräth, die statliche Ehre weigern, unter 
Umständen sogar durch seine offene Miszbilligung davor 
warnen. 

In diesen geistigen Dingen können zuweilen auch kleine 
Fürsten eine segensreiche und weithin wirkende Pflege üben. 
Der bescheidene Hof des Herzogs Carl August von Sachsen- 
Weimar hat seiner Zeit in dieser Hinsicht viel mehr gewirkt, 
als die Höfe des römischen Kaisers in Wien oder des Königs 
von Preuszen in Berlin, und durfte wohl an Bedeutung für 
die deutsche classische Litteratur den Vergleich aushalten mit 
dem glänzenden Hofe des Königs Ludwigs XIV. von Frank- 
reich und seinem Patronate der französischen Dichter. 

Wie schädlich aber blosze Monopole wirken, welche den 
Autoren oder ihren Verlegern auf allzu lange Zeitfristen er- 
theilt werden, das werden wir jetzt gewahr. Unsre groszen 
Dichter sind erst jetzt den untern Volksclassen recht zugäng- 
lich geworden, seitdem das Erlöschen des Autorrechts die 
massenhafte Verbreitung wohlfeiler Volksausgaben möglich 
gemacht hat. 

2. Das Theater nimmt zwar in dem heutigen Cultur- 
leben lange nicht mehr die hohe Stelle und Bedeutung ein, 
welche es in der antiken helleno-romanischen Statenwelt inne 

Bluntschli, die Politik. 18 



274 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



hatte. Es ist unter den christlichen Nationen zum Theil 
durch die Kirche verdrängt und ersetzt worden. Aber auch 
heute noch ist die Politik veranlaszt, dieser bedeutenden 
Culturerscheinung und diesem einfluszreichen Culturmittel ihre 
Aufmerksamkeit zuzuwenden. 

Man darf selbst das nicht gering schätzen, dasz das 
Theater auch zur Erholung der Bevölkerung dient und von 
derselben als ein Lebensgenusz gesucht wird; denn für den 
Einzelnen wie für die Völker ist der Wechsel zwischen Ar- 
beit und Genusz wohlthätig. Wichtiger noch sind die idealen 
Vorzüge des Theaters, ihre ästhetische, sittliche und geistige 
Bedeutung. 

Das moderne Theater ist nicht mehr Statsanstalt, wie 
das antike, wenn gleich die Staten oder die Fürsten gewöhn- 
lich in den Residenzen einzelne sogenannte Hof- und National- 
theater mit ihren Geldmitteln unterhalten oder unterstützen. 
Die Bühne stellt die Werke der dramatischen Litteratur und 
Musik in lebendiger Weise dar, sie gibt denselben einen, die 
Hörer und Schauer unmittelbar ergreifenden Ausdruck. Desz- 
halb kann für die Theater in der Hauptsache kein anderes 
Gesetz gelten, als für die Werke selber, welche sie dem 
Publicum vorführen. Das Theater zur Statssache machen , das 
würde heiszen, die Poesie und die Musik zur Statsangelegen- 
heit machen. 

Sogar wenn in Zukunft die nationale Bedeutung der 
Theater mehr als bisher gehoben und betont wird, so gehört 
doch auch diese Seite der Nation im engeren Sinne an und 
nicht dem politisch organisirten Volke, nicht dem Stat. Der 
Geist und die Sprache eines Lustspiels oder einer Tragödie 
wird in keiner Weise durch das Statsrecht oder die Stats- 
macht bestimmt , sondern ist ein freies künstlerisches Erzeug- 
nisz der Dichter, nicht der Statsbürger; und das Verständnisz 
der Zuschauer ist ganz unabhängig von den Statsgrenzen und 
den Landesfarben. Die berühmtesten und besten Werke der 



Siebentes Capitel. Sorge des States für die schöne Litteratur etc. 275 



dramatischen Dichtung haben eher einen menschlichen, als 
einen beschränkt- nationalen Werth und werden von allen 
civilisirten Nationen geschätzt. Shakespeare hat nicht blosz 
für die Engländer und Nordamerikaner; Lessing, Goethe, 
Schiller haben nicht ausschlieszlich für die deutsche Nation 
geschrieben. 

Die Musik vollends ist gleichmäszig für alle europäisch- 
amerikanischen Culturnationen verständlich. Die Oper ist 
daher keine ausschlieszliche Angelegenheit eines einzelnen 
Volkes. Der Gegensatz der Nationalitäten wirkt höchstens in der 
Tonfärbung und auf gewisse Lieblingsformen des Rhythmus ein. 
Das Wesen des Kunstwerks wird dadurch nicht verändert. 

Daher hat der Stat das Theater wie die Litteratur der 
freien Thätigkeit der Privatpersonen zu überlassen 
und darf dasselbe nicht als Statsmonopol behandeln. Die 
grosze Bedeutung der Theater für die sittlichen Zustände der 
Gesellschaft rechtfertigt es wohl, dasz die Regel der Gewerbe- 
freiheit hier nicht rücksichtslos zur Anwendung komme, son- 
dern eine gesetzlich geordnete Statsaufsicht geübt werde. 
Ueberdem hat der Stat wohl die Aufgabe, wie überhaupt die 
allgemeinen Lebensgenüsse und die allgemeine Bildung, so 
auch ein gutes Theater zu unterstützen. 

Die im Ganzen unvermeidliche ökonomische Abhängigkeit 
der Theater von der Gunst und dem Besuch des Publicums 
hat unzweifelhaft ihre groszen künstlerischen und sittlichen 
Gefahren. Das Theater soll seiner Idee nach der voll- 
kommenste Ausdruck sein des in der Nation wirksamen dra- 
matischen Geistes. Es soll die ausgezeichnetsten Werke des 
Genies dem Bewusztsein der Nation lebendig vor die Seele 
führen. Wie die Werke der groszen Dichter hoch über dem 
Niveau des Gewöhnlichen stehen, so sollen auch die Schau- 
spieler das Publicum über seine gewohnte Alltäglichkeit empor- 
heben. Sie müssen zwar den Zuschauern verständlkh bleiben, 
aber sie dürfen doch nicht auf den niedern Stufen roher 



276 Fünftes Buch. Verhältnisz des modernen Stats zu dem Geistesleben etc. 



Sinnlichkeit und der Gemeinheit stehen bleiben. Am wenig- 
sten dürfen sie auf den rohen Geschmack der Menge specu- 
liren und durch plumpe Roheit oder sinnliche Geilheit den 
Beifall und die Lüsternheit eines niedrigen Publicums zu 
gewinnen suchen. Sie sollen eingedenk sein jener Shake- 
spearischen Mahnung: „0 es ärgert mich in der Seele, wenn 
solch ein handfester, haarborstiger Geselle eine Leidenschaft 
in Fetzen, in rechte Lumpen zerreiszt, um den Gründlingen 
im Parterre in die Ohren zu donnern, die meistens von nichts 
wissen, als verworrene Pantomimen und Lärm" (Hamlet III. 1). 
Dabei ist offenbar das gesammte Geistesleben einer Nation 
betheiligt; und darauf gründet sich das Recht und die Pflicht 
des States, mit seinen Mitteln zu helfen, dasz die besten 
Werke auch in würdiger Form der Nation dargestellt werden. 
Es geschieht in dieser Hinsicht in unsern modernen Staten 
eher zu wenig als zu viel. Es ist nicht zu tadeln, wenn her- 
vorragende Nationaltheater durch Statszuschüsse unterstützt 
werden. Vielmehr hätte der moderne Stat wohl Veranlassung, 
auch den weniger bemittelten Classen von Zeit zu Zeit den 
Genusz trefflicher Werke zugänglicher zu machen, indem er 
einen erheblichen Theil der Kosten auf sich nimmt oder un- 
entgeltiche Eintrittskarten vertheilt. Es sollte überhaupt in 
dieser Hinsicht mehr zu Gunsten der arbeitenden Classen 
geschehen. Die wohlhabenden Classen können leichter für 
sich selber sorgen. 

3. Eine analoge Bedeutung haben für die allgemeine 
Cultur die bildenden Künste der Malerei, der Sculptur, 
der Architektur. 

Im Mittelalter war, wie die Wissenschaft, so auch die 
Kunst, vorzugsweise von religiösen Motiven erfüllt, und im 
Dienste der Kirche. Allmählich hat sich , wie zuvor im Alter- 
thum, eine weltliche Kunst entwickelt, welche der bürger- 
lichen Gesellschaft und dem State zur Zierde gereicht, und 
das weltliche Leben verschönert. 



Siebentes Capitel. Sorge des States für die schöne Litteratur etc. 



277 



Auch die Kunst ist ihrem Wesen nach frei von dem 
Statsgebot , das Werk des individuellen Geistes. Aber wieder 
hat der Stat ein mittelbares Interesse an der künstlerischen 
Entwicklung der Nation und die Pflicht, dieselbe freundlich 
zu pflegen und zu fördern. Zu diesem Zwecke gründet und 
unterhält er Kunstschulen und Sammlungen der Meisterwerke 
der Malerei und Sculptur. 

Die Denkmäler, die er errichtet, verherrlichen die 
Verdienste groszer Männer und die groszen Thaten der Völker 
und ihrer Fürsten, der Heere und ihrer Generale. Sie erhalten 
ein dankbares Andenken an dieselben lebendig in den Herzen 
der folgenden Geschlechter, ermuntern zu patriotischer Tu- 
gend, zur Pflichterfüllung, zur Nacheiferung, und erfreuen 
und verschönern das Leben. 

Am bedeutendsten wirkt unzweifelhaft die Architektur 
auf den Geist auch der groszen Volksclassen. Monumentale 
öffentliche Gebäude in schönem und edlem Style erheben die 
Beschauer über die Niederungen des gemeinen Lebens , geben 
der Volksseele einen Schwung und wecken in ihr erhabene 
Gefühle für Ehre, Würde, Hoheit, Schönheit. Sie bereichern 
die Geister mit unsterblichen Ideen, und reinigen und ver- 
edeln die Gemüther. 

Die Würde des States erfordert es,'dasz seine öffent- 
lichen Gebäude sich von den Privatgebäuden durch den 
Adel und die Hoheit der Formen abheben und ähnlich, wie 
die der Gottesverehrung geweihten Kirchen die Massen mit 
Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen. Der philiströse , ledig- 
lich den äuszeren Nutzen berechnende Kleinsinn darf hier 
nicht den Baurisz zeichnen. Die Majestät des Stats bedarf 
auch eines majestätischen Ausdrucks seiner äuszern Er- 
scheinung. 



Sechstes Buch. 
Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



Erstes Capitel. 

Das Ideal der vollkommenen Statsverfassung. 

Der Unmuth über die peinlichen Mängel der wirklichen 
Statszustände , die Sehnsucht nach Verbesserung derselben 
und die fröhliche Hoffnung steter Vervollkommnung haben oft 
phantasiereiche Geister zu dem Versuche begeistert, sich das 
Ideal eines vollkommenen States in Gedanken auszubilden, 
welches dem Leben wie ein glänzender Stern die Wege durch 
die Nacht zu dem endlichen Ziele beleuchte und zeige. Es 
sind so zahlreiche Statsromane, Keformvorschläge und ideali- 
sirte Verherrlichungen vorhandener Staten entstanden. Robert 
von Mohl hat uns in seiner Geschichte und Litteratur der 
Statswissenschaften (Bd. I. Abh. III) eine Ueberschau dieser 
idealen Statenbilder vorgeführt, unter denen neben dem State 
von Piaton und der Kyropädie von Xenophon, die Utopie 
des englischen Kanzlers Thomas Morus und der Telemach 
des Bischofs Fenelon die berühmtesten sind. Wohl können 
auch die gefährlichen Schwärmereien der Wiedertäufer und 
die Phantasien der modernen Communisten und Socialisten 
dieser Gattung hinzugefügt werden. 



Erstes Capitel. Das Ideal der vollkommenen Statsverfassung-. 



279 



Ernste Statsmänner und echte Politiker haben sich durch 
solche erdachte Statenbilder niemals leiten lassen und darin 
meistens nur ein unfruchtbares Spiel jugendlichen Sinnes 
erkannt. Manche dieser Ideale erschienen ihnen dann als 
kindische Verkehrtheiten, andere als anmuthige, aber flüch- 
tige Träume. Wo aber die Völker gelegentlich den Versuch 
wagten, solche Phantasien zu verwirklichen, da sind dieselben 
jämmerlich gescheitert und statt des ersehnten Friedens und 
Segens hat die Gesellschaft dann blutige Gräuel und den 
wilden Brand toller Leidenschaften wahrgenommen. 

Eine vollkommene Statsverfassung setzt ein voll- 
kommenes Volk voraus, das in dem State lebt; und dieser 
Voraussetzung widerspricht die Menschennatur. 

Deszhalb aber darf man nicht das Streben nach Ver- 
vollkommnung des Stats verwerfen, und nicht die Ideale 
der Politik überhaupt gering schätzen. Man wird nur solche 
Ideale verwerfen , welche sich um die realen Grundlagen des 
Volkes und Landes, für welches der Stat als Lebensbedingung 
und organisirte Gestalt des Gemeinwesens gelten soll, nichts 
kümmern und davon abstrahiren. ^ 

Da die Völker verschieden sind in ihrer Natur, ihrer 
Geschichte, ihrem Geiste und ihrem Streben, so bedürfen sie 
auch verschiedener Verfassungsformen. Es ist daher ebenso 
thöricht, allen Völkern die Republik als die allein wahre 
. Statsform zu empfehlen, als alle Völker der monarchischen 
Statsform unterwerfen zu wollen. Der ganze Gedanke einer 
für alle Zeiten und alle Völker gültigen Verfassung ist falsch. 
Eher noch lieszen sich dieselbe Tracht und derselbe Baustyl 
auf der ganzen Erde und die gesammte Menschheit durch- 
führen. 

Dennoch gibt es einen allgemeinen Maszstab , an dem 
wir den Werth und die Güte einer Verfassung bemessen 
können. Derselbe läszt sich nach den Hauptaufgaben be- 
stimmen, welche die Politik zu erfüllen hat: 



280 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



1) für die Freiheit der einzelnen Individuen, die im 
State leben, und demgemäsz für die reichste Entfaltung der 
individuellen und gesellschaftlichen Anlagen; 

2) für die Einheit, die Actionsfähigkeit und die 
Wohlfahrt des ganzen Volkes, d. h. Entwicklung der 
nationalen Anlage, welche einer Autorität der Statsgewalt 
bedarf, die möglichst vor den Gefahren willkürlicher Despotie 
bewahrt werden und zugleich möglichst wirksam und energisch 
sein soll; 

3) für die Förderung der Menschheit. 

Offenbar ist die Verfassung eines Stats dann die voll- 
kommenste, wenn sie für diese dreifachen Hauptaufgaben 
aller Politik, der Freiheit der Einzelnen, der Wohlfahrt des 
ganzen Volks, der Bestimmung der Menschheit, je nach den 
Mitteln und Kräften, welche der geschichtliche Stat besitzt, 
möglichst Vieles leistet; wenn sie also mit reichster Mannig- 
faltigkeit im Einzelnen die volle Energie der Einheit ver- 
bindet, und die Pflichten, welche die Einzelnen und die Völker 
gegen die Menschheit haben, am besten übt. 

Wenn man diesen Maszstab an die modernen Staten im 
Vergleich mit den antiken und den mittelalterlichen anlegt, 
so ergeben sich folgende für die ersteren günstige Resultate : 

1) Die Privatfreiheit ist in den modernen Culturstaten 
allgemeiner auf alle Classen der Bevölkerung verbreitet als 
in den antiken Staten und gleichmäsziger anerkannt als im 
Mittelalter. In Folge dessen ist das moderne Individualleben 
mannigfaltiger und reicher geworden. Die volle Geistesfrei- 
heit ist durchaus modern und die köstlichste Errungenschaft 
der Neuzeit. 

2) An einheitlicher und machtvoller Ausbildung der Stats- 
autorität steht der moderne Stat dem antiken ziemlich gleich, 
übertrifft aber das mittelalterliche Statswesen entschieden. 
Und selbst der antiken Machtvollkommenheit des Stats gegen- 
über hat die moderne die zwei Hauptvorzüge der Selbst- 



Zweites Capitel. Demokratische und aristokratische Ideen. 281 



beschränkung auf das politische Gesammtieben und der besse- 
ren Ausbildung der Garantien gegen Willkürherrschaft für 
die Freiheit des Volks und der Einzelnen. 

3) Ebenso ist das Bewusztsein der Pflichten aller Staten 
gegen die Menschheit klarer und die Macht des humanen 
Geistes gröszer geworden. Die modernen Staten haben eher 
ein menschliches Gepräge und ein menschliches Streben. Sie 
dienen daher in höherem Grade dem Fortschritte der Mensch- 
heit und sind sich, wie die Entwickelung des Völkerrechts 
zeigt, der Pflichten aller Völker gegen die Menschheit be- 
wuszter geworden. 



Zweites Capitel. 

Demokratische und aristokratische Ideen. 

Unter allen, insbesondere den arischen Nationen, zeigt 
sich der Gegensatz der demokratischen und der aristo- 
kratischen Ideen. Die inneren Verfassungskämpfe werden 
sehr oft von diesem Gegensatze bewegt. Derselbe tritt nicht 
selten als feindlicher Widerspruch auf. Die eine Richtung 
sucht die andere zu überwältigen. Bald unternimmt es die 
Demokratie , die aristokratischen Elemente durch ihr Schwer- 
gewicht niederzudrücken. Bald versucht es die Aristokratie 
durch ihre Autorität, die demokratischen Massen sich dienst- 
bar zu machen. Der Gegensatz ist keineswegs der Bepublik 
eigentümlich ; er wird auch in der Monarchie sichtbar. Keine 
Statsform vermag ihn völlig zu beseitigen. Oft wechselt der 
Sieg zwischen Demokratie und Aristokratie. 

Die modernen Repräsentativstaten, sowohl die constitu- 
tionelle Monarchie als die repräsentative Bepublik, bemühen 
sich, diesen Gegensatz friedlich zu versöhnen. Sie verwerfen 
die absolute Alleinherrschaft eines jeden der beiden Principien 



232 Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



und suchen zugleich beiden gerecht zu werden, indem sie 
dieselben wechselseitig ermäszigen und beschränken. 

Die Wissenschaft der Politik hat die Aufgabe, den 
Gegensatz vorerst in seiner einseitigen und ausschlieszlichen 
Gestalt darzustellen und zu prüfen. Dann werden sich auch 
die Mängel der beiden Principien nicht verbergen können 
und wird man begreifen, wie in beiden relative Wahr- 
heiten als Kern enthalten sind, deren wechselseitige Aner- 
kennung richtiger und fruchtbarer ist, als der verderbliche 
Widerspruch beider und das Streben nach absoluter Allein- 
herrschaft. 

Demokratische Ideen. Aristokratische Ideen. 

1. Der Grundgedanke der 1. Der Grundgedanke der 
Demokratie ist die mensch- Aristokratie ist, es gibt Un- 
liche Rechtsgleichheit, terschied-e unter den Hen- 
aus welcher sie die politi- sehen. Den besseren und 
sehe Gleichberechtigung edlerenElementengebührt 
Aller ableitet. Ihr Hauptsatz die Herrschaft über die ge- 
lautet: „Allen Bürgern ge- meine Menge. Ihr Haupt- 
bührt gleicher Antheil satz heiszt: „Die Vorzüg- 
an der Statsleitung." Sie licheren sollen regieren 
verwirft alle Vorrechte ein- über die Gemeinen." Sie 
zelner Stände oder Classen als verachtet die gleichmäszige 
ungehörige Privilegien. Theilnahme Aller als Gemein- 
heit und Pöbelhaftigkeit. 

In beiden Ansichten ist offenbar ein Stück Wahrheit, 
aber in keiner von beiden die volle Wahrheit und beide 
werden entstellt durch den einseitigen Eifer. 

Die Rechtsgleichheit, auf welche die Demokratie sich 
stützt, hat unbestreitbar in der Gemeinschaft der mensch- 
lichen Natur einen guten Grund. Es kommt ihr überdem 
der grosze Zug der Geschichte zu Statten , welcher die Stats- 
pflichten und demgemäsz die statlichen Rechte auf alle Kreise 



Zweites Capitel. Demokratische und aristokratische Ideen. 



283 



der Bevölkerimg ausdehnt, und dieselbe wie zu würdigem 
menschlichem Dasein, so auch zur Theilnahme an dem öffent- 
lichen Leben beruft und dadurch erhebt. 

Wenn man aber nur diese Gleichheit vor Augen hat, 
und die ebenfalls unter den Menschen zu Tage tretende Ver- 
schiedenheit gar nicht beachtet, so ist es ganz unmöglich, 
den Stat zu begreifen, welcher ohne den irgendwie sichtbaren 
Unterschied der Regierenden und der Regierten nicht zu 
denken ist, — eine Wahrheit, die schon Aristoteles erkannt 
und der Nachwelt hinterlassen hat. Gibt man keine Unter- 
schiede zu, so kann man den Stat nicht ordnen; denn ordnen 
heiszt zuerst unterscheiden. Die Vorwürfe, welche den De- 
mokraten so oft gemacht werden, dasz sie das Edle in den 
Staub der Gemeinheit niederziehen und durch ihre Gleich- 
macherei zuletzt dem rohesten Pöbel die Herrschaft in die 
Hände geben, erhalten in Folge jener Uebertreibung eines an 
sich richtigen Verlangens eine gewisse Berechtigung. 

Umgekehrt kann die aristokratische Ansicht sich wieder 
mit Recht auf die menschliche Geschichte berufen, 
indem sie die Verschiedenheit unter den Menschen betont. 
In der Geschichte werden die Gegensätze und Unterschiede 
offenbar, welche die Menschen bewegen, trennen, verbinden, 
die einen vor den andern auszeichnen. Und die Logik kann 
nichts gegen den Satz einwenden, dasz die Führung der 
Völker den Befähigteren und Besseren naturgemäsz zukomme. 

Aber indem die Aristokraten wieder blindlings diesem 
Stück Wahrheit nachgehen, und immer nur auf die Vorzüge 
und die vorzüglichen Classen und Einzelnen schauen, ver- 
gessen sie die gemeinsame menschliche Grundlage, welche 
auch die ausgezeichnetesten Männer mit den Gemeinen und 
Gewöhnlichen verbindet. Sie bedenken nicht, dasz der Stat 
voraus eine Gemeinschaft Aller ist, und nicht eine Ge- 
sellschaft der Bessern. Sie trennen sich so von dem 
menschlichen und dem nationalen Zusammenhang; und indem 



284 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



sie verachtend auf die niedere Menge zurück schauen, über 
die sie sich erheben, gewahren sie nicht, dasz sie den Boden 
unter den Füszen verlieren und ihre Vorzüge zu leeren Pri- 
vilegien und Fictionen werden. Auch da führt die eitle und 
hochmüthige Selbstüberhebung zu schmählichem Fall; und 
der Hohn der gekränkten und empörten Menge folgt den 
gefallenen Aristokraten nach. 

Wie der Fehler der beiden Ansichten in der Einseitig- 
keit liegt, mit welcher jede ihr Stück Wahrheit allein fest- 
hält und von dem anderen nicht zu entbehrenden Stücke 
trennt, so liegt die Wahrheit in der Verbindung beider 
Stücke. Wir müssen die natürliche Rechtsgleichheit als Grund- 
lage mit der geschichtlichen Rechtsunterscheidung als Ent- 
wicklung verbinden, und dadurch beiden Gedanken Geltung 
verschaffen und beide vor Uebertreibungen und Entstellungen 
bewahren. 

Demokratische Ideen. Aristokratische Ideen. 

2. Das zweite Gesetz der 2. Nicht die Quantität 
Demokratie, eine Folge des entscheidet, sondern die Qua- 
ersten, lautet: „Der Wille lität. Die Autorität be- 
derMehrheitistderVolks- stimmt die Majorität, nicht 
wille. Die Minderheit umgekehrt. Diebess er eMin- 
musz sich allezeit der derheit musz die schlech- 
Mehrheit unterordnen." tere Mehrheit beherr- 
schen. 

Auch hier ist in beiden Sätzen ein Stück Wahrheit, und 
wieder liegt die Gefahr in der einseitigen Uebertreibung. Die 
Volksmehrheit ist unter allen Umständen eine im State wohl 
zu beachtende Macht. Die groszen Massen sind die natür- 
liche Basis des ganzen Stats. In ihnen ist überall die gröszte 
Menschenkraft und meistens auch die gröszte Vermögenskraft. 
Vorzugsweise um ihrer willen und für sie wird regiert und 
verwaltet; ohne sie und wider sie kann keine Regierung auf 



Zweites Capitel. Demokratische und aristokratische Ideen. 



285 



die Dauer bestehen. Der ist kein Statsmann, der die Massen 
als einen bloszen Stoff betrachtet, der in seine Hände ge- 
geben sei, damit er ihn beliebig knete und gestalte. Dieser 
Irrthum ist besonders in unsern Zeiten gefährlich, in denen 
auch in den untern Massen das Bewusztsein erwacht ist, clasz 
sie aus Menschen bestehen und mit ihren Regenten insofern 
gleichartige Wesen seien. Aber auch der ist nicht würdig, 
ein Volk zu regieren, der nur auf die Meinungen und die 
Wünsche der Menge horcht und unter allen Umständen dem 
Willen der Mehrheit dient, auch da sclavisch dient, wo die 
Mehrheit, sei es leidenschaftlich erregt, Schädliches begehrt, 
sei es in träger Buhe oder eitler Sorglosigkeit sich gegen die 
nothwendige Reform sträubt. Dem ersteren Irrthum begegnen 
wir öfter in Demokratien, dem letzteren eher in monarchisch 
oder aristokratisch regierten Staten. 

Die Zahl, beziehungsweise die Mehrheit, ist wirklich ent- 
scheidend unter der Voraussetzung der Gleichheit. 
Wenn auf ebenem Boden Mehrheit und Minderheit einander 
gegenüber stehen und diese keine besonderen Vorzüge vor 
jener hat, so ist der einzig sichtbare Vorzug der gröszeren 
Zahl auf Seite der Mehrheit durchaus geeignet, die Wage zu 
deren Gunsten sinken zu machen. Das Uebergewicht ist, 
wenn eine Masse gleichartiger Dinge abgewogen werden, immer 
bei der gröszeren Zahl. Es ist daher ein naturgemäszes Ge- 
setz, das von jeher bei allen rechtskundigen Völkern allge- 
meine Anerkennung gefunden hat: Jede auf einer Ver- 
bindung vieler gleichartiger Personen beruhende 
Gemeinschaft (Rath, Behörde, Kammer, Gemeindeversamm- 
lung, Wahlkörper, Genossenschaft) äuszert in der Regel ihren 
Gesammtwillen durch den Willen der Mehrheit der 
versammelten Glieder, und die Minderheit ist sodann 
genöthigt, sich dem Beschlüsse oder der Wahl der Mehrheit 
zu fügen. 

Es ist ebenso eine Consequenz des obigen Satzes, dasz 



28G 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



die Wohlfahrt der Volksmehrheit in jedem State vor- 
aus zu berücksichtigen ist. Die Interessen der Minderheit 
müssen von Rechtswegen nachstehen, sobald sie unvereinbar 
werden mit der Wohlfahrt der Mehrheit. Indem hier nicht 
von der activen Mehrheit der Beschlieszenden und Regieren- 
den, sondern von der passiven Mehrheit der Regierten die 
Rede ist, für welche der Statsmann zu handeln den Beruf 
hat, so stehen sich in der Eigenschaft als Regierte die ver- 
schiedenen Volksclassen zunächst gleich und es fällt daher 
die Masse ins Gewicht. 

Aber die Zahl, beziehungsweise die Mehrheit, ist da nicht 
entscheidend, wo nicht gleiche Dinge mit einander verglichen 
werden, sondern die Verschiedenheit der Factor en 
vorausgesetzt wird. Wo in der Statsordnung eine Minder- 
heit höher steht, als die Mehrheit unter ihr, da musz jene, 
nicht diese den Ausschlag geben. Das Gebot des einen Offi- 
ciers bestimmt die grosze Mehrzahl der Soldaten; der Wille 
des Feldherrn durchdringt und bewegt die ganze Armee. 
Wenige Richter urtheilen über zahlreiche Parteien. Je die 
höhere Gerichtsinstanz bildet eine Minderheit gegenüber der 
Mehrheit von Untergerichten ; und dennoch üben die wenigen 
Oberrichter eine Autorität — unter sich selber freilich wieder 
gleichgeschätzt und daher mit Mehrheit beschlieszend, — 
welcher die zahlreichen untern Instanzen sich unterordnen 
müssen. Die Verwaltung der Geschäfte, die Politik der Re- 
gierung, die Thätigkeit der Gesetzgebung beruhen überall 
vorzugsweise auf der Arbeit von Minderheiten, die durch ihren 
Beruf und ihre Bildung sich abheben von der groszen Mehr- 
zahl der Bürger. 

Die Gefahr unsrer, den demokratischen Ideen zugeneigten 
Zeit ist die, dasz auch in solchen Fällen der Zahl, d. h. der 
Mehrheit der Köpfe der Entscheid überlassen wird, wo die 
Verhältnisse und Bedürfnisse die Berücksichtigung der Qua- 
lität, insbesondere der Fähigkeit fordern. Das mathematische 



Zweites Capitcl. Demokratische und aristokratische Ideen. 



287 



Princip der Kopfzahl macht sich heute leicht auch da gel- 
tend, wo das organische und psychologische Princip der qua- 
litativen Würdigung der Kräfte beachtet werden sollte. Es 
ist leichter, die Köpfe zu zählen als ihre Fähigkeiten zu 
prüfen und zu messen ; aber wenn die Wohlfahrt eines Volkes 
in Frage ist, dann ist Letzteres ersprieszlicher als Ersteres. 
Unser heutiges Wahlsystem, das nur die Quantität schätzt, 
und die verschiedenen Qualitäten gänzlich ignorirt, ist offen- 
bar eine Ueberspannung des demokratischen Princips. 

Im Mittelalter war die entgegengesetzte Uebertreibung 
gewöhnlich. Damals wurde der Unterschied der Stände über 
Gebühr geschätzt, bis zur Spaltung der Nation und bis zur 
Unterdrückung des Menschenrechts; Klerus und Adel, d. h. 
die aristokratischen Classen, beherrschten Alles; die Gemein- 
freiheit wurde von den wuchernden Privilegien erstickt. 

Die aus solchen Einseitigkeiten entspringenden Uebel 
werden nicht dadurch geheilt, dasz man aus dem einen Ex- 
trem in das andere hinüber taumelt, sondern dadurch, dasz 
man jedes der beiden Principien in seinem Hechte anerkennt 
und durch die Verbindung mit dem andern ergänzt und be- 
schränkt. 

Demokratische Ideen. Aristokratische Ideen. 

3. „Die öffentlichen 3. „Die unwissende Menge 

Aemter und Würden sind ist von den Aemtern fern zu 

Jedermann zugänglich, halten. Nur ausgezeichne- 

Dieselben dürfen nicht ein ten Personen darf ein öfFent- 

Privilegium einzelner Classen, liches Amt anvertraut wer- 

Fämilien, Personen sein." den." 

Wird der demokratische Satz so verstanden, dasz nicht 
blosz die Bahn zu den Aemtern Allen eröffnet, sondern auch 
möglichst in gleicher Weise allen Bürgern der Besitz der 
Aemter gewahrt wird, so kommt man consequent zu den Loos- 
ämtern, welche ohne Unterscheidung der Fähigkeiten aus 



288 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



den gleichen Bürgern durch Zufall besetzt werden, wie die 
Demokratie Athens sie geliebt und den Wahlämtern vor- 
gezogen hat, welche die vorzüglicheren Männer erheben und 
daher den Athenern als „aristokratisch" verhaszt waren. Die 
rücksichtslose Durchführung des aristokratischen Satzes treibt 
zur Ausschlieszung aller untern Volksstände von den Aem- 
tern und zu einem beschränkten Privilegium der vornehmen 
Gassen als der allein Regierungsfähigen. Die Erbämter 
sind das aristokratische Gegenbild der demokratischen Loos- 
ämter. 

Das neuere Statsrecht versucht hinwieder durch Verbin- 
dung der entgegengesetzten Behauptungen beide ihrer Ein- 
seitigkeit zu entkleiden und hat so die fruchtbare Wahrheit 
gewonnen: „Die Bahn, um zu den Aemtern zu ge- 
langen, wird allen Bürgern eröffnet, aber nur wer 
sich hervorthut, kommt ans Ziel." Die Gleichheit ist 
die Grundlage, die Auszeichnung ist die Entwicklung. Daher 
wird das Loos von der heutigen Demokratie in der Regel ver- 
worfen, und die aristokratische Wahl allgemein gutgeheiszen, 
weil die zweckgemäsze Ausübung der Aemter ausgezeichnete 
Eigenschaften der Beamten fordert, und daher die Prüfung 
und Unterscheidung der Fähigkeit unerläszlich ist. Nur am 
Zugang zur Bahn, nicht am Ende derselben wird die Gleich- 
heit vorausgesetzt. Ebenso hat die neuere Monarchie die 
mittelalterlichen Vorrechte der aristokratischen Stände auf 
die Regierungs- und Justizämter aufgehoben und den Söhnen 
aus allen Classen der Bevölkerung die Möglichkeit gewährt, 
sich eine höhere Bildung anzueignen und in Folge dessen 
zu den Statsämtern aufzusteigen. Also überall Verbindung 
des demokratischen und des aristokratischen Gedankens. Die 
Praxis bleibt freilich oft noch hinter der gereinigten Idee 
zurück und selbst in den gesetzlichen Einrichtungen fehlt 
es zuweilen noch an principieller Klarheit. Wer aber die 
Entwicklung seit dem achtzehnten Jahrhundert überschaut, 



Zweites Capitel. Aristokratische und demokratische Ideen. 



289 



dem bleibt die steigende Macht jener Ideenverbindung nicht 
verborgen. 



Demokratisch. 

4. Die Demokratie liebt den 
öfteren Wechsel der Beam- 
t e n. Sie verlangt kurze 
Amtsdauer und öftere 
Wa h 1 e n im Interesse der Frei- 
heit der Wahlen. 



Aristokratisch. 

4. Die Aristokratie liebt die 
Stätigkeit der Aemter. Sie 
verlangt befestigte Auto- 
rität der Beamten. 



Der öftere Wechsel in der Besetzung der öffentlichen 
Aemter und Stellen begünstigt die gleiche Betheiligung Aller 
und den Einflusz der Regierten. Derselbe schützt das öffent- 
liche Leben vor Fäulnisz, verhindert grobe Miszbräuche der 
Amtsgewalt, regt zur Thätigkeit an und fördert die Freiheit. 
Aber ein übermäsziger Wechsel oder ein Wechsel am un- 
rechten Orte hat auch schwere Uebel im Gefolge. Er kann 
auch die Autorität erschüttern, die Politik und Verwaltung 
ins Schwanken bringen und unsicher machen, jede weitaus- 
sehende Unternehmung verhindern , der Bevölkerung periodi- 
sche Wahlfieber zuziehen und den begabtesten Männern die 
Aemter verleiden. 

Die kurzen Amtsperioden, an sich eine demokratische 
Einrichtung, kommen freilich auch in aristokratischen Staten 
vor. In der alten römischen Republik wurden die Magistra- 
turen meistens alljährlich neu besetzt. In den patricischen 
Reichsstädten des Mittelalters waren halbjährige Rathswahlen 
nicht selten. Aber auch da haben die aristokratischen Stats- 
männer zugleich auf Mittel Bedacht genommen , den Gefahren 
eines öfteren Wechsels zu begegnen. In Rom konnte doch 
nur ein Mann von beinahe fürstlichem Ansehen wirklich ge- 
wählt werden und in den Reichsstädten hatten die ehrsamen 
Rathsherrn trotz der sechsmonatlichen Wandlung des Regi- 
ments ihre Stellen gewöhnlich auf Lebenszeit inne und wech- 

Bluntschli, die Politik. 19 



290 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



selten nur wie zwischen Arbeit und Ruhe jedes halbe Jahr 
in der Ausübung ihrer Amtspflicht. Wo aber die Aristokratie 
einseitig durchgebildet ist, da hört auch jener Wechsel auf 
und die Aemter werden auf lange Dauer oder auf Lebenszeit 
verliehen, wie in vielen aristokratischen Städtestaten des 
Mittelalters, oder gar nach den Grundsätzen des Erbrechts 
an bestimmte aristokratische Familien abgegeben, wie in dem 
mittelalterlichen deutschen Reich die Grafenämter, die Vogtei- 
gerichtsbarkeit und sogar die Schöffenstühle. Die Aristokratie 
macht sich auf diese Weise unabhängig von der Menge. Nur 
unter sich selber wählt sie, in ihrer Mitte die Gleichheit be- 
tonend. Die Wahlen in Venedig zu den Aemtern der Zehn, 
der Signorie, dem Senat, kehrten in kurzen Perioden wieder, 
aber die Wähler selber, der Grosze Rath der Nobili, waren 
die stätige Obrigkeit und standen hoch über dem Demos, 
dem sie keine Wahlrechte einräumten. 

Die moderne, insbesondere die monarchische Staten- 
bildung, sucht auch hier unbefangener die Vorzüge, beider 
Grundsätze zu verbinden und ihre Mängel zu vermeiden. Wo 
es auf Repräsentation der Volksinteressen und Volks- 
meinungen ankommt, wie bei den Abgeordneten zu der Volks- 
vertretung, da folgt sie dem System der öfteren Wahlerneue- 
rung. Ebenso wenn eine abwechselnde Betheiligung vieler 
Bürger bei den Geschäften der Statsverwaltung (Kreisaus- 
schüsse, Bezirksräthe) oder bei der Rechtspflege (Geschworne, 
Schöffen) zweckmäszig erscheint. 

Wenn dagegen eine besondere Berufsbildung nöthig er- 
scheint und die Befestigung der öffentlichen Autorität (Re- 
gierungsämter) oder die Rechtskunde (Richterämter) oder die 
Sicherung eines wissenschaftlichen oder technischen Berufs- 
amts (Professoren , Ingenieure u. s. f.) zu beachten ist , dann 
zieht die heutige constitutionelle Monarchie dauernde An- 
stellung mit pragmatischen Rechten der Beamten vor und 
vermeidet so den Einflusz wechselnder Stimmungen, sei es 



Zweites Capitel. Demokratische und aristokratische Ideen. 291 

der Regierten und Verwalteten , sei es der Fürsten und selbst 
der Minister. 

Demokratisch. 

5. Die gemeine durch- 
schnittliche, gleich- 
mäszige Volksf reihe it und 
Volks ehre werden von der 
Demokratie hochgeschätzt und 
energisch vertheidigt. Dagegen 
ist sie der besonderen, sich 
von dem groszen Haufen ab- 
zweigenden Freiheit und Ehre 
einzelner Classen oder Indi- 
viduen nicht ebenso geneigt. 

Der demokratische Gedanke ist richtig, wenn er durch 
den aristokratischen Gedanken ergänzt wird, und er wird 
falsch, wenn er eine absolute Alleingeltung anspricht. Die 
allgemeine Freiheit ist die Grundforderung jedes freien Volks, 
und die menschliche Gemeinehre die hauptsächliche Grund- 
lage und Garantie jeder Ehre. Ein Volk, in welchem der 
Sinn für Menschenwürde und Menschenwerth erwacht ist, hat 
auch ein Verständnisz für die Menschenpflicht und für die 
Bestimmung der Menschheit. Man kann den sittlichen Werth 
der Völker nach dem Werthe bemessen , den sie der gemeinen 
Ehre zuschreiben. Nur die höheren Völker haben ein empfind- 
liches Ehrgefühl, und nur diese Völker sind für politische 
Freiheit reif. 

Aber man darf nicht auf der Höhe dieser Grundlage 
stehen bleiben. Aus ihr steigen wie Stengel mit Blüthen und 
Samen auch die Triebe einer höheren Freiheit der begabteren 
und gebildeteren Individuen und eine besondere Ehre ein- 
zelner Berufsclassen oder Personen empor. Der demokrati- 
sche Neid und Hasz gegen alle Auszeichnung ist eine ver- 



Aristokratisch. 

5. Die Aristokratie bildet 
mit Vorliebe die Sonder fr ei- 
heit und die Standesehre 
der höheren Classen aus. In 
einseitiger Ueberschätzung und 
in hochmüthiger Selbstüber- 
hebung wird sie dann zur Ver- 
achtung der tiefer stehenden 
Classen verleitet. 



292 Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



ächtliche und schädliche Untugend, denn sie hindert und 
miszachtet die edelsten und seltensten Güter der Menschheit 
und selbst die Menge sinkt tiefer herab, wenn sie nicht 
fortwährend durch aufstrebende Geister angeregt und ge- 
hoben wird. 

Das demokratische Verlangen nach Anerkennung der ge- 
meinen Menschenfreiheit und Menschenehre ist in der Men- 
schennatur, welche das Ebenbild Gottes ist, wohl begründet. 
Aber innerhalb dieses gemeinen Rechts gibt es doch feinere 
Unterschiede und Abstufungen, die dem Gesichtskreise der 
Mehrzahl nicht ebenso nahe liegen, wie dem feineren und 
geübteren Sinn der höheren (aristokratischen) Classen. Die 
Freiheit origineller Geister, die anfangs von der Menge nicht 
verstanden werden und das gesteigerte Ehrgefühl der Helden 
und der Weisen üben von jeher auf die Civilisation und die 
Fortschritte der Völker und der Menschheit einen mächtigen 
Einflusz aus. Deszhalb dürfen sie nicht vernachlässigt, nicht 
unterdrückt werden. 

Demokratisch. Aristokratisch. 



6. Die demokratische Rechts- 
bildung stützt sich mit Vorliebe 
auf den Volkswillen. Das 
Gesetz, als Ausdruck des 
Volkswillens, ist die wichtigste 
und fruchtbarste Rechtsquelle. 
Die Demokratie leugnet nicht 
die Autorität des Herkommens, 
aber sie will sich nicht durch 
dasselbe hemmen lassen in be- 
liebiger neuer Festsetzung des 
Rechts. Zuweilen verwechselt 
sie aber den vernünftigen 
Volkswillen mit launischer oder 



6. Die Aristokratie verehrt 
voraus die offenbar gewor- 
dene Autorität, und am 
meisten, wenn sie durch 
das Alter geheiligt ist. 
Deszhalb betrachtet sie mit 
frommer Scheu und Ehrfurcht 
das Herkommen, die von Ge- 
schlecht zu Geschlecht über- 
lieferte Gewohnheit. Sie 
hat Vorliebe für die ange- 
stammte Vornehmheit, für die 
edle Rasse und hält, wo es 
irgend thunlich ist, an dem 



Zweites Capitel. Demokratische und aristokratische Ideen. 293 



Demokratisch. 

leidenschaftlicher Volkswillkür 
und verfällt dann in den schwe- 
ren Irrthum, dasz das Recht 
lediglich das Geschöpf ihrer 
Willkür sei.- 



Aristokratisch. 

Erbrechte fest, das die Er- 
rungenschaft der Vergangen- 
heit an die Gegenwart und Zu- 
kunft vermittelt. Sie beachtet 
aber den nothwendigen Cha- 
rakter des geschichtlichen 
Rechts und ist misztrauisch 
gegen die gewillkürte Um- und 
Fortbildung des Rechts. 



In dem gesunden Stats- und Rechtsleben sind wieder 
Autorität und Freiheit, Ruhe und Bewegung, Erbrecht und 
Fortschritt, Herkommen und Gesetz nicht einzeln und aus- 
schlieszlich berücksichtigt, sondern beide sind mit einander 
verbunden. Die überlieferte Autorität musz auch von der 
vorwärts strebenden Freiheit geachtet werden, so weit sie noch 
in den Verhältnissen Bestand hat, so weit in ihr noch Fort- 
pflanzung des früheren Lebens ist. Ebenso darf die her- 
kömmliche Autorität nicht die zeitgemäsze Entwicklung der 
Freiheit unmöglich machen, sondern musz sich damit be- 
gnügen, die Ausschweifung und die Ueberstürzung derselben 
zu hemmen und einen geregelten Fortgang zu sichern. Das 
Recht ist seinem Wesen nach nichts willkürlich gemach- 
tes, sondern etwas Nothw endiges, das durch die Natur 
der Dinge und Verhältnisse und die Bedürfnisse des Gemein- 
lebens hervorgebracht wird. Aber die bewuszte gesetzliche 
Aussprache und Fortbildung des Rechts ist eine höhere und 
civilisirtere Form des Rechts als die blosze Festhaltung an 
dem Gewohnheitsrecht. Wenn die Demokratie ihre Aufgabe 
so faszt, so vertritt sie in diesem Falle den Fortschritt. Dasz 
aber auch der Aristokratie die richtige Auffassung nicht fremd 
ist, das beweisen die alten Römer und die heutigen Engländer, 
die beide, obwohl aristokratische Nationen, um die Entwick- 



294 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



lung des Privat- und des öffentlichen Rechts sich weltgeschicht- 
liche Verdienste erworben haben. 



Demokratisch. 

7. Die Demokratie erfreut 
sich groszer massenhafter 
Volksfeste (Sänger-, Tur- 
ner-, Schützen-, Schul-Feste), 
an denen Jedermann gleichen 
Antheil nimmt und legt vor- 
zugsweise Werth auf gemein- 
nützli che Werke (Straszen, 
Eisenbahnen , Volksschulen). 
In den Formen zieht sie das 
schlichte allgeme ine Bür- 
ge r k 1 e i d allen besonderen 
Trachten vor. Groszer Pomp 
und Luxus ist ihr zuwider. 



Aristokratisch. 

7. Die Aristokratie liebt und 
ehrt die feineren und schö- 
neren Formen, und schätzt 
die würdevolle und glän- 
zende Form der äuszeren 
Erscheinung. Auch die Man- 
nichfaltigkeit bunter Trachten 
ist ihr erfreulich. Künstleri- 
schen Schmuck und selbst 
die Pracht weisz sie zu wür- 
digen. Pomphafte Aufzüge 
schätzt sie. 



Auch hier ist nur die einseitige Uebertreibung fehler- 
haft, und ergänzen sich besser die beiden Richtungen. Sicher 
ist das allgemein nützliche die Hauptsache, eine bürgerliche 
bescheidene Haltung im täglichen Leben für Alle gut. Aber 
auch die feineren und künstlerisch verschönten Erscheinungen 
des ideal gehobenen Lebens haben ihr Recht. Sie beleuchten 
mit helleren Lichtern und schmücken mit farbigen und edleren 
Bildern die Alltäglichkeit; sie heben über das Gewöhnliche 
empor. Sie befriedigen den nach Vollkommenheit strebenden 
Geist und erfreuen den nach der Höhe gewendeten Sinn. 

Die künstlerische Begabung hat immer etwas aristokra- 
tisches, denn sie hebt über das Gemeine und Gewöhnliche 
empor und schafft Seltenes und Edelstes. Die Blüthe der 
Kunst bedarf überdem reicher Mittel, sie gedeiht nicht auf 
dürftigem Boden, nicht wo Jedermann genöthigt ist, mühsam 
sein Dasein zu fristen. Dasz die Schätzung und Liebe der 



Drittes Capitel. Republikanische und monarchische Ideen. 295 



Kunst nicht ausschlieszlich der Aristokratie zukomme, sondern 
auch in der Demokratie möglich sei, dafür zeugen Athen, 
Florenz, Nürnberg und Antwerpen, die wohl den Vergleich 
mit Rom, Venedig, den deutschen und den französischen 
Höfen aushalten und das aristokratische und reiche England 
sogar übertreffen. Aber man darf dabei auch nicht vergessen, 
dasz die im Uebrigen demokratisch gesinnten Athener doch 
in künstlerischer Hinsicht hocharistokratisch dachten, und 
sich als Hellenen für besser und edler hielten als alle „Bar- 
baren", und unter den Hellenen wiederum als die Edelsten 
(Aristen); und dasz in Florenz die fürstlichen Medici, und 
in Nürnberg und Antwerpen reiche Kaufleute und vornehme 
Patricier vorzugsweise die Künstler beschäftigten. 

Die Vollkommenheit eines äuszeren Menschenwerks whd 
dann sichtbar, wenn die Nützlichkeit und Zweckmäszigkeit 
derselben mit dem Schmucke der edlen Form harmonisch 
verbunden erscheint. Das eine ohne das andere ist immer 
mangelhaft. Die Nützlichkeit für sich allein versinkt in das 
Rohe und Gemeine, die schöne Form, getrennt von der Zweck- 
mäszigkeit, wird zu eitlem und nichtigem Schein. 



Drittes Capitel. 

Republikanische und monarchische Ideen. 

Man versteht den Ausdruck Republik in weiterem und 
in engerem Sinne. Im weiteren Sinne bezeichnet das Wort 
alle Staten, in denen die Idee des „gemeinen Wesens" (res 
publica) irgendwie lebendig geworden ist, d. h. alle Staten 
mit öffentlichem Recht (jus publicum) im Gegensatz zu 
den Ländern, in denen es kein öffentliches Recht, sondern 
nur die Willkürherrschaft der Machthaber gibt , oder in denen 



29G Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



doch das Recht der Machthaber nicht den Charakter der 
öffentlichen Pflicht hat. In diesem Sinne hat Kant zwischen 
Republiken und Despotien unterschieden. Er heiszt die- 
jenigen Verfassungen republikanisch, in welchen „die freien 
Menschen und gleichen Unterthanen auch Bürger sind," 
d. h. zur Gesetzgebung mitwirken, und Despotien die Staten, 
in welchen den Unterthanen keine öffentlichen Rechte zu- 
stehen, d. h. in denen es kein Statsbürgerthum gibt. Nach 
dieser Begriffsbestimmung ist die constitutionelle Monarchie 
immer eine republikanische Statsform. Die absolute Demo- 
kratie dagegen nennt Kant „die am wenigsten republikanische 
Statsform." Er meint, sie sei nothwendig „despotisch, weil 
Alles der Herr sein will." (Werke VII. 244.) 

Die naturrechtlichen Schriftsteller des siebenzehnten und 
achtzehnten Jahrhunderts brauchen das Wort meistens in die- 
sem weiteren Sinne. Jeder wahrhafte und freie Stat 
ist dann eine Republik. Die Gegensätze der Monarchie, Ari- 
stokratie, Demokratie bewegen sich dann bald innerhalb, bald 
auszerhalb dieses Begriffs. Es gibt dann republikanische 
Monarchien, Aristokratien und Demokratien, und es gibt des- 
potische Monarchien, Aristokratien, Demokratien. 

Die Despotie bildet aber nicht den einzigen Gegensatz 
der Republik, wie Kant gemeint hat. Wir müssen vielmehr 
jede Statsart, in welcher das Bewusztsein des öffentlichen 
Rechts und der öffentlichen Pflicht nicht erwacht und die 
groszen Volksclassen ohne politische Rechte sind, als un- 
republikanisch dem Volksstat (der Republik) entgegen- 
setzen, also auszer der absoluten Despotie sei es eines Für- 
sten oder der Aristokratie oder der Menge auch die Patri- 
archie und den Patrimonialstat , welche den Stat wie ein 
Familiengut oder wie eine Eigenthumsherrschaft betrachten. 

Alle diese unrepublikanischen Staten sind entweder 
Ausartungen der normalen Staten, oder noch unreife 
und unvollständige Statenbildungen. Was die Publicisten 



Drittes CapiteL Republikanische und monarchische Ideen. 



297 



der letzten Jahrzehnte „Rechtsstat" nennen, ist dann so 
ziemlich gleichbedeutend mit dem, was der frühere Sprach- 
gebrauch „Republik" genannt hat. Alle freiere und volks- 
thümliche Statenbildung der Neuzeit ist notlrwendig repu- 
blikanisch in diesem Sinne. Republikanische Ideen 
der Art sind: 

1. Niemand hat eine öffentliche Gewalt als ein Recht 
für sich (Privatrecht), als Eigenthum. 

2. Alle öffentliche Gewalt ist in ihrer Grundursache auf 
die Gemeinschaft der Statsgenossen zurück zu führen, die 
wir bald den Stat (res publica), bald das Volk (populus) 
nennen. 

3. Alles öffentliche Recht ist demgemäss bedingt 
durch die Existenz der Volksgemeinschaft, d. h. es hat seinen 
Inhalt vom State und besteht nur im State. Es ist ver- 
fassungsmässiges Recht. 

4. Es gibt kein öffentliches Recht, sei es einer Person 
oder einer Dynastie oder eines Standes oder einer Körper- 
schaft, das die Ursache seines Daseins ausser dem State 
hätte und demgemäsz auch im Gegensatz zu der Existenz 
und Wohlfahrt des States auf Statsschutz Anspruch hätte. 

5. Alle Amtsgewalt soll der gemeinen Wohlfahrt 
(salus publica) dienen. Wie ihre Ursache die Existenz der 
Gemeinschaft, so ist ihre Bestimmung das Wohl der Gemein- 
schaft. Deszhalb geschieht alle Ausübung der Amtsgewalt 
im Dienste des Stats. Alle obrigkeitliche Gewalt ist 
zugleich Pflicht gegen das Volk (den Stat). 

6. Der wahre Stat ist Volks stat. 

7. Das Statshaupt ist als solches das vornehmste und 
oberste Glied des Volkes, nicht der Eigenthümer des Volkes 
und Landes. 

8. Die Regierten sind zugleich Unterthanen der Obrig- 
keit und freie Statsbürger, d. h. sie sind verpflichtet 
den verfassungsmässigen Beamten und Behörden und den 



298 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



Gesetzen und gesetzlichen Verordnungen und Entscheidungen 
zu gehorchen und sie sind berechtigt, mitzuwirken an der 
Selbstbestimmung des Volkes und States. 

9. Insbesondere beruht alle Gesetzesautorität auf 
der Mitwirkung der Staatsbürger. Das Gesetz bedarf der 
Zustimmung der Volksvertretung. 

10. Ebenso haben die Regierten einen Rechtsanspruch, 
gut regiert zu werden. Die Verwaltung der Statsbeamten ist 
der Controle der Volksvertretung ausgesetzt und ver- 
antwortlich. 

11. Niemand ist einen andern als den verfassungs- 
und gesetzmässigen Gehorsam schuldig. 

12. Die persönlichen Freiheitsrechte Aller werden 
anerkannt und geschützt. 

Das Wort Republik wird aber auch in engerem Sinne 
verstanden, indem man die Demokratie und die Aristokratie 
als republikanische Staatsformen der Monarchie ent- 
gegen setzt. Dieser Gegensatz hat ebenfalls eine statsrechtliche 
und eine politische Bedeutung, wenn gleich eine geringere, als 
der obige Gegensatz der freien Volksstaten und der unfreien 
Staten. Beide Gegensätze werden oft mit einander verwechselt 
oder vermischt und es entsteht daraus eine Verwirrung der 
Sprache und der Begriffe. 

In diesem engeren Sinne heisst man diejenigen Staaten 
Republiken, in denen die oberste Staatsgewalt einer 
Collectivperson, sei es den aristokratischen Classen, 
sei es der Gesammtbür gerschaft, zugeschrieben wird. 

Wohl kann auch in solchen Republiken die Ausübung 
der Regierungsgewalt ein paar Individuen, wie in Rom 
den beiden Consuln, oder sogar einer Einzelnperson, wie 
in Venedig dem Dogen, in den älteren Schweizerrepubliken 
dem Schultheiszen oder Bürgermeister oder Landammann, in 
Nordamerika und in Frankreich dem Präsidenten übertragen 
sein. Es ist mit dieser Republik wohl vereinbar, dass der 



Drittes Capitel. Republikanische und monarchische Ideen. 



299 



Präsident sehr weit gehende Vollmachten erhalte. Der nord- 
amerikanische Präsident übt eine weit grössere Regierungs- 
macht nach seinem eigenen Urtheil und Willen aus als der 
König von England. Er kann sogar unter Umständen eine 
dictatorische Macht erwerben. Aber dieser republikanische 
Vorstand des Gemeinwesens übt die oberste Gewalt doch 
niemals in eigenem Namen, als sein hoheitliches Recht aus, 
sondern immer nur im Namen und aus Auftrag , sei es der 
aristokratichen Classen, sei es des Demos, welche als die eigent- 
lichen und wahren Träger der Statsgewalt angesehen werden. 
Nicht der Umfang der Regierungsgewalt also ist das entschei- 
dende Merkmal, sondern es kommt auf den Sitz des Rechts 
an, welches ausgeübt wird. Der alt-germanische Volkskönig 
vermochte nur wenig ohne die Zustimmung der Edeln und 
ohne den Beifall der Gemeinde, viel weniger als die römischen 
Consuln. Dennoch war das Amt des Ersteren monarchisch, 
weil der Fürst für sich eine hoheitliche Macht war, welche 
die Menge verehrte, und waren die letzteren republikanisch, 
weil die Consuln ihre (ursprünglich königliche) Gewalt ledig- 
lich im Auftrag des römischen Volkes übten. 

Die Unterscheidung zwischen republikanischer Idee in 
diesem engeren Sinne und der Monarchie beruht auch nicht 
auf dem verschiedenen Ursprung der Gewalt. Waitz hat 
es versucht, den Gegensatz vornehmlich auf diese Verschieden- 
heit des Ursprungs zu begründen (Politik S. 37 f. 124 f.). 
Aber er geräth dabei mit den geschichtlichen Thatsachen in 
Widerspruch. Das alt-römische Kaiserthum und das Napoleoni- 
sche Kaiserthum waren unbestritten wirkliche Monarchien, wenn 
gleich beide der Form nach ihre Gewalt von der Uebertragung 
des Volks ableiteten. Die römischen und die französischen 
Kaiser brachten durch diese Form ihre Huldigung der Republik 
im weiteren Sinne dar, aber sie behaupteten eine monarchische 
Gewalt, indem sie sich selber als Inhaber und Träger der 
Regierungsmacht, als wahre Statshäupter erklärten und auch 



300 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



so von den Völkern betrachtet wurden. Auf der andern Seite 
leitete das Berner Patriciat seine Herrschaft in der Stadt und 
über die Landschaft durchaus nicht von der Uebertragung 
der Regierten ab und ebenso wenig die Züricher Stadtbürger- 
schaft ihre Souveränetät über die Landschaft von dem Auftrage 
dieser, und dennoch waren beide mittelalterliche Städtestaten 
unzweifelhaft Republiken im engern Sinn. 

Es kommt also lediglich auf die rechtliche Natur der 
obersten Gewalt, lediglich darauf an, ob dieselbe einem Indi- 
viduum als dem wahren Staatshaupte, wenn auch nicht im 
Sinne des Privatrechts zu Eigenthum, aber im Sinne des 
öffentlichen Rechts zu selbständigem eigenem Recht 
zugeschrieben wird, oder einer Mehrheit von Statsbürgern, 
in deren Auftrag und Namen nur von einem Vorstande die 
jener nicht diesem zustehende Regierungsmacht ausgeübt wird. 

Der Hauptunterschied besteht darin, dasz in der Monar- 
chie möglichst selbständige und würdevolle Individuali- 
sir ung der obersten Gewalt angestrebt, dagegen in der 
Republik vermieden und eher die principielle Unter- 
ordnung auch der Regierungsämter unter den Willen 
der Gesammtheit, in deren Auftrag sie handeln, entschie- 
den betont wird. In dem Monarchen wird die Statshoheit 
und die Statsmajestät personificirt. Der Monarch als der 
berechtigte Träger der obersten Statsgewalt als Souverain 
steht hoch über allen Statsgenossen, seinen Unterthanen. 
Der republikanische Präsident ist nicht Souverain, er übt nur 
die Gewalt aus, die dem Rechte nach der Bürgerschaft (Aristo- 
kratie oder Volk) gebührt, als deren Beauftragter und Stell- 
vertreter. Persönlich steht er nicht über, sondern neben seinen 
Mitbürgern. Nur das Amt verstattet ihm die Ausübung höherer 
Befugnisse. 

Wird das monarchische Princip einseitig übertrieben, so 
gelangt man bis zur Trennung des Monarchen von dem Volke 
und bis zur Ueberordnung desselben über den Stat, d. h. bis 



Drittes Capitel. Republikanische und monarchische Ideen. 



301 



zu einer statswidrigen Erscheinung. Wird das republikanische 
Princip überspannt, so geht die obrigkeitliche Autorität unter 
und die Regierung wird wie die Direction einer Actiengesell- 
schaft aufgefasst. Richtig verstanden aber verneint das monar- 
chische Princip nicht den Zusammenhang des Fürsten mit dem 
Volk. Es erkennt vielmehr an, dass der Fürst zwar das Haupt, 
aber eben deszhalb ein Glied des Volkskörpers sei. Ebenso 
schliesst die wohlorganisirte Republik nicht aus, dasz die 
Regierung eine höhere Autorität und eine übergeordnete 
Gewalt habe und übe. Nur das Verhältnisz der beiden Rück- 
sichten dort auf die individuelle Hoheit des Fürsten, 
hier auf das Uebergewicht der Volkshoheit bleibt in 
beiden Staatsformen verschieden. 

Folgen dieses Hauptunterschiedes sind: 

1. Unrepublikanisch ist der Begriff einer monarchischen 
Dynastie, d. h. einer zur Statsregierung in erblicher Weise 
befähigten und berufenen Familie. Die Republik kann höch- 
stens eine grössere Anzahl von regimentsfähigen (patri- 
ci sehen) Familien vertragen, nicht aber die Concentration 
dieser Ansprüche auf eine einzige Familie. Die Erbaristokratie 
ist weniger republikanisch als die Wahlaristokratie, weil jene 
einigermaszen selbständig auch dem eigentlichen Souverain 
(der Gesammtaristokratie) gegenübertritt, während in dieser 
die Abhängigkeit der Gewählten von dem Vertrauen der 
Wähler offenbar ist. Die Erbmonarchie hinwieder ist mit der 
Aristokratie näher verwandt, weil sie sich über eine Mehrheit 
ausgezeichneter Personen (der Prinzen und Prinzessinnen) 
ausbreitet, während die Wahlmonarchie entschiedener das 
Eine herrschende Individuum emporhebt. 

2. Der volle republikanische Grundsatz heiszt: für jeden 
Statsbürger muss der Weg eröffnet sein, um auf die oberste 
Stufe der Statsleitung empor zusteigen. Es gibt keine dem 
verdienstvollen Bürger unzugängliche Würde im State. 

Die Monarchie kann diesen Grundsatz für alle Stats- 



302 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



ämter zugestehen, mit der einzigen Ausnahme der Würde 
des Monarchen selber. Die Wahlmonarchie eröffnet sogar für 
diese Würde die Bahn von Zeit zu Zeit, aber nur wenn der 
Thron durch Tod oder Abdankung oder Entsetzung des 
Monarchen erledigt wird. Die Erbmonarchie schliesst alle 
übrigen Bürger auszer den Mitgliedern der Dynastie für immer 
von dem Throne aus. 

Die Monarchie wirkt so als Beschränkung des Partei- 
strebens und des wilden Ehrgeizes einzelner Männer. Die 
Würde des Monarchen ist von dem Wechsel der Partei- 
majoritäten unabhängig und der Herrschsucht der Demagogen 
unerreichbar. Viele Culturvölker schätzen diesen Vorzug 
höher, als die Gefahr, dass vielleicht der befähigteste Mann 
von der höchsten Staatsleitung ausgeschlossen wird. Die 
Monarchie gibt dem State durch ihre gesicherte feste und 
hohe Machtstellung Halt, Sicherheit und verleiht ihm höchsten 
Glanz. 

Die republikanische Gesinnung zieht es vor, das Princip 
des Wettbewerbs um die öffentlichen Aemter ausnahmslos 
durchzuführen, trotz der Schwankungen und Gefahren, die 
damit verbunden sind. Sie gibt keinen grundsätzlichen Unter- 
schied zu zwischen dem Amt des Regenten und allen andern 
öffentlichen Aemtern und will den Unterschied zwischen 
Beamten und Bürgern möglichst aufheben. 

3. Die Unverantwortlichkeit des Statshaupts ist ent- 
schieden unrepublikanisch, denn das republikanische Princip 
verlangt Rechenschaft von allen, denen das Volk ein Amt 
aufträgt. Aber sie ist nicht unmonarchisch. Die Monarchie 
kann zwar die Verantwortlichkeit des Monarchen zugestehen, 
wie das Mittelalter gezeigt hat, aber es fällt ihr schwer, die- 
selbe gesetzlich zu ordnen, weil dadurch die höchste Autorität 
und die Majestät des Statshaupts in Frage gestellt wird. Sie 
fürchtet, durch den Verantwortlichkeitsprocesz das Ansehen 
des Monarchen und damit ihre Sicherheit zu schädigen. Daher 



Drittes Capitel. Republikanische und monarchische Ideen. 



303 



behauptet sie, wie im englischen Statsrecht, die regelmäszige 
Unverantwortlichkeit des Fürsten und sucht diese durch die 
Verantwortlichkeit der Minister unschädlich zu machen; aus- 
nahmsweise nur in Verbindung mit einer allgemeinen Volks- 
erhebung und Statsum wälzung, nicht in gerichtlicher Form 
lässt sie auch die Verantwortlichkeit des Königs zu, oder sie 
erkennt, wie in der Napoleonischen Verfassung, die Verant- 
wortlichkeit des Kaisers gegenüber dem Volke grundsätzlich 
an, aber vermeidet es, diesen Grundsatz durch gesetzliche 
Einrichtungen zu verwirklichen und erwartet die Durchführung 
derselben von einer neuen Revolution. 

4. Das republikanische Princip verlangt kurze Amts- 
dauer für die obersten Regierungsämter; denn nur unter 
dieser Voraussetzung behält die herrschende Mehrheit das 
Gefühl ihrer Macht und Ueberlegenheit. Das monarchische 
Princip fordert im Gegentheil eine gegen Aenderung gesicherte 
Stätigkeit der monarchischen Würde, entweder Lebens- 
länglichkeit oder gar Erblichkeit, und erkennt eben in 
dieser festen, dem Wechsel der Meinungen nicht Preis gegebene 
Stellung des Monarchen ihren Hauptvorzug vor der Republik. 

5. Der Glanz der Majestät umstrahlt wohl die monar- 
chische Krone, nicht ebenso die republikanischen Regierungs- 
ämter. Die Aristokratie bildet auch hierin den Uebergang 
von der demokratischen Republik, deren Vorsteher bürgerlich 
bescheiden erscheinen zu der Monarchie, indem sie zuweilen 
ihre Häupter, wie die Römer ihre Consuln, die Venetianer 
ihren Dogen mit fürstlichen Ehren (Purpurgewand, Thron, 
Lictoren, Gefolge) auszeichnet. Die Stärke des republikanischen 
und bürgerlichen Zuges in unsrer Zeit zeigt sich auch darin, 
dass die Fürsten heutigen Tags freiwillig in Tracht, Lebens- 
weise und Haltung in der Regel die Sitten des höhern Bürger- 
thums annehmen und nur ausnahmsweise bei feierlichen 
Gelegenheiten eine herrschende Stellung beanspruchen, und 
selbst dann eher in militärischen, auch andern Generalen 



304 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



erlaubten Formen. Das theokratische Ceremoniel orientalischer 
Sultane und Schahs erscheint den Europäern abgeschmackt 
und unsinnig. Aber auch in Europa sind an den Höfen 
manche Gebräuche und Vorurtheile aus früherer Zeit, theils 
aus römisch-byzantinischen, theils aus mittelalterlich-feudalen 
und patrimonialen Ueberlieferungen noch wirksam, die sich 
mit dem heutigen feineren Formgefühl der Gebildeten nicht 
vertragen. Der Unterschied in der Ausbildung der Majestäts- 
rechte und der Majestätserscheinung ist immer noch bezeich- 
nend für die Gegensätze zwischen Monarchie und Republik 
im engern Sinn. 

6. Ein specifisch republikanischer Gedanke ist es, Nie- 
mandem zu gehorchen auszer seines gleichen; der monar- 
chische Gedanke dagegen gesteht dem Fürsten die höhere 
Ehre zu und ordnet sich derselben willig unter. Es ist der 
Stolz der Republikaner, Niemanden über sich zu sehen, als 
das Volk, indem er selber neben seinen Mitbürgern ist. 
Der Monarchist huldigt dem Fürsten mit Hingebung und 
innerer Befriedigung, als der Personification der Statshoheit, 
die über ihm ist. 



Viertes Capitel. 

Wandlung und Aenderung der Stats formen. 

Wie alle lebenden Wesen, so sind auch die Völker und 
Staten naturgemäsz der Aenderung ihrer Erscheinungsformen 
unterworfen. Der Stat bleibt wohl wesentlich derselbe von 
seiner Geburt an bis zum Tode, aber mit den verschiedenen 
Entwicklungsstufen über welche sein Leben hinführt, wandelt 
sich leicht seine Gestalt und sein Ausdruck. 

Es war dieselbe Stadt und derselbe Stat Athen, der 
erst von Königen beherrscht wurde (von 1200 bis 1068 v. Ch.), 



Viertes Capitel. Wandlung und Aenderung der Statsformen. 305 



dann während mehrer Jahrhunderte der Aristokratie der 
Eupatriden gehorchte (1068 bis 594), später die Solonische 
Censusverfassung erhielt (594) und nach einer vorübergehenden 
Tyrannis (561 — 518) zur ruhmreichsten Demokratie des Alter- 
thums sich entfaltete (510 bis 429), bald aber in Verfall 
gerieth und sich der Makedonisch-königlichen Oberhoheit 
nicht mehr zu erwehren vermochte (338). 

Ebenso hat Rom eine Reihe von Wandlungen seiner 
Regierungs- und Statsform erlebt, und ist trotzdem derselbe 
Stat geblieben. Auch Rom war in der Kindheit eine könig- 
liche Stadt (754? — 510), wurde dann von der erst patrici- 
schen (510 — 367), später von der freigewählten Amts- 
nobilität regiert und gelangte nach einigen vergeblichen Ver- 
suchen zur Demokratie überzugehen (133 — 121, 100 — 88) 
schliesslich unter die Alleinherrschaft der Cäsaren (48 v. Ch.). 

Der innere Zusammenhang und damit die Einheit des 
Stateniebens wird von der Geschichte ebenso nachgewiesen, 
wie die Veränderlichkeit der Verfassungsformen während dieser 
Lebensgeschichte. Jene erklären sich aus der Einen fort- 
dauernden Volksindividualität mit ihrer bestimmten Anlage; 
diese aus der Entwicklung dieser Anlage. 

Der Gedanke einer ewigen unwandelbaren Ver- 
fassung ist im Widerspruch mit dem Begriff eines geschicht- 
lich-lebendigen Volkes. Aber gibt es ein Naturgesetz der 
Wandlungen der Statsform, wie es eines gibt für die Wand- 
lungen, welche das Leben der natürlichen Geschöpfe umge- 
stalten, d. h. für die Altersperioden der Geschöpfe? 

Machiavelli 1 hat vornehmlich in der antiken Staten- 
geschichte die normale Folge der Wandlungen zu erkennen 
geglaubt und dieselbe psychologisch zu erklären versucht. 
Anfangs wählten die Menschen, welche sich zusammenrotteten, 
um sicherer zu sein, den Stärksten und Muthigsten unter 



1 Zu Livius 1, 2. 
Bluntschli, die Politik. 



20 



300 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



ihnen zum Führer und Haupt, zum K ö n i g. Allmählich wurde die 
fürstliehe Würde erblich mit einem Geschlechte verbunden. Als 
dann aber mit der Zeit die Nachkommen der ersten Helden 
entarteten und das Königthum in selbstsüchtige Tyrannei 
umschlug, so erhoben sich zuerst die angesehensten und kräftig- 
sten Männer dagegen und es trat an die Stelle der gestürzten 
Regierung des Einen Fürsten die Aristokratie. Anfangs 
regierte dieselbe, eingedenk ihrer Erfahrungen, in gerechter 
Weise zu allgemeinem Nutzen. Aber die Ausschweifungen der 
Nachkommen dieses Adels verdarben wiederum die Aristokratie 
und sie ging in die entartete Oligarchie über. Wider diese 
stand dann die empörte Menge auf und indem sie selber die 
Gewalt ergriff, führte sie die Demokratie (Politie) ein. 
Auch die Volksherrschaft bewährte sich anfangs gut, verfiel 
aber in den folgenden Generationen wiederum in Zügellosigkeit 
und Anarchie; sie wurde zur Ochlokratie (von Aristoteles 
Demokratie genannt), bis das erneuerte Bedürfniss nach Ruhe 
und Ordnung zur Erhebung eines mächtigen Hauptes, zur 
Monarchie zurückführte und der Kreislauf von neuem 
begann und dieselben Wandlungen wieder erfuhr, wenn anders 
der Stat noch so lebensfähig war, um die Wandlungen hervor- 
bringen zu können und nicht eher müde und abgeschwächt 
in einer der Formen bis zum Untergang verharrte. 

Aber nicht immer beachtet die Statengeschichte diese 
Reihenfolge. Es kommt auch vor, dasz die Monarchie in die 
Demokratie, oder die Aristokratie in die Monarchie, oder die 
* Demokratie in die Aristokratie übergeht, Schon Bodin hat 
darauf aufmerksam gemacht und einzelne Beispiele dafür 
angeführt. In der neuern Zeit, welche überhaupt der aristo- 
kratischen Statsform abgeneigt ist, wird die Monarchie öfter 
noch durch die Demokratie als durch die Aristokratie verdrängt, 
wie der Verlauf der ersten englischen und der französischen 
Revolution, aber auch die Befreiung der nordamerikanischen 
Freistaten zeigt, Seltener erscheint der Uebergang aus der 



Viertes Capitel. Wandlung und Aenderung der Statsformen. 307 



Aristokratie in die Monarchie ; indessen auch dafür bietet die 
Geschichte der italienischen Städteverfassung in dem spätem 
Mittelalter und die Erhebung der absoluten Monarchie über 
den Ruinen der verfallenden Feudalaristokratie im XVI. und 
XVII. Jahrhunderte in vielen europäischen Staten manche 
Belege dar. Auch die letzte Abweichung, welche die Aristo- 
kratie an die Stelle der Demokratie setzt, zeigt sich in der 
antiken und in der mittelalterlichen Staatengeschichte in 
einzelnen Beispielen. Der Sieg der spartanischen Politik und 
Waffen brachte wiederholt in griechischen Staten diese Aen- 
derung hervor, und auch in deutschen Reichsstädten wurde 
die Herrschaft der Gemeinde und der Zunftmeister zuweilen 
durch ein erneuertes Patriciat beseitigt. 

Wir können sogar gleichzeitig und bei demselben Volke 
zwei entgegen gesetzte Richtungen wahrnehmen. Das deutsche 
Reich des Mittelalters verwandelte sich im Grossen und Ganzen 
während des Mittelalters aus einer Monarchie in eine Aristo- 
kratie der Reichsstände, während gleichzeitig in den einzelnen 
deutschen Ländern das ständisch beschränkte Fürstenthum 
in die mehr oder weniger absolute Monarchie überging. 

Die geschichtlichen Erfahrungen widerlegen also die An- 
nahme eines allezeit gleichmäszig wirksamen Natur- 
gesetzes der Wandelung und einer nothwendigen Auf- 
einanderfolge der Statsformen. Zu demselben Ergebnisz 
führt die Prüfung der Ursachen der Statswandlungen. Wie 
die Entstehung eines neuen Stats gewöhnlich aus einem Zu- 
sammenwirken verschiedener Ursachen sich erklärt, so können 
dieselben Ursachen auch eine Umgestaltung eines bestehenden 
States bewirken; und je nachdem von der Zeit begünstigt, 
eine Kraft als entscheidend vortritt, sei es eines mächtigen 
Individuums, oder einer hervorragenden Classe, oder der 
gesammten Menge, wird auch diese siegreiche Kraft ihre 1 'Herr- 
schaft aufrichten und demgemäsz der Statsform ihre" !Art 
einprägen. Die W T andlung der Verfassung erscheint dann tfls 



308 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



die nothwendige Folge des um das Uebergewicht oder um 
die Herrschaft geführten Kampfes der verschiedenen Kräfte 
im State, und nicht allemal fällt der Sieg in vorher bestimmter 
Reihenfolge nach derselben Seite und Richtung hin. In einem 
Lande können daher die Verfassungskämpfe mit der Ein- 
führung und Wiederherstellung der Monarchie endigen, wäh- 
rend sie in einem andern, vielleicht einem Nachbarlande die 
Aristokratie ans Ruder bringen, und in einem dritten mit 
dem Siege des Demos abgeschlossen werden. Auch hat es 
sich schon oft ereignet, dass darüber von auszen her ent- 
schieden worden ist, indem eine der streitenden Parteien die 
Hülfe eines auswärtigen Stats erhalten und in Folge dessen 
die Uebermacht in ihrem Lande gewonnen hat. Zuweilen 
auch wechselt während eines lange fortgesetzten Kampfes der 
Sieg, und es kehrt der Stat von der neuen zur alten Form 
zurück. 

Einen neuen Versuch, das Gesetz der Wandlung zu ent- 
decken, hat Friedrich Schleiermacher unternommen. 
Er geht von dem Statsbewusztsein aus und setzt so dem 
psychologischen Gedanken von Machiavelli einen politi- 
schen entgegen. Darin ist ein wissenschaftlicher Fortschritt; 
aber die Durchführung des Gedankens ist noch unrichtig und 
das Ergebniss der Untersuchung noch unbrauchbar. 

Schleiermacher nimmt an, das Statsbewusztsein erwache 
zuerst gleichmäszig in einer noch unstatlichen, aber der 
Ordnung bedürftigen Menge, so jedoch, dasz sich Jeder als 
Mitregent und hinwieder als Allen gehorchend betrachte. Er 
hält demnach die Demokratie für die älteste Statsform, 
und denkt dabei vorzugsweise an die kleinen alt-hellenischen 
Republiken. 

Dann, meint er, entstehe in einem hoch begabten und 
besonders kräftigen Stamm ein erhöhtes Statsbewusztsein, 
indem er sich andere schwächere Stämme unterwerfe und es 
entstehe die Aristokratie. Dabei denkt er theils an die 



Viertes Capitel. Wandlung und Aenderung der Statsformen. 



309 



antike Römische Republik, theils an die mittelalterlichen 
germanischen Aristokratieen. 

Endlich concentrire sich und erhebe sich das Statsbewuszt- 
sein in einem einzelnen Individuum dergestalt, dasz der Fürst 
aufhöre Privatperson zu sein und nur Statsperson werde. 
So entstehe die entwickelteste Form der modernen Monarchie. 

Die Reihenfolge bei Schleiermacher ist die völlige Um- 
drehung der Reihenfolge von Machiavelli. Dabei ist aber 
schon das bedenklich, dasz Schleiermacher nicht die Ent- 
wicklung innerhalb bestimmter Völker und Staten aufzeigt, 
sondern verschiedene Staten und Statengruppen in der Welt- 
geschichte mit einander vergleicht. Er denkt eher an die 
statliche Entwicklung der europäischen Menschheit als an 
das Gesetz der innern Statenwandlung. 

Der Hauptmangel des Schleiermacherschen Gedankens 
liegt darin, dasz er den Unterschied des passiven Stats- 
gefühls, des Statsbedürfnisses und des activen Stats- 
bewusztseins, welches zur Statsleitung und zur Selbst- 
regierung führt, nicht beachtet. Nur das erstere, nicht das 
letztere erwacht zuerst in der bisher unstatlichen Menge. Das 
active Statsbewusztsein kann sich nur in einem Volke heraus- 
bilden, welches durch Lebenserfahrungen und Bildung gereift 
ist. Anfangs läszt sich die Menge durch ihre Furcht vor den 
Göttern und Dämonen von den Priestern oder durch ihre 
-Ehrfurcht vor dem Häuptling eines hervorragenden Geschlechts, 
von dem Patriarchen führen und regieren. Oder sie folgt einem 
tapfern und umsichtigen Helden, der sich im Kriege ausge- 
zeichnet hat. So kommt sie zuweilen durch die Theokratie 
hindurch zu dem dynastischen oder individuellen Fürstenthum. 
Es entsteht die Statsform der Monarchie, in welcher sich 
die Menge der Autorität ihres Einen Hauptes unterordnet. 

Der Gegensatz zwischen Obrigkeit und Unterthanen, 
Regierenden und Regierten, ohne den keine Statenbildung 
denkbar ist, macht sich zuerst so geltend, dasz in einem alle 



310 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



überragenden Manne der Statstrieb activ auftritt und in den 
andern passiv. 2 Nur allmählich breitet sich die Fähigkeit 
und der Wille zu regieren in weitere Kreise aus. Zunächst 
erwacht so das active Statsbewusztsein als Autorität unter 
der reich begüterten, durch kriegerische Tüchtigkeit ausge- 
zeichneten, in dem Rathe des Königs mit öffentlichen Ge- 
schäften vertraut gewordenen Aristokratie. Erst zuletzt geht 
dieses active Statsbewusztsein auch auf die groszen Volks- 
classen, den Demos über. Die Gesammtbürgerschaft bekommt 
Musze und Lust, neben ihren wirthschaftlichen Interessen auch 
noch an den öffentlichen Angelegenheiten einen bestimmenden 
Antheil zu nehmen und die Selbstregierung zu versuchen. 

So verstanden stimmt die politische Begründung des 
Wandels der Statsformen mit der psychologischen zusammen. 
Auch die Geschichte bestätigt, wenn gleich sie jedem absoluten 
Gesetz einer bestimmten Reihenfolge widerspricht, dennoch 
durch eine überwiegende Zahl von Anwendungen und Bei- 
spielen, dasz diese Reihenfolge die naturgemäsze und 
regelmäszige Entwicklung ist. Die Regel wird oft durch 
besondere widerstrebende Ursachen gehemmt und zuweilen 
durch gewaltsames Eingreifen durchbrochen oder verschoben, 
oder sogar umgedreht. Aber die normale Reihenfolge macht 
sich trotzdem mindestens als Trieb und Neigung überall 
bemerklich und bestimmt, wenn keine besonderen Hindernisse 
entgegen treten, die verschiedenen Lebensalter der Völker. 

Diese normale Aufeinanderfolge ist: 

Echte Statsformen: 

(Theokratie) , Monarchie, Aristokratie, Demokratie, 
Monarchie u. s. f. 

Verdorbene Statsformen : 

(Hierarchie), Tyrannei, Oligarchie, Ochlokratie, 
Tyrannei u. s. f. 

2 Vgl. oben Allg. Statslehre B. IV. Cap. 10. 



Viertes Capitel. Wandlung und Aenderung der Statsforraen. 



311 



Von der Wandlung der Statsformen, welche den Sitz 
der Regierung auf andere Personen und andere Classen über- 
trägt, unterscheiden wir die Aenderung (blosze Modifi- 
cation) derselben Statsform, in welcher dasselbe Gesetz, nur 
weniger heftig zur Geltung gelangt. Auf diesen Unterschied 
hat schon Bodin aufmerksam gemacht. 

Ein Volk kann nämlich so entschieden einer bestimmten 
Statsform zugethan sein, dasz es dieselbe während seines 
ganzen Lebens in allen Perioden seiner Entwicklung beibehält. 
Aber es wird doch die obige Reihenfolge insoferne sichtbar, 
als die fortdauernd herrschende Macht mit der Zeit verschie- 
dene Aenderungen erfährt und Beschränkungen erleidet. 

So gibt es mehrere europäische Staten, sowohl romanische 
als germanische, welche als Monarchien durch mächtige 
Fürsten gegründet worden sind und trotz mancherlei Schick- 
salen und Stürmen die monarchische Statsform fortwährend 
beibehalten haben. Aber ursprünglich war das Fürstenthum 
in hohem Grade selbstherrlich. Dann ist während des Mittel- 
alters die ständisch-aristokratische Beschränkung und Mitwir- 
kung des Adels hinzugekommen. Zuletzt ist, nach einigen 
Versuchen zu fürstlichem Absolutismus, die constitutionelle 
Monarchie herausgebildet worden, welche auch dem Demos, 
den groszen Volksclassen, eine Controle der Statsverwaltung 
und die Mitwirkung bei der Gesetzgebung zugesteht. Die 
Aufeinanderfolge dieser verschiedenen Modifikationen der 
Monarchie ist also: 

Monarchie 

1. Selbstherrlich 2. Aristokratisch -beschränkte 

(rein -monarchisch) (ständische Monarchie) 

3. Demokratisch - beschränkte 
(constitutionelle Monarchie). 
Ganz dieselbe Entwicklung zeigt sich in manchen Repu- 
bliken, wie insbesondere in manchen italienischen, deutschen 
und schweizerischen Städten des Mittelalters. Diese Städte 



312 Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



hatten anfangs einen mächtigen Stadtherrn (König, Bischof, 
Fürsten) oder dessen Vogt als Stadthaupt, und es ging die 
Gewalt öfter auf einen städtischen Bürgermeister oder Schult- 
heiszen über, der nahezu wie ein Fürst regierte. Darauf 
folgte die Herrschaft der Geschlechter (Patricier) mit aristo- 
kratischem Charakter. Später kam die Erhebung der Popular- 
herrschaft, der Zünfte und der Gemeinde. Am Schlusz dieser 
ganzen Bewegung steht die Repräsentativdemokratie. Die 
normale Aufeinanderfolge in der Republik ist also: 

Republik 

1. Stadtherrlich 2. Geschlechterherrschaft 

(monarchische Modification) (aristokratische), 
3. Gemeinde- und Zunftverfassung 
(demokratisch-ständische), 
4. Repräsentativdemokratie 
(modern volksthümliche). 



Fünftes Capitel. 
Politisches Verhalten bei Statswandlungen. 

Wenn die Wandlung oder die Aenderung der Statsform 
sich als nothwendig erweist, weil sie durch die naturgemäsze 
Fortbildung des Volkslebens gefordert wird, dann kann die 
Aufgabe des Statsmanns unmöglich darin bestehen, die un- 
zureichend und unhaltbar gewordene alte Statsform 
mit künstlichen oder gewaltsamen Mitteln unverändert zu 
bewahren. Sie besteht vielmehr darin, die zeitgemäsze 
Wandlung oder Aenderung wo möglich ohne Rechtsbruch 
friedlich durchzuführen ; denn der Statsmann soll das Bedürf- 
nisz des Gemeinlebens befriedigen, nicht unterdrücken. Da- 
gegen ist es allerdings politische Pflicht, die bestehende 
Statsform theils vor Verderbnisz , theils , vor einer nicht- 



Fünftes Capitel. Politisches Verhalten bei Statswandlungen. 



313 



zeitgemäszen und nicht in dem innern Bedürfnisz begründeten 
Umänderung zu bewahren. Auf Dauerhaftigkeit hat jede 
Rechtsordnung als solche Anspruch, auf Unveränderlich- 
keit aber keine menschliche Einrichtung. Im Allgemeinen 
wird es freilich für den Rechtszusammenhang und für die 
friedliche Entwicklung günstiger sein, wenn nur eine Aende- 
rung, nicht eine Wandlung der Statsform eintritt , und daher 
ist im Zweifel eher jene als diese anzustreben. 

Schon Aristoteles hat es bemerkt, dasz der Misz- 
brauch der Statsgewalt von Seite ihrer Träger die ruhige 
Fortdauer derselben gefährde. Viele Wandlungen oder Aen- 
derungen der Statsformen werden dadurch herbeigeführt, dasz 
eine Entartung der herkömmlichen Regierung heftige Un- 
zufriedenheit zur Folge hat und zuletzt zum Widerstand auf- 
regt. Wenn die verfassungsmäszige Monarchie in die will- 
kürliche Tyrannei ausartet, so reift sie einer Umwälzung 
entgegen. Wenn die Aristokratie, statt für die allgemeine 
Wohlfahrt zu sorgen, ihre Macht zu selbstsüchtigem Genüsse 
ausbeutet, und so zur Oligarchie wird, so bereitet sie ihren 
Sturz vor; sei es zu Gunsten der Gemeinde, welche diese 
Herrschaft einer schlecht und faul gewordenen Minderheit 
abwirft, oder eines Fürsten, der jene Fehler benutzt, um sich 
die Macht zu verschaffen. Wenn endlich die Demokratie die 
Scheu verliert vor der Rechtsordnung und die Parteileiden- 
schaften mächtiger werden als die Vaterlandsliebe und das 
Pflichtgefühl, wenn sie die Minderheiten unterdrückt und die 
Unordnung begünstigt, dann wird auch sie reif zum Unter- 
gang und es erhebt sich ein gewaltiger Mann, welcher Ord- 
nung schafft und die Monarchie einführt, oder es wagt eine 
aristokratische Partei des Reichthums oder der militärischen 
Macht den Kampf mit den Demagogen und erhebt sich sieg- 
reich über sie. 

Wer also den Verfall und den Untergang einer Regie- 
rungsform verhüten will, der musz voraus jeden Misz- 



314 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



brauch und jede Entartung der Regierungsgewalt 
verhüten. So lange die bestehende Gewalt durch das — 
nicht blosz formelle, sondern lebendige und gesunde Recht 
gesichert erscheint und sich wohlthätig erweist für das Ge- 
meinwesen, so hat sie nur wenig von ihren Gegnern zu 
fürchten. Ihr Unrecht aber und ihre Schädlichkeit bringt sie 
in Miszcredit, vermehrt und reizt ihre Feinde und untergräbt 
die Fundamente ihrer Herrschaft. 

Da aber die Gewalt dann am ehesten gemiszbraucht wird, 
wenn die Träger derselben ein übermäsziges Vertrauen auf 
ihre Macht haben und keine anderen Kräfte wahrnehmen, 
welche dieselbe ermäszigen und beschränken, so folgt daraus: 
Je absoluter die Statsgewalt, um so eher ist sie der 
Entartung und der Gefahr für ihre Fortdauer ausgesetzt. 
Wer daher die bestehende Regierungsform sichern und er- 
halten will, der musz voraus die Ueberspannung des 
Machtgefühls in den Herrschenden verhindern und für die 
nöthigen Gegengewichte sorgen, welche eine maszlose und 
willkürliche Bethätigung der herrschenden Macht unmöglich 
machen. Die, welche den Fürsten einreden, jede kräftige 
Opposition sei Empörung und Revolution, und jeder ernste 
Widerspruch sei Majestätsbeleidigung oder Hochverrath, und 
die , welche allen Launen und Leidenschaften der Machthaber 
sklavisch dienen, sind allezeit schlechte Freunde derselben und 
faule Stützen der Gewalt. Der echte Statsmann sucht viel- 
mehr auch die Gegenkräfte , und selbst die Opposition so weit 
zu schützen, als sie dienlich sind, vor Fehlern zu warnen, 
Miszbräuche zu hemmen und zu voller Kraftanstrengung an- 
zutreiben. 

Aehnlich dem Miszbrauch der Statsgewalt wirkt die 
innere Abschwächung und der Verfall der Kräfte, 
welche die Herrschaft im State bisher bestimmt haben. Eine 
Dynastie kann im Alter alle die Eigenschaften verlieren, die 
ihr anfänglich die Macht verschafft haben, sie kann in ihren 



Fünftes Capitel. Politisches Verhalten bei Statswandlungen. 



315 



Ausläufern muthlos, schwach, stumpfsinnig und thöri cht wer- 
den; eine ursprünglich tapfere, reiche, gebildete Aristokratie 
kann später erschlaffen, verarmen, von andern gebildeten 
Classen überflügelt werden. Auch in der Demokratie können 
die männlichen Tugenden der Väter in den Enkeln erlöschen 
und Selbstsucht, Eitelkeit, Schwäche, Roheit überhand nehmen. 
Die äuszere Form einer Verfassung kann zwar noch eine Zeit 
lang fortdauern, wenn die Kraft, welche zur Herrschaft er- 
hoben hat, verschwindet, aber der Untergang der bisherigen 
Herrschaft ist dann nur noch eine Frage der Zeit. 

Nicht immer freilich folgt daraus eine Wandlung der 
Statsform, aber wenn die Statsform bleibt, so erleidet sie 
meistens eine Aenderung. An die Stelle der altersschwachen 
Dynastie kann eine neue frischere Dynastie treten, wie die 
Merowinger durch die Karolinger, die Stuarts durch Oranien, 
die Bourbonen der alten Linie durch die Orleans verdrängt 
und ersetzt wurden u. s. f. Die Monarchie bleibt dann be- 
stehen, aber ihre Erfüllung und gewöhnlich auch ihre Be- 
schränkung ändert sich. Auch an die Stelle einer nicht mehr 
ausreichenden Aristokratie kann eine neue treten, wie das 
patricische Regiment in Rom durch das der Optimaten aus 
beiden Ständen verdrängt wurde. 

Am schlimmsten ist es, wenn der Demos alt und schwach 
wird, denn wenn die Grundlage des Gemeinwesens verdorben 
ist, so läszt sich der Stat nur mit künstlichen Mitteln noch 
fristen. Wird die Quelle trübe, woher denn soll man klares Trink- 
wasser schöpfen? Es bleibt dann kaum etwas anderes übrig, als 
dasz einzelne hervorragende Männer sich der Gewalt bemäch- 
tigen und das Imperatorenthum wird fast zur Nothwendigkeit. 

Jede der verschiedenen Statsformen hat aber wieder ihre 
besonderen Gefahren und Sorgen. Indem jede ihre Kraft aus 
dem Grundprincip schöpft, das sie geboren hat, wird auch 
jede dahin trachten müssen, diesem Grundprincip treu zu 
bleiben und dasselbe der veränderten Zeit anzupassen. Nicht 



316 



Sechstes Buch. Verfassungspolitik. A. Im Allgemeinen. 



das starre Festhalten an den hergebrachten Prärogativen der 
Krone erhält das Königthum; im Gegentheil es können 
daraus gefährliche Verfassungskämpfe entstehen und es kann 
für die Macht der Monarchie sogar nützlich werden, veraltete 
Vorrechte gegen die freiwillige Unterstützung junger Volks- 
kräfte umzutauschen; — aber die fortwährende Uebung und 
Bethätigung alles dessen, was dem Gemeinwesen zur Ehre 
und zur Wohlfahrt gereicht, die wahre Personifikation des 
Volkslebens in dem fürstlichen Leben, als seiner höchsten 
und klarsten Gestalt, wirken günstig für den Fortbestand der 
Monarchie. Die richtige Initiative und die Energie der That, 
aber niemals im persönlichen, immer nur im öffent- 
lichen Interesse, bewahrt voraus die Monarchie vor Verfall. 

Die Aristokratie aber, welche auf der innern Auszeich- 
nung beruht und Herrschaft einer Minderheit ist, wird sich 
dann am sichersten erhalten, wenn sie ihre alten Vorzüge 
durch die Aufnahme neuer ausgezeichneter Elemente erfrischt 
und ergänzt, und sie wird sich der Mäszigung und der Gerech- 
tigkeit voraus befleiszen müssen, damit die Volksmehrheit 
sich die Privilegien der Wenigen gefallen lasse und nicht, 
ihres Uebergewichts bewuszt, eine Aenderung verlange. 

Die Demokratie endlich, vorzüglich die repräsentative, 
bleibt nur dann gesichert, wenn die Volksbildung nicht hinter 
den Fortschritten der Zeit zurückbleibt und die nachkom- 
menden Geschlechter zur Achtung vor Hecht und Gesetz und 
zur Uebung aller bürgerlichen Pflichten erzogen werden. In 
der Pöbelherrschaft überstürzt sich die Demokratie. Die Aus- 
artung der Commune führt mit Naturnothwendigkeit zu mili- 
tärischer Gewaltherrschaft. 

Es ist ein glücklicher Gedanke von Montesquieu: 
„Wenn ein Stat in den Verfall geräth, dann hilft am ehesten 
die erneuerte Berufung und Wiederbelebung der Kraft, welche 
den Stat ursprünglich grosz gemacht hat." Man versucht so 
den Stat von seinem eigensten innern Statsprincip aus zu 



Fünftes Capitel. Politisches Verhalten bei Statswandlungen. 



317 



heilen. In der That wenn die Lebenskraft dieses Princips 
erloschen ist, dann ist wenig Hoffnung, den Stat zu retten. 

In diesem Geiste haben Cromwell und König Wilhelm III. 
England aus der Revolution gerettet, indem sie wieder an 
die alten Grundlagen der englischen Verfassung anknüpften, 
die Verbindung der monarchischen Hoheit mit dem Parlament 
herstellten, das aus dem hocharistokratischen Oberhaus und dem 
volkstümlichen Unterhaus zusammengesetzt war, und so die 
constitutionelle Monarchie begründeten. Ebenso hatte die 
deutsche Nation das instinctive Verlangen nach der Erneue- 
rung des Kaiserthums, welches zu Anfang des Mittelalters 
die Einheit und die Würde des Reiches dargestellt hatte. 
Nur die romantische Auffassung des Kaiserthums als eines 
kirchlich geweihten und ständisch beachränkten, wie das 
römische Kaiserthum deutscher Nation im Mittelalter gewesen 
war, verkannte den Umschwung der Zeiten und verlockte zu 
Thorheiten und Träumen. Der Grundgedanke selber, welcher 
den Unterschied der Zeiten beachtet, mit dem Fortschritt des 
öffentlichen Geistes Schritt hält und in die moderne Stats- 
und Rechtssprache übersetzt als nationales deutsches Kaiser- 
thum sich verwirklicht hat, war gesund und heilsam. 

Die Schweiz wurde aus dem Chaos der Helvetik gerettet 
durch die Erneuerung der alten Gemeindefreiheit, durch die 
Wiederherstellung der Cantone und der Bundesverfassung in 
zeitgemäszer Fortbildung. 

Die blosz formale Restaurationspolitik dagegen, 
welche die veralteten Einrichtungen künstlich wiederherstellt, 
ist gewöhnlich unfruchtbar und wird von der nächsten Flut- 
welle wieder weggespült, wie die Sandhaufen, mit denen am 
Strande die Kinder spielen. Die Restaurationen von Sulla 
am Ausgang der römischen Republik , der Stuarts in England, 
der älteren Bourbonen in Frankreich sind Zeugnisse der kurz- 
lebigen Vergänglichkeit und der Thorheit solcher Versuche. 



Siebentes Buch. 



B. Die Wirkungen und Aufgaben der' repräsen- 
tativen Monarchie. 



Erstes Capitel. 
Woran ist die absolute Monarchie in Europa gescheitert? 

Die zweite Hälfte des sechszehnten, das siebenzehnte 
und die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren in 
Europa der absoluten Monarchie sehr günstig. Ueberall siegte 
im Kampf mit der ständischen Aristokratie des Mittelalters 
die souveräne Fürstengewalt, überall mit Ausnahme von Eng- 
land, dessen Parlament zwar auch einen aristokratischen, aber 
zugleich einen nationalen Charakter hatte und auch für die 
Volksfreiheit kämpfte, während in den continentalen Staten 
sehr oft die Fürsten besser für die allgemeinen Interessen 
sorgten und von Bürgern und Bauern in ihrem Kampfe wider 
den landständischen Adel unterstützt wurden. 

Die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts dagegen 
und das neunzehnte Jahrhundert waren der absoluten Monarchie 
ebenso entschieden ungünstig. In ganz Westeuropa wurde 
dieselbe angegriffen und überall durch repräsentative Verfas- 
sungen beschränkt. 

Diese merkwürdige Wandlung des allgemeinen Geistes 



Erstes Capitel. Woran ist die absolute Monarchie in Europa gescheitert? 319 



steht sicher mit der psychologischen Wandlung des Zeitgeistes 
in Zusammenhang. Aber es genügt doch nicht zu ihrer 
Erklärung auf den Zeitgeist hinzuweisen. Es wirkten auch 
andere Ursachen mit , sowohl persönliche Mängel als politische 
Fehler, welche den Verfall der absoluten Monarchie verschul- 
deten und beschleunigten. Ohne jene Mängel und diese 
Fehler hätte der Zeitgeist nicht so leichtes Spiel gehabt. 

Es kommen voraus drei Ursachen, abgesehen von der 
Wandlung des Zeitgeistes, in Betracht: 

1. Die Ausartung der Dynastien und die innere 
»Schwäche der absoluten Fürsten. Es ist nicht eine Wirkung 
des Zufalls, sondern eine naturgemäsze Erscheinung, dasz 
zur Zeit des Aufschwungs und des Machterwerbs der Fürsten 
ungewöhnlich begabte Individuen die politische Führung über- 
nehmen und Groszes vollbringen, und dasz später in der Zeit 
des höhern Alters und des allmählichen Untergangs einer 
Dynastie unbedeutende Individuen auf den Thronen sitzen, 
deren kraftlosen Händen der Scepter entfällt. 

Die Dynastie verzehrt während des aufgeregten politischen 
Lebens im Lauf der Jahrhunderte die angeborenen Kräfte 
ihrer reichen Anlage. Der Erwerb der Herrschaft spannt 
die noch jugendlichen Kräfte der Seele aufs höchste an. Die 
Gefahren und die Kämpfe stählen die Charaktere. Der Sieg 
und der Erfolg belohnt die Helden. Aber der sicher scheinende 
ererbte Genusz der Herrschaft erschlafft die Thatkraft, die 
sich nicht mehr anstrengt und verleitet die Machthaber, eher 
ihren persönlichen Launen und Leidenschaften Befriedigung zu 
schaffen, als für die Völker zu sorgen. Bei solcher Stimmung 
gewinnen dann die Schmeichler und Höflinge Einflusz auf den 
Fürsten. Leicht wird er von Günstlingen getäuscht und 
gefangen. Entweder geräth er unter die Leitung seiner Günst- 
linge und Maitressen, oder was für die Völker noch gefähr- 
licher und schädlicher ist, unter die Vormundschaft der 
Pfaffen (Jesuiten, Beichtväter, Hofprediger). Zuweilen ver- 



320 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



bünden sich Pfaffen und Maitressen, um den mark- und 
charakterlosen Herrn gemeinsam auszubeuten und indem sie 
seinen Namen zur Regierung des Landes miszbrauchen, das 
Land zu verderben. Exempla sunt odiosa. Jeder Geschichts- 
kundige kennt sie in zahlreichen Bildern. 

Das Urbild der Monarchie ist der personificirte Stats- 
und Volksgeist, ihr Zerrbild ist, nach einem Ausdrucke Lau- 
rents, 1 die personificirte Selbstsucht. Die absolute Monarchie 
reizt die letztere und steigert sie bis zur wahnsinnigen Selbst- 
vergötterung. 

Wenn aber einmal Günstlinge, Maitressen, Pfaffen den 
absoluten Monarchen und unter seiner Firma die Völker 
regieren und ausbeuten, dann wird es Jedermann klar, dasz 
diese Statsform eine Lüge geworden ist, indem der nominelle 
Monarch keinen eigenen Willen hat und nicht regiert und 
die, welche statt seiner regieren, kein Recht auf die Regie- 
rung haben. Die Statsform selber begünstigt aber, indem sie 
das Selbstgefühl des Monarchen aufbläht und zur Selbstsucht 
reizt, diese ihre Verkehrung in die Lüge und bietet keine 
Mittel dar, um solches Verderben zu hindern. Dann wird 
die ganze Statsform verhaszt und der Glaube an ihren Bestand, 
wie an ihre Nützlichkeit geht unter. 

2. In vielen europäischen Staten ist die absolute Monarchie 
durch finanzielle Schwierigkeiten und Bedrängnisse genö- 
thigt worden, eine Verfassung zu geben oder anzunehmen. 
Der absolute Monarch ist zunächst auch in finanzieller Hin- 
sicht mit schrankenloser Macht ausgerüstet. Er kann ohne 
ständische Genehmigung seinem Volke beliebige Steuern 
auferlegen und ist durch keine andere Rücksicht gehemmt, 
als die auf die Zahlungsfähigkeit seiner Unterthanen. Davon 
haben denn die absoluten Monarchen reichlichen Gebrauch 
gemacht und den Steuerdruck nach Kräften geübt. Wenn 



i Etudes u. s. f. XV. S. 51. 



Erstes Capitel. Woran ist die absolute Monarchie in Europa gescheitert? 321 

diese Einkünfte nicht ausreichten, so haben sie ebenso unge- 
hemmt ihren Credit ausgenützt und ihre Länder mit steigenden 
Statsschulden belastet. 

Beide Finanzmittel schienen anfangs unerschöpflich. Der 
Luxus der Höfe und die Verschwendung der Fürsten stiegen 
in abenteuerlicher Weise. Alle Launen der Monarchen und 
ihrer Höfe und die Habsucht der begünstigten Schmarotzer 
fanden Befriedigung. Der Monarch muszte Niemandem Rechen- 
schaft ablegen über die Finanzverwaltung und die Unordnung 
in dem Rechnungswesen hinderte den Ueberblick und deckte 
unzählige Mängel zu. 

Aber zuletzt offenbarten sich dennoch die natürlichen 
Schranken der scheinbaren Allmacht. Die Ausgaben über- 
stiegen die Einnahmen. Die nationale Wirthschaft verküm- 
merte. Man wagte es nicht mehr die Steuern zu vergröszern, 
und die hergebrachten Steuern genügten nicht, ihr Ertrag 
nahm ab. Auch der Credit des Monarchen sank und es war 
nicht mehr möglich, neue Schulden zu contrahiren, weil die 
alten nicht gehörig verzinst und nicht zurückbezahlt wurden. 
Die leeren Cassen lieszen sich nicht mehr füllen. Der Monarch 
wurde durch die Noth gezwungen, Hülfe zu suchen bei dem 
Volke, und dieses war nicht zur Hülfe zu bewegen, wenn es 
nicht Garantien erhielt für eine geordnete Finanzwirthschaft, 
nicht ohne Gewährung politischer Rechte. 

3. Wenn die financielle Zerrüttung eine chronische Krank- 
heit der absoluten Monarchie ist, so sind die gewagten 
Unternehmungen, zu denen sich der absolute Monarch 
zuweilen hinreiszen läszt, eine acute Krankheitserscheinung, 
die oft wieder den Untergang dieser Statsform herbeiführt. 

Auch in den Beziehungen zu fremden Staten hat der 
absolute Monarch zunächst volle Freiheit der Bewegung. Es 
hängt von ihm ab, ob er sich freundlich ob feindlich stelle 
zu andern Mächten. Er ist nicht durch die Verfassung genö- 
thigt die Wünsche und selbst nicht gezwungen, die Interessen 

Bluntschli, die Politik. 21 



322 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



seines Volkes zu berücksichtigen. Er bedarf zur Kriegführung 
keiner Geldbewilligung des Parlaments und keiner Truppen- 
bewilligung. Im Stillen kann er seine Plane einleiten, ohne 
Jemandem Kechenschaft geben zu müssen. Er wählt seine 
Gesandten und Agenten ganz frei. Er kann plötzlich zu 
Thaten übergehen und die höchste persönliche Energie ent- 
falten. 

So günstig diese Voraussetzungen aber für die äuszere 
Politik des absoluten Monarchen scheinen, so zeigt sich doch 
auch hier wieder, dasz die schrankenlose Macht für den Macht- 
haber selber unheilvoll ist. Der Monarch wird auch hier leicht 
miszbraucht und miszleitet; auch da treiben ihn die eigenen - 
Leidenschaften, die Eitelkeit die Ruhmsucht, die Herrschsucht 
zu gewagten Unternehmungen. Die Hofintrigue umstrickt ihn. 
Die Schmeichelei verlockt ihn. Die absoluten Monarchen 
haben eine Menge blutiger und unfruchtbarer Kriege auf dem 
Gewissen, welche die eigenen Länder und die fremden in 
Jammer und Noth versetzten. 

Wenn dann solche Unternehmungen unglücklich ausfallen 
für den Monarchen, der r sie gewagt hatte, dann sinkt sein 
Ansehen bei dem Volke und er verliert selbst das Vertrauen 
der Armee, auf die er sich bisher stützte, um seine Autorität 
zu behaupten. Dann wird er genöthigt, dem misztrauisch 
gewordenen und unzufriedenen Volke das Zugeständnisz ver- 
fassungsmäsziger Rechte zu machen. Dann geht die absolute 
Monarchie entweder in die repräsentative Monarchie oder in 
die Republik über. 

Der Untergang der absoluten Monarchie in ganz West- 
europa erklärt sich zu gutem Theile aus diesen Ursachen, 
die nicht selten alle zusammenwirkten, um die Macht einer 
erhabenen Dynastie zu Falle zu bringen. 



Zweites CapiteL Der politische Charakter der englischen Verfassung. 323 



Zweites CapiteL 

Der politische Charakter der englischen Verfassung. 

Ueber ein Jahrhundert früher als auf dem europäischen 
Continent ist die constitutionelle Monarchie in England entstan- 
den und ausgebildet worden. Sie hat nirgends eine ältere 
Heimat und nirgends festeren Bestand gefunden und gröszere 
Erfolge aufzuweisen, als in dem britischen Inselreich. Auch 
in England gingen Versuche zur absoluten Monarchie zu 
gelangen und ging eine blutige Revolution voraus, welche 
sogar das Königthum abgeschafft und eine Republik der Mittel- 
classen proclamirt hatte. Die Neugestaltung beginnt mit der 
zweiten englischen Revolution von 1688/89, welche die Stuarts 
nochmals stürzte und den Prinzen Wilhelm von Oranien, den 
Genial der königlichen Tochter Jakobs II. als König Wil- 
helm III. auf den Thron erhob. 

Das Statsrecht stempelt die Verfassung zur Monarchie. 
Der König im Parlament ist der Gesetzgeber, der König im 
Rath regiert, die Rechtspflege wird im Namen des Königs 
geübt. Der König ist sogar das Haupt der englischen Stats- 
kirche und in dem Kirchenregiment selbständiger als in dem 
Statsregiment. Freilich trifft er überall, wenn er Autorität 
übt und handelt, auf Schranken seiner Macht. Er kann kein 
Gesetz geben, wenn nicht das Parlament es gutheiszt, nicht 
regieren ohne die Mitwirkung der Minister, die Ausübung 
des Gerichts musz er ganz und gar den Richtern überlassen 
und den Geschwornen. Er kann das Urtheil nicht lenken noch 
ändern. 

Sieht man mehr auf den politischen Geist des engli- 
schen Stats als auf die Rechtsform, so wird man England 
eher eine Aristokratie heiszen. 2 

2 Sehr beachten s werth ist die Schrift von Walter Bagehot: Eng- 
lische Verfassungszustände, übersetzt, mit einem Vorwort von Fr. von 
Holtzendorff. Berlin 1868. 



324 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Autgaben d. repräsentativen Monarchie. 



Freilich die m o n ar chi s c h e Gesinnung ist in dem eng- 
lischen Volke nicht erstorben. Die Engländer ehren und 
verehren ihre Könige und ihre Königinnen mit lebhafter 
Neigung und mit einer fast religiösen Ehrfurcht und Begei- 
sterung. Sie sehen in dem Königthum die leibhafte Majestät 
ihres Stats und sind stolz auf die königliche Würde, die wie 
eine Sonne strahlt und leuchtet. Der königliche Hof ist auf 
dem sonnigen Gipfel des nationalen und des gesellschaftlichen 
Lebens. Die Sitten der guten Gesellschaft richten sich viel- 
fältig nach diesem Vorbilde. Die Aristokratie betrachtet die 
Könige ohne Neid aber mit dem mehr oder weniger bewuszten 
Gefühl, dasz es ihr höchster Ausdruck und zugleich ihr unent- 
behrlicher Halt und ihr sicherster Schirm sei. Die unteren 
Volksclassen sehen in dem Könige auch eine Ermäszigung 
der Aristokratie und einen Hort gegen die Unterdrückung 
von Seite der vornehmen Gassen. 

Nur der König und das Volk als ein Gesammtwesen 
stehen über den Parteien, und bedienen sich je nach 
Umständen und nach Bedürfnisz bald dieser bald jener Partei. 
Der König ist nicht, wie die Minister, ein Parteiführer, nicht 
das Parteihaupt. Er tritt mit der Partei in Verbindung, 
welche das Volksvertrauen für sich hat und über die Mehr- 
heit der Stimmen im Parlament verfügt. Dieser Partei über- 
gibt er die Führung der öffentlichen Geschäfte. Er selber 
vertritt die feste dauernde Einheit des Stats, und die Gemein- 
schaft der ' Bechtordnung, welche beide trotz dem Wechsel 
der Geschäftsleitung fortdauern. 

Der englische König ist nicht ohne Einflusz auf die 
Geschäfte. Er ist ein beachtenswerther politischer Factor. 
Er steht doch im Centrum und auf der Alles überschauenden 
Höhe des Statslebens. Es ist durchaus nicht gleichgültig, 
wie er die politischen Aufgaben versteht, w r as er zu thun oder 
zu unterlassen Willens ist. Je begabter ein König ist, um 
so besser wird er seine Stellung zu benutzen wissen, um so 



Zweites Capitel. Der politische Charakter der englischen Verfassung. 325 

mächtiger wird seine Einwirkung sein. Die gegenwärtig 
regierende Königin hat sich früher oft durch ihren Genial 
auch in der Politik bestimmen lassen und die Minister waren 
genöthigt, ihre Meinung und ihre Wünsche zu berücksichtigen. 
Nach dem Tode des Prinz-Gemals hat sie noch in einigen 
wichtigen Fragen auch gegen den anfänglichen Rath der 
Minister entschieden und sogar den gewandten und selbst- 
bewuszten Lord Palmerston veranlaszt, sich ihrer Ansicht 
anzuschlieszen. 

Der König ist freilich nicht mehr in der Lage, die Mini- 
ster nach seiner persönlichen Neigung oder Abneigung ernennen 
oder entlassen zu können. Er ist zwar nicht durch Verfas- 
sungsartikel oder durch Gesetzesvorschriften, aber durch die 
Sitte und durch die wirklichen Machtverhältnisse genöthigt, 
voraus die Stimmung und die Stimmen des Parlaments zu 
beachten. Aber innerhalb dieser nothwendigen Rücksicht, 
welche den König bindet, hat er doch eine beschränkte Frei- 
heit der Auswahl. Er kann doch unter mehreren Partei- 
führern den aussuchen, zu dem er ein besonderes Vertrauen 
hat. Er kann den Ehrgeiz und die Eifersucht anderer Stats- 
männer benutzen und indem er das Ministerium entläszt, 
möglicher Weise zu einem Umschwung den Anstosz geben. 
Er kann sich die Correspondenzen mit andern Mächten und 
die Instructionen und Berichte der Gesandten rechtzeitig vor- 
legen lassen und erhält so einen tiefen Einblick in das 
geheime Getriebe der Diplomatie. Er kann seine Ansicht 
auch im Ministerrathe äuszern ; er kann zu Untersuchungen, 
Prüfungen, Berichterstattungen Befehl geben; er kann die 
königliche Sanction zu einer Maszregel verzögern oder ganz 
verweigern; er kann so auch den Ministern manche Mühe 
und manches Hindernisz bereiten; er kann durch ein gnädi- 
ges Wort, durch eine Auszeichnung am Hofe, durch Orden 
und Titel seine Gunst bethätigen. In alledem sind für einen 
statsmännisch begabten König wichtige Anhaltspunkte und 



32G Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



Hülfsmittel gegeben, um seinen Einflusz auf die practische 
Politik wirksam zu machen. Man unterschätzt oft in Europa 
die persönliche Macht eines Königs von Groszbritannien. 

Die Engländer sind stolz darauf, einen König zu ihrer 
Obrigkeit zu haben, sie würden meinen an ihrer Ehre und 
an ihrem Rang etwas einzubüszen, wenn die königliche Regie- 
rung von Männern aus bürgerlichem Geschlechte besessen 
würde. Aber sie sind nicht ebenso dynastisch gesinnt, wie 
manche deutsche Volksstämme. Sie haben während der letzten 
zwei Jahrhunderte zu viele Wechsel der Dynastren erlebt, um 
ihre Gefühle ausschlieszlich auf eine Dynastie zu concentriren. 
Die Häuser Tudor, Stuart, Nassau-Oranien , Hannover lösten 
einander nach wenigen Jahrzehnten ab, und schon ist die 
Aussicht nahe, dasz die Dynastie Koburg dem Haus Hannover 
folgen werde, wenn gleich dieses nicht ausgestorben ist. Das 
englische Thronfolgerecht, welches auch die Frauen auf den 
Thron beruft, wenn keine Männer derselben Parentel vor- 
handen sind , aber vor den ferneren Geschlechtsvettern, begün- 
stigt diesen Wechsel. 

Sieht man aber nicht auf die Rechtsform, sondern auf die 
entscheidende Macht und den leitenden Geist der englischen 
Politik, so kann man nicht zweifeln, beide sind nicht mehr in 
dem Königthum, sondern in dem Cabinet, d. h. in den jewei- 
ligen Häuptern und Führern der Parlamentsmajori- 
tät. Diese Majorität aber ist hinwieder abhängig von den Par- 
teikämpfen, erst bei den Wahlen zum Unterhaus, sodann in 
dem Parlamente selber. Je nachdem die Whigs oder die 
Tories, die Liberalen oder die Conservativen siegen, oder 
eine geschickte Combination die Theile verschiedener Parteien 
zu mischen und zu verbinden weisz, ändert sich das Cabinet. 
Der König ernennt zwar seine Mitglieder und entläszt sie, 
aber er ist genöthigt, das offenbar gewordene Machtverhält - 
nisz der parlamentarischen Parteien zu beachten. In der 
Regel kann er auch nicht anders, er musz die Anträge seiner 



Zweites Capitel. Der politische Charakter der englischen Verfassung. 327 



Minister gutheiszen, denn so lange die Minister die Majorität 
im Parlament für sich haben, so lange haben sie die Macht 
und ist der Träger der Krone thatsächlich genöthigt, auf 
ihren Rath zu hören. 

Deszhalb heiszt die englische Regierung mit Recht Ca- 
binets- oder Ministerregierung oder auch Parlaments- 
regierung. Das Cabinet bereitet alle Anträge an das 
Parlament, auch die meisten und die wichtigsten Gesetzes- 
entwürfe vor. Die Minister sind Mitglieder des Parlaments 
und die wahren und anerkannten Führer der herrschenden 
Partei im Parlament. Deszhalb werden sie gestürzt, wenn 
die Majorität sich gegen sie erklärt; die neue Majorität erhebt 
dann ihre Führer und bringt dieselben ins Cabinet. 

Dasselbe Cabinet, welches das Parlament leitet, verwaltet 
die Regierungsgeschäfte und entscheidet im Rathe des Königs 
über die Politik. Die Trennung der gesetzgebenden Gewalt 
und der Regierungsgewalt ist zwar statsrechtlich durch eine 
verschiedene Organisation des Parlaments und des königlichen 
Rathes anerkannt. Dem Wesen nach aber sind beide in der 
Einen Hand des Cabinets ebenso geeinigt, wie der Form nach 
der König das Haupt beider ist. 

In dem Parlamente selber aber ist die englische Aristo- 
kratie in unbestrittener Herrschaft, und die parlamentari- 
schen Parteien sind aristokratisch. Die Sitten und die 
Anschauungen des ganzen Volks sind aristokratisch. Um 
deszwillen ist, nach dem Geiste beurtheilt, die englische Ver- 
fassung eine Aristokratie mit einem erblichen König 
an der Spitze. 

Es gibt in keinem andern Lande der Welt eine so zahl- 
reiche Classe fein gebildeter, behaglich lebender und zugleich 
gemeinnützlich wirkender Männer und Familien, wie sie in 
der englischen Gentry erscheint., Die deutsche Bildung mag 
gründlicher und wissenschaftlicher sein und bei weitem mehr 
in die Mittelclassen sich ausbreiten; aber sie ist, verglichen 



328 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



mit dem englischen Reichthum, nur dürftig mit Glücksgütern 
ausgestattet und sie ist weder so fein und vornehm, noch so 
behaglich wie das Leben des englischen Gentleman. Die ge- 
bildeten Franzosen sind vielleicht ebenso reich wie die Eng- 
länder und übertreffen dieselben wohl in der freien Bewegung 
des Salonlebens; aber sie stehen denselben wieder nach in 
gemeinnützlicher Thätigkeit und in der Männlichkeit des 
Charakters. 

Dennoch hat sich die englische Aristokratie niemals 
kastenmäszig von den übrigen Schichten der Nation abge- 
trennt, sondern sie ist immer mit denselben verbunden ge- 
blieben. Sie schätzt freilich die vornehme Geburt hoch, sie 
beachtet sorgfältig in ihren gesellschaftlichen Sitten die Unter- 
schiede und Stufen des Ranges und Titels. Der Eintritt in 
die hohe Gesellschaft steht nicht jedem zudringlichen Be- 
werber offen. Aber es gelingt dem reich gewordenen Kauf- 
mann, Banquier, Fabrikanten doch nach und nach, wenn er 
das bürgerliche Geschäft aufgibt, ein Rittergut ankauft und 
die Lebensweise der Gentry beachtet, wenigstens für seine 
Nachkommen die Aufnahme in den Kreis der Aristokratie 
zu erreichen. 

Niemals hat die englische Aristokratie, wie der franzö- 
sische und der deutsche Adel, Steuerfreiheit als Privilegium 
angestrebt; niemals hat sie sich der Öffentlichen Pflicht ent- 
zogen. Sie ging in den Leistungen für die allgemeine Wohl- 
fahrt allen andern Classen voran. Auch heute noch, wenn 
irgend ein gemeinnützliches oder ideales Bedürfnisz Befriedi- 
gung verlangt, für Anstalten und Werke der Wohlthätigkeit, 
der Humanität, der Kunst, der Wissenschaft, zeichnen die 
Mitglieder der reichen Aristokratie jeder Zeit unter den Ersten 
ansehnliche Beiträge freiwillig. Ihr Patronat fördert und 
belohnt das edle Streben und die ausgezeichnete Arbeit. 

Die öffentlichen Aemter sind durchweg in den 
Händen der Aristokratie, nicht in Folge eines beleidigenden 



Zweites Capitel. Der politische Charakter der englischen Verfassung. 329 



Privilegiums, sondern in Folge der Macht der Verhältnisse 
und der herkömmlichen Sitten. Das Polizeiamt der Frie- 
densrichter wird auf dem Lande vorzugsweise von den 
angesehenen und reichen Rittergutsbesitzern im Auftrag des 
Königs ohne Besoldung verwaltet. Das ist eine hohe Schule 
der practischen Verwaltung und der Politik. Die politischen 
Ideen und Gewohnheiten werden beinahe erblich in den Fa- 
milien fortgepflanzt. Den Kern der Whigs bilden höchst vor- 
nehme Adelsgeschlechter, die seit Jahrhunderten die liberalen 
Sitten fortgepflanzt haben. Die Masse der Tories im Parla- 
ment besteht ebenso aus den Häuptern oder Söhnen von 
•Grundherr en, die ihre conservative Gesinnung von ihren Vätern 
und Ahnen ererbt haben. Sogar die christliche Religion 
nimmt in England aristokratische Formen an. Der vornehm 
gewordene Bürger verläszt die Kirche der Presbyterianer , der 
er früher angehört hatte, und geht in die Hochkirche über, 
mit welcher die herrschende Aristokratie verwachsen ist. 

Ebenso aristokratisch ist das Erbrecht. Es begünstigt 
die dauerhafte Vererbung groszen Reichthums, indem es die 
gleiche Erbtheilung zwischen gleich nahen Söhnen oder Brü- 
dern verwirft und nur Einem, dem Erstgebornen, das Hauptgut 
zuweist, die andern nur abfindet. Daher die groszen, zu- 
weilen übergroszen Herrengüter, und die verhältniszmäszig 
geringe Zahl von mittleren und kleinen Freigütern. 

Der Reichthum ist auch eine Grundbedingung des parla- 
mentarischen Berufs. Bekannt ist das Wort eines englischen 
Journals, der Eintritt ins Parlament sei mit einem jährlichen 
Eingangszoll von mindestens 2000 Pfund belegt. Wenn auch 
diese Aeuszerung chargirt sein mag, so viel ist unzweifelhaft, 
dasz in der Regel, wer als Candidat für das Unterhaus auf- 
tritt, sehr bedeutende Summen verwenden musz, um den 
Wählern gefällig zu sein, und dasz das Leben eines Parla- 
mentsmitglieds in London ein sehr theures ist. Möglich, dasz 
in Ausnahmsfällen die Partei oder reiche Personen für einen 



330 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



begabten, aber nicht reichen Mann die Kosten übernehmen. 
Zuweilen finden die Parlamentsmitglieder auch einen mate- 
riellen Ersatz für ihre Auslagen in der Anstellung ihrer Ver- 
wandten oder Günstlinge zu besoldeten Statsämtern, welche 
diese ihrem Fürwort bei den Ministern verdanken. Aber all' 
das ändert und schwächt nicht den aristokratischen Grund- 
charakter nicht etwa nur des Oberhauses, sondern auch des 
Unterhauses. 

Die grosze Mehrzahl der Mitglieder des Unterhauses be- 
steht nicht in Folge rechtlicher Vorschrift, aber' in Folge 
thatsächlicher Ueberlegenheit, aus Gliedern der Aristokratie, 
aus Adlichen, Rittergutsbesitzern, groszen Capitalisten, Finanz- 
notabilitäten. Aus dieser Grundlage steigen die Parlaments- 
führer, die Minister, die Häupter der regierenden Aristokratie 
empor. 

Ebenso ist es in den untern Zweigen der Verwaltung. 
Wenige besoldete Berufsämter, zahlreiche unbesoldete Ehren- 
ämter. Die Verwaltung ist bis ins Einzelne durch Gesetze 
geordnet. Das Gesetz ist die einzige Ermächtigung zur Aus- 
übung irgend einer statlichen Gewalt. Der Engländer fragt, 
bevor er gehorcht, nach der gesetzlichen Begründung eines 
Befehls. Er erkennt nur eine gesetzliche Beschränkung seiner 
Freiheit an. Das Gericht schützt ihn in dieser Freiheit und 
prüft die Rechtmäszigkeit eines jeden amtlichen Gebots. Die 
Rechtspflege controlirt insofern die Verwaltung. 

Die Achtung vor dem Gesetz, der gesetzliche Sinn sind 
in der englischen Bevölkerung entwickelt und kräftig. Die 
Mitwirkung und Entscheidung der aristokratischen Volksver- 
tretung bei der Gesetzgebung und der Geschwornen bei der 
Rechtspflege bekräftigen diese Gesinnung und diese Sitten. 

Aber eben deszhalb ist die englische Verwaltung in ihrer 
Thätigkeit vielfältig gehemmt. Sie kann nicht je nach Be- 
dürfnisz rasch und energisch eingreifen, sie musz oft ruhig 
zusehen, bis das wachsende Uebel die ausdrücklichen Vor- 



Drittes Cap. Weszhalb ist d. const. Monarchie in Frankreich verunglückt? 331 



Schriften des Gesetzes verletzt. Ihre Bewegung ist vielfach 
gehemmt. Ihre Wirkung ist oft ungenügend. Die Selbsthülfe, 
auf welche die Engländer vorerst angewiesen sind, reicht 
häufig nicht aus und die Statshülfe deckt diesen Mangel nicht. 



Drittes Capitel. 

Weszhalb ist die constitutionelle Monarchie in Frankreich 

verunglückt ? 

Schon Montesquieu hatte die Aufmerksamkeit der ge- 
bildeten Franzosen auf England gelenkt , und auf die con- 
stitutionelle Monarchie Englands als das Vorbild hingewiesen, 
welches die continentalen Völker nachbilden sollten , um dem 
Verderben des königlichen Absolutismus zu entgehen. Eine 
Zeit lang hatte diese Meinung in der französischen Gesell- 
schaft viel Beifall gefunden. Aber als dann am Schlüsse des 
achtzehnten Jahrhunderts die Revolution die Leidenschaften 
in den Massen entflammte, kam die demokratische Lehre 
Rousseau's zur Geltung und die englischen Institutionen 
verloren ihre Anziehung. 

Erst nachdem die wilde Revolution ihre Kräfte erschöpft 
und die napoleonische Cäsarenmonarchie, die ihr gefolgt war, 
mit dem Verluste der europäischen Herrschaft und mit der 
Invasion der Fremden in Frankreich geendet hatte, bekam 
jener Gedanke wieder Credit. Die Charte Ludwig XVIII. 3 
vom 4. Juni 1814 war ein Versuch, das System der englischen 
Verfassung auf Frankreich zu übertragen. 

Die französische Formulirung der Constitutionen -monar- 
chischen Verfassung hat in Europa bleibende Nachwirkungen 
gehabt; aber in Frankreich ist diese Verfassung vorerst 

3 Vgl. oben Bd. I. B. 6. Cap. 4. 



332 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 

gescheitert. Zuerst schon hat sie durch die Julirevolution von 
1830 einen heftigen Stosz erlitten, freilich damals noch zu 
Ehren der Constitutionen -monarchischen Principien, welche 
von dem absolut gesinnten Könige Karl X. verachtet und 
verletzt worden waren. Dann aber ist sie im Februar 1848 
vollständig zusammengebrochen, und es ist an ihrer Stelle 
die Republik eingeführt worden. Als dann neuerdings die 
Monarchie durch Napoleon III. hergestellt ward (1852), er- 
klärte sich der Kaiser gegen die constitutionellen Fictionen 
und gegen die parlamentarischen Eitelkeiten, und setzte dem 
englischen Statssystem ein romanisch -französisches ent- 
gegen. Zwar gewannen gegen Ende der kaiserlichen Regie- 
rung im Jahr 1869 neuerdings die parlamentarischen Ideen 
an Ansehen und Wirksamkeit. Indessen vermochten sie den 
Krach des Kaiserthums nicht aufzuhalten und dieszmal wurde 
es nicht von der constitutionellen Monarchie, sondern von 
der Republik abgelöst (1870). 

Liegen die Gründe dieses Scheiterns in den Grund- 
gedanken der Verfassung selbst, die für Frankreich nicht 
paszten, oder in andern äuszern Ursachen? 

Mir scheint, die Grundgedanken der constitutionellen 
Monarchie sind dem französischen Geiste durchaus nicht 
fremd, sondern in der Form, wie er sie aufgefaszt und aus- 
geprägt hat, genehm und theuer. Ich rechne dahin die Ver- 
bindung eines individuellen, glänzenden und mächtigen Stats- 
haupts mit freien Volksrechten , die entscheidende Mitwirkung 
der Volksvertretung bei den Gesetzen, die Verantwortlichkeit 
der Minister gegenüber den Kammern, die Controle der Re- 
gierung und Verwaltung im Groszen durch die Volksvertretung, 
Unterordnung aller Statsämter unter das Statshaupt, Leitung 
der Verwaltung vom Centrum aus, selbständige Gerichte inner- 
halb der gesetzlichen Competenz , souveräne Regierungsgewalt, 
aber Preszfreiheit, Vereinsfreiheit, Gewerbefreiheit für die 
Regierten. 



Drittes Cap. Weszhalb ist d. const. Monarchie in Frankreich verunglückt? 333 



Aber die Geschichte des französischen Stats hat uns die 
alte Wahrheit wiederum geoffenbart, dasz die Verfassungs- 
formen und die geschriebenen Verfassungsartikel das Volks- 
leben weder zu befriedigen, noch zu beherrschen die Macht 
haben. Das Scheitern der constitutionellen Monarchie ist 
auch nicht aus einer einzigen Ursache zu erklären. Es haben 
vielmehr verschiedene Ursachen zusammen gewirkt: 

1. Unzweifelhaft hat der alte keltische Charakterzug, den 
Cäsar vor bald zwei Jahrtausenden geschildert hat, dasz die 
Gallier weder die Freiheit, noch die Knechtschaft 
ertragen können und den Wechsel der Neuerungen lieben, 
auch seinen Antheil an dieser Geschichte. Die talentreiche, 
rasch urtheilende , die erhaschten Begriffe bis in ihre äuszer- 
sten Consequenzen verfolgende Nation unterwirft sich bald 
der Autorität, die ihr Sicherheit, Glück und Ruhm verheiszt, 
bald empört sie sich wieder gegen die herrschenden Mächte und 
übertreibt die Volksfreiheit zur Pöbelei. So schwankt sie 
hin und her zwischen absolutem Königthum und Demokratie, 
Napoleonismus und Commune, Priesterherrschaft und Atheis- 
mus. Die constitutionelle Monarchie aber vermeidet grund- 
sätzlich die Extreme und hindert durch ihre Com promisse 
und durch ihre Verbindungen der Gegensätze die Ueber- 
macht und die Ueberspannung einer einseitigen Richtung. 
Sie ist daher in der That berufen, die französische Nation 
gegen die Gefahren ihrer Natur zu schützen. 

2. Die constitutionelle Monarchie erfordert aber, damit 
sie Bestand habe , ein Volk und sowohl Häupter als Vertreter 
des Volks, welche sich selber beherrschen. Die Fähig- 
keit, sich selber zu beherrschen, setzt sowohl die Ausbildung 
des Denkvermögens, unbefangene Prüfung und Einsicht, als 
Uebung in der Selbsthülfe voraus. 

In beiden Beziehungen ist es noch mangelhaft bestellt, 
Die klerikale Erziehung und Bevormundung hat in groszen 
Massen der Bevölkerung, voraus in der Landbevölkerung, 



334- Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



aber mittelbar durch den Einflusz der Frauen auch in der 
städischen Bevölkerung, die Fähigkeit zu selbständigem, kri- 
tischem Denken schon in ihren jugendlichen Trieben und 
Keimen zerstört und dieselben zu blinder und willenloser 
Unterwerfung unter die Hierarchie zugerichtet. Die Volks- 
sitten sind überdem wenig an Selbstverwaltung gewöhnt, 
sondern eher daran, von der Statsverwaltung Hülfe zu er- 
warten und zu fordern. 

3. Mindestens der Form nach, im normalen Zustand auch 
dem Wesen nach ist der K ö n i g das verfassungsmäszige wahre 
Statshaupt in der constitutionellen Monarchie. Es war ein 
Unglück für die Franzosen, dasz die Bourbonische Königs- 
familie, welche diese Verfassung gab, durch die siegreichen 
Waffen der Fremden und der Feinde dem gedemüthigten 
französischen Volke zugeführt worden war. Die Entstehung 
der constitutionellen Monarchie war daher in den Vorstel- 
lungen der Franzosen befleckt durch die Schmach der Er- 
oberung und durch das Unglück des Landes. 

Dazu kam der andere grosze Uebelstand, dasz die Könige 
selber und die Höfe, welche sie umgaben, keineswegs als 
Freunde dieser Verfassungsform betrachtet werden konnten. 
Insbesondere Karl X. war ein offener Hasser der Verfassung. 
Er strebte die Rückkehr zu der früheren absoluten Monarchie 
an und an ihn schlössen sich alle reactionären Elemente an, 
Jesuiten, Pfaffen, Hofleute, legitimistische Adliche. Die Re- 
volution von 1830 wollte die Verfassung wider den König 
vertheidigen. 

Dem Könige Ludwig Philipp und den Orleans konnte 
man nicht ebenso eine anticonstitutionelle Gesinnung vor- 
werfen. Diese königliche Linie war und galt als verfassungs- 
freundlich. Dennoch erlebte der alte König noch den Zu- 
sammensturz der Verfassung. Er hatte zu sehr den bürger- 
lichen Mittelclassen vertraut, zu wenig die Instincte und Nei- 
gungen der groszen Massen berücksichtigt. Er schien zaghaft 



Drittes Cap. Weszhalb ist d. const. Monarchie in Frankreich verunglückt? 335 



und schwach in der auswärtigen, enge und kleinlich in der 
inneren Politik. Sein leitender Minister Guizot stand im Ver- 
dacht, dasz auch er die Jesuiten begünstige. Als er sich der 
Ausbreitung des Stimmrechts an zahlreichere Volksclassen 
widersetzte, brach der Zorn der Pariser los und schlug in 
leidenschaftlicher Erregung die Verfassung in Stücke. 

4. Die Aristokratie, in England die Hauptstütze der 
Verfassung, war in Frankreich eher eine Verlegenheit als eine 
Stütze derselben. Auch die französische Aristokratie war 
groszen Theils im Gefolge der fremden Sieger in ihr Vater- 
land zurück gekehrt. Sie war den Franzosen verhaszt und 
in ihr war der Hasz der französischen Revolution und des 
Napoleonischen Ruhmes noch lebendig. Sie forderte und er- 
hielt aus dem Nationalvermögen reiche Entschädigung für 
ihre Vermögensverluste während der Revolution. Sie machte 
so gut es ging wieder Anspruch auf eine privilegirte Stellung 
am Hofe und in der Provinz. Die Revolution von 1830 war 
wie gegen das absolutistische Königthum so auch gegen den 
legitimistischen Erbadel gerichtet. 

5. Die Revolution hatte das Selbstgefühl der groszen 
Volksclassen, des Demos aufgeweckt und gestachelt. In 
diesen Classen muszte man den erforderlichen Halt und die 
Stütze der Verfassung suchen, welche die Aristokratie nicht 
gewähren konnte. Aber diese Classen waren von dem Stimm- 
rechte gänzlich ausgeschlossen zu Gunsten der Capitalisten 
und der Finanzgröszen , welche von jenen Massen keineswegs 
als die vorzüglichste und gehobenste Erscheinung des Bürger- 
thums geschätzt, sondern eher beneidet und als Privilegirte 
gehaszt wurden. 

Der französische Demos, besonders der Hauptstadt Paris, 
ist nicht so an die Achtung des Gesetzes gewöhnt, wie die 
englischen Bürger und Arbeiter. Er ist reizbarer, beweglicher, 
geneigter zur Gewaltthat. Die Erhebung der Pariser gab ge- 
wöhnlich den Ausschlag für ganz Frankreich. Die Pariser 



336 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



Revolution von 1848 und wieder von 1870 entschied für die 
Republik. Nur sehr allmählich bildete sich, im Widerspruch 
zu Paris, in der Provinz ein anderes Massengefühl aus, das 
groszen Theils von dem Klerus, theilweise auch von der 
Statsverwaltung geleitet wird. Aber alle diese Massenstim- 
mungen und Massenleidenschaften bewegten sich gewöhnlich 
in anticonstitutioneller Richtung. In der französischen Nation 
wirkt der ' gemeinsame Heerdensinn sehr stark und bestimmt 
die Massen jeder neuen Bewegung insgesammt sich anzu- 
schlieszen. 

6. Die Armee endlich, welche im Kampfe schlieszlich 
entschied, hatte gröszere Napoleonische als Bourbonische 
Erinnerungen. Sie war dem Bürgerkönige gehorsam, aber 
sie war nicht für ihn begeistert. Ein Theil der Armee war 
republikanisch, der gröszere Theil war monarchisch gesinnt, 
aber die Monarchie, welche sie höher schätzte, war das Im- 
peratorenthum und das Napoleonische Cäsarenthum, nicht 
das bürgerlich-beschränkte constitutionelle Königthum. 



Viertes Capitel. 

Inwiefern ist die parlenientarische Verfassung Englands 
ein Vorbild für Deutschland und inwiefern ist sie nicht 

übertragbar? 

Die constitutionelle Monarchie ist nicht auf directem 
Wege von England nach Deutschland gekommen, sondern ver- 
mittelt durch die französische Umbildung, zuerst von Paris 
aus nach Süddeutschland. Die deutsche Wissenschaft und die 
deutsche Kammer- und Ministerpraxis suchten daher anfangs 
in dem französischen Constitutionalismus ihr Vorbild. Rotteck, 
Welcker und Ar et in waren die Schüler von Benjamin 
Constant. Die englische Verfassung selber beurtheilte man 



Viertes Capitel. Inwiefern ist die parlamentarische Verfassung Englands etc. 337 



vorzüglich nach der französischen Auffassung von De lohne 
und nur Wenige gingen auf Blackstone zurück. 

Aber später änderte sich das. Man wurde gewahr, dasz 
in dem ursprünglichen Heimatland die constitutionelle Mon- 
archie in sicherster Geltung sei, dasz die englische Weltmacht 
in Gestalt dieser freien Verfassung ihre Erfolge in allen Welt- 
theilen erreicht habe und dasz der innere Wohlstand der 
englischen Nation unter ihrem Schutze* so glänzend aufgeblüht 
sei. Man erfuhr überdem, dasz der importirte französische 
Constitutionalismus keinen festen Bestand habe und die heftigen 
Erschütterungen revolutionärer und reaktionärer Stösze nicht 
verhindere. Die Aufmerksamkeit auch der Statswissenschaft 
wurde entschiedener dem Studium der englischen Verfassung 
zugelenkt. Vor allen studirte Rud. Gneist die englische 
Verfassung und Verwaltung gründlicher und sorgfältiger. In 
England selber erschienen manche neuere Werke, welche die 
Geschichte des englischen Statsrechts und die bestehenden 
Einrichtungen beleuchteten. Es wurde nun üblich, mit Nach- 
druck auf das englische Vorbild hinzuweisen , wenn in Deutsch- 
land irgend eine neue Verfassungsfrage auftauchte, 

In der That, wir können von den Engländern in Ver- 
fassungs- und Verwaltungssachen Vieles lernen. Sie haben 
eine reiche und alte Lebenserfahrung in diesen Dingen; sie 
haben für die groszen Probleme Statsautorität und bürger- 
liche Freiheit, öffentliche Pflicht und Privatrecht, Regierungs- 
einheit und corporative Mannichfaltigkeit , Theilnahme der 
Bürger an der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege 
u. s. f. sehr Bedeutendes geleistet, fruchtbare bleibende Ge- 
setze ausgesprochen und viele zweckmäszige Einrichtungen 
getroffen. In ähnlicher Weise wie die Römer durch ihre Aus- 
bildung des Privatrechts um die Menschheit sich grosze Ver- 
dienste erworben haben, haben die Engländer für die Ver- 
vollkommnung des Statsrechts Fortschritte gemacht, welche 
den civilisirten Völkern zu Gute kommen. 

Bluntschli, die Politik. 22 



338 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



Aber wenn man auch diese Verdienste dankbar anerkennt, 
so musz man sich auf der andern Seite zugleich bewuszt 
werden, dasz sehr Vieles in dem englischen Rechte nur für 
England und keineswegs für Deutschland paszt. Man darf 
nicht die inneren Verschiedenheiten der Lage, des Charakters 
und Geistes und der Geschichte der beiden Nationen über- 
sehen. Eine blosze Copie englischer Gesetze und Maximen 
würde schon deszhalb nichts taugen, weil diese Normen in 
Deutschland mit völlig anderem Geiste erfüllt werden und 
unter den veränderten Verhältnissen einen ganz andern Sinn 
bekommen. Daher ist für uns die Berufung auf das eng- 
lische Vorbild nur mit Vorsicht und Vorbehalt zulässig. Wir 
müssen vielmehr unsere Probleme selbständig, dem eigenen 
Wesen und den besonderen Aufgaben gemäsz zu lösen suchen. 

Die Hauptunterschiede sind folgende: 

1. Schon die Lage ist eine grundverschiedene. England 
ist durch seine insulare Lage in hohem Grade gesichert. 
Die continentale Lage Deutschlands in der Mitte Europas 
zwischen zwei oder drei starken Militärmächten ist im Westen, 
im Osten und im Süden an weit hingezogenen Landesgrenzen 
ernstlich gefährdet und nur im Norden durch das Meer ge- 
schützt. England bedarf zu seiner Verteidigung keines starken 
und zahlreichen Landheeres. Seine Seemacht reicht aus, um 
das Land zu sichern und das englische Ansehen auf allen 
Meeren und an allen Küsten der Welt zu erhöhen. Deutsch- 
land bedarf dagegen eines mächtigen, auf ein wehrhaftes 
Volk gestützten Landheeres und die deutsche Marine hat nur 
eine untergeordnete Bedeutung, hauptsächlich für den Schutz 
der Küsten und des deutschen Welthandels. 

Dieser Eine Fundamentalunterschied schon gibt der deut- 
schen Verfassung einen durchaus andern Charakter. Das 
deutsche Volksheer ist ein überaus wichtiger Factor in 
dem deutschen Statsleben, während das englische Heer für 
den englischen Stat sehr wenig bedeutet. Jenes Heer ver- 



Viertes Capitel. Inwiefern ist die parlementarische Verfassung Englands etc. 339 



leiht der deutschen Monarchie eine gewaltige Kraft, wie sie 
ein englischer König nicht zur Verfügung hat. Zugleich dient 
es als hohe Statsschule für die gesammte Mannschaft. Im 
Heere lernt der gemeine Mann die Statsordnung kennen, da 
wird er in der Pflicht gegen König und Vaterland geübt , da 
bekommt er auch zugleich mit dem strammen Ordnungssinn 
männliches Selbstgefühl. 

2. Ebenso verschieden wie die Lage nach Auszen, ist 
die geschichtliche Gestaltung im Innern. In England ist die 
national e Einheit schon seit vielen Jahrhunderten befestigt 
und auch auf Schottland schon seit vielen Menschenaltern aus- 
gedehnt. Nur in dem eroberten Irland regen sich zuweilen 
noch Absonderungstriebe, aber auch da ohne ein dynastisches 
Haupt und ohnmächtig. 

In Deutschland war die alte Reichseinheit während vieler 
Jahrhunderte immer mehr zerbröckelt und in selbständige 
Länderstaten aufgelöst worden und an der Spitze dieser Länder- 
staten waren Fürsten und Dynastien, die auf ihre Selbstherr- 
lichkeit eifersüchtig waren. In dem letzten Jahrhundert war 
überdem die deutsche Politik durch den Dualismus von Oester- 
reich und Preuszen gespalten und gelähmt. Nur unter den 
gröszten Schwierigkeiten konnte unter Preuszens Führung all- 
mählich die nationale Neugestaltung von Deutschland und die 
Ablösung von Oesterreich vollzogen werden. Aber selbst da 
noch dauert der Gegensatz der particulären Länderstaten und 
des nationalen Gesammtstats fort und die kaiserliche Dy- 
nastie ist genöthigt, auf die vielen fürstlichen Dynas- 
tien Rücksicht zu nehmen, die dem englischen Könige den 
englischen Groszen gegenüber unbekannt sind. Die kaiser- 
liche Dynastie hat selber den Gegensatz in sich, sie ist zu- 
nächst Preuszische Kö nigsdynastie, dann erst in ihrem 
Haupte und dem Kronprinzen deutsch-kaiserlich. Die 
Macht des Königs von Preuszen ist die sicherste Stütze der 
kaiserlichen Autorität. 



340 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben <i. repräsentativen Monarchie. 



Die reale Macht des Königs von Preuszen und des deut- 
schen Kaisers ist aber weit gröszer als die Macht des Königs 
von England. Die Preuszen und die Deutschen wissen, dasz 
der preuszische Stat und das deutsche Reich vornehmlich die 
Schöpfung sind gewaltiger Fürsten aus dem Hause Hohen- 
zollern. Der politische Geist der Preuszen ist durchaus nicht 
wie der englische Volksgeist aristokratisch, sondern monar- 
chisch gehoben. Um deszwillen besitzt das Königthum in 
dem preuszischen State eine überlegene Machtstellung, wie 
sie ein englischer König seit mehreren Jahrhunderten nicht 
mehr hat. 

3) Der englische Stat beruht vornehmlich auf dem An- 
sehen, der Geschäftskunde, dem Reichthum und der Opfer- 
willigkeit der Aristokratie. Aber die Art und die Ge- 
schichte der deutschen Aristokratie machen es unmöglich, die 
deutsche Verfassung vorzugsweise auf ihre Hülfe zu basiren. 
Die höchste deutsche Aristokratie, der dynastische Herren- 
stand hat seit sechs Jahrhunderten das Reich unter sich vei- 
theilt wie ein Familiengut der fürstlichen Geschlechter. Der 
hohe deutsche Reichsadel war allezeit mehr auf Befriedigung 
seiner Herrschsucht als auf Erfüllung nationaler Pflichten be- 
dacht. Auch der niedere Adel war eher auf Privilegienerwerb 
und Vorrechte lüstern als zu parlamentarischer oder ehren- 
amtlicher Pflichtübung geneigt. Die constitutionelle Monar- 
chie, der moderne Stat und das nationale Reich muszten den 
absolut und particularistisch gesinnten Fürsten und dem mittel- 
alterlich gesinnten Adel groszen Theils abgerungen werden. 
Man konnte sich nicht auf diese Aristokratie stützen. 

Dagegen tritt in Deutschland ein anderer Bestandtheil 
des Volkes einfluszreich und mächtig in den Vordergrund, 
der hinwieder in England nicht existirt. Das wissenschaftlich 
hochgebildete, geschäftskundige und ehrenhafte Beamten- 
thum nimmt in Deutschland eine ähnlich bedeutende Stel- 
lung ein, wie in England die aristokratische Gentry. Dieses 



Viertes Capitel. Inwiefern ist die parlementarische Verfassung- Englands etc. 34£ 

Beamtenthum ist seinem Ursprünge nach mit allen Volks- 
classen in Verbindung. Es zieht aus allen Schichten einzelne 
begabte und strebsame junge Leute an sich , am meisten frei- 
lich aus den gebildeten Mittelclassen und voraus wieder aus 
Beamtenfamilien. Dieser Beamtenstand ist nicht so reich, 
wie die englische Aristokratie, aber geschäftskundiger und 
groszentheils auch wissenschaftlicher vorgebildet. An Ehren- 
haftigkeit darf er sich mit jener messen. Er ist unter sich 
enge verbunden und gewöhnt an Unterordnung unter die cen- 
tralen Vorgesetzten, weniger unabhängig zwar, aber keines- 
wegs knechtisch gesinnt. 

Die deutsche constitutionelle Monarchie ist genöthigt, 
mit diesem Factor zu rechnen und die Kammern können des- 
selben auch nicht entbehren. Die deutsche Beamtung bestand 
schon als eine politische Macht, bevor die Kammern eingeführt 
und der Volksvertretung eine mitwirkende und controlirende 
Stellung eingeräumt wurde. Zu groszem Theil verhielt sich 
der Beamtenstand anfangs misztrauisch gegen die Neuerung. 
Aber er versöhnte sich bald damit. Manche tüchtige Beamte 
traten selber in die Volksvertretung ein und diese hinwieder 
förderte die Sicherheit und die Unternehmungen der Beamten. 
Es bildete sich so ein freundliches Verhältnisz wechselseitiger 
Achtung und zugleich ein wechselseitiges Hindernisz dort des 
bureaukratischen Druckes, hier der demagogischen Willkür. 

Diese Rücksichten sind aber in Deutschland völlig andere 
als in England. 

4. Von entscheidender Bedeutung ist endlich, dasz die 
englischen Parlamentsparteien regierungsfähig und die-, 
Regierungsgewalt zu erwerben jederzeit bereit sind, wäh- 
rend die deutschen Kammern das nicht sind. Die deutschen; 
Volksvertretungen sind mehr gemischt als das englische Unter- 
haus aus den verschiedenen Volksclassen. Die Mehrzahl ihrer 
Mitglieder aber gehören den bürgerlichen Berufsclassen an 
und sind weder fähig noch Willens die Regierung selber zu 



342 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



übernehmen. Sie wollen cöntroliren, nicht regieren. Die 
Minister gehen in Deutschland gewöhnlich aus dem Beamten- 
Stande, nicht aus den Land- oder Reichstagen hervor, 
- eben weil die Fähigkeit zur Regierung und Verwaltung vor- 
zugsweise in jenem nicht in diesen ausgebildet wird. Aus 
diesem Grunde haben die deutschen Reichs- und Landtage 
der Regierung gegenüber eine durchaus andere Bedeutung 
als das englische Parlament im Yerhältnisz zu dem englischen 
Cabinet. 

Bei dieser Verschiedenheit der Grundbedingungen des 
deutschen Verfassungslebens ist die Nachbildung der engli- 
schen Parlamentsregierung in Deutschland unmöglich. Die 
constitutionelle Monarchie hat daher in Deutschland einen 
anderen Charakter und bedarf anderer Formen als in England. 



Fünftes Capitel. 

Worauf beruht die Macht und das Wachsthum des 
preuszischen Stats? 

Wie Oesterreich aus den Südostmarken des mittel- 
alterlichen römischen Reiches deutscher Nation, so ist Preus- 
sen aus den Nordostmarken desselben Reiches zu einem 
selbständigen State heraus gewachsen. Aber während die alten 
Markgrafen, später Erzherzoge von Oesterreich, welche die 
römische Kaiser würde während Jahrhunderten an ihr 
Geschlecht zu bringen wuszten, dieselbe zum Erwerb über 
fremde Königreiche und Fürstentümer benutzten und so ein 
vielsprachiges Völkerconglomerat unter ihrem Scepter 
durch Personal- und Realunionen zusammenfügten, wurden 
die früheren Markgrafen spätem Kurfürsten von Brandenburg 
zu Schirmherrn der deutschen Colonisation und Cultur in den 
slavischen Ländern an der Weichsel und an der Nordsee, 



Fünftes Cap. Worauf beruht die Macht u. das Wachsthum des preusz. Stats? 343 



breiteten als Könige von Preuszen ihre Herrschaft in Nord- 
deutschland allmählich aus und einigten alle ihre Länder zu 
einem deutschen Einheitsstat. Das Haus Habsburg 
hielt fest an der mittelalterlichen römischen Kirche, das Haus 
Hohenzollern schützte die deutsche Kirchenreformation. 
Jenes stützte sich auf das alte Reichsrecht, die hergebrachte 
Politik der landesherrlichen Dynastien und die Zuneigung der 
Aristokratie. Dieses wurde mächtig im Kampf mit der alten 
Reichsverfassung, als Vertreter der modernen Ideen, gehoben 
von einem kriegerischen, aufgeklärten und arbeitsamen Volke. 
Die Abtrennung Oesterreichs von Deutschland und 
die Gründung des deutschen Reiches und des deutschen 
Kaiserthums der Hohenzollern war der endliche Abschlusz 
der vielen Kämpfe und Bestrebungen seit 1740 bis 1866. 

Die politischen Hauptkräfte, welche einen neuen Grosz- 
stat und sodann das deutsche Reich zu einer Weltmacht 
erhoben haben, 4 sind: 

1. Die Dynastie Hohenzollern und die preuszischen 
Könige. 

Der preuszische Stat ist ganz wesentlich die Schöpfung 
der Hohenzollern, und verdankt seine Grösze vornehmlich 
seinen Fürsten. Zu Anfang des dreiszigjährigen Krieges noch 
galt Kursachsen mehr noch als Kurbrandenburg im deutschen 
Reich, und stand das Herzogthum Preuszen noch unter pol- 
nischer Lehenshoheit. Aber der grosze Kurfürst Friedrich 
Wilhelm (1. Dec. 1640 — 9. Mai 1688) befreite Preuszen 
von dieser Abhängigkeit, richtete eine einheitliche Regierurig 
ein und erhob Preuszen-Brandenburg zu dem bedeutendsten 
norddeutschen State und zu einer europäischen Mittelmacht. 
Ein Jahrhundert später erhob sein Urenkel, Friedrich IL 

4 Heinr. v. Trei tschke. Das constitutionelle Königthum in Deutsch- 
land. Histor. und pol. Aufsätze. Bd. II. S. 747 ff. Rud. Gneis t. Die 
Eigenart des preuszischen Stats. Berlin 1873. Herman. Schulze. 
Das preuszische Statsrecht. Bd. I. Leipzig 1872. 



344 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



(31. Mai 1740 — 17. August 1786) das Königreich Preuszen 
zu einer europäischen Groszmacht. Der Kurfürst Friedrich 
Wilhelm hatte bereits ein Statsgebiet von 2073 □ Meilen mit 
einer Bevölkerung von etwa anderthalb Millionen Einwohner 
hinterlassen. Als Friedrich II. starb, hatte das Königreich 
Preuszen einen Umfang von 3540 □ Meilen mit 5,400,000 
Seelen. Das heutige Preuszen hat einen Flächenraum von 
6171 □ Meilen mit 24,639,706 Personen und ist zugleich die 
Hauptmacht des deutschen Reiches, welches einen Flächen- 
raum von 9610 □ Meilen und eine Bevölkerung von über 
41 Millionen zählt. 

Im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderte waren 
die preuszischen Herrscher, ähnlich wie die andern Könige 
und Fürsten des europäischen Continents absolute Monarchen. 
Aber es war damals schon ein cardinaler Unterschied zwischen 
ihrer Auffassung von der fürstlichen Souveränetät, dem „rocher 
de bronze u , wie König Friedrich Wilhelm I. sie nannte, und der 
an den übrigen Höfen wahrzunehmen. Die meisten Dynastien 
betrachteten das Fürstenthum nach mittelalterlicher Weise 
wie ein ihnen von Gott verliehenes Eigenthum über Länder, 
wie eine genuszreiche Familienherrschaft über die Völker. In 
der Dynastie der Hohenzollern war schon sehr frühe eine 
moderne Grundansicht von der fürstlichen Pflicht gegen den 
Stat und das Volk erwacht. Schon der Grosze Kurfürst hatte 
das grosze Princip ausgesprochen: „Sic gesturus sum princi- 
patum, ut sciam rem esse populi non meam privatam." Fried- 
rich der Grosze prägte dasselbe durch sein Wort: r Der Fürst 
ist der erste Statsdiener" so scharf aus, dasz es zur Grund- 
lage eines neuen Statsprincips wurde. In diesem Geiste des 
Statsdienstes und der Statspfiicht weiden die hohenzollerischen 
Fürsten von Jugend an erzogen. Er beseelt ihre ganze Hand- 
lungsweise. In höchstem Grade ist der gegenwärtige König, 
der Begründer des deutschen Reiches davon erfüllt. Um desz- 
willen war das preuszische Königthum nie ein mittelalter- 



Fünftes Cap. Worauf beruht die Macht u. das Wachsthum des preusz. Stats? 345 



liches Patrimonialfürstenthum, sondern modernes Volkskönig- 
thum. Deszhalb haben die preuszischen Könige ihre volle 
Thatkraft dem preuszischen State gewidmet, und um desz- 
willen auch diesen modernen Stat grosz und mächtig gemacht. 

Es war doch eine seltene Gunst des Schicksals, dasz 
Preuszen zur Zeit des Aufschwunges seiner Geschichte bald 
nach einander zwei geniale Fürsten erhielt, die ebenso aus- 
gezeichnet waren als Feldherrn und als Statsmänner, den 
groszen Kurfürsten und Friedrich den Groszen, und zwischen 
ihnen einen bürgerlich gesinnten, pflichttreuen und auch im 
Einzelnen und Kleinen überaus sorgfältigen Wirthschafter und 
Verwalter, den Vater Friedrichs des Groszen. Und wiederum 
verdankte Preuszen die gewaltigen Fortschritte, die es in 
unserm Jahrhunderte macht, zwei gewissenhaften Königen, 
welche geniale Minister zu finden und zu benutzen verstanden, 
wie König Friedrich Wilhelm III. die Minister Freiherrn 
von Stein und Fürst Hardenberg, und Kaiser und König 
Wilhelm den Fürsten von Bismarck. Auch dieser Gegen- 
satz der älteren Könige, die autokratisch regierten und der 
neueren, welche in Verbindung mit leitenden Ministern regie- 
ren, entspricht durchaus der Entwicklung des modernen Geistes. 

2. Das Heer. In dem preuszischen Stat nimmt das Heer 
eine seßr bedeutende, in kritischen Momenten entscheidende 
Stellung ein. Von Anfang an wurde der militärischen Aus- 
bildung des Heeres die höchste Sorgfalt zugewendet. Der 
militärische Geist gibt den Fürsten und dem Volke eine 
männliche, energische und stramme Haltung. Die Vervoll- 
kommnung der Waffen, die Uebung aller militärischen Tugen- 
den, das gründliche Studium der militärischen Technik und 
die Kenntnisz der Strategie haben in allen Zeiten das preu- 
szische Heer ausgezeichnet. Der Grosze Kurfürst hatte 
nur ein stehendes Heer von 20,000 Mann zur Verfügung, aber 
dieses kleine Heer war in Europa berühmt geworden durch 
seine Schlagfertigkeit. Das Heer Friedrichs des Groszen 



346 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



betrug schon 200,000 Mann. Er konnte mit demselben Oester- 
reich, Frankreich, der europäischen Coalition widerstehen. Es 
war das beste Heer in Europa. Unter König Friedrich 
Wilhelm III. ist das moderne System der Landwehr durch 
General Scharnhorst erdacht und eingeführt und im Anschlusz 
an das stehende Heer ein Volksheer gebildet worden, wie es 
lange Zeit einzig da war, aber zu dem constitutionellen Stats- 
recht ebenso paszt, wie das geworbene Berufsheer zu der 
absoluten Monarchie. Der gegenwärtige König Wilhelm 
endlich erhob durch seine verbesserte Organisation das 
preuszische Heer auf die schwindelnde Höhe, von der es 
auf die siegreichen Feldzüge von 186G und von 1870/71 
zurück blickt. 

Diese machtvolle Stellung und Haltung des Heeres gibt 
dem prcuszischen State ein militärisches Ansehen und 
Aussehen. Autorität, Ordnung, Muth, Pflichttreue sind charak- 
teristische Merkmale dieses Charakters. Aber es zeigen sich 
neben diesen Vorzügen auch die bedenklichen Eigenschaften 
harter und spröder, zuweilen stachlicher Formen und der 
rasch und rücksichtslos durchgreifenden Gewaltthat. 

3. Der preuszische Beamtenkörper ist ebenso durch 
eine strenge Schule hindurch gegangen und zu sorgfältiger 
und strammer Pflichtübung angewiesen. Er besitzt durchweg 
eine gute wissenschaftliche Bildung, ist unbestechlich, pflicht- 
treu, geschäftsgewandt. Die Besoldung ist in den unteren 
und mittleren Stufen knapp bemessen und auch in den höch- 
sten nicht luxuriös. Der preuszische Beamte musz viel arbeiten 
und wird scharf controlirt. Sein Diensteifer wird fortwährend 
angeregt und zu geregelter, fleisziger Thätigkeit angehalten. 
Auch da werden diese hellen Züge der Bürgertugend gelegent- 
lich durch Enge des Gesichtskreises, welcher andere Sitten 
und Einrichtungen schwer begreift und selten richtig würdigt, 
durch herbe, nicht immer liebenswürdige Verkehrsformen 
beschattet und verdüstert. 



Fünftes Cap. Worauf beruht die Macht u. das Wachsthum des preusz. Stats? 347 



Heinrich von Treitschke 5 hält eine dreifache Reform 
des preuszischen Beamtenstandes für nöthig: 1) eine gründ- 
liche statswissenschaftliche (nicht blosz eine civilistische 
und criminalistische) Vorbildung. 2) Gesetze, welche das 
Ermessen der Verwaltung und den willkürlichen und leiden- 
schaftlichen Einflusz der Parteien beschränken. 3) Die Ergän- 
zung des Systems bureaukratischer Berufsverwaltung durch 
ein zusammenhängendes System der Selbstverwaltung. Im 
Uebrigen legt auch er der Erhaltung des Beamtenstandes 
groszen Werth bei. Mir scheinen jene drei Forderungen 
begründet. Nur wird man sich vor der Ueberschätzung der 
Gesetze, welche die freie Bewegung des Lebens nicht zu sehr 
reglementiren und einschnüren dürfen, hüten müssen und 
nur bescheidene Erwartungen von der deutschen eher bürger- 
lichen als aristokratischen Selbstverwaltung hegen dürfen. 
Als eine vierte Forderung möchte ich hinzufügen, die Her- 
stellung und Belebung eines lebendigen, freien und 
unmittelbaren, daher wesentlich mündlichen Verkehrs 
der Beamten mit den Privatpersonen, im Gegensatz zu der 
Vielschreiberei und der Selbstüberhebung der Amtsstuben. 

4. Die Finanzen ferner waren in Preuszen alle Zeit 
wohlgeordnet. Der preuszische Haushalt hat einen durchaus 
bürgerlichen Charakter. Während das Haus Habsburg einem 
vornehmen Herrn ähnlich war, der reiche Stammgüter ererbt 
hat und leicht Credit findet, die tägliche Arbeit für seiner 
unwürdig und unnöthig hält, aber groszartig und luxuriös 
lebt und trotz seines Reichthums oft in Geldnöthen ist; so 
war die Wirthschaft der Hohenzollern von jeher dem Haus- 
halt eines soliden bürgerlichen Geschäftsmannes ähnlich, der 
sein mäsziges Capital durch fleiszige Arbeit einträglich macht, 
den Gewinn sparsam zusammen hält und in der Lage ist, 
günstige Conjuncturen zu neuem Erwerb zu benutzen. Als 

5 Histor. und polit. Aufsätze II. S. 799. 



348 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 

Grundlage des geordneten Finanzwesens ist diese bürgerliche 
Wirthschaft von hohem Werthe. Aber ein groszes Reich ver- 
langt auch einen höhern Schwung und eine kunstvollere 
Gestaltung des öffentlichen Lebens. Die Hoheit des Reiches, 
die Würde des Volkes und die Majestät seiner Kaiser sollen 
auch dargestellt werden in schönen, monumentalen Werken. 
Je solider das bürgerliche Fundament ist, um so sicherer 
trägt es diesen stolzen Hochbau, der zur Vollkommenheit 
nicht fehlen darf. 

. Schon König Friedrich Wilhelm I. erklärte das gegen- 
wärtige und künftige Vermögen der Könige von Preuszen 
als Krongut, d. h. Statsgut. An übersichtliche Rechnung, an 
genaue Controle und strenge Rechenschaft waren die preuszi- 
schen Beamten schon von der absoluten Monarchie angehalten 
worden. Damit war eine moderne Einrichtung bereits gewon- 
nen, welche anderwärts erst durch die Einführung der con- 
stitutionellen Monarchie erreicht ward. 

5. Die Unterschiede der mittelalterlichen Stände, Adel, 
höheres und niederes Bürgerthum, Bauern wurden in Preuszen 
zäher und länger festgehalten, als in einigen andern deutschen 
Ländern, aber sie wurden früher als im übrigen Deutschland 
genöthigt, sich sämmtlich dem Einen State unterzuordnen. 
Die modernen Begriffe der Statsunterthanen und der 
Statsbürger wurden entschiedener verwirklicht als ander- 
wärts. Mit starker Faust nöthigten die Kurfürsten von Branden- 
burg den trotzigen und widerspenstigen Adel zur Unterwer- 
fung und lehrten ihn mit den einschneidendsten Mitteln der 
Criminaljustiz seinen Nacken beugen vor der Autorität des 
Gesetzes. Aber der fügsam gewordene Adel blieb noch lange 
bevorrechtet in den Aemtern, der Armee und konnte sogar 
die Privilegien der Steuerfreiheit bis tief in unser Jahrhundert 
hinein erhalten. 

Die Hebung des Bürgerthums durch gesetzliche Ein- 
richtungen und durch Bildung führte zu Anfang dieses Jahr- 



Fünftes Cap. Worauf beruht die Macht u. das Wachsthuni des preusz. Stats? 349 



hunclerts zu der Städte Ordnung, welche die ganze Ein- 
wohnerschaft der Städte zu gemeinsamer Selbstverwaltung 
herbeizog und so einer freien Statsverfassung die Wege bahnte. 

Früher als in andern deutschen Ländern wurde die alte 
Leibeigenschaft abgeschafft und auch die Bauern der bürger- 
lichen Freiheit theilhaft gemacht. 

Endlich wurden die groszen Grundsätze der allgemei- 
nen Schulpflicht und der allgemeinen Wehrpflicht 
noch in der Zeit des absoluten Königsregiments eingeführt und 
so auf den Schulbänken und auf den Exercierplätzen die Söhne 
aus allen Classen und Ständen zu gleichem Rechte und zu 
gleicher Pflicht unter einander statlich geeinigt. Damit war 
ein fester Unterbau gewonnen auch für die spätere Einigung 
der verschiedenen gesellschaftlichen Classen in der Landes- 
und Reichsvertretung. Es schlössen sich die allgemeine 
Steuerpflicht und das gleiche Stimmrecht und die- 
selbe Wählbarkeit Aller, ohne Unterschied der Stände, 
in der spätem constitutionellen Entwicklung folgerichtig an 
diese älteren Institutionen an. 

6) Von entscheidender Wirkung war endlich das Gei- 
stesleben der Nation. Die deutschen Staten waren meistens 
auch nach der Reformation noch einem engen und ausschliesz- 
lichen Confessionalismus verfallen. Je nachdem der Landes- 
herr katholisch oder lutherisch oder reformirt gesinnt war, 
wurde die Regierung in demselben Geiste geleitet. Aber in 
Preuszen erstieg die reformirte Dynastie einen höheren Stand- 
punkt, von dem aus sie verschiedenen Confessionen, auch 
der lutherischen der groszen Mehrzahl ihrer Unterthanen und 
später der katholischen der neuen Provinzen gerecht ward, 
und über alle gleichmäszig den Schutz des States aus- 
dehnte, aber auch alle Kirchen gleichmäszig nöthigte, dem 
gemeinsamen weltlichen Stats- und Rechtsgesetz Folge zu 
leisten. 

Friedrich II. wagte es, sogar früher noch als selbst 



350 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



die nordamerikanischen Freistaten , den Grundsatz der Glau- 
bens- und Cultusfreiheit als modernes Statsprincip zu ver- 
kündigen. Die preuszischen Könige waren nach dem Rück- 
fall der kursächsischen Dynastie in die römische Kirche die 
Schirmherren der protestantischen Kirche in Deutschland und 
für Europa geworden. Sie benutzten gerne den Anlasz, die 
aus andern Ländern, insbesondere aus Frankreich und Oester- 
reich vertriebenen oder flüchtigen Protestanten, aufzunehmen 
und ihnen eine neue Heimat zu gewähren. Sie schützten 
überdem oft auch die von engherzigen protestantischen Herren 
verfolgten Denker und Philosophen. 

Auch dieser Charakterzug des freien modernen Stats ist 
in Preuszen schon von den absoluten Königen mit groszer 
Energie ihrem State anerzogen worden. Allerdings treffen 
wir auch da zuweilen bei einigen Königen auf eine be- 
schränkte Anhänglichkeit an die Lehren der Orthodoxie und 
auf einen unglücklichen Einflusz der Hoftheologen. Aber 
sogar solche persönlich strenggläubige Fürsten lieszen sich 
dennoch von dem preuszischen Statsgeist bewegen, verfolgte 
Philosophen zu schützen und die Verdammungssucht der 
Geistlichen zu zügeln. Friedrich Wilhelm III. begründete 
die Union der Lutheraner und Reformirten und gewährte dem 
Philosophen Fichte, der in Sachsen als „Atheist" verfolgt 
ward, seinen Schutz. Es war für den preuszischen Stat doch 
von nachhaltiger Bedeutung, dasz der gröszte preuszische 
König ganz und gar wie ein moderner Philosoph dachte 
und persönlich sich von der ganzen hergebrachten Autorität 
der Kirche befreit hatte. Wie die Idee des Statsdiensts, 
so ist durch ihn der Gedanke der menschlichen Geistes- 
freiheit allen künftigen Regierungen und dem ganzen Volke 
als ein Vermächtnisz hinterlassen worden, dessen Früchte 
heute reifen. 

Ebenso modern ist die weltliche Volksschule und 
die wissenschaftliche Geistesbildung, die wiederum 



Fünftes Cap. Worauf beruht die Macht u. das "Wachsthum des preusz. Stats ? 351 



zuerst den absoluten Königen Gründung und Förderung zu 
verdanken hatten. Die Periode der Aufklärung wurde für 
Preuszen deszhalb besonders segensreich, weil mit ihr die 
Regierung eines groszen Königs zusammen traf. Friedrich IL 
sprach sich über seine Auffassung aus: „Falsche Politiker, ein- 
geschränkt auf ihre kleinen Ideen, haben gemeint, es sei 
leichter, ein unwissendes Volk als ein aufgeklärtes zu regieren; 
während die Erfahrung beweist: je dummer ein Volk, desto 
eigensinniger und widerspenstiger ist es, und es hat viel 
gröszere Schwierigkeiten , die Hartnäckigkeit eines solchen zu 
überwinden, als von gerechten Dingen ein Volk zu über- 
zeugen, welches hinlänglich gebildet ist, um Vernunft an- 
zunehmen. * 6 

In der Durchführung der allgemeinen Schulpflicht, der 
unerläszlichen Vorbedingung allgemeiner Volksbildung, ohne 
welche- die Volksfreiheit eine Lüge und ein Unsinn ist, ist 
Preuszen allen deutschen Staten vorausgegangen. In der Zeit 
seiner Niederlagen und seiner Bedrängnisz schuf das preuszi- 
sche Königthum die Universität Berlin, und hob so die leuch- 
tende Stirne hoch empor über die verheerenden Fluthen, die 
das Land überschwemmten. Aber auch seine Siege bezeich- 
nete es mit der Stiftung der Universität Bonn, wie später 
die deutschen Siege durch die Gründung der Universität 
Straszburg gefeiert wurden. 

Wenn man alle diese charakteristischen Momente über- 
sieht und bedenkt, dann sind die preuszischen Erfolge kein 
Räthsel mehr. Der preuszische Stat ist eine Schöpfung des 
modernen Weltalters, von modernen Ideen bewegt und mit 
modernen Mitteln ausgestattet. Deszhalb ist die grosze Ent- 
wicklung der Zeit demselben so günstig. 

6 Gneist a. a. 0. S. 12. 



352 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



Sechstes Capitel. 

Das Ideal des deutschen Stats. 

Der preuszische Stat hat seine weltgeschichtliche Auf- 
gabe, der deutschen Nation zu nationaler Statenbildung zu 
verhelfen, in groszartiger Weise vollzogen. Wir haben die 
Auferstehung des deutschen Reiches aus dem tiefen Verfall 
und der Verwirrung der letzten Jahrhunderte erlebt. In dem 
deutschen Reiche hat der deutsche Geist seine politischen 
Ideen zum erstenmal in moderner und nationaler Gestalt zu 
verwirklichen gesucht. Es sind das die Anfänge , es ist noch 
nicht die Vollendung des schweren Werks. 

In der modernen Statenbildung gibt es gewisse allgemein 
menschliche oder doch europäische Charakterzüge, die allen 
Culturvölkern gemein sind; aber daneben macht sich auch 
die nationale Eigenart jedes groszen Volkes geltend und 
gibt ihr ein besonderes Gepräge. 

W T ie die deutsche Literatur vorerst die französische, dann 
die englische Literatur, zuweilen auch die antiken Vorbilder 
der Hellenen und Römer nachahmte und erst nachdem sie 
alle diese Versuche durchgemacht, zu eigenartiger Darstellung 
ihres Geistes fortschritt , so versuchte man es anfangs ebenso 
in der Verfassungspolitik mit der Nachbildung der fremden 
Verfassungen und wurde nur nach langen Irrfahrten des 
eigenen Geistes und Charakters bewuszt, der sich in dem 
State den Körper seiner Seele bildet, 

Manche schwärmerische Romantiker hatten in der ersten 
Hälfte unseres Jahrhunderts ihre Ideale der Vergangenheit 
entlehnt, indem sie mit frommer Andacht die Erinnerungen 
an das Mittelalter betrachteten und sich für die Mannich- 
faltigkeit fester ständischer Gliederung und ständische Frei- 
heit, für die Erhabenheit der gothischen Dome mit den 
unzähligen Spitzen und Rosetten , mit dem gemüthlichen 



Sechstes Capitel. Das Ideal .des deutschen Stats. 



353 



Dämmerlicht und den farbigen Fenstern , und für den golde- 
nen Heiligenschein und "Weihrauchduft begeisterten. Diese 
naiven und phantastischen Träume hat der prosaische Ernst 
des modernen Lebens verscheucht, das mit wirklichen Gröszen 
rechnet. 

Stärker als diese romantischen Schrullen hat bald an 
den Höfen, bald in der gebildeten Gesellschaft das franzö- 
sische Vorbild gewirkt. Aber es widerstrebte doch dem 
kühleren und gemäszigteren Naturell der Deutschen , den hef- 
tigen Schwankungen des französischen Stats zwischen abso- 
lutem Königthum und der radicalen Republik, dann wieder 
zwischen Napoleonischer Autokratie und constitutioneller Mon- 
archie, und dem Wechsel von Autokratie und conservativer 
Republik aus der Ferne zu folgen; die französischen Insti- 
tutionen der centralisirten Stats- und Amtsverwaltung paszten 
nicht zu den deutschen der particularistischen Autonomie 
günstigen Gewohnheiten. 

Als man später dann mehr nach England hinblickte 
und da die nachahmungswürdigen Vorbilder entdeckte, so 
zeigte sich wieder, dasz die Aristokratie Englands nicht ihres 
Gleichen in Deutschland finde , und dasz die ganze Geschichte 
der deutschen Nation wie die Lage des Landes einen grund- 
verschiedenen Charakter habe. Aber auch die Nachahmung 
der nordamerikanischen oder der schweizerischen 
Republik war unmöglich. Die dynastischen Kräfte und 
die monarchische Gesinnung der deutschen Nation waren viel 
zu mächtig. Die ganze Geistesbildung, die Sitten und die 
Bedürfnisse der deutschen Nation forderten die Verbindung 
der Monarchie mit der Volksfreiheit. 

In der That, die deutsche Nation hat eine ihr eigene 
politische Lebensaufgabe und ein ihr eigenes Statsideal. 

Es gibt kaum eine andere Nation, welche durch innere 
Gegensätze schärfer hin und her bewegt wird, als die deutsche, 
aber auch keine, welche geneigter ist, die Dinge bis auf den 

Bluntschli, die Politik. 23 



354 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



tiefsten Grund zu erforschen und von da aus die Versöhnung 
und Einigung jener Gegensätze zu versuchen. 

Von Anfang an, seitdem die germanischen Stämme in 
das Licht der Geschichte eingetreten sind, zeigen sich die 
Sondertriebe in den Deutschen sehr viel stärker, als das zu- 
sammenfassende Statsgefühl. Mit hingebender Treue schlieszt 
sich der Einzelne an seine Familie, sein Geschlecht, seine 
Gemeinde-, an den Gau, an den Gefolgsfürsten an. Die männ- 
lichen Tugenden der Ehre, der Freiheit, der Tapferkeit werden 
über Alles geschätzt, aber der Statssino ist wenig entwickelt. 
Erst in Verbindung mit den römischen Provincialen in der 
Schule der Römer unter den gothischen und fränkischen Kö- 
nigen gelangen die Deutschen zu gröszerer Statenbildung. 
Sich selber überlassen, lassen sie im Mittelalter wiederum 
ihren particularistischen Neigungen die Zügel schieszen und 
das Reich zerfällt in ohnmächtige Territorien. In der That 
grosze Mannichfaltigkeit und Selbständigkeit der einzelnen 
Länder, Bezirke, Städte, Gemeinden und nach allen Rich- 
tungen des Lebens persönliche Freiheit des Individuums sind 
unabweisbare Bedürfnisse des deutschen Wesens und Grund- 
forderungen des deutschen Verfassungsrechts. Diese Eigen- 
schaften zu bewahren und dennoch die nationale Statseinheit 
herzustellen und volle Statsmacht auszubilden, das ist die 
schwere Aufgabe der modernen deutschen Statenbildung, welche 
durch den preuszischen Stat zuerst für die nordischen Stämme 
gelöst und für die ganze Nation vorbereitet w T orden ist. 

Manche betrachten den Gegensatz der nationalen deut- 
schen Reichsverfassung und der particularistischen Son- 
derverfassungen der verbündeten Länderstaten als ein bloszes 
Uebergangsstadium aus dem frühern losen Bunde vollsouve- 
räner Sonderstaten in den späteren preuszisch-deutschen Ein- 
heitsstat. Aber selbst die unitarisch gesinnten deutschen Po- 
litiker stimmen darin mit den deutschen Föderalisten überein. 
dasz auch sie eine absolut centralisirte Verwaltung verab- 



Sechstes Capitel. Das Ideal des deutschen Stats. 355 } 

scheuen und für die Provinzen , Bezirke, Kreise und Gemein- 
den in vielen Dingen eine Selbstverwaltung und pro vincieile 
und örtliche Freiheit fordern. Der Gegensatz der statlichen 
Centralisation und der örtlichen Decentralisation , der Macht- 
einheit des Ganzen und der freien Bewegung der Glieder 
durchdringt das ganze deutsche Gemeinwesen und verlangt 
gerechte und zweckmäszige Ausgleichung. 

Ferner hat das deutsche Reich den confessionellen 
Gegensatz voraus der protestantischen Landeskirchen und der 
katholischen Kirche in sich, der im siebenzehnten Jahrhun- 
derte die Nation bis zum Selbstmord entzweite und nur lang- 
sam durch die steigende Statsmacht und die zunehmende 
Geistesfreiheit in Schranken gehalten und versöhnt ward. Ob- 
wohl der Protestantismus das grosze Werk des deutschen Ge- 
wissens, deutscher Wahrhaftigkeit und deutschen Muthes ist, 
so hat dennoch, durch schwere Leiden und Opfer belehrt, das 
deutsche Volk darauf verzichtet, die protestantische Reform 
in ganz Deutschland durchzuführen. Es erkennt vielmehr zu- 
gleich die Berechtigung des katholischen Glaubens an. Aber 
indem es diesen Gegensatz friedlich bestehen läszt, kann der 
deutsche Geist seiner weltgeschichtlichen Mission sich nicht 
entziehen, für volle Religionsfreiheit selbst der Individuen 
einzustehen, das weltliche Recht von der kirchlichen Gebun- 
denheit abzulösen und die anmaszliche Priesterherrschaft Roms 
abzuwerfen. Diese Aufgabe nöthigt die Deutschen, das Ver- 
hältnisz von Stat und Kirche gründlich zu erwägen und die 
Rechte des States und die Bildung und Freiheit der Gesell- 
schaft sorgfältiger zu wahren. 

Den schwer zu versöhnenden Gegensatz verschiedener 
Nationalitäten hat das deutsche Reich nur in geringem 
Masze in sich, da der national-deutsche Charakter ganz über- 
wiegt. Aber selbst die nicht sehr bedeutenden polnischen, 
dänischen, französischen Bruchstücke fremder Nationalitäten 
werden in dem deutschen Nationalkörper als ungefügige und 



35G Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



schwer zu befriedigende Elemente empfunden, denen man 
gleiches Recht schulde, mit denen aber keine innerliche Ver- 
wandtschaft und Gemeinschaft zu pflegen sei. 

Stärker wirkt der Gegensatz von Norddeutschland 
und Süddeutschland, dessen spröde Stoffe zwar in dein 
Kriegsfeuer von 1870 geschmolzen und von kräftigen Stats- 
männern 1871 zusammen geschmiedet worden sind, aber heute 
noch nicht völlig geeinigt sind. Der preuszische Stat ist doch 
allzusehr eine norddeutsche Schöpfung, wenn gleich die schöpfe- 
rische Dynastie der Hohenzollern aus Süddeutschland her- 
stammt, und hat zu sehr das norddeutsche Gepräge, um die 
süddeutsche Art ebenso zu befriedigen. Die süddeutschen 
Stämme, die von Hause aus von der äusseren Natur begün- 
stigter sind, aber auch der Neigung, sich bequem gehen zu 
lassen, sich zu sehr hingeben, bedürfen einer strengeren und 
härteren Schule, wie sie die stramme preuszische Statszucht 
gewährt. Nur dadurch werden sie zu voller Pflichtübung gegen 
den Stat erzogen. Aber damit der Reichthum an Kräften 
und Fähigkeiten , welche in der Anlage der deutschen Nation 
noch theilweise verborgen ruhen, zur Entfaltung komme, be- 
darf auch der norddeutsche Stat noch der befruchtenden und 
veredelnden Ergänzung mit süddeutschen Eigenschaften. In 
den Süddeutschen ist noch ein so reicher Fond von ursprüng- 
licher Genialität, von offenem Yerständnisz für die Natur und 
Freude an der Natur, von Sinnenlust und Schönheitsgefühl, 
von Gemüth und Poesie und von gesundem Menschenverstand, 
dasz die kälteren und nüchternen Norddeutschen durch diesen 
Zuwachs an Kräften auch für sich manche Förderung und 
Vervollkommnung ihres Lebens empfangen. Die deutsche 
Nation wird erst durch diese Verbindung ihrer vollen Natur- 
kraft bewuszt werden. 

Der Gegensatz ferner der demokratischen und der 
aristokratischen Bestandtheile, Institutionen und Ideen 
ist in Deutschland durch die Geschichte schroff ausgeprägt 



Sechstes Capitel. Das Ideal des deutschen Stats. 



357 



worden und regt sich selbst in unsrer Zeit noch überall in 
den mannichfaltigsten Formen, obschon die moderne Staten- 
bildung alle Classen zu verbinden und zu einigen versucht. 
Auch hier ist das deutsche Ideal nicht die Unterdrückung je 
der einen Seite durch die Alleinherrschaft der andern, son- 
dern die Anerkennung beider Seiten und ihre Verbindung, 
und zwar so, dasz die groszen Volksclassen entscheidend ins 
Gewicht fallen, die aristokratischen Vorzüge aber auf dieser 
Grundlage zu würdiger und freier Erscheinung kommen. 

Endlich bedarf der geschichtliche Gegensatz des preuszi- 
schen Königthums, das nun zu dem deutschen Kaiser- 
thum erhöht ist, und der landesfürstlichen Dynastien 
der übrigen verbündeten Länderstaten einer fortgesetzten Be- 
achtung und Verständigung. Die Landesfürsten sind in dem 
deutschen Reiche gesicherter vor revolutionären Bewegungen 
als in dem früheren deutschen Bunde, aber die Grund- 
bedingung ihrer Sicherheit ist ihre feste Reichstreue. Würden 
sie sich aus falscher Ehr- oder Herrschsucht verlocken lassen 
sich wider die Reichsverfassung und die Reichsgesetze aufzu- 
lehnen, so wäre ihr Untergang nicht zu verhindern. Das 
Bundesreich ist nur haltbar im Frieden und Freundschaft mit 
den verbündeten Ländern. Jeder Kampf zwischen Reich und 
einzelnen oder selbst allen Länderstaten auszer der Reichs- 
hauptmacht Preuszen müszte mit dem Siege des Reichs en- 
digen und die aufständischen Dynastien würden unrettbar 
ebenso für immer entthront, wie die Häuser Hannover, Kur- 
hessen und Nassau zur Zeit der kriegerischen Revolution 
von 1866. 



358 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



Siebentes Capitel. 

Wirkungen der repräsentativen Monarchie. 

Die repräsentative Monarchie sucht die Festigkeit, Con- 
centration, Machtfülle, Einheit und Würde der monarchischen 
Regierung mit den republikanischen Vorzügen der Selbst- 
verwaltung und gesicherter Volksfreiheit zu verbinden. Um 
deszwillen wird ihre Dauerhaftigkeit angezweifelt. Manche 
verdächtigen sie als eine Mischung unvereinbarer 'und unver- 
söhnlicher Widersprüche und behaupten, dasz sie entweder 
zur reinen, unbeschränkten Monarchie zurückgeführt werden 
oder zur reinen Republik fortschreiten müsse. 

Die bald zweihundertjährige englische Erfahrung spricht 
deutlich für die Festigkeit dieser Statsform. Auch die deut- 
schen Staten haben, seitdem sie dieselbe angenommen haben, 
heftigste Stürme der Revolution und des Kriegs mit ihr glück- 
lich überstanden. Nur die französischen Wechsel vermochte 
sie nicht zu überdauern, aber auch keine andere Statsform 
hat lange in Frankreich ausgehalten. 

Ein innerer Widerspruch aber besteht nicht zwischen 
Ordnung und Freiheit, Einheit und Mannigfaltigkeit. Diese 
Gegensätze sind in der menschlichen Natur vorhanden und 
geeinigt. Sie können also auch im State geeinigt werden. 
Das aber ist allerdings wohl zu beachten: keine der ver- 
bundenen politischen Kräfte darf in absoluter Weise sich 
allein ausbreiten und unbeschränkt herrschen, jede musz sich 
durch die Rücksicht auf die anderen ermäszigen, beschränken 
und ergänzen lassen. Die ganze Verfassung erfordert wechsel- 
seitige Achtung und billige Rücksicht. Compromisse sind in 
ihr unvermeidlich. 

Ueberschauen wir die Wirkungen dieser Statsverfassung 

1. mit Bezug auf die öffentlichen Functionen der 
Staatsgewalt; 



Siebentes Capitel. Wirkungen der repräsentativen Monarchie. 



359 



2. im Hinblick auf das Statshaupt, den Monarchen 
und seine Minister; 

3. mit Bezug auf die Regierten und die Gesellschaft. 
1. Functionen der Statsgewalt. 

A. Aeuszeres. Gewöhnlich sind die Rechte des Monar- 
chen in den Beziehungen zu auswärtigen Staten (Repräsen- 
tationsrecht, Vertragsrecht, Entscheidung über Krieg und 
Frieden) formell weniger beschränkt als die inneren Regierungs- 
rechte, weil in dieser Hinsicht die freie Bewegung des Stats- 
hauptes für die Macht des States nützlich ist. Aber wenn 
gleich der constitutionelle König nach Auszen die Hände frei 
hat. so kann er doch ohne seine Minister nichts thun, und 
sind diese beständig genöthigt, ihre auswärtige Politik auch 
vor dem Parlament zu rechtfertigen. Sie haben überhaupt 
ein groszes Interesse, sich der Zustimmung der Volksvertre- 
tung zu versichern. Die constitutionelle Monarchie ist von 
fremden Staten weniger leicht anzugreifen und weniger leicht 
durch die fremde Diplomatie zu bestimmen, als die absolute, 
eben weil sie mit dem Volke verbunden ist und durch das- 
selbe unterstützt wird. Sie ist auch zu abenteuerlichen Unter- 
nehmungen in fernen Ländern und zu Eroberungskriegen 
in fremden Ländern weniger geeignet und geneigt. Sie ist 
sicherer, friedlicher, gemäszigter. Wenn die Minister diese 
Rücksichten miszachten, so laufen sie Gefahr, von den Kam- 
mern getadelt und gestürzt zu werden. Nur geniale Stats- 
männer können unter Umständen über diese Rücksichten sich 
momentan hinwegsetzen, aber nur durch grosze Erfolge hinter- 
drein Indemnität erwirken. Auch sie sind genöthigt im nor- 
malen Zustande auf die Meinung des Volks zu achten. 

B. Inneres. 

a. Die Gesetzgebung bewegt sich in der repräsenta- 
tiven Monarchie schwerfällig und mühsam. Der absolute 
Monarch kann die Codification einem einzelnen ausgezeich- 
neten Redactor und einem auserwählten Ausschusz von Sach- 



360 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



verständigen überlassen. Die Regierung des constitutionellen 
Monarchen musz dieselbe Arbeit in ihrem Kreise vollziehen 
und überdem auf die Meinung der Volksvertretung, sehr oft 
zweier Kammern, die verschieden denken, Rücksicht nehmen. 
Die Gründlichkeit und die Vielseitigkeit der Prüfung gewinnen 
durch dieses complicirte Verfahren an Garantien ; es ist auch 
nicht sehr zu fürchten, dasz offenbar volksfeindliche, unfreie 
und schädliche Gesetze durch die Uebereinstimmung aller 
Factoren beschlossen werden. Aber die Harmonie des Aus- 
drucks kann leicht durch sogenannte Verbesserungsanträge 
Schaden leiden und gelegentlich durch Compromisse auch die 
innere Harmonie des Rechtskörpers gestört werden. Diesen 
Uebeln läszt sich aber einigermaszen begegnen durch die 
Sorge für geeignete Gesetzesredactoren. 

b. Für die ganze politische Regierung, die Polizei 
und die Finanzverwaltung, die Heeresorganisation, die Cultus- 
pflege leistet diese Staatsform Ausgezeichnetes. Sie bringt 
einen tüchtigen, geübten und gesicherten Beamten stand 
hervor und zieht doch zugleich die hülfreichen Kräfte der 
Bevölkerung herbei. Sie verhindert jede Tyrannei und schützt 
zugleich Ordnung, Freiheit und Bildung. 

c. Eine unabhängige, dem Gesetz gehorsame und Gehor- 
sam fordernde Rechtspflege entspricht diesem Statssystem 
und wird überall ausgebildet, wo es Eingang gefunden hat. 

2. Das Statshaupt. 

Der Unterschied der constitutionellen und der absoluten 
Monarchie besteht nicht darin, dasz die Macht der ersteren 
geringer und die Würde derselben niedriger sei , als die Macht 
und Würde der letzteren, sondern darin, dasz der constitutio- 
nelle Fürst seine Befugnisse in verfassungsmäszig beschränkter 
Weise und mit Zustimmung, sei es der Minister, sei es der 
Kammern, zu üben verpflichtet ist, während der absolute 
Monarch dieselbe ausschlieszlich nach seiner Willkür und 
schrankenlos übt. In Wahrheit ist die Macht des ersten 



Siebentes Capitel. Wirkungen der repräsentativen Monarchie. 361 



gröszer als die des letztem, weil die Unterstützung eines 
freien Volkes ihm weit stärkere Mittel gewährt, als der stumpf- 
sinnige Knechtesdienst einer unfreien und ungebildeten Menge, 
und weil die repräsentative Monarchie bessere Garantien 
gewährt für die Einsicht in das, was dem State förderlich 
ist. Eine richtig begrenzte Kraft wirkt in menschlichen Ver- 
hältnissen stärker, als die ins Schrankenlose zerfahrene. 

Wenn trotzdem äuszerst selten ein absoluter Fürst, ohne 
Xöthigung, freiwillig die Absolutie in eine verfassungsmäszig 
beschränkte Monarchie umgeschaffen hat, sondern gewöhnlich 
diese Wandlung den absoluten Fürsten abgerungen werden 
muszte, so erklärt sich das theils aus der allgemein mensch- 
lichen Erfahrung, dasz Jeder geneigt ist, seinen Besitz fest- 
zuhalten, theils daraus, dasz die richtige Schranke der öffent- 
lichen Machtübung nur erkannt wird, wenn die Kräfte, die 
zur Beschränkung geeignet und geneigt sind, ihre Macht durch 
Widerspruch und Widerstand erprobt haben. 

Für einen Fürsten ist es überhaupt schwer, die wahren 
Kräfte und Zustände richtig zu schätzen und die Personen 
richtig zu beurtheilen, mit denen er und gegen die er handeln 
musz. Es haben Viele ein Interesse, ihn zu täuschen, und sie 
täuschen ihn, indem sie ihm schmeicheln und so berichten, wie 
sie voraussetzen, dasz er es gerne hört. Die Atmosphäre der 
Höfe ist kein klarer Spiegel der wirklichen Dinge. Aber das 
ist unzweifelhaft: noch leichter wird der absolute Monarch 
getäuscht. Der constitutionelle König findet eher selbstbewuszte 
Männer, die ihm, wenn er sie befragt, aufrichtig die Wahr- 
heit sagen, und die Oeffentlichkeit der Verhandlungen in den 
Kammern und die freie Presse liefern ihm eine Menge von 
Angaben, Meinungsäuszerungen, die dem, der selber prüfen 
und sehen will, tiefe Blicke in die Wirklichkeit eröffnen. 

Da er als Statshaupt und erster Statsdiener nicht seinen 
individuellen Eigenwillen und nicht seine Privatmeinung, son- 
dern das Statsbewusztsein und den Statswillen geltend 



362 Siebentes Buch. B. Wirkungen u. Aufgaben d. repräsentativen Monarchie. 



zu machen hat, so bietet ihm die Repräsentativverfassung 
zahlreiche Hülfsmittel dar, um den öffentlichen Geist zu 
erkennen und in sich aufzunehmen. Er wird besser als der 
absolute Monarch vor Miszgriffen gehütet und er kann seine 
Amtsgewalt nicht miszbrauchen. Eben deszhalb ist er auch 
besser gesichert gegen Umwälzungen und Verschwörungen. 
Ein genialer Fürst von statsmännischer Begabung wird sich 
freilich gelegentlich gehemmt und genirt fühlen, aber auch 
die Hemmnisse und Schwierigkeiten zu überwinden verstehen. 
Einem Fürsten von gewöhnlichen Gaben gewährt die Verfas- 
sung die erforderliche Beihülfe und Unterstützung durch 
kundige Männer. Ein schwaches Individuum erhält die nöthige 
Stärkung und Führung, und ein schlechtes wird verhindert, 
seine Bosheit zur Tyrannei auszuwirken. 

Verglichen mit der republikanischen Regierungsform 
bewährt das constitutionelle Königthum seinen monarchi- 
schen Charakter in der dauerhaften Institution eines Fürsten, 
der über den Parteien, im Centrum und auf dem Gipfel des 
öffentlichen Lebens steht, als anerkannter Regulator das Gleich- 
gewicht der übrigen Factoren bewahrt, dem Ehrgeiz Einzelner 
und der Herrschsucht der Parteien eine unübersteigliche 
Schranke entgegensetzt, den Stat vor heftigen Schwankungen 
und vor leidenschaftlichen Extremen schützt, der Statsgewalt 
Einheit des Willens sichert und den Glanz der statlichen 
Würde und Hoheit majestätisch darstellt. Der constitutionelle 
König ist keineswegs zu unthätiger Ruhe verurtheilt. Die 
königliche Initiative ist auch seines Amtes, aber die einseitige 
und willkürliche Thätigkeit ist ihm versagt und nur die über- 
legte mit Verantwortlichkeit verbundene Regierungsthätigkeit 
in Verbindung mit den Ministern, und nur die Gesetzgebung 
in Gemeinschaft mit der Volksvertretung gestattet. 

Verglichen mit der absoluten Monarchie hat die consti- 
tutionelle eher einen republikanischen Charakter insofern 
als in ihr der Statsdienst selbst des Fürsten, und zugleich 



Siebeutes Capitel. Wirkungen der repräsentativen Monarchie. 



363 



die Wahrung der Volksrechte und das Zusammenwirken mit 
der Volksvertretung und den Ministern , und die Verantwort- 
lichkeit der gesammten Verwaltung anerkannt sind. 

3. Die Regierten und die Gesellschaft. 

Die grosze Masse der Unterthanen und der Bürger will 
nicht und kann nicht selber regieren und verwalten. Aber 
sie will gut regiert und verwaltet werden, und die Verfassung 
kann für Garantien sorgen, dasz der Miszregierung gewehrt 
und eine schlechte Verwaltung verbessert werde. 

Die constitutionelle Monarchie beruht nicht, wie die 
Republik auf dem Glauben an die ausschlieszliche oder vor- 
zugsweise Selbstregierung und die Selbstverwaltung der Volks- 
mehrheit. Aber sie sorgt mindestens ebenso umsichtig und 
wirksam für die Garantien einer guten Regierung und Ver- 
waltung, und eröffnet auch den groszen Volksclassen eine 
Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, eine Mit- 
wirkung bei der Gesetzgebung, die volle Freiheit der Meinungs- 
äuszerung und einen Einflusz auf die Controle der Verwal- 
tung. Sie gehört entschieden zu den freien Verfassungen. 

Die politische und die bürgerliche Freiheit der 
Bürger ist in der repräsentativen Monarchie nicht in gerin- 
gerem Masze anerkannt und geschützt als in der Republik. 
Nur ist sie nicht, wie in jener, zur Volksherrschaft gesteigert. 

Die ganze Verfassungsform ist so complicirt und so 
schwierig, sie erfordert so viel Thätigkeit auch der Bürger, 
dasz sie ohne eine breite Volksbildung und ohne Uebung in 
vaterländischer Pflichterfüllung nicht gedeiht. Deszhalb wirkt 
sie auch günstig auf den gesetzlichen Sinn der Bürger, 
auf die Entfaltung der Bürgertugend und auf die Verbrei- 
tung der politischen Bildung. 

Sie ist endlich besser geeignet als die demokratische 
Republik, auch die Minderheit vor der Willkür und den Leiden- 
schaften der Mehrheit zu schützen und daher die höheren 
idealen Güter der Wissenschaft, der Kunst, zu pflegen. 



Achtes Buch. 

C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen 

Republik. 

Erstes Capitel. 

Der politische Charakter der nordamerikanischen Republik. 1 

Als sich vor einem Jahrhundert die dreizehn englischen 
Colonien in Nordamerika von dem Verbände mit dem euro- 
päischen Mutterland losrissen und die Unabhängigkeit der 
amerikanischen Union proclamirten , war ihre Unzufriedenheit 
ebenso gegen das englische Parlament und die stolze englische 
Aristokratie gewendet, wie gegen die königliche Regierung. 
Sie sagten sich von der Ueberordnung und der Leitung beider 
los. Die Gründung zunächst von dreizehn unirten Staten und 
später der Union als eines Gesammtstats hatte daher zugleich 
einen republikanischen und einen demokratischen 

l G. Bancroft, history of the United States. The Federalist on 
the new Constitution 1788. Tocqueville, de la Democratie en Amerique. 
Rüttimann, Das nordamerikanische Bundesstatsrecht verglichen mit 
den politischen Einrichtungen der Schweiz. Zürich 1867. J. A. Jame- 
son, The Constitutionel Convention. New-York 1867. R. Doehn, 
politische Parteien in Amerika. Leipzig 1868. Ed. Laboulaye, hist. 
polit. de l'Amerique. Paris 1855 ff. 3 Bände, v. Holst, Verfassung 
und Demokratie d. V. St. von Amerika. Düsseldorf 1873. 



Erstes Capitel. Der politische Charakter der nordamerikanischen Republik. 365 



Charakter, und ist das volle amerikanische Gegenbild der 
europäisch-englischen Verfassung, welche zugleich einen monar- 
chischen und einen aristokratischen Charakter hat. 

Eine eigene amerikanische Landesaristokratie gab es nicht, 
am wenigsten in Neu-England. Den kräftigsten Widerstand 
gegen die englische Regierung hatte die durchaus bürgerliche 
Colonie Massachusets geleistet. Aber wenn es auch im Süden 
eher Ansätze gab zu einer reichen Pflanzeraristokratie, so 
hatten sich doch auch dort diese Gutsbesitzer mit den übrigen 
freien Bürgern politisch auf denselben Boden stellen müssen 
und durften keinerlei Privilegien für' sich in Anspruch nehmen. 

In den ersten Zeiten der Republik leiteten zumeist ange- 
sehene Gentlemen die Bewegung und den jungen Stat, Männer, 
die wohl auch in dem englischen Unterhause unter der aristo- 
kratischen Gentry einen Platz hätten behaupten dürfen, wie 
Washington, Hamilton, Madison, Adams, sogar der Radicale 
Jefferson. Wenn man das bekannte Bild der Unabhängigkeits- 
erklärung beschaut, so findet man durchweg die Portraits von 
gutgenährten, wohlgekleideten, ernsten und würdevollen Guts- 
besitzern, keine Spur von pöbelhaften Figuren, nicht einmal 
von kleinbürgerlichem Wesen. Die Wenigen, die wie Franklin 
aus niederem Stande sich emporgearbeitet hatten , hatten doch 
die Sitten und Trachten der guten Gesellschaft angenommen. 

In der Folge ist der Durchschnitt der amerikanischen 
Volksrepräsentanten wohl von dieser ursprünglichen Höhe 
herabgestiegen und hält sich auf der breiteren Stufe der 
bürgerlichen Mittelclassen. Eine nicht unbedeutende Anzahl 
reicher und in der Gesellschaft hervorragender Amerikaner 
ziehen es vor, als Privatpersonen zu leben und öffentliche 
Aemter zu vermeiden. Die Fälle sind zahlreicher geworden, 
in denen kleine Handwerker nach und nach zu Statsmännern 
aufstiegen, freilich nicht ohne eine practische Schule der 
Advocatur oder der Journalistik oder in Kriegszeiten des 
Militärdienstes oder ähnlicher liberaler Berufsweisen vorher 



366 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



durchgemacht und auf diese Weise auch eine formelle Rechts- 
und Statsbildung erworben zu haben. 

Die nordamerikanische Verfassung sowohl der Union als 
der unirten Staten kann durchaus nicht wie die englische 
eine Parlaments- beziehungsweise Congresz- oder Legislatur- 
regierung genannt werden. Die gesetzgebenden Körper regieren 
nicht, und die Präsidenten können von ihnen weder erhoben 
noch gestürzt werden. Dieselbe ist auch keine Ministerregie- 
rung; die amerikanischen Minister haben nur eine untergeord- 
nete Stellung unter dem Präsidenten, der sie ernennt und 
den sie berathen, mit dem sie nicht die Gewalt gemeinsam 
üben. Der Präsident der Union selber aber und die Gover- 
nors üben die Executive nur mit Vollmacht und im Auftrag 
des Volks. Der amerikanische Stat ist Volksstat und die 
Regierung ist Volks herrschaft. 

Das Volk wird als die wahre Quelle aller öffentlichen 
Gewalt betrachtet. Unmittelbar oder mittelbar leiten der 
Congresz seine gesetzgebende Gewalt, der Präsident seine 
Executivgewalt , die Gerichte ihre Gerichtsgewalt von dem 
Volke ab. Alle diese Repräsentanten des Volks sind bevoll- 
mächtigte und verantwortliche Diener des Volks. Dem 
Volke allein wird Souveränetät zugeschrieben, nicht den Re- 
präsentanten desselben. Das Volk selber bildet sowohl die 
Substanz der Republik, als die wahre Obrigkeit der Republik. 
Alle Zweige der Statsgewalt werden durch den Volksstamm, 
aus dem sie hervorgehen, zusammen gehalten und mit ein- 
ander verbunden. 

Das Volk ermäszigt jede Theilgewalt und hindert oder 
entscheidet und beendigt den Widerstreit, der unter ihnen 
ausbricht. Es kann durch seine Neuwahlen die gestörte Har- 
monie zwischen Congresz und Präsident, Gesetzgebung und 
Regierung wieder herstellen , und die beiderlei Aemter in der- 
selben Richtung besetzen. Gibt es dem gesetzgebenden Körper 
Recht, so erwählt es einen Präsidenten, der mit demselben 



Erstes CapiteJ. Der politische Charakter der nordamerikanischen Republik. 367 



einverstanden ist. Billigt es die Politik des Präsidenten 
im Gegensatz zu der Meinung des Congresses, so wählt es 
andere Repräsentanten, die mit dem Präsidenten zusammen 
stimmen. 

Auch die Conflicte zwischen der Unionsgewalt und den 
unirten Länderstaten lassen sich groszentheils ebenso bei Ge- 
legenheit der Neuwahlen erledigen. Aber nicht immer, denn 
möglicher Weise folgt die Bevölkerung ganzer Gruppen von 
Staten, wie z. B. die sclavenhaltenden Staten der südlichen 
Conföderation, einer andern politischen Grundrichtung als die 
Mehrheit der Union und es gerathen in Folge dessen ganze 
Staten mit der Union in dauernden Streit. Dann wählen 
natürlich die Angehörigen dieser Länderstaten auch die Re- 
präsentanten und Senatoren zum Congresz in einem dem 
Unionsgeist feindlichen Sinne. 

Die Verfassungen der amerikanischen Gesammtrepublik 
und der Länderrepubliken ist aus einer Mischung entstanden 
von alt- englischen und amerikanischen Rechtsbegriffen , Insti- 
tutionen und Sitten , von naturrechtlichen Doctrinen und von 
freier Wahl des Zweckmäszigen. Auch in dem amerikanischen 
Volksbegriff zeigt sich diese Mischung. Die Amerikaner 
nennen bald die Vereinigung aller amerikanischen Bürger, 
die Gesellschaft der freien und gleichen Individuen , die nach 
der Lehre Rousseau' s zum Stat zusammen treten, das Volk, 
bald folgen sie wieder ihrem alten politischen Instinct und 
lassen sich von der Liebe zu ihrem Vaterlande erwärmen 
und begeistern ; dann erscheint ihnen das Volk als ein ein- 
heitliches groszes Gesammtwesen, wie Ein Mann, ausgestattet 
mit einem verfassungsmäszigen Körper, um seinen Willen aus- 
zusprechen und durchzuführen. Auch heute noch ist die 
nothwendige Unterscheidung zwischen dem Einen Volk und 
der Summe von Privatpersonen noch vielfältig getrübt und 
es entsteht daraus mancherlei Verwirrung. 

Die grosze Menge stellt sich das Volk nur als Gesell- 



368 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



schaft oder Verein von Individuen vor. Nur der tieferen 
Einsicht, oder der momentanen Begeisterung erschlieszt sich 
der nationale Volksbegriff. 

Aehnlich steht es mit dem Verhältnisz der Union zu den 
Länderstaten. Nur wird es da heute auch dem gemeinen 
Mann leichter, die Vorstellung des amerikanischen Volkes 
(des nationalen Gesammtvolkes) zu fassen, als sich dasselbe 
als ein bloszes Conglomerat der Völker von Massachusets, 
Pennsylvanien , New-York, Virginien, Wisconsin u. s. f. vorzu- 
stellen. Um deszwillen ist die nationale Politik der föde- 
ralistischen, die sich natürlich auch regt, in dem Ge- 
sammtbewusztsein der Amerikaner überlegen. 

Es ist ein allgemeiner Charakterzug der demokratisch- 
republikanischen Politik, dasz sie den Unterschied zwischen 
Volk und Privatpersonen weniger scharf ausbildet, Regierung 
und Regierte einander näher bringt als die Monarchie oder 
die Aristokratie. Daher verwechselt sie auch leicht die Pri- 
vat- und die Statsinteressen, Privatfreiheit und Statspflicht. 

Es gibt schwerlich ein anderes Culturvolk, welches der 
Privatfreiheit einen so weiten Spielraum gewährt, als das 
nordamerikanische. Die religiöse und die gewerbliche, die 
persönliche und die Familienfreiheit sind fast gar nicht be- 
schränkt. Jeder thut, was ihm beliebt. So lange er nicht 
das Strafgesetz übertritt, hat ihm Niemand einzureden, was 
er thun oder lassen soll. Nur die allgemeine Sitte übt noch 
eine Macht aus in der Gesellschaft und ist zuweilen strenger 
und enger als das Statsgesetz. Auch die Frauen haben einen 
reichen Theil an dieser persönlichen Freiheit. Sogar die un- 
mündigen Kinder haben ein frühreifes Selbstgefühl, und die 
Autorität des Vaters ist nur gering über sie. Diese rück- 
sichtslose Privatfreiheit weckt und entwickelt viele anderwärts 
gebundene Kräfte der Individuen; sie begünstigt aber auch 
die Selbstsucht Vieler und einen harten Kampf der Ein- 
zelnen mit einander um die Existenz und um den Erwerb. 



Erstes Capitel. Der politische Charakter der nordamerikanischen Republik. 369 



Der Werth der idealen Güter wird oft wenig, die Macht des 
Geldes übermäszig hochgeschätzt. 

Die Amerikaner sind in vielen Dingen genöthigt, sich 
selber zu helfen, für welche anderwärts der Stat sorgt, Um 
deszwillen wird aber auch ihr Patriotismus stärker ange- 
regt, und so ein Gegengewicht gegen jenen kalten und herz- 
losen Egoismus geschaffen. Wenn irgend ein allgemeines 
Bedürfnisz empfunden wird, dann finden sich Viele bereit, 
freiwillig Opfer für die Befriedigung desselben zu bringen. 
Die Beiträge, zu denen sich ohne Statspflicht viele Privaten 
jederzeit bereit finden, werden oft groszartig reich bemessen, 
und rasch durch Subscription aufgebracht. Auch für ideale 
Zwecke geschieht in dieser Forin Vieles. Aber die zufällige 
Anregung übt dabei einen bedeutenden Einflusz. Für Einiges 
wird vortrefflich gesorgt, Anderes sehr vernachlässigt. 

Nur wenn der Stat selbst in Noth gerathen ist, wie zur 
Zeit des Bürgerkrieges, dann wird das Statsgefühl in allen 
Classen aufgeregt; und dann wagt der Stat, der sonst ungern 
seinen Bürgern etwas befiehlt, einzugreifen, und verfügt dann 
über das Gut und Blut derselben ebenso rücksichtslos, wie 
er vorher enthaltsam gewesen war. 

Die Nordamerikaner wechseln auch leicht ihren Beruf. 
Muthig und thatkräftig ergreifen sie die Gelegenheit und ver- 
suchen es auf einem andern Weg vorwärts zu kommen , wenn 
der zuvor eingeschlagene nicht rasch zum Ziele führt. Diese 
vielseitige Brauchbarkeit ist ein Kennzeichen des Republi- 
kaners. In den Monarchien sind die Berufsclassen schärfer 
geschieden. Wenn gleich der Uebergang aus einem Geschäft 
in ein anderes rechtlich ebenso möglich ist, so ist es durch 
die Sitte sehr erschwert. Für das Privatleben ist jene Eigen- 
schaft sehr nützlich. Weniger für den statlichen Amts- 
beruf. Hier ist die schwache Seite des republikanischen 
Statswesens. 

Das Princip der repräsentativen Republik erkennt zwar 

Bluntschli, die Politik. 24 



370 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 

an, dasz die Repräsentanten des Volks, denen die öffentlichen 
Geschäfte aufgetragen werden, ausgezeichnete Eigenschaften 
haben sollen. Aber die demokratische Abneigung gegen lange 
Amtsdauer, das Verlangen vieler Bürger, abwechselnd auch 
die Aemter zu besetzen und zu genieszen, und das Streben 
der Parteien, ihre Gewalt durch die Aemter zu befestigen, 
ihre Freunde zu belohnen, ihre Gegner aus den Aemtern zu 
verdrängen, machen den Amtsberuf unsicher und drücken die 
Anforderungen an die Amtsbewerber herab. * Die amtliche 
Technik ist nicht so ausgebildet und die Leistungen der Ver- 
waltung sind geringer als in Deutschland oder in Frankreich. 
Ebenso ist die Stellung der Beamten weniger sicher und das 
Ansehen derselben niedriger. 

Sehr mächtig sind die Parteien, die mit einander um 
den Einflusz, um die Stellen und Aemter und um die Aus- 
übung der Volksherrschaft ringen. Die Wahl des Congresses 
und des Präsidenten, der Legislaturen und der Governors 
wird durch die Parteien entschieden. Bald siegt die eine 
und besetzt die Aemter, bald die andere. 

In dem nordamerikanischen Statswesen ist der Gegensatz 
des Gesammtstats und der Länderstaten , der nationalen Ein- 
heit und der territorialen Vielgestaltigkeit geschichtlich und 
verfassungsmäszig begründet. Früher wurde überdem der 
Unterschied der sclavenhaltenden Südstaten und der die Scla- 
verei nicht duldenden Nordstaten als ein unversöhnlicher 
Widerstreit schwer empfunden, welcher die Union zu zer- 
reiszen drohte. Andere Gegensätze der Staten, welche vor- 
zugsweise grosze Pflanzungen haben, Baumwolle und Kaffee 
erzeugen und derer, welche auf freie Arbeit in den Fabriken 
und die industrielle Thätigkeit überhaupt angewiesen sind, 
verflochten sich durch ihre Interessen mit dem Gegensatz von 
Süd und Nord. Dazu kamen auch politische Gegensätze, 
indem die einen vorzugsweise die statlich republikanische 
Politik hochschätzten und dabei auch die Interessen der 



Zweites Capitel. Französische und schweizerische Nachbildung. 371 



höheren Cultur und Bildung vertraten, während die anderen 
mehr auf die volksthümlichen Neigungen der demokratischen 
Menge achteten. Aus allen diesen Gegensätzen sind bestimmte 
Parteien hervorgegangen, indem je ein Theil der Bürger vor- 
zugsweise eine Seite des Gegensatzpaares zu vertheidigen und 
zu fördern sich entschlosz. So die Parteien der Unionisten 
und der Föderalisten, oder der Föderalisten und Confödera- 
listen, der Sclavenstaten und der freien Staten, der Freihändler 
und der Schutzzöllner und ganz besonders der Republikaner 
und der Demokraten. 



Zweites Capitel. 
Französische ' und schweizerische 3 Nachbildung*. 

Drei Male während des letzten Jahrhunderts hat es die 
französische Nation unternommen, die repräsentative Re- 
publik Nordamerika^ in Europa nachzubilden. 

Das erste Mal wurde die Republik im September 1792, 
zur Zeit des heftigsten Revolutionsfiebers proclamirt. Dann 
folgte die Hinrichtung des Königs Ludwig XVI. , die wilde 
und blutige Herrschaft der Jakobiner, der Terroristen, des 
Pöbels. Schlieszlich trat eine Ernüchterung ein und es kam 
die gemäszigte, aber schwache Directorialregierung, bis ihr 
der glückliche und ehrgeizige General Bon aparte ein ge- 
waltsames Ende machte, 18 Brumaire (19. Novemb.) 1799. 
Er bereitete als Consul die Wiederherstellung der Monar- 
chie, aber in Gestalt des modernen Imperatorenthums vor und 
liesz sich im Mai 1804 zum Kaiser der Franzosen erklären, 

2 Ed. Laboulaye. Paris en Amerique. 1865. 

3 Cherbuliez de la democratie en Suisse. Paris 1843. Bluntschli,, 
Geschichte des schweizerischen Bundesrechts. 2. Auflage. Stuttgart 1875. 
Hilty, Politik der Eidgenossenschaft. Bern 1875. 



372 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



Das zweite Mal wurde die Republik im Februar 1848 zu 
Paris ausgerufen, als das constitutionelle Königthum, das sich 
der Wahlreform widersetzt hatte, vor dem Aufstand der Pa- 
riser erschreckt zusammen brach. Die damaligen Versuche 
der rothen, auf die untersten Gassen der Gesellschaft ge- 
stützten Demokratie, sich der Gewalt zu bemächtigen, wurden 
schon im Juli desselben Jahres durch den Präsidenten Ca- 
vaignac in dreitägiger Schlacht nieder geworfen. Die ge- 
ängstigte Gesellschaft wählte aber bald darauf' den Prinzen 
Louis Napoleon zum Präsidenten. Der Gewählte und ein 
groszer Theil der Wähler lenkten so wieder auf die Wege 
zur Monarchie ein. Am 2. December 1851 wiederholte der 
Präsident den Statsstreich seines Onkels vom 18 Brumaire, 
sprengte die Nationalversammlung und errichtete erst that- 
sächlich, später durch Volksabstimmung (2. Dec. 1852) als 
Napoleon III. das erneuerte französische Kaiserthum. 

Zum dritten Mal wurde die Republik von aufständischen 
Volksmassen gleichzeitig in Paris und in Lyon proclamirt. als 
die Kaiserliche Armee und der Kaiser selbst nach ihrer Nieder- 
lage bei Sedan sich den siegreichen Deutschen ergeben hatte, 
4. Sept. 1870. Die provisorische Nationalregierung der Landes- 
verteidigung machte noch eine Weile grosze, aber erfolglose 
Anstrengungen, die Invasion abzuwehren und sah sich ge- 
nöthigt, einen ungünstigen Frieden abzuschlieszen. (26. Fe- 
bruar 1871.) Neuerdings erhob sich in Paris die Empörung 
der untern Massen und proclamirte die r Commune " 28. März 
1871. Aber das übrige Frankreich folgte dieser wilden Aus- 
schweifung nicht; die republikanische Armee eroberte Paris 
und die Commune , die noch im Fall ihre Zerstörungswut in 
dem Brand der öffentlichen Gebäude bethätigt, ward unter-' 
drückt. Nun beginnt ein Schwanken zwischen den verschie- 
denen monarchischen Parteien mit ihren Prätendenten (Bour- 
bonen der altern Linie, Orleanisten, Napoleonisten) auf der 
einen Seite und den Republikanern auf der andern Seite, 



Zweites Capitel. Französische und schweizerische Fachbildung. 373 



welches vorläufig zur Annahme einer gemäszigten Republik 
mit einem Marschal als siebenjährigem Präsidenten (Septennat, 
beschlossen Nov. 1873) abschlieszt. 

Die beiden früheren Versuche, die Republik einzuführen, 
sind gescheitert. Ob der dritte glücklicher sein werde, ist 
noch nicht sicher. 

Für den Bestand der Republik günstig sind hauptsäch- 
lich folgende Momente: 

a. Der innere Widerstreit dreier monarchischer D y- 
nastien und Parteien, die zugleich drei verschiedene po- 
litische Systeme bedeuten. Der Graf Chambord ist das wahre 
Haupt der Legitimisten, welche das mittelalterliche König- 
thum als eine göttliche Einrichtung verehren und von der 
erneuerten Absolutie die endliche Besiegung der Revolution, 
die religiöse und politische Wiedergeburt und die Heilung 
aller Uebel hoffen. Die Prinzen von Orleans sind die Re- 
präsentanten des constitutionellen Königthums nach englischem 
Muster und geneigt, mit den Liberalen Compromisse abzu- 
schlieszen. Der Napoleonische Prinz bedeutet das mo- 
derne Kaiserthum, auf demokratischer Grundlage machtvoll 
erhöht. 

b. Ein allgemein verbreitetes und energisches Gefühl der 
Gleichheit und der Freiheit, aus welchem die republi- 
kanische Gesinnung und Neigung immer wieder frisch auf- 
steigt. Die Gleichheit ist auch in die Sitten der Nation über- 
gegangen. In gewisser Beziehung fühlt sich der Geringste 
und Aermste dem Mächtigsten und Reichsten gleich. Die 
Menschenwürde, das Menschenrecht, das bürgerliche Recht 
sind wesentlich gleich. Auch die Privatfreiheit ist in manchen 
wirthschaftlichen Beziehungen anerkannt und geschützt. 

c. Die politischen Ideen der Franzosen sind vorzugs- 
weise demokratisch und republikanisch. Die seit Rousseau 
gäng und gäbe gewordene Verwechslung der Begriffe Gesell- 
schaft und Stat, die Meinung, dasz der Stat auf dem freien 



374 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



Vertrage der einzelnen Bürger beruhe und dasz der Wille 
der Mehrheit als allgemeiner Wille, d. h. als Statswille an- 
zusehen sei, der ganze Aufbau des Stats von unten auf, die 
Vorstellung einer souveränen Nationalversammlung haben alle 
diesen Charakter. 

d. Die drei Mal wiederholten, mit vulkanischer Gewalt 
aus der Tiefe hervorbrechenden republikanischen Revolu- 
tionen zeugen für die nachhaltige Stärke dieses Strebens, 
das auch nicht durch schwere Leiden und Opfer abge- 
schreckt wird. 

Für die Republik bedrohlich sind dagegen folgende 
Momente : 

a. Grosze monarchische Parteien mit mächtigen 
Führern, welche nur widerwillig sich derselben fügen und 
jede Gelegenheit gerne ergreifen, um die gestürzte Monarchie 
neu aufzurichten. Sind dieselben auch nicht stark genug, 
um Einem Fürsten die Statsgewalt zu überliefern, so sind 
sie doch so stark, um die Republik fortwährend durch ihre 
Angriffe und ihre Verschwörungen zu beunruhigen. 

b. Die geschichtlichen Traditionen mit ihren glän- 
zenden Erinnerungen an die europäische Machtstellung der 
früheren Könige und der späteren Kaiser, an siegreiche Feld- 
züge und diplomatische Erfolge der Herrscher, an den Luxus 
der Höfe und die Blüthen der Kunst, welche die Gunst der 
Könige und die Ruhmsucht der Kaiser hervor lockten. 

c. Die seit Jahrhunderten immer entscheidender gewor- 
dene Centralisation aller Statsgewalt in der Hauptstadt 
Paris und in Einer Hand, welche überall ein Heer von Be- 
amten und wo es nöthig wird, eine gewaltige Armee zur Ver- 
fügung hat , und die Ungewohntheit und Unfähigkeit der De- 
partemente und der Gemeinden zur Selbstverwaltung. 
Die Grundbedingung der Republik aber ist die Selbsthülfe 
der Bürger, die volle Consequenz der Centralisation ist die 
Individualisirung der Statsleitung, d. h. die Monarchie. Wenn 



Zweites Capitel. Eranzösische und schweizerische Nachbildung. 375 



die politischen Ideen in Frankreich vorzugsweise republika- 
nische sind, so sind dagegen der politische Charakter und die 
politische Praxis der Franzosen geneigt, bei dem Monarchen 
Statshülfe zu suchen. 

d. Die in den mittleren und höheren Classen der Ge- 
sellschaft verbreitete Furcht vor den Ausschweifungen 
der Commune, welche in ihnen das Verlangen weckt nach 
einer starken und einheitlichen Regierungsgewalt. 

e. DerEinflusz des katholischen Klerus auf die Land- 
bevölkerung, welcher eher auf die Gunst der Monarchie als 
der Republik seine Hoffnungen setzt und daher die Gläubigen 
mit Misztrauen gegen die republikanische Politik erfüllt und 
für die Herstellung der Monarchie aneifert. Es verbinden 
sich hier mittelalterliche Hierarchie und Legitimität zum Wi- 
derstand gegen die fortschreitende Bildung "der Zeit. 

Sehr viel besser war der Boden der Schweiz für die 
Pflanzung der repräsentativen Republik vorbereitet. Denn in 
der Schweiz waren nicht blosz die republikanischen Ideen 
Jedermann verständlich, sondern es waren auch seit Jahr- 
hunderten republikanische Institutionen eingebürgert und die 
Volkssitten wie der Volkscharakter in republikanischer Selbst- 
beherrschung und Tugend geübt. 

Freilich waren die hergebrachten Formen der Republik 
andere : In den kleinen Bergeantonen die unmittelbare Volks- 
herrschaft der Landsgemeinde aller Landleute mit den zahl- 
reichen Landräthen und den von der Landgemeinde gewählten 
Standeshäuptern an der Spitze; in den Städtecantonen die 
Aristokratie, entweder wie in Zürich und Basel der städti- 
schen Bürgerschaft, oder wie in Bern und Luzern eines städti- 
schen Patriciats. 

Aber es konnten doch auch Patricier und Stadtbürger 
nicht vergessen , dasz die Befreiung der Schweiz von der lan- 
desfürstlichen Herrschaft Oesterreichs und des mit Oesterreich 
verbundenen Adels und dasz die ganze politische Entwicklung 



376 



Achtes Buch. C. "Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



der Schweiz wesentlich von dem Geiste der gemeinen Bürger- 
freiheit bestimmt worden sei. 4 

Die Repräsentativdemokratie ist anfangs (1798) nicht un- 
mittelbar von Nordamerika nach der Schweiz verpflanzt worden, 
sondern mittelbar in der französischen Form eines centra- 
lisirten Einheitsstates, der sich an die französische Re- 
publik anlehnte und von ihr geschützt, aber auch bevormun- 
det ward. Die sogenannte „helvetische" Revolution bedeutet 
einen groszen Fortschritt in der modernen Entwicklung der 
Republik. Sie befreite die gemeinen Herrschaften von der 
Ausbeutung der regierenden Orte und gewährte den Unter- 
thanen der Patriciate, der Stadtbürger, der alten Landleute 
gleiches Recht mit ihren frühern Herrn. Sie breitete die 
republikanische Verfassung über alle Cantone aus und ver- 
band dieselben durch gemeinsame Institutionen zu einem ge- 
meinsamen Vaterland. Sie war der Durchbruch des modernen 
Statsgedankens im Gegensatz zu der ständischen Spaltung und 
zu den herkömmlichen Vorrechten privilegirter Stände und Orte. 

Trotz dieser Vorzüge der neuen Verfassung, scheiterte 
dieselbe hauptsächlich an der Miszachtung der geschichtlichen 
Bildungen. Wäre damals die repräsentative Republik nach 
dem amerikanischen Muster eingeführt worden, so dasz die 
Cantone als berechtigte Gemeinwesen anerkannt blieben und 
nicht zu bloszen Verwaltungsbezirken eines centralisirten Ein- 
heitsstates erniedrigt, sondern zu einem gemeinsamen Bundes- 
state geeinigt wurden, so hätte sie leicht ihre Wurzeln tief 
in das Bewusztsein des Schweizervolks eingesenkt, und hätte 
der Schweiz die nachfolgenden Schwankungen und das unsichere 
Tasten und Experimentiren der folgenden Jahrzehnte erspart. 

Um dieses Grundfehlers willen, der noch durch die Abhän- 
gigkeit von Frankreich verschlimmert wurde, ging die reprä- 
sentative Demokratie damals für die Schweiz unter und konnte 



4 Vgl. Bd. 1. S. 543. 



Zweites Capitel. Französische und schweizerische Nachbildung. 



377 



erst ein halbes Jahrhundert später, im Jahre 1848, wieder 
hergestellt werden, jetzt aber mit Beachtung des Gegensatzes 
zwischen den cantonalen Länderstaten und dem unirten schwei- 
zerischen Gesammtstat. 

In der Zwischenzeit hatte die Repräsentativrepublik auch 
die meisten Cantonalverfassungen umgestaltet und war so 
zuerst in den Cantonen heimatlich geworden, bevor sie den 
Bund neu organisirte. 

Einige wichtige Unterschiede zwischen der schweizerischen 
und der nordamerikanischen Politik sind bei aller Aehnlich- 
keit im Uebrigen, wohl zu beachten: 

a. Schon der schroffe Unterschied zwischen dem schönen, 
aber kleinen, dichtbevölkerten, mitten in Europa zwischen 
mächtigen Groszstaten gelegenen Gebirgslande, ohne Seeküste 
und dem groszen über den nördlichen Continent eines Welt- 
theils ausgebreiteten, von zwei Meeren östlich und westlich 
umspülten, noch wenig bevölkerten, aber in raschem Wachs- 
thum begriffenen Reiche, das in Amerika die entscheidende 
Vormacht ist, schon dieser Unterschied der äuszeren Natur- 
anlage stellt der Politik verschiedene Aufgaben und gewährt 
ihr verschiedene Mittel. 

b. Das amerikanische Volk, obwohl es auch mancherlei 
nationale Elemente in sich aufgenommen hat und fortwährend 
neue Zuflüsse aufnimmt, hat doch in höherem Masze Eine 
Nationalität, als das Schweizervolk. Die englische Sprache 
mit amerikanischem Accent, das englische Recht in republi- 
kanischer Fassung sind durchaus herrschend in der Union 
und bestimmen den Geist und den Charakter des Volks. Alle 
andern Bestandteile werden in kurzer Zeit assimilirt und 
englisirt, beziehungsweise amerikanisirt. In der Schweiz dage- 
gen ist der uralte geschichtliche, auch in den Cantonen ein- 
fluszreiche Unterschied der deutschen, französischen und 
italienischen Schweiz viel bedeutender und nachhaltiger. Auch 
in der Rechtsbildung sind heute noch dieselben Unterschiede 



378 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 

wirksam. Wenn es auch der Schweiz geglückt ist, das Problem 
friedlichen Zusammenwirkens verschiedener Nationalitäten zu 
gemeinsamer Selbstregierung zu lösen, indem sie jeder Natio- 
nalität volle Freiheit und gleiches Recht gewährt, aber zugleich 
alle politisch zusammenfaszt und einigt, so ist ihr bis jetzt 
die Ausbildung einer besonderen Schweizernationalität 5 
noch nicht, oder höchstens in einigen Sitten und Charakter- 
zügen, aber nicht in ihrer Gesittung und Bildung überhaupt 
gelungen. 

c. Die Mischung von Bruchtheilen verschiedener Natio- 
nalitäten in der Schweiz, inmitten der viel mächtigeren, durch 
Sprache, Cultur und Recht nahe verwandten nationalen Staten. 
und der Gegensatz ihrer republikanischen Verfassung und der 
groszen Monarchien, von denen sie umschlossen wird, nöthi- 
gen die Schweiz zu der Politik der Neutralität, aber zugleich 
zu kräftiger Ausbildung der schweizerischen Milizarmee, 
welche berufen ist ihre Neutralität und ihre Freiheit zu ver- 
theidigen; während die nordamerikanische Republik berufen 
und fähig ist, an der groszen Weltpolitik einen activen Antheil 
zu nehmen und dennoch für ihre eigene Sicherheit Nichts zu 
fürchten hat, daher auch weniger genöthigt ist, ein zahlrei- 
ches Volksheer zu erhalten und einzuüben. 

d. In neuerer Zeit hat sich in der Schweiz ein geringeres 
Verständnisz für die Vorzüge der Repräsentativrepublik vor 
der roheren Demokratie als in Amerika gezeigt und es hat 
die Vorliebe für die Demokratie, in welcher sehr Viele das 
wahre Statsideal zu erkennen meinen, zur Demokratisi- 
rung auch der Repräsentativverfassung geführt. Die sogenannte 
Volks initiative, d. h. das Recht einer gröszeren Anzahl 
Bürger, eine Verfassungsänderung zu begehren, und das Refe- 
rendum, d. h. die Abstimmung aller Bürger über die Gesetze 
verstärken die Macht der Massen, behindern aber zugleich 

5 Vgl. meine Studie über die schweizerische Rationalität in der Zeit- 
schrift: Die Gegenwart, 1875. 



Drittes Capitel. Wirkungen und Gefahren der demokratischen Republik. 379 



manche Verbesserung, die vorerst nur von den gebildeteren 
Classen verstanden wird, und eröffnen der Demagogie einen 
Spielraum, den sie zur Täuschung und Verhetzung der Massen 
ausbeuten kann. 



Drittes Capitel. 

Wirkungen und Gefahren der demokratischen Republik. 
1. Statliche Functionen. 

A. Auswärtige Politik. Die republikanische Diplo- 
matie erscheint bescheidener als die monarchische. Sie ist 
mit den Anschauungen der Dynastien und den Sitten der 
Höfe weniger bekannt und bewegt sich weniger geschickt in 
den vornehmsten Cirkeln, aber sie hat ein feineres Gehör für 
die Wünsche und Meinungen der Volksclassen und verkehrt 
ungezwungener und bequemer mit der bürgerlichen Gesellschaft. 

Wenn der Volksgeist der Republik herrschsüchtig ist, 
wie es im Alterthum die römische Republik gewesen war, oder 
propagandistisch, wie es die französische Republik der ersten 
Revolutionsperiode gewesen ist, dann kann auch die äuszere 
Politik der Repräsentationsdemokratie unternehmungslustig, 
kriegerisch und eroberungssüchtig werden. Aber zu dem 
Grundcharakter der repräsentativen Demokratie, welcher die 
Behauptung der eigenen Freiheit, den allgemeinen Wohlstand, 
die Sicherheit des Privatlebens voraus als wünschenswerthe 
Ziele erscheinen, paszt doch durchweg eine friedliche äuszere 
Politik weit besser. Auch ist eine sieg- und ruhmreiche 
Eroberungspolitik für die Statsform selber gefährlich, indem 
der gefeierte General in die Versuchung geräth, sich die 
Königskrone auf das Haupt zu setzen. Die Niederlage der 
Republik in einem unglücklichen Kriege zur Verteidigung 
des Landes gefährdet dagegen die Verfassung nicht, indem 



380 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



das Volk dieses Unglück nicht seinen eigenen Fehlern, sondern 
dem Ungeschick oder dem Verrath seiner Führer zuschreibt, die 
es wechseln kann, und am ehesten Wiederherstellung hofft, 
indem es seinen eigenen Kräften vertraut. 
B. Innere Politik. 

a. Die Gesetzgebung der Republik unterscheidet sich 
von der in der constitutionellen Monarchie hauptsächlich durch 
die Abwesenheit des monarchischen Factors. Der Einflusz 
der Regierung tritt hier zurück und die Herrschaft der jewei- 
ligen Majorität in der Volksvertretung wird weniger beschränkt 
und ermäszigt. Im Uebrigen ist die Thätigkeit der republi- 
kanischen Volksvertretung und der monarchischen wesentlich 
dieselbe. Nur steigt jener leichter als dieser der berauschende 
Dünkel souveräner Allmacht zu Kopf. 

b. Die Verwaltung hat in allen Zweigen und auf allen 
Stufen mehr den Charakter gesellschaftlicher Selbstverwaltung 
als berufsmäsziger Amtsverwaltung. 6 Sie ist volksthümlich, 
aber technisch weniger durchgebildet und ist weniger mächtig 
als die Verwaltung in der constitutionellen Monarchie. 

c. Die Rechtspflege unterscheidet sich wenig von der 
Rechtspflege in der Monarchie. Nur sind die Richter abhän- 
giger von den Wählern und weniger gesichert in ihrem Amte. 

2. Die regierenden Classen stehen näher den Regier- 
ten und erheben sich wenig über diese, und nur soweit sie 
amtlich handeln. Auszerhalb des Amtsbereichs w r erden sie 
von den höheren und reicheren Classen der bürgerlichen 
Gesellschaft überragt. 

Wird die Regierung, wie in Nordamerika, in einem Indi- 
viduum concentrirt, welches als Präsident den Stat repräsen- 
tirt, so nähert sich diese Erscheinung der monarchischen 
Einheit. Der Präsident kann sogar gröszere Machtbefugnisse 
haben und daher entscheidender als Person einwirken auf 



fi Vgl. Bd. L S. 553 f. 



Drittes Capitel. "Wirkungen und G-efahren der demokratischen Republik. 381 



die äuszere oder innere Regierungspolitik. Aber den Glanz 
der Majestät darf er doch nie sich aneignen und er weisz, 
dasz er nach wenig Jahren wieder als ein Gleicher in die 
Gesellschaft seiner Mitbürger eintreten wird. Er hat doch 
nur eine verhältniszmäszig geringe Besoldung, welche den 
Einkünften reicher Privatpersonen weit nachsteht , keine Civil- 
liste, und ist daher nicht so reich ausgestattet, um einen Hof 
zu halten und ein Patronat der Künste zu üben. 

Wird die Regierung, wie in der Schweiz, einem C ol- 
le gium anvertraut, so tritt der republikanische Charakter 
des Zusammenwirkens Mehrerer und Vieler noch deutlicher 
hervor. Aber die Verantwortlichkeit der Regierungsräthe wird 
gemindert durch ihre Vertheilung auf Mehrere und die Gefahr 
der Parteispaltungen oder des persönlichen Haders inmitten 
des Organs, welches zur That berufen ist, zeigt sich bei dieser 
Einrichtung oft störend und nachtheilig. 

Es ist nicht zu fürchten, dasz völlig unfähige oder 
schlechte Männer lange Zeit die Regierungsgewalt behaup- 
ten. Dagegen schützt schon die Wahl groszentheils, und 
wenn etwa ein Miszgriff begegnet war, die kurze Amtsdauer. 
Aber die Erfahrung lehrt, dasz leicht die bedeutendsten 
und fähigsten Statsmänner bei den Wahlen übergangen 
werden, weil sie zu sehr über die mittleren Classen empor 
ragen und daher dem Neid, der Furcht und dem Hasz aus- 
gesetzt sind. Es werden dann oft Männer vorgezogen, welche 
den Wählern näher stehen und weniger bekannt, aber auch 
weniger angefeindet sind. 

Es ist ein Vorzug dieser Statsform, dasz der Präsident 
selber, nicht blos seine Minister für ihre Regierungsthätig- 
keit verantwortlich gemacht wird und dasz man sich 
nicht mit der gefährlichen und auszerordentlichen Verant- 
wortlichkeit behilft, die sich durch gewaltsame Statsumwäl- 
zungen vollzieht, wie das in der Monarchie geschieht, son- 
dern für eine wohlgeordnete Handhabung der statlichen 



382 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



Gerechtigkeit sorgt. Diese Verantwortlichkeit schärft das 
Pflichtgefühl und kräftigt die Autorität des Rechts. 7 

Der öftere Wechsel der Regenten bewahrt wohl den 
Stat vor dauerndem Despotismus, aber schwächt die Macht 
desselben und ist einer stätigen und vorsorglichen Politik 
hinderlich. 

3. Die Regierten und die Gesellschaft. 

Günstig wirkt diese Verfassung auf die groszen Volks- 
classen und besonders förderlich auf die gebildet en Mittel- 
classen, welche durch die fortwährende Uebung der Selbst- 
verwaltung und Selbstregierung politisch gebildet werden. 
Der einfache Bürger und Bauer, der sich nur vor Gott, nicht 
vor Menschen demüthigt, bekommt ein stolzes Bewusztsein 
seiner Menschenwürde und seiner politischen und bürgerlichen 
Freiheit. Er hat Selbstvertrauen und ist allezeit bereit, sich 
selber zu helfen. 

Zugleich weckt die Verfassung, welche die Ausübung der 
Statsgewalt den gewählten Repräsentanten, als den Beszten, 
anvertraut, den Wetteifer der Individuen und entwickelt so 
viele verborgene Kräfte und Talente. 

Weniger günstig ist die Lage der höheren, aristokrati- 
schen und der untersten Classen. Die erstem finden weder 
Verständnisz ihrer Bedürfnisse, noch Anerkennung ihrer Vor- 
züge. Die letztern, denen die Musze und die Bildung fehlt, 
um als Repräsentanten des Volks mitzuverwalten , werden ge- 
ring geschätzt. 

Endlich hat die demokratische Republik zwei Gefahren 
zu vermeiden, welche aus ihrem Innern sich erheben. Die 
eine sind die Demagogen, welche den Leidenschaften und 
den Vorurtheilen der Menge schmeicheln und deren Macht 
für ihre ehrgeizigen oder habsüchtigen Zwecke ausbeuten. 
Die andere sind die Parteien, welche durch keine höhere 



7 Vgl. de Parieu Politique S. 155. 



Viertes Capiteh Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit. 383 



Autorität beschränkt werden und welche mit einander um den 
Besitz der Statsgewalt ringen und dieselbe für sich und wider 
die besiegte Partei miszbrauchen. 



Viertes Capitel. 

Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit. 8 

In Amerika ist die repräsentative Republik zwar nicht 
die ausschlieszlich herrschende, aber doch die entschieden 
überwiegende Statsform. In Europa dagegen hat dieselbe 
bisher nur in der Schweiz eine sichere Heimat gefunden. Die 
bisherige europäische Statenbildung ist überwiegend mon- 
archisch. 

Aber die Meinung, dasz auch die Europäischen Völker 
der demokratischen Republik unaufhaltsam zureifen , ist unter 
Freunden und Gegnern dieser Statsform sehr verbreitet. 

In der That, jede unbefangene Prüfung der modernen 
europäischen Zustände führt zu dem Resultate, dasz die Stärke 
des demokratischen Elements in dem Volksleben in neuerer 
Zeit sehr erheblich zugenommen habe und noch im Wachs- 
thum begriffen sei. An welcher Stelle immer wir die Sonde 
anlegen, sei es indem wir die materiellen oder die geistigen 
Zustände prüfen , überall treffen wir auf eine breite demokra- 
tische Strömung. Nur das kann in Frage kommen, ob aus 
der Verstärkung des demokratischen Geistes und der Hebung 
der demokratischen Kräfte auch die Umgestaltung der mon- 
archischen Statsform in die republikanische folgen werde. 

Ueberschauen wir vorerst die hauptsächlichsten Momente : 

1) Uniäugbar hat die ganze Geistesbildung unsrer 

8 Guizot de la demoeratie en France. Paris 1849. Gervinus. 
Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Leipzig 1853. 



384 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 



Zeit ein wesentlich bürgerliches Gepräge. Die Zeiten, in 
denen die höhere Bildung ein Vorrecht der Aristokratie war. 
sind längst hinter uns. Der Weg zu ihr ist Jedermann ge- 
öffnet. In den äuszeren Formen und Feinheiten des gesell- 
schaftlichen Verkehrs werden die Unterschiede der Stände 
noch fühlbar und sichtbar; das Wesen der gesellschaftlichen 
Bildung aber, das Verständnisz der heutigen Civilisation, der 
Ausdruck der Sprache, sind in allen Classen der Gebildeten 
wesentlich dieselben. Der Sohn des Handwerkers oder des 
Bauern, wenn er individuell begabt ist, die öffentlichen Schulen 
besucht und den erforderlichen Fleisz verwendet, kann fast 
ebenso leicht die Höhen der heutigen Bildung ersteigen, als 
der Sohn des Gutsherrn oder des Gelehrten. Die Resultate 
der wissenschaftlichen Forschung werden in tausend Kanälen 
auch den unteren Classen zugeleitet. Die Wirkung der Volks- 
schulen war in keinem Zeitalter gröszer und ausgedehnter 
als gegenwärtig. Die Volksschule begründet das Fundament 
der gemeinsamen Volksbildung. Die populäre Literatur ist 
während des letzten Jahrhunderts so ausgebreitet worden, wie 
es vor hundert Jahren Niemand für möglich gehalten hat. 
Die Zeitungen, und nicht blosz Wochenblätter, sondern Tages- 
blätter, werden in allen Häusern gehalten und gelesen. Man 
mag den sittlichen und den geistigen Gehalt und Werth dieser 
Literatur verschieden schätzen, darüber aber gibt es eine 
Meinungsverschiedenheit nicht , dasz dieselbe eine starke Ein- 
wirkung auf die Stimmung und die Ansicht der Massen übt. 

Auch in dem Inhalt dieser Literatur ist ein starker 
demokratischer Zug nicht zu verkennen. Mit Recht hat man 
schon oft bemerkt, dasz sogar unter dem König Ludwig XIV. 
die französische Literatur mit Vorliebe demokratische Ge- 
danken verfochten und verherrlicht habe. Bevor die Ideen 
der Gleichheit und der Freiheit in der französischen Revolu- 
tion ihre heftige Gewalt über die Gemüther bewährt hatten, 
waren dieselben in einer Menge von Schriften und in 



Viertes Capitel. Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit. 



385 



unzähligen Formen in dem Lesepublicum verbreitet und von 
diesem begierig erfaszt worden. 

Alle wissenschaftliche Forschung musz prüfend, d. h. 
kritisch verfahren. Die Kritik unternimmt und erneuert 
beständig den Kampf mit den hergebrachten Autoritäten. Auf 
allen Gebieten und nach allen Richtungen hat die wissen- 
schaftliche Kritik ihre scheidende Macht geübt und zahlreiche 
und grosze Erfolge erkämpft. Der Glaube an die überlieferten 
Autoritäten ist in Folge dessen in weiten Kreisen vielfach 
erschüttert worden und das Bewusztsein der individuellen 
Freiheit ist in alle Schichten der Bevölkerung eingedrungen. 

Auch die pantheistische Richtung, welche sowohl in 
der Philosophie als in der Literatur unter den gebildeten 
Gassen in ganz Europa überhand genommen hat, ist der 
demokratischen Strömung des öffentlichen Geistes förderlich. 
Der Pantheismus betrachtet das ganze Universum als Ein 
Wesen und alle Menschen als mannichfaltige Emanationen 
der Einen Weltseele , oder gar als wechselnde Bilder der all- 
gemeinen Materie. Er ist die Einigung Aller zu Einem 
Ganzen, wie die Demokratie die Verbindung Aller zum State 
ist. Er erniedrigt das Höchste und erhebt das Niedrigste. 
Die Demokratie wurde so das heimlich geliebte Ideal Vieler, 
welche durch die geschichtlichen Bedingungen ihres Daseins 
darauf angewiesen waren, in einer Monarchie zu leben und 
auch Solcher, welche treu und muthig für die monarchische 
Verfassung einstanden. 

Die christliche Religion hatte von Anfang an einen 
demokratischen Zug in sich: Christus selber und fast alle 
Apostel waren aus den untern Volksclassen der Handwerker, 
der Fischer, der kleinen Leute hervorgegangen. Lange Zeit 
war das Christenthum die Religion der Armen, der Gedrückten. 
Nur ganz ausnahmsweise traten einzelne Vornehme oder Ge- 
lehrte hinzu. Die Brüderlichkeit, welche das Christen- 
thum den Menschen, als den Kindern desselben göttlichen 

Bluntschli, die Politik. 25 



386 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratiechen Republik. 



Vaters, empfahl, ist neben der Freiheit und der Gleichheit 
ein Hauptideal der modernen Menschheit geworden. 

Selbst die Vorliebe für den Individualismus, welcher 
unsere Zeit kennzeichnet, verstärkte die demokratische Be- 
wegung. Wenn gleich der Individualismus an sich nicht de- 
mokratisch ist, indem er die Mannichfaltigkeit der Einzeln- 
menschen in Anlagen und Werken und nicht die Gleichheit 
derselben offenbart, so diente er doch dazu, das Selbstgefühl 
aller Individuen und auch der groszen Massen aufzuregen 
und zu spannen. 

2) Dieselbe Erscheinung zeigt sich in den Gestalten des 
Privatrechts und der Vermögensverhältnisse. Gerade 
die auf Gleichheit berechneten Begriffe des römischen Rechts 
fanden die allgemeinste Billigung und Aufnahme. Das deutsche 
Recht des Mittelalters hatte die ständischen Unterschiede vor- 
züglich beachtet und geschärft, das römische Recht dagegen 
hatte ein allgemeines plebejisches Gepräge erhalten, es war 
ein bürgerliches Recht im specifischen Sinn des Wortes. 
Die Veräuszerlichkeit und Theilbarkeit alles Eigenthums, auch 
des Grundeigenthums, und die gleiche Erbtheilung unter 
Söhne und Töchter wurden auch in die neuere Gesetzgebung 
und in die Praxis eingeführt. Die feudalen und bäuerlichen 
Institutionen, welche diesen Grundsätzen widersprachen, wur- 
den grösztentheils zerstört und überall die freie Bewegung 
des Handels und Verkehrs, der Gewerbe gefördert. Damit 
harmonirten die Theorien der neuern Nationalökonomie, so 
sehr sie auch im Einzelnen unter einander noch stritten. 
Das Leben folgte der Theorie und offenbarte die riesenhafte 
Macht,, welche den neuerdings erwachten Ideen bürgerlicher 
Freiheit und Gleichheit innewohnte. Die ganze industrielle 
Entwicklung der neuern Zeit ist auf die Massen gestützt. 
Indem sie den Massen dient, zieht sie aus ihnen ihre Kräfte. 
Auch die neuen Erfindungen wirkten vorzugsweise in die Breite 
und Weite und bereicherten die allgemeinen Lebensgenüsse. 



Viertes Capitel. Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit. 387 



Die Rechte und der Wohlstand der mittleren und der untern 
Volksclassen sind gegenwärtig trotz aller Mängel gröszer als 
während des ganzen Mittelalters, die der untern Volksclassen 
weit gröszer als jemals in der Weltgeschichte. 

3) Man kann sich nicht verwundern, wenn die Massen 
unter dem Eindrucke solcher Ideen und unter der Voraus- 
setzung solcher socialen Zustände auch ein Gefühl ihrer 
Macht bekamen. Eigenwilligkeit, Selbstsucht, Herrschsucht 
sind Neigungen, die sich in allen Classen der Gesellschaft 
finden, also auch in den Massen. Von Zeit zu Zeit ver- 
suchten dieselben ihre Kraft, zumal in Momenten der Gäh- 
rung und der Noth, und da sie ihren Willen dann meistens 
durchsetzten, fingen sie an, sich für unwiderstehlich zu halten 
und bemächtigten sich momentan der Herrschaft im State. 
In solchen Zeiten wurde es wohl auch in allen Monarchien 
versucht, die Statsform der Demokratie einzuführen. Es ist 
nicht unmöglich, dasz ähnliche Versuche auch in der Zu- 
kunft wiederholt werden. Das Vertrauen der Massen auf ihre 
Stärke ist nicht gebrochen, weil die Ursachen, worauf es sich 
stützt, fortwirken und zahlreiche historische Ereignisse für 
die Möglichkeit einer momentanen Massenherrschaft zeugen. 

4) Derartige Gefahren für die monarchische Verfassung 
erscheinen um so gröszer, wenn man bedenkt, wie schwach 
gegenwärtig die aristokratischen Volkselemente sind, 
welche berufen sind, die demokratische Bewegung zu mäszi- 
gen. Wo jene aber ausnahmsweise nur durch künstliche Ein- 
richtungen begünstigt werden, ist doch, wenigstens auf dem 
Continent, nirgends ein beruhigendes Verhältnisz organischer 
Ergänzung hergestellt. Vielmehr wird gerade da der Hasz der 
mittleren und unteren Classen wider die bevorzugte Aristokratie 
neuerdings durch die unverständige Art groszgezogen , wie die 
Aristokratie nicht wider die Ausschweifungen der Menschen, 
sondern wider den Zeitgeist selbst und nicht blosz wider die 
Massenherrschaft, sondern gegen die Volksfreiheit ankämpft. 



388 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 

Auf der andern Seite sprechen aber eine Reihe gewich- 
tiger Gründe gegen die Wahrscheinlichkeit einer Umgestal^ 
tung der constitutionellen Monarchie in die demokratische 
Republik : 

1) Die Beweiskraft der obigen Gründe für diese Wahr- 
scheinlichkeit wird schon durch eine historische und eine 
principieile Erwägung bedeutend abgeschwächt. Durch die 
historische Erwägung, dasz alle civilisirten Völker Europa's 
vom Anfang der Geschichte an verschiedene politische Ele- 
mente in sich tragen und regelmäszig ein Element durch 
andere ergänzt und beschränkt ward. Während der ganzen 
römischen Geschichte war das demokratische Element in dem 
römischen Volkskörper stark; aber zur Zeit der Republik blieb 
es doch dem aristokratischen untergeordnet und als es am 
Schlusz der Republik mächtiger wurde, konnte es sich doch 
nicht als demokratischer Stat behaupten, sondern unterordnete 
sich freiwillig dem Kaiserthum. Die Geschichte der germa- 
nischen Völker zeigt anfänglich ein starkes demokratisches 
Element in der Gemeinde der freien Männer, aber in Ver- 
bindung mit hervorragenden aristokratischen und sogar fürst- 
lichen und königlichen Elementen; dann während des Mittel- 
alters Schwächung der Demokratie und Erhebung der Aristo- 
kratie und des Fürstenthums ; zu Ende des Mittelalters 
Schwächung der Aristokratie und wechselseitige Erhebung der 
demokratischen und der monarchischen Elemente. Aus dem 
Dasein und Wachsthum der Demokratie im politischen Sinn 
des Worts folgt also nicht nothwendig die Herstellung der 
Demokratie im statsrechtlichen Sinne. Es ist sehr möglich, 
dasz gleichzeitig die Volksrechte und Volksfreiheiten und die 
monarchische Einheit der Statsgewalt zunehmen. 

2) Für die Fortdau # er der Monarchie in Europa 
spricht voraus die Macht der Geschichte. Die Geschichte Nord- 
amerikas ist seit zwei Jahrhunderten immer entschiedener 
republikanisch geworden; die europäische Geschichte ist seit 



Viertes Capitel. Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit. 389 



bald zwei Jahrtausenden eher der monarchischen Richtung 
zugewendet. Die meisten europäischen Nationen sind mon- 
archisch erzogen. In ihren Gewohnheiten, in ihren Gefühlen, 
in ihren Ideen hat das Fürstenthum ein festbegründetes An- 
sehen und die Ehrfurcht vor der Monarchie übt einen starken, 
zuweilen unbewuszten Einflusz auf Gesinnung und Haltung 
der Massen aus. Die monarchischen Institutionen erscheinen 
nicht als etwas Fremdes und Künstliches ; sie sind verwachsen 
mit dem Volksleben , und werden als der herrlichste Schmuck 
desselben geschätzt. 

In den Zeiten der Revolution wurde freilich mehrmals 
die Monarchie abgeschafft und zuweilen die demokratische 
Republik als die wahre moderne Statsform proclamirt. Aber 
in England und in Frankreich heften sich auch an die kurze 
Herrschaft der Massen düstere Erinnerungen an von blutigen 
Gräueln, Lähmung des Credits, äuszerer Ohnmacht ; und mehr- 
mals haben sich die Völker bald wieder der Monarchie zuge- 
wendet. Wenn die Völker gerne groszer Ereignisse der Vor- 
zeit gedenken, so werden sie an die Thaten und Siege ihrer 
Fürsten erinnert. 

3. In dem alten Europa ist neben der menschlichen 
Gleichheit Aller auch die Ungleichheit der verschiedenen 
gesellschaftlichen Unterschiede so grosz, dasz die Gefahr einer 
brutalen Herrschaft der Mehrzahl zahlreiche, in Minderheit 
befindliche Interessen mit Unterdrückung bedrohen und eine 
gleichzeitige Berufung jeder Classe zu souveräner Freiheit 
den inneren Bürgerkrieg entzünden würde. Sollen die ver- 
schiedenen Classen der Gesellschaft mit ihren einander wider- 
streitenden Interessen und Tendenzen in dem engen Rahmen 
europäischer Statsgebiete friedlich neben einander leben, so 
bedürfen sie einer starken obrigkeitlichen Gewalt, welche das 
gemeinsame Recht und den öffentlichen Frieden schützt. 

Die gröszten Volksclassen, die als sogenannter vierter 
Stand zusammen gefaszt werden, haben wohl auch ein Inter- 



390 Achtes Buch. C. Wirkungen und Aufgaben der demokratischen Republik. 

esse an demokratischer Volksfreiheit, aber kein Interesse, die 
monarchische Statsform mit der republikanischen zu ver- 
tauschen. Da sie doch nicht selber regieren und verwalten 
können, so hiesze das an die Stelle des Einen Fürsten sich 
den dritten Stand zum Herrn setzen. Der vierte Stand hält 
die Monarchie aufrecht, wenn diese nicht selbst ihn von sich 
stöszt: „Die Krone und der vierte Stand sind auf einander ange- 
wiesen." (Fr. Rohmer.) Selbst der dritte Stand, der zunächst 
die Aussicht hatte, in der repräsentativen Republik die Re- 
gierung zu übernehmen, ist durch die Erfahrungen der Revolu- 
tion scheu geworden. Der Glaube an eine göttliche Autorität 
der Könige ist zwar geschwunden; aber die Ueberzeugung ist 
allgemeiner geworden, dasz die öffentliche Ordnung und die 
allgemeinen Interessen dauernder und mächtiger in der Mon- 
archie als in der Republik geschützt werden und dasz auch 
die Volksfreiheit in jener ebenso gewahrt werden könne, wie 
in dieser. 

4. Um eine Republik zu gründen und zu behaupten, 
reichen die demokratischen Ansichten und Neigungen nicht 
aus. Es ist der republikanische Charakter nöthig. Die 
republikanische Thatkraft, Selbstbeherrschung, Opferwilligkeit 
sind aber in den meisten europäischen Ländern nur schwach 
und ausnahmsweise vertreten, nicht allgemeine Eigenschaften 
der groszen Volksclassen. Diese republikanischen Tugenden 
können nicht befohlen, sie können nur allmählich anerzogen 
werden. Der Mangel derselben hindert zuweilen nicht demo- 
kratische Revolutionen, aber er hindert oft die Fortdauer der 
dekretirten Republik. Ziehen wir aus diesen Erwägungen 
einige politische Schlüsse: 

1. Das Misztrauen und die Feindschaft der Regierungen 
gegen die demokratischen Elemente in dem Volkskörper ver- 
leiten zu falschen und schädlichen Maszregeln und sind keines- 
wegs im Interesse der Monarchie. Der Versuch, die Demo- 
kratie im politischen Sinn zu unterdrücken, ist im Wider- 



Viertes Capitel. Die demokratischen Tendenzen unserer Zeit. 



391 



spruch mit der ganzen Culturentwicklung des neuen Europa 
und mit der Bewegung der Zeit, und wird daher immer un- 
glücklich enden für die, welche ihn wagen. Von jeher haben 
die Demagogen die Massen durch den Vorwurf aufgereizt, 
dasz die Volksfreiheit den Fürsten verhaszt und nur durch 
die Volksherrschaft zu sichern sei. Die monarchischen Re- 
gierungen haben ein dringendes Interesse, diese Reizmittel 
den Demagogen zu entwinden, und das können sie nur, indem 
sie selber die Volksrechte ausbilden und die Volksfreiheit 
schützen. 

2. Indem die Monarchie das demokratische Element in 
seiner natürlichen Berechtigung muthig anerkennt, findet sie 
selbst in demselben ihre sicherste Stütze und hat zugleich 
die Macht, der Ueberspannung und Ausschreitung dieses Ele- 
ments durch ihre Ordnungen zu wehren. Dasselbe Gewässer, 
das in wildem Andrang die Felder überschwemmt und die 
Culturen zerstört, dient in geregeltem Laufe der friedlichen 
Schifffahrt , den fleiszigen Maschinen und der Befruchtung der 
Wiesen. Die politische Aufgabe für das monarchische Europa 
ist also nicht die Unterdrückung, sondern die richtige Orga- 
nisirung und Berücksichtigung der groszen Volksclassen. 



/ 



Neuntes Buch. 

D. Wirkungen und Aufgaben der zusammen- 
gesetzten Staten. 

Erstes Capitel. 
Der Stateubund und die Conföderation. 

In allen zusammengesetzten Statswesen, die aus einer 
Verbindung mehrerer Particularstaten zu einem gröszeren 
Gemeinwesen bestehen, zeigt sich der Gegensatz zwischen den 
Th eilen, die für sich selber Ganze sind und sein wollen, 
und der Gesammtheit, die hinwieder auch eine gemein- 
same und einheitliche Politik verfolgen möchte. 

Ist der Verband der Particularstaten als Statenbund, 
Conföderation, organisirt, so ist nicht blosz die statsrecht- 
liche Macht, sondern ebenso die politische Kraft vorzugsweise 
in den verbündeten Staten als Sonderwesen und nicht in dem 
Bunde, als einer Einheit zu finden. Der Bund ist nur als 
eine Genossenschaft von Staten, nicht in sich selber 
als Gesammtstat organisirt. Es gibt kein Gesammtvolk, son- 
dern nur Völker der verbündeten Staten. In der früheren 
Schweiz gab es wohl Zürcher, Berner, Urner u. s. f. als po- 
litisch berechtigte Völker, aber kein Schweizervolk. Ebenso 
gab es in dem deutschen Bunde von 1815 wohl ein öster- 



Erstes Capitel. Der Statenbund und die Conföderation. 



393 



reichisches, preuszisches, bayrisches Volk, aber weder ein 
deutsches Volk, noch ein deutsches Bürgerrecht. Freilich waren 
jene Cantonalvölker und Sonderländer zu einem gröszeren 
Gemeinwesen dauernd verbunden, dort zur schweizerischen 
Eidgenossenschaft, hier zum deutschen Bunde. Aber dieses 
gröszere Gemeinwesen bestand nur aus den zusammengefügten 
Einzelstaten; es war ein Conglomerat von Staten, die durch 
den Kitt der Bundesverträge mit einander verbunden waren, 
so dasz jedes Stück seine Sondernatur behielt; aus ihrer Ver- 
bindung entstand kein neuer Körper. 

Die Mängel dieser Verbindung traten in der Schweiz 
weniger deutlich zu Tage, als in Nordamerika nach der Be- 
freiung der Colonien von der englischen Herrschaft 1776 bis 
1787 und in Deutschland 1815 bis 1866, hauptsächlich desz- 
halb, weil die neutrale Schweiz auf eine active äuszere Po- 
litik verzichtet hatte, während weder die amerikanische Union, 
noch die deutschen Groszstaten auf eine active Theilnahme 
an der groszen Politik verzichten konnten. Indessen auch 
in der Schweiz machten die Mängel der Conföderation sich 
fühlbar und veranlaszten die Schweizer, dem Vorgang der 
nordamerikanischen Republik zu folgen. 

Die Wirkungen und die Mängel dieser Statsform zeigen 
sich in folgenden Hauptbeziehungen: 

A. Auswärtige Politik. 

In gewissem Sinne wird der Bund völkerrechtlich wie 
ein Stat betrachtet, wenn gleich er nur ein Verband von 
Staten und selber kein Stat ist. Der Bund hat ein Gesandten- 
recht, er kann Gesandte empfangen und senden. Er kann 
Statsverträge abschlieszen, sogar Krieg führen und Frieden 
schlieszen. 

Aber es fehlt dem Bund an wahrer Einheit des Willens 
und der That. Er kann nur insofern handeln, als die Re- 
gierungen der Einzelstaten zusammenwirken wollen. 
Wenn deren Interessen und Neigungen sich durchkreuzen und 



394 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



widersprechen, so ist der Bund ohnmächtig und gelähmt. Er 
bietet auch den andern Staten wenig Garantie für die Aus- 
führung der Verträge; denn wenn die Regierung oder das 
Volk eines Einzelstates sich widersetzt , so hat es keine oder 
ungenügende Mittel, sie zu zwingen. Die Conföderation der 
amerikanischen Staten hatte bereits jeden Credit im Ausland 
verloren, weil sie ihre Schulden weder bezahlten, noch ver- 
zinseten, den Friedensvertrag mit England wenig beachteten, 
den Handelsverträgen keine durchgreifende Folge gaben. In 
Deutschland bedeutete der Bund nur Etwas , wenn Oesterreich 
und Preuszen einig waren und die übrigen Bundesgenossen 
nach sich zogen, und nichts, wenn die beiden Mächte ver- 
schiedene Richtungen der Politik verfolgten. 

Der Schweiz hatte Napoleon L die Conföderation aus 
dem Grunde empfohlen, dasz eben die Schwierigkeit und Un- 
fähigkeit zu einheitlicher Action eine Garantie für ihre Frei- 
heit sei, indem sie dem Machtgebote Frankreichs die dilato- 
rische Einrede einer langsamen Verständigung mit den Can- 
tonen entgegen setzen könne. Etwas Wahres lag in der stats- 
männischen Bemerkung. Aber mit Recht hat die Schweiz 
doch später der Fähigkeit, alle ihre Kräfte zusammen zu 
fassen, lieber vertraut, als der passiven Schwerbeweglichkeit, 
welche den eigenen Entschlusz und die freie That hinderte. 

B. Inneres. 

1. Gesetzgebung. 

Nur die Einzelstaten haben einen gesetzgebenden Körper 
und geben Gesetze. Dem Bunde fehlt es an einem einheit- 
lichen Organ für die Gesetzgebung. Es gibt keine wahren 
Bundesgesetze. In Folge dessen ist die gesetzliche Rechts- 
bildung sehr mannichfaltig, aber auf kleine Gebiete einge- 
grenzt. Sie trennt, sie verbindet nicht die Bevölkerung des 
Bundes. Sie hat keinen nationalen, sondern nur einen par- 
ticularen Charakter. In einigen Beziehungen ist das freilich 
der Eigenart und Freiheit kleiner Particularvölker erwünscht 



Erstes Capitel. Der Statenbund und die Conföderation. 



395 



und förderlich, aber die Gesammtnation leidet durch diesen 
Particularismus und in dem engen Anwendungsbereich machen 
sich auch kleinliche Einflüsse geltend und kann sich eine all- 
gemeine Rechtswissenschaft wie ein gemeinsames Recht nur 
mühsam entwickeln. 

Man sucht gemeinsamen Bedürfnissen dadurch einiger 
Maszen abzuhelfen, dasz entweder mehrere Einzelstaten durch 
Verträge (sogenannte Concordate) sich über denselben 
Gesetzesinhalt einigen, oder dasz der Bund etwa gemeinsame 
Bundesbeschlüsse erläszt. Obwohl die Mehrheitsbe- 
schlüsse logisch die Einheit der Körperschaft voraussetzen 
und strenge genommen nur die Uebereinkunft Aller für 
Alle verbindlich wirkt, so hat die Noth doch auch die Staten- 
bünde veranlaszt, die Mehrheitsabstimmung als allgemeine 
Zustimmung zu erklären, so dasz die Gesandten der Einzel- 
staten auf den Congr essen, Bundestagen, Tagsatzungen 
des Bundes Mehrheitsbeschlüsse fassen dürfen. Aber die Fälle, 
in denen das zulässig ist, sind doch nur selten und es ist 
schwer, auch Mehrheitsbeschlüsse zu Stande zu bringen, da 
gewöhnlich jeder Einzelstat seine Souveränetät eifersüchtig 
zu wahren sucht. 

2. Ebenso fehlt es an einer Bundesregierung, welche 
den thatkräftigen Willen des Bundes einheitlich ausbildet und 
energisch durchführt. Es gibt nur wahre Regierungen in den 
Einzelstaten. Um deszwillen fehlt dem Ganzen die Einheit 
der That. 

So weit die gemeinsamen Interessen des Bundes dazu 
drängen, eine Bundespolitik zu bethätigen, behilft man sich 
mit Surrogaten , zunächst wieder damit, dasz die Staten ihre 
Gesandten mit Vollmachten ausstatten zu gemeinsamer Be- 
rathung und Beschluszfassung, oder so, dasz einzelnen mäch- 
tigeren Staten als Vormächten oder Vororten (Hege- 
monie) die Befugnisz anvertraut wird, durch ihre Sonder- 
regierungen für alle Bundesgenossen zu handeln. In der 



396 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



Schweiz waren so zuletzt Zürich, Bern und Luzern wech- 
selnde Vororte. In Deutschland waren Oesterreich als Prä- 
sidialmacht und Preuszen als stärkste deutsche Kriegsmacht 
so die thatsächlichen Vormächte , denen in einiger Entfernung 
sich Bayern in vermittelnder Stellung anreihte. Bundesrecht- 
lich war das aber nicht geordnet. Die Regierungen in Wien, 
Berlin, München waren aber in jeder Hinsicht mächtiger als 
der Bundestag in Frankfurt am -Main, der nur dann eine 
Autorität besasz, wenn ihn die groszen Landesregierungen 
freiwillig stützten und ihm mit ihrer Macht beistanden. 

3. Die Schwäche des Kriegswesens offenbart sich wie- 
der in der Unmöglichkeit ein einheitliches und innerlich 
gleichartiges Heer zu schaffen. Die Truppen sind immer 
Truppen der Einzelstaten; ihre Organisation, ihre Bewaffnung, 
ihre Kriegsschule sind wesentlich den Einzelstaten anheim 
gegeben, und um deszwillen trennt auch hier der Particula- 
rismus, was um vollwirksam zu werden, zusammengehört. Das 
Bundesheer ist nur ein Aggregat der einzelstatlichen Con- 
tingente. Die alte Schweiz empfand diesen Mangel im Mittel- 
alter darum weniger, weil die damalige Kriegsführung über- 
haupt einen particularistischen Charakter hatte, und die 
Cantonaltruppen doch von eidgenössischem Geiste beseelt 
waren. Aber seit der Ausbildung groszer nationaler Armeen 
ist das Bedürfnisz einer nationalen Ausbildung der schweizeri- 
schen Armee lebhafter empfunden worden und man hat ange- 
fangen, das Ganze den Theilen überzuordnen. In Deutschland 
waren nur die österreichische und die preuszische, daneben 
noch die bayerische Armee von Bedeutung; die von den Con- 
tingenten der übrigen Länder zusammen gefügte Reichsarmee 
stand hinter dem Ideal eines nationalen Heeres sehr weit 
zurück. 

4. In dem Finanzwesen wiederholt sich dieselbe 
Erscheinung. Die Finanzen der Conföderation beruhen wesent- 
lich auf den Matricularbeiträgen der Einzelstaten und 



Erstes Capitel. Der Statenbuud und die Conföderation. 397 



sind um deszwillen abhängig von den Finanzen dieser. Der 
Bund hat kein eigenes Besteuerungsrecht und nur schwachen 
Credit. Wenn die Matricularbeiträge spät oder gar nicht ein- 
gehen, so wird der Haushalt des Bundes verwirrt, und es 
gelingt nur schwer, dem Uebel der Insolvenz zu wehren. 

5. Die Rechtspflege ist wieder ausschlieszlich den 
Particularstaten überlassen. Es gibt keine Bundesgerichte, 
sondern nur einzelstatliche (cantonale) Geri chte. Wenn 
im Bunde ein Bedürfnisz sich zeigt einer Rechtspflege, welche 
über die Einzelstaten hinaus wirkt, so namentlich, wenn die 
Einzelstaten unter einander oder mit dem Bunde sich streiten, 
dann hilft man mit Austrägen und Schiedsgerichten. 
Eine nationale, gemeinsame und einheitliche Rechtspflege 
gibt es nicht, sondern höchstens eine unvollkommene inter- 
nationale. 

Das ganze Bundeswesen hat überwiegend einen völker- 
rechtlichen, keinen statsr echtlichen Charakter. Seine 
Politik ist beständig bedroht durch den Widerspruch und die 
Sonderinteressen der verbündeten Staten. 

Deszhalb hat in unsrer Zeit, welche eine nationale Staten- 
bildung und Politik anstrebt, und auf die Einheit des Ganzen 
und die Freiheit seiner Bewegung den höchsten Werth legt, 
der Statenbund keine Dauer. Alle drei gröszeren Statenbünde 
der Neuzeit sind daher umgewandelt worden ; die nordameri- 
kanische Conföderation in die bundesstatliche Union 1787, 
der schweizerische Bund in die gesammtstatliche Bundesver- 
fassung 1848, der deutsche Bund in das deutsche Reich 1866 
und 1871. Vergeblich wollten die Südstaten der Union von 
neuem eine Conföderation herstellen, 1861. Sie wurden von 
der Union besiegt, 1865. Vergebens widerstrebten die mitt- 
leren und kleineren deutschen Staten der nationalen Bundes- 
reform, für welche Preuszen kämpfte. Sie wurden besiegt 1866. 

Die ganze Form ist daher als eine früheren Perioden 
der Geschichte angehörige heute unmöglich geworden. Im 



398 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



Mittelalter löste sie sich zuweilen, wie z. B. der Bund der 
Hansestädte in selbständige Sonderstaten auf; in neuerer Zeit 
erweist sich die entgegengesetzte Richtung mächtiger zu stat- 
licher Einheit des älteren Verbands. 



Zweites Capitel. 
Bnndesstat und Bnndesreicli. 

Seitdem der grosze amerikanische Statsmann Alexander 
Hamilton den genialen Gedanken erzeugt hat, der Föde- 
ration, im Gegensatz zur Conföderation , oder des Bundes- 
states zum Statenbund, haben die nordamerikanische, die schwei- 
zerische und die deutsche Statenbildung auszerordentliche 
Fortschritte gemacht. Der Gedanke bestand darin: die ver- 
bündeten Staten sind nicht in blosze Provinzen eines sie alle 
verschlingenden nationalen Einheitsstates umzuwandeln und 
als Staten aufzulösen, sie sind vielmehr als Länderstaten, 
wenn gleich mit beschränkter Competenz zu erhalten, aber es 
ist auch der Verband aller dieser Staten zu einem wirklichen 
State, zu einem Gesammtstate, in dem Bereich der gemein- 
samen nationalen Interessen auszubilden. 

Der Gedanke war überaus kühn, aber sehr fruchtbar. 
Freilich kam er mit den bisherigen Ansichten, dasz der Stat 
und die Statsgewalt einheitliche Begriffe seien, in Conflict. 
Es wurde auf demselben Gebiete ein Doppelstat geschaffen; 
in Amerika die Union als Gesammtstat und es blieben zugleich 
in ihr die Staten New-York, Pennsylvanien , Massachusetts, 
Virginien u. s. f. als Länderstaten anerkannt. Wie konnten 
denn dieselben Menschen einmal zu dem nordamerikanischen 
Volk und zugleich zu dem Volke von New-York, Pennsylva- 
nien u. s. f. gehören ? Wie konnte der Congresz die souveräne 
Gewalt der Gesetzgebung üben für das ganze Unionsgebiet, 



Zweites Capitel. Bundesstat und Bundesreich. 



399 



und hinwieder die Legislatur von New- York für das Sonder- 
gebiet dieses Länderstats ebenfalls eine oberste Gesetzgebung 
haben? Wie konnte es eine oberste Regierung der Union 
geben und neben ihr ebenfalls eine selbständige oberste 
Regierung in den Einzelstaten? Dennoch wurde es so gemacht. 
Die Legislaturen der Länderstaten sind nicht Unterbehörden 
des Congresses; die Governors in jenen nicht Unterbeamte 
des Präsidenten; die Obergerichte der Länderstaten keine 
untere Instanz des Bundesgerichtshofs. 

Es ist wahr, der Begriff des Volkes, des States, der 
Souveränetät fordert Einheit und mit diesem logischen Erfor- 
dernisz ist der Dualismus, den die Föderation anerkennt, des 
Gesammtstats und der Länderstaten, schwer in Einklang zu 
bringen. Doctrinäre Köpfe begreifen daher den Grundgedanken 
dieser modernen Statenbildung nicht. Man kann noch weiter 
gehen. Die Macht der Logik über die Menschen ist so grosz, 
dasz in der Zukunft vielleicht die Völker die Spaltung in 
zwei Staten und in zwei Souveränetäten 1 als unleidlich empfin- 
den und auf volle Einheit dringen werden. Aber sicher werden 
sie dann nicht in den Anfang zurükkehren , sie werden nicht 
wieder den Bund in eine Anzahl vollsouveräner Länderstaten 
auflösen, sie werden sich nicht wieder mit einem Collectiv- 
begriff dieser verbündeten Souveränetäten befriedigen lassen. 
Sie werden im Gegentheil, wenn eine der beiden Staten- 
existenzen zerstört werden musz , damit die volle Statseinheit 
zur Geltung komme, als Ende des Processes die Auflösung 
der Länderstaten und die Umwandlung derselben in Provin- 
zen des neuen Einheitstates verlangen. 

Für die Zwischenzeit aber, und diese Zwischenzeit kann 
Jahrhunderte dauern 3 ist der Gedanke Hamiltons überaus 
wirksam und förderlich. Er schont die bestehenden Stats- 
existenzen , er erhält die particuläre Selbständigkeit und Frei- 

1 Vgl. oben Bd. I. Buch VII. Cap. 3. S. 575. 



400 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



heit und er sorgt zugleich für die Lebensfähigkeit, für die 
Macht und für die Freiheit der gesammten Nation, die er 
zu einem Gesammtvolk gestaltet. So verstanden erweist sich 
die Spaltung der Souveränetät, der Dualismus der Staten als 
ungemein nützlich. Der Gegensatz des Ganzen und seiner 
Theile, der gemeinsamen Existenz und der Länderexistenzen, der 
nationalen und der particularistischen Politik wirkt belebend 
auf Alle und entfaltet in dem geordneten Wettstreit die vor- 
handenen Kräfte. Die Statsform ist der Freiheit der Theile 
überaus günstig und gewährt dennoch dem Ganzen volle Stärke. 

Logisch ist der innere Widerspruch nur durch die Ein- 
sicht zu versöhnen, dasz alle Menschenwerke, und auch der 
Stat keine absoluten, sondern relative Wesen sind. Desz- 
halb liesz sich der Gedanke fassen, dasz die Länderstaten 
nur in dem Bereich der Sonder inte r essen ihrer Gebiete 
Staten bleiben, die Union dagegen für den Bereich der 
Gesammtinteressen Stat werde. 

Beachtenswerth ist es, dasz die Ausscheidung der 
Competenzen nicht blosz im Einzelnen, sondern sogarjn 
der Methode verschieden bestimmt wurde in den republika- 
nischen Bundesstaten Nordamerikas und der Schweiz einer- 
seits und des deutschen Buhdesreiches andrerseits. 

Einige Züge sind freilich allen diesen zusammengesetzten 
Statswesen gemeinsam; so vorzüglich, dasz die Competenz des 
Gesammtstates in allen Beziehungen der auswärtigen Poli- 
tik entschieden überwiegt, dagegen die Competenz der Länder- 
staten weniger beschränkt wird in der inneren Verwaltung. 
Ebenso beruhen alle drei Verfassungen auf der Voraussetzung, 
dasz die länderstatliche Competenz die ältere, die des Bun- 
des die neuere sei und dasz daher jene nur insofern beschränkt 
werde, als die Beschränkung durch die Bundesverfassung vor- 
gesehen und vorgeschrieben werde, dasz also die Vermuthung 
für Fortdauer der länderstatlichen Competenz spreche. Indessen 
hilft diese juridische Regel der Auslegung, wie auch die 



Zweites Capitel. Bundesstat und Bundesreich. 



401 



amerikanischen Erfahrungen gezeigt haben, nicht immer aus. 
Es musz daneben der Grundgedanke beachtet werden, dasz 
die Bundesgewalt den Beruf hat, für das Ganze zu sorgen, 
wo immer die Existenz oder Sicherheit des Ganzen gefährdet 
wird. In dem deutschen Beiche wird sie von Anfang an 
weniger formell als in Amerika verstanden. Mehrmals schon 
hat der deutsche Beichstag im Einverständnisz mit dem Bun- 
desrath sich zu Gesetzen oder Beschlüssen für competent 
erachtet, welche nicht durch einen besonderen Verfassungs- 
artikel, sondern nur durch das gemeinsame Bedürfnisz legi- 
timirt waren. 2 

Die deutsche Beichsverfassung hat überhaupt dem Beiche 
eine eingreifendere und gröszere Macht zugesprochen als die 
amerikanische Unionsverfassung oder die schweizerische Bun- 
desverfassung den Unions- und Bundesbehörden. Die gesetz- 
geberischen Befugnisse und die militärischen sind im deutschen 
Beiche viel gröszer als in den Gesammtrepubliken. Seltsamer 
Weise ist dagegen in Deutschland weniger Bücksicht genom- 
men als in der Schweiz auf die Fortbildung der nationalen 
Geistesgüter in Wissenschaft und Kunst und auf die nationale 
Wahrung der statlichen Bechte gegenüber der universellen 
katholischen Kirche. Da sind vorerst nur einzelne Keime 
gemeinsamer Culturpflege sichtbar. Diese wird in allen Haupt- 
beziehungen noch ganz den Länderstaten überlassen. 

Merkwürdiger noch ist der Unterschied in der Methode 
der Ausscheidung. Die Nordamerikaner und die Schweizer 
versuchten es die Befugnisse der Bundesgewalt in den Par- 
ticularstaten möglichst scharf und präcis in der Verfassung 
zu bestimmen, in der Hoffnung, dadurch am besten den 
möglichen Conflicten der beiden Gewalten vorzubeugen. Die 
Verfassung des deutschen Beichs ging einen andern Weg. Sie 
vermied eine scharfe Abgrenzung der beiden Gebiete. Der 



2 Vgl. Bluntschli, Deutsche Statslehre für Gebildete. S. 369. 
Bluntschli, die Politik. 26 



402 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Stateu. 

Gegensatz zwischen Reichszuständigkeit und Landeszuständig- 
keit wird eher als ein flüssiger behandelt. Insbesondere in 
der Gesetzgebung wird dem Reiche sehr oft vorbehalten, über 
dieselben Verhältnisze Reichsgesetze zu erlassen, welche bis- 
her durch Landesgesetze geordnet waren und auch in Zukunft 
geordnet werden können. Eine sich widersprechende Doppel- 
gesetzgebung wird dadurch vermieden, dasz immer die Auto- 
rität des Reichsgesetzes vorgeht, sow r eit also das Reichsgesetz 
Bestimmungen getroffen hat, das Landesgesetz weichen musz. 
Um deszwillen ist die Reichsautorität in beständigem Wachs- 
thum begriffen. Jedes neue Reichsgesetz erweitert ihre Herr- 
schaft und beschränkt die Macht der Landesgesetzgebung. 

Die Politik hat in diesen zusammengesetzten Staten fort- 
während mit Umsicht und Sorgfalt jeden Conflict zwischen 
den beiden Statsgewalten zu verhüten und das Einverständ- 
nisz beider zu bewahren. Wer den Gesammtstat leitet, musz 
daher neben der Einsicht in die Bedürfnisse des nationalen 
Gesammtlebens eine wohlwollende und schonende Rücksicht 
nehmen auf die berechtigte Selbständigkeit der Länder, aus 
denen der Gesammtstat besteht. Wer in einem einzelnen 
Lande regiert, musz jeder Zeit die Treue gegen den Bund 
oder das Reich bewähren. Jedes der beiden Statswesen ist 
unvollständig, jedes bedarf der Ergänzung durch das andere. 
Die Leitung wird daher schwieriger und complicirter als in 
dem Einheitsstat. Man musz oft sich mit Compromissen behel- 
fen, wo man lieber die Consequenz eines Princips oder Gedan- 
kens mit schneidiger Energie durchführen möchte. Aber so 
wenig diese Rücksichten dem strengen Logiker zusagen, so 
wohlthätig sind sie für die Völker. Sie schützen die Freiheit 
und nöthigen zur Mäszigung. 

Wie vorsichtig immer verfahren werde, so sind die Conflict e 
doch nicht ganz zu vermeiden. Es musz daher für eine orga- 
nische Lösung derselben gesorgt w r erden. Auch in dieser Hin- 
sicht beachten die verschiedenen Bünde verschiedene Methoden. 



Zweites Capitel. Bundesstat und Bundesreich. 



403 



Die Nordamerikaner betrachten die Gerichte als 
Regulatoren und Schirmer sowohl des Rechts der Union , als 
des Rechts der verbündeten Länderstaten. Die Bundesgerichte 
sind berechtigt, über die Frage zu urth eilen, ob ein Unions- 
gesetz verfassungsmäszig sei. Sie können dem Unionsgesetz 
die Anwendung versagen, wenn sie sich überzeugen, dasz der 
Congresz seine Befugnisse überschritten und in die Competenz 
der Einzelstaten ungebührlich eingegriffen habe. Ebenso kön- 
nen die Gerichte den Landesgesetzen jede Autorität im ein- 
zelnen Streitfalle absprechen , wenn dieselben die verfassungs- 
mäszigen Schranken der Landesgesetzgebung miszachtet und 
die Autorität der Union verletzt haben. Das Mittel ist ein 
wesentlich processualisches und formal-juristisches. 
Es hilft zuweilen in Fällen, welche nicht die Macht der Volks- 
leidenschaften aufregen. Wenn aber diese, wie zur Zeit des 
Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 Stürme erregen, dann zeigt 
sich das Mittel als viel zu schwach. 

Die schweizerische Bundesverfassung hat ein anderes 
Verfahren vorgezogen. Solche Conflicte werden durch die 
schweizerische Bundesversammlung entschieden und zwar 
in gemeinsamer Sitzung und Berathung beider Räthe, des 
Bundesrathes, in welchem die Cantone und des Nationalraths, 
in dem das Schweizervolk vertreten sind. Die Erledigung 
geschieht daher nicht ausschlieszlich juristisch, sondern zu- 
gleich durch Einwirkung der politischen Körper. 

Eine dritte Methode hat das deutsche Reich gewählt. 
Zunächst versucht es der Bundesrath, in welchem die 
sämmtlichen Landesregierungen vertreten sind, den Streit des 
Reichs mit einem einzelnen Land diplomatisch auszu- 
gleichen. Wenn das nicht gelingt, dann entscheidet die 
Reichsgesetzgebung, zu welcher sich Bundesrath und 
Reichstag, aber als zwei besondere Factoren, vereinbaren 
müssen. Da das Reichsgesetz immer den Landesgesetzen vor- 
geht, so musz sich nun das Land dem Reiche unterwerfen. 



404 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



Das Reich hat auch die Macht, seinen Willen durch die 
Reichsexecu tion durchzusetzen. 

Die Hauptgefahr, welche dieser Statsform droht, ist die, 
dasz sie schlieszlich in den Einheitsstat übergeht, in 
welchem die früheren Länderstaten nur die Stelle von Pro- 
vinzen mit relativer Autonomie und theilweiser Besonderheit 
erhalten. Die Gefahr ist um so gröszer, als sie durch die 
natürliche Logik und durch die wachsende Macht des Ge- 
sammtstats und das erhöhte nationale Gemeingefühl herbei- 
geführt wird. Wenn die Wandlung nicht gewaltsam beschleu- 
nigt wird, sondern als zeitgemäsze Entwicklung erscheint, so 
ist dieselbe sogar Uebergang in eine vollkommenere Staten- 
bildung. Man darf sie daher nicht beklagen. 

Das deutsche Reich ist dieser allmählichen Wandlung 
günstiger als die amerikanische Union, obwohl auch diese 
seit dem letzten Bürgerkriege starke Schritte in der Richtung 
der Einheit vorwärts gemacht hat. Der Hauptgrund des Unter- 
schieds liegt darin, dasz die Macht des deutschen Reichs voraus 
auf die Macht des States Preuszen basirt ist und dieser so grosz 
ist, dasz er nahezu zwei Drittheile der deutschen Bevölkerung 
bereits einheitlich zusammen faszt. Es liegt daher viel näher, 
dasz die Hauptmacht Preuszen sich zum deutschen Reich er- 
weitere und die Bevölkerung der verhältniszmäszig schwachen 
Länderstaten es schlieszlich vorziehen wird, in allen Be- 
ziehungen an dem Leben Einer Groszmacht Theil zu nehmen. 

Die Wandlung wird eine Weile, vielleicht während ein 
paar Geschlechtern aufgehalten, wenn die Landesfürsten sich 
bemühen, die besonderen Culturbedürfnisse ihrer Länder sorg- 
sam und wohlwollend zu befriedigen und in allen Fragen der 
groszen Politik treu und opferwillig sich von dem Reiche leiten 
lassen. Würde das particularistische Regiment nachlässig, 
unfrei, despotisch werden, oder würde es der Reichspolitik 
Schwierigkeiten und Hemmnisse bereiten, so wäre sein bal- 
diger Untergang nicht aufzuhalten. 



Drittes Capitel. Gleichartige Xebenländer. Colonien. 

Drittes Capitel. 



405 



Gleichartige Nebenländer. Colonien. 

Eine andere Verbindung als die der zusammengesetzten 
Statswesen ist die eines Hauptlandes mit einem Neben- 
land, oder mehreren Nebenländern. Es gehören wohl 
beide zusammen. Sie sind zu Einem Statsgebiete geeinigt. 
Aber der Stat hat doch seinen Hauptsitz in dem Hauptland. 
Das Nebenland ist nur in einer untergeordneten Stellung 
zum Hauptland. Das eigentliche Statsvolk ist das Volk des 
Hauptlands, die Regierung hat ihren Sitz im Hauptland. Das 
Nebenland kann eine relative Selbständigkeit und sogar eine 
besondere autonomische Gesetzgebung haben, auch eine eigene 
Landesregierung; aber in allen wesentlichen Beziehungen ist 
es doch abhängig von dem Hauptland und folgt dessen Geschick. 

Wir unterscheiden zwei verschiedene Arten eines solchen 
Verbandes und solcher Abhängigkeit: 

I. Das Nebenland ist von einer Bevölkerung bewohnt, 
welche mit der Bevölkerung des Hauptlandes verwandt 
oder doch auf wesentlich derselben Stufe der Civilisa- 
tion steht. 

II. Das Nebenland wird von Stämmen bewohnt, welche 
der Bevölkerung des Hauptlandes nicht verwandt sind und 
fremd gegenüber stehen und sich auf einer andern (ge- 
wöhnlich niedrigeren) Civilisationsstufe befinden. 

Den dritten Fall, wenn die Bevölkerung des Nebenlandes 
theilweise mit der des Hauptlandes gleichartig ist, theil- 
weise aus fremden Stämmen besteht, in denen also die 
beiden Kategorien gemischt sind, nehmen wir zu der zweiten 
Gattung, weil der nationale Gegensatz auch da scharf her- 
vortritt und die politische Einigung erschwert. 

Beispiele der ersten Art sind: im Mittelalter die Lom- 
bardei als Nebenland des deutschen Reiches; die gemeinen 



40 6 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten £taten. 



Herrschaften der alten schweizerischen Eidgenossenschaft als 
Nebenländer, die regierenden Orte als Hauptländer; noch in 
neuerer Zeit: Island als Nebenland. Dänemark als Hauptland: 
die Jonischen Inseln als Nebenländer und Schutzstaten unter 
englischer Hoheit; in gewissem Sinne auch die türkischen 
Yasallenstaten als Nebenländer der Türkei als Hauptland; 
gegenwärtig auch Elsasz-Lothringen als Nebenland des deut- 
schen Reiches ; ganz besonders aber die alten englischen Co- 
lonien, die holländischen, die französischen und die spani- 
schen Colonien in Nordamerika, heute noch die Colonien in 
Canada, als Nebenländer des englischen Hauptlandes. 

Fast nur entfernte Colonialländer dauern lange in 
solchem Abhängigkeitsverhältnisz fort. Aber auch sie pflegen 
eine selbständigere Stellung zu fordern, wenn sie innerlich 
erstarkt und nach auszen mächtig geworden sind. Die übri- 
gen Nebenländer werden entweder mit der Zeit in blosze 
Provinzen des Einen Stats umgewandelt, oder sie erreichen 
volle statliche Selbständigkeit, getrennt von dem 
Hauptstat. 

Das ganze Yerhältnisz ist demnach ein Ueb ergang s- 
verhältnisz; es hat keinen Anspruch auf immerwährende 
Fortdauer. Die Einsicht in diese Entwicklung ist auch bei 
den Regierungen der Hauptvölker in Folge der sclrweren Er- 
fahrungen durchgedrungen. Ueberhaupt hat sich die Colo- 
nialpolitik in unserem Jahrhundert sehr geändert. 

Wenn anfangs sich Colonisten in einem fernen, über- 
seeischen Lande niederlieszen, so bedurften sie noch des 
Schutzes ihres Heimatstates. Sie konnten wohl in einigen' 
wirthschaftlichen Beziehungen selber für sich sorgen. Die 
englischen Colonisten waren von ihrer ursprünglichen Heimat 
her an Selbstverwaltung gewöhnt. Sie schufen freie Gemein- 
den und einigten sich zu autonomischer Vertretung ihrer 
gemeinsamen Interessen. Aber sie waren anfangs doch mit 
dem Mutterlande durch die Bande des Rechts, der Sitte, der 



Drittes Capitel. Gleichartige Xebenländer. Colonien. 407 

Pietät und durch alle statlichen Interessen eng verbunden. 
Sie waren in einigen Beziehungen zu besonderen Ländern 
geworden; in andern Beziehungen blieben sie Unterthanen 
des Mutter- und Hauptstats und erhielten von diesem auch 
Schutz in ihren Gefahren. Die grosze Entfernung erschwerte 
den Zusammenhang zwischen Neben- und Hauptland. Die 
Bewohner des Nebenlandes konnten sich nicht betheiligen an 
den parlamentarischen Arbeiten des Hauptstats; hinwieder 
erhielten sie ihre besondere Landesrepräsentation. Für die 
Regierung des Hauptlandes war es schwer, die Zustände der 
Colonie jederzeit richtig zu erkennen und ihre Bedürfnisse 
zu befriedigen. Sie fand nur halbes Vertrauen und gewährte 
nur theilweise Hülfe. 

Diese Uebel sind unvermeidlich mit aller Colonialregie- 
rung des Hauptstats verbunden. Die ältere Colonialpolitik 
fügte diesen Uebeln aber neue ohne Noth hinzu. 

Der Charakter der früheren Colonialpolitik war durchweg 
der einer selbstsüchtigen Ausbeutung des Nebenlan- 
des durch das herrschende Hauptland. Die Colonie 
sollte dazu dienen, dem Hauptstate und der Bevölkerung des 
Hauptlandes möglichst viele Vortheile, besondere ökonomische 
Vortheile zu gewähren. Charakteristische Züge dieser Poli- 
tik 3 sind : 

a. Ein Schiffahrtsmonopol zu Gunsten der Rheder 
des Hauptlandes, zum Nachtheil der Colonisten des Neben- 
landes ; 

b. Nöthigung der Colonie, ihre Rohproducte aus- 
schlieszlich an die Kaufleute und Fabrikanten des Mutter- 
landes zu verkaufen. Verbot des freien Handels mit 
andern Nationen. 

c. Ebenso Nöthigung derselben, die Waaren (Rohpro- 
ducte oder Industriewaaren) , deren sie von auszen her 



3 De Pariert (Science politique S. 328): 



408 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



bedurften, aus dem Hauptland zu beziehen, fremde Waaren 
nur durch Vermittlung der hauptstatlichen Handels- 
leute anzukaufen. 

d. Sehr oft auch Hemmung der Colonialindustrie, 
damit die Colonie in voller Abhängigkeit von der Industrie 
des Hauptlands bleibe. 

e. Ein Zoll- und Taxsystem, welches die Colonie zu 
Gunsten des Hauptlandes belastete. 

Solche Ausbeutung hemmt die naturgemäsze Entwick- 
lung der Colonie, erbittert die Colonisten und verdirbt den 
Charakter des Hauptvolks. Da es nach Aristoteles das Kenn- 
zeichen einer Ausartung der Statsgewalt ist, wenn diese eher 
für den Vortheil der Regierenden statt für die Wohlfahrt der 
Regierten geübt wird, so musz auch eine solche Colonial- 
politik als ungesund und verwerflich bezeichnet werden. 

Zuerst wurde mit dieser von allen europäischen Regie- 
rungen, welche Colonien hatten, geübten schlechten Politik 
grundsätzlich in England gebrochen, in Folge des be- 
rühmten Berichtes des Lord Dur harn über Canada (1838) 
und der Colonialbill von Lord Rüssel vom Jahr 1840. 
Früher schon hatte Edmund Burke eine bessere Praxis 
empfohlen und die Mängel auch der englischen Politik so- 
wohl Nordamerika als Ostindien gegenüber scharf gerügt. 

Der richtige neuere Grundsatz heiszt: Die Colonialregie- 
rung soll hauptsächlich die Wohlfahrt der Colonie för- 
dern. Um deszwillen soll der Bevölkerung der Colonie die 
Freiheit verstattet werden, ihre Kräfte möglichst vollkommen 
auszubilden, den Ackerbau, die Industrie, den Handel und 
die Schiffahrt so zu betreiben, wie es für sie nützlich ist. 
Die Colonialregierung soll im Gegentheil die Colonisten gegen 
ungerechte und egoistische Ausbeutung durch die Bürger des 
Hauptlandes schützen, nicht sie derselben wehrlos überliefern. 

Da ferner alle Culturvölker in unsrer Zeit auf eine freie 
Verfassung einen hohen Werth legen und sich an ihren 



Drittes Capitel. Gleichartige Xebenländer. Colonien. 



409 



öffentlichen Angelegenheiten selber betheiligen wollen, so 
wird auch den Colonisten diese Th eil nähme nicht versagt 
werden dürfen, und die repräsentative Verfassung und 
Selbstverwaltung auch ihnen in ähnlicher Weise wie dem 
Volke des Hauptlandes zugestanden werden müssen. Colo- 
nisation bedeutet so Ausbreitung der freien Institutionen des 
Heimatlandes in ferne Gegenden. Das läszt sich aber nur 
so erreichen, dasz der Colonie eine möglichst umfangreiche 
Autonomie verstattet wird, dasz man den thörichten Ge- 
danken aufgibt, sie von der Residenz des Hauptlandes aus 
der Ferne verwalten zu wollen. 

Deszhalb musz, wenn die Colonie volkreicher und kräf- 
tiger wird, ihr eine besondere Colonialgesetzgebung be- 
willigt und ein besonderer repräsentativer Körper ge- 
schaffen werden, in welchem die Colonisten ihre Meinung 
über die notwendigen Vorschriften im Interesse ihres Neben- 
landes aussprechen und geltend machen und auch die Colo- 
nialverwaltung controliren können. So weit freilich die Sicher- 
heit und Wohlfahrt des gesammten Reiches gleichmäszige 
Gesetze fordern, so weit werden die Reichsgesetze, die von 
dem König und der Volksvertretung des Hauptstats erlassen 
werden, auch die Colonie verpflichten. Es werden überdem 
die von den Colonisten beschlossenen Colonialstatuten der 
Prüfung und der Bestätigung der Reichsgewalt unterworfen 
bleiben müssen, damit die Harmonie des ganzen Stats ge- 
wahrt und- die Unterordnung der Colonie als eines Theiles 
unter das Ganze beachtet wird. Die Autonomie der Colonie 
ist daher nicht eine vollsouveräne, und ihre statliche Selb- 
ständigkeit und Selbstthätigkeit sind nur unvollständig. 

Aehnlich verhält es sich mit der Regierung. Die Co- 
lonie bedarf einer eigenen Regierung und Verwaltung, mit 
möglichst ausgedehnten Vollmachten; aber ganz kann die 
Unterordnung derselben unter die höhere und allgemeine 
Statsregierung nicht aufgegeben werden. Die grosze 



410 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



Politik, und was davon abhängt, musz schlieszlich von der Re- 
gierung entschieden werden, welche allein den vollen Ueber- 
blick hat über die gesammten Reichsinteressen und allein 
die Gesammtkräfte des Stats, insbesondere die Diplomatie, 
das Heer und die Flotte, zu ihrer Verfügung hat. 

Es ist für die Colonie zwar demüthigend, dasz sie nicht 
einen unmittelbaren Einflusz auf die grosze Politik hat, aber 
es ist das eine Folge ihrer Schwäche und Schutzbedürftigkeit 
einerseits und ihrer Entfernung von dem Centrum des Stats 
andrerseits. Dieses Gefühl der Demüthigung wird dadurch 
sehr ermäszigt, dasz den Colonisten der Zutritt zu den öffent- 
lichen Berufsämtern auch des Hauptstats, zu den diplomati- 
schen Aemtern und den Consularposten und zu den Officiers- 
stellen in der Armee und bei der Marine ebenso wie den 
Bürgern des Hauptstats eröffnet wird. Dadurch bekommen 
sie doch einen Antheil an der Selbstregierung des ganzen 
Reichs und die Erhebung Einzelner auf die stolze Höhe des 
politischen Lebens wirkt auch auf ihre besonderen Lands- 
leute erhebend. 

Ueberhaupt wird die Ungleichheit und die Zurück- 
setzung der Colonie hinter den Hauptstat in der groszen, 
vorzüglich der auswärtigen Politik erträglich, wenn die Po- 
litik des Hauptstats die innere Zufriedenheit der Colonie 
sorgfältig zu gewinnen und zu erhalten weisz. 

Das Colonialverhältnisz hat einige Yortheile und einige 
Xachtheile, welche beiderseits, in Rechnung gezogen werden 
müssen, wenn man ein richtiges Urtheil begründen will. 

Die Haupt vorth eile sind: 

a. Für die Colonie: sie genieszt den Schutz, den eine 
gröszere Macht, als ihre eigene, ihr zu gewähren vermag. 
Sie gewinnt dadurch eine Sicherheit vor fremden Angriffen, 
die sie mit der Anspannung der eigenen Kräfte entweder 
überhaupt nicht oder nur in geringerem Masze abwehren 
könnte. Sie kann aus der Verbindung mit dem älteren 



Drittes Capitel. Gleichartige Nebenländer. Colonien. 



411 



Mutterlande vielfältigen Nutzen ziehen für ihre Cultur und 
für ihre ökonomischen Interessen. Sie kann bis auf einen 
gewissen Grad sogar an der Weltstellung und der Macht- 
entfaltung des Hauptstates Antheil nehmen. 

b. Für das Hauptland: dasselbe breitet seine Macht, 
sein Ansehen und seine civilisatorische Wirksamkeit über die 
Landesgrenzen in ferne Gegenden und über andere Weltlheile 
aus. Der Stat mit Colonien, welcher an sich eine Grosz- 
macht ist, steigt dadurch zur Weltmacht empor. Er kann 
überdem auch die Naturproducte der Colonie und die Arbeit 
der Colonisten, selbst wenn er den Grundsatz des freien 
Handels befolgt, leichter benutzen und seine eigenen Producte 
eher in der Colonie anbringen als fremde Nationen , weil die 
Bevölkerungen des Haupt- und des Nebenlandes durch zahl- 
lose Familienbande und hergebrachte nationale Gewohnheiten, 
durch einen reicheren Verkehr und mancherlei statliche Ge- 
meininteressen enger mit einander verbunden sind. Es ist 
ihm erleichtert, für seinen Welthandel und selbst seine Kriegs- 
marine sichere Häfen und Stationen zu gewinnen. 

Diesen Yortheilen stehen auch Nachtheile gegenüber: 

a. Für die Colonie: die unvollkommene Statenbil- 
dung und eine Abhängigkeit von der fernen Centrai- 
regierung, die unter Umständen drückend und schädlich wirkt. 

b. Für das Hauptland: die Zerstreuung seiner 
Macht, indem das Hauptland genöthigt ist, einen Theil 
seiner Armee und seiner Flotte nach der fernen Colonie zu 
senden, um dieselbe zu schützen, die Last neuer schwie- 
riger Aufgaben, bei denen das Hauptland nicht selber, 
sondern nur insofern interessirt ist, als es für die Colonie 
zu sorgen die Pflicht hat , die finanziellen Opfer und 
selbst die Opfer an Menschen, zu welchen das Hauptland 
oft deszhalb genöthigt wird, weil es die Colonie vertheidigen 
und vertreten musz. 

Wenn erst die Colonie so mächtig geworden ist, dasz 



412 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



sie für sich als Stat existiren und für sich mit eigenen 
Kräften sorgen kann, so ist die Ablösung von dem Haupt- 
land ebenso naturgemäsz, wie der Austritt des groszgezogenen 
und selbständigen jungen Mannes aus dem väterlichen Hause 
und die Gründung eines eigenen Haushaltes. Das ist schliesz- 
lich, zumal wenn es im Frieden und in Freundschaft mit 
dem Mutterlande geschieht, vortheilhaft für beide Länder; 
denn es werden die beiderseitigen Nachtheile nun völlig ver- 
mieden und es werden die wechselseitigen Vortheile doch zu 
groszem Theile auch nachher noch bewahrt. 



Viertes Capitel. 
Ungleichartige Nebenländer. 

Wird von einem mächtigen State ein fernes und von 
fremden Stämmen bewohntes Land erobert, oder durch Aben- 
teurer oder Colonisten ein solches Land erworben, so entsteht 
für den herrschenden Stat ein neues, überaus schwieriges 
politisches Problem. Wie wird er sich zu der fremdartigen 
Rasse mit anderer Sprache und Cultur verhalten? 

Im Alterthum haben die Römer solche Länder in Pro- 
vinzen umgewandelt und so ihrem Einen Reiche einverleibt. 
Sie lieszen zwar anfangs die Religion und die Sprache und 
sogar die herkömmlichen Institutionen und Gebräuche fort- 
bestehen ; aber sie suchten doch nach und nach die fremden 
Nationen zu assimiliren, im Occident zu romanisiren, im 
Orient zu hellenisiren , und gestatteten niemals den ihrer 
Herrschaft unterworfenen Ländern eine politische Selbständig- 
keit. Die Politik wurde ausschlieszlich von Rom aus, später 
von Konstantinopel aus bestimmt. Ein ähnliches System haben 
heute die Russen. Sie gewähren wohl fremden, z. B. mo- 
hammedanischen und orientalischen Völkerstämmen, welche 



Viertes Capitel. Ungleichartige Kebenländer. 413 

sich ihrem Reiche unterwerfen müssen, mancherlei Besonder- 
heiten, aber sie kennen im Grunde nur Ein Reich, Einen 
Kaiser, Eine Gesetzgebung und Eine Regierung und leiten 
die Politik ganz und gar von der Hauptstadt Petersburg aus. 
Sie versuchen ebenso die fremden Massen allmählich zu 
russificiren. 

Eine andere Methode befolgten und befolgen noch die 
neueren westeuropäischen Völker und Staten, welche jenseits 
der Meere völlig getrennte Länder eingenommen haben, die 
Portugiesen vormals in Brasilien, heute noch in Afrika, 
die Spanier früher in Mexiko, heute noch auf Cuba, die 
Niederländer auf Sumatra und Java, die Engländer in 
Ostindien und Australien, die Franzosen in Algier u. s. f. 

Die grosze Entfernung und die schroffen Unterschiede 
der Cultur machen die einfache Einverleibung der fremdarti- 
gen Gebiete unthunlich. Man zog es vor, ihnen die beson- 
dere Stellung eines Nebenlandes einzuräumen, d.h. sie in 
mancher Hinsicht wie einen besondern Stat, mit einer be- 
sondern Gesetzgebung und Regierung auszustatten, aber in 
fortwährender Abhängigkeit in den wichtigsten Verhältnissen 
von dem herrschenden Hauptstat. 

Nicht alle Nationen sind reif und fähig für Selbstregie- 
rung. Manche Nationen bedürfen des Schutzes und der Be- 
herrschung durch mächtigere Staten und höhere Völker. Sich 
selber überlassen würden sie in barbarische Verwilderung 
zurück fallen oder die Beute werden andrer Herrscher. Sie 
würden nicht frei werden, sondern nur den Herrn wechseln 
und vielleicht einem schlimmeren Despoten unterthänig wer- 
den. Der grausamste und launenhafteste Despotismus ist doch 
der afrikanischer Negerhäuptlinge, trotzdem dasz sie ebenso 
schwarz und ebenso unwissend sind, wie ihre Unterthanen. 

Wenn eine Nation die psychischen oder die physischen 
Kräfte nicht hat, um als selbständiges Volk einen nationalen 
Stat zu behaupten, so geräth sie nothwendig in die Abhängig- 



414 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



keit eines fremden Herrn. Die Fremdherrschaft ist 
immer ein politisches Uebel, sogar wenn sie wohlwollend 
geübt wird, aber sie ist oft ein unvermeidliches und sogar 
ein notwendiges Uebel. 

Weil der Herrscher und die Unterthanen fremden Na- 
tionen angehören und auf ganz verschiedenen Culturstufen 
stehen, eine verschiedene Weltansicht und verschiedene Be- 
griffe vom Leben haben, so ist es für beide Theile sehr er- 
schwert, sich wechselseitig zu verstehen und mit einander 
zu verkehren. Der Herrscher ist nie sicher, ob er die 
Bedürfnisse seiner Unterthanen recht begriffen habe und daher 
nicht vor Miszgriffen gewahrt. Ebenso verstehen die Unter- 
thanen oft die wohlwollende Verordnung des Herrschers nicht. 
Vielleicht verletzt er die Gemüther aufs Heftigste durch eine 
Maszregel, die ihm durchaus unverfänglich und zweckmäszig 
erscheint. So hat der Befehl der englischen Militärverwal- 
tung, die Patronen der indischen Soldaten mit Thierfett zu 
schmieren, die Empörung der Sipahiregimenter veranlaszt, 
welche meinten, es werde durch diesen Befehl ihre Religion 
und ihre Seligkeit bedroht. 

Aus diesem gegenseitigen Miszverständnisz entspringen 
täglich neue Schwierigkeiten und empfindliche Uebel. 

Erträglich wird das Verhältnisz nur, wenn der Herrscher 
einer höher gebildeten Nation angehört, welche nicht blosz 
durch ihre Kriegsmacht, sondern ebenso durch ihren Geist 
und ihren Charakter der beherrschten Bevölkerung des Neben- 
landes überlegen ist. Auch unter dieser Voraussetzung ist 
die Gefahr nicht gering, dasz die niedriger stehende Rasse 
bei der Berührung mit einer civilisirteren leichter noch die 
Fehler und Laster dieser nachahmt, als deren Tugenden sich 
aneignet. Die verdorbenen Sitten der herrschenden Rasse 
und insbesondere ihre Ausschweifungen werden im Verkehr 
mit der dienenden Rasse noch gesteigert. Wenn dagegen 
die beherrschte Bevölkerung auf einer höheren Civilisations- 



Viertes Capitel. Ungleichartige Xebenländer. 



415 



stufe steht, als die herrschende Kasse, dann kommt noch zu 
allen andern Uebeln dieser Abhängigkeit das bittere Gefühl 
der Unnatur und der Un Würdigkeit hinzu; denn die Menschen- 
natur ist auf Herrschaft des Edlern über das Gemeine und 
des Geistes über die Materie angelegt. 

Ein gewisses Masz von Despotie ist in diesem Ver- 
hältnisz kaum zu entbehren; gerade weil die Regierten so 
tief unter den Regenten sind und jenen freie Theilnahme an 
den öffentlichen Angelegenheiten nicht ohne Gefahr für die 
Herrschaft gewährt werden kann. Eine wirklich freie Ver- 
fassung ist daher für solche Nebenländer unbrauchbar. Höch- 
stens können sie zu halbfreien Gemeinwesen werden. 

Man hat daher gewöhnlich nur die Wahl zwischen einer 
gerechten und wohlwollenden Despotie oder einer un- 
gerechten und bösartigen Despotie. In beiden Fällen 
wird die Nation von einem fremden Willen beherrscht, der 
nicht in ihr selber entsprungen ist. Sie sind aber darin ver- 
schieden, dasz die eine Despotie dem gesunden Statsbegriff 
treu bleibt, welcher die Herrschaft als Pflicht für die Re- 
gierten zu sorgen versteht, und die andere der Ausartung des 
Stats entspricht, welcher den Genüssen des Regenten die 
Wohlfahrt der Regierten opfert. 

Mit dieser Herrschaft über uncivilisirte Nebenländer sind 
meistens noch folgende Nachtheile verbunden: 

1. Auf Seite der herrschenden Nationalität zeigt sich 
gewöhnlich ein gesteigertes Selbstgefühl, der Hochmuth 
der besseren Rasse, die Verachtung der niederen Rasse. 

Daraus entsteht sehr leicht die Verleitung der Gewalt- 
haber zum Miszb rauch ihrer Gewalt und die Vernach- 
lässigung der Regentenpflichten zum Schaden der Regierten, 

2. Auf Seite der Regierten stellen sich gewöhnlich mit 
dem Gefühl der dauernden Abhängigkeit von Fremden, die 
Demuth, der niederträchtige Knechtessinn, die Resig- 
nation auf jeden groszen Fortschritt, die stumpfsinnige 



416 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 



Gleichgültigkeit und Trägheit ein, welche nicht ver- 
hindern, dasz die Regierten ihre Regenten mit Misztrauen, 
mit Neid, und gereizt mitHasz betrachten und daher unter 
Umständen auch zu wilder Empörung bereit sind. 

3. Die grosze Entfernung zwischen Hauptland und 
Nebenland macht jede Communication der Landesregierung 
mit der Regierung des Hauptstats überaus schwierig. Das 
Telegraphennetz, das alle Welttheile verbindet, hat diese 
Schwierigkeit zwar erheblich vermindert , aber nicht gehoben. 
Der mündliche und der briefliche Verkehr erfordern doch 
sehr viel Zeit und sind in sehr vielen Fällen nicht möglich. 
Wenn erst an die Hauptregierung berichtet werden musz, so 
wird der günstige Augenblick für eine That leicht versäumt. 
Bis der Befehl in dem fernen Nebenlande anlangt, haben sich 
die Zustände oft verändert und der Befehl paszt nicht mehr. 
In der Regel müssen daher der Regierung in dem Nebenland 
weite Vollmachten verliehen werden, selbständig zu handeln. 
Dadurch wird aber die Abhängigkeit des Nebenlandes ge- 
lockert und das Hauptland genöthigt, die Folgen einer Politik 
tragen zu helfen, die es nicht selber beschlossen und nicht 
gewollt hat. 

4. Es ist sehr schwer gegenüber der Verwaltung des 
Nebenlandes eine gute Controle einzurichten. Die einhei- 
mische uncivilisirte Bevölkerung hat weder die erforderliche 
Sachkunde, noch die politische Unabhängigkeit. Würde man 
ihr einen bedeutenden Einflusz vergönnen , so würde sie leicht 
die Losreiszung des Nebenlandes anstreben und die Stats- 
ordnung verwirren. Die Controle der Aufsichtsbehörde im 
Hauptland ist zwar nöthig und möglich, aber wegen der 
groszen Entfernung und in Folge der Verschiedenheit der 
Cultur sehr erschwert. Wo es aber an fortgesetzter Controle 
fehlt, da zeigt sich der Miszbrauch der Gewalt, als ein 
gewöhnliches Uebel. Kaum die gröbsten und gefährlichsten 
Miszbräuche vermag die ferne Controle der hauptstatlichen 



Viertes Capitel. Ungleichartige Nebenländer. 



417 



Behörden zu verhindern oder zu bestrafen. Im Uebrigen 
wirkt fast nur die Furcht vor gewaltsamen Verschwörungen 
und Empörungen im Lande ermäszigend und warnend. 

5. Eine der ärgsten Plagen, welche dem Nebenlande 
drohen, sind die schlechten Elemente, welche aus dem 
Hauptlande entweder freiwillig als Abenteurer und Glücks- 
jäger oder gezwungen als Flüchtlinge und Ueportirte 
nach dem Nebenlande kommen und nur die Ueberlegenheit 
der heimischen Cultur ausbeuten, um die unterthänige, un- 
civilisirte Bevölkerung des Nebenlandes zu bedrücken und 
auszunutzen. Der Hauptstat kann und will gewöhnlich das 
Einströmen solcher Leute nicht hemmen. Er freut sich viel- 
mehr, auf diese Weise gefährliche Individuen los zu werden. 
Gierig stürzen sie sich dann auf das Nebenland und lassen 
ihren Leidenschaften die Zügel schieszen. Es wird auch der 
Verwaltung des Nebenlandes sehr schwer, diese Landsleute 
im Zaume zu halten und sich gegen dieselben der schwächeren 
Unterthanen anzunehmen. Diese Colonisten bleiben, weil sie 
zu der herrschenden Kasse gehören , mit der Bevölkerung des 
Hauptlandes in vielfältigem Verkehr. Die Familienbeziehun- 
gen, die Industrie, der Handel unterhalten zahllose Verbin- 
dungsdrähte. Während die gekränkten und ausgepreszten 
Ureinwohner fast Niemanden im Hauptlande finden, dem sie 
ihre Leiden klagen, ihre Beschwerden und Wünsche eröffnen 
können und unfähig sind, sich in einer hier verständlichen 
Sprache zu äuszern, so kennen jene Colonisten die Mittel 
genau, mit denen sie die öffentliche Meinung im Hauptlande 
für sich gewinnen und täuschen können. Es gelingt ihnen 
sogar zuweilen, mit Hülfe der Presse die Regierung des 
Nebenlandes im Hauptlande als unpatriotisch und despotisch 
zu verschreien, während diese nur sich bemüht, die einheimi- 
schen Unterthanen vor der Sinnenlust, der Pioheit und dem 
Wucher der herrschenden Rasse zu schützen. Die englischen 
Erfahrungen sind in dieser Hinsicht sehr lehrreich ; dieselben 

Bluntschli, die Politik. 27 



418 Neuntes Buch. D. Wirkungen u. Aufgaben der zusammengesetzten Staten. 

werden in England aber offener dargelegt, 4 als in anderen 
Ländern, welche vorziehen, derlei Gräuel und Miszbräuche 
zu verheimlichen und so zu decken. 

Die Vortheile, welche das Hauptland von dem Besitze 
solcher Nebenländer zieht, sind meistens geringer, als die 
es von gleichartigen Colonien gewinnt und sie sind mit den- 
selben Nachtheilen behaftet. Der Machtzuwachs des Haupt- 
stats ist auszer Verhältnisz mit dem groszen Umfang der 
Nebenländer und darf keineswegs nach der Grösze der Be- 
völkerung derselben bemessen werden. Es ist sogar möglich, 
dasz ein Nebenland in ökonomischer Hinsicht dem Hauptland 
ebenso viele oder mehr Auslagen verursacht als Einnahmen 
zubringt. Die eingeborenen Truppen sind gewöhnlich nur 
zur Vertheidigung des Nebenlandes zu gebrauchen- und nicht 
in fernen Kriegen des Hauptlandes zu verwenden. Dieses 
ist vielmehr genöthigt, einen Theil seines Nationalheeres und 
seiner Flotte nach dem fernen Nebenlande zu senden und so 
seine Hauptarmee und Flotte zu schwächen. 

-Meistens aber ist die Besetzung und die Behauptung des 
Nebenlandes trotz der anerkannten Mängel dieser Verbindung, 
eine geschichtliche Notwendigkeit, der sich eine grosze see- 
fahrende Nation nicht entziehen kann. Einige Staten mögen 
an zu groszem Besitze der Art leiden, wie die Niederlande, 
die ihre ausgedehnten Nebenländer militärisch kaum zu be- 
haupten und noch weniger zu civilisiren stark genug sind, 
und wie sogar Groszbritannien , in welchem nach und nach 
das Bewusztsein aufdämmert , dasz es zweckmäsziger sei, 
diesen Besitz zu beschränken, als denselben durch neue Er- 
werbungen zu erweitern. Aber selbst bei solchen Völkern 
ist das stolze Gefühl ausgebreiteter Herrschaft doch noch 
populärer als der Rath zur Selbstbeschränkung. 

Andere grosze Nationen , wie insbesondere in Europa die 

•i Stuart Hill, Repräsentativverfassung, Cap. 18. 



Viertes Capitel. Ungleichartige Xebenländer. 



419 



deutsche und die italienische und in Amerika die Nord- 
amerikaner, haben bisher überhaupt keine solche, weder 
gleichartige noch ungleichartige Nebenländer. In neuester 
Zeit regt sich bei ihnen umgekehrt ein gewisses Bedürfnisz, 
an entlegenen Küsten für ihre Schiffahrt und ihren Handel 
feste Stationen zu gewinnen. So bescheiden derartige Wünsche 
noch auftreten, so ist das doch, wie die geschichtliche 
Erfahrung zeigt , der Keim zur Colonisation und zum Erwerb 
von Nebenländern. 

Wie roh auch die Urbevölkerung solcher Nebenländer 
sein mag, die civilisirtere herrschende Nation darf doch ihre 
Pflicht nie vernachlässigen, die von ihr beherrschten Kassen 
allmählich heranzubilden und zu menschenwürdigen Zuständen 
zu erziehen. Wenn die Ureinwohner solchem Erziehungspro- 
cesse dauernd widerstehen, so ist ihr Untergang nicht abzu- 
wehren und dann ein verschuldeter. 



Zehntes Buch. 

Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Erstes Capitel. 

Das allgemeine Stimmrecht und seine Wirkungen. Der Vor- 
schlag einer statlichen lonfirmation und der Bürgerweihe. 

Das allgemeine Stimmrecht (suffrage universel), 
welches die gesammte männliche und handlungsfähige Be- 
völkerung zur Theilnahme an dem öffentlichen Leben beruft 
und derselben die Wahl der Volksvertretung anvertraut, ist 
zuerst von der französischen Revolution proclamirt worden, 
als eine Errungenschaft des modernen Rechts- und Stats- 
bewusztseins. Die Verfassung von 1791 hatte noch das 
Stimmrecht der Franzosen an die Bedingung einer Steuer- 
zahlung im Werth von mindestens drei Arbeitstagen ge- 
knüpft. Die Verfassung von 1793 beseitigte auch diese Be- 
schränkung. Zur Zeit der Restauration des Königthums war 
das allgemeine Stimmrecht, welches von dem Kaiserthum den 
Dienstboten entzogen worden war, im Uebrigen aber fortge- 
dauert hatte, gänzlich beseitigt und ein hoher Census ein- 
geführt worden. Inzwischen wurde das Princip des allgemeinen 
Stimmrechts von manchen Schweizer Cantonen nach der Re- 
volution von 1830 erneuert. Die französische Revolution von 



Erstes Capitel. Das allgemeine Stimmrecht und seine Wirkungen etc. 421 



1848 (Verfassung Art. 26) stellte dasselbe für Frankreich her. 
Seither hat dasselbe in Europa und Amerika in vielen Staten 
Beifall und Aufnahme gefunden und ist auch 1867 in die 
Verfassung des norddeutschen Bundes, nun des deutschen 
Reiches (Verf. von 1871, Art. 20, Wahlgesetz vom 31. Mai 
1869) übergegangen. 

Die Ausbreitung des Stimmrechts auf alle Volks classen 
entspricht ohne Zweifel den demokratischen Neigungen unsrer 
Zeit. Ganz im Gegensatze zum Mittelalter, welches den Stat 
von oben her begründete und vorzugsweise den aristokrati- 
schen Ständen einen Antheil an der Ordnung und Verwaltung 
der Länder gewährte, sind die modernen Nationen geneigt, 
die Vertretung des Volks auf die breite Grundlage der groszen 
Massen von unten her aufzubauen. Das allgemeine Stimm- 
recht erscheint dann wie eine nothwendige Folge des allge- 
* meinen Statsbürgerthums, in dem alle Stände und Classen 
geeinigt worden sind, und als eine harmonische Ergänzung 
der allgemeinen Wehrpflicht, der allgemeinen 
Steuerpflicht, der allgemeinen Schulpflicht. 

Die gesellschaftliche Statslehre hat das allgemeine Stimm- 
recht oft dargestellt als ein natürliches Recht Aller, als 
Theilnehmer und Theilhaber der Statsgesellschaft. Aber das 
Wahlrecht im State und für Statszwecke ist nicht ein natür- 
liches Menschenrecht, sondern ein statliches, vom State 
abgeleitetes, dem State dienendes Recht. Es besteht nicht 
auszer dem State und darf nicht bestehen wider den Stat. 
Nicht als Menschen, sondern als Statsbürger üben die Wähler 
dieses Recht aus. Sie haben dieses Recht nicht aus sich, 
nicht weil ihre persönliche Existenz und Entwicklung es 
erfordert, sondern sie haben es durch die Statsverfassung 
empfangen und üben es im Dienste des States aus. 

Die Volksvertretung, welche durch ihre Wahlen, un- 
mittelbar oder mittelbar ernannt wird, ist eine s tatliche 
Institution, berufen den Statswillen zu bilden und im 



422 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Gesetz auszusprechen. Die Abgeordneten sind nicht Beauf- 
tragte der Wähler, sondern Repräsentanten des ganzen 
Volks. Nur zu diesem Zwecke ist das Wahlrecht gegeben 
und geordnet , um eine taugliche Vertretung des ganzen Volks 
hervorzubringen, und keineswegs um ein selbstverständliches 
gesellschaftliches Recht auszuüben. Würde es klar sein , dasz 
durch das allgemeine Stimmrecht eine untaugliche, für den 
Stat schädliche Repräsentation gewählt würde, so müszte das 
Wahlsystem geändert und eine mit dem Statswohl verträgliche 
W T ahlform eingerichtet werden. Die blosze Statsangehörigkeit 
und das männliche Geschlecht genügen nicht, um auf die 
öffentlichen Angelegenheiten eine Einwirkung zu üben. Nur 
inwiefern in den männlichen Statsgenossen das Statsgefühl 
lebendig und das Statsbewusztsein erwacht ist, sind sie be- 
fähigt, an Wahlen Theil zunehmen, welche eine dem Volksgeiste 
'zur Aussprache geeignete Vertretung hervorbringen sollen. 

Die Fähigkeit zu wählen ist daher die unerläszliche 
Voraussetzung alles statlichen Wahlrechts. Den offenbar un- 
fähigen und untauglichen Gassen ein Stimmrecht ge- 
währen, würde Selbstmord des States sein. Die Zulässigkeit 
und die Zweekmäszigkeit des allgemeinen Stimmrechts hängt 
also von dem Grade der Fälligkeit der groszen Volksclassen 
ab, taugliche Repräsentanten zu erkennen und von ihrer 
Neigung, die Besten zu wählen. Je allgemeiner jene Fähig- 
keit und dieser Wille verbreitet ist , um so höher steht das 
Volk und um so eher kann es sich selber bestimmen. Im 
Grunde paszt daher das allgemeine Stimmrecht nur zu freien 
und gebildeten Völkern, die zugleich einen selbständi- 
gen Charakter und ein kräftiges Statsgefühl haben. 
Ungebildete Nationen oder blosz passive, zumal unstatlichen 
Autoritäten gehorchende Massen ohne Statsbewusztsein sind 
nicht dazu geeignet. Kein verständiger Mensch wird daran 
denken , das allgemeine Stimmrecht in Ostindien oder in dem 
russischen Reiche heute einzuführen. Sogar in England scheut 



Erstes Capitel. Das allgemeine Stimmrecht und seine Wirkungen etc. 423 



sich die Aristokratie vor diesem Sprung ins Finstere. Dasz 
in Frankreich diese Ausbreitung des Stimmrechts unter Um- 
ständen gefährlich werden kann für die Cultur der Nation, 
beweisen sowohl die communistischen Wahlen in den groszen 
Städten als die klerikalen Wahlen auf dem Lande, die von 
zwei Seiten her die Wohlfahrt des Stats bedrohen. Für 
Italien wäre das allgemeine Stimmrecht zur Zeit noch eine 
Lebensgefahr für die Existenz des jungen Stats. Selbst in 
Deutschland hat es sich in vielen ländlichen Wahlbezirken, 
wo die Wähler eher im Dienste der kirchlichen Hierarchie 
als des States ihre Stimmen abgeben, schlecht bewährt. 

Obwohl die Institution unzweifelhaft die Freiheit und 
Macht des Demos anerkennt und schützt, so ist ihre Wirkung 
durchaus nicht überall der demokratischen Statsform günstig. 
In den Vereinigten Staten von Amerika freilich und in der 
Schweiz sichert sie die republikanisch-demokratische Landes- 
verfassung. Aber in Frankreich hat Napoleon III. seine 
cäsarische Autokratie auf das allgemeine Stimmrecht gestützt 
und so lange stützen können, bis seine Niederlage in dem 
Kriege mit den Deutschen das Vertrauen der Massen auf 
seine Führung erschütterte. In Deutschland war das allge- 
meine Stimmrecht der Gründung des deutschen Reiches und 
der Erhebung der kaiserlichen Macht förderlich. Im Einzelnen 
aber hat es eher noch durch seine Wahlen zu Gunsten an- 
gesehener Gutsherren und des Klerus gewirkt. 

Im Allgemeinen läszt sich erwarten, dasz es die ohne- 
hin in einem Lande überwiegende Autorität stärkt. 
In einem republikanischen Volke wird es republikanisch, in 
einem monarchisch gesinnten Volke monarchisch wirken ; und 
wenn eine Aristokratie volksthümlich ist, so wird es auch zu 
Gunsten der Aristokratie ausschlagen. Aber das gilt nur in 
normalen Zeiten. Wenn die Massen durch gewaltige Ereig- 
nisse aufgeregt, oder durch Krisen erhitzt werden, dann kann 
das allgemeine Stimmrecht plötzlich seine Richtung wenden 



424 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



und zum Verderben der Autorität umschlagen, welche sich 
bisher darauf gestützt hatte. Das allgemeine Stimmrecht, 
wie es heute geübt wird, löst die Massen in einzelne Wähler 
auf, ballt sie zu groszen Wahlkreisen zusammen und gibt sie 
den wechselnden Stürmen preis; je nachdem der Windstosz 
von der einen oder der andern Seite her heftig auftritt, 
wirbelt er die Stimmen wie Staub auf und bewegt sie in 
seiner Richtung. Die Erfahrungen in Amerika, in der Schweiz, 
in Frankreich bezeugen das. 

Ganz sind diese Schwankungen nicht zu vermeiden. Sie 
sind auch für den Fortschritt des Lebens unentbehrlich. Nur 
das Uebermasz ist schädlich. Die Schwankung darf nicht bis 
zum Umstürze der Statsordnung, und nicht zum Hindernisz 
einer stätigen Politik übertrieben werden. Es läszt sich theil- 
weise dagegen sorgen durch eine bessere Organisation der 
Wahlkörperschaften. 

Aber schwieriger ist es, der Unfähigkeit und Untauglich - 
keit der Wähler entgegen zu wirken. Die Rückkehr zu dem 
Census würde nicht allein die Classen beleidigen und er- 
bittern , welche dadurch ihrer statsbürgerlichen Rechte wieder 
beraubt würden. Sie würde überdem die Wahrheit misz- 
achten , dasz die Bürgertugend nicht durch Geld zu bemessen 
und nicht vom Gelde abhängig ist. Es können Haussöhne, 
die keine Steuer zahlen, vortreffliche und opferwillige Bürger 
sein und arme Männer in patriotischer Gesinnung vielen wohl- 
habenden gleich stehen oder sogar vorgehen. Auch die Aus- 
schlieszung der Dienstboten und der in Lohn und Kost von 
Herren oder Meistern stehenden Personen ist aus ähnlichen 
Gründen nicht zu empfehlen. Sie würde überdem wenig 
helfen, da gewöhnlich diese Personen in derselben Richtung 
stimmen, wie ihre Lohnherren und Vorgesetzten, und nur 
ausnahmsweise sich feindselig gegen die stellen, in deren 
Haushaltung sie gekommen, mit denen sie leben, von denen 
sie ökonomisch abhängig sind. 



Erstes Capitel. Das allgemeine Stimmrecht und seine Wirkungen etc. 425 



An einem sicheren äuszeren Kennzeichen der Fähigkeit 
und der statlichen Gesinnung fehlt es bisher. Woran sollen 
wir rechtlich ermessen, ob der eine Bauer blindlings dem 
Pfarrer gehorchen werde, auch wenn es sich um politische 
Wahlen handelt, und dazu beihilft, die Statsgewalt dem Klerus 
dienstbar zu machen, während sein Nachbar sich nur von 
politischen Erwägungen bestimmen läszt und seine Stimme 
nur statstreuen Männern gibt? Ebenso wenig gibt es ein 
äuszeres Kennzeichen, nach welchem ein Arbeiter deszhalb 
als unfähig erklärt werden könnte, das allgemeine Stimmrecht 
auszuüben, weil er vielleicht ein Anhänger der rothen Com- 
mune ist, und den Vorsatz hat, Männer zu wählen, welche 
die Ehe, das Eigenthum, den modernen Stat angreifen und 
bekämpfen. Die politischen Wirkungen solcher Stimmgebung 
sind wohl greifbar, aber nicht ihre Ursache, das Stimmrecht 
darnach zu bestimmen. 

Dennoch ist es ein dringendes Bedürfnisz des modernen 
States und der Gesellschaft, dasz den ernsten Gefahren, welche 
ihnen durch den Miszbrauch des allgemeinen Stimmrechts 
von Seite statsfeindlicher Autoritäten und Parteien drohen, 
thunlichst begegnet und vorgebeugt werde. Soll das allge- 
meine Stimmrecht zum Heile der Nation gereichen, so musz 
die Urtheilsfähigkeit der groszen Volksclassen und ihre stat- 
liche Gesinnung entwickelt und gekräftigt werden. Es gibt 
keine andere Hülfe als die politische Erziehung und 
Heranbildung auch der groszen und selbst der unteren 
Volksclassen zum Stat. Ohne politische Bildung keine 
politische Freiheit und kein politisches Stimm- 
recht. Diese Forderung zu stellen und die Mittel, die dazu 
geeignet sind, vorzuschlagen, ist die Aufgabe und Pflicht der 
Wissenschaft. 

Die Schule und insbesondere die Volksschule kann 
diese politische Bildung nicht geben, sie kann dieselbe nur 
vorbereiten. Denn der kindliche Geist der Volksschüler kann 



426 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



den Stat noch nicht fassen. Alle Versuche, schon in der 
Volksschule die Statsverfassung den Kindern verständlich zu 
machen, sind gescheitert, weil das Kindesalter noch unreif 
ist für die Erkenntnisz des Statslebens. Wohl aber kann und 
soll die Schule mehr als sie es bisher gethan hat, vorberei- 
tend wirken für die politische Bildung. Manche ökonomische 
Principien und einige Grundbegriffe des Rechts, der Stats- 
ordnung, der politischen Tugend können schon in den oben) 
Classen der Volksschule den Schülern verständlich gemacht 
werden. Zu der politischen Erziehung gehört aber noch mehr. 

Die Lücke, welche in der öffentlichen Bildung auszu- 
füllen ist, liegt daher zwischen der Schulzeit und der politi- 
schen Volljährigkeit. 

Zum Theil wird diese Lücke ausgefüllt durch die mili- 
tärische Erziehung der jungen Männer. In der That 
wirkt der Dienst im Heere wie eine hohe Statsschule. 

Der Geist der Zusammengehörigkeit Aller zu dem Einen 
statlichen Gesammtkörper, der Armee, wird in allen Officieren 
und Soldaten geweckt, die strenge Ordnung und die militä- 
rische Zucht nöthigen Jeden zur Unterordnung unter das 
Ganze, die männlichen Tugenden der Tapferkeit, der energi- 
schen Pflichterfüllung, der Opferwilligkeit für das Vaterland, 
der Treue gegen das Statshaupt, des Gehorsams gegen das 
Gesetz und die Obrigkeit werden entwickelt. 

Aber so werthvoll diese Art der Erziehung zum State 
ist, so kann sie doch nicht genügen. Sie bedarf der fried- 
lichen und bürgerlichen Ergänzung. Der regelmäszige 
Zustand des States ist nicht der Krieg, sondern der Friede 
und die Bürgertugend geht so wenig als die Bürgerfreiheit 
in der militärischen Tüchtigkeit auf. Damit ein Culturvolk - 
seine Bestimmung erfülle, darf nicht die stramme Disciplin 
allein herrschen. Ein statliches Volk bedarf auch der Geistes- 
nahrung mit statlichen Ideen und Rechtsbegriffen. 

Der moderne Stat kann hier noch manches lernen von 



Erstes Capitel. Das allgemeine Stimmrecht und seine "Wirkungen etc. 427 



der älteren Kirche. Mit groszem Geschick hatte schon die 
mittelalterliche Kirche es verstanden, die mündig gewordene 
Volksjugend, bevor sie dieselbe zu dem Yollgenusz der kirch- 
lichen Gnadenmittel, insbesondere zur Communion zuliesz, 
mit ihren Glaubenssätzen und mit ihren religiösen Lehren 
zu erfüllen. Sie unterrichtete die Confirmanden in der Kirchen- 
lehre über Gott und die Menschen , Christus und die Apostel, 
die Hierarchie und die Sacramente, die Sünde und die Ver- 
geltung. Diese Lehre, welche groszen Theils der Jugend in 
dem Alter beginnender Geschlechtsentwicklung mitgetheilt 
wird, wirkt tief ein auf das Gemüth der Jugend und bildet 
einen Wendepunkt in der geistigen Entwicklung der Indivi- 
duen. Vieles davon wird später wieder vergessen, vieles ab- 
gestreift, aber manches und das wichtigste bleibt doch. Die 
nachhaltige Wirkung dieses Confirmandenunterrichts 
auf die gesammte christliche Bevölkerung ist überall wahr- 
zunehmen. Der innere Zusammenhang der Gemeinde, die 
Autorität der Geistlichkeit, die religiöse Volkssitte, die Ge- 
meinschaft der Kirche beruhen zu gutem Theile auf dieser 
Erziehung, an deren Schlusz die erhebende und bekräftigende 
Einweihung des neuen Mitgliedes der Kirche durch die erste 
Communion gefeiert wird. 

Der moderne Stat bedarf aus analogen Gründen und zu 
ähnlichen Zwecken einer entsprechenden Institution. Der 
Stat hat auch die Pflicht und ein politisches Interesse dafür 
zu sorgen, dasz die jungen Männer, die ihr Statsbürgerrecht 
antreten und Theil nehmen wollen an der Einwirkung auf 
das Statsleben , mit den Grundbedingungen der Statsordnung 
und mit den wichtigsten Statsideen und Gesetzen ihres Vater- 
landes bekannt gemacht werden. Wie die Kirche ihren Ka- 
techismus den Confirmanden mittheilt und einprägt, so soll 
der Stat mit seinen Statsprincipien den Geist der jugend- 
lichen Statsbürger erleuchten und befruchten. 

Das geeignete Alter für diesen statlichen Unterricht wird 



428 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



etwa 5 bis 6 Jahre später zu setzen sein als das Alter der 
kirchlichen Confirmanden. Der statliche Unterricht fordert 
höhere Keife. Der Glaube kann dem weichen Gemüthe ein- 
gesenkt werden , das Wissen vom Stat wird nur von dem 
erwachenden männlichen Geist begriffen. Wenn die stats- 
bürgerliche Volljährigkeit mit 25 Jahren beginnt, so darf 
dieser Unterricht erst ein paar Jahre vor diesem Termin ge- 
währt werden. 

Dieser Unterricht hat den Zweck, die jungen Bürger mit 
dem Wesen des States, seiner Geschichte und seiner Ver- 
fassung bekannt zu machen, das Verhältnisz des einheimi- 
schen States zu den übrigen Staten, zu den Kirchen, zu der 
Gesellschaft, die Organisation der Statsbehörden und ihre 
Aufgaben , die bürgerlichen Rechte und Pflichten darzustellen, 
und so das Statsbewusztsein zu klären und zu kräftigen. 

Nur wer diesen Unterricht erhalten oder die 
Prüfung bestanden hat, wäre dann in Zukunft zu der 
Eintragung in die Statsbürgerlisten und zu der Ausübung 
der statsbürgerlichen Rechte als reif zu erklären. Ein 
feierliches Gelübde der Stats- und Verfassungstreue und ein 
allgemeines jährliches Volksfest der Bürger weihe würde 
den Abschlusz dieser statlichen Confirmation bilden 
und die Aufnahme der neuen Bürger feierlich vollziehen. Die 
Bürgerweihe selber würde das Statsgefühl verbreiten, beleben 
und stärken. Es wäre eine Garantie dafür gewonnen, dasz 
die Wähler ein Verständnisz erworben haben ihrer statlichen 
Pflicht, Sie würden von falschen, fremden, statsfeindlichen 
Autoritäten befreit und gehoben in ihrem statsbürgerlichen 
Bewusztsein. 1 

l Ich. habe diese Gedanken zuerst in der Zeitschrift: „Die Gegenwart 
im August 1874" näher dargelegt, Sie sind aber bald nach dem Jahr 1867 
entstanden. 



Zweites Capitel. Der Vorschlag des Frauenstimmrechts. 



429 



Zweites Capitel. 

Der Vorschlag des Frauenstimnireclits. 

Der Trieb zur Verbreitung des statsbürgerlichen Stimm- 
rechts auf alle Volksclassen scheint mit den bisherigen Er- 
folgen noch nicht befriedigt, In neuester Zeit zeigen sich 
in manchen Ländern Bestrebungen , das Stimmrecht auch auf 
die Frauen auszudehnen. 

Als zu Anfang der französischen Revolution im Jahr 1789 
eine Frauenpetition, welche die Ausdehnung des Statsbürger- 
rechts und damit des Stimmrechts auch auf die volljährigen 
Frauen verlangte, der Nationalversammlung zur Kenntnisz 
kam, wurde sie noch, obwohl der Philosoph Conclorcet das 
Begehren befürwortete, allgemein mit Spott abgelehnt. In 
unsern Tagen haben zwei um die Statswissenschaft hochver- 
diente Männer, Stuart Mill und Eduard Laboulaye die 
Gerechtigkeit und Zweckmäszigkeit dieser Ausdehnung ver- 
theidigt. Bereits hat im englischen Parlament eine erhebliche 
Minderheit sich für diese Neuerung ausgesprochen. In Nordame- 
rika zählt diese Meinung viele Anhänger. Es kommen ihr dort 
die Leitung der Volksschulen durch Lehrerinnen, die Selbstän- 
digkeit der Frauen und die demokratische Gesinnung zu Hülfe. 

Für die Ausdehnung des Stimmrechts auf die Frauen 
werden hauptsächlich folgende Gründe angeführt: 

1. Die Frauen haben ganz dasselbe Interesse an 
einer guten Regierung, wie die Männer. Die Wohlfahrt Aller 
werde in gleicher Weise von derselben berührt, und Alle 
bedürfen gleich sehr einer Stimme bei derselben, um sich 
einen Antheil an deren Wohlthaten zu sichern. Wenn ein 
Unterschied der Geschlechter bestehe, so brauchen Frauen 
sie mehr als Männer, weil sie als das schwächere Geschlecht 
noch mehr als die Männer des Schutzes der Gesetze bedürfen. 2 

^ Stuart Mill, Betrachtungen über Repräsentativverfassung, über- 
setzt von Wille S. 1Q0. 



430 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Aus dem natürlichen Bedürfnisz und Anspruch, gut re- 
giert zu werden, folgt aber nicht die Fähigkeit, für eine gute 
Regierung selber zu sorgen und daher auch nicht das Stimm- 
recht. Die unmündigen Kinder haben jenes Bedürfnisz in 
noch höherem Grade und Niemand schlieszt daraus, dasz sie 
stimmberechtigt sein müssen, auch nicht, dasz für sie ihre 
Vormünder ihre Stimme abgeben sollen. 

2. Das bürgerliche und das statliche Recht seien 
in offenbarem Widerspruch mit einander. In früheren Zeiten 
haben die Völker die Frauen auch in dem bürgerlichen Rechte 
für unfähig gehalten und dieselben unter die Gewalt ihrer 
Väter, Brüder und Vettern und unter die Geschlechtsvor- 
mundschaft der Männer gestellt. Heute sehe man ein, dasz 
eine Frau gerade so fähig sei, ihr Vermögen selber zu ver- 
walten, wie ein Mann. Die Geschlechtsvormundschaft sei 
beseitigt, die Handlungsfähigkeit der Frauen vollständig an- 
erkannt worden. 

Aber man habe noch nicht die Consequenz dieser Ein- 
sicht gezogen. Im öffentlichen Rechte sei dasselbe falsche 
System geblieben, das man im Privatrecht aufgegeben und 
verbessert habe. Und doch könne Niemand behaupten, dasz 
die Frauen nicht ebenso Verstand und Vaterlandsliebe be- 
sitzen, wie die Männer. Sie seien daher ebenso fähig, ihre 
Stimme zu dem Zwecke abzugeben, dasz die Regierung con- 
trolirt und die Miszregierung abgewehrt werde. Auch die 
Frauen müssen Steuer zahlen, wie die Männer. Also haben 
sie auch ein Recht, mitzuwirken, dasz die Gesellschaft nicht 
übermäszig mit Steuern belastet und die Steuern zweckmäszig 
verwendet werden. 

Der Gegensatz zwischen der Handlungsfähigkeit der 
heutigen Frauen im Privat recht und der Auss chlieszung 
derselben von dem öffentlichen Stimmrecht ist zuzu- 
geben, aber aus dem Unterschied folgt nicht ein logischer 
Widerspruch. Als Privatperson mag die Frau im Groszen und 



Zweites Capitel. Der Vorschlag des Frauenstimrarechts. 431 



Ganzen dem Manne gleich gestellt werden , da sie unzweifel- 
haft eine Einzelperson ist, wie dieser, und als solche eine 
ihr zugehörige persönliche Rechtssphäre hat. Aber das öffent- 
liche Recht wird vom State und nicht von den Individuen 
abgeleitet, und da fragt sich eben, ob die Frau in denselben 
Beziehungen zum State ist, wie der Mann, ob sie der Theil- 
nahme an dem statlichen Leben ebenso fähig ist, wie der 
Mann. 

Die Steuerpflicht allein kann um so weniger entschei- 
den, als die Zahl der Steuer zahlenden Frauen überall eine 
kleine Minderheit der Frauen überhaupt bildet und die Steuer 
zahlenden Kinder ebenso wenig, wie die Frauen, ein Stimm- 
recht haben. Man könnte zur Noth den Kauffrauen und selb- 
ständigen Steuerzahlerinnen ein Stimmrecht einräumen, ohne 
zugleich die Zahl der Wähler durch Aufnahme des ganzen 
weiblichen Geschlechtes zu verdoppeln. Der verhältniszmäszig 
seltenen Steuerpflicht steht aber die den Frauen gänzlich 
abgenommene, den Männern ausschlieszlich auferlegte Wehr- 
pflicht gegenüber und zeigt deutlich, wie sehr verschieden 
die Stellung der beiden Geschlechter zum State ist. 

3. Es sei inconsequent, einzelnen Frauen das höchste 
und wichtigste politische Recht, das Recht als Königin ein 
Volk zu regieren, zuzugestehen und dem ganzen Geschlechte 
der Frauen das gewöhnliche Stimmrecht zu versagen. 

In der That lassen sich manche, nicht alle Culturvölker 
unweigerlich von Königinnen regieren und weisen trotzdem 
alle Frauen aus den Wählerversammlungen weg. Es kommt 
ebenso in andern europäischen Staten vor, insbesondere in 
Oesterreich, dasz grosze Gutsbesitzerinnen ebenso wie Guts- 
besitzer an der mit groszem Grundbesitz verbundenen aristo- 
kratischen Vertretung Theil nehmen , während sonst die Frauen 
des Landes nicht stimmfähig sind. Indessen ist die Zulässig- 
keit einer Ausnahme, für die es besondere Gründe gibt, kein 
Widerspruch gegen die allgemeine Regel, die einen entgegen- 



432 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



gesetzten Grundsatz ausspricht. Es ist wohl denkbar, da-/ 
die Ausnahme für den Stat erträglich und sogar zweckmässig 
sei, während sie zur allgemeinen Regel erweitert schädlich 
wäre. Die Ausnahme der Königinnen beweist allerdings, dasz 
einzelne Frauen unter besonders günstigen Bedingungen voll- 
kommen fähig sein können, die Politik zu leiten. Man kann 
sogar der Meinung sein, dasz eine Königin weniger eifer- 
süchtig gegen einen groszen leitenden Statsmann zu sein 
pflege als ein König, und jenen mit gröszerem Vertrauen und 
sogar mit hingebender Liebe handeln lasse. Aber der Schlusz 
auf ein ähnliches für den Stat nützliches Verhalten der Frauen 
überhaupt wäre doch sehr gewagt und unsicher. 

4. Da die meisten Frauen in der Familie leben, so würde 
das Frauenstimmrecht in der Regel das Gewicht der Hausväter 
verstärken, indem meistens die Ehefrauen und die Töchter 
mit dem Ehemanne und Vater zusammen stimmen würden. 
Dadurch werde aber der solideste Theil der Wähler gestärkt. 

Unter allen von Mill angeführten Gründen hat dieser 
noch das meiste Gewicht. Aber es frägt sich, ob denn diese 
Voraussetzung, dasz Frauen und Töchter immer mit dem 
Ehemann und Vater stimmen würden, sicher ist. Man braucht 
nur an die unvermeidlichen Kämpfe in unsrer Zeit zwischen 
Stat und Kirche zu denken und man wird diese Frage ver- 
neinen müssen. Erfahrungsgemäsz lassen sich die Frauen 
leichter von den Priestern bestimmen, als die Männer, weil in 
jenen das Gemüths- und das Glaubensleben überwiegt. Würden 
die Frauen ein Stimmrecht haben in solchen Kämpfen, so 
würden sie dasselbe unter Anleitung der Priester nach den 
Wünschen der Kirche auch gegen ihre Männer und Väter aus- 
üben und die Gefahren des States furchtbar vergröszern. Sie 
würden in katholischen Ländern ohne grosze Bedenken die 
Selbständigkeit des States der Herrschsucht der Jesuiten opfern. 
Der Risz, der die Geschlechter bei den Wahlen trennte, würde 
dann aber auch die Familien entzweien. 



Zweites Capitel. Der Vorschlag des Frauenstimmrechts. 



433 



Hält man es für nöthig, das Stimmrecht der Hausväter 
zu verstärken , so würde dieser Zweck jedenfalls viel sicherer 
und viel nachdrücklicher erreicht, wenn man denselben mehr- 
fache Stimmen zutheilte, als wenn man die Familie durch 
mehrere Stimmrechte in Verwirrung brächte. Es wäre eine 
erhebliche Ermäszigung des Frauenstimmrechts, wenn bestimmt 
würde: für die Ehefrau und für die erwachsenen Töchter im 
Hause des Vaters übt der Hausvater das Stimmrecht aus. 

5) Der politische Einflusz der Frauen auszerhalb der 
Statsorgane auf die stimmgebenden Männer sei gar nicht zu 
vermeiden. Gegenwärtig werde dieser Einflusz aber von den 
Frauen ohne das Gefühl der Verantwortlichkeit geübt, 
Deszhalb lassen sich die Frauen eher gehen, je nach Liebe 
und Hasz, Laune und Eitelkeit. Würde den Frauen ein 
Stimmrecht verstattet, so würde in ihnen auch das Gefühl 
der Pflicht und der Verantwortlichkeit erwachen, sie würden 
vorsichtiger werden in ihrer Wahl und sorgfältiger erwägen, 
wem sie ihr Vertrauen zuwenden dürfen. 

Die ganze Frage darf nicht von dem Standpunkte der 
einzelnen Individuen, sie musz vielmehr von dem State aus 
betrachtet und entschieden werden. 

Allerdings bildet die übereinstimmende Sitte aller Stats- 
völker noch nicht einen vollen Beweis gegen das Stimmrecht 
der Frauen. Während Jahrtausenden waren die Völker auch 
einig gewesen in der Vertheidigung der Sclaverei und über 
die Ausschlieszung der unteren dienenden Classen von den 
statsbürgerlichen Rechten. Schlieszlich hat die fortschreitende 
Civilisation die Sclaverei abgeschafft und alle Volksclassen zur 
Theilnahme am State berufen. Aber die constante Sitte aller 
Völker bis auf die Gegenwart macht es doch wahrscheinlich, 
dasz in der Natur der Geschlechter wirkende Gründe für diese 
Ausschlieszung der Frauen sprechen. Sie fordert zu ernster 
und vorsichtiger Prüfung auf. 

Die Frauen sind nicht, blos durch die Sitte, sondern 

Bluntschli, die Politik. 28 



434 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



schon durch die Natur vorzugsweise für die Familie ge- 
schaffen und bestimmt. Sogar körperlich ist die Mutter, die 
für das aufkeimende Leben des Kindes in ihrem Leibe zu 
sorgen hat, verhindert, an dem öffentlichen Leben Theil zu 
nehmen und auch später wird sie durch die häusliche Sorge 
für die Kinder und für die Nahrung, die Kleidung und die 
Wohlfahrt der Familie inniger mit dem Hause verbunden und 
mehr in demselben festgehalten als der Mann. Die Gefahr, 
dasz die Frauen durch die Theilnahme an den politischen 
Wahl- und den Parteikämpfen ihrem Hauptberufe entfremdet, 
und dasz die Familien dadurch ebenso geschädigt würden, 
wie der Stat, wird daher von den heutigen Culturvölkern noch 
mit Besorgnisz betrachtet. Man fürchtet, dasz die schönsten 
und edelsten Blüthen und Früchte der weiblichen Tugenden 
und Vorzüge von den rauhen Winden des politischen Lebens 
zerpflückt und zerstört würden. Man hat nur einen geringen 
Glauben an den Werth der Frauen, welche sich in den Wahl- 
kampf der Männer mischen und mit denselben um den Sieg 
ringen. Von jeher empfinden die Germanen für die Würde 
der Frauen eine aufrichtige und innige Verehrung. Aber 
diese Verehrung würde durch die Theilnahme der Frauen an 
dem offenen Parteistreit der Männer sicher nicht gehoben, 
sondern rasch aufgezehrt. Wenn auch andere Nationen das 
Experiment des Frauenstimmrechts wagen sollten, die deut- 
schen Frauen verlangen nicht darnach und die deutschen 
Männer denken nicht ohne Hohn und Aerger an diese Neue- 
rung, welche sie an die Amazonenschlachten erinnert. 

Eher würden wir es verstehen , wenn den Frauen in der 
Kirche ein Stimmrecht eröffnet würde, als im Stat. Denn 
für religiöse Dinge haben die Frauen eher ein innerliches 
Interesse und ein Verständnisz als für politische Fragen. Die 
Natur der Kirche ist weiblich , die Natur des States ist männ- 
lich, denn der Stat ist das Reich der Selbstbestimmung und 
der Selbstbeherrschung der Völker. Deszhalb ist das poli- 



Zweites Capitel. Der Torschlag des Frauenstimmrechts. 



435 



tische Leben auch zunächst Sache der Männer. Nur von 
den Männern erklärte Aristoteles, dasz sie s tatliche 
Wesen seien. 

Es kann wohl Ausnahmen, es kann eine Anzahl von 
männlich gesinnten und begabten Frauen geben, wie es auch 
weibische Männer gibt, Frauen von activem, scharfem und 
weit schauendem Verstand, muthigem Charakter, reichem 
Wissen. Wenn man diesen Ausnahmen auch das statsbürger- 
liche Recht gewähren will, so wird dagegen wenig einzu- 
wenden sein. Aber man darf nicht um der Ausnahme willen 
die Regel umwerfen. 

Die grosze Mehrzahl der Frauen und das weibliche Ge- 
schlecht ist von der Natur vorzugsweise für das Gemüths- 
leben und das Familienleben und nicht für das selbst- 
bewuszte Geistesleben, nicht für das Statsleben 
angelegt. Es ist sicher ein groszer Irrthum, dasz alle die 
bestehenden Unterschiede nur die Folge seien unsrer Schul- 
bildung, und dasz die Frauen, wenn sie nur auf Gymnasien 
und Universitäten gebildet würden, ebenso fähig würden, als 
Gelehrte, als Künstler, als Richter und Statsmänner zu wirken. 
Man kann die Schulbildung der Frauen noch sehr erheblich 
verbessern, aber man wird die weibliche Natur nicht umän- 
dern, und könnte man's, so würde man sie verderben und 
der Menschheit den schwersten Schaden zufügen. 

Wenn der Mann sich mühsam die Wahrnehmungen über- 
legt, die er im Verkehr von Menschen gemacht hat, und mit 
wissenschaftlicher Methode sich eine Meinung oder ein Ur- 
theil bildet, so urtheilt die Frau kraft ihres empfänglichen 
Sinnes für Gesammteindrücke sehr viel rascher und viel be- 
stimmter über Menschen und Verhältnisse. Sie erschaut den 
Bösewicht oft auf den ersten Blick, der ihren Mann noch 
lange täuscht. Sie faszt auf mit Liebe oder Hasz, mit dem 
Gemüth. Da liegt ihre Kraft, aber auch ihre Schwäche. Mit 
den besten logischen Gründen ist einer Frau in vielen Fällen 



43 G Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



nicht beizukommen, so wenig als der Kirche mit kritischer 
"Wissenschaft. Sie fühlt, sie glaubt, und ihre Gefühle und 
ihr Glaube lassen sich nicht von logischen Schluszfolgerungen 
leiten. 

Würde den Frauen das Wahlrecht der Deputirten ge- 
geben, so würde kein Grund bestehen, ihnen die Wählbar- 
keit zu Deputirten abzusprechen. Man stelle sich nun 
eine Volkskammer vor, die aus Männern und Frauen gemischt 
ist und man wird zugeben müssen, dasz die ganze Art der 
Verhandlung eine andere als die bisherige- sein würde. Die 
Parteiführer würden mit völlig andern Mitteln unter den Frauen 
als unter den Männern Stimmen werben und dieselben auf- 
regen. Die Gefahr, dasz alle Parteikämpfe in den repräsen- 
tativen Körpern und in dem Volke selber viel leidenschaft- 
licher noch als gegenwärtig erhitzt würden, und dasz die 
Macht der ohnehin durch die Ausbreitung des allgemeinen 
Stimmrechts auch auf die ungebildeten Massen sehr ver- 
stärkten passiven Kräfte nochmals mindestens verdoppelt, 
die Macht der activen Geistes- und Charakterkräfte, die 
vorzugsweise männlich sind, noch mehr gehemmt und ge- 
schwächt würden, würde furchtbar steigen und übermächtig 
werden. 

In dem jetzigen Zustande ist die moralische, aber 
mittelbare Einwirkung der Frauen auf das öffentliche Leben 
sehr bedeutend und sehr wohlthätig. Der Statsmann findet, 
wenn er ermüdet und verwundet von den Kämpfen des äuszeren 
Wirkens nach Hause kehrt, bei seiner Frau Ruhe, Erholung, 
Heilung. Dieser Segen würde vereitelt, wenn die Frau mit 
ihm an dem öffentlichen Kampfe sich betheiligt hätte. Wie 
oft bespricht der politische Mann mit seiner Frau im Stillen 
des Hauses wie mit seinem Gewissen auch seine Vorsätze, 
seine Erlebnisse. Da vorzüglich vertritt die Frau auch gegen- 
über dem formellen Rechtssinn und der politischen Klugheit 
das Gefühl moralischer Pflicht. Sie ergänzt und veredelt so 



Drittes Capitel. Die Verhältnisz Vertretung. Verbände, Stände u. Classen. 437 

den Mann. Auch diese moralische Einwirkung würde abge- 
lenkt und abgeschwächt, wenn die äuszerlich handelnde Frau 
sich in derselben Weise verschulden würde, wie der Mann. 
Die Reinheit der mittelbaren Einwirkung der Frau auch 
auf das Statsleben würde durch die unmittelbare Theil- 
nahme eher getrübt und verwirrt als um der directen Ver- 
antwortlichkeit willen gefördert. 

Niemand wird die Vaterlandsliebe der Frauen tadeln oder 
gering schätzen. Jeder verlangt, dasz die Mütter ihre Söhne 
auch zur Uebung der Mannestugend und der öffentlichen 
Pflichten erziehen und dasz die Frauen mit ihren Männern 
auch das Schicksal des States in Freude und Leid theilen. 
Aber das läszt sich Alles erreichen und sogar besser erreichen, 
wenn die Mutter und die Frau ihr Leben vorzugsweise der 
Familie und dem Hause zuwenden und sich der äuszeren 
politischen Kämpfe und Thaten enthalten. 



Drittes Capitel. 

Die Verhältnisz Vertretung. Verbände, Stände und Classen. 

Die gegenwärtige Einrichtung der Wahlen zu der Volks- 
vertretung theilt die gesammte Statsbürgerschaft in eine An- 
zahl von Wahlkreisen, die oft willkürlich bestimmt werden, 
gewöhnlich ohne inneren Zusammenhang zu fordern und ohne 
eine organische Gemeinschaft der Bevölkerung des Wahl- 
kreises. Die Mehrheit der Stimmen in jedem Wahlkreise 
bestimmt dann den Abgeordneten. Die Stimmen der Minder- 
heit sind ganz wirkungslos. 

Eötvös 3 hat mit Grund darauf aufmerksam gemacht, 
dasz dieses System, welches doch die Stimmen blosz zählt, 

3 Moderne Ideen I. S. 187. 



438 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



nicht wägt und der Mehrheit das entscheidende Gewicht gibt, 
nicht einmal dafür Sicherheit gewähre, dasz die Majorität im 
Volk auch die Majorität in der Volksvertretung erlange. Er 
veranschaulicht diese Einwendung durch folgendes Beispiel. 
Das Land ist in 100 Wahlkreise getheilt, mit durchschnitt- 
lich 4000 Wählern. In dem Lande bekämpfen sich zwei 
grosze Parteien, welche wir A und B nennen. Nun wählen 
51 Wahlkreise im Sinne der Partei A und 49 Wahlkreise im 
Sinne der Partei B. Die Ersteren haben in der Volksver- 
tretung folglich die Majorität. Das Stimmverhältnisz ist aber 
in den einzelnen Wahlkreisen so vertheilt, dasz durchschnitt- 
lich in den ersten 51 Wahlkreisen je 2500 Stimmen für die 
Partei A abgegeben wurden und 1500 Stimmen für die 
Partei B. Dagegen in den 49 Wahlkreisen haben durch- 
schnittlich 3500 Stimmen für die Partei B gestimmt und nur 
500 für die Partei A. Im Volke hat somit die Partei B 
252,000 Stimmen, die Partei A 148,000. Im Volke ist also 
die Partei B in starker Mehrheit, in der Volksvertretung 
dagegen in der Minderheit. 

In der That bestätigen die Erfahrungen zuweilen diese 
Berechnung. In einzelnen nordamerikanischen Staten ist das 
Stimmverhältnisz der beiden groszen Parteien, der Republi- 
kaner und der Demokraten, im ganzen Volke wesentlich ver- 
schieden von dem Stimmverhältnisz dieser Parteien in dem 
Repräsentantenkörper. Auch in Europa ist es oft vorge- 
kommen, dasz sehr verbreitete und starke Parteien, z. B. die 
Liberalen , in Landesgegenden , wo der Klerus die Wahlen in 
ultramontaner Richtung bestimmt, oder auch die nationale 
Partei gegenüber den herrschenden Particularisten zu keiner 
oder einer unverhältniszmäszig geringen Repräsentation ge- 
langen konnten , oder auch umgekehrt die Ultramontanen und 
die Particularisten ohne Vertretung blieben. 

Soll aber die Vertretung das Volk darstellen, so musz 
sie die Züge des Volkes, wie es ist, in ihrem Antlitz tragen. 



Drittes Capitel.'Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Classen. 439 



Die blosze Möglichkeit, dasz das Volk und seine Vertretung 
je in ihren Majoritäten sich widersprechen, paszt offenbar 
nicht zu dem Gedanken der Repräsentation. 

Ueberdem werde'n gegen dieses Wahlsystem noch folgende 
Vorwürfe erhoben: 

1. Das Stimmrecht komme gleichmäszig allen Stats- 
bürgern zu und doch werden die sämmtlichen Minderheiten 
aller Wahlkreise wieder von jeder Theilnahme an den öffent- 
lichen Angelegenheiten ausgeschlossen, da ihre Stimmen ohne 
alle Bedeutung bleiben. Würde die ganze Bürgerschaft als 
Volksversammlung zusammen treten, so würde hier die Min- 
derheit ihre Meinung aussprechen und ihre Stimme geltend 
machen können, während sie aus der Volksvertretung ver- 
drängt und geradezu mundtodt gemacht werde. Dadurch 
werde aber die Rechtsgleichheit der Bürger verletzt und 
die Freiheit eines ansehnlichen Theiles der Bevölkerung 
unterdrückt. 

2. Die ganze Wahlart habe etwas Gewaltsames, indem 
die einzelnen Wähler genöthigt werden, damit ihre Stimme 
nicht von Anfang an hoffnungslos verworfen werde, sich für 
einen Candidaten einer der Hauptparteien zu erklären, wäh- 
rend mancher Wähler vorziehen würde, seine Stimme einem 
Andern zu geben. 

3. Sie begünstige das Part ei treiben und rege den 
Streit der Parteien auf ; sie mache die Wahl zu einer Partei- 
schlacht. 

4. Sie entziehe den Arbeiten der Volksvertretung manche 
besonders fähige und tüchtige Kräfte, indem oft aus- 
gezeichnete Männer von selbständiger Gesinnung von den 
Parteiführern mit Misztrauen und Ungunst betrachtet werden 
und daher nicht auf die von den Parteiclubbs gemachte und 
empfohlene Wahlliste aufgenommen werden und deszhalb auch 
keine Aussicht haben, gewählt zu werden. 

5. Es sei unwahr, dasz diese Wahlform alle Zeit der 



440 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Mehrheit die Herrschaft sichere; denn es entscheide regel- 
mäszig innerhalb einer jeden Partei wieder die Mehrheit und 
daher könne leicht die Mehrheit der Volksvertretung bei 
irgend einem Gesetz oder einem Beschlusz in Wahrheit nur 
die Meinung einer Minderheit sein, dann nämlich, wenn die 
Minderheit innerhalb der herrschenden Partei, welche nur 
aus Parteirücksichten mit der Majorität stimme, mit den 
sämmtlichen Stimmen der schwächeren Parteien zusammen 
die Mehrheit aller Mitglieder bilden würde. 4 

Um diesen Mängeln zu begegnen, wurden in- neuerer Zeit 
viele Vorschläge gemacht. Sowohl in Europa als in Amerika 
hat so die Frage der Wahlreform und insbesondere der 
Gedanke der Verhältniszvertretung (representation pro- 
portionelle) die Aufmerksamkeit aller Nationen erregt. 
Die hauptsächlichen Vorschläge sind: 
I. Der Gedanke von Considerant: 5 Jeder Bürger be- 
kenne sich zu einem Parteiprogramm. Dann sollen die De- 
putirtenstellen nach Verhältnisz der Theilnehmerzahl einer 
jeden Partei unter die Parteien vertheilt werden. Nehmen 
wir an, es bestehen in einem Lande vier Parteien, A, B, C 
und D. A hat 50,000 Anhänger, B 150,000, C 120,000, 
D 80,000. Demgemäsz würde A 50 Deputirte wählen, B 150, 
C 120 und D 80. 

Die Vertheilung der Stellen wäre allerdings verhältnisz- 
mäszig und insofern gerecht; aber der Vorschlag ist trotzdem 
verwerflich, weil er einen unläugbaren Uebelstand in einer 
Weise verbessert, welche ein viel gröszeres Uebel zur Folge 
hätte. Es würde der Stat selber nach Parteien orga- 
nisirt und dadurch zerrissen, während die richtige Organi- 
sation des Stats überall die Parteien wieder einigt und 
durch gemeinsames Recht zusammenhält. 

4 Naville La re forme electorale. Geneve 1867, deutsch von Wille, 
Zürich 1868. 

5 De la sincerite du gouvernement representatif. Geneve 1846. 



Drittes Capitel. Die Yerhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Classen. 441 



Verwandt mit obigem Vorschlag, aber auch ähnlichen 
Bedenken ausgesetzt, ist der Gedanke der freien Liste; 
indem jede Partei eine Liste mit einer gröszeren Zahl von 
Candidaten auflegt und die einzelnen Wähler sich dann für eine 
dieser Listen erklären können (nicht müssen). Ueberhaupt nähert 
sich die Anordnung groszer Wahlkreise mit vielen Wahlstellen 
diesem Verfahren, indem es dem einzelnen Wähler zu schwer 
wird, sich eine eigene Liste zu bilden und er vorziehen wird, 
sich an eine gedruckte Parteiliste anzuschlieszen. Diese Methode 
ist 1870 in Genf und 1875 in Frankreich von den gesetz- 
gebenden Körpern geprüft, aber nicht gutgeheiszen worden. 

IL Bedeutender ist der berühmte Vorschlag des Eng- 
länders Thomas Hare, 6 der durch Stuart Mill 7 und An- 
dere 8 lebhaft unterstützt wird. 

Hare will auch den Minderheiten eine ihrer Zahl ent- 
sprechende Repräsentation verschaffen, indem er ihre Stimmen 
nicht in den Wahlkreisen ohnmächtig verhallen läszt, sondern 
dieselben durch das ganze Land sammelt. Er geht von 
dem Gedanken aus, dasz ebenso wie die Volksvertretung Eine 
sei, so der Wahlkörper, der sie bezeichne, ebenfalls Einer 
sein müsse, d. h. sich über das ganze Land als Volkswahl- 
körper verbreiten müsse. Wohl möge die Abstimmung ört- 
lich vollzogen werden, an den Wohnorten der Wähler oder 
in der Nähe; aber der Grundfehler der jetzigen Einrichtung 
sei, dasz auch die Wahlen selbst einen örtlichen Charakter 
bekommen haben, statt nationale Landeswahlen zu sein. 

Demgemäsz benutzt er den Gedanken, welchen der Herzog 
von Richmond im Jahr 1780 in dem englischen Oberhause 

6 A Treatise on the election of Representation, zuerst London 1859, 
dritte Ausg. 1865. 

7 Ueber Repräsentativverfassung, übers, von Wille, Zürich 1862. 

8 Insbesondere L. Palma, Potero Elettorale. Milano 1869. S. 325. 
Padiletti in der Nuova Antologia, Firenze Setteuibre 1871. Brunialti 
Degli Inconvenienti etc. Vicenza 1871. Verhandlungen des Gr. Raths 
von Neuchatel 1869. 



442 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 

zuerst zur Sprache gebracht hatte, des sogenannten Wahl- 
quotienten, d. h. der Stimmenzahl, welche durch Division 
der Deputirtenzahl in die Zahl der sämmtlichen Wähler des 
ganzen Landes gewonnen wird, um darauf die Behauptung 
zu gründen, für jede Wahl genüge jene Stimmenzahl, und 
alle über dieselbe hinaus für einen Candidaten abgegebenen 
Stimmen seien überflüssig und kommen daher für die Gültig- 
keit der Wahlen nicht weiter, sondern nur insofern noch in 
Betracht, als sie das Ansehen des Gewählten erhöhen. Er 
gestattet nun jedem Wähler, seine Stimme für Eine Depu- 
tirtenstelle abzugeben, in dem Sinne, dasz die sämmtlichen 
im ganzen Lande auf einen Candidaten lautenden Stimmen 
so lange zusammen gezählt werden, bis der Wahlquotient 
erfüllt ist. So können sich die Minderheiten mehrerer oder 
aller Wahlorte verbünden und es wird ihnen nicht schwer, 
dann ihre Candidaten durchzubringen. 

Da aber die überschüssigen Stimmen wirkungslos sind, 
wie wenn sie nicht geschrieben wären, und jeder Wähler die 
Möglichkeit vorsieht , clasz auch seine Stimme als überflüszig 
beseitigt werde, so soll demselben verstattet werden, den 
zunächst gewollten Candidaten für den Fall, dasz sie schon 
die nöthige Stimmenzahl haben, andere Candidaten zu Sub- 
stituten. So kommt zu dem System des Wahlquotienten 
das der Wahlsubstitution, die sog. successive Ab- 
stimmung, hinzu. Wenn also z. B. der Wahlquotient 1000 
Stimmen beträgt, und für M, den der Wähler D in erster 
Linie genannt hat, bereits bei der Zusammenzählung 1000 
Stimmen abgegeben sind, so nennt für diesen Fall D in zweiter 
Linie den N, und wenn der N die nöthige Stimmenzahl auch 
ohne ihn hat, den 0. 

Für diesen Reformplan, dessen Detail noch besonderer 
technischer Festsetzungen bedarf und ein Centraibureau er- 
fordert, welches die Stimmen zusammenzählt und schlieszlich 
ordnet, wird angeführt: 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Gassen. 443 



1. Er sei gerecht, denn er sichere, im Gegensatz zu der 
Unterdrückung der Minderheiten, einer jeden irgend bedeu- 
tenden Meinung und Eichtling im Lande eine verhältnisz- 
mäszige Vertretung. Die Mehrheit im Volke werde auch 
die Mehrheit der Vertretung bilden können, aber die Minder- 
heiten finden noch Gehör, sobald sie zahlreich genug sind, 
um den Wahlquotienten zu erfüllen. 

2. Der Plan sei liberal, weil er jedem Wähler die Frei- 
heit der Wahl sichere. Die Wähler seien dann nicht ge- 
nöthigt, nur zwischen den Candidaten zu wählen , welche ihnen 
die groszen Parteien vorschlagen , sie können auch , indem 
sie sich mit ihren Gesinnungsgenossen im Lande vereinigen, 
ihre besondere Meinung zur Geltung bringen. 

3 . Der P a r t e i k a m p f werde dadurch ermäszigt ; denn 
sehr viele Wähler werden dann nicht Parteimänner, sondern 
solche Männer wählen, deren Mitwirkung an den Arbeiten 
der Volksvertretung ihnen nützlich erscheine. 

4. Der Vorschlag sei der Intelligenz günstig, indem 
ein ausgezeichneter Mann, dessen Geist und Kenntnisse für 
die Volksvertretung werthvoll seien, leicht im ganzen Lande 
die erforderliche Zahl Stimmen erhalten werde, während er 
in dem Wahlkreise seines Wohnorts die Wettbewerbung mit 
anerkannten Magnaten oder Parteiführern nicht zu bestehen 
vermöchte und in anderen Wahlkreisen der Mehrheit nicht 
bekannt sei, und von den Parteien nicht empfohlen würde. 
Mill legt auf dieses Argument ein groszes Gewicht. 

5. Es werde so die Harmonie erhalten zwischen dem 
Volke und seiner Vertretung und zugleich gelange der ganze 
Eeichthum der verschiedenen Kräfte, Bedürfnisse, Kich- 
tungen in dem Volke zu entsprechendem mann ichfaltigem 
Ausdruck. 

Der Grundgedanke von Hare, die Wahlen zur Volks- 
vertretung sind Volkswahlen und dürfen daher nicht blosze 
Ortswahlen sein, würde folgerichtig dahin führen, dasz alle 



444 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Repräsentantenstellen von dem Volke, d. h. von allen Wäh- 
lern besetzt werden. Aber das ist nicht möglich. 

Es ist ganz undenkbar, dasz jeder Wähler im ganzen 
Lande ein Urtheil habe über die Fähigkeit und die Taug 
lichkeit aller Abgeordneten des ganzen Landes, d. h. über 
mehrere Hunderte von Männern, die er nie gesehen, von denen 
er kaum je etwas gehört hat. Würden die einzelnen Wähler 
Hunderte von Namen auf ihren Stimmzettel schreiben und 
nun gar noch durch Substitution ordnen müssen, so wäre da 
für sie eine so schwierige und unsichere Arbeit, dasz fas 
Alle es vorziehen würden, die gedruckte Stimmliste bequem 
einzureichen, welche ihnen die geschäftige Betriebsamkeit der 
Parteiausschüsse in die Hand legen würde. Die Abstimmung 
der Wähler wäre eitler Schein und der sogenannte „Caucus" 
würde unbestritten die Wahlen dictiren. 

Um deszwillen wird jener Grundgedanke nicht durchge- 
führt, sondern ganz im Gegentheil jeder Wähler auf Eine 
Stimme für Eine Stelle beschränkt. Zu den Grundsätzen des 
Wahlquotienten und der Substitution (eventueller Ab- 
stimmung) kommt dann die Beschränkung der einfachen 
Wahl (single vote) hinzu. Damit wird in der That die Ge- 
fahr der dictirten Listen und der schroffen Parteibildung 
beseitigt. 9 Eher werden manche Wähler diese Beschränkung 
auf Eine Stelle als ungerechtfertigt empfinden, da sie bisher 
ihre Stimmen für mehrere Stellen abgegeben haben und sich 
auch fähig fühlen, für mehr als Eine Stelle zu votiren. 

Die Eintheilung des Landes in Wahlkreise entgeht 
jener Schwierigkeit auf anderem Wege und macht es mög- 
lich, dasz die Wähler, je nach Umständen, an zwei oder mehr 

9 Die Einwendung von Bagehot (engl. Verfassungszustände, übers, 
von Holtzendoi ff. Berlin 1868. S. 193) ist begründet gegen das Listen- 
verfahren, nicht aber gegen die Einzelwahlen. Ueber die letztern vgl. 
den Bericht der Reform League „Representative reform," London 1868, 
welche eine gute kurze Parstellung des Hare "sehen Planes gibt. 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Classe'n. 445 



Wahlen Theil nehmen. Dieselbe hat überdem manche nicht 
gering zu schätzende Vortheile. Sie gibt den verschiedenen 
Landesgegenden die Möglichkeit, die Mannichfaltigkeit ihrer 
Kräfte, Bedürfnisse, Interessen zu offenbaren und auch in 
der Volksvertretung reflectiren zu lassen. Sie durchkreuzt 
die einseitige Parteiherrschaft, indem in den einen Wahl- 
kreisen die eine Partei, in den andern aber eine andere Partei 
die Majorität hat. Sie ermäszigt die Parteiherrschaft durch 
die Rücksichten auf örtliche Notable, die auch abgesehen von 
der Gunst oder Ungunst einer Partei in der Nähe angesehen 
sind, und bei Wahlen nicht übergangen werden. 

Auch Hare wurde daher, trotz der grundsätzlichen Ver- 
werfung der örtlichen Wahlen genöthigt, die Vertheilung der 
Stellen auf die Wahlkreise als Regel zuzugestehen. Er be- 
gnügte sich, eine Ansnahme für solche Wähler zu ermöglichen, 
welche nicht gesonnen sind, die Candidaten des Orts zu 
Wählen, sondern vorziehen, sich mit Minderheiten anderer 
Orte für einen andern Candidaten zu verbünden. 

Mit solchen Modifikationen hat der Hare'sche Plan vielen 
Beifall gefunden. Indessen heute .noch sträuben sich die 
groszen Parteien meistens gegen die beantragte Reform. Sie 
fürchten von derselben eine Schwächung ihrer Macht und 
eine Hemmung ihres Einflusses. Sie ziehen vor, als Majori- 
täten die Minderheiten zu unterdrücken, und die Hoffnung- 
starker Minderheiten, später die Mehrheit zu erlangen, bewegt 
auch diese, lieber noch eine Weile ein Unrecht zu ertragen, 
für das sie später Revanche nehmen , als die Verhältniszwahl 
zu fordern. 

III. Die meisten Reformvorschläge , welche in der Gesetz- 
gebung einzelner Länder zur Sprache gekommen sind, behalten 
daher das Institut von örtlichen Wahlkreisen mit einer 
beschränkten Zahl von Deputirtenstellen bei, aber suchen 
dennoch den Minderheiten eine Vertretung zu sichern. Schon 
bevor der Plan von Hare veröffentlicht worden, hatte in 



446 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Dänemark der Minister Andrä, im Jahr 1855, ein Wahl- 
gesetz durchgesetzt, welches das System des Wahl quo ti eil- 
ten und die Substitution verwirklichte, aber nur inner- 
halb einzelner Wahlkreise, und nur solcher Wahlkreise, welche 
mehrere Deputirte zu wählen hatten (in der Regel drei). 
Wenn z. B. 1200 Stimmen in einem Wahlkreise abgegeben 
werden und drei Abgeordnete zu wählen sind, so darf für 
die erste Stelle jeder Wähler nur Eine Stimme abgeben. Der 
Wahlquotient beträgt somit 400 Stimmen und die über- 
flüssigen Stimmen werden nicht gezählt, statt- derselben aber 
die substituirten. Ist das Verhältnisz der Parteien 800 A 
und 400 B, so wird die Partei A zwei Stellen besetzen können, 
die Partei B eine. 

Um das Zustandekommen der Wahlen zu erleichtern, 
wird für den Fall, dasz die volle Stimmenzahl nicht erreicht 
würde, angenommen, dasz die Candidaten gewählt seien, 
welche die meisten Stimmen haben, insofern dieselben 
mehr als die Hälfte des Wahlquotienten betragen. 

Das dänische Wahlgesetz vermeidet so mehrere Bedenken, 
welche gegen das Hare'sche System erhoben werden, wenn 
gleich es in seinen Mitteln mit demselben übereinstimmt; 
aber dasselbe ist doch nur eine sehr beschränkte und fast 
zufällige Reform für einige Wahlkreise. 

IV. Eine andere Methode, der Minderheit neben der 
Mehrheit eine Vertretung zu verschaffen, hat die englische 
Gesetzgebung gemacht. Schon im Jahr 1854 hatte Lord John 
Rüssel im Parlament vorgeschlagen, in den Wahlkreisen, 
welche drei Mitglieder in das Unterhaus zu wählen haben, 
jedem Wähler nur zwei Stimmen zu gestatten. Man nennt 
dieses System die unvollständige Liste oder die be- 
schränkte Stimmenabgabe. Damals ging das Parlament 
noch nicht auf den Vorschlag ein. Aber im Jahr 1867 wurde 
derselbe von Lord Cairns im Oberhaus erneuert und fand 
nun die Billigung beider Häuser. Seither ist er Gesetz. 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung-. Verbände, Stände u. Classen. 447 

Bei den ausgebildeten Parteien Englands hat aber diese 
Clausel, welche der Minderheit in einem Kreise, der drei 
oder mehr Wahlen zu machen hat, Eine Stelle offen hält, 
nur eine geringe Bedeutung. In den meisten Wahlkreisen 
wirkt sie überhaupt nicht, weil dieselben höchstens zwei 
Stellen zu besetzen haben. Und für die wenigen dreisitzigen 
und die viersitzige City von London ist sie deszhalb nicht 
sehr erheblich, weil ohnehin jede starke Partei, auch wenn 
sie im Volke und in vielen Wahlkreisen in der Minderheit 
ist, in andern Wahlkreisen der Mehrheit sicher ist und daher 
nicht unvertreten bleibt. Das ganze Gesetz hat fast nur die 
Bedeutung eines verschämten Bekenntnisses , dasz die gewöhn- 
lichen Majoritätswahlen keine Garantie gegen eine ungerechte 
Ausschlieszung der Minderheiten gewähren. 

Die ganze Maszregel macht überdem den Eindruck der 
principlosen Willkür. 

V. Von G. Burnitz und G. Varrentrapp in Frank- 
furt ist die Methode der sogenannten Divisionswahlen 
empfohlen worden. Die gewöhnlichen Wahlkreise werden bei- 
behalten, dem Wähler aber überlassen, die Beihenfolge 
der Gewählten zu bestimmen und dann die Stimmen für die 
an erster Stelle Genannten voll gezählt, die Stimmen aber in 
zweiter Linie nur als halbe, die in dritter Linie nur als 
Drittelsstimmen u. s. f. berechnet. Aber es ist weder psycho- 
logisch, noch mathematisch richtig, der Reihenfolge in der 
Anordnung der Namen eine so grosze Bedeutung zu geben. 
Oft werden auf Wahllisten angesehene, aber entbehrliche 
Localautoritäten voran gestellt, ohne dasz es dem Wähler 
einfällt, sie doppelt so hoch zu werthen, als den Candidaten, 
den er an zweiter und dreimal so hoch, als den Candidaten, 
den er an dritter Stelle setzt. Die gesetzliche Werthbestim- 
mung musz aber einen Anhalt finden in der natürlichen 
Schätzung der Sitte und eben dieser Anhalt fehlt gänzlich. 

VI. Wieder eine andere vorgeschlagene Methode ist die 



448 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



der cumulirten Wahlen. Sie besteht darin, dasz jedem 
Wähler, welcher an einer Mehrzahl von Wahlen Theil nehmen 
darf, gestattet wird, seine mehreren Stimmen auf Einen Can- 
didaten zu vereinigen. 

Diese Methode hat in England und in Amerika Verthei- 
diger und sogar an einigen Orten (Cap der guten Hoffnung, 
in Pennsylvanien und Illinois) 10 eine beschränkte Anwendung 
gefunden. Aber sie ist nur ein mathematisches Auskunfts- 
mittel und hat keinen Rechtsgrund; denn das Gesetz theilt 
einem jeden Wahlkreise mehrere verschiedene' Stellen zur 
Besetzung zu; und dieser Absicht des Gesetzes handelt der 
Wähler entgegen, wenn er für Eine Stelle denselben Namen 
mehrfach wählt. 

VII. Verbände. Alle diese Reformvorschläge gehen 
immer von den besondern Wahlstimmen der einzelnen 
Wähler aus. Aber ebenso beruht auch unser regelmäsziges 
Wahlsystem auf demselben Grundgedanken. Es zählt immer 
nur die einzelnen Stimmen der Statsbürger. Dieser Gedanke 
ist offenbar ein Erzeugnisz der gesellschaftlichen Stats- 
lehre, welche vorerst nur die Individuen sieht als gleiche 
Antheiler an der Statsgesellschaft und alles öffentliche Recht 
gleichmäszig unter dieselben vertheilt. Damit aber wird ein 
Grundgebrechen unsrer Wahlordnung aufgedeckt, die gefähr- 
liche und doch unbefriedigende Auflösung des Volks in Hun- 
derttausende und Millionen Wähler, die unter sich nicht 
verbunden sind. Die so aufgelösten Mengen sind denn 
freilich wie der Sand und Staub durch jeden Windstosz leicht 
aufzuregen und aufzuwirbeln. 

Die organische Statslehre betrachtet den Stat und das 
Volk nicht als einen solchen Sandhaufen atomistischer Stimm- 
rechte, sondern als einen groszen organischen Körper, der 
naturgemäsz in mancherlei Gruppen und engere 

10 Associazione per lo Studio della rapprensentanza proportionale. 
Rome 1872. S. 17. 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Classen. 449 



Verbände gegliedert ist, deren Zusammenwirken und 
Ineinandergreifen dem Ganzen sowohl Festigkeit als Man- 
nichfaltigkeit verleiht. 11 

Es war ein Fortschritt der heutigen Naturwissenschaft, 
als sie entdeckte, dasz die Pflanzen und selbst die Thier- 
körper aus lauter Zellen bestehen, aber es wäre doch ein 
entsetzlicher Rückschritt in der organischen Natur, wenn das 
ganze Geschöpf unvermittelt aus gleichmäszigen Zellen zu- 
sammen gefügt, statt aus Gliedern gebildet würde, welche 
den einzelnen Zellen eine näher liegende Aufgabe anweisen. 
Ebenso war es ein Fortschritt der Statswissenschalt und der 
modernen Statenbildung, dasz sie die einzelnen Personen 
als berechtigte und verpflichtete Statsbürger erkannte, aber 
es war eine gefährliche Verirrung, als sie die organische 
Natur des Volkes verkennend, in dem Volk alle vorhandenen 
Verbände auflöste und die Bürger, welche zunächst für ihren 
Verband ein Verständnisz hatten und durch denselben mit 
dem State sich verbunden fühlten, aus diesem Zusammen- 
hang heraus risz und als allgemeine Statsgesellschafter, 
häufig ohne Verständnisz, zu Wählern machte. Man traute 
ihnen eine Fähigkeit der Abstraction zu und einen Weitblick, 
welche sie nicht haben. 

Wäre die Wahl hauptsächlich nach Verbänden organisirt, 
so würde die Gefahr einer leidenschaftlichen und einseitigen 
Parteiherrschaft und damit auch die Gefahr, dasz die Minder- 
heiten unvertreten bleiben, ohne weiters beseitigt. Die Wahlen 
würden eher mannichfaltig als einseitig ausfallen. Die Volks- 
vertretung würde eher den politisch wichtigen Gruppen und 

11 Vgl. auch R. Gneis t Statsverwaltung und Selbstverwaltung. Berlin 
1869. S. 59. Er wirft den Minoritätswahlen vor, dasz sie den letzten 
Zusammenhang der Nachbarschaft, den Zusammenhang zwischen Ver- 
waltungsgemeinde und Parlament, völlig auflösen, die Bande zwischen 
Parlament, Grafschaftsverwaltung und Selfgovernment zerschneiden und 
das „allgemeine Menschheitsstimmrecht" vorbereiten. 

Bluntschli, die Politik. 29 



450 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Gemeinden, aus denen der Stat besteht, zum Ausdruck 
dienen und die Volksnatur in einem deutlichen, verkürzten 
und verschönten Bilde getreu darstellen, während sie jetzt zu 
sehr nur der Ausdruck der massenhaften Parteiströmungen 
innerhalb des .Volkes ist. 

In der That können die Wahlkreise einigerraaszen das 
Erfordernisz organischer Gliederung berücksichtigen, aber 
nicht, wenn dieselben willkürlich aus völlig heterogenen , un- 
zusammenhängenden Theilen abgezirkelt werden , sondern nur 
dann, wenn sie aus bestimmten Gemeinden oderAemtern 
bestehen. Die in Deutschland herkömmliche Unterscheidung 
von Stadtgemeinden und Landgemeinden ist ebenfalls 
von solcher Art. In der That ist der Charakter und sind 
die Kräfte, die Bildung und die Bedürfnisse der Städte und 
der Landschaften sehr verschieden und es hat deszhalb ganz 
guten Grund, den Städten mit Rücksicht auf ihre mannich- 
faltigeren Kräfte, ihre erhöhte Bildung und ihre reicheren 
Bedürfnisse eine Vertretung zu gewähren, welche sich nicht 
blosz nach der Zahl der Wähler richtet, sondern diese Be- 
deutung für das Ganze beachtet, während die Landgemeinden, 
die ohnehin sich mehr über das Land ausbreiten , aber auch 
einfachere und gleichartigere Verhältnisse zeigen und daher 
hinreichend vertreten sind, auch wenn man hier gröszere 
Wahlkreise bildet. Gleiche Wahlkreise zu Stadt und Land 
der Zahl nach sind keineswegs, wie sich die atomistische 
Doctrin einbildet, eine Forderung der Rechtsgleichheit, son- 
dern eine Miszachtung der Verhältniszmäszigkeit und daher 
auch der wahren Gleichheit. 

Es ist denkbar, dasz die Einführung der freiwilligen 
Wahlgruppen, wie sie Hare vorschlägt, die zukünftige 
bessere Organisation der Wahlverbände vorbereiten würde. 
Aber diese Hoffnung kann trügen; denn wahrscheinlich würden 
die meisten freiwilligen Wahlgruppen sich entweder nach 
Parteien oder nach Interessen zusammen schlieszen. 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Classen. 451 



Beides aber wäre für den Stat schädlich, denn die Parteien 
dürfen nicht zu Gliedern des Statskörpers gesteigert, sondern 
müssen vielmehr durch die Gliederung des Statskörpers ver- 
bunden und geeinigt werden ; eine Organisation nach Privat- 
interessen würde den egoistischen Interessenkampf hervor- 
rufen und das gemeinsame Statsinteresse zurück drängen. 

Innerhalb der organischen Verbände entscheidet 
zunächst die Einheit des Verbandes, und daher auch die 
Mehrheit der Stimmen. Wohl aber lassen sich Gründe denken, 
welche eine verhältniszmäszige Vertretung auch der ver- 
schiedenen Fractionen berücksichtigt und dadurch im Gegen- 
satz zu ausschlieszlicher Herrschaft der Majorität, den Minder- 
heiten eine Stimme sichert. Für solche Fälle ist der Gedanke 
von Hare gerecht und brauchbar. 

VIII. Stände- und Classenvertre tung. Die öffent- 
liche Meinung ist einer Vertretung nach Ständen schon 
deszhalb abgeneigt, weil der moderne Kepräsentativstat mit 
seiner einheitlichen Volksvertretung nur im Kampfe mit den 
mittelalterlichen Ständen zur Geltung gelangt ist. Der Ge- 
danke einer ständischen Vertretung erscheint ihr daher als 
reactionär. Sie fürchtet, dasz man mit Hilfe desselben wieder 
zurücksteuern möchte zu der Herrschaft der privilegirten ari- 
stokratischen Stände, welche im Mittelalter auf die untern 
Classen gedrückt und dieselben zu ihrem Vortheil ausgebeutet 
hatten. Man wirft überdem dem ständischen System, und 
nicht ohne Grund vor, dasz es seine Vertreter mit ständi- 
scher Beschränktheit umstricke und ihren Blick von der ein- 
heitlichen Volksgemeinschaft und den nationalen Gesammt- 
interessen ab , und auf die ständischen Sonderinteressen 
hinlenke. Man sagt, dasz die Vertretung der Stände nicht 
Volksvertretung, sondern Volksspaltung sei. 

In der That; obwohl sich dafür sagen liesze, dasz heute 
auch die Volksstände der Bauern und der Arbeiter eine Ver- 
tretung erhielten, durch welche sie auch den aristokratischen 



452 Zehntes Buch. Volksvertretung- und Gesetzgebung. 



Ständen gegenüber ihre Rechte wahren und ihre Interessen 
schützen könnten, so steht doch einer Erneuerung der Re- 
präsentation nach Ständen das ernste Bedenken im Wege, 
dasz die Stände ihre Hauptbedeutung auszerhalb des 
States und nicht als Glieder des States haben, und daher 
durch ihre Natur auf eine Sonderstellung und Sonder- 
interessen hingewiesen werden. Die Einheit des Volks 
und die Rechte der Gemeinschaft der verschiedenen Berufs- 
classen kommen daher nicht zu vollem Ausdruck und werden 
leicht durch den Widerstreit und die Selbstsucht der Stände 
bedroht. Wenn Stuart Mill sich auch gegen die Classen- 
ver tretung erklärt, so hat er doch nur die Berufsclassen 
im Sinne, die selber wieder Stände oder ständische Unter- 
abtheilungen sind, insofern sie auf Gleichartigkeit der 
Lebensweise, des Berufs und der Interessen beruhen. 
Die Kaufleute, Fabrikanten, Handwerker, Hausbesitzer, Land- 
bauern, Lohnarbeiter sind als Berufsclassen zugleich Stände, 
wenn auch moderne Stände. 

Die eigentliche Classeneintheilung unterscheidet sich aber 
von der ständischen dadurch, dasz sie von der Statsauto- 
rität nach Statsrück sichten und zu Statszwecken ge- 
macht ist und deszhalb der Einheit des Volkes und States 
nicht gefährlich wird. Die Classen bestehen nicht abgesehen 
vom State und sind daher ohnmächtig gegen den Stat. Der 
Stat kann so die Bürger in Classen eintheilen, wie das in 
der Servianischen Verfassung geschehen ist, mit Rücksicht 
auf ihr Alter, ihr Vermögen, ihre statlichen Leistun- 
gen, auch mit Rücksicht auf ihre Bildung. Diese Unter- 
schiede durchschneiden die Stände, und sammeln ihre Glieder 
aus verschiedenen Ständen. 

Die Gründe, welche einer ständischen Vertretung im 
Wege stehen, sind daher keine Hindernisse der Classen- 
vertretung. Nur die Verwechslung dieser mit jener bringt 
die Classenvertretung in ein ungünstiges Licht. Aber es wird 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung. Verbände, Stände u. Classen. 453 



noch eine lange Zwischenzeit nöthig werden, bis der Gedanke 
einer solchen Classenvertretung ausführbar werden wird. 
Einstweilen bieten die örtlichen Verbände die einzige 
Möglichkeit dar, das allgemeine Stimmrecht an eine organi- 
sche Einrichtung anzuknüpfen. 

Einen hieher gehörigen Vorschlag hat neuerlich Gneist 
gemacht, indem er das preuszische Dreiclassensystem, 
nach Fürst Bismarcks Meinung die am wenigsten empfehlens- 
werthe Wahlordnung, neu begründet und empfiehlt. Er macht 
und mit Grund auf das Miszverhältnisz aufmerksam zwischen 
dem Wahlsystem nach der Kopfzahl und dem Steuersystem 
nach dem Vermögen, und beruft sich dabei auf die An- 
gabe eines englischen Statistikers, dasz nach der Kopfzahl 
von 100 Stimmen auf die höhern Classen 4, auf die Mittel- 
classen 32 und auf die arbeitende Classe 64 Stimmen fallen, 
nach dem Masz der Steuern dagegen auf die höheren Classen 
83, auf die mittleren 10, und auf die arbeitende Classe 4 
kommen würden. Wenn auch in Deutschland das Miszver- 
hältnisz nicht so grosz ist, indem die Mittelclassen sowohl 
an Zahl als an Steuerleistung viel schwerer ins Gewicht fallen, 
so ist es doch auch bei uns unläugbar vorhanden und das 
Bedürfnisz einer billigen Ausgleichung zwischen dem Stimm- 
recht der Beschlieszenden und der Zahlenden anzuer- 
kennen. 

Ebenso verdient der Gedanke, den Gneist immerfort mit 
besonderem Nachdruck betont, unsere Billigung, dasz zwischen 
den Rechten im State und den Pflichten, beziehungs- 
weise den öffentlichen Leistungen ein natürlicher Zu- 
sammenhang sei. Es ist wahr, dasz die Bürger zunächst in 
den engeren Verbänden der Gemeinde, der Kreise u. s. f. sich 
an den öffentlichen Geschäften betheiligen , dasz ihre Befähi- 
gung zur Theilnahme an der Statsverwaltung erst durch die 
Uebung in der Selbstverwaltung in engeren Kreisen ent- 
wickelt wird. 



454 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Wir stimmen ihm ferner bei, wenn er behauptet, dasz 
die grosze Mehrheit der kleinsten Steuerzahler gar nicht in 
der Lage sei, Gemeindeämter oder Repräsentativämter im 
State übernehmen zu können, und die Musze nicht habe, 
sich bei diesen öffentlichen Leistungen zu betheiligen. Um 
dieselben dennoch nicht etwa von dem öffentlichen Dienst 
und Recht auszuschlieszen , schlägt er daher vor, die dritte 
Wählerclasse mittelbar zu betheiligen und zwar so, dasz 
sie, „das ihr zukommende Contingent (V3) der persönlichen 
Verpflichtung zum Geschwornendienst und für die Gemeinde- 
ämter durch Wahlen aus ihrer Mitte gestelle" und dann 
ebenso bei den Wahlen zur Volksvertretung den ihr zu- 
kommenden Antheil Stimmen durch ihre Repräsentanten er- 
halte. Er will also unmittelbare Wahl nur für die beiden 
oberen Classen und mittelbare Wahl (durch Wahlmänner) 
für die dritte Classe. 

Aber wir bezweifeln, dasz der Vorschlag einer solchen 
Dreiclassenwahl viel Beifall finden werde, und sind der Mei- 
nung, dasz auch ihm erhebliche Bedenken entgegen stehen. 
Da Gneist die beiden obern Classen gleichstellt und beide 
zusammen der dritten Classe gegenüberstellt, so ist das System 
in Wahrheit ein Zweiclassensystem, d.h. die v ermöglichen 
Wähler werden zusammen den unvermöglichen entgegen- 
gesetzt. Es scheint uns aber in unserer Zeit kaum etwas 
gefährlicher als diese Entzweiung der Nation in besitzende 
und nichtbesitzende Individuen und Classen. Die politische 
Aufgabe ist vielmehr, diese mit jenen so vielfältig zu ver- 
binden , dasz ein Krieg der einen gegen die anderen gar nicht 
möglich ist. 

Wenn einmal die Classeneintheilung gelingen und diese 
Gefahr vermieden werden soll, so bedürfen wir mehr als zwei 
Classen und darf nicht das Masz des Steuerbetrags für sich 
allein die Masse spalten. Wir brauchen mehr Unterschei- 
dungen und leichtere Uebergänge. Es wird auch 



Drittes Capitel. Die Verhältniszvertretung. Verbände , Stände u. Classen. 455 



schwerlich gelingen , da wo die unmittelbare Wahl eingeführt 
ist, sie wieder auf die mittelbare Wahl durch Wahlmänner 
herabzudrücken, denn auch die Massen nehmen ein weit 
gröszeres Interesse an den Wahlen, wenn sie ihr Vertrauen 
unmittelbar ihrem Candidaten zuwenden dürfen, als wenn sie 
nur Wahlmänner wählen sollen ; sie werden daher die mittel- 
bare Wahl als einen Verlust an ihren Rechten empfinden. 
Der Vorth eil , dasz die Wahlmänner durchschnittlich in Fähig- 
keit und Bildung eine Stufe höher stehen, als der Durch- 
schnitt der Urwähler, eben weil jene von diesen gewählt, 
d. h. ausgezeichnet sind, geht aber wieder grösztentheils ver- 
loren, wenn die Wahlmänner nur aus der unvermögenden 
Classe gewählt werden dürfen. Weszhalb soll nicht das Ver- 
trauen dieser Classe sich auch den vermöglichen und ge- 
bildeten Individuen zuwenden dürfen? Auch hier musz die 
Verbindung erhalten bleiben und darf nicht die Trennung 
zum Gesetz gemacht werden. Wenn es unmöglich ist, die 
Ehrenämter der Gemeinderäthe und Geschworenen durch Ar- 
beiter zu besetzen, welche genöthigt sind, um ihr tägliches 
Brod zu ringen, so wird diese Unmöglichkeit nicht dadurch 
beseitigt, dasz es den Unvermöglichen überlassen wird, sich 
durch Wahl die Personen zu bezeichnen, welche diese Aemter 
übernehmen müssen. Die Wahl schafft kein Brod und ge- 
währt keine freie Musze. Wenn also die Wahl den Antheil 
bestimmen soll, welche diese Classen an jenen Aemtern neh- 
men, so wird sie wieder nur so die geeigneten Personen 
treffen, dasz jenen die Freiheit verstattet wird, aus allen 
Classen zu wählen. 

Als Ergebnisz dieser Prüfung ist daher anzunehmen: 
Wir müssen das allgemeine Stimmrecht als die Grundlage des 
heutigen Wahlsystems festhalten, aber die Mängel desselben 
dadurch zu heben suchen, dasz bei der Bildung der Wahl- 
kreise und ihrer Unterabtheilungen der Organismus der ört- 
lichen Verbände erhalten, nicht zerrissen und auch auf den 



456 Zehntes Buch. Volksvertretung 1 und Gesetzgebung. 



Vorzug der Cultur und die weiteren Bedürfnisse und Kräfte 
der Städte billige Rücksicht genommen werde, und dasz dafür 
gesorgt werde, dasz nicht starke Minderheiten ohne Vertretung 
bleiben, oder offenbar unverhältniszmäszig schwach vertreten 
werden. Die feinere Ausbildung der Classenwahlen auf jener 
Grundlage ist zur Zeit nicht möglich und daher einer spä- 
teren Zukunft vorzubehalten. 



Viertes Capitel. 

Oesetzbücher und Specialgesetze. Sprache der Gesetze. 
Gesetzesentwurf. 

Der im zweiten und dritten Jahrzehent unsers Jahrhun- 
derts mit groszem Eifer geführte Meinungsstreit a über die 
sogenannte Codificationsfrage ist für die europäischen 
Staten und des amerikanischen Continents thatsächlich er- 
ledigt. Fast alle neueren Culturvölker haben den Versuch 
gemacht, ganze Rechtsgebiete durch eine umfassende Gesetz- 
gebung zu ordnen und dadurch sich für die Codification ent- 
schieden. Keines derselben hat eine Reue gezeigt über diesen 
betretenen Weg, keines hat seine Gesammtwerke der Art 
wieder beseitigt, keines ist zu der früheren Praxis, welche 
nur eine gemeinrechtliche Doctrin und daneben einzelne Spe- 
cialgesetze kannte, zurück gekehrt. Im Gegentheil, fort- 
während werden neue Unternehmungen eingeleitet zu um- 
fassender Codification. England ist fast das einzige Land, in 
welchem es noch keine Gesetzbücher, wohl aber unüberseh- 

12 In Deutschland wurde der Streit durch zwei berühmte Pandektisten, 
Thibaut für und Savigny gegen die Codification (1814), geführt. 
Vgl. darüber Bluntschli, die neueren Rechttsschulen der deutschen 
Juristen und in der Einleitung zu dem privatrechtlichen Gesetzbuch von 
Zürich. Ueber die ausländische Litteratur vgl. v. Mohl, Politik. 1. S. 457. 



Viertes Capitel. Gesetzbücher u. Specialgesetze. Sprache der Gesetze etc. 457 

bare Mengen von Specialgesetzen gibt; aber dieser Zustand 
wird von keiner andern Nation beneidet und erscheint auch 
gebildeten Engländern sehr bedenklich, wenn gleich sich ein- 
zelne Geschäftsmänner, welche aus ihrer Gesetzeskenntnisz in 
einzelnen Zweigen ein fruchtbares Gewerbe ableiten, bei der 
allgemeinen Verwirrung gut stehen. 

Der Gedanke, der in früheren Zeiten voraus durch grosze 
Statsmänner und Herrscher vertreten war, wie z. B. Julius 
Cäsar, Justinianus , Kaiser Karl der Grosze, Kaiser Friedrich IL, 
König Ludwig XIV. von Frankreich, König Friedrich IL von 
Preuszen, Kaiserin Maria Theresia von Oesterreich, Kaiser 
Napoleon I. von Frankreich, Kaiser Alexander I. von Kuszland, 
dieser Gedanke ist heute ein Gemeingut der civilisirten Welt. 

Wir besitzen heute eine grosze Zahl von allgemeinen 
Gesetzbüchern über das Privatrecht überhaupt und das Han- 
dels- und Wechselrecht insbesondere, über das Strafrecht, 
über Militärstrafgerichtsbarkeit, Proceszordnungen für den 
Civilprocesz und den Strafprocesz u. s. f. Die heutigen Stats- 
verfassungen sind ebenso übersichtliche Darstellungen der 
wesentlichsten Rechtsgrundsätze über öffentliches Recht. Es 
fehlen selbst erste, freilich noch seltene Versuche (voraus im 
State New- York) nicht, das Statsrecht einzelner Länder zu 
codificiren, wie das Privat- und Strafrecht. Den Uebergang 
bilden die Polizeistrafgesetzbücher mancher Staten, weil hier 
vieles den Verordnungen, je nach dem Wechsel der Bedürf- 
nisse, anheim gegeben werden musz. Dazu sind in neuester 
Zeit auch die Versuche einer Codification des Völkerrechts 13 
gekommen. 

!3 Wissenschaftliche Gesammtdarstellungen des Völkerrechts in Form 
von Rechtsbüchern sind Bluntschli, Das moderne Völkerrecht. Nörd- 
lingen, erste Aufl. 1868, zweite 1874, und Dudley-Field, Draft Outlines 
of international law. New-York 1870. Eine statliche Codification des 
Kriegs Völkerrechts wurde auf Anregung des Kaisers Alex and er II. 
von Ruszland in Brüssel als gemeinsames Werk der europäischen Staten 
1874 vorbereitet. 



458 Zehntes Buch. Volksvertretung- und Gesetzgebung. 



Der Codification des Statsrechts steht als Hindernisz im 
Wege die grosze Veränderlichkeit desselben in unsrer Zeit, 
welche nur mühsam den Neubau des modernen Stats vollzieht. 

Ein Hauptvorzug der Gesetzbücher besteht darin, dasz 
dieselben den ganzen Rechtsstoff eines Gebietes in seinem 
inneren Zusammenhang als ein harmonisches Ganzes 
begreifen und darstellen. Die einzelnen Institutionen und 
Rechtssätze werden daher in ihrem richtigen Verhältnisz zu 
allen andern und zu dem ganzen Rechtskörper aufgefaszt. 
Die ganze Rechtsordnung gewinnt so an Ueb er sichtlich- 
keit, Klarheit, Uebereinstimmung und Anwendbar- 
keit. Eine vollständige und gründliche Kenntnisz ist freilich 
auch da nur den Juristen möglich. Aber auch jeder gebildete 
Mann kann doch das Buch lesen und sich in vielen Dingen, 
die für sein Leben und seine Geschäfte wichtig sind, zurecht 
finden. Wo er Zweifel hat, kann er leicht den Rath von 
Rechtskundigen einholen und denselben controliren. Freilich 
hängt diese allgemeine Brauchbarkeit des Gesetzbuchs einer- 
seits von der Natürlichkeit und Faszlichkeit der Begriffe und 
der Gemeinverständlichkeit und Klarheit der Gesetzessprache 
ab, und andrerseits von dem Bildungsstand der Denkfähig- 
keit der Leser. 

Ueberdem dient diese Art der Gesetzgebung dazu, die 
Widersprüche parti cularis tisch er Rechtsbildung durch die 
Aussprache eines gemeinsamen Rechts zu überwinden und 
der nationalen oder der humanen Rechtsbildung Ausdruck 
und Wirksamkeit zu verschaffen. 

Wenn der gesammte Rechtszustand einer Nation an schwe- 
ren Gebrechen leidet und einer umfassenden Reform bedarf, 
so gibt es für diese kein anderes Mittel; denn die Special- 
gesetzgebung würde die Verwirrung noch gröszer und die vor- 
handenen Widersprüche noch schroffer machen. Der frühere 
Rechtszustand in den europäischen Ländern, insbesondere in 
Deutschland mehr noch als in Frankreich, krankte aber an 



Viertes Capitel. Gesetzbücher u. Specialgesetze. Sprache der Gesetze etc. 459 

unleidlichen Uebeln. Das Privatrecht der letzten Jahrhun- 
derte beruhte auf einer wunderlichen Mischung von römischen 
und germanischen Begriffen. Die Juristen verehrten einer- 
seits die Gesetzgebung des byzantinischen Kaisers Justinian 
und die Jurisprudenz einer fremden antiken Nation wie ein 
subsidiäres Gesetz auch für die heutige Welt, ohne deszhalb 
über den Sinn der römischen Rechtssätze einig zu sein; und 
andrerseits wirkten auch die germanischen, fränkischen und 
deutschen Gewohnheiten, Einrichtungen, Ideen nach, zum 
Theil in mittelalterlichen Formen ausgeprägt. Und neben 
diesen beiden geschichtlichen Autoritäten machten sich mo- 
derne Bedürfnisse und moderne Gedanken geltend. 

Diese drei Massen waren keineswegs zu einem harmoni- 
schen Ganzen verwachsen, sondern durchkreuzten und be- 
stritten sich wechselseitig. In der Absicht, diesem Wirrwarr 
ein Ende zu machen, sind das preuszische Landrecht, 
der Code Napoleon und das österreichische Gesetz- 
buch geschaffen worden. Die Nationen lieszen sich die Mängel 
und Fehler dieser Werke willig gefallen, weil sie durch die- 
selben von noch gröszeren Uebeln befreit wurden. Ebenso 
haben das deutsche Wechselrecht und das deutsche 
Handelsgesetzbuch die zufällige und schädliche Verwir- 
rung zahlreicher particulärer Wechselordnungen und Handels- 
rechte beseitigt. Auch im Strafrecht bestand früher eine 
ähnliche Mischung von römischem und deutschem gemeinen 
Recht und vielerlei Landesgesetzgebungen und ist endlich ein 
gemeinsames gleiches deutsches Strafgesetzbuch für die 
ganze Nation hergestellt worden. 

Das Streben der Zeit geht offenbar noch weiter. Vor 
dem allgemeinen menschlichen Grundcharakter des modernen 
Rechts, welches die mancherlei Nationen eher zu einigen als 
zu trennen berufen ist, erblaszt auch die nationale Farbe der 
Gesetzgebung und fangen internationale und humane Rechts- 
gedanken an, eine Gestaltung zu fordern. 



460 Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



Nur durch solche allgemeine Gesetzbücher wird es ferner 
möglich, mit dem überlieferten Wust veralteter Rechtssätze 
aufzuräumen, das unbrauchbar Gewordene auszuscheiden, das 
Fremdartige abzustreifen , das gegenwärtige Rechtsbewusztsein 
zu klären und demselben Macht zu verleihen. 

Freilich müssen mit jedem solchen neuen Werk auch 
einige Nachtheile mit übernommen werden. Auch wenn das- 
selbe nicht im Geiste revolutionären Umsturzes, sondern in 
dem zeitgemäszer Entwicklung vollzogen wird, so erleidet 
dennoch die Autorität des Herkommens und der Tradition 
eine Erschütterung. Viel altes Recht geht unrettbar unter. 
Mancher neue Rechtssatz musz aufgenommen werden. Der 
Fortbestand des geschichtlichen Rechts wird vielfältig in Frage 
gesetzt. Es dauert immer längere Zeit, bis die Erinnerung 
an das alte Recht erlöscht und der Glaube an das neue Recht 
sich befestigt. Ein groszer Theil der wissenschaftlichen Ar- 
beiten und der Gerichtspraxis aus frühern Zeiten verlieren 
ihren Werth. Die neue Litteratur und Praxis lassen auf sich 
warten. In dieser Zeit treten Unsicherheit und Schwanken 
ein, welche der Anerkennung und Geltung des Rechts schäd- 
lich sind. 

Ein anderer Mangel hat seinen Grund darin, dasz die 
Redactoren eines Gesetzbuchs unmöglich jeden einzelnen 
Rechtssatz so gründlich prüfen können, wie das bei Special- 
gesetzen geschieht. Ihre Aufmerksamkeit ist dem Ganzen 
zugewendet, und zu besonderen Detailstudien fehlt ihnen oft 
die Zeit. Aber dieser Mangel wird mehr als aufgewogen 
durch den Ueberblick über die verwandten Rechtstheile und 
durch die Einsicht in die Grundbedingungen des ganzen 
Rechtskörpers. 

Die Gesetzbücher sind wieder in zwei verschiedenen 
Hauptformen möglich, entweder als Sammelwerke (Com- 
pilationen) oder als Gesammtwerke (Codification im engeren 
Sinn). 



Viertes Capitel. Gesetzbücher u. Specialgesetze. Sprache der Gesetze etc. 461 



Die Sammelwerke begnügen sich, die älteren Gesetze, 
so weit sie noch brauchbar scheinen, zuweilen in gekürzter 
Fassung aufzunehmen und nur das Veraltete und unpassend 
Gewordene wegzulassen. Von der Art waren die Gesetzbücher 
der byzantinischen Kaiser Theodosius und Justinian, der Tal- 
mud, viele mittelalterliche Gerichtsbücher, der russische Swod. 

Diese Methode bewahrt besser das fortdauernde Ansehn 
der Tradition , des Gerichtsgebrauchs , der Rechtswissenschaft. 
Sie bewirkt eine geringere Störung der Rechtssicherheit. Sie 
vermindert so die Nachtheile der Codification. 

Aber sie gewährt auch die Vortheile nur unvollständig, 
welche nian von der Reform erwartet. Sie wagt nicht ganze 
Arbeit zu machen. Sie paszt eher zu Nationen, welche wie 
die antik römische der späteren Kaiserzeit, deren männliche 
und schöpferischen Kräfte groszentheils aufgezehrt sind und 
im Greisenalter wohl noch das Andenken an ihre früheren 
Werke erhalten haben, aber auszer Stande sind, Neues zu 
schaffen, oder wie die russische, noch nicht ein höhere und 
freiere Cultur erworben haben. 

Nationen dagegen, in welchen die Rechtswissenschaft 
noch an Blüthen und Früchten reich und der gestaltende 
Rechtssinn noch thatkräftig ist, werden die durchgearbeiteten 
Gesammtwerke bloszen Sammelwerken vorziehen. In dem 
heutigen Westeuropa und in Amerika denkt man daher nur 
an diese, nicht an die compilatorische Form, wenn man neue 
Gesetzbücher verlangt. 

Neben den Gesetzbüchern behalten aber auch die Spe- 
cialgetze ihren Werth. Auch sie sind in manchen Fällen 
geradezu nothwendig, in noch andern Fällen zweckmäszig. 
Wenn besondere Ursachen eine sorgfältige nähere Bestimmung 
erfordern, wenn ein neues, bisher noch unbekanntes und un- 
geordnetes Bedürfnisz sich zeigt, so kann man nicht die Re- 
vision des Gesetzbuchs abwarten, sondern musz ohne Verzug 
Hülfe schaffen. Wenn überdem wechselnde Erscheinungen 



462 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



und Gefahren blosz vorübergehende Anordnungen nöthig 
machen, wie oft auf dem Gebiete des Polizeirechts, wenn 
man genöthigt ist, Experimente zu versuchen von zweifel- 
haftem Werthe, dann gehören solche Vorschriften nicht in 
ein Gesetzbuch, welches eine dauerhafte und sichere Geltung 
haben soll. Seltener wird das Strafrecht, öfter das Privat- 
recht, am häufigsten das öffentliche Recht solcher Special- 
gesetze bedürfen. 

Die Specialgesetze verhalten sich zu den allgemeinen 
Gesetzbüchern wie in der Wissenschaft besondere Unter- 
suchungen zu übersichtlichen Systemen, wie die detaillirte 
Zeichnung eines einzelnen Gliedes zu dem Bilde des ganzen 
Körpers. Sie können genauer im Einzelnen durchstudirt und 
feiner ausgebildet werden. Aber wenn das ganze Recht, wie 
vornehmlich in England, in einer Menge von Specialgesetzen 
dargestellt wird, so wird ein Ueberblick sogar für die grosze 
Mehrzahl der Rechtsgelehrten unmöglich. 

Die Sprache der Gesetze soll zugleich wissenschaftlich 
correct und volkthümlich klar sein. Sie soll die Juristen be- 
friedigen und der Nation verständlich sein. Sie darf daher 
nicht in langathmigen Perioden, sondern musz in kurzen 
Sätzen sich äuszern. Unverständliche Fremdwörter sind zu 
vermeiden , auch wenn sie der gelehrten Jurisprudenz geläufig 
sein mögen. Die Begriffsbestimmungen müssen so scharf ge- 
faszt sein, dasz sie alles Ungehörige ausschlieszen , alles 
Nöthige zusammen fassen und doch wieder so dehnbar, dasz 
sie sich den Bedürfnissen des Lebens und dem natürlichen 
Wachsthum der Rechtsverhältnisse anschmiegen. Viel zu enge 
ist aber die oft gehörte Behauptung, dasz die allein wahre 
Gesetzesform der kategorische Imperativ sei, der Befehl oder 
das Verbot. Ein sehr groszer Theil der Rechtsordnung und 
daher auch der Gesetzesbestimmungen besteht nicht aus 
zwingenden Geboten oder Verboten, sondern lediglich aus 
Interpretationen der gewöhnlichen Willensmeinungen und hat 



Viertes Capitel. Gesetzbücher u. Specialgesetze. Sprache der Gesetze etc. 463 



eher einen erlaubenden und aufklärenden, als einen 
befehlenden Charakter. 

Die wichtigste Arbeit, welche zur Hervorbringung eines 
Gesetzes erfordert wird, ist der Entwurf. Wenn der Ent- 
wurf gelungen ist, so wird sich alles Uebrige leicht ergeben. 
Ist der Entwurf verfehlt, so hilft alle spätere Correctur nicht. 

Um deszwillen ist auf den Entwurf die gröszte Sorgfalt 
zu verwenden. Man darf denselben nicht, wie das in der 
Praxis oft geschieht, untergeordneten Hülfsarb eitern in den 
Ministerien wie ein gewöhnliches Kanzleigeschäft auftragen, 
sondern musz die geeigneten Meister der Gedanken und der 
Sprache für das schwierige Werk suchen. 

In neuerer Zeit ist die Methode aufgekommen , die Aus- 
arbeitung insbesondere von Gesetzbüchern anCommissionen, 
sogenannte Ausschüsse, zu übertragen. Diese Methode be- 
achtet die Wahrheit nicht, dasz alle menschlichen Geistes- 
werke individuell sind, nicht collectiv. Die Einheit des 
Gedankens und die Klarheit und Feinheit des Ausdrucks 
setzen die volle Kraft eines individuellen Geistes voraus, aber 
werden leicht getrübt und verwirrt, wenn mehrere zusammen 
.schaffen wollen. 

Die richtige Methode ist die Verbindung eines indi- 
viduellen Redactors mit einer Commission von Sach- 
verständigen. Das schöpferische Werk, die That musz 
dem Redactor anvertrant werden; die Herbeischaffung des 
Materials, die Erörterung des Zwecks, die Berathung über 
die geeigneten Mittel, die Beschluszfassung über die anzu- 
erkennenden Grundsätze, die Controle und Kritik der Re- 
dactionsarbeit, das sind die Aufgaben eines Collegiums, an 
welchem Mehrere Theil nehmen und von verschiedenem Stand- 
punkte aus die Fragen beleuchten. 

Bei der Bildung solcher Berathungscommissionen darf 
wieder nicht bureaukratisch verfahren werden. Man musz 
Rücksicht nehmen auf die fähigsten Männer der Wissenschaft 



464 



Zehntes Buch. Volksvertretung und Gesetzgebung. 



und der Praxis, die man verwenden kann. Auch die Rück- 
sicht auf die politischen Parteien darf hier nicht zur Aus- 
schlieszung der fähigsten Redactoren oder Berather verleiten, 
noch die Wahl untauglicher Personen bestimmen. 

Für diese erste Arbeit werden die Ausschüsse besser aus 
wenigen zusammen gesetzt, die sich verstehen, als aus vielen, 
welche lebhafte Kämpfe und Verwirrung veranlassen. Auch 
paszt dafür eher die Stille der ruhigen Erwägung und des 
ungestörten Nachdenkens, als der laute Streit der Meinungen. 

Wenn der erste Entwurf ausgearbeitet ist und vielleicht 
noch die Kritik, sei es einzelner Praktiker, sei es wissen- 
schaftlicher Autoritäten, eingeholt ist, so wird gewöhnlich die 
definitive Feststellung desselben entweder dem Gesammt- 
ministerium oder dem Statsrathe zugewiesen. Die ruhi- 
gere Prüfung, mehr Unbefangenheit, weitere Umschau ist ge- 
wöhnlich bei dem Statsrathe zu finden; die Minister sind zu 
viel mit ihren Regierungs- und Verwaltungsarbeiten beschäf- 
tigt, werden zu sehr von den wechselnden Interessen und 
Stimmungen gegenwärtiger Politik beeinfluszt, sie sind zu ge- 
neigt, mit einander Compromisse zu schlieszen. Um desz- 
willen gibt ihr Zusammentritt eine geringere Bürgschaft für 
die richtige Formulirung dauernder Rechtsregeln. 

Erst von da an, aber unbedenklich schon vor der Kammer- 
berathung, ist die Veröffentlichung des Entwurfs, als der 
Regierungsvorlage, besser mit Motiven als ohne Motive wünsch- 
bar. Nun mag die freieste Kritik an der Prüfung und Be- 
richtigung der Vorlage mitarbeiten helfen. In wichtigen und 
schwierigen Fällen ist es rathsam, sachkundige Männer zur 
Kritik aufzufordern. 

Der Entwurf wird sodann dem Gesetzgebenden Körper 
zu weiterer Behandlung überwiesen. Davon handelt Bd. II. 
Buch 2. Cap. 12. 



Eilftes Buch. 

Verwaltung. 



Erstes Capitel. 
Was heiszt Verwaltung? 

Der Begriff der Verwaltung (Administration), der erst in 
der neueren Statslehre entschiedener in den Vordergrund getre- 
ten ist und den Begriff der Po Ii c ei aus seiner Alleinherrschaft 
zurück gedrängt hat, ist noch sehr vieldeutig. Man verbindet 
mit dem Wort Verwaltung einen weiteren oder einen engeren 
Kreis von Befugnissen, Pflichten, Thätigkeiten , je nachdem 
dasselbe im Gegensatz zu einem andern Begriff gedacht wird. 

1. Wenn der Gegensatz lautet: Verfassung und Ver- 
waltung oder Gesetz und Verwaltung, so umfaszt der 
Ausdruck die gesammte statliche concrete und mannichfaltig 
wechselnde Thätigkeit im Einzelnen im Gegensatz zu der 
festen allgemeinen gleichmäszig fortwirkenden Statsordnung 
und Rechtsordnung. Die Bestimmung der Regierungsform ist 
dann ein Act der Verfassung, die Wahl eines Präsidenten 
oder die Ernennung von Ministern sind dann Verwaltungs- 
sache. Die Zusammensetzung der Volksvertretung ist durch 
die Verfassung bestimmt; die Einberufung derselben wird durch 
einen Verwaltungsact angeordnet. Die Gerichtsorganisation, 

Bluntschli, die Politik. 30 



46G 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



die Proceszordnung, die Auflage einer Steuer gelten als Ver- 
fassung^- und Gesetzesverordnungen, die Leitung eines ein- 
zelnen Processes, die Erhebung, Verwendung und Verrech- 
nung der Steuern sind Verwaltungsacte. 

Lorenz von Stein betrachtet diesen Gegensatz, nach 
dem Vorgang von Rousseau, als Anwendung des psycholo- 
gischen Gegensatzes von Wille und That: „La nation veut, 
le roi foit." Man kann nicht bestreiten, dasz das Gesetz 
seiner Form nach einen Willen sact bedeutet, Aeuszerung 
des Volks- und Stats willens ist, und ebenso ist es rich- 
tig, dasz die Verwaltungshandlungen Thaten sind. Dennoch 
kann man das Verhältnisz beider nicht dem Verhältnisz von 
Wille und That gleichstellen. Denn der Statswille ist in den 
Thaten der Verwaltung nicht minder wirksam als im Gesetz. 
Die meisten Verwaltungsacte sind Willensacte der Verwaltungs- 
behörden, keineswegs blosze Anwendungen des Gesetzeswillens. 
Das Gesetz kann unmöglich die Verwaltung im Einzelnen 
zum voraus bestimmen; diese bedarf der eigenen Prüfung und 
der Wahl des Zweckgemäszen , also des Willens. Die Paral- 
lelisirung von Verwaltung und Gesetz mit That und Wille 
führt daher zu einer schiefen Auffassung der Verwaltung, als 
hätte sie keinen Willen in sich selber. 

Ueberdem ist auch das Gesetz nicht bloszer Willensaus- 
druck. Vielmehr werden die meisten Gesetzesvorschriften 
und voraus die wichtigsten nicht durch den Willen erzeugt, 
sondern durch die Erkenntnisz des Nothwendigen. Sehr 
viel Recht hat seinen Ursprung in der Natur der Menschen 
und ihrer Beziehungen zu andern Menschen und den Sachen, 
nicht in dem Willen. Sehr viel Recht wird nach dem alten 
Ausdruck der Deutschen gefunden, nicht gesetzt, 

Endlich ist der Act der Gesetzgebung selber auch eine 
That. 

Aus allen diesen Gründen musz der Gegensatz von Ge- 
setz und Verwaltung anders bestimmt werden und zwar als 



Erstes Capitel. Was heiszt Verwaltung-? 



4G7 



allgemeiner Wille und besonderer Wille, allgemeine 
Ordnung der Kegel und besondere Maszregel im Einzelnen. 
Das Gesetz bestimmt die Grundbedingungen und die Schranken 
der Verwaltung. Die Verwaltung bewegt sich mit Selbst- 
bestimmung innerhalb der gesetzlichen Ordnung. Sie ist durch- 
aus nicht blosze Vollziehung (Execution) des Gesetzes. 1 
Wenn die Militärverwaltung diese oder jene Form der Hinter- 
lader wählt, die Truppenmanöver oder gar die Kriegsopera- 
tionen so oder anders anordnet, so wird das durch kein Ge- 
setz zum voraus bestimmt. Ebenso wenn eine Strasze ab- 
gesperrt oder Hindernisse des Wagenverkehrs entfernt werden, 
wenn eine Feuersbrunst gelöscht wird, wenn Wachen pa- 
troulliren, wenn Schulhäuser eingerichtet werden, die Lehr- 
mittel der Volksschule ausgewählt und behandelt werden, 
wenn die öffentlichen Aemter und Stellen besetzt werden 
u. s. f., so sind alle diese Dinge nicht in den Gesetzen näher 
bestimmt, sondern wird die Prüfung und Entschlieszung im 
besonderen Fall durch die Verwaltung vorgenommen. 

2. Man pflegt ferner die Verwaltung auch der Politik 
entgegen zu setzen, so dasz jene sowohl von dem Gesetz als 
von der Politik ausgeschieden wird. Die Politik wird dann 
auf die Thätigkeit des Stats und für den Stat im Groszen 
und Ganzen , die Verwaltung dagegen auf die statliche Thätig- 
keit im Einzelnen und Kleinen bezogen. Die Politik ist 
dann voraus Aufgabe der Statsmänner, die Verwaltung 
Aufgabe der technischen Aemter. Die Entscheidung über 
Krieg und Frieden, über die Instruction der Gesandten, über 
die Ernennung der Minister, über grosze Unternehmungen 
der gemeinen Wirthschaft und Cultur wird dann der poli- 
tischen Statsregierung (gouvernement politique) vorbe- 

1 L. Stein (Verwaltungslehre , S. 9) warnt selber vor diesem Irr- 
thum 5 aber die Warnung wird von denen überhört , welche gelehrt werden, 
das Gesetz als Willen und die Verwaltung als That und Vollziehung zu 
verstehen. 



408 



Eilftes Buch. Verwaltung-. 



halten; die Ausführung und Anordnung des Details dagegen 
bleibt Sache der Verwaltung (administration) und bedarf der 
besonderen technischen Kenntnisz und Sorge. 

Dieser Gegensatz ist natürlich ein flieszender. Die Po- 
litik läszt sich nicht durchführen ohne die Beihülfe der Ver- 
waltung. Manche Verwaltungsacte erhalten , wenn sie für den 
ganzen Stat und das ganze Volk eine Bedeutung haben, zu- 
gleich einen politischen Charakter. Der leitende Statsmann 
wird unzählige Dinge der Verwaltung überlassen, ohne sich 
weiter darum zu kümmern. Aber kein Verwaltungsact ist so 
unbedeutend, dasz er nicht im Zusammenhang mit groszen 
Statsgefahren oder Statsinteressen unter Umständen auch die 
Aufmerksamkeit der Statsmänner auf sich ziehen könnte. 

3. Eine weitere Abgrenzung und Verengung des Bereichs 
der Verwaltung geschieht durch die Abzweigung der gesamm- 
ten Rechtspflege, zunächst der Civilrechtspflege und 
der Strafrechtspflege, dann auch der Verwaltungs- 
rechtspflege. Es entsteht so der Gegensatz der Justiz 
und der Verwaltung, deren erstere das Kecht wider Stö- 
rung und Verletzung zu schützen, letztere das Zweckmäszige 
zu thun berufen ist. 

4. Endlich werden einzelne besondererer waltung s- 
zweige im engern Sinne des Wortes, wie er zuletzt begrenzt 
worden ist, abgezweigt und der gewöhnlichen Civilver- 
waltung ihrer eigenthümlichen Organisation und wissen- 
schaftlichen oder technischen Ausbildung wegen gegenüber 
gestellt, wie insbesondere: 

a) die Militärverwaltung, auf welche der Heerbefehl 
und die Kriegswissenschaft einwirken; 

b) die Finanzverwaltung, welche von besonderen Fi- 
nanzämtern nach den Grundsätzen der Finanz- und der 
Volkswirthschaft, beziehungsweise der Rechnungsführung 
besorgt wird; 

c) der Straszen-, Wasserbau und die Hochbauten, 



Erstes Capitel. Was heiszt Verwaltung? 



469 



welche von Ingenieuren und Architekten nach den Prin- 
cipien ihrer Technik und Kunst verwaltet werden; 
d) die Schul Verwaltung, in welcher Wissenschaft und 
Pädagogik maszgebend sind. 
Immer aber bleiben alle diese Zweige, auch wenn sie eine 
besondere Stellung erhalten, mit der gewöhnlichen Civil- 
ver waltung, insbesondere mit der Polizeiverwaltung inso- 
fern verbunden, als sie mit ihren technischen Mitteln nicht 
ausreichen , um ihre Aufgaben zu erfüllen , sondern der Unter- 
stützung und Hülfe einer Statsautorität bedürfen, die nicht 
schon in ihnen selber zu finden ist. Die Schulpolizei kommt 
so im Nothfall der Schillpflege, die Armenpolizei der Armen- 
pflege, die Straszenpolizei der Straszenpflege, der Polizeizwang 
der Finanzverwaltung, der policeiliche Gestellungs- und Quar- 
tierzwang der Militärverwaltung zu Hülfe. 

5. Die Polizeiverwaltung ist der eigentliche Kern der 
statlichen Verwaltung und ihr klarster Ausdruck. Deszhalb 
hat die ältere Theorie, insbesondere noch in dem Hauptwerk 
Robert von Mohls (Die Polizeiwissenschaft) die gesammte 
Civilverwaltung Polizei genannt. Wir unterscheiden heute 
schärfer zwischen Polizeiverwaltung und den Thätigkeiten 
der technischen Pflegeämter, die wir nicht mehr Polizei 
nennen, weil sie ohne zwingende Autorität der Statsgewalt 
geübt werden. 2 

6. In neuester Zeit ist sogar durch Rösler der Versuch 
gemacht worden, die Verwaltung der Pflegeämter, verbunden 
mit der socialen Verwaltung der verschiedenen Gesellschafts- 
kreise als Verwaltung im engsten Sinne auch der Polizei- 
verwaltung gegenüber zu setzen und diese somit auszuscheiden. 
Dadurch verliert aber die Statsverwaltung ihren festen Halt 
und läuft Gefahr, aufgelöst und zerbröckelt zu werden. 

* Oben Bd. I. Buch 7, Cap. 7. S. 597. 



470 



Eilt'tes Buch. Verwaltung-. 



Zweites Capitel. 
Stats - und Privatverwaltung. Gesellschaftliche Verwaltung. 

Der Ausdruck Verwaltung wird oft in einem weiteren, 
über das Gebiet des Statslebens hinaus reichenden Sinne ge- 
braucht. Man spricht auch von einer kirchlichen Verwaltung 
der Sacramente und des Gottesdienstes, von Verwaltung des • 
Privatvermögens oder der gemeinsamen Interessen einer Han- 
delsgesellschaft oder einer privaten Körperschaft.- Man stellt 
so die Statsverwaltung der Privatverwaltung gegenüber. 

Nur die Statsverwaltung beruht auf öffentlichem Recht 
und wird von dem Geiste öffentlicher Pflicht erfüllt Die 
Privatverwaltung beruht auf Privatrecht und wird entweder 
willkürlich als Befugnisz der Privatpersonen ausgeübt, oder 
wenn auch in ihr noch eine Rücksicht auf Pflicht, z. B. Fa- 
milienpflicht, Gesellschaftspflicht, religiöse Pflicht mitwirkt, 
so ist es doch nicht die Pflicht gegen den Stat, welcher sie 
bestimmt. Soweit das Gebiet des statlichen Rechtes sich aus- 
dehnt, ist die Statsverwaltung die natürliche Regel. Auf dem 
Boden des Privatrechts dagegen ist die Regel freie Privat- 
verwaltung. 

In der Statsverwaltung finden wir die'Statsämter thätig, 
in der Privatverwaltung die Privatpersonen. Aber es gibt 
Uebergänge aus dem einen Gebiet in das andere. Zweitens 
coneurriren auch Statsverwaltung und Privatverwaltung mit 
einander. 

Die vormundschaftliche Verwaltung ist zunächst Pri- 
vatverwaltung, weil sie berufen ist, die Privatwirtschaft derer 
zu verwalten, die auszer Stande sind, für sich selber zu sorgen. 
Aber indem der Stat zum Schutze der Unmündigen und Hand- 
lungsunfähigen sich verpflichtet fühlt, eine statliche Ober- 
aufsicht zu üben, wird seine obervormundschaftliche Thätig- 
keit zur Statsverwaltung. 



Zweites Capitel. Stats- u. Privatverwaltung 1 . Gesellschaftliche Verwaltung. 471 



Die Verwaltung des Versicherungswesens ist zunächst 
Frivatverwaltung, weil den Privatinteressen zugewendet. Aber 
indem der Stat die Feuersgefahr auch als eine öffentliche 
Gefahr bekämpft, greift er zuweilen durch seine Aufsicht über 
die Feuerversicherungsanstalten oder gar durch eine statlich 
eingerichtete Feuerversicherung der Häuser in die Privatwirt- 
schaft durch Maszregeln der Statsverwaltung ein. 

Umgekehrt, die Volksschulen sind heute gewöhnlich 
Stats- oder Gemeindeanstalten, gehören also der Statsver- 
waltung an. Aber daneben gibt es auch Privatschulen, welche 
die Statsschulen ergänzen und mit denselben concurriren. 

Die Postanstalten werden meistens durch die Stats- 
verwaltung eingerichtet, In manchen Ländern werden aber 
einzelne Zweige des Personen- und Waarentransportes und 
sogar des Briefverkehrs den Privatposten und Privatboten 
überlassen. 

Die Eisenbahn Verwaltung ist in den einen Ländern 
ausschlieszliche Statsverwaltung, in andern Privatverwaltung, 
in dritten th eilweise Stats-, theilweise Privatverwaltung. 

Soweit die Sicherheit oder ein notwendiges Lebens- 
bedürfnisz des Volkes oder des States die Thätigkeit der Ver- 
waltung erfordert, soweit ist die autoritative Statsver- 
waltung gerechtfertigt, die allein mit zwingender Auto- 
rität handeln kann. Das ist das eigentliche Gebiet des Im- 
perium und der jurisdictio, der autoritativen Regierungsver- 
waltung und der Rechtspflege. 

Würde auf diesem Gebiete die Privatverwaltung zuge- 
lassen, so wäre das Barbarei. Im Mittelalter, so lange noch 
die gewaltsame Selbstpfändung der Gläubiger gegen die Schuld- 
ner, die Rache der Familie des Getödteten wider die Friedens- 
brecher, die Fehde der Körperschaften und Grundherren geübt 
wurde, war der Stat noch roh und unentwickelt. Die Uebung 
des Zwangs und äuszerer Gewalt von Menschen gegen Men- 
schen darf nicht der leidenschaftlichen Erregung der Privat- 



472 Eilftes Buch. Verwaltung. 

personen gestattet werden, sie ist dem State allein vorbehalten, 
der diese Gewalt mit Gerechtigkeit, Unparteilichkeit, Mäszi- 
gung übt. Nur die Nothwehr und die Zucht der Eltern über 
die unmündigen Kinder begründen eine Ausnahme. 

Wenn dagegen die Existenz und die Wohlfahrt des Volks 
und States nicht betheiligt sind, sondern nur die wirtschaft- 
lichen oder die Culturinteressen der einzelnen Privaten, dann 
ist der Bereich der freien Privatverwaltung vorhanden. 

Würde auf diesem Gebiete die Statsverwaltung herrschend 
oder auch nur bevormundend eingreifen , so würde die Privat- 
freiheit unterdrückt und das Privatwohl durch unverständiges 
Statsgebot schwer geschädigt. Hatte das Mittelalter zu wenig 
für Statsverwaltung gesorgt und blieben so viele Öffentliche 
Interessen ohne Schutz und ohne Befriedigung, so litten die 
Zustände im achtzehnten Jahrhundert umgekehrt an der viel- 
geschäftigen und drückenden Vielregiererei der Polizeigewalt. 

Schwieriger wird der Entscheid der Frage: Statsverwal- 
tung oder Privatverwaltung? auf den mittleren Gebieten, wo 
öffentliche und Privatinteressen sich vielfältig begegnen und 
sich kreuzen. Es zeigt sich das vorzüglich auf dem Boden 
der gesellschaftlichen Interessen. Wenn gleich nämlich 
Volk und Gesellschaft 3 zwei verschiedene Gemeinschaften sind, 
jenes eine politische und organisirte Person, diese ein bloszer 
Collectivbegriff zahlreicher Classen von Privaten und der ganzen 
Menge von Privaten, so stehen beide Gemeinschaften doch in 
einer nahen Wechselbeziehung. Die Wohlfahrt der Gesell- 
schaft fördert zugleich die Statswohlfahrt. Die Leiden der 
Gesellschaft werden auch von dem Volke empfunden. Die 
Gesellschaft erwartet und bedarf in vielen Fällen, in denen 
ihre Kräfte nicht ausreichen, der Statshülfe. Um deszwillen 
läszt sich hier nicht mehr so schroff erklären, dasz das ganze 
Gebiet der Privatverwaltung zu überlassen sei. Unter ge- 



3 Bd. 1. Buch II. Cap. 3. S. 118 f. 



Zweites Capitel. Stats- u. Privatverwaltung. Gesellschaftliche Verwaltung. 473 



wissen Voraussetzungen wird es Pflicht und Aufgabe der Stats- 
verwaltung, sich um diese Interessen zu bekümmern. 

Es läszt sich wohl das allgemeine Princip aussprechen: 
wo die Privatinteressen überwiegen und die Privat- 
kräfte ausreichen, da ist die Privatverwaltung vor- 
züglicher. Wo die öffentlichen Interessen betheiligt 
erscheinen oder die Hülfe des Stats nöthig wird, damit die 
gesellschaftlichen Interessen befriedigt werden, da hat auch 
auf diesem Zwischengebiet die Statsverwaltung ihre Sorge 
zu üben und fördernd nachzuhelfen. 

In der Schätzung dieser Bedingungen gehen die ver- 
schiedenen Nationen sehr aus einander. 

Die Engländer und die Nordamerikaner vertrauen 
in vollem Masze den Privatkräften und der Privatfreiheit. 
Daher tritt die Statsverwaltung sehr zurück; die private Selbst- 
hülfe ist allein thätig. 

Die französische Sitte ist umgekehrt geneigt, wenn 
immer gesellschaftliche Interessen eine Berücksichtigung ver- 
langen , diese von der Statsverwaltung zu erwarten. Die Fran- 
zosen verwechseln überhaupt leicht die Begriffe Stat und 
Gesellschaft. Sie lieben zwar sehr die individuelle Privat- 
freiheit, wie z. B. die Gewerbefreiheit, aber die gesellschaft- 
lichen Interessen sehen sie als Statsinteressen an. Daher ist 
auf diesem mittleren Gebiete die Selbsthülfe der Privatver- 
waltung nur ausnahmsweise thätig. In der Regel tritt die 
Sorge und Hülfe der Statsverwaltung ein. Ueberdem kommt 
in Frankreich noch sehr die Macht der Kirche in Betracht, 
welche auf die Gesellschaft einen starken Einflusz übt, und 
je nach Umständen der Sorge des States die Richtung gibt 
oder ihr mancherlei Hindernisse entgegen setzt. 

Das preuszisch-deutsche System hält die Mitte zwi- 
schen dem englisch - amerikanischen und dem französischen, 
indem es den Unterschied der Gesellschaft und des Stats 
anerkennt, aber doch nicht der Selbsthülfe der Privaten 



474 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



unbedingt vertraut, sondern die Pflicht des States beachtet, für 
den Frieden und die Wohlfahrt der groszen gesellschaftlichen 
Classen oder der ganzen Gesellschaft zu sorgen, wenn ihre 
eigenen Kräfte nicht ausreichen oder die Gefahr sich zeigt, 
dasz die Selbstsucht einzelner Classen die Wohlfahrt der 
übrigen schädige. In Folge dieser Grundanschauung wird die 
Gesellschaft durch den Stat zur Mitwirkung herbeigezogen 
und umgekehrt der Gesellschaft vom Stat in manchen Fällen 
Hülfe geleistet. 

Im Gegensatze zu allen diesen Einrichtungen- untergräbt 
in neuerer Zeit die Wühlerei des Communismus die Fun- 
damente sowohl der Statsordnung als der Privatfreiheit, indem 
sie einerseits die Statsgewalt für die Commune, d. h. die 
brutale Herrschaft der ungebildeten und sinnlich erregten 
Menge erobern und zur Befriedigung ungezügelter Gelüste 
auspressen will und andrerseits die Privaten zwingt, ihr Ver- 
mögen und ihre Eigenart dem Moloch roher Gemeinschaft 
hinzuopfern. 

Die Eigenschaften der Statsverwaltung und der Privat- 
verwaltung sind verschieden, wie ihre Wirkungen. 

Die Statsverwaltung hat grundsätzlich einen allge- 
meinen Charakter. Sie breitet sich gleich mäszig aus über 
das ganze Statsgebiet, oder doch über bestimmte Theile des- 
selben, einzelne Provinzen, Kreise, Bezirke, zuletzt Gemeinden. 
Innerhalb dieses Gebietes erstreckt sie sich regelmäszig auf 
alle Classen der Gesellschaft. Sie bewegt sich nach gesetz- 
lichen Normen oder obrigkeitlichen Verordnungen. 

Die Privatverwaltung ist dagegen gewöhnlich local- 
be grenzt. Sie wird durch den Wohnort der Privatpersonen 
gebunden, die sich zufällig zu einer Thätigkeit der Art ent- 
schlieszen. Nur ausnahmsweise knüpft sie auch anderwärts 
Verbindungen an und greift mit Hülfe des Vereinswesens in 
andere Orte, Bezirke, Provinzen über. Sie kann sieh dann 
sogar über das ganze Land ausdehnen. Deszhalb ist sie auch 



Zweites Capitel. Stats- u. Privatverwaltung. Gesellschaftliche Verwaltung. 475 

überaus mannichfaltig. Der eine versucht's auf diese 
Weise, der andere nach anderer Methode. Gesetzliche Nor- 
men gibt es nicht, so wenig als obrigkeitliche Vorschriften, 
oder doch nur ausnahmsweise. In der Regel bleibt Alles der 
Einsicht und der Willkür der Privaten überlassen. 

Der Stat kann für die Statsverwaltung Garantien schaffen, 
dasz die Verwalter die erforderliche Fähigkeit besitzen. 
Er verlangt von seinen Verwaltungsbeamten eine wissenschaft- 
liche und practische Vorbildung und anvertraut die Verwal- 
tung nur solchen Personen, welche er zuvor geprüft und deren 
Fähigkeit er erprobt hat. Auszerdem sorgt der Stat auch 
für eine fortgesetzte Aufsicht und Controle in allen 
Zweigen der Statsverwaltung. Er führt den Grundsatz der 
Verantwortlichkeit durch. Je die unteren Verwalter 
müssen den Oberbehörden Kechenschaft ablegen über ihre 
Verwaltung. 

Der Privatverwaltung fehlen zunächst alle diese Ga- 
rantien. Auch ungebildete Privaten verwalten ihr Vermögen 
selber; bald sorgfältig, bald nachlässig, zu ihrem persönlichen 
Vortheil oder Schaden, ohne irgend einer Prüfung, ohne 
einer Aufsicht unterworfen zu sein. Sie sind Niemandem als 
sich selber Rechenschaft schuldig. Die Folgen ihrer Hand- 
lungsweise haben sie freilich zu tragen. Im Uebrigen schreibt 
ihnen Niemand vor, was sie zu thun und was zu lassen 
haben. Sie bewegen sich mit vollständiger Freiheit und sind 
nur verpflichtet, die allgemeine Rechtsordnung zu beachten. 
Nur in seltenen Fällen, wenn ihre Unfähigkeit, insbesondere 
wegen ihrer Unmündigkeit oder aus Geisteskrankheit, offenbar 
ist oder sie durch leichtsinnige Verschwendung alles Ver- 
trauen verloren haben, werden sie unter statliche Vormund- 
schaft gesetzt. 

Wo die Privaten zu gröszeren Gesellschaften ver- 
bunden sind, da versuchen sie es, jene Mängel durch Nach- 
bildung der statlichen Einrichtungen einigermaszen zu heben. 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



Wenn die Actiengesellschaften Vorstände (Directoren) berufen, 
denen sie die Verwaltung ihres Vermögens anvertrauen, so 
fordern sie zuweilen auch Zeugnisse über die Fähigkeit zu 
diesem Berufe. Sie erkundigen sich zum voraus über die 
persönlichen Eigenschaften der Vorgeschlagenen. Sie sorgen 
durch Bestellung eines Aufsichtsrathes und einer Geschäfts- 
commission für eine fortgesetzte Aufsicht über die Verwaltung. 
Sie verlangen jährliche Rechnungsablegung und machen die 
Verwalter verantwortlich. Indessen zeigt die Erfahrung, dasz 
diese nachgebildeten Einrichtungen viel weniger wirksam und 
viel dürftiger sind, als die des Stats, der über weit gröszere 
Mittel der Controle zu verfügen hat. 

So hoch man übrigens diese Vorzüge der Statsverwaltung 
vor der Privatverwaltung schätzen mag, so sind mit jener 
auch grosze Gefahren verbunden, welche vor jeder Ausbrei- 
tung derselben über das Gebiet der Privatinteressen warnen. 
Die Statsverwaltung wird, wenn sie sich sicher fühlt, leicht 
in blosz formal correcter Weise geübt, ohne sorgfältige Be- 
rücksichtigung der sachlichen Interessen. Es stellen sich leicht 
die Fehler der Bureaukratie ein, welche das Wesen vernach- 
lässigt, wenn sie die Form wahrt. Zuweilen macht sich dann 
die Statsgunst und Ungunst, der Druck der Statsgewalt fühl- 
bar, wo die Einsicht in die Bedürfnisse und die Kunde der 
Mittel ihrer Befriedigung entscheiden sollten. Es ist unmög- 
lich, dasz die Statsbeamten die Privatverhältnisse, die Privat- 
wirthschaft in ihrer unübersehbaren Mannichfaltigkeit , die 
Privatcultur so gut verstehen, wie die Privatpersonen selber, 
welche durch ihre Bildung, ihre Neigung, ihren Beruf, ihre 
Interessen durchschnittlich besser mit ihren eigenen Ange- 
legenheiten bekannt und vertraut sind, als fern stehende Be- 
amte, welche diese Dinge aus der Vogelperspective tief unter 
sich in oberflächlichen Umrissen überschauen. 

Alle Bedenken gegen eine gute Privatwirthschaft in Pri- 
vatangelegenheiten werden reichlich aufgewogen durch das 



Zweites Capitel. Stats- u. Privatverwaltung. Gesellschaftliche Verwaltung. 477 

unschätzbare Gut der Privatfreiheit, welche allein die 
schlummernden Kräfte in der Menschennatur zu wecken und 
auszubilden vermag, welche jedem Talente die Entwicklung 
sichert und jedem Menschen verstattet, nach seiner Eigenart 
glücklich zu werden. Die Verantwortlichkeit, die Jeder der 
Welt gegenüber dadurch trägt, dasz er die Folgen seiner Ver- 
waltung, gute wie schlimme, auf sich nehmen musz, wirkt 
im Groszen doch mächtiger als die oft nur scheinbare und 
formelle Verantwortlichkeit vor den Aufsichtsbehörden. Diese 
wohlthätige und segensreiche Freiheit wird durch ein Ueber- 
masz von Statsaufsicht und Statsverwaltung niedergedrückt 
und erstickt, und die freie Selbstbestimmung der Verwalter 
durch knechtische Unterwürfigkeit unter das höhere Gebot 
verdrängt. 4 

Die gesellschaftlichen Interessen haben in höherem 
Masze einen allgemeinen und gleichmäszigen Charakter als 
die Interessen der einzelnen Privaten. Sie nähern sich inso- 
fern den Statsangelegenheiten. Ihre Verwaltung kann wohl 
noch der Freiheit der Mitglieder und Theilnehmer überlassen 
werden, aber nur wenn die Gesellschaft opferwillig und ge- 
bildet genug ist, um sich selber zu helfen. 5 Aber wenn die 
Gesellschaftsbedürfnisse sehr allgemein und dringend sind, 
wird die Aufsicht und unter Umständen die Mitwirkung der 
Statsverwaltung nicht zu entbehren sein. Die Gefahr einer 
ungleichen Sorge drängt dann zur Statshülfe, welche für 
gleichmäszige Befriedigung sorgt. Auch in den Ländern, deren 
Bewohner in hohem Grade bereit und fähig sind , sich selber 
zu helfen, ohne Statsbeihülfe, wie in England und in Nord- 

4 Vivien, Etudes administratives IL S. 15 macht darauf aufmerk- 
sam, dasz die übertriebene Statsverwaltung dem verderblichen Socialismus 
und Communismus die Wege bahne, während die Uebung der Selbst- 
verwaltung davor bewahre. 

5 Vgl. F. Lieber über bürgerliche Freiheit und Selbstverwaltung, 
übersetzt von F. Mittermaier S. 208. 



478 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



amerika, zeigt sich doch nicht selten das Uebel, dasz an den 
einen Orten gut, an andern schlecht verwaltet, in gewissen 
Gesellschaftsclassen vortrefflich gesorgt, in andern Alles ver- 
nachlässigt wird. Wenn vollends, wie in Frankreich und 
sogar groszentheils in Deutschland, die Bewohner nicht ebenso 
geneigt und befähigt sind, sich selber zu helfen, dann musz 
die Statsverwaltung öfter hülfreich eintreten. Die Verbin- 
dung von Stats- und von Privatverwaltung und das Zu- 
sammenwirken der Statsämter mit den Privatpersonen wird 
hier oft die beste Lösung des Problems sein, indem sowohl 
die Privatfreiheit, als die statliche Ordnung und Umsicht zur 
Geltung kommen. Auf diesem Wege werden auch die Be- 
wohner zur vollen Selbstverwaltung herangebildet. 

Von der Art waren schon früher in der Rechtspflege die 
Schwurgerichte und sind die heutigen Schöffengerichte. Dazu 
kommen die Provincial-, Bezirks- (Departemental-) und Kreis- 
ausschüsse für die Polizeiverwaltung, der Zuzug von Bürgern 
zu der statlich organisirten Armenpflege und zu den Schul- 
räthen und ähnliche Combinationen öffentlicher Statsämter 
mit bürgerlichen Ehrenämtern. 

Sehr viele gesellschaftliche Interessen werden aber überall 
noch in der Form gesellschaftlicher Verwaltung, ohne 
Statshülfe besorgt. Es ist das ein Zwischenglied zwischen der 
individuellen Privatverwaltung und der gemeinsamen Stats- 
verwaltung. In dieser Hinsicht bemerken wir wieder sehr 
bedeutende Unterschiede in der Auffassung und in dem Ver- 
fahren des Mittelalters und der modernen Welt. 

Das Mittelalter sorgte für solche gesellschaftliche Ver- 
bände durch Gründung von Orden, geistlichen und welt- 
lichen, Brüderschaften, Gilden, Innungen, Zünften 
und ähnlichen Genossenschaften und Körperschaften. 
Sehr oft hatte das Band, welches die Theilnehmer zusammen 
schlosz, eine religiöse Weihe. Sie erhielten die Sanction 
der Päpste und der Bischöfe. Die Kirche war im Mittelalter 



Zweites Capitel. Stats- u. Privatverwaltung. Gesellschaftliche Verwaltung-. 479 



selber die geehrteste sociale Macht. Gewöhnlich hatten diese 
Verbände eine feste Regel, die von Oben aus höherer 
Autorität, wenn nicht immer gegeben, so doch bestätigt ward. 
Oft war es eine unauflösliche Verbindung der Einzelnen für 
das ganze Leben. Die geistlichen Orden fanden sogar ein 
gemeinsames Haupt in der Hauptstadt der christlichen Kirche; 
in Rom lebten die Ordensgenerale unter den unmittelbaren 
Augen des Papstes und der Curie. Durchweg waren die 
mittelalterlichen Körperschaften in fester Ordnung gegliedert. 
Von oben her wurden verschiedene Stufen unterschieden. Sie 
hatten ihre Häupter, ihre Capitel, ihre Mönche oder Ritter, 
ihre Meister und Gesellen und dienenden Brüder. Meist war 
das Gepräge aristokratisch; ausnahmsweise gab es auch de- 
mokratische Orden und Brüderschaften, wie z.B. die Bettel- 
orden. Jeder Verband sonderte sich ab von andern Genossen- 
schaften. Sie hatten ihre unterscheidende Tracht, ihre 
Häuser, ihre Trinkstuben (Zechen) u. s. f. Meistens 
waren sie auf ewige Dauer angelegt und gleichsam unsterb- 
lich. Sie waren zu selbständigem Leben einheitlich organisirt. 

In allen diesen Beziehungen haben die modernen Ver- 
bände einen ganz andern Charakter. Es heben sich daher 
die noch fortlebenden mittelalterlichen Orden wie fremdartige 
Ueberbleibsel der Vergangenheit seltsam von ihnen ab. 

Die modernen Eigenschaften sind: 

a) Die religiöse Motivirung und die kirchliche Sanction 
sind regelmäszig aufgegeben. Die Begründung ist eine ratio- 
nelle aus menschlich erkannten Bedürfnissen. Die modernen 
Verbände haben einen weltlichen Charakter. So weit sie einer 
Bestätigung und eines Schutzes bedürfen, erwarten sie beide 
von dem State, als der gröszten socialen Macht der Gegenwart. 

b) Die modernen Verbände sind durchweg freie Vereine 
von Individuen, die jeder Zeit frei ein- und austreten 
können. Sie sind daher in ihrem Personalbestand mannich- 
faltigem Wechsel ausgesetzt. 



480 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



c) Ihre Statuten und Vereinsgesetze beschlieszen 
sie selber mit Mehrheit und dieselben sind nicht unver- 
änderlich. 

d) Sie haben wechselnde Vorsitzende, keine festen 
Häupter und noch weniger in einer Hauptstadt leitende Ge- 
neräle über sich. Wenn mehrere Vereine der Art in einem 
Lande verbunden sind oder gar in internationalem Verkehre 
mit einander gemeinsame Interessen verwalten , so suchen sie 
dieses Bedürfnisz eher in der Form von Zusammenkünften 
der Ausschuszmitglieder und in der Form von conföderirten 
Bundesausschüssen zu befriedigen. 

e) Ihre Verfassung ist selten aristokratisch, meistens 
repräsentativ-demokratisch. Sie haben auf Zeit ge- 
wählte Vorsitzende und Ausschüsse. 

f) Sie sondern sich auch nicht durch besondere Trachten, 
Wohnungen, Lebensweise von einander ab. Das einzelne Mit- 
glied bewahrt seine Freiheit und seine Eigentümlich- 
keit auch dem Verein gegenüber. Die Individuen werden nicht 
ganz von dem Verein in Beschlag genommen. Sie können 
unbehindert sich an mehreren Vereinen betheiligen. 

g) Sie machen keinen Anspruch auf Ewigkeit. Sie be- 
ruhen auf freier Association für bestimmte Zwecke, 
welche in der Gegenwart gemeinsam erreicht werden sollen. 
Wenn die Bedürfnisse aufhören, so löst sich der Verein auf. 

In ihren Bildungsformen sind sie mannichfaltig, wie die 
Zwecke, die sie anstreben. Es gibt wirthschaftliche Verbände, 
auf der Grundlage gleicher Capitalbeiträge , wie die Actien- 
gesellschaften , oder ungleicher Beiträge, mit verhältnisz- 
mäsziger Betheiligung, wie oft Versicherungsgesellschaften; 
es gibt persönliche Vereine, ohne Kücksicht auf Capitalbei- 
träge, Gesellschaften und Genossenschaften jeder Art. Der 
Geist der Einigung aber ist ein freiwilliges Zusammen- 
treten und Zusammenwirken der Individuen, der Trieb 
zur Association (Vereinstrieb). 



Drittes Capitel. Centralisation und Decentralisation. 



481 



Durchweg hat die gesellschaftliche Verwaltung 
einen mittleren Charakter. Sie beruht vornehmlich oder aus- 
schlieszlich auf Privatthätigkeit der Mitglieder; aber sie 
bedarf zu ihrer Ausbildung der Gesellschaftsämter, in 
vielen Fällen sogar besoldeter Aemter. welche den Stats- 
ämtern nachgebildet sind, und zu ihrer Controlirung und 
Verantwortlichkeit der Gesellschaftsausschüsse und 
Rät he. welche die statlichen Aufsichtsbehörden nachahmen. 



Drittes Capitel. 

Centralisation und Dezentralisation. 

Mit den der Mechanik entlehnten Ausdrücken Centra- 
lisation und Decentralisation bezeichnet man zwei ent- 
gegen gesetzte Richtungen in der Anordnung und in der 
Uebung der Verwaltung. Die eine ist dem Einen Haupte, 
dem Centrum des Statslebens zugewendet, in welchem alle 
Functionen des Stats zusammengefaszt und von dem aus sie 
hinwieder nach den entlegensten Orten des Statsgebiets, gleich- 
sam nach der Peripherie geleitet werden. Die andere verlangt 
für die äuszeren Glieder, für die verschiedenen Orte der 
Peripherie, für die Unterabtheilungen des Statsgebiets eine 
gewisse Selbständigkeit. 6 

Die Ausdrücke sind nicht glücklich. Die Maschine duldet 
keine, auch keine beschränkte Selbständigkeit der Theile. Sie 
wird sogar von einem Centraigeist geordnet und bewegt, der 
auszerhalb der Maschine ist. Im State dagegen sind überall, 
sowohl im Centrum der öffentlichen Dinge, als an den äuszer- 
sten Orten der Peripherie Menschen thätig, d. h. Wesen mit 
eigenem Urtheil und eigenem Willen. Eine absolute Centra- 

6 Vgl. Vivien. Etudes administ. Bd. i Tit. 2. Cap. 1. „De la 
Centralisation." 

Bluntschli, die Politik. 31 



482 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



lisation läszt sich daher im State nicht durchführen, und wo 
man das annähernd versucht hat, wie in der absoluten Mon- 
archie, da wird zwar die Freiheit der Unterthanen von der 
Uebermacht der Centraigewalt erdrückt, aber die wirkliche 
Leitung vom Centrum aus ist doch nur Schein. Auch der 
absolute Despot ist genöthigt, sich der Menschen zur Ver- 
mittlung seines Willens zu bedienen. Deszhalb musz er diesen 
Menschen seinen Sclaven, doch sehr Vieles, ja das Meiste an- 
vertrauen; und diese handeln, wenn auch in seinem Namen 
und Auftrag, doch mit Vorliebe nach ihrer eigenen Neigung. 

Ebenso unmöglich ist die ausschlieszliche Decentralisa- 
tion, denn sie würde die Einheit des States zerbröckeln und 
damit die Macht des States und seine Ordnung zerstören. 
Das deutsche Reich des Mittelalters ist an übertriebenen De- 
centralisationen zu Grunde gegangen, während gleichzeitig 
Frankreich an überspannter Centralisation erkrankte. 

Die Aufgabe darf also niemals als Alleinherrschaft des 
einen Princips und der einen Richtung aufgefaszt werden. 
Sie besteht vielmehr in der richtigen und Verhältnis z- 
mäszigen Anerkennung beider. Das gesunde Statsleben 
ist durch die Verbindung und die Wechselwirkung beider Strö- 
mungen bedingt. 

Die Centralisation ist nöthig, um dem State und seiner 
Verwaltung Einheit, Universalität, Macht, Energie 
des Ganzen, Rechtsgleichheit zu gewähren. Die De- 
centralisation ist unentbehrlich im Interesse der Mannig- 
faltigkeit, Freiheit der Glieder, der örtlichen Bedürfnisse 
und Sitten, der Eigenart der Th eile überhaupt. Es kommt 
also überall darauf an, dasz am rechten Orte und unter den 
richtigen Voraussetzungen die Centralisation durchgeführt und 
ebenso unter andern Bedingungen und geeigneten Orten der 
Decentralisation freier Spielraum verstattet werde. Es kommt 
dabei vieles an auf den Volkscharakter und dessen Geschichte. 
Wirkliche Volksfreiheit ist ohne ein ansehnliches Masz von 



Drittes Capitel. Centralisation und Decentralisation. 4g3 
% 

Decentralisation so wenig als ohne Selbstverwaltung möglich. 
Die Fülle der Statsmacht wird nur in einem Volke gesichert,, 
welches zugleich die zerstreuten Kräfte zu sammeln und durch 
die Centralisation zu einheitlichem Handeln zu bringen weisz. 

Der Gegensatz zeigt sich auf allen Gebieten der stat- 
lichen Functionen, der eigentlichen Statsverwaltung und der 
Selbstverwaltung. 

1) In der Gesetzgebung. Mit Recht verlangen alle 
civilisirten Nationen heute Einheit, Gemeinschaft und Gleich- 
heit des Rechts und daher Centralisation der Gesetzgebung. 
Das Bewusztsein nationaler Lebensgemeinschaft ist gestiegen; 
und wo die Bedingungen des gemeinsamen Lebens dieselben 
sind, da ist einheitliches und gleiches Recht am Platz. Die 
Erfahrungen des entgegen gesetzten Systems, das im Mittel- 
alter überall auf dem europäischen Continente herrschte, wirken 
überdem abschreckend. Die mittelalterliche Decentralisation, 
in Gestalt von autonomischen Gesetzen und Ordnungen jedes 
Landes und jeder Herrschaft, jeder Stadt und jedes Dorfs, 
jeden Standes und jeder Genossenschaft brachte einen Wirr- 
warr von Rechtsbildungen hervor, welche den gemeinsamen 
Verkehr überall hemmten, nicht förderten, und eine unleid- 
liche Unsicherheit eines Jeden, sobald er in Beziehung zu 
Andern trat auszerhalb seines engeren Verbandes. 

Aber man kann auch in der Uniform ität und daher 
in der Centralisation der Gesetzgebung zu einseitig vorgehen, 
zum offenbaren Schaden der natürlichen Rechtsbeziehungen, 
welche sich doch in untergeordneten Verhältnissen mannich- 
faltig modificiren müssen. Sie kann Unterschiede miszachten 
und übersehen, die in der Cultur und in den Bedürfnissen 
der Menschen begründet sind. Ich erinnere an den Unter- 
schied zwischen Stadtgemeinde und Landgemeinde, der viel- 
fältig zum Schaden beider in neueren uniformen Gemeinde- 
gesetzen verwischt wurde; an die nothwendigen Unterschiede 
zwischen militärischer Disciplin und selbst militärischen Straf- 



484 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



gesetzen und civiler Polizeiordnung und bürgerlichem Straf- 
recht; an den Gegensatz des Handelsrechts gegenüber dem 
gewöhnlichen Civilrecht und an die besonderen Handelsge- 
bräuche an gewissen Handelsplätzen und in bestimmten Ge- 
schäftszweigen, an die Eigenart dynastischer gutsherrlicher 
oder bäuerlicher Wirthschaft, die eine vollständige Gleichheit 
der Ordnung nicht erträgt, an die Gegensätze der Küsten- 
länder, der Gebirgsländer, der Flachländer, welche eine Be- 
rücksichtigung verlangen. In allen diesen und ähnlichen 
Fällen ist eine relative Decentralisation unerläszlich, um die 
verschiedenen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. 7 Die eng- 
lische Art, die gesammte öffentliche Verwaltung bis ins Ein- 
zelne und Feine hinein durch Gesetze zu ordnen und nur in 
der Verwaltung selber, nicht in den Normen derselben den 
verschiedenen Kreisen und Verbänden freie Bewegung zu ver- 
statten, ist schwerlich ein Vorzug des englischen Rechts, wenn 
gleich viele Engländer und selbst unser Gneist diese Detail- 
gesetze für eine wesentliche Bedingung einer guten Selbst- 
verwaltung erklären. Kein Reichsparlament ist im Stande, 
die Detailbedürfnisse einer guten Verwaltung wirklich zu 
kennen; dazu ist vielmehr die Einsicht der zunächst Bethei- 
ligten und in der Verwaltung geübter Männer unentbehrlich. 
Die englischen Gesetze mit ihren concreten Detailbestimmun- 
gen sind daher weder wissenschaftliche Vorbilder, noch prac- 
tische Muster einer guten Gesetzgebung. In jener Hinsicht 
gebricht es ihnen an grundsätzlicher Klarheit, in dieser hin- 
dert die starre Detailregel vielfältig die Brauchbarkeit und 
Beweglichkeit. Der continentale und insbesondere der deutsche 
Begriff der Autonomie, als Selb st Ordnung ist innerhalb 
gewisser gesetzlicher Schranken ein berechtigtes und noth- 

7 Tocqueville^ Oeuvres VIII. S. 322: „L'imiformite dans les lois 
secondaires au lieu d'etre un bienfait, est presque toujours im grand 
mal , parce qu'il est peu de pays dont toutes les parties puissent supporter 
la meme legislation jusque dans ses details." 



Drittes Capitel. Centralisation und Decentralisation. 



485 



wendiges Correlat der Selbstverwaltung; denn die ver- 
schiedenen Verbände haben eine erhöhte Fähigkeit, ebenso 
die Bedingungen ihrer Verwaltung zu erkennen und festzu- 
setzen, wie die Verwaltung zu üben. Der allgemeinen stat- 
lichen Gesetzgebung musz es nur vorbehalten bleiben, die 
gemeinsamen Grundlagen der Rechtsordnung mit höherer 
Autorität festzusetzen. Innerhalb dieses Rahmens ist die 
Selbständigkeit und Freiheit der Genossen und Verbände an- 
zuerkennen und nützlich. 8 

2. In der Verwaltung je nach den verschiedenen Zweigen. 

a) Die politische Regierung bedarf vorzugsweise der Cen- 
tralisation, weil sie die ganze Macht des States zusammen- 
zufassen und die gesammte Politik einheitlich zu leiten be- 
rufen ist. Auch da wird aber unter Umständen eine relative 
Decentralisation nöthig, insbesondere wenn entfernte Colonien 
oder Nebenländer, oder neue, noch nicht assimilirte Provinzen 
zu regieren sind. 

b) Ebenso aus ähnlichen Gründen wird in der Militär- 
verwaltung die Centralisation durchaus überwiegen. In- 
dessen kommt auch hier eine relative Decentralisation zur 
Geltung. Sie zeigt sich 

ce) in der Organisation des Heeres selbst. Nach der deut- 
schen Heeresverfassung werden die Regimenter im An- 
schlusz an die Wohnungsbezirke, die Armeecorps im 
Anschlusz an die Provinzen und Länder gebildet, so 
dasz die Nachbarn und Stammgenossen beisammen sind. 

8 Brater, Art. Centralisation im deutschen Statswörterbuch von 
Bluntsehli und Brater: „Der Fehler der mittelalterlichen Decentralisation 
ist nicht darin zu suchen , dasz der Stat jedem Kreis die Sorge für das 
Seinige überliesz, sondern darin, dasz er den Umfang der eigenen Auf- 
gabe zu enge gezogen, Vieles von demselben ausgeschlossen halte, was 
in der That seine eigenste Angelegenheit war, oder doch mittelbar mit 
seinen Interessen zusammen hing. Indesz ist dieser Zusammenhang zum 
Theil durch die wirtschaftliche und Culturentwicklung der neueren Zeit 
erst geschaffen worden." 



486 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



Das ist eine Decentralisation, welche die Einberufung 
beschleunigt, den Wetteifer der näheren Landsleute mit 
den ferneren reizt und die Gemeinschaft der Truppen- 
theile erhöht im Gegensatz zu der rein nationalen und 
centralen Heeresverfassung von Frankreich, welche die 
Regimenter aus dem ganzen Reiche centralisirend mischt 
und nur das Nationalgefühl beachtet; 
ß) in den Vollmachten, welche den Befehlshabern 
und sogar den einzelnen Officieren, welche an be- 
sonderen Orten bestimmte Aufgaben zu lösen haben, 
ertheilt werden, damit sie nach eigener Einsicht und 
mit eigenem Ermessen ihre Handlungen bestimmen, im 
Gegensatz zu dem übermäszig centralisirenden System, 
welches alle Dinge vom Hauptquartier oder gar von 
einem fernen Hofkriegsrath der Residenz aus bis ins 
Einzelne central zu leiten sucht. 

c) Die Polizei ist genöthigt, im Einzelnen und Kleinen 
an bestimmten Orten zu handeln. Daher wird in ihr die 
Decentralisation überwiegen. Fast nur die hohe Statspolizei. 
welche den Gesetzen, die dem ganzen State drohen, zu be- 
gegnen hat, und die Oberaufsicht der centralen Behörde, des 
Ministeriums über die gesammte Polizeiverwaltung sind cen- 
tral zu leiten. Im Uebrigen verzweigt sich die Polizeiver- 
waltung durch die Mittelbehörden hindurch bis in die localen 
Polizeianstalten der einzelnen Gemeinden und ihrer Unter- 
abtheilungen. Die Gefahr ist hier die entgegen gesetzte , der 
Uebertreibung der Decentralisation. Die Polizeigewalt ist 
wesentlich Statsgewalt, Sie musz daher in der Regel von 
Statsbeamten in Unterordnung unter die statlichen Oberbe- 
hörden verwaltet und darf nicht den Gemeinden überlassen 
werden. Nur die besondere Localpolizei, welche mit der 
Wirthschaft und der Cultur eines besonderen Orts verbunden 
ist, wie z. B. Straszenbeleuchtung und Reinigung, Aufsicht 
über die Flurordnung und ähnliche Dinge sind Sache der 



Drittes Capitel. Centralisation und Decentralisation. 



487 



Gemeinde und Ortspolizei. Aber auch da ist es schädlich, 
allzu kleine Verwaltungsbezirke einzurichten, weil jede gute 
Polizei ein gröszeres Masz von geistigen und materiellen 
Kräften braucht, als ein kleiner Ort aufzubringen vermag. 
Wird die Polizei zu sehr decentralisirt, so verliert sie ihre 
Macht und ihre Fähigkeit und die Folge ist Vernachlässigung 
der öffentlichen Interessen, Anarchie und Willkür. 

d) In der Finanzverwaltung überwiegt die Centrali- 
sation, so jedoch, dasz auch der Decentralisation eine be- 
deutende Stelle verbleibt. Der Statshaushalt im Ganzen be- 
darf der Centralisation. Ebenso ist das gesetzliche Steuer- 
wesen central zu bestimmen, wie überhaupt die Rechtsord- 
nung in der Regel. Aber eine blosz uniforme Steuergesetz- 
gebung , welche auf erhebliche Unterschiede der verschiedenen 
Länder (Colonien) oder von Stadt und Land, oder der Haupt- 
berufsarten (Landwirthschaft, Industrie, Handel, Capital) keine 
Rücksicht nimmt, würde ungerecht und verderblich wirken. 
Eine relative Decentralisation ist also unvermeidlich. Die 
Steuererhebung aber musz regelmäszig örtlich eingerichtet 
werden, setzt also Decentralisation voraus. 

e) Auf dem Gebiete der Cultur pflege überwiegt die 
Decentralisation. Die Gesammtbeziehung des States zur Kirche 
freilich, die confessionellen Gesetze, die Schulpflicht der Kin- 
der, die Leistungspflichten der Gemeinden, das Unterrichts- 
gesetz sind central zu bestimmen, weil sie in gleicherweise 
auf das ganze Volk und die gesammte Gesellschaft Bezug 
haben und das allgemein Nothwendige ordnen. Aber die 
Culturanstalten selber bedürfen zu ihrem Gedeihen der Selb- 
ständigkeit derer, welche diese Culturpflege besorgen, als 
Priester, Professoren, Lehrer. Damit die Volksschule voll- 
wirksam werde, müssen sich dabei auszer den Lehrern auch 
die Gemeinden und die Hausväter betheiligen und das ge- 
schieht nur, wenn es decentralisirte Ortsschulräthe gibt. Die 
mittleren Lehranstalten, Gymnasien, Realschulen, Bürger- 



488 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



schulen und die höchsten Anstalten, Universitäten, polytech- 
nische Schulen. Künstlerakademien werden wohl vom Centrum 
aus mit Professoren besetzt und mit Einkünften ausgestattet. 
Aber dort bedürfen doch die Directoren der Schule, hier so- 
gar die einzelnen Professoren ein groszes Masz von freier 
Selbstbestimmung, wie sie nur die relative Decentralisation 9 
zu gewähren vermag. Die decentralisirten Universitäten in 
Deutschland haben das wissenschaftliche Leben der Nation 
vor der launenhaften Despotie einzelner Landesfürsten und 
Landesregierungen glücklich gerettet und eine freie Mannich- 
faltigkeit bewahrt, welche die centralisirende Gleichartigkeit 
der französischen Universität nicht zu schützen vermocht hat. 

f) Für die Armenpflege ist ebenso die Decentralisation 
die Regel; denn gründlich läszt sich die Armuth nur an dem 
Orte erkennen, wo die Armen wohnen, und ausreichende und 
richtige Unterstützung am ehesten dann schaffen, wenn die 
Armenpfleger am Orte eingreifen, beaufsichtigen, Anleitung 
geben und Hülfe reichen. Indessen musz man sich auch hier 
vor der Zersplitterung der öffentlichen Hülfe in allzu kleine 
Armenverbände hüten, denen es an den erforderlichen mo- 
ralischen und ökonomischen Kräften gebricht. Ergänzend und 
beaufsichtigend musz auch die mittlere und die centrale Ar- 
menpflege nachhelfen und die Grundsätze des Armenrechts 
und der Armensteuer kann nur durch das centrale Gesetz 
geordnet werden. 

g) In der Wirtschaftlichkeit sind die allgemei- 
nen Landesanstalten von den besonderen örtlichen 
zu unterscheiden. Das Geld, Masz und Gewicht, die Eisen- 
bahnen, die Haupt- und Landstraszen, die Posten und Tele- 
graphen gehören zu jenen; die Bezirksstraszen , Gemeinde- 

9 In neuerer Zeit hat theils durch das Gesetz vom 15. März 1850, 
theils durch das von 1875 auch Frankreich der Decentralisation Einflusz 
verstattet, durch letzteres Gesetz sogar der gefährlichen Einwirkung der 
klerikalen Richtung. 



Viertes Capitel. Die Bedeutung der Berufsämter im modernen Stat. 489 



wege, städtischen Gassen, Wasserleitungen, Abzugskanäle, 
Abfuhr des "[Inraths, städtische Bauordnungen, Straszenbe- 
leuchtung, Ahnende- und Waldwirtschaft, Gewerbehallen, 
Marktbuden, Obst- und Gemüsemärkte u. s. f. gehören zu 
diesen. In jenen ist die Centralisation, in diesen die Decen- 
tralisation durch die Natur der Verhältnisse angezeigt. 

Die eigentliche Statsverwaltung wird im Groszen und 
Ganzen mehr von der Centralisation bestimmt, die Selbstver- 
waltung erfordert eher Decentralisation. Innerhalb der Stats- 
verwaltung haben die centralen Behörden durchweg das Ganze 
vor Augen und bewahren den Zusammenhang und die Ord- 
nung des gemeinsamen öffentlichen Rechts; so bewegen sich 
die Mittelbehörden mit relativer Selbständigkeit je nach Um- 
ständen in der einen oder anderen Richtung, und sind die 
Ortsbehörden, obwohl den mittleren und centralen unterge- 
ordnet, doch vorzugsweise mit decentralisirten Aufgaben betraut. 



Viertes Capitel. 

Die Bedeutung- der Berufsämter im modernen Stat. 

Die Berufsbeamtung ist auf dem europäischen Continent 
in der Periode der absoluten obrigkeitlichen Gewalt ausge- 
bildet worden. Sie war eine Schöpfung der Monarchie, welche 
zum Behuf ihrer Regierung und der von ihr beherrschten 
Verwaltung ständiger Diener bedurfte, die ihrem Willen folg- 
sam waren und zugleich durch ihre Geschäftskunde und ihren 
Fleisz eine verständige und zweckmäszige Besorgung der ihnen 
aufgetragenen Geschäfte verbürgten. Im Gegensatz zu den 
mittelalterlichen Aemtern erblicher Vasallen und Dienstleute 
entstand so eine Classe von tüchtigen Beamten, welche we- 
niger herrisch als jene und dem Monarchen fügsamer als jene 
zugleich kenntniszreicher und besser verwalteten. 



490 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



Die unterscheidenden damaligen Merkmale waren: 

a) Nicht mehr der vornehme Stand und die Geburt , son- 
dern die persönliche Fähigkeit war entscheidend. Das Amt 
wurde nach individueller Würdigung der Person besetzt. 

b) Durchweg wurde wissenschaftliche Vorbildung 
auf den Universitäten gefordert. 

c) Die Beamten wurden von dem Fürsten frei ernannt, 
in das Amt eingesetzt. Sie waren fürstliche Diener. Sie 
konnten ebenso willkürlich befördert oder entlassen werden 
und waren durchaus abhängig von der fürstlichen Gnade. 

d) Die Beamten erhielten eine regelmäszige und für eine 
bescheidene Oekonomie der Beamtenfamilie ausreichende Be- 
soldung. 

e) Nur wenige und besonders Richterämter erhielten 
schon damals eine unabhängige und besser gesicherte 
Stellung. 

Es entstand so in jedem Lande ein einfluszreicher Be- 
amtenstand, dessen Glieder durch die Gemeinschaft ihrer 
Studienjahre, ihre wissenschaftliche Bildung, ihre Berufsübung, 
durch ihre Anstellung, die Uniform, die gemeinsame Autori- 
tät verbunden waren. Wenn auch die Aemter nicht mehr 
erblich waren, so gab es doch eine grosze Zahl von Beamten- 
familien, deren Nachkommen wieder wie die Väter studirten 
und sich den Aemtern widmeten. Aehnlich wie in den par- 
lamentarischen Adelsgeschlechtern Englands gab es in den 
Continentalstaten Beamtengeschlechter, welche die Fähigkeit 
zu den Aemtern und die Theilnahme an denselben gewisser 
Maszen erblich fortpflanzten. Sie bildeten den Kern des Be- 
amtenkörpers. 

Dieser Beamtenstand bekam allmählich eine entschei- 
dende Macht. Auch der Landesherr, obwohl alle Beamten 
ihre Autorität von ihm ableiteten und ihm unterthänig waren, 
war doch thatsächlich genöthigt, den Rath und die Meinung 
seiner Diener zu beachten. Ohne sie konnte er Nichts durch- 



Viertes Capitel. Die Bedeutung der Berufsämter im modernen Stat. 491 



führen, ohne ihre Hülfe die Aufgaben der Statsverwaltung 
nicht bewältigen. Die scheinbar absolute Monarchie der letz- 
ten Jahrhunderte hat in dem Beamtenstand ihre Schranke 
gefunden, die sie nur selten mit heftiger Anstrengung durch- 
brechen oder beugen konnte. 

Der Beamtenstand bekam aber auch ein gehobenes Selbst- 
gefühl und er verlangte und erhielt mit der Zeit auch der 
fürstlichen Willkür gegenüber eine gesicherte Stellung. Er 
erwarb sogenannte pragmatische Rechte, die ihm seine 
Besoldungsansprüche sicherten und ihn gegen grundlose Ent- 
lassung schützten. 

Der so befestigte Beamtenstand ist nun aus der absoluten 
Monarchie in die constitutionelle übergegangen. Anfangs war 
derselbe dieser Statswandlung ebenso wenig geneigt, wie die 
meisten Monarchen. Nur ungern sahen die meisten Berufs- 
beamten eine neue politische Macht in der Volksvertretung 
sich erheben, welche nicht blosz einen bedeutenden Antheil 
an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten verlangte, 
die bisher den Beamten allein vorbehalten war, sondern so- 
gar von den Beamten Rechenschaft forderte über ihre Amts- 
verwaltung. Wie die Monarchen, so gaben auch die Beamten 
nur der erkannten Nothwendigkeit nach, indem sie sich die 
Einführung der Repräsentativverfassung gefallen lieszen. 

Aber allmählich gewöhnte sich der Beamtenkörper an die 
neue Statsform und wurde auch der Vortheile bewuszt, welche 
sie für das Gesammtieben überhaupt und selbst für die würdige 
Stellung seiner Mitglieder gewährte. Der heutige Beamten- 
stand ist in seiner groszen Mehrzahl Constitutionen gesinnt. 

In dem continentalen Beamtenstand ist unläugbar viel 
Bildung, grosze Arbeitstüchtigkeit, Geschäftskunde, Fleisz, 
Ehrenhaftigkeit und Rechtssinn zu finden. Er ist in dem 
Volkskörper eine sehr hervorragende und verdienstvolle Classe. 
Der Stat und die Gesellschaft bedürfen seiner Dienste und 
seiner Hülfe und sind ihm dankbar dafür. 



492 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



Dennoch sind mit dieser Einrichtung auch mancherlei 
Gefahren verbunden die man vermeiden und bekämpfen musz. 
Die einen waren gröszer zur Zeit des absoluten Stats und 
sind in dem repräsentativen gemildert worden , die andern 
sind in der neuen Statsform hinzu gekommen. 

Alt ist die Gefahr einer schroffen, kastenartigen Schei- 
dung der Beamten von der Gesellschaft, welche dahin führt, 
dasz Beamte und Privatpersonen sich nicht mehr verstehen, 
der Beamte sich gewöhnt, von der Amtsstube aus, ohne wahre 
Einsicht in die Bedürfnisse des Lebens, nach formellen Re- 
geln bureaukratisch oder gar nach Laune herrisch zu ver- 
walten, durch Vielregiererei die Privatfreiheit zu unterdrücken 
und eine lästige Bevormundung zu üben. 

Diese Gefahr ist offenbar heute geringer als vor einem 
Menschenalter. Die Repräsentativverfassung nöthigt und ge- 
wöhnt die Beamten , mit den Bürgern vielfältig persönlich zu 
verkehren und hindert sie, das in herrischer und übermüthiger 
Weise zu thun. Die frühere Trennung der Beamten und der 
Bürger hat daher aufgehört. Zahlreiche Verbindungsfäden 
gehen hin und her. Der Bureaukratie , d. h. der Herrschaft 
des Formalismus über das Wesen, der bloszen technischen 
Gewandtheit statt der sachlichen Befriedigung, wirken ent- 
gegen die Ergänzung der Berufsämter durch Ehrenämter, die 
Selbstverwaltung, die Mündlichkeit des Verfahrens, die Con- 
trole sowohl der oberen Verwaltungsbehörde als der Kammern 
und der freien Presse. Ebenso wird die Gefahr der Viel- 
regiererei und der ungebührlichen Bevormundung erfolgreich 
bekämpft durch die Gesetzgebung, welche die bürgerliche 
Freiheit in ihrem weiten Bereiche anerkennt, durch die Rechts- 
pflege, welche diese Freiheit schützt und durch die Verant- 
wortlichkeit, welche den Verwaltungsbeamten auferlegt ist. 

Während aber die Repräsentativverfassung manche alte 
Schäden verbessert hat, ist erst durch sie eine neue Gefahr 
drohend geworden, die Gefahr der Parteiherrschaft. 



Yiertes Capitel. Die Bedeutung der Berufsämter im modernen Stat. 493 



Die Repräsentativverfassung, welche der Nation politi- 
sche Freiheit und einen Antheil an der Statsleitung gewährt, 
hat auch den Widerstreit der politischen Parteien entfesselt. 
Die Parteien ringen mit einander um die Wahlen zu der 
Volksvertretung. In den einen Ländern, wie in England, 
wird geradezu das Ministerium aus den Häuptern der Partei 
gebildet, welche in der Volksvertretung die Mehrheit der 
Stimmen erworben hat; in den andern, wie in Deutschland, 
gehen zwar die Minister nicht aus der Partei hervor, aber 
sie werden doch genöthigt, mit der in den Kammern mäch- 
tigsten Partei zu rechnen, deren Vertrauen zu gewinnen, sich 
auf dieselbe zu stützen. Dem Einflusz der überwiegenden 
Partei kann sich auf die Dauer kein Ministerium in einem 
repräsentativen State ganz entziehen, sowohl deszhalb nicht, 
weil es den Kammern gegenüber verantwortlich ist, als desz- 
halb nicht , weil es nur mit der Zustimmung der Kammern 
Gesetze geben und Vollmacht zu Ausgaben erhalten kann. 

Daraus entstehen auf zw r ei entgegen gesetzten Seiten 
Gefahren: 

a) Das Ministerium kann der Kammer gegenüber seine 
Verantwortlichkeit nur insofern tragen, als es sicher ist, dasz 
auch die ihm untergebenen Beamten seinen Willen ausführen 
und seine Politik unterstützen. Gehören die Beamten andern 
politischen Parteien zu, und widerstreben sie im Sinn ihrer 
Partei der Politik des Ministeriums und der herrschenden 
Kammerpartei , so ist die Verwaltung zwiespältig und gelähmt. 
Das Ministerium musz daher darauf dringen, dasz ihm die 
Mittel gewährt w r erden, die Einheit der Verwaltung und die 
politische Unterordnung der Beamten herzustellen. 

b) Wird aber die Verwaltung entschieden im Geiste einer 
herrschenden politischen Partei geführt, so entsteht die höchst 
bedenkliche Gefahr, dasz die Minderheiten unterdrückt und 
der Stat, der alle Parteien durch dasselbe Recht einigt, zu 
einer Parteityrannei verdorben werde. 



494 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



Gewisz hat Rudolf Gneist darin Recht, wenn er mit 
starkem Nachdruck die Bekämpfung eines solchen Uebels 
verlangt, wenn gleich er dasselbe mit allzu dunkeln Strichen 
gezeichnet hat. Er empfiehlt als zwei Hauptmittel, dieses 
Uebel zu heilen, die gesetzliche Feststellung der für 
alle Beamten, wie für alle Privaten gleichmäszig verbindlichen 
Rechtsordnung und sodann die Einrichtung einer Rechts- 
pflege, welche nicht blosz die Privaten in ihrem Privat- 
recht, sondern auch Jedermann in seinem öffentlichen 
Rechte schützt. 

Diese Heilmittel sind gut, aber doch nur so weit wirk- 
sam, als es überhaupt rathsam und zweckmäszig ist, eine 
feste Rechtsordnung zu gestalten. So weit aber es vorzu- 
ziehen ist, die freie, den wechselnden Bedürfnissen des Lebens 
sich anschmiegende Bewegung auch der Regierung und der 
Verwaltung nicht durch normative Regeln einzuschnüren, son- 
dern zu fördern, so weit können das Verwaltungsrecht und 
die Verwaltungsrechtspflege nicht helfen. 

Auch die Aufsicht der oberen Verwaltungsämter über 
die Thätigkeit der unteren Aemter und der formelle In- 
stanzenzug von diesen an jene helfen nur in einzelnen 
Fällen. 

Um jenen Gefahren wirksam zu begegnen, sind die Un- 
terschiede unter den Aemtern selber zu beachten. Wir können 
drei grosze Classen von Aemtern unterscheiden: 

1. Die politischen Vertrauensämter im engeren 
Sinn, d. h. die Aemter, welche in leitender Stellung die 
Politik bestimmen und ausführen, und welche daher auch die 
Verantwortlichkeit der Volksvertretung gegenüber auf sich 
nehmen und tragen müssen. Obwohl auch diese Aemter Stats- 
ämter sind und nicht blosze Parteiämter, obwohl auch sie 
dem ganzen State und der ganzen Gesellschaft ihre Kräfte 
und Dienste widmen sollen, und nicht etwa einer Partei zu 
Liebe oder zu Hasz; so wird doch bei der Besetzung dieser 



Viertes Capitel. Die Bedeutung der Berufsämter im modernen Stat. 495 

Aemter Rücksicht genommen auf das Vertrauen der politi- 
schen Partei, welche in der Volksvertretung die Stimmen- 
mehrheit besitzt, und auf deren Unterstützung die Regierung 
Werth legen musz. Wird das Ministerium aus den Häuptern 
der Mehrheitspartei gebildet, so müssen die Minister auch 
im Parlament sitzen und die Führer des Parlaments bleiben. 
Werden die Minister aus dem Beamtenkörper berufen, so ist 
es nicht ebenso nöthig, dasz sie Mitglieder des Parlaments 
sind; im Gegentheil sie stehen besser auszerhalb desselben; 
aber sie müssen Fühlung mit den Parlamentsparteien be- 
halten und können sich auf die Dauer nur behaupten, wenn 
ihnen nicht ein entschiedenes und nachhaltiges Misztrauen 
der Volksvertretung entgegen tritt. 

Deszhalb sind diese eminent politischen Beamten ihrer 
Stellen nicht ebenso sicher, wie andere Beamte. Sie sind 
jeder Zeit entlaszbar und versetzbar, wenn gleich ihre 
Amtsführung rechtlich untadelhaft und im Sinn der bisherigen 
Politik auch zweckmäszig war. Ein Umschwung in den Par- 
teiverhältnissen des Parlaments erfordert oder veranlaszt ge- 
wöhnlich auch einen Wechsel der Personen in den poli- 
tischen Aemtern, weil derselbe eine Aenderung der politischen 
Haltung und Richtung des Stats zur Folge hat, welche hin- 
wieder Personen verlangt, die mit der neuen Politik einver- 
standen sind und das Vertrauen der neuen Majorität genieszen. 

2. Eine sehr grosze Anzahl anderer Aemter sind von 
den politischen Parteikämpfen und daher auch von den par- 
lamentarischen Kämpfen möglichst fern zu halten und desz- 
halb zu neutralisiren. Dahin gehören voraus die Justiz- 
ämter durchweg. Der Richter soll nicht blosz unparteiisch 
sein, man musz dafür sorgen, dasz auch die Parteien Ver- 
trauen zu seiner Unparteilichkeit haben. Das ist aber nicht 
möglich , wenn der Richter an dem politischen Parteikampfe 
einen lebhaften Antheil nimmt. Nur wenn eine Partei den 
Stat selber und die Rechtsordnung angreift, dann musz sie 



490 



Eilftes Buch. Verwaltung. 



wissen , dasz sie die Richter alle Zeit auf der Seite des Stats 
und des Rechts finden werde. 

Wir rechnen dahin aber auch die unteren Polizei- 
ämter und die ganze Masse der Militärämter, welche die 
politische Richtung nicht selber bestimmen, sondern durch 
den Befehl oder die Instruction der oberen Regierungsämter 
empfangen und für die technische Durchführung zu sorgen 
verpflichtet sind. 

Alle diese neutralisirten Beamten können in ihrer Amts- 
stellung, ihrem Rang und Titel und ihrer Besoldung gegen 
willkürliche Entlassung auch für den Fall eines Wechsels in 
der Politik gesichert bleiben, insofern sie nur ihre Amts- 
pflicht gewissenhaft ausüben und noch fähig sind, die von 
ihnen geforderten Dienste zu leisten. 

3. Endlich gibt es eine dritte Classe von öffentlichen 
Aemtern, insbesondere technische und Culturämter. 
welche keinerlei obrigkeitliche Gewalt (weder imperium, noch 
jurisdictio) haben und in keiner "Weise an der politischen 
Verwaltung des Landes Theil haben, die daher in politischer 
Hinsicht ähnlich den Privatpersonen frei sind. Die 
Professoren, Statsärzte, Statsingenieure, Postverwalter, Eisen- 
bahnbeamte u. s. w. können ohne Schaden für die amtliche 
Subordination und ohne Gefahr eines Parteidruckes wie die 
Privaten an den politischen Parteikämpfen sich betheiligen. 
Die Gefahr der Parteiregierung fällt dieser Classe gegenüber 
deszhalb weg, weil sie überhaupt nichts zu regieren haben. 
Nur daran ist festzuhalten, dasz sie nicht den naturgemäszen 
moralischen Einflusz , den ihre Stellung ihnen auf die unteren 
Angestellten und Arbeiter gewährt, in einer der Politik der 
Regierung feindlichen Richtung ungebührlich verwenden. Als 
Individuen haben sie volle politische Freiheit, als Statsbeamte 
haben sie die erforderlichen Rücksichten auf den Stat und 
dessen Leitung zu beachten. 



Zwölftes Buch. 

Die politischen Parteien. 1 

Erstes Capitel. 

Was lieiszt politische Partei? Parteinahme der Beamten. 

Faction. 

Wo irgend in einem State sich politisches Leben mit 
Freiheit bewegt, da zeigen sich politische Parteien. Nur wo 
in einer Nation eine träge Gleichgültigkeit für die öffentlichen 
Angelegenheiten herrscht, oder wo ein gewaltsamer Druck der 
Machthaber jede gemeinsame, nicht befohlene Meinungsäusze- 
rung ganzer Gruppen der Bevölkerung verhindert, gelangen 
die Parteien nicht zur Erscheinung. Dort fehlt es an der 
Fähigkeit zu politischem Leben, hier wird die Entwicklung 
derselben künstlich niedergehalten. In allen Nationen , welche 

1 Dieses Buch ist schon 1869 als besondere Schrift unter dem Titel 
„Charakter und Geist der politischen Parteien, dargestellt von J. C. 
Bluntschli" , in Nördlingen von der Beck'schen Buchhandlung heraus- 
gegeben und seither in mehrere moderne Sprachen übersetzt worden. An 
einzelnen Stellen habe ich einige Verbesserungen angebracht, manchen- 
orts auch Kürzungen vorgenommen. Im Groszen hat sich Nichts geändert. 
Wiederholte Ueberlegung hat mich in der psychologischen Grundansicht 
über die Parteilehre bestärkt. Manche Bedenken , wie die von Treitschke 
geäuszerten, beruhen auf einem mangelhaften Verständnisz jener, und 
stören mich nicht. 

Blu.ntschli, die Politik. 32 



498 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



zur Statenbildung geeignet sind, finden sich auch die Kräfte 
und Neigungen zur Parteibildung. Aber zuweilen schlummern 
dieselben, zuweilen fehlt ihnen Luft und Licht zu frischem 
Wachsthum und freier Raum zu ihrer Bewegung. 

Wird bei einem lebenskräftigen Volke, wie das bis zur 
Mitte unsers Jahrhunderts in Deutschland geschehen ist, der 
Trieb zu politischer Parteibildung durch Verbote und Strafen 
unterdrückt, so zieht er sich aus dem politischen Leben zurück 
und flüchtet sich auf das religiöse oder kirchliche Gebiet oder 
er treibt dann die wissenschaftlichen , die künstlerischen , die 
socialen Gegensätze schärfer heraus. Zwischen diesen nicht 
politischen und den politischen Parteien besteht eine 
gewisse Wahlverwandtschaft, um so eher können jene eine 
Zeit lang auch für diese als Ersatz dienen. Die kirchlich- 
orthodoxe Partei ist der politisch-legitimistischen 
nahe verwandt, die kirchliche Reformpartei sympathisirt 
mit der politisch-liberalen Partei. Die geschichtliche 
Richtung in der Wissenschaft steht der politisch-conser- 
vativen Partei nahe, die kritisch-negative der radi- 
kalen. Offenbar wirken dieselben Gegensätze in der Men- 
schennatur auf die politischen und die unpolitischen Parteien 
ein; und beiderlei Gruppen ziehen bald sich wechselseitig an, 
bald stoszen sie einander ab. Indem wir die Natur der poli- 
tischen Parteien untersuchen, werden wir daher auch für 
das Verständnisz der unpolitischen Parteien manche Aufschlüsse 
finden. 

Je reicher und freier sich das politische Leben gestaltet, 
um so entschiedener treten die politischen Parteien vor. Die 
politisch begabtesten Völker zeigen daher die ausgebildeteste 
Parteibildung. Die Geschichte der römischen Republik und 
die Entwicklung des englischen Stats und der nordamerikani- 
schen Union sind nur aus den Kämpfen der politischen Par- 
teien zu verstehen, in welche die römische, die englische und 
die nordamerikanische Nation sich theilten. Erst das Ringen 



Erstes Cap. Was heiszt politische Partei? Parteinahme der Beamten etc. 499 



und die Keibung der Parteigegensätze treibt die höchsten stat- 
lichen Schöpfungen hervor, deren ein Volk fähig ist, und 
bringt den Reichthum der verborgenen Volkskräfte an den. 
Tag. Damit ist die politische Notwendigkeit und Nützlichkeit 
der Parteibildung erwiesen. Die politischen Parteien sind da- 
her nicht, wie so manche beschränkte und ängstliche Gemüther 
sich vorstellen, ein bedenkliches Uebel, eine Krankheit des 
Statslebens, sondern im Gegentheil eine Bedingung und ein 
Zeichen des gesunden politischen Volkslebens. Es ist keine 
Tugend des guten Statsbürgers , keiner Partei zuzugehören, 
und ein sehr zweifelhafter Ruhm für einen Statsmann , auszer- 
halb aller Parteien zu stehen. Die Parteien sind die natur- 
nothwendige Erscheinung und Aeuszerung der mächtigen in- 
nern Triebe , welche das politische Leben der Nation bewegen. 

Die Partei ist, wie schon das Wort (pars) bedeutet, 
allerdings nur ein T heil eines gröszeren Ganzen, nie- 
mals dieses Ganze selbst. Die politische Partei kann 
daher auch nur das Bewusztsein eines Theils der Nation in 
sich haben ; sie darf sich niemals mit dem Ganzen , dem V olk, 
dem Stat identificiren. Würde sie das thun, so würde sie 
sich überschätzen und gegen alle andern Theile eine ungerechte 
Anmaszung begehn. Sie darf daher die andern Parteien be- 
kämpfen, aber sie darf dieselben nicht ignoriren und in der 
Regel auch nicht vernichten wollen. Keine Partei kann für 
sich allein bestehn ; nur die Gegenpartei neben ihr macht ihr 
Dasein und ihre Entwicklung möglich. 

Aber gibt es nicht wenigstens Einen politischen Mann 
im State, an den die Forderung gestellt werden musz, dasz 
er ausz erhalb der Parteien seine Stellung nehme? In der 
Monarchie ist der Fürst berufen, in dauernder Weise die 
Einheit des States, und somit des Ganzen in seiner Person 
darzustellen. Die Parteien haben keinen Einflusz auf seine 
Erhebung; die erbrechtliche Thronfolge schlieszt dieselben 
mit Absicht davon aus. Er steht auf dem Gipfel der Stats- 



500 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



Ordnung, erhaben über alle Parteien. Die ganze Institution 
der Erbmonarchie entzieht daher den Erbfürsten den Partei- 
spaltungen. Wir fordern von ihm und fast nur von ihm, 
dasz er selbst keinePartei ergreife und keine Partei bilde, 
sondern alle Parteien, jede nach ihrer Weise und nach 
gemeinsamem Rechte beachte und gewähren lasse. Wir be- 
trachten es daher als einen politischen Fehler, als der König 
Georg III. von England um sich her eine Partei der 
„Königsfreunde" sammelte, welche von den alten nationalen 
Parteien der Whigs und Tories doch in Kurzem wie zwischen 
zwei Mühlsteinen zerrieben und vernichtet wurde; das könig- 
liche Ansehen wurde dadurch nicht gestärkt. Wir billigen es 
nicht, dasz continentale Fürsten sich an die Spitze der legi- 
timistischen Parteien gestellt haben. 

Freilich wird auch der Fürst oft genöthigt sein, seine 
Regierung je nach Umständen auf eine bestimmte Partei 
zu stützen, dann nämlich, wenn diese Partei zu bestimmter 
Zeit besonders mächtig ist und fähig erscheint, die Politik 
des States zu bestimmen. Er hat wohl auch Ursache, das 
Treiben von Parteien, welche die öffentliche Wohlfahrt ge- 
fährden, mit scharfem Blick zu beobachten und denselben 
entgegen zu wirken. Aber wenn er das in nicht gehörig 
motivirter Weise, nicht aus Statsgründen thut, wenn man 
seine Haltung und sein Verfahren der persönlichen Vorliebe 
für die eine Partei und dem persönlichen Hasse gegen die 
andere Partei zuschreiben kann, so läuft er Gefahr, selber 
in den Schein der Parteilichkeit zu gerathen , und nicht mehr 
als Statshaupt allgemein verehrt, sondern als Parteiführer 
angesehn und je nach der Parteistellung ausgebeutet oder 
miszachtet zu werden. Deszhalb musz er sich auch vor vor- 
eiligen und leidenschaftlichen Erklärungen, sei es zu Gunsten 
einer Partei , sei es zu Ungunsten einer andern Partei hüten, 
wie insbesondere vor einem Wahlkampfe. Wenn trotz seiner 
Erklärung die von ihm begünstigte Partei eine schwere Nieder- 



Erstes Cap. Was heiszt politische Partei ? Parteinahme der Beamten etc. 501 



läge erleidet, so wird er vielleicht genöthigt, sie im Interesse 
der Ruhe des Stats fallen zu lassen. Oder wenn gegen 
seine Erwartung die verurtheilte Partei dennoch einen ent- 
scheidenden Wahlsieg erstreitet, so kann er es doch vielleicht 
nicht vermeiden, ihr auf die Statsverwaltung einen groszen 
Einflusz zu gewähren. Wer dauernd an der Spitze eines 
States bleibt, wie der Erbfürst es soll und will, der musz 
den Wandlungen in dem Volksleben Rechnung tragen, und 
je nach dem Wechsel der Strömungen in demselben auch mit 
den wechselnden Mächten, welche dasselbe bestimmen, sich 
verständigen. 

Für die fürstlichen Minister und für die übrigen 
Statsbeamten gilt diese Anforderung der Parteilosigkeit 
nicht, und nicht einmal für die gewäh lten Präsidenten 
einer Republik. Freilich dürfen auch diese Träger leitender 
Statsämter, wenn sie amtlich handeln, nicht als blosze Partei- 
männer handeln; denn das Amt gehört dem State als 
Ganzem an, nicht der Partei. Es ist von dem Stats- 
geiste erfüllt, und dient dem State. Die Amtshandlung 
ist St atsh and hing. Das Statsrecht aber mit seinen Pflich- 
ten und seinen Befugnissen weisz nichts von Parteien; die 
Verfassung und die Statsordnung sind das gemeinsame fest 
gegründete Recht für Alle ohne Unterschied der Partei. Sie 
beschränken auch das Getriebe und die Kämpfe der Parteien. 
Der Richter, welcher den Streit der Proceszparteien nach 
Rechtsgründen entscheidet, musz über den Parteien stehen 
und in der Wage der Gerechtigkeit das Gewicht ihrer Be- 
hauptungen bemessen. Der Verwaltungsbeamte darf nicht die 
gemeinen Statsgelder der Partei zu Liebe verwenden, und 
nicht die Polizeimaszregeln statt durch die Rücksicht auf das 
öffentliche Bedürfnisz durch Parteirücksichten bestimmen lassen. 
Auch die Gezetze werden nicht den einzelnen Parteien zu Liebe 
oder zu Leide verfaszt, sondern sprechen das für Alle gleiche 
Recht unparteiisch aus. Erst da, wo innerhalb der Rechts- 



502 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



Ordnung die Bewegung eines freien neuen Lebens beginnt, 
d.h. erst wo die Politik anfängt, da treten auch die Parteien 
hervor. 

Aber jene gemeine Verpflichtung aller Aemter, unpar- 
teiisch zu sein, ist für den Beamten kein Hindernisz, in 
dem freien politischen Leben sich mit den Gleichgesinnten 
zusammen zu finden und Partei zu nehmen. Er ist doch 
nicht, in demselben Grade, wie der Erbfürst, die Personifica- 
tion des Ganzen. Er ist zwar als Beamter ein Organ und 
Repräsentant des Stats und insofern musz er sein Amt un- 
parteiisch verwalten. Aber er ist andrerseits als Privatmann 
und politischer Mann in einer freien Theilstellung, die es ihm 
gestattet, Parteigenossen zu suchen und sich mit denselben 
zu gemeinsamem Streben zu verbünden. Die gröszten Stats- 
männer der Römer und der Engländer waren jederzeit zugleich 
unparteiische Magistrate und Minister und aner- 
kannte Parteiführer. Die Präsidenten der Vereinigten 
Staten sind durchweg von einer Partei zum Weiszen Hause 
geführt worden. Wo immer die Wahl, sei es des Volkes 
oder groszer Körperschaften, die Aemter besetzt, da übt die 
Partei einen starken Einflusz aus; denn in den Wahlen vor- 
züglich ringen die Parteien mit einander um den Sieg. In 
dem Masze also, in welchem die Wahlen zahlreicher Wahl- 
körper die Stellen besetzen , wird die Bedeutung der Parteien 
verstärkt. Je mehr dagegen die Ernennung zu den Aem- 
tern von dem festen Centrum des Statshauptes aus bestimmt 
wird, um so schwächer wird der Einflusz der Parteien. Die 
Republik (die aristokratische so gut wie die demokratische) 
hat daher einen natürlichen Zug zur Parteiregierung, die 
Monarchie dagegen zu ihrer Beschränkung. In der modernen 
constitutionellen Monarchie wird der Versuch gemacht, den 
Gegensatz zu verbinden , indem die technischen Verwaltungs- 
ämter groszen Theils dem Parteiwesen entzogen, die eigent- 
lich politischen Aemter dagegen von demselben bestimmt 



Erstes Cap. Was heiszt politische Partei? Parteinahme der Beamten etc. 503 

werden. Die Wirksamkeit der Parteien steigt und senkt sich 
mit den Wogen des politischen Lebens und kommt zur Ruhe 
in der unparteiischen Pflichtübung der Statsverwaltung. Die 
politische Parteiung findet daher ihre Schranke in der 
unparteiischen Rechtsstellung des Beamten. Wie wir 
von dem Geschichtschreiber verlangen, dasz er unparteiisch 
sei, das heiszt, dasz er das Verhalten aller Parteien mit. 
Wahrheit schildere und mit Gerechtigkeit bemesse, aber nicht, 
dasz er parteilos sei, das heiszt, dasz er ein empfindungs- 
loser Spiegel sei, der die äuszern Lebensbilder gleichgültig 
auffange und kalt reflektire, ebenso und in noch höherem 
Grade verlangen wir von dem Statsmanne im Amt, dasz er 
unparteiisch, aber nicht, dasz er parteilos sei. 

Die Gefahr freilich, dasz die Partei auch auf die Pflicht- 
übung im Amte einen unberechtigten Einflusz habe, ist nicht 
gering. Am verderblichsten wirkt diese Trübung der Amts- 
pflicht in der Rechtspflege; denn das Recht, das nothwendig 
für Alle gleichmäszig gilt, wird in seinem innersten Wesen 
verletzt, wenn es der Parteileidenschaft dienstbar gemacht 
wird, die es ermäszigen und beschränken soll. Auch der 
Richter ist in seinem Rechte, wenn er als freier Bürger mit 
seiner Partei wählt, oder wenn er als Abgeordneter zu seiner 
Partei hält. Nur als Richter darf er nicht auf die Partei 
sehen. Aber weil sein Amt ihn vorzugsweise zu unparteiischer 
Rechtsübung verpflichtet, so thut er besser, nicht voranzugehen 
in den Parteikämpfen. Das Vertrauen der verschiedenen Par- 
teien auf seine richterliche Unparteilichkeit wird leicht er- 
schüttert, wenn er auszerhalb des Gerichts als eifriger Partei- 
mann erscheint. Der Richter musz aber nicht blosz unparteiisch 
sein, er musz auch als unparteiisch gelten. 

Weniger bedenklich ist die Parteinahme derer, welchen 
wesentlich politische Aemter anvertraut sind, denn in dem 
politischen Leben ist die politische Partei an ihrem rechten 
Platz. Von der Art sind vorzüglich die Aemter der politisch 



504 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



leitenden Minister und ihrer politischen Gehülfen, auch 
im Gegensatze zu den mehr technischen Fachministern und 
die Stellen der Abgeordneten in der Volk svertretung. 
Die nach kurzer Amtsdauer wechselnden Präsidenten und 
Räthe in der Repräsentativdemokratie haben darin eine ähn- 
liche Stellung, wie die politischen Minister in der repräsen- 
tativen Monarchie. Sie verdanken zumeist ihre Erhebung der 
siegenden politischen Partei und obwohl an die Spitze des 
ganzen States und insofern über die Parteien gestellt, können 
sie doch nicht ihren Ursprung noch die politischen Partei- 
principien verläugnen, mit Rücksicht auf welche sie von dem 
Vertrauen der Mehrheit zu ihrem hohen Amte berufen wor- 
den sind. Der Uebergang zu einer andern Partei , und selbst 
das Schwanken zwischen den Parteien ist für ihr Ansehen 
gefährlich. Würden sie aber einseitig und leidenschaftlich 
nur im Sinne ihrer Partei regieren, so würde bei einem ge- 
sunden Volke das gemeinsame Stats- und Rechtsgefühl sich 
gegen sie wenden und die Partei , auf welche sie sich gestützt, 
würde in Folge solchen Miszbrauchs der Gewalt den Credit 
verlieren und leicht von einer Gegenpartei gestürzt werden. 
Sie würde damit ihre Regierungsunfähigkeit darthun. 

Aus alle dem ergibt sich: Die Parteien sind keine 
s tatsrechtliche, sondern eine politische Institu- 
tion. Die politischen Parteien sind keine Glieder in dem 
Organismus des Statskörpers, sondern sie sind freie, in ihrer 
Zusammensetzung dem wechselnden Beitritt und Austritt an- 
heim fallende Gesellschaftsgruppen, welche durch eine 
bestimmte Gesinnung und Richtung zu gemein- 
samer politischer Action verbunden sind. Sie sind 
ein Erzeugnisz und sie sind Vertreter der verschiedenen Strö- 
mungen des politischen Geistes, welcher das Volksleben 
innerhalb der Stats- und Rechtsordnung bewegt. 

Wir unterscheiden die Partei von der Facti on. 

Die Faction ist das Zerrbild der Partei, die entartete 



Erstes Cap. Was heiszt politische Partei ? Parteinahme der Beamten etc. 505 

Partei. So nöthig und nützlich die Parteien sind auf der 
höheren Stufe des bewuszten und freien Statslebens, so un- 
nöthig und verderblich sind die Factionen. Im gesunden 
Leben der Völker entwickeln sich die Parteien, in krankhaften 
Zuständen gewinnen die Factionen an Macht, Die Parteien 
vervollkommnen den Stat, die Factionen zerreiszen ihn. Die 
aufsteigende Statenbildung wird von den Parteien getrieben, 
der Verfall der Staten offenbart die Thätigkeit der Factionen. 

Wir sprechen im eigentlichen Sinne von politischer 
Partei, wenn dieselbe von einem politischen Princip 
beseelt ist und eine politische Tendenz verfolgt. Politisch 
im vollen wahren Sinn des Worts ist aber nur, was auf der 
Existenz des Stats beruht und daher mit dem State verträg- 
lich ist, nur was der gemeinen Wohlfahrt dient. Die politische 
Partei kann grosze Mängel des Charakters an sich haben, 
sie mag leichtsinnig nach Neuerung streben oder überängstlich 
das Hergebrachte bewahren wollen. Sie kann zu verkehrten 
Mitteln greifen, und deszhalb ihr Ziel verfehlen, sie kann 
sogar ein thörichtes Ziel anstreben. Diese menschlichen 
Schwächen und Fehler verdunkeln noch nicht den Ehren- 
namen der politischen Partei. Aber niemals darf die Partei 
sich selber über den Stat, den Theil über das Ganze stellen, 
niemals ihre Parteiinteressen den Statsinteressen 
überordnen. Eine Partei, die das thut, erniedrigt sich 
zur Faction. Die Faction will nicht dem State dienen, son- 
dern will, dasz der Stat ihr diene. Sie verfolgt nicht poli- 
tische d. h. gemeinnützliche, sondern selbstsüchtige Zwecke. Im 
Conflict zwischen Stats wohl und Parteiinteresse zieht sie unbe- 
denklich dieses jenem vor und bringt jenes diesem zum Opfer. 

Nicht leicht wird eine Faction sich zur politischen Partei 
erheben und veredeln, obwohl auch das nicht unmöglich ist, 
aber die politische Partei kann leicht zur Faction herab- 
sinken und ausarten. Wie der Einzelmensch zugleich ein In- 
dividuum für sich und ein Glied einer gröszeren Gemeinschaft 



50G Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 

ist, der Familie, der Gemeinde, des Stats, zuletzt der Mensch- 
heit, wie in dem Einzelmenschen der Individualgeist und der 
Gemeingeist bald friedlich zusammenwirken, bald mit einander 
kämpfen, ebenso hat jede politische Partei dieses Doppelleben 
in sich. Sie sind Verbindungen mit besondern Parteinter- 
essen und Theile des gröszeren Volks- und Statsganzen. Auch 
in der politischen Partei wirken der Sondergeist und das 
Sonderinteresse, aber der allgemeinere Statsgeist und 
die Interessen der öffentlichen Wohlfahrt wirken 
mächtiger in ihr, als aller Parteiegoismus. In der Faction 
dagegen ist die selbstsüchtige Eigenliebe übermächtig 
geworden und sucht nun den Stat für ihre Sonderzwecke 
auszubeuten. Der Gegensatz der politischen Partei und der 
Faction besteht also weniger darin, dasz sie andere Kräfte 
und Neigungen in sich haben, als vielmehr darin, dasz sie 
einer entgegengesetzt en Polarströmung folgen. Wenn 
die zwei Pole, die in beiden sind, Sondergeist und Stats- 
geist ihre herrschende Stellung ändern, so wird derselbe 
Verein das eine Mal als politische Partei, das andere Mal 
als Faction erscheinen. So bald in der Partei die Selbstsucht 
oder selbst die Rechthaberei über die Vaterlandsliebe Herr 
wird, und sie mit Bewusztsein und Absicht nicht das thut, 
was dem State und der allgemeinen Gesellschaft zuträglich 
ist, sondern was ihren Leidenschaften zusagt, dann betritt sie 
die W T ege der Faction. 

Wenn die Partei ihre ausschlieszlichen Versammlungen 
hält, ihre Führer wählt, Verabredungen unter sich trifft und 
sich zu Beschlüssen einigt, wenn sie besondere Blätter schafft, 
welche ihre Meinung aussprechen und sie im Kampfe mit 
andern Parteien vertreten , wenn sie ihre Freunde unterstützt 
und auf den Schild erhebt, und wenn sie ihren Gegnern 
Widerstand leistet und mit ihnen um den Sieg ringt, so ist 
ein solches Parteitreiben keineswegs schon an sich factios. 

Wenn ferner der einzelne Parteigenosse , soweit das ohne 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Kamen. Mischungen. 507 



Verletzung höherer Pflichten möglich ist, seine individuelle 
Meinung und Neigung den Beschlüssen der Partei unterordnet 
und wie der Soldat dem Officiere , so den Parteiführern folgt, 
so ist auch das nicht als factios zu tadeln. Soll die Partei 
ihre Aufgabe lösen und die Ziele erreichen , um deren willen 
sie zusammen getreten ist , so musz sie sich einiger Maszen 
zu einer activen Gemeinschaft ordnen und als eng verbundene 
Genossenschaft an dem öffentlichen Leben, in den Wahlver- 
sammlungen und in den Räthen sich betheiligen. Die Ord- 
nung der Partei und die Unterordnung der einzelnen Partei- 
genossen unter die Beschlüsse der ganzen Partei sind für die 
politischen Kämpfe ebenso unentbehrlich, wie die Ordnung der 
Truppen und die Unterordnung der einzelnen Krieger unter 
das gemeinsame Commando für die militärische Kriegführung. 
Aber wenn der Parteieifer und die Parteileidenschaft so über- 
mächtig werden, dasz die Parteien eher das gemeinsame 
Vaterland in Stücke reiszen als sich für dessen Rettung und 
Wohlfahrt die Hände reichen, wenn eine Partei die Statsleitung, 
deren sie sich bemächtigt, als Parteiherrschaft im Sinn der 
ungerechten Unterdrückung und Verfolgung aller Anders- 
gesinnten ausübt, wenn die Parteien sich mit den fremden 
Feinden wider das eigene Land und die Nation, der sie an- 
gehören, verbinden, dann schlieszt eine so stats widrige 
Handlungsweise den Begriff der politischen Partei aus und 
die Partei ist zur Faction geworden. 



Zweites Capitel. 

Arten der Parteien. Namen. Mischungen. 

Nicht immer kann man aus dem Namen der Partei mit 
Sicherheit auf ihren Charakter schlieszen. Manche Namen 
sind durch den Zufall oder die Laune gegeben worden. Die 



508 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



Jakobiner erhielten ihren Namen von dem Versammlungs- 
orte ihres Vereins, die Linke und die Rechte in unsern 
repräsentativen Versammlungen von den Plätzen , wo sie sitzen. 
Zuweilen haben dieselben Namen an verschiedenen Orten 
einen ganz verschiedenen Sinn, oder wechseln sogar in dem- 
selben Lande ihre Bedeutung in verschiedenen Zeiten. Die 
Whigs und die Tori es bedeuteten etwas ganz anderes in 
England und in Amerika. Vor 1778 hieszen die Vertreter 
der einzelstatlichen Souveränetät in Amerika Föderalisten 
im Gegensatze zu den unionistisch gesinnten- Antifödera- 
listen. Nach 1778 nannte man die Unionisten Födera- 
listen. Die amerikanische Partei der Demokraten ist 
mit den europäischen Demokraten keineswegs gleich- 
artig; und die Fortschrittspartei bedeutet in Preuszen 
und in Bayern nicht dasselbe. In Spanien wurden in den 
Zwanzigerjahren die Liberalen die „Schwarzen" genannt, 
heute bedeuten die Schwarzen in den meisten Ländern die 
klerikale Partei. 

Viele Parteinamen sind anfänglich aus Spott- und Schimpf- 
wörtern entstanden. So wurden die Geusen (Bettler) in 
den Niederlanden, die Rundköpfe in der englischen Revo- 
lution, die Sansculotten (Ohnehosen) in der französischen 
und selbst die Whigs (Molken) und Tori es (Räuber) an- 
fangs von ihren Feinden so benannt. Zuweilen nahm dann 
später die Partei den ^fernen, den die Gegner zu ihrem 
Schimpfe erdacht hatten, ihnen zum Trotz freiwillig an und 
suchte ihn dadurch ehrbar zu machen. 

Die Farbe ist ein treffliches Parteizeichen, weil sie nach 
der einen Seite verbindet und nach der andern unterscheidet. 
Daher dient die Farbe auch zu Erkennungszeichen und 
Parteinamen. In Konstantinopel haben sich so die Grünen 
und die Blauen, in England die weisze und die rothe 
Rose bekämpft. In unsrer Zeit stehen die Schwarzen 
(Klerikalen) und die Rothen (wilde Revolutionäre) auf zwei 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Namen. Mischungen. 509 



entgegengesetzten Extremen, die sich aber gelegentlich auch 
nach Art der Extreme wieder berühren und verbinden. 

Offenbar sind die Parteinamen die richtigsten, welche 
den Charakter der Partei bezeichnen. Das ist in minderem 
Grade der Fall, wenn nur die Person angedeutet wird, um 
welche die Parteien sich scharen, wie z. B. die dynastischen 
Parteien der Jakobiten in England, der Bonapartisten 
und 0 r 1 e a n i s t e n in Frankreich , der Karlisten in Spa- 
nien, der Weifen in Hannover, der Mazzi nisten in 
Italien. Auch die Bezeichnung nach dem Gegenstande, 
um den sich die Parteien streiten, hat oft noch weniger 
einen politischen als einen wirthschaft liehen Charakter, 
wie z. B. die Schlitzzöllner und Freihändler in West- 
europa, oder die Hörn er und Klauen in Schwyz nach dem 
Allmendstreit über Hornvieh und Ziegen. In höherm Grade 
bezeichnend ist der Parteiname, wenn er ihre politische 
Richtung klar macht. Burkhardt 2 hat die feine Beob- 
achtung gemacht, dasz die politischen Parteinamen zuerst 
wieder in Italien, in der Periode der Renaissance in Schwang 
gekommen sind. Es entspricht das dem wieder erwachten 
•politischen Gedanken. 

Wie die Namen, so dienen auch die Symbole zur Be- 
zeichnung der Partei und zur Stärkung des Parteigefühls. 
In der Macht des Symbols über die Menschen offenbart sich 
die sichtbar gewordene Macht der Idee. Um ihre Fahne 
scharen sich die Parteien, und die Fahnenehre hat nicht 
blosz in dem Heere , sie hat auch für die Partei eine grosze 
Bedeutung. Die Farbe übt hier auch dann eine Wirkung 
aus, wenn sie den Namen der Partei nicht bestimmt, In 
Bändern, Sträuszen, Kokarden, zuweilen in der ganzen Klei- 
dung zeigt sich die Farbe der Partei. Oft dienen auch andere 
Zeichen zu Symbolen und Parteizeichen, wie im Mittelalter 

2 Geschichte der Renaissance S. 86. 



510 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



die Pfauenfeder zur Bezeichnung der österreichischen, die 
bourbonischen Lilien zu der der französischen Partei in 
der Schweiz. Eichenzweige und Epheublätter sind 
oft zu Parteizeichen gewählt worden. Kreuz und H a 1 b m o n d 
haben auch die groszen Religionsparteien des Mittelalters 
geschieden. 

Je nichtiger die Ursachen sind, welche die Parteien 
scheiden, und je weniger politische Principien und Ziele ihre 
Bildung bestimmen , um so weniger kann von politischen Par- 
teien im eigentlichen Sinne gesprochen werden. Die practische 
Politik wird freilich oft genöthigt, auch solche Parteien zu 
berücksichtigen, die heute entstehn und morgen wieder ver- 
gehn, denn nicht selten durchkreuzen sie die Wege der poli- 
tischen Parteien, bringen Verwirrung in deren Reihen und 
hindern deren Fortschritt. Vielleicht wird so eine Partei 
durch einen blosz persönlichen Streit zweier Führer für den 
Augenblick gespalten , ohne einen Gegensatz der Grundsätze. 
Oder der vorübergehende Streit über eine Straszenanlage, 
eine Eisenbahn , den Zollansatz für einen einzelnen Handels- 
artikel ruft eine zuweilen erhitzte Parteiung hervor, welche 
t sich durch verschiedene politische Parteien hindurch verzweigt 
und sonstige Parteigenossen entzweit und Parteigegner zusam- 
menführt. Aber für die Wissenschaft ist es nicht räthlich, 
sich um derartige Parteien zu kümmern, die keinen Grund- 
sätzen folgen und keine Dauer haben. Für die Wissenschaft 
sind nur die grundsätzlichen Parteien von Interesse, weil 
nur in ihnen ein dauerndes Gesetz zu erkennen ist. 

Je nach den verschiedenen Graden der Reinheit der 
politischen Parteibildung unterscheiden wir folgende sechs 
Stufen : 

A. Religiös-politische Mischparteien. 

Am tiefsten steht die Mischung und Trübung des poli- 
tischen Geistes mit der religiös-confessionellen Parteiung, weil 
hier der Stat und die Politik nicht zu voller Geltung ge- 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Xamen. Mischungen. 511 



langen , sondern durch die Einwirkung kirchlicher Tendenzen 
beeinfluszt werden. Während des Mittelalters hatte die Partei- 
bildung groszen Theils diesen religiös -politischen Charakter. 
Die Kämpfe der muhammedani sehen Welt mit der christ- 
lichen, der Lateiner und der Griechen, und nach der 
Kirchenreform der Katholiken und der Protestanten be- 
herrschten das ganze Parteileben während vieler Jahrhunderte. 
Die Kämpfe der hochkirchlichen Partei mit den Pres- 
byterianern und Puritanern bewegten noch die englische 
Geschichte des XVII. Jahrhunderts, die der Liguisten und 
Hugenotten die von Frankreich bis in die Mitte des 
XVIII. Jahrhunderts. 

Erst die neue Zeit, welche sorgfältiger zwischen Religion 
und Politik, Kirche und Stat unterscheidet, trennt auch die 
religiösen von den politischen Parteien schärfer. Aber noch 
ragen aus dem Mittelalter in die neue Zeit die katholisch- 
ultramontane und die protestantisch-orthodoxe Par- 
tei hinein und verderben durch ihre hierarchischen und con- 
fessionellen Vorurtheile und Tendenzen die Klarheit und Rein- 
heit der politischen Gegensätze. Die wichtige ultramontane 
Partei bedarf einer näheren Betrachtung, damit ihre Eigen- 
schaften und Wirkungen erkannt werden. An ihr wird zu- 
gleich die ganze Gattung dieser Mischparteien klar werden. 

B. Auf verschiedene Länder, Nationen, oder 
Stämme gestützte Parteien. 

Diese zweite Stufe der politischen Parteibildung ruht zwar 
auf weltlich-statlichem Boden; sie ist auch politischer 
Principien fähig, und strebt politische Ziele an. Aber diese 
Parteien sind doch für das Statsleben eher gefährlich als 
förderlich. Ihre Unterlage nämlich ist in sich zu fest, zu 
stark, zu mächtig; sie ist für sich ein relatives Ganzes. 
Daher wird die Partei, die sich auf diese Unterlage stützt, 
gereizt, sich ebenfalls für ein Ganzes zu halten, und statt 
als beweglicher Theil in dem Statsleben zu wirken, den Stat 



512 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



selber zu zertrennen und auf ihrer Unterlage einen neuen 
selbständigen Stat zu errichten, oder doch die Einheit des 
States und seine Ordnung durch particularistische Bestre- 
bungen zu erschüttern. 

Schon der grosze Washington hat die Warnung aus- 
gesprochen: „Man hüte sich Parteien nach geographischen 
Abtheilungen zu bezeichnen." Als in Amerika eine süd- 
statli che Partei der nordstatli chen in räumlich getrennter 
Stellung entgegentrat, war die Secession und damit der Bürger- 
krieg vorbereitet. Die Bildung einer „süddeutschen Frac- 
tion" in dem gesammt deutschen Zollparlament war eben 
so ein Attentat auf die verfassungsmäszige Zollunion und 
ein Hindernisz der politischen Einigung von Deutschland. 

Sowohl wenn sich ganze Länder als wenn sich die ver- 
schiedenen Nationen, die zu einem State verbunden sind, 
als Parteien von einander trennen, so liegt die Gefahr nahe, 
dasz jene Länder und diese Nationen den alten Stat zer- 
reiszen und neue Staten bilden. So lange eine englische 
und eine schottische Partei einander bekämpften, war das 
Groszbrittanische Reich noch in Gefahr, dasz England und 
Schottland wieder auseinandergehen ; und die Irische Partei 
hat unter O'Connel die Repealbewegung hervorgerufen. Für 
den Verband von Gesammtösterreich ist nichts gefährlicher 
als das Auseinandertreiben der verschiedenen Nationen als 
politische Parteien. Wenn in Ungarn die Kroaten den 
Magyaren, in Böhmen die Czechen den Deutschen als 
Partei entgegentreten, so wird die Einheit der beiden Reichs- 
hälften ernstlich bedroht. 

Weniger gefährlich für die Existenz des Stats sind die 
Stämme als Grundlagen politischer Parteien, weil die Stämme 
doch durch die nationale Zusammengehörigkeit mit dem State 
verbunden sind. Aber die particularistische Richtung der 
Stämme wird doch sehr verstärkt, sobald sie einander als 
Parteien entgegentreten, und die Statseinheit und 'Rechts- 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Namen. Mischungen. 



513 



gemeinschaft werden leicht durch solche Spaltung geschädigt, 
Für die Einheit des Preuszischen Stats wäre es keineswegs 
ersprieszlich , wenn den Ostpreuszen die Rheinländer, 
den Altpreuszen die Neupreuszen als politische Partei 
entgegentreten wollten. In Bayern hat sich der Gegensatz 
der Altbayern, der Franken, der Schwaben und der 
Pfälzer auch in der Parteibildung zuweilen fühlbar gemacht. 
Ebenso in der Schweiz die Parteiung der Bern er und der 
Zürcher. 

C. Ständische Parteien. 

Auch die Unterlage der Stände hat ihr Bedenken. Die 
Stände sind freilich nicht wie die Stämme und Nationen 
auch räumlich getrennt und kein Stand fühlt sich allein stark 
genug, einen Stat für sich zu bilden. Die ständischen Par- 
teien bedrohen daher nicht mehr die Existenz des 
Stats. Aber der Gegensatz der Stände ist doch ganz ab- 
gesehen von aller Parteibildung so stark, dasz seine Verbin- 
dung mit der politischen Parteiung die verschiedenen Schichten 
und Classen der Nation dauernder und heftiger entzweit, als 
es für die Einheit des Stats und die Gleichheit des Rechts 
zuträglich ist. 

Soweit die mittelalterlichen Parteien nicht religiös und 
confessionell bestimmt wurden, waren sie ständische Parteien: 
Klerus, Adel und Bürger. Patricier und Plebejer 
traten sich zugleich als Parteien feindlich entgegen und 
lähmten durch ihren Widerstreit oft die gemeinsame Entwick- 
lung der Länder und Städte. Auch heute noch erscheint 
dem modernen Statsgefühl die zähe Eigenart der Junker- 
partei wie ein fremdartiges Gebilde in dem nicht mehr 
ständisch gegliederten Volkskörper; und wenn eine neue 
Arbeiterpartei sich zu sammeln beginnt, so stört und 
trübt auch sie die Reinheit der politischen Parteibildung. 

Damit die Statseinheit vor Zwiespalt und Lähmung 
gesichert und die Gemeinschaft Aller gewahrt bleibe, müssen 

ßluntschli, die Politik. 33 



514 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



die politischen Parteien die Provinzen, die Nationalitäten, 
die Stämme und die Stände des Einen States durch- 
kreuzen, und auch einzelne Glieder aller dieser Gegen- 
sätze kraft des politischen Gedankens und Strebens mit ein- 
ander verbinden. 

D. Verfassungsparteien. 

Es ist ein politischer Fortschritt, wenn sich die Partei- 
bildung ablöst von der Unterlage eines geschlossenen Landes 
oder Volkstheils und sich nach bestimmten Verfassung s- 
principien zu scheiden beginnt; denn nun bestimmt der 
politische Gedanke, und nicht mehr die blosze Ueberlieferuug 
der Rasse und des Berufs die Einigung der Gleichgesinnten 
aus verschiedenen Gegenden und Ständen, und trennt die- 
selben in freier Weise von den politischen Gegnern. Von der 
Art ist der Gegensatz der Royalisten oder Monarchisten 
und der Republikaner, der Aristokraten und der 
Demokraten, der Constitutionellen und der Feu- 
dalen, der Unitarier und der Föderalisten (Con- 
föderirten), der Nationalpartei und derParticularisten, 
der Centralisten und der Decentralisten u. dgl. 

Zuweilen lehnen sich diese Parteien auch an die ältern 
ständischen Gegensätze an, wie denn z. B. die Aristokraten 
und die Feudalen gewöhnlich in dem Adel und der Junker- 
schaft, die Constitutionellen vornehmlich in den gebildeten 
Bürgerclassen , die Demokraten in den untern Massen ihren 
hauptsächlichen Anhang finden. Aber sie sind doch nicht 
mehr an die Schranken des Standes gebunden; die politische 
Meinung greift auch in andere Stände und Classen über und 
zieht die Gesinnungsgenossen herbei. 

Im Grunde haben aber diese Verfassungsparteien doch 
nur eine vorübergehende und eher noch staatsrecht- 
liche als politische Bedeutung. Sie entstehen wärend der 
Kämpfe über Umgestaltung oder Anwendung der Verfassung 
und hören auf, wenn diese Kämpfe zu einem festen Abschlüsse 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Namen. Mischungen. 



515 



gelangt sind, wenn die alte Verfassung durch eine neue er- 
setzt, oder die Durchführung eines früher streitigen Ver- 
fassungsgrundsatzes entschieden ist. Von da an bestimmt 
das Statsrecht die Folge und nicht mehr der Parteikampf. 

Weil die politischen Kämpfe , welche die civilisirte Welt 
während des letzten Jahrhunderts bewegen, vorzugsweise 
Verfassungskämpfe sind, so haben auch die Verfassungs- 
parteien in unserer Zeit eine so grosze Bedeutung gewonnen. 
Dennoch arbeiten diese staatsrechtlichen Parteien nach ihrer 
Natur selber auf ihren Untergang hin. Sobald ihr Ziel er- 
reicht und das Verfassungsrecht in ihrem Sinne gestattet ist, 
so haben sie nichts mehr zu schaffen. Sie streben darnach, 
als politische Partei unterzugehn, indem sie als 
statsrechtliche Macht auferstehn. Sie wollen nicht 
das Statsleben als blosze Parteien begleiten, sondern in dem 
Statskörper eine dem Ganzen entsprechende feste Gestalt 
erhalten. 

Indem die moderne Kepräsentativverfassung dem König- 
thum, der Aristokratie und den demokratischen Volksclassen 
eine bestimmte Rechtsstellung einräumt, können diese ver- 
schiedenen Mächte ihre Gesinnung und ihren Willen in den 
gesicherten Formen verfassunsgmäsziger Organe, im Cabinet, 
im Ober- und Unterhaus äuszern und haben nicht nöthig, 
als politische Parteien mit einander zu streiten. Ihre Prin- 
cipien sind nicht politische Parteiprincipien , sondern Ver- 
fassungsgesetze; ihre Stärke liegt nicht in der wechseln- 
den Parteigruppirung, sondern in dem festen Verfassungs- 
recht, 

E. Regierungs- und Oppositionspartei. 

Weniger statsrechtlich als politisch ist der Gegensatz der 
Regierungs- und der Oppositionspartei. Aber wenn 
man denselben im Sinne des englischen Sprachgebrauchs ver- 
steht, so bedeutet er keinen Gegensatz des politischen Princips 
und Charakters, sondern lediglich die Thatsache, dass die 



516 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



eine Partei gegenwärtig zur Macht gelangt ist und die Re- 
gierungsämter besitzt, und dasz die andere nicht im Amte 
ist. In England spaltet sich die mächtige Aristokratie, welche 
unter dem Schirm des königlichen Namens in Wahrheit das 
Reich regiert, seit der Revolution in zwei grosze politische 
Parteien, früher Whigs und Tories, jetzt eher Liberale und 
Conservative genannt. Beide sind regierungsfähig und bald 
besetzt die eine, bald die andere das Cabinet, in welchem 
zugleich die Führung der Parlamentsmehrheiten und die 
politische Regierung concentrirt ist. Jede dieser beiden 
Parteien wird Regierungspartei, wenn ihre Führer in das 
Cabinet berufen werden, und besetzt die Bänke der Oppo- 
sition, wenn ihre Führer die Ministerien niederlegen oder 
entlassen werden. Deszhalb wird auch die englische Regie- 
rung unbedenklich als Parteiregierung bezeichnet. 

In Deutschland und in Frankreich dagegen haben die 
Worte Regierungs- oder ministerielle Partei und Oppo- 
sitionspartei einen völlig verschiedenen Sinn. Hier heiszt 
Regierungspartei nicht die Partei, welche zur Zeit regiert, 
sondern die der j eweiligen Regierung dienende Partei 
der Regierten und Oppositionspartei heiszt nicht die Partei, 
welche im Parlamente in der Minderheit und deszhalb auszer- 
halb der Regierung ist, sondern die Partei, welche fort- 
während geneigt ist, der Regierung zu widersprechen, 
die sich in der Oppositionsrolle gefällt. 

Die Regierungspartei in diesem Sinn hält zur 
Regierung, wenn diese reactionär verfährt, und unterstützt 
sie, wenn sie reformatorisch eingreift. Sie folgt den Schwan- 
kungen der Regierung und dem Systemwechsel. Diese Partei 
besteht meistens aus Leuten, welche durch ihr persönliches 
Interesse auf den geneigten Willen der Regierung angewiesen 
sind, die von ihrer Gunst Lebensunterhalt oder Beförderung 
hoffen und von ihrer Ungnade für ihre Stellung oder Wirth- 
schaft fürchten. Zu ihr gehören aber auch manche Personen, 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Namen. Mischungen. 517 



deren Autoritätsbedürfnisz besonders ausgebildet ist und die 
von Natur immer geneigt sind, den jeweiligen Machthabern 
dienstbar zu sein. 

Eine derartige Partei kann unter Umständen wohl einer 
Regierung nützlich sein, weil ihre Stimmen immerhin ins 
Gewicht fallen und sie berufen ist, gegen die reizbare Oppo- 
sitionslust Anderer die Wage zu halten. Aber wehe der Re- 
gierung, welche sich in gefährlichen Momenten auf diese in 
sich haltlose Partei verläszt. Ihre Stütze schwankt und bricht 
in dem Augenblick, wenn die Regierung, welche ihr bisher 
Halt gegeben hat, sich selber an ihr halten will. Da sie 
keine innere Kraft hat, so kann sie auch nicht Andern Kraft 
verleihen; da sie ihre Impulse von der jeweiligen Regierung 
empfängt, so geräth auch sie ins Schwanken, wenn die Re- 
gierung schwankt. Indem sie vor allen Dingen entschlossen 
ist, den in der Macht befindlichen Ministern zu dienen, so 
bereitet sie sich auf den Abfall vor, wenn es ihr wahrschein- 
lich wird, dasz die derzeitigen Minister ihrem Sturze nahe 
sind, und verläszt die Fahne der alten geschlagenen Führer,, 
um den Trommeln der Sieger zu folgen. Diese Partei genieszt 
daher selbst bei den Ministern, welche sie gelegentlich be- 
nutzen, nur geringe Achtung, und die Nation betrachtet sie 
mit Geringschätzung. Sie verdient kaum den Namen einer 
politischen Partei, weil sie keine politische Ueberzeugung hat 
Sie ist ein Anhängsel der Machthaber ohne sittlichen Werth 
und ohne politische Würde. Sie ist gewöhnlich auch der 
Corruption zugänglich und geneigt, ihre Dienste zu verhan- 
deln und ihre Treue zu verrathen. 

In einer männlichen Nation mit einem entwickelten politi- 
schen Parteileben kann sich daher eine solche Regierungspartei 
nicht halten. Sie wird von den andern politischen Parteien 
verdrängt oder zerrieben. Wenn wir sie in den alten 
Monarchien des Continents noch finden, zuweilen im An- 
schlusz an hergebrachte Hofparteien , so ist das ein Rest der 



518 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



früheren noch unentwickelten Gebundenheit des öffentlichen 
Lebens. 

Der Regierungspartei in diesem verwerflichen Sinne gegen- 
über steht die Oppositionspartei, welche nicht minder 
verwerflich ist, wenn ihr politisches Lebensprincip Oppo- 
sition gegen jede Regierung heiszt, wenn sie nicht 
deszhalb die Politik der Regierung bekämpft, weil sie die- 
selbe für ungerecht und schädlich hält, sondern deszhalb, 
weil es die Politik der Regierung ist. Ist jene Regierungs- 
partei über die Maszen der Autorität willfährig und gefügig, 
so ist diese Oppositionspartei schlechthin im Uebermasze 
widerspenstig und gehässig. Jene geht als Gefolge immer 
mit der Regierung, diese tritt ihr auf allen Wegen und bei 
jedem Schritte misztrauisch und feindlich entgegen. Beides 
sind daher ungesunde Erscheinungen des öffentlichen Lebens. 

Zuweilen findet eine solche Oppositionspartei ebenso bei 
dem Volke Gunst wie die Regierungspartei bei den Macht- 
habern. Aber ihre negativen Eigenschaften haben nur den 
Schein der Gemeinnützigkeit und der Volkssorge. Das be- 
wegende Moment ist zwar nicht, wie bei jener Regierungs- 
partei der Eigennutz, aber der Eigenwille, die trotzige 
Bestreitung und Hemmung aller Statsautorität, der stats- 
widrige Geist der Anarchie. Sie verdient daher die Gunst 
einer politisch reifen Nation eben so wenig, als jene Re- 
gierungspartei die einer ausgezeichneten Regierung. Wenn 
wir in den deutschen Kammern der Zwanziger- und der 
Dreiszigerjahre auch solche Oppositionsparteien sich regen 
und die Volksgunst erwerben gesehen haben, so war das 
eben ein Zeichen eines noch unreifen Statslebens. Damals 
war noch in groszen Kreisen der Bevölkerung der Glaube 
verbreitet, nur wer Opposition mache und nur so lange er 
es thue, könne ein Patriot sein und ein warmes Herz für 
das Volk haben. Man kann aus der Verbreitung eines so 
gefährlichen Irrthums auf den moralischen Miszcredit zurück- 



Zweites Capitel. Arten der Parteien. Namen. Mischungen. 



519 



schlieszen, in welchen die Regierungen gerathen waren, sicher 
nicht ohne ihre Schuld. Wenn die Führer der bisherigen 
Opposition damals in die Regierung berufen wurden, so 
machte sie schon der Eintritt in die Macht verdächtig oder 
verhaszt. 

F. Rein politische Parteien. 

Die höchste und reinste Form der politischen Partei- 
bildung sind unzweifelhaft die Parteien, welche nur durch 
politische Principien (nicht religiöse, ständische, statsrecht- 
liche und sachliche Gegensätze) bestimmt werden und zu- 
gleich das öffentliche Leben fortdauernd in freier Weise 
b egleit en. 

Wachsmuth in seiner „Geschichte der politischen Par- 
teiungen" (I. S. 32) hat behauptet: „Was in der Geschichte 
des menschlichen Geschlechts als Grundgesetze der Weltordnung 
gelten musz, dasz im Ganzen und Groszen ein Fortschritt 
zum Bessern Statt findet, daran hat die Geschichte der 
politischen Parteiungen keinen Antheil. Gut und schlecht, 
wie sie schon vor Alters waren, sind sie bis auf diesen Tag 
geblieben." Ich denke, dasz auch in der Geschichte der 
Parteien der Fortschritt zum Bessern wohl wahrzunehmen 
sei. Freilich ist die Grundlage , auf der zuletzt alle Parteien 
beruhen, die menschliche Natur wesentlich dieselbe ge- 
blieben; und wenn einmal die menschlichen Leidenschaften 
entzündet sind, so ist der heutige Mensch so wenig davor 
sicher, in die äuszerste Brutalität und Barbarei zu versinken, 
wie der Mensch vor tausend oder zweitausend Jahren. Die 
franzözische Nation erhob im achtzehnten Jahrhundert den 
Anspruch, an der Spitze der europäischen Civilisation zu 
stehen, und trotzdem befleckte die Pariser Bevölkerung die 
Ehre dieser Civilisation in der Erhitzung des Revolutions- 
fiebers mit den wilden Gräueln der Septembermorde. Den- 
noch ist wie der Krieg, so der Kampf der Parteien im Groszen 
und Ganzen in Folge der Culturentwicklung der Nationen weniger 



520 



Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



roh und grausam geworden, als er zuvor gewesen war; und 
trotz aller einzelnen Gräuelthaten, welche auch unser Jahr- 
hundert noch schänden, hat doch der Fortschritt des humanen 
Geistes auch den Hasz der Parteien ermäszigt. 

Den gröszten Fortschritt aber sehe ich darin, dasz je 
eine höhere Parteiform die frühere verdrängt hat, dasz 
die politischen Parteien sich allmählich losgemacht haben von 
der*Mischung mit anderen Gegensätzen, dasz sie mit der Zeit 
principieller, bewuszter und freier geworden sind. 

Es ist demnach ein Fortschritt, wenn die alten geschlechter- 
mäszig fortgeerbten englischen Parteien der Whigs und Tories 
in unserer Zeit sich in die reiner politischen Parteien der 
Liberalen und der Conservativen um- und fortgebildet 
haben. 



Drittes Capitel. 
Die ultramontane Partei. 

Unter den religiös -politischen Parteien der Gegenwart 
ist die sogenannte ultramontane, oder wie sie sich selber 
zu nennen vorzieht, die katholische Partei ohne Zweifel 
die bedeutendste und einfluszreichste. Sie verdient daher vor 
allen andern eine nähere Betrachtung. 

Die ultramontane Partei unterscheidet sich von den eigent- 
lichen politischen Parteien dadurch, dasz ihr Geistesprincip 
auszerhalb des States liegt, und dasz sie eben deszhalb 
sich wesentlich von dem State unabhängig fühlt. Wenn sie 
Forderungen an den Stat stellt und in dem State geltend zu 
machen sucht, so beruft sie sich dabei vornehmlich auf ihren 
religiösen Glauben und ihre kirchlich e Pflicht, auf 
die Autorität der Hierarchie. Wenn sie angegriffen 
und von Stats wegen genöthigt wird, das Statsgesetz zu 
befolgen, so zieht sie sich immer zurück in die Unantast- 



Drittes Capitel. Die ultramontane Partei. 



521 



barkeit ihrer Religion und des göttlichen Gebots 
und klagt über Gewissensdruck. Sie will nicht dem State 
dienen, sondern sie will, dasz der Stat der Kirche diene, 
für deren Interessen und Absichten sie kämpft. Sie ist daher 
zunächst eine religiös-kirchliche, und erst in zweiter 
Linie eine politische Partei. Ihre politische Stellung wird be- 
herrscht von ihrer religiösen Meinung und ihrer kirchlichen 
Gesinnung. Um sie zu verstehen, musz man daher auf ihren 
Glauben zurückgehen. 

Die ultramontane Partei behauptet vorzugsweise katho- 
lisch zu sein. Sie versucht es sogar, sich mit dem Christen- 
thum zu identificiren. Sie erklärt, dasz das ewige Gesetz 
ihres Lebens und Handelns kein anderes als die christliche 
Religion sei. 

Die ganze weltgeschichtliche Entwicklung seit Jahrhun- 
derten hat im Gegensatze zu der Höhe des Mittelalters die 
Emancipation des modernen States von der kirchlichen Vor- 
mundschaft, die Ablösung des Rechtsbegriffs und der ganzen 
Rechtsordnung von der Bedingung eines bestimmten religiösen 
Glaubens , die Entfaltung des menschlich-freien Selbstbewuszt- 
seins und die ausschlieszliche und volle Souveränetät des 
States in allen Verhältnissen der rechtlichen Gesammtordnung 
und des politischen Gemeinlebens zur unabweisbaren Folge 
gehabt. In schroffem Gegensatze zu dieser ganzen Entwick- 
lung will die ultramontane Partei von religiösen Ideen aus 
und im Dienste kirchlicher Autoritäten den Staat und das 
politische Leben bestimmen und leiten. Der ultramontane 
Gedanke ist daher wohl in Harmonie mit der mittelalter- 
lichen Ueberordnung der römischen Kirche über den ger- 
manischen Stat, aber in einem unversöhnlichen Widerspruch 
mit der ganzen Existenz und Richtung des modernen Stats 
und der modernen Cultur. 

Wäre die Behauptung wahr, dasz das ultramontane Princip 
gleichbedeutend sei mit Christenthum und Katholicismus, so 



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Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



hätten die heutigen Völker nur die Wahl zwischen Christen- 
thum und modernem State und müszten, wenn sie bisher 
katholisch waren, entweder die katholische Kirche verlassen 
oder den modernen Stat aufgeben. Welches von beiden in 
dieser Alternative sie wählen würden, das könnte für die 
Völker von selbständigem Charakter und freiem Geiste nicht 
zweifelhaft sein. Sie würden eher noch sich vom Christen- 
thum lossagen und eher die katholische Kirche innerhalb ihres 
Machtbereichs gänzlich abschaffen als auf den modernen Stat 
und die moderne Cultur verzichten. Die ultramontane Partei 
gefährdet deszhalb nicht etwa nur, was am meisten in die 
Augen fällt, den heutigen Stat, sondern nicht minder die 
religiösen und kirchlichen Interessen selber, als deren Ver- 
treter und Vorkämpfer sie sich ausgibt. 

Jene Behauptung ist aber nicht wahr. Wenn der Ultra- 
montanismus fordert, dasz der Stat von der Religion bestimmt 
und von der Kirche beherrscht und geleitet werde, so ist 
diese Forderung eher jüdisch-theokratisch als christ- 
lich. Sie erklärt sich nur aus dem Irrthum, den freilich 
schon die Jünger Christi getheilt haben, dasz Christus der 
jüdische Messias sei, welcher ein neues Jehovah geweihtes 
Weltreich stiften werde. Jesus selber hat diese Meinung bei 
jeder Gelegenheit zurechtgewiesen. 

Eher noch gelingt es der ultramontanen Partei, den 
Schein hervorzubringen, dasz ihr Princip und der Katho- 
licismus Eins sei. Ihr Ideal eines von der Hierarchie 
beherrschten Gottesreichs stimmt in der That in seinen wesent- 
lichsten Zügen mit dem Ideal Gregors VII. und Inno- 
cenz III. überein. Diese beiden groszen Päpste aber sind 
unzweifelhaft, wie die eigentlichen Begründer der päpstlichen 
Weltherrschaft, so auch die Hauptrepräsentanten des mittel- 
alterlich-römischen Katholicismus mit seinen hierarchischen 
Ansprüchen. Das Papstthum hat in der That geradezu bald 
auf Umwegen und mittelbar eine Weltherrschaft angestrebt, 



Drittes Capitel. Die ultramontane Partei. 



523 



in welcher selbst den Kaisern nur die Rolle von päpstlichen 
Vasallen zugestanden wurde. Diese ganze Weltansicht der 
mittelalterlichen Kirche hat sowohl in dem kanonischen Rechte 
als in dem päpstlichen Ceremoniel einen festen Ausdruck 
gewonnen, der heute noch eine gewisse Autorität behauptet. 
Die Kirche hat überdem in ihren Aemtern und Orden Organe 
geschaffen, welche der Behauptung solcher Macht dienstbar 
sind. Die Erhebung des Papstthums über das Kaiserthum 
im Mittelalter und die ganze stolze Organisation der römisch- 
katholischen Kirche bilden den groszen geschichtlichen Hinter- 
grund, auf den der Ultramontanismus sich beruft. 

Dennoch ist auch diese Gleichstellung falsch. Es wider- 
sprechen ihr sowohl die ältere Geschichte der katholischen 
Kirche als die neuere Entwicklung der Weltgeschichte. 

Es ist ebenso unbestreitbar, dasz die katholische Religion 
und Kirche während vieler Jahrhunderte bestanden hatte und 
in innerem Wachsthum begriffen war, bevor die Päpste es 
wagten, sich den Kaisern überzuordnen. Nicht blosz den 
altrömischen Kaisern, welche zumeist in Konstantinopel resi- 
dirten, galten die Bischöfe der alten Hauptstadt Rom noch 
durchaus wie die anderen Bischöfe des Reichs als römische 
Bürger und Unterthanen. Auch die fränkischen Kaiser und 
sogar die deutschen der ersten Jahrhunderte, welche in den 
römischen Bischöfen die höchste geistliche Würde verehrten, 
betrachteten die Päpste doch noch als ihre, wenn auch bevor- 
zugten Untergebenen. 

Ebenso entschieden widerspricht jener Annahme die spätere 
weltgeschichtliche Entwicklung. Es ist den Päpsten doch nie- 
mals gelungen, eine wirkliche Weltherrschaft, wie sie in der 
kirchlichen Theorie verlangt wurde, herzustellen. Obwohl 
auch das deutsche Kaiserthum schliesslich in dem Weltkampfe 
unterlag, sein Widerstand hinderte dennoch die Begründung 
einer vollen Theokratie in Europa; und bald erwiesen sich 
die Könige von Frankreich, die Republik Venedig und die 



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Zwölftes Buch. Die politischen Parteien. 



deutschen Kurfürsten stark genug, auch der päpstlichen 
Hierarchie zu trotzen. Seit dem fünfzehnten Jahrhunderte 
unternahmen es die Fürsten und Völker wieder, beleuchtet 
von den Ideen des Alterthums, die statliche Selbständigkeit 
und Hoheit neu aufzurichten. Die Kirchenreform führte 
weiter, was die Renaissance vorbereitet und eingeleitet hatte. 
Auch in den Ländern, welche nach der deutschen Kirchen- 
reform katholisch geblieben sind, ist die Hierarchie aus 
ihrer mittelalterlichen Herrschaft verdrängt und den Stats- 
gesetzen unterworfen worden. Der katholische. Klerus selbst 
fing im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert an, sich 
der nationalen Richtung zu und von Rom abzuwenden. In 
Frankreich, in Italien, in Deutschland versuchten es die 
Bischöfe der katholischen Kirche, eine von der Römerherr- 
schaft unabhängigere vaterländische Stellung einzunehmen. 
Trotzdem hat sich der Katholicismus als Religion und Kirche 
auch damals erhalten. 

Der Ultramontanismus ist also nicht gleichbedeutend mit 
dem Katholicismus, sondern nur mit der Partei inner- 
halb des Katholicismus, welche in unsrer Zeit die mittel- 
alterlichen Prätensionen der römischen Kirche und des römi- 
schen Klerus erneuern will. Der Ultramontanismus unter- 
nimmt es, die moderne Welt wieder zurückzutreiben und 
zurückzuführen in die kirchlich -politischen Zustände des 
Mittelalters. Eben deszhalb ist er unverträglich mit der ganzen 
Geistesbildung der Neuzeit. 

Im Mittelalter hatte die Oberherrlichkeit des Papstes 
und die Ueberordnung der katholischen Priester noch eine 
gewisse innere Berechtigung, weil wirklich das Papstthum 
dem Kaiserthum und der Klerus den Laien an Charakter 
und Bildung überlegen waren. Heute hat sie keine innere 
Berechtigung mehr, weil heute umgekehrt die weltliche Bil- 
dung und sittliche Thatkraft der priesterlichen überlegen ist. 

Trotz ihrer Unnatur hat aber die ultramontane Partei 



Drittes Capitel. Die ultramontane Partei. 



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noch eine nicht zu unterschätzende Macht und ist durchaus 
nicht ohne Gefahr für den heutigen Stat. Der grosze ge- 
schichtliche Hintergrund , auf welchen sie sich beruft, gibt 
ihr eine Autorität, welche nicht allein die zur Romantik ge- 
neigten Individuen mächtig anzieht und beherrscht, sondern 
auch auf die zahlreichen Yolksclassen einen herkömmlichen 
starken Einflusz übt. Die römisch-katholische Kirche mit 
ihrer wohlgeordneten Hierarchie, mit der eingeschulten Unter- 
würfigkeit der Pfarrer unter die Bischöfe, der Bischöfe unter 
die päpstliche Curie, mit den zahlreichen durch alle Länder 
verzweigten Orden, welche einem einheitlichen Regimente 
dienen, und bald den Klerus selber controlieren und stacheln, 
bald einzelne Laien zu gewinnen verstehen, die Kirche mit 
ihren mystischen Heils- und Gnadenmitteln und mit ihrer 
Kunst, auf das geängstigte Gemüth durch die Hinweisung auf 
die Gefahren des Todes zu wirken, und die Phantasie mit 
grausamen Bildern des Fegefeuers und der Hölle zu schrecken, 
gewährt der ultramontanen Richtung fast überall willige Unter- 
stützung und dient ihr zu einer sichern Zuflucht vor der 
zürnenden Statsgewalt, Indem die ultramontane Partei das 
religiöse Gefühl der Menschen, und besonders der Frauen, 
leidenschaftlich aufzuregen und in ihrem Sinne zu stimmen 
weisz, treibt sie die Wurzeln ihrer Macht in die Tiefe der 
Menschenseele hinein und zieht daraus eine Fülle von Kräf- 
ten an sich. Sie ist nicht leicht anzugreifen. Mit Vernunft- 
gründen ist sie nicht zu überzeugen, denn sie achtet den 
unwiderleglichen Glaubenseifer für höher als das folgerichtige 
Denken. Ueber die Macht des irdischen States erhebt sie die 
Autorität der himmlischen Kirche. Sogar die Gesetze und 
Pflichten der Sittlichkeit und der Humanität gelten ihr wenig, 
wenn ihre Interessen damit in Conflict kommen. Sie recht- 
fertigt sich immer wieder durch den wirklichen oder den 
geheuchelten Glauben an ihr göttliches Recht, an die heiligste 
Autorität der Kirche, die über alle Vernunft und über alle 



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